Ithaca + Atlas | 30.05.06 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

Hervorgehoben

Ithaca

Ithaca

Rituelle Albernheiten werden in Mitteleuropa für gewöhnlich am Sonntag, dem Tag des Herrn in allen seinen wandelbaren Erscheinungen, vollzogen. Um den Wochentag scheinen sich Atlas nun eben nicht zu scheren als sie an jenem Montag mit irgendeinem grässlich stinkenden Zeug einräuchern. Die schlimmsten Assoziationen und Befürchtungen von Goa über esoterischen Psychorock durchzucken die noch nicht betäubten Nervenfasern. Bitte nicht!

Und nein, tatsächlich. Die mit der beweihräucherten Gottheit offenbar korrespondierenden Instrumente haben ein Erbarmen und servieren leidenschaftlichen, zum Theatralischen neigenden Post-Hardcore aus dem Ideenbaukasten La Disputes. Viele Tempi- und Stimmungswechsel, die sich nicht nur – aber auch – anhand der reichlich eingestreuten Spoken-Words-Passagen entlanghangeln. Nach allen anfänglichen Befürchtungen ist das alles überraschend gut.

Eine noch größere Überraschung sind Ithaca aus London. Wenngleich (und natürlich) nicht derart exzellent, so spielen sie doch nahe an Rolo Tomassis math-insipiertem Hardcore zuckende und fauchende Riffs, mit denen sie auch trotz der stimmlichen Schwere fast spielerisch eine dringliche Atmosphäre erschaffen, die sich aus Beklemmung und Wut jederzeit eine andächtige oder gewaltige Soundcollage baut. Dabei sind Ithaca weder überfordernd noch angestrengt beliebig, sondern stets auf den explosiven und kulminierenden Moment bedacht, der ihnen ein ums andere Mal glänzend gelingen will. Großartig.

Joasihno | 20.04.16 | Ostentor (Regensburg)

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Für das erste Konzert im neuen Ostentor (also im alten Ostentorkino unter neuer Leitung) sollte etwas Besonderes her. So scheint es zumindest, denn mit Joasihno kam nicht einfach nur eine gewöhnliche Band, sondern ein ganzes Ensemble. Ein Ensemble bestehend aus zwei Menschen und zahlreichen Instrumenten, Gerätschaften und Robotern. Cico Beck und Nico Sierig haben im Zuge einer kleinen Tour zur kommenden Platte Meshes ihre kleine Band auf ein neues Live-Level gehoben. Auf der eher nach Werkraum anmutenden Bühne gehen die beiden förmlich unter, so klein machen sie sich inmitten allerlei Rotoren, Schlag-, Tasten-, Blas- und Zupfinstrumenten. Rechner, die das alles zu einem Ganzen vernetzen, dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Was geht hier eigentlich vor sich? Das Konzert ist gewissermaßen eine dialektische Angelegenheit, weshalb gerade die wechselwirkenden Mechanismen zwischen Mensch und Maschine das eigentlich Interessante sind. Die Übersetzung digitaler Signale in mechanischen Wirkzusammenhang und die wiederum rückübersetzte analoge Bewegung ins Digitale, ist beindruckend. Denn geht der eigentliche Weg der Technisierung weg vom menschlich Unzulänglichen, weg von fehlerhaften und unpräzisen (in diesem Falle musikalischen) Bewegungen, so findet hier eine Umkehrung dessen statt. Die mit Kugelpendeln behangenen Rotoren beispielsweise übernehmen perkussive Aufgaben und schlagen auf ihrem Rundweg gegen Schlag- und Klimper- und Raschelinstrumente. Zumindest sollen sie es. Manchmal bleiben sie auch hängen oder beschleunigen zu schnell und verfehlen ihr Schlagziel. Von Perfektion sind sie weit entfernt und erweisen sich als größere Fehlerquelle als die menschliche Hand, die eine Schlagbewegung auch nie auf ganz exakt die gleiche Weise ausführen kann. Diese Fehler sind natürlich kalkuliert und erwartbar und bergen in sich unvorhergesehene Momente, die den perfektionistischen Anspruch an Technisierung obsolet machen.

Haben Cico und Nico diese Gerätschaften im Griff? Ja und nein, so scheint es. Sie geben die Impulse, programmieren und steuern zielgerichtet ihre Apparaturen, verharren aber dennoch in devoter, ja geradezu religiös ergebener Haltung vor diesem Sammelsurium aus selbst- und fremdgebasteltem Technikzeug und man ahnt, dass auch sie ahnen, dass nur ein fehlerhaft gestecktes Kabel, ein abgestürzter Rechner, eine verschlissene Hydraulikpumpe und dergleichen von einer Sekunde auf die andere alles ändern können. Gleichermaßen beherrschen Joasihno ihre Maschinen wie sie von ihnen beherrscht werden. Eine mächtige und ohnmächtige Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Maschine.

Die Musik von Joasihno gerät dabei fast schon in den Hintergrund bzw. wird eher zum Soundtrack für den vorne inszenierten Bastelworkshop. Das ist aber eigentlich nicht allzu schlimm, krankt sie, ganz in Tradition von New Weird Bavaria, daran dem Indiepop zu viel Geflicker, Gestöber und soundwandlerischen Schnickschnack zuzumuten, den dieser nicht imstande ist umfassend aufzunehmen. Hauptsache die Bühne ist mit allerlei knarzendem und blinkenden Krempel vollgestellt – das wichitgste Erkennungsmerkmal von New Weird Bavaria.

Der ästhetische Eindruck lässt sich dann auch eher mit einem „boah krass“ als mit einem „schön“ beschreiben. Nicht die schlechteste Wertung, aber nun ja: Als sich dann das kleine, reduzierte und hauptsächlich akustisch dargebotene Abschlussstück als das beste des gesamten Abends erweist, fragt man sich insgeheim schon etwas erstaunt, was dieser ganze Aufwand vorher überhaupt sollte.

Cedron + Surhysa | 18.04.16 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

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Cedron

Ja, es war schon gewagt von Dasgutekonzert an einem Montagabend dieses Konzert zu veranstalten, zumal in der Mälze. Cedron sind im Modern Hardcore keine allzu große und bekannte Referenz und weit davon entfernt live ein Selbstläufer zu sein. Und das Publikum wäre vermutlich äußerst überschaubar geblieben, hätte sich der Support nicht als Glücksgriff erwiesen. Die Regensburger Surhysa aus dem Umfeld des Moloch Kollektivs dürften für die meisten im Publikum Haupterscheinungsgrund gewesen sein. Hier hat sich die eigentliche Supportaufgabe einer lokalen Bands wahrlich ausgezahlt.

Und nicht nur das. Surhysa, die erst am Samstag zuvor online ihre erste EP namens Eskapismus veröffentlicht haben, spielen sich zwar nicht immer filigran durch ihren screamo-lastigen Post-Hardcore und die dezent gesetzten Postrockpassagen, stets aber souverän und zielsicher. Etwas weniger Scheu und mehr Präsenz könnten der zweifellosen musikalischen Güte und ihrem Impetus in Richtung Leidenschaft durchaus mehr Nachdruck verleihen.

Cedron, die gerade mit ihrem aktuellen Album Valence durch Europa touren, muss man um Präsenz nicht bitten. Der Vierer aus Söderhamn in Schweden legt sich körperlich mächtig ins Zeug, was nicht nur Aushilfsdrummer Olle (Disembarked) offensichtlich dazu verhilft seine angestauten Aggressionsprobleme zu lockern, sondern Cedrons modernen Hardcore, der sich samt Breakdowns und emotionaler Dringlichkeit stellenweise auch ganz klassisch zu verorten weiß, blendend entgegenkommt. Sänger Anton verschmäht es fast schon auf der Bühne zu stehen und sucht, beispielhaft bei Lost Woods mit ausführlichen Sinalongs („This is my darkest day / My hands are cold and nothing remain [sic!]“), aber gerade auch zwischen den Songs die Nähe zum Publikum. Dass er bei Ansprachen überwiegend aufs Mikrofon verzichtet, kommt dieser Nähe zwar sehr zugute, liegt aber eigentlich an technischen Unzulänglichkeiten. Ohne fiese Rückkopplungen geht bei seinem Mikro im Ruhezustand nichts. Statt sich davon aber irritieren zu lassen, wissen Cedron dies geschickt und humorvoll in die Show zu integrieren, ohne dabei ihre Intensität aufs Spiel zu setzen. Eine große Stärke und mitunter Grund für ein überaus gelungenes Konzert.

Matze Rossi + Harry Gump | 11.04.16 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

Matze Rossi

Matze Rossi

Matze Rossi kam auf seiner ausgedehnten Tour zum aktuellen Album Ich Fange Feuer auch in Regensburg vorbei. Nach der letztjährigen Vorstellung von Und Jetzt Licht, Bitte!!! nun zum zweiten Mal solo im Mälze-Keller. Letzterer ist auch bereits zum allzu pünktlichen Beginn von Support Harry Gump gut gefüllt. Leider nicht unbedingt mit dem angenehmsten Publikum, zumal Harry Gump über weite Strecken seines ca. halbstündigen Sets unter zahlreichen und lautstarken Saalgesprächen kaum zu verstehen ist. Nun ist es freilich Leuten selbst überlassen, ob sie ihren privaten Kram zwingend während eines Akustikkonzerts (für das sie ja immerhin auch irgendwie Eintritt gezahlt haben) klären, warum sie dies ausgerechnet mitten in der Venue zelebrieren müssen, ist dann wohl eine Frage des Anstands, des Respekts und der Wertschätzung den auftretenden Musikern und anderen Gästen gegenüber. Manchen fehlen diese offensichtlich völlig.

Nun ja, Harry Gump jedenfalls lässt sich davon nicht sehr beeindrucken (stören scheint es ihn dennoch) und versucht tapfer gegen die Saallautstärke und das teilweise gnadenlose Desinteresse anzuspielen. Das gelingt, aber eben nur mit Abstrichen. Die Beherztheit und Leidenschaft sowie manche Textzeilen seiner folkigen Punksongs muss man sich eher dazu denken.

Hätte man anfangs noch meinen können, dass die Unaufmerksamkeit und störende Missachtung durch einige Leute traditionell doch eher dem Support gilt, so wurde man eines Besseren belehrt. Eine Belehrung fand sich jedoch auch im Umgang Matze Rossis damit. Ob das nun die sozialpädagogische Ausbildung oder das Vierteljahrhundert Bühnenerfahrung ist – oder vielleicht auch beides: Matze Rossi weiß die unangenehme Situation meisterhaft zu lösen und begibt sich nach einigen Songs auf den Bühnenrand und verzichtet auf Mikrofon und die Gesangsanlage. Der akustischen Gitarre gönnt er lediglich ein bisschen Verstärkung. Und siehe da, das pädagogische Spiel „wenn ihr zu laut seid, mach‘ ich einfach leiser“ funktioniert. Das ist einfallsreich, mutig und charmant, wenngleich auch schade, weil einem Wohnzimmerkonzert ohne Wohnzimmer eben doch das Wohnzimmer fehlt.

Beginnend mit Analog Am Stück spielt sich Matze Rossi mit großer Freude durch seine mittlerweile fünf Alben und zwei EPs und entscheidet – wie gewohnt ohne Setlist – aus dem Bauch heraus welcher Song als nächstes am besten passt. Seine gesamte Diskografie hat er dabei dennoch im Auge und aufgrund des aus pädagogischen Gründen unverstärkten Settings, kommt das eher den ruhigeren und reduzierteren Nummern zugute. Wie wenige andere beherrscht es Matze Rossi sich von der Interaktion mit dem Publikum, von spontanen und assoziativen Eindrücken treiben zu lassen, sein Set und seine Anekdoten danach auszurichten und dabei – und das ist in diesem Fall tatsächlich keine leere Floskel aus der Review-Mottenkiste – jeden Abend einmalig und einzigartig zu gestalten. Wie gewohnt: Großes Kino!

 

The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die + mewithoutYou | 27.01.16 | Feierwerk – Kranhalle (München)

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The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die

Es scheint sich nicht in allen Ecken Münchens herumgesprochen zu haben, dass mit The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die und mewithoutYou so ziemlich das spannendste Line-up, welches der Emo-Irgendwas-Core derzeit zu bieten hat, im Feierwerk anzutreffen ist. Vielleicht ist es vielen auch einfach egal. München halt. Jedenfalls: Leer war es natürlich nicht in der Kranhalle, das wäre ein allzu verzerrtes Bild, man stand sich aber auch nicht gerade auf den Füßen. Dass sich einige Gäste nach dem Change Over gar nicht mehr in die Halle bequemen, macht die Sache nicht besser. Da wäre deutlich mehr drin gewesen. Bei diesem Line-up! München halt.

An mewithoutYou, die im vergangenen Jahr ihr fabelhaftes sechstes Album, Pale Horses, veröffentlicht haben, liegt es zunächst gegen einen lückenhaft abgemischten Sound anzuspielen. Die in zwei Mikros vielseitig sprechende und singende Stimme Aaron Weiss’ ist eingangs nur unvollständig zu verstehen, was schade ist, zumal sie sich für das unnachahmliche Wesen der mewithoutYou-Songs in besonderer Weise verantwortlich zeichnet. Vielleicht liegt es aber auch gar nicht am Mischen, sondern eher an Weiss selbst, der sich zu Beginn am Boden räkelt als hätte er entsetzliche Rückenschmerzen und nur allzu verhalten in die Mikrofone haucht und nuschelt. Doch nach und nach nehmen mewithoutYou Fahrt auf und legen in die emotionale Dynamik ihrer Songs große Hingabe auf der Bühne. Weiss tummelt sich überall, dreht Pirouetten, spielt gelegentlich die Akustische und wechselt scheinbar wahllos seine beiden Mikros. Das ist überaus hör- und sehenswert.

Was für mewithoutYou gilt, gilt allemal für The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die. Die Band, deren Besetzungsumfang selbst eine handelsübliche Skaband schlägt, hat mit Harmlessness 2015 ebenfalls ein überragendes Album veröffentlicht. Das zweite erst, dem allerdings ein paar EPs vorangingen. Das achtköpfige Kollektiv um David Bello und die Shanholtzer-Dvoraks weiß seine Songs geradezu spielerisch auf die Bühne zu bringen. Vier (!) Gitarren werfen sich kleine beschwingte Melodien zu, um in den passenden Momenten auszubrechen und zu zeigen warum es besser ist von Emocore als einfach von Indie zu sprechen. Denn zwischen der Zerfahrenheit von Bellos verschleppt-klagendem Gesang und zuweilen ausgiebigen Jamsessions kommt doch immer wieder wohl dosierter Hardcore durch. Dabei wirken die Songs trotz dieser umfangreichen Besetzung nicht überinstrumentiert, sondern sind in all ihrem Facettenreichtum großartig. The World Is a Beautiful Place… sind nicht nur eine Bereicherung für jeden Plattenspieler, sie sind es auch für alle Bühnenbretter. Diese Band kann, ja muss man bedingungslos empfehlen. Hörst Du, München?

Petrol Girls + Avalanche + Cold Kids + Dirk Power and the Lonely Hearts Club (Altstadtfrust Fest no. 2) | 04.12.15 | Büro (Regensburg)

Dirk Power and the Lonely Hearts Club

Dirk Power and the Lonely Hearts Club

Weil das L.E.D.E.R.E.R. nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr existent und ein Ersatz nicht in Sicht ist, wurde das Büro immer mehr zur festen Größe für das Moloch Kollektiv, das seit fast zwei Jahren über 20 Konzerte mit weit über 50 Bands in Regensburg veranstaltet hat. Eine beachtliche Schlagzahl. Und so ist es auch folgerichtig, dass das zweite Altstadtfrust Fest, das zugleich als Jahresabschlusskonzert fungiert, ebenfalls im Büro stattfindet. Dass es gegenüber dem letzen Jahr ein paar Einbußen in der Gästeanzahl gibt, ist nicht ganz fair und trotz reichlich Werbung etwas verwunderlich, ansonsten aber auch nicht weiter tragisch. Gegen ein bisschen Beinfreiheit ist im Büro eigentlich eh nichts einzuwenden.

Nach einiger Verspätung (die Uhr ist in Regensburg stets eine ungeduldige Begleiterin) fangen Cold Kids aus Bamberg an, die neben einem überzeugenden und ganz offensichtlich an Ton Steine Scherben geschulten Stilmix aus basslastigem Deutschpunk und Wave vor allem durch ihren unsagbar angepissten Sänger auffallen. Ob letzteres Showeinlage oder Allüren sind, ist nicht zwingend auszumachen (es scheint beides zu sein), unangenehm und unsympathisch sind die abfälligen Bemerkungen sowie Mimik und Gestik gegenüber der ganzen Veranstaltung allemal.

Avalanche aus Wien, die das erste Konzert seit über einem Jahr spielen, wissen mit der von Cold Kids liegen gelassenen Verstimmung gut umzugehen und scheren sich einfach nicht darum. Stattdessen gibt es eine deprimierende Mélange aus Stoner Rock (weniger) und Metal (mehr), die konzentriert wie konsequent jeder Melodie aus dem Weg zu gehen versucht. Das ist zwar kein rauschendes Freudenfest für die Ohren, aber insgesamt doch solide und genretypisch gelungen. Immerhin ist die Angewohnheit des Sängers den Mikrofonständer wahlweise als Gehstock und Selfiestick zu gebrauchen einigermaßen amüsant. Doch das nur nebenbei.

Für den musikalisch besten Part des Abends sind ohnehin Petrol Girls zuständig. Das Londoner Konglomerat aus drei (festen) Bandmitgliedern und rotierenden Drummern (diesmal Astpais Zock), hat bisher zwar lediglich eine 3-Song-EP veröffentlicht, versteht sich aber ausgezeichnet auf rauen und energischen Post-Hardcore mit feministischem Anspruch, der auch vor dezent gesetzten Singalong-Passagen nicht zurückschreckt. Starke Band. Starker Auftritt.

Wie das noch zu toppen ist? Vielleicht mit einer Banane hinterm Schlagzeug, die den Imperial March für Darth Vader am Bass trällert? Nun musikalisch wohl eher nicht, doch darum geht es bei Dirk Power and the Lonely Hearts Club auch nur am Rande. Selbstironisch und peinlich zugleich manövrieren sie auch nach einem Besetzungswechsel gute und weniger gute Hits aus dem Punkrockplattenschrank in Live-Karaoke-Manier durch die letzte halbe Stunde Konzertabend. Das geht nicht immer unfallfrei über die Bühne, macht aber enormen Spaß und animiert so einige Leute (geschätzt deutlich mehr als letztes Jahr) zum Mitsingen respektive -grölen. Zum Feiern sowieso. Eine Wiederholung beim Altstadtfrust Fest no. 3 wird sich vermutlich nicht verhindern lassen. Zum Glück.

Such Gold + Muncie Girls + Chimney | 29.11.15 | K4 – Zentralcafé (Nürnberg)

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Such Gold

Was könnte man die immer gleichen Sonntagabende leid sein, die man sich im Laufe der Zeit angewöhnt hat und mehr aus rituellem Trotz an ihnen festhält als aus Freude. Tatort, Günther Jauch, Netflix… Es ist ein Jammer. Bequem ist das freilich, aber ebenso bitter. Umso willkommener kann ein Konzert sein, das die Gefahr des Immergleichen nicht im Ansatz birgt. Die HS-Crew und das Café Kaya haben Such Gold, Muncie Girls und Chimney nach Nürnberg ins Zentralcafé im K4 zum „Sunday = Funday“-Fest geholt, um dem Sonntagabend die Bitterkeit auszutreiben. Mit einem vortrefflichen Vokü-Buffet und einer kitschigen Kindergeburtstagsdeko samt jeder Menge Luftballons und Luftschlange hat man wahrlich keine Mühen gescheut. Allzu viele Nürnberger_innen wollten dieser Einladung dennoch nicht folgen, das Zentralcafé ist (wohlwollend gesprochen) halb voll. Dabei hätte es sich wirklich gelohnt.

Chimney aus Nürnberg spielen beschwingten, nicht immer ganz fehlerfreien Poppunk, der sich um keine Melodie herumdrückt, sich nicht lange mit unnötigem Firlefanz aufhält und mit teilweisem Blink-182-Gedächtnisriffing eines „Funday“ durchaus würdig ist. Dass insbesondere die Gitarrenarbeit auf einschlägige Punkrockschulung (No Fun, Jr. High u.a.) zurückzuführen ist, ist zu keinem Zeitpunkt zu überhören.

Muncie Girls aus Exeter, die erst kürzlich die Veröffentlichung eine Split mit Sandlotkids via Uncle M feiern konnten und im kommenden Jahr die erste LP From Caplan To Belsize herausbringen, scheuen ebenfalls keine Melodie, geben sich im Tempo allerdings gemächlicher, zerstreuter und verträumter, ja beizeiten geradezu balladesk. Ingesamt dominiert keineswegs zu einfach gestrickter Poppunk, den Muncie Girls grundsympathisch und mit ehrlicher Hingabe darzubieten wissen.

Deutlich mehr auf die Tube drücken dann Such Gold, die aus Rochester, New York den mit Abstand weitesten Weg hierher gemacht haben und vor allem in den USA mit zwei Studioalben und einer Handvoll EPs (u.a. Splits mit Into It. Over It.) mittlerweile (fast komplett umbesetzt) eine recht große HC/Punk-Nummer sind. Dabei sind sie weder sonderlich innovativ noch fallen sie anderweitig besonders auf im Szenewust. Was jedoch nicht heißt, dass ihr Handwerk nicht verstünden. Im Gegenteil. Denn das tun sie sogar vortrefflich und schmettern einen Hit nach dem anderen von der Bühne. Gerade aufs Live-Spielen verstehen sie sich gut, was in Teilen auch am Pfeffi-Konsum liegen mag, vorrangig aber wohl doch mit Können und Spielfreude zu tun hat. Gerade letzteres ist ein großer Gewinn für den „Funday“. Da hat man wirklich schon andere Sonntagabende verbracht.

Michael Lobesan + The Aharonov Boom Effect | 20.11.15 | W1 (Regensburg)

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Der November hat traditionell eine ordentliche Konzertdichte und steht sich dabei manchmal selbst ein bisschen im Weg. Dann nämlich, wenn unweit voneinander zeitgleich zwei unterschiedliche Konzerte stattfinden, die zumindest im Groben auf ähnliches Publikum hoffen können: Die Regensburger The Holy Kings, die im Büro ihr allerletztes Konzert samt allerletztem Album (Losing the Bond to Society) gaben und Michael Lobesan, der wiederum im W1 die Veröffentlichung seines ersten Solo-Albums Orphans feierte. Punkrock und „Melancholy Rave“ mögen soweit beieinander nun auch nicht liegen, ähnliche Szene- und Bekanntenkreise ließen dennoch eine gewisse Konkurrenzsituation aufkommen. Wir haben uns für letzteres entschieden.

Da sind zunächst einmal The Aharonov Boom Effect aus München, die einstimmen sollten. Etwas um die Ecke gedachte elektronische Musik mit allerlei Beat-Spielereien, zerfahrenen Melodien und einem auffällig ausschweifenden Gesang. Das ist so schlecht nicht, wenn auch ordentlich chaotisch und wäre um 3 Uhr nachts im Club deutlich besser aufgehoben als als Support um halb zehn im W1. So wird mit Visuals (mittlerweile wohl eine Pflicht für elektronische Bands) eine Clubatmosphäre imitiert und mit wummerndem Bass Tanzbarkeit simuliert, die schnell wieder verpuffen.

Michael Lobesan kann auf bessere Startbedingungen hoffen, zumal seine Art elektronischer Musik vorwiegend auf gemächliches Tempo, sanfte Klänge, leichte Melodien und viel Atmosphäre setzt. Der Postrock, der Michael Lobesan durch seine Hauptband Wassermanns Fiebertraum allzu vertraut ist, dringt durch sein Gitarrenspiel permanent durch und trägt seine verträumt und gefühlvoll arrangierten Songs auch inmitten von knarzigen Synthieklängen und knackigen Beats hoch und weit.

Doch der Abend steht insgesamt nicht wirklich unter einem guten Stern. Von vorne bis hinten will Michael Lobesan (der live von The Aharonov Boom Effects Timotheus unterstützt wird) Orphans spielen, muss aber unterdessen mehrmals den Monitorsound korrigieren lassen und deswegen sogar auch einen Song abbrechen und neu beginnen. Mehrere Minuten verstreichen im Ungewissen, auch weil selbst im Publikum zu spüren ist, dass der Bühnensound ein einziges Spannungsfeld ist, das nur durch Glück nicht funkt und raucht. Das alles wirkt nicht nur unrund, sondern ist für einen Solomusiker auch einigermaßen überraschend. Ein Stimmungskiller, zumal für atmosphärische Musik, ist dies sowieso und bleibt an diesem Abend leider mehr im Gedächtnis als Michael Lobesans gutes Album.

Craft Spells + Dress | 14.11.15 | W1 (Regensburg)

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Craft Spells

Es gibt wahrlich bessere Konzerttermine als einen Tag nach den terroristischen Mordanschlägen in Paris. Oder gerade auch nicht. Ein offenbares Motiv der islamistischen Attentäter war der Hass auf den Lebensstil junger Leute in einer europäischen Metropole, ja in der Metropole schlechthin was Ausgelassenheit, Leidenschaft, Lebensfreude und Jugendkultur angeht. Eines der Ziele, das Musiktheater Le Bataclan, wurde während eines Konzerts der Eagles of Death Metal in fataler Weise als repräsentatives Ziel des so gehassten Lebensstils ausgewählt. Insofern wird ein Konzert am Folgeabend unumgänglich und ungewollt auch zu einem symbolischen Akt. Für Musik, gegen Barbarei. Das mag hochgestochen klingen, aber die Tatsache, dass Craft Spells zwei Tage darauf in Paris spielen hätten sollen (das Konzert wurde infolge der Ereignisse abgesagt), lässt es dennoch realiter wirken.

Zunächst sind es aber Dress, die mit der brandneuen EP Angst im Gepäck eine Dreiviertelstunde die W1-Bühne bespielen. Die Regensburger haben im Laufe der Zeit merklich an den Reverb-Reglern gedreht und ihren lethargischen Dreampop noch eine ganze Ecke sphärischer und entrückter geformt. Das Ganze kommt mit wenig (ebenfalls arg bearbeitetem) Gesang aus und macht sich ingesamt ziemlich gut, wenngleich Dress wie z. B. im Titeltrack der EP die erträglichen Grenzen der Monotonie schon weit interpretieren.

Monotonie ist auch Craft Spells nicht fremd, obwohl mit einigen, aber bedeutenden Einschränkungen. In den reduzierten im Midtempo plätschernden Retro-Indie-Sound mischen sich mitunter geradezu spektakuläre Momente. Manchmal überrascht die Rhythmussektion mit ad hoc stärkerem Schwung, manchmal ist es eine kleine tänzelnde Gitarrenfigur, die einen Song mit einer bezaubernden Leichtigkeit aus der Masse des Indierock hebt. Als Musterbeispiele dürfen sich From the Morning Heart und Breaking the Angle Against the Tide fühlen – nicht nur weil sie sich gar so eng an The Cure kuscheln. All das korrespondiert vorzüglich mit dem etwas mundfaul nuschelnden und lediglich das Wort „Shit“ deutlich artikulierenden Justin Paul Vallesteros, der wie ein kleiner Schuljunge andächtig und freudig seinen eigenen Stücken lauscht. Zum andächtigen und freudigen Lauschen hat überdies auch das Publikum reichlich Anlass, nicht zuletzt deshalb, weil dem W1 in Sachen Klang und Bühnenatmosphäre keine andere Musiklocation in Regensburg das Wasser reichen kann. Feine Sache!

Aloa Input | 22.10.15 | W1 (Regensburg)

Aloa Input

Aloa Input

New Weird Bavaria nennt sich das eigentliche Nicht-Genre seit einigen Jahren, worunter insbesondere auch Aloa Input zu zählen sind, zumal ihre Vor-, Neben- oder eben Hauptprojekte großen Anteil am Begriff selbst und seiner stilistischen Einordnung haben. Missent To Denmark, Angela Aux, Joasihno – um ein paar zu nennen.

Der Prototyp des New Weird Bavarians ist hip, männlich, Anfang bis Mitte 30, vor einigen Jahren aus der bayerischen Provinz nach München zum Studieren gezogen und geht jetzt irgendwelchen Beschäftigungsmaßnahmen beim BR-Jugendsender PULS nach. Wenn er letzteres nicht tut, findet ihn PULS auf alle Fälle super und haut ein Feature nach dem anderen raus. So will es das bayerische Jugendmusikgesetz. Daneben spielt der New Weird Bavarian natürlich in zahlreichen Bands oder dreht dort zumindest an irgendwelchen Reglern. So zum Beispiel bei Aloa Input.

Zwei Platten (Anysome und Mars Etc.) sind bisher bei Morr Music erschienen, die dieses vermeintliche Genre ganz gut definieren. Verspulte Melodien, schiefer Gesang, digitale Sounds, karibische Beats und abseitige Rhythmik. Der Stilmix als Paradigma, das popmusikalische Experiment als Mittel und Zweck zugleich.

So stehen also drei Multiinstrumentalisten auf der W1-Bühne inmitten von ziemlich viel Graffel. Da ein Keyboard, dort ein Synthesizer, da ein Dutzend Effektgeräte, dort ein großes elektronisches Teil, das ständig „blink“ macht. Drei (manchmal auch nur zwei) Beamer projizieren auf die hintere Leinwand ein ganzes Universum an Wirrwarr. Und mittendrin eben: Aloa Input.

Der Fokus liegt zu Beginn auf Mars Etc., das seine Melodien klarer umreißt als der Vorgänger Anysome, dennoch noch ein bisschen verspulter, elektronischer und nintendo-lastiger daherkommt. Die Band weiß dazwischen aber immer wieder einen markanten Beat (Oh Brother), eine feine Bassline (z. B. Vampire Song) oder eine schöne Gitarrenfigur (z. B. Blabla Theory) unterzubringen. In all ihrer Weirdness verstehen die drei Multiinstrumentalisten nämlich auch einiges davon gute Songs zu schreiben. Dass sie diese live mit der Hilfe einer ganzen Elektrowerkstatt performen können, ist dann eher nur noch Formsache. Es ist sogar, trotz zurückhaltendem Auftreten und ein paar Sparwitzen, ein guter Auftritt, weil Aloa Input gelingt nach und nach mit den etwas folkigeren Anysome-Songs zugänglicher zu werden und weil sie all das Gewusel nicht überstrapazieren, sondern die Dynamik eines Konzert mit ihrem Stilmix genau einzuschätzen wissen.