Casper – XOXO

Casper - XOXO

„Das no-future das Rückseiten unserer Jacken prophezeiten“

Benjamin Griffey alias Casper hat viel zu tun in letzter Zeit. Der 28-jährige hetzt von Interview zum Konzert zum nächsten Interview, haut zwischendurch ein paar abgehackte Botschaften in Facebook raus und hat – fast hätte man es vergessen – eine neue Platte dabei. Dabei ist XOXO nicht irgendeine Platte, sondern DIE Platte, die Casper zu DEM Künstler der Stunde macht. Spiegel, Visions, SZ, Zeit, Spex, [hier bitte beliebiges Magazin einfügen], alle lieben Casper, schließlich ist der doch der Retter des deutschsprachigen Hip Hop. Mindestens. Wenn nicht der der nächste Messias. Oder Gott höchstpersönlich. Das XOXO kommerziell dementsprechend durch die Decke ging: klar.
Nur, was ist nun dran, an all der Lobhudelei? Und vor allem: kann man ein Album, das so penetrant gehyped wird, überhaupt mögen?
Nun, man kann.
XOXO, soviel steht fest, ist nun nicht die Rettung eines ganzen Genres, es ist auch nicht – obwohl auf sattem Bandsound gebaut – die Erfindung des Post-Hop, Indierap, oder was auch immer. In erster Linie ist es ein Album, das bis zum gerade noch Möglichen mit Ideen, Ambitionen und Pathos vollgestopft ist. Ein Grenzgang, der gerade so funktioniert. So ist es „Blut sehen“, das mit seinem staubtrockenen Beat unvermittelt den Opener abwürgt und diesen dadurch davor bewahrt, in Linkin Parksche Gesten abzustürzen. So sind es überhaupt die simpleren Momente, die die bedeutungsschwangere Stimmung von XOXO nicht unangenehm, sondern – vorsicht Worthülse – authentisch klingen lassen: Das erwähnte „Blut sehen“, mit seinem ständigen Wolfsgeknurre im Hintergrund, Thees Uhlmanns naiv-hoffnungsvolle Zeilen im Titeltrack und das viel zu wenig erwähnte „Lilablau“, das noch am meisten das Zeug dazu hat, Genregrenzen niederzureissen. Casper gelingt außerdem das Kunststück, auf einen Song wie „Michael X“, der mit voller Wucht auf den Magen und die Tränendrüsen drückt, ein fluffig-egales „So Perfekt“ folgen zu lassen. Und letzteres dadurch zu einem wichtigen Bestandteil des Albums zu machen. Und wenn Casper uns dann noch „Zu viele Scheißbands! Zu viel Hype!“ entgegenbrüllt und zum Ende der Platte die Zweifel mit „Kontrolle/Schlaf“ doch wieder die Oberhand gewinnen, ist sowieso alles gut. Erwähnung verdient hat im Übrigen auch der wahrhaft exzellente Sound, dem man anmerkt, dass hier die pure Freude an der Detailverliebtheit am Werk war und der mit jedem Durchlauf ein paar mehr dieser Details an die Oberfläche lässt.
Das Ganze wird dann noch abgerundet von Texten, so deutlich wie möglich und tiefsinnig wie nötig. Und das soll jetzt bitte positiv verstanden werden. Casper meistert die Aufgabe, beim Versuch, Zeitgeist zu vertonen nicht in peinliche Pseudo-Bedeutsamkeit zu verfallen und schafft es so, ein Album rauszuhauen, auf das sich sowohl Rap- als auch Indienerds einigen könn(t)en. Und obwohl es schade ist, dass Caspers im Hardcore geschulte Stimmgewalt eines Whiskeyfasses in der Studioaufnahme etwas monoton geraten ist, bleibt nur eines zu sagen:
Chapeau!

8/10

Anhören: Blut sehen, XOXO, Michael X, Lilablau, Kontrolle/Schlaf

2 Gedanken zu „Casper – XOXO

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