Better Call Janele!

Machen Sie sich auch Sorgen um ihre und andere, also konkret unsere Frauen (und Mütter, Töchter, Väter, Familien, Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche)? Rufen sie Janele an! Ihren Stadtrat für alles und irgendwas.

Machen Sie sich auch Sorgen um ihre und andere, also konkret unsere Frauen (und Mütter, Töchter, Väter, Familien, Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche)? Rufen sie Janele an! Ihren Stadtrat für alles und irgendwas.

Politik ist ein hartes Geschäft, zumal die Kommunalpolitik. Niemandem kann man es recht machen. Niemals. Das hier ist zu teuer, das dort zu billig, die eine Idee ist uralt, die andere viel zu extravagant, macht man etwas für Kinder, vernachlässigt man die Senioren, baut man eine Straße, schimpfen die Ökos, baut man keine Straße, schimpfen alle anderen, trinkt man nicht auf jeder Veranstaltung drei Maß Bier, ist man abgehoben, lässt man hingegen keine Runde an keinem Stammtisch aus, ist man in der CSU. Es ist ein Jammer.

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Dabei gibt es in der Kommunalpolitik eine wirkungsvolle Patentlösung für alles. Das eherne Gesetz der Kommunalpolitik: Bürgernähe. Dank Bürgernähe muss man nämlich gar nicht mehr Politik machen, sondern nur so tun als ob. Es reicht Politik zu simulieren.

Ein Hundehaufen kann eine Chance sein

Das Trio fotogenico, Dagmar Schmidl, Hans Renter und Armin Gugau z. B. hat das ganz gut verstanden. Seit Jahren tingeln die Drei von Gullideckel zu Straßenlaterne, vom Verkehrsschild zum Mülleimer, von der Kreuzung zum Feldweg und wieder zurück und lassen sich dabei ablichten was das Zeug hält. Es gibt in Regensburg keinen Hundehaufen vor dem sie nicht schon posiert hätten.

Das Trio fotogenico in Aktion, sogar mit Burger-Meister. Foto: pm

Das Trio fotogenico (Bildmitte) in Aktion, sogar mit Burger-Meister. Foto: pm

Ach, Sie haben ein Schlagloch vor der Einfahrt oder einen Maulwurfshügel im Garten? Zögern Sie nicht zum Hörer zu greifen, Schmidl, Renter und Gugau kommen sofort, stellen sich davor und machen ein Foto. Denn die kümmern sich noch, die packen richtig an!

Ja, das ist schon nicht schlecht, aber einer, der den Dreh mit der Bürgernähe endgültig raus hat, ist Christian Janele. Der einzige christlich-soziale Bürger (CSB) im Regensburger Stadtrat und „liebevolle Vater zweier Töchter“ hat Bürgernähe quasi durchgespielt. Jede seiner (na ja, sagen wir mal politischen) Aktivitäten und Mitteilungen ist ein eindrucksvolles Zeugnis von Bürgernähe. Das verdient eine Würdigung.

Lady-Taxis für jedermann

Wichtig gerade für "Frauen und junge Frauen": pinke Lady-Taxis. Foto: CSB/ Janele

Wichtig gerade für „Frauen, Kinder und junge Frauen“: pinke Lady-Taxis. Foto: CSB/ Janele

Im vergangenen Herbst machte Janele von sich reden als er eine „Sicherheitsoffensive“ forderte und dabei Bilder von Bussen und Taxen pink anstrich. Seine Vorschläge „Lady-Taxis“ und Lady-Zonen in Bussen schafften es selbst in bundesweite Medien. Die BILD machte ihn gar zum Verlierer des Tages. Eine Unverschämtheit! Denn was nämlich allenthalben übersehen wurde: Janele gelang mit seiner Initiative ein Meisterstück in Sachen Bürgernähe. Er schrieb damals:

„Das Sicherheitsbedürfnis gerade bei Familien, Senioren, Müttern und Vätern, ist mittlerweile stetig gewachsen. Vor allem die Väter machen sich Sorgen um Ihre Töchter und Frauen, wenn die bei Dunkelheit unterwegs sind.“

Herrje, die armen Väter! Woher Janele aber um das gestiegene Sicherheitsbedürfnis weiß? Gibt es dazu Untersuchungen, Statistiken, Umfragen? Ach wo, auf verschiedenen Informationsveranstaltungen werden diese Ängste formuliert, so Janele. Ach so, dann wird’s schon so sein, wenn der das sagt. Aber Achtung, es geht weiter:

„Gerade Frauen, Kinder und junge Frauen sollen beruhigt sein, weil Sie dann wissen, Sie kommen sicher (Zuhause) an. Viele Frauen, Senioren oder Jugendliche fühlen sich in öffentlichen Verkehrmitteln (sic!) unsicher, und können in Frauen-Taxis zu einem ermäßigtem (sic!) Preis nachhause fahren.“

Ungerecht: Die Bildzeitung kürte Christian Janele zum Verlierer des Tages.

Ungerecht: Die Bildzeitung kürte Christian Janele zum Verlierer des Tages.

Moment mal, ging es nicht eben noch um Ladies? Nun geht’s also auch um Senioren, Kinder und Jugendliche. Der Janele ist schon ein Fuchs. Denn ginge es nur um Frauen, würden ihn demnächst Kinder und Senioren auf Informationsveranstaltungen anquatschen, was denn mit ihnen sei. Warum sollten auch Lady-Zonen nur für Ladies und nicht etwa auch für Kinder und Senioren sein? Eben. Das ist gelebte Bürgernähe. Irgendetwas ist irgendwie für alle dabei. Niemand soll sich vernachlässigt fühlen. Außer ich. Als kinderlos alternder junger Mann mit osteuropäischem Migrationshintergrund habe ich beim Janele einen ganz schlechten Stand.

Wobei:

„DIE FRAUENTAXIS […] KÖNNEN AUCH VON MÄNNERN GESTEUERT WERDEN.“

Puh, Glück gehabt. Der Janele hat’s einfach verstanden. Das Politische nervt eigentlich nur und lenkt die Politik vom wirklich Wichtigen ab: Dem Gefühl.

Warum nicht gleich die ganze Stadt nach dem Papst benennen?

Dies zeigt sich auch im neuesten, ebenfalls Aufsehen erregenden Vorstoß des christlich-sozialen Bürgers. Janele möchte einen Stadtratsbeschluss erwirken den Domplatz in „Papst Benedikt XVI. Platz“ zu benennen. Seine Begründung ist, dass die von der CSU seit Jahren wiedergekaute und nun auch städtisch anvisierte Huldigungsbüste für den Stellvertreter Gottes auf Erden a.D. unwürdig sei und Joseph Ratzinger nicht gerecht werde.

Aber mal ernsthaft: Was soll schon jemandem gerecht werden, der vom Heiligen Geist höchstpersönlich ins unfehlbare Amt gehievt wurde? Eine Büste? Ein Platz? Also bitte, wie unwürdig. Warum denn nicht gleich die ganze Stadt nach ihm benennen? Papst-Benedikt-XVI-Stadt. Das wäre zumindest ein Anfang hier auf Erden.

Sie, liebe Papst-Benedikt-XVI-Städterinnen und Papst-Benedikt-XVI-Städter, merken es schon: Jede Ratzinger-Huldigung ist eigentlich eine zu wenig und diese kommunalpolitischen Gamer hören damit auch nicht auf, bis an mindestens jeder Ecke ein modellierter Papstschädel steht. Das alles ist Symbolpolitik, die sich des Politischen gänzlich entledigt hat und nur als leere Symbol-Hülle im kommunalpolitischen Diskurs herumwabert. In Wahrheit geht es überhaupt nicht um Ratzinger, ein würdiges Gedenken, die Sicherheit von Ladies, Geld und dergleichen mehr. Es geht auch nicht um die CSU oder die CSB. Es geht um eine inszenierte hohle Phrase: Bürgernähe.

Bürgernähe? Fragen Sie Herrn Janele!

Und wie spielt man eigentlich Bürgernähe?

"Am besten im Storchengang das Becken abschreiten." Janele macht's! Foto: CSB

„Am besten im Storchengang das Becken abschreiten.“ Janele macht’s! Foto: CSB

Sprechen Sie immer, aber auch wirklich immer über ihre Familie, wie toll das alles ist, welch liebevolle(r) und fürsorgliche(r) Vater (oder Mutter) Sie sind, denn Kinder zu haben, qualifiziert Sie gefühlt für alles; halten Sie immer den Ehering sichtbar in die Kamera, wenn Sie beim fachkundigen Besichtigen eines Schlaglochs fotografiert werden.

Betonen Sie nachdrücklich, dass alle Sorgen und Ängste (vor allem die der Väter!) berechtigt sind und Sie sie absolut nachvollziehen können und zünden Sie dabei Nebelkerzen à la „Keine Asylunterkunft neben einem Jugendzentrum“ (wegen Ängsten und so); nennen Sie das Jugendzentrum „Jugend- und Familienzentrum“, weil Familie einfach über alles geht.

Helfen Sie Straßenkindern, verkaufen Sie Lose. Gehen Sie Wassertreten. Kennzeichnen Sie Familienausflüge als diplomatische Delegationsfahrten der Völkerverständigung zum Wohle Europas. Spielen sie Politik und engagieren Sie Christian Janele. Niemand zockt das Game Bürgernähe so gut wie er.

Die Wurstkorbisierung politischer Kommunikation

Bei der Bürgernähe geht es um simulierte Politik mithilfe des Unpolitischen, um die Wurstkorbisierung politischer Kommunikation, die Transformation der Demokratie zum Zirkus. Die vor sich hergetragene Bürgernähe ist nichts anderes als sinnentleerte postpolitische Karikatur politischer Auseinandersetzung, die ihren eigentlichen Gegenstand einzig im Gefühl sieht. Es geht nicht darum etwas politisch Bedeutendes zu erschaffen oder zumindest zu diskutieren, sondern lediglich das Gefühl zu erzeugen und zu bedienen, etwas politisch Bedeutendes werde erschaffen oder zumindest diskutiert. Um mehr geht es nicht.

Dieser Beitrag wurde zuerst bei Regensburg-Digital veröffentlicht.

PEGIDA wird’s freuen!

Die größte Krise im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise spielt sich zuweilen in Kommentaren und Debattenbeiträgen ab. So z. B. am 03.11.15 in einem bis dato bereits zahlreich geteilten, gelikten und kommentierten Artikel in der Onlineausgabe des Wochenblatts Altötting, der ebenso am 04.11.15 in zwölf Lokalausgaben des Wochenblatts (und am 11.11.15 in der Passauer Woche) prominent auf Seite 2 erschien. Unter dem Titel „Sind jetzt plötzlich alle Nazis?“ fragt Mike Schmitzer selbiges und liefert mit seinen Antwortversuchen ein PEGIDA-Rechtfertigungspamphlet sondergleichen ab. Letzteres würde er vermutlich leugnen, weil es ihm doch irgendwie unangenehm wäre, aber das ist Spekulation. Tatsache ist – und das soll nachfolgend ausführlich dargelegt werden -, dass Schmitzers Kommentar (trotz seiner Kürze) letztlich nur so trieft vor Verharmlosung rechtspolitisch motivierter Beleidigungen und Gewalttaten, Bagatellisierung von Rassismus und Versatzstücken reaktionärer und völkischer Ideologie. Ein gefährliches Gemisch, das sich ein besorgter Bürger nicht besser ausdenken könnte. Dieser Kommentar ist ein Grund besorgt zu sein. Eine Replik.

Schmitzers Kommentar im Wochenblatt Regensburg, Seite 2.

Schmitzers Kommentar im Wochenblatt Regensburg, Seite 2.

Schmitzer beginnt idyllisch:

„Der Rentner, der beim Rasenmähen immer so freundlich über den Gartenzaun winkt, die junge Mutter, die an der Supermarktkasse ihre kleine Tochter auf dem Arm trägt, die Metzgereiverkäuferin mit ihrer ansteckend guten Laune … alle plötzlich Nazis? Wirklich?“

Es scheint für ihn unvorstellbar zu sein, dass ganz normale Menschen rechte politische Einstellungen haben könnten. Der Rasen mähende Rentner, die fürsorgliche junge Mutter und die gut gelaunte Metzgereiverkäuferin sollten rechts sein? Unmöglich. Sonst würden sie vermutlich weder Rasen mähen noch ein Kind herumtragen oder freundlich Wurst verkaufen. Es ist unklar, ob Schmitzer bei diesen Zuschreibungen konkrete Menschen im Blick hat, die ihm im Alltag begegnen, es ist für die Argumentation aber auch unerheblich. Es reicht hier der Typus der beschriebenen Menschen als Abstraktion und Idealisierung ganz normaler Menschen, die allein aus den Gründen, weil sie alltägliche, ganz normale Tätigkeiten verrichten oder eben einfach freundlich sind, nicht rechts sein können. Für Schmitzer passt es einfach nicht zusammen, dass sein idyllisches Trio rechte Einstellungen haben und entsprechend vertreten könnte.

Doch spricht Schmitzer nicht von „rechts“, „rechten Einstellungen“ oder dergleichen, sondern benutzt allzu plakativ den Begriff „Nazi“. Das mag eine polemische Überhöhung sein, fügt sich jedoch nahtlos in die Argumentationskette sogenannter besorgter Bürger, die sich andauernd mit dem „Nazi-Vorwurf“ konfrontiert sehen, nur weil sie ihre Meinung äußern. „Nazikeule“ lautet dafür ihr Fachbegriff. Selbstredend benutzt auch Schmitzer diesen Begriff – entweder ohne das Manöver, das sich dahinter verbirgt, zu erkennen oder genau dieses selbst zu vollziehen. Das Manöver ist, dass sich Leute durch Kritik ihrer (rechten) Meinung oftmals sogleich als Nazi bezeichnet, ja beleidigt, sehen, selbst wenn dieses Wort nicht gefallen ist. Dadurch sehen sie sich selbst als Opfer einer angeblichen Meinungszensur. Für einen ganz normalen Menschen ist der Nazi-Vorwurf natürlich eine Ungeheuerlichkeit – auch dann, wenn er gar nicht geäußert wurde.

Josephine weiß Bescheid über Nazis - Ein Facebook-Kommentar

Josephine weiß Bescheid über Nazis – Ein Facebook-Kommentar.

Vielleicht kommt man hier mit der Hund-Dackel-Theorie weiter: Jeder Dackel ist ein Hund, aber nicht jeder Hund ist ein Dackel. Aber Vorsicht: Auch die fürsorgliche Hundemama kann eben ein Dackel sein.

Auch die zeitliche Dimension des Nazikeulen-Arguments ist interessant. So sollen „alle“ (übrigens hat die mit diesem Wort beanspruchte Totalität ebenfalls etwas für sich) „plötzlich“, quasi über Nacht, Nazis geworden sein. Da leben Leute also ein gewöhnliches Leben und zack, auf einmal sind sie Nazis. Das ist doch unvorstellbar, liebe Wochenblattleser_innen? Ob Schmitzer auch die Möglichkeit erwogen hat, dass rechte Einstellungen, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gegenüber bestimmten Menschengruppen sich vielleicht eine gewisse Kontinuität in Biographien und Weltanschauungen von Menschen haben und gerade die Zeit günstig ist, das auch öffentlich und resoluter zu vertreten. Hm?

Zum Glück nimmt Schmitzer sein idyllisches Trio, das natürlich stereotypisiert und stellvertretend für Millionen Deutsche steht, in Schutz:

„Diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie machen sich Sorgen darüber, was der momentane Flüchtlingsansturm für ihre eigenen Familien bedeuten könnte. Sie haben Angst davor, dass die Politiker das Problem nicht lösen können und die Flüchtlingskrise in einer Katastrophe endet.“

Auch wenn die Menschen noch so verschieden sind, die Sorge um sich selbst und ihre Familien ist ihre große Gemeinsamkeit. Hier sind wir auch schon beim Kernaliegen Schmitzers. Es geht darum Verständnis für die Sorgen und Ängste unseres Trios, des idealisierten besorgten Bürgers, aufzubringen. Kritisieren sollte man die besorgten Bürger nämlich nicht, weil sie ja – wie wir oben gesehen haben – keine Nazis sein können. Nun gut, dann versuchen wir eben verständnisvoll zu sein.

Welche Ängste hat denn unser Altöttinger Trio? Wovor fürchtet es sich? Worum macht es sich so große Sorgen? Freilich, an dieser heiklen Stelle bleibt Schmitzer vage und unbestimmt. Die besorgten Bürger werden es ihm danken, fühlen sie sich im Vagen und Unbestimmten geradewegs zuhause. Denn wenn sich eine klare Aussage über diese Sorgen und Ängste treffen lässt, dann, dass sie diffus sind. Sie betreffen auch nicht, wie man wohlwollend annehmen könnte, die geflüchteten Menschen, die Asyl suchen. Weil sie z. B. nicht menschenwürdig untergebracht wird, weil ihnen dem besorgten Bürger selbstverständliche Rechte vorenthalten werden, weil sie medizinisch nicht ausreichend versorgt sind, weil einige im nahenden Winter zu erfrieren drohen. Darüber sind bzw. wären Sorgen und Ängste nämlich durchaus angebracht.

Aber nein, der besorgte Bürger fürchtet um sich und seine Familie. Es könnte ihm etwas weggenommen werden, das er ohnehin nicht hat(te), es bereitet ihm Unbehagen, dass sich Menschen Schutz, Sicherheit und Wohlstand erhoffen, er will es nicht verkraften, dass Menschen, die möglicherweise anders aussehen, andere Sprachen sprechen und andere Gottheiten anbeten als er, die gleiche öffentliche Infrastruktur nutzen, die gleiche Bäckerei aufsuchen, einer Erwerbsarbeit in der gleichen Firma nachgehen oder gar ihre Kinder auf die gleiche Schule schicken könnten. Was sonst soll „der Flüchtlingsansturm“ für seine Familie bedeuten?

Was ist eigentlich dieses Katastrophenszenario? Dass der winkende Rentner auf dem Rasenmäher gar nicht in Altötting, sondern in Aleppo geboren wurde, die junge Mutter ihr Kind nicht nur an der Supermarktkasse trägt, sondern es auch durch halb Europa getragen hat und die Metzgereiverkäuferin vormals in Kobanê freundlich gelächelt hat und dies nun in Altötting tut? Sind das die Horrorvisionen? Vielleicht. Das wäre dann rational und rassistisch.
Oder ist es aber auch die Angst vor Ausländerhorden, die in die katholische Idylle Altöttings einfallen, auf dem gepflegten Rasen des Rentners massenhaft ihre Notdurft verrichten, der jungen Mutter die Tochter rauben und an ihren Stammesführer verheiraten und die Metzgereiverkäuferin vergewaltigen und anschließend steinigen? Vielleicht. Das wiederum wäre irrational und rassistisch.

Auf jeden Fall sind es aber rassistische Muster, die Schmitzer in seinem Kommentar durch Verzicht auf Konkretisierung der vorgeblichen Sorgen und Ängste verschweigt, deckt und verschleiert. Dass es konkrete und akute Probleme bei der Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden und der Bearbeitung ihrer Asylanträge gibt, bleibt davon zunächst einmal unberührt. Kurz- und mittelfristig wären diese mit deutlich verstärktem logistischen Engagement und personellen Einsatz und einem gewissen Maß an politischen Weitblick zu lösen. Stattdessen lässt sich die verantwortliche Politik zumeist von den irrationalen und rassistischen Sorgen und Ängsten treiben und befeuert sie die durch unterlassendes Handeln und den repetitiven Gebrauch von Naturkatastrophenvokabular wie „Flut“, „Welle“, „Tsunami“ oder „Sturm“ und Kriegsrhetorik wie „Ansturm“, „Invasion“, „Notwehr“. All das mythologisiert Migration fatalistisch zu einem Zerstörungs- und Untergangsschicksal. Die Politik schafft sich ihre Krisensituation selbst.

Die Befürchtungen, so Schmitzer, formuliere unser Trio „in sozialen Netzwerken wie facebook oder in den Kommentarspalten der Onlinemagazine.“ Und weiter: „Vielleicht ist die Wortwahl manchmal etwas ungeschickt, aber nicht jeder ist im Schreiben geübt.“ Es gibt – das ist nun wirklich keine verblüffende Neuigkeit, die über Nacht hereingebrochen ist – Tag für Tag zahlreiche Kommentare, die geflüchtete Menschen ins Gas wünschen, Regierungsmitglieder am liebsten öffentlich aufgehängt und all die linksgrün-versifften Gutmenschen im Mittelmeer ertrinken sehen würden.

Ganz normale Bürger diskutieren etwas ungeschickt auf einem privaten (aber öffentlich einsehbaren) Facebookprofil

Ganz normale Bürger diskutieren etwas ungeschickt auf einem privaten (aber öffentlich einsehbaren) Facebookprofil.

Ja, ist halt ungeschickt formuliert und besonders lustig, wenn darin nicht nur Menschenrechte, sondern auch Rechtschreibung mit Füßen getreten wird. Es sind eben nicht alle so geübt im Schreiben wie ein Wochenblatt-Redakteur. Und wie verhält es sich mit den asylkritischen Kommentaren, die ganz auf das Schriftliche verzichten und in Form von Molotow-Cocktails Asylsuchenden direkt in die Unterkunft geliefert werden? Gut, wollen wir Schmitzer zugestehen, dass er nicht unbedingt solche Kommentare meint. Vielleicht meint er die Kommentator_innen, die sich zunehmend „fremd im eigenen Land fühlen“, Geflüchtete am besten kaserniert und sofort abgeschoben sehen würden oder solche, die plötzlich (ja, plötzlich!) ihre Liebe zum Grundgesetz, zur Gleichstellung der Geschlechter, zu Rechten von Homosexuellen, zu Obdachlosen (deutschen natürlich) und all dem Teufelszeug entdecken, das sie vormals erbittert bekämpft haben und es wieder tun werden, sobald der unzivilisierte Moslem nicht mehr tausendfach in der Tür steht.

Schmitzer hat allerdings auch etwas gegen Kommentator_innen, die „zornerfüllt, massiv und beleidigend“ auftreten. Es ist aber geradezu grotesk, dass er sich ermahnend an diejenigen wendet, die ihre „Menschenfreundlichkeit den eigenen Mitbürgern“ gegenüber vermissen lassen. „Diese Eiferer“ trieben „erst recht einen Keil in unsere Gesellschaft“. Die Gegenkommentator_innen seien also das eigentliche Problem und nicht diejenigen, die dauernd gegen Geflüchtete keifen. Denn, so Schmitzer, „hinter den Kommentaren der Bürger stecken keine Ideologien, sondern persönliche Sorgen und Ängste.“ Eine bessere Verteidigung kann sich der besorgte Bürger gar nicht wünschen.

Zweierlei ist dabei auffällig. Erstens entpolitisiert Schmitzer den politischen Raum, indem er politische Aussagen als Ausdrücke persönlicher Sorgen und Ängste definiert und damit auch die Fähigkeit der besorgten Bürger relativiert als eigenverantwortlich denkende und handelnde politische Subjekte aufzutreten. Das ist eine fatale Strategie, um Menschen im politischen Diskurs unangreifbar zu machen. Wer Angst hat, entziehe sich also dem Politischen. Das ist reaktionäre Ideologie. Zweitens gibt er Menschen, die sich – gewiss manchmal auch unangemessen in der Wortwahl – für das Asylrecht stark machen und rassistische Kommentare missbilligen, Schuld an einer Spaltung der Gesellschaft. Weil sie Menschenfreundlichkeit nicht den eigenen Mitbürger_innen gegenüber zeigen. Der Vorwurf lautet: Für die Fremden seid ihr da, das eigene Volk ist euch egal! Das wiederum ist ein Versatzstück völkischer Ideologie.

Mit dem eigenen Volk kennen sich auch Ilonka und Pit aus - Irgendwo auf Facebook kommentiert.

Mit dem eigenen Volk kennen sich auch Ilonka und Pit aus – Irgendwo auf Facebook kommentiert.

Beide Strategien lassen sich wunderbar in das Weltbild der besorgten Bürger integrieren. Schmitzer erreicht einerseits, dass sich das Altöttinger Trio, das ja niemals rechts sein könnte, mit seinen rassistischen (irrationalen oder rationalen) Ansichten respektive Sorgen und Ängsten ernstgenommen fühlt, ohne sich um die Sorgen und Ängste von Geflüchteten scheren zu müssen und andererseits, dass es sich in der (vermutlich auch unpolitischen, weil besorgten) Haltung bestätigt fühlt, wonach die intakte Volksgemeinschaft in Deutschland von den linken Vaterlandsverräter_innen zersetzt werde. Das ist Schmitzer gut gelungen. Eine zweifelhafte Anerkennung.