Casper – Hinterland

Casper - Hinterland // Bild: amazon.de

Das unentdeckte Land

Zwei Jahre ist das erst her. Man erinnere sich: Casper wurde von der versammelten Presselandschaft als der Next-Level-Shit schlechthin auserkoren, die zugehörige Platte XOXO – in der Rückschau übrigens ein selten dämlicher Titel – ging durch so ziemlich alle Decken, die gerade zur Hand waren. Benjamin Griffey on top, wenn man so will. Das weckt Begehrlichkeiten. Vor allem an das Nachfolgealbum. Ganz konkret: An Hinterland, an die Platte also, die das Erbe antritt. Ein Erbe, das schwerer kaum zu verwalten sein könnte, tritt doch Hinterland in die Fußstapfen eines Albums, das Dieter Bohlen kommerziell sicherlich als ‚mega‘ einschätzen würde, das in den Augen und Ohren vieler etwas eingermaßen Neues geschaffen hat. Die Verbindung von Indie und Hip-Hop nämlich. Zwei bis dahin scheinbare Antagonisten vereint in trauter Zweisamkeit.

Doch Casper hat Glück. Warum? Nun, zunächst, weil im Falle von XOXO zu früh gejubelt wurde. Schließlich – Hand auf’s Herz – ist XOXO im Rückspiegel sehr viel kleiner, als man es seinerzeit bei der direkten Konfrontation vermutet hatte. Ein bisschen zerfahren, ein bisschen unentschlossen und vor allem beladen mit einer gewissen Portion an überflüssigem Kroppzeuch wie Das Grizzly Lied oder dem semipeinlichen (pardon) Barficksong 230409. Songs, die eigentlich niemand mehr braucht. Und auch oben genannte Vereinigung scheinbar konträrer Genres klingt anno 2013 nicht mehr so reibungslos, als man es vor zwei Jahren vermutet hätte.

Das eigentliche Glück des Herrn Griffey ist aber dennoch ein anderes. Es hört auf den Namen Hinterland. Diese komische Platte, die beim ersten musikalischen Date obskurerweise erst mal tierisch nervt. Ist doch der erste Gedanke, der den geneigten HörerInnen zuvörderst durch den Kopf schleicht: Der Typ ist verdammt noch mal 31. Und verhandelt fast die gesamten elf Songs lang die Tristesse seines Aufwachsens. Was nicht weiter schlimm wäre, wären da nicht – die unfassbar gelungene Abschiedshymne Ariel mal außen vor – diese fürchterlich abgedroschenen Allgemeinplätze, auf welchen Casper formelhaft herumspringt. Da hilft auch all das Namedropping nichts. Trotz Oasis, Wir sind Helden, Thees Uhlmann, Slime, Wizo und Konsorten: Lyrisch liegt Hinterland in etwa auf Höhe der Niederlande. Kurz vor’m Absaufen und vor allem unter Null. Dagegen ist selbst genannter Thees Uhlmann ein Poet im Zeichen der Subtitlität.

Und bevor jetzt gefragt wird, warum diese Platte bei all dem Gemecker als Glück bezeichnet wird: Hinterland wischt alles Genannte im Horst Seehofer-Style mit einem lausbübisch grinsenden Handstreich von sich. Capsers Drittwerk ist schließlich die Platte, die XOXO gerne sein hätte wollen. Die Pole, die 2009 bisweilen noch etwas hölzern zusammengekleistert wurden, finden nämlich 2013 geradezu spielerisch zueinander. Rap, Indie, Singer-Songwriter und ganz viel Pop. All das wird schlüssig in die Waagschale geworfen, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre. Beispiele gefällig? Man höre allein den überlebensgroßen Opener Im Ascheregen. Ein Stück, das sich eine gefühlte Ewigkeit Zeit nimmt, um vollständig zur Entfaltung zu kommen. Und dabei neben der treffsichersten Killerklavierhookline noch dringlichste Schlagzeugarbeit, euphorische Streicher und die Get Well Soonsche Vorliebe für nonchalantes Geklimper im Gepäck hat. Zwingender würde man nicht mal von Mike Tyson aus den Socken gehauen. Und man darf dabei sogar noch die Ohren behalten. Klasse. Und wo gerade das Wort klasse fällt: Selbiges Fazit lässt sich in der Folge noch einige male zücken. Zum Beispiel beim Titeltrack. Der mit seiner abgehangenen Akustischen und verhallten ‚uh-uhs‘ Benjamin Griffey im Refrain als völlig unfähigen und eben deshalb sympathischen Sänger outet. Schiefer hätte selbst ein junger Nagel diese Gesangslinie nicht hinrotzen können. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.

Wenn man glaubt, man wäre beim absoluten Highlight angelangt – der Schreiberling hat immerhin schon seinen Lieblingskünstler als Referenz in die Runde geworfen -, liegt man allerdings herbe fehl. Weil: Es sind erstens erst knapp neun Minuten aka zwei Songs vergangen und es findet sich zweitens noch allerhand Findenswertes auf dem Weg durch’s Hinterland. Das sensationelle Nach der Demo ging’s bergab! etwa. Ein Song, der Tomte und Arcade Fire zitiert und es dennoch vollbringt, nach Capser zu klingen. Oder Lux Lisbon. Da schneit dann von Beginn an plötzlich Tom Smith von den Editors rein und liefert seinen Part zum besten Editors-Song seit Munich. Oder eben das endgültige Prunkstück dieses Albums: Ariel. Der Song, der die logische Nachfolge von Michael X antritt. Und genannten Song nahezu erschreckend locker überflügelt. Wo vor zwei Jahren noch pathostriefende Marschdrums und leidlich kreative Anspielungen auf beispielsweise den Club 27 herhalten mussten, wird das Thema Abschied heute zurückgenommen und gerade deshalb anrührender denn je verhandelt. Ein Track, den man vermutlich nur ein mal im Künstlerleben so auf die Kette bekommt. Der dann logischerweise auch den Wendepunkt von Hinterland markiert. Im Schlussspurt geht Casper nämlich ein wenig die Luft aus. Wenn nämlich Ganz schön okay die einigermaßen – vorsicht, kein Kompliment – furchterregenden Kraftklub auspackt oder sich das eigentlich gelungene  Jambalaya mit Kinderchören selber zersägt. Ja dann ist man versucht, den Weg zur Skip-Taste zu suchen. Doch so lange Casper seine Platte mit einem ausladenden Stück wie Endlich angekommen zu beschließen weiß, fällt das nicht allzu schwer ins Gewicht.

Was bleibt, sind alte und neue Erkenntnisse. So ist Casper auch 2013 Konsens. Eine breit angelegte Angriffsfläche mitsamt treudoofer Textarbeit inklusive. Streitbarer denn je. Aber auch konsequenter denn je, wird doch der Rap so ziemlich endgültig verabschiedet, wird ausgehend von XOXO der nächste Schritt gewagt. Ins Ungewisse. Und allen mehr oder weniger berechtigten Kritikpunkten zum Trotz: Dass dieser gelingt, kann man Casper eigentlich kaum hoch genug anrechnen.

8/10

Anspieltipps: Im Ascheregen, Hinterland, Nach der Demo ging’s bergab!, Lux Lisbon, Ariel

(Martin Smeets)

Casper – Hinterland | Four Music | VÖ: 27.09.2013 | CD/LP/Digital

(Anm. des Verfassers: Zunächst wurde als Wertung eine 9/10 vergeben. Da diese Wertung jedoch keinesfalls ohne Zweifel vergeben wurde, wurde selbige inzwischen auf eine 8/10 heruntergestuft.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*