Caroline Keating – Silver Heart

Für immer

„Falls die Plattenfirmenverantwortlichen noch Interesse an guter Musik haben, sollte dieser Studentin der Kunstgeschichte, die im Neo-Hippie Sufjan Stevens einen Engel der Neuzeit sieht und bereits Stücke über Joseph Beuys und seine Kaninchen schreibt, bald weltweiter Ruhm beschieden sein.“

Es war nicht irgendein daher gelaufener Schmierfink, der diese Zeilen ersann, anlässlich Caroline Keatings Auftritt beim Indie-Festival „M is for Montreal.“ Vielmehr war es Jan Wigger, dem es da die Sprache wohl ein wenig verschlug, der gar meinte, sein „musikalisches Wunder“ erlebt zu haben. Und damit immerhin der Kerl, der für den Spiegel regelmäßig mit spitzen Pointen Bands gen Himmel und Hölle schreibt. Der mit Joanna NewsomRegina Spektor und Kate Bush auch gleich richtig tief in die Referenztrickkiste greift, um Caroline Keatings Stücke zu umschreiben. Ein zurückhaltender Hinweis auf eventuell vorhandenes Potential, auf eine vielversprechende Künstlerin sieht anders aus. So baut man also Erwartungen auf. Erwartungen, mit denen – und das muss man einfach gleich voran stellen – Silver Heart keinerlei Schwierigkeiten hat.

Im Gegenteil: Sollte hinter diesem Album irgendeine Form von Druck gesteckt haben, so hat sich Keating diesen ominösen Druck geschnappt, lustig-formschön verknotet und mit verschmitztem Grinsen zurück an den Absender geschickt. Genau zehnmal muss das so abgelaufen sein. Und weil bei dieser Prozedur noch 40 Minuten Musik rum gekommen sind, wurde dem Ganzen flugs der Name Silver Heart gegeben. Und plötzlich war eine Platte fertig. Das lassen zumindest die zehn Songs vermuten, die so unbeschwert lässig klingen, als ob sie mit fast unverschämter Leichtigkeit von der Hand, oder vielmehr von den Fingern gegangen wären. Einfach so. Dafür braucht Caroline Keating dann auch gar nicht mal viel: Ein Klavier, dezente Instrumentierung, ihre Stimme und eine Produktion, die so tut, als ob sie gar nicht zugegen wäre. Fertig ist ein Album, das sich auf der ganzen Strecke einfach keinen einzigen Ausrutscher, nicht den geringsten Patzer erlaubt. Das trotz all seinem vergnügten, spielerischen Leichtsinn vollgepackt ist mit erhabener Melancholie. Das morgens mit in einen neuen Tag hinein grinst und Abends mitseufzt, wenn man abgekämpft im letzten Bus durch den Regen gondelt und, den Kopf ans beschlagene Fenster gelehnt, nach draußen starrt. Dann ist Keating da, singt im formidablen Ghosts „I’m not done with you yet“ und man ist froh um das Wissen, dass sie sich an diese Ansage halten wird. Es sind schon die großen Gesten und Gefühle, die Keating heraufbeschwört. Allerdings braucht sie dafür vergleichsweise kleine Musik: Ausladende Instrumentalparts, luxuriös mit Spuren zugekleisterte Songs oder gar eine Portion aus dem Schmalztopf, alles Dinge, die man nicht finden wird, auf Silver Heart. Im Gegenteil, diese Platte findet ihre größten Augenblicke in den zurückhaltendsten Momenten, allen voran in Lusty Dusty, das in seiner Fragilität so vorsichtig auf Zehenspitzen durch den Raum schleicht, als könnte es jeden Moment auseinanderbrechen. Oder in Montreal, wenn Keating ihrer Wahlheimat ein Stück schenkt und gleichzeitig ihre HörerInnen sachte aus dem Album geleitet, sich mit leisen Klavieranschlägen verneigt.

Was dann folgt, ist keinesfalls aufbrandender, tosender Applaus, nein, diese Platte kann man nur mit stiller Bewunderung angemessen würdigen. Und sie gleich noch ein mal hören, um zu begreifen, was man eben erleben durfte: Eine Platte die das Große im kleinen, die Weisheit im Kindlichen findet. Überflüssig zu erwähnen, dass Jan Wigger natürlich recht hat. Bezaubert weiter hören. Für immer.

10/10

Anspieltipps: Ghosts, Lusty Dusty, Montreal

(Martin Smeets)

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