Captain Planet – Treibeis

Nicht zu fassen

Ich gebe es vorneweg freimütig zu: Ich wollte Captain Planet, diese Band, und mit ihnen dieses Album eigentlich nicht mögen. Man könnte fast sagen, ich wollte Treibeis bedingungslos hassen, gnadenlos runter schreiben, es zum Geschwür am Arsch des Bodensatzes der Popkultur erklären. Warum das? Ganz einfach: Alles, was in den letzten Wochen um Captain Planet herum passiert ist, ging mir tierisch auf den Zeiger. Ob man es hören bzw. lesen wollte, oder nicht: Lobeshymnen von allen Seiten, Platte der Woche in der VISIONS, Begeisterung allenthalben. Wo auch immer der Name Captain Planet auftauchte, tauchte vor meinen Augen immer die Borg-Königin auf, die irgendetwas von ’sie werden assimiliert werden‘ und ‚Widerstand ist zwecklos‘ faselte. Kurz: Es gab wider Willen keinen Weg vorbei an dieser Band, die mit ihrer dritten Platte so plötzlich – na gut, Die Zeit wusste es schon vor fünf Jahren – im Spannungsfeld der breiteren Aufmerksamkeit aufschlug. Man könnte glatt den vielstrapazierten Hype anführen. Alles Schall und Rauch, so lautete mein vorgefertigtes Credo, mit dem ich schließlich schwungvoll auf die Kauleiste gefallen bin – falscher hätte ich nämlich nicht liegen können.

Doch wenden wir uns lieber ab, von diesem Allgemeinplatz. Kommen wir also zu Treibeis, zu diesem Album, das man dann auch tatsächlich nicht auf Anhieb mögen muss. Im Gegenteil, man kann sich durchaus stoßen, an diesem ziemlich straight herunter gezockten Punk mit gehöriger Emo-Schlagseite, an der latenten Angestrengtheit im Gesang von Jan Arne von Twistern, an einigermaßen plakativen Slogans wie „Viva allein!“, an der ziemlich fragwürdigen Soundästhetik. Im Windschatten des flüchtigen Blicks könnte man Treibeis ganz unbedarft als Soundtrack für juvenil schwarz gefärbte Seitenscheitel bezeichnen, die sich mit tränenverschmierten Kajalblick von schräg-rechts-oben photographieren. Und wie oben schon erwähnt: Genau das war irgendwann mal mein Plan. War, weil diese Platte, diese 30 Minuten Musik all diesen Gedanken jeglichen Wind aus den Segeln nehmen, einen unüberwindbaren Brocken Treibeis vor den Bug kloppen. Der Vierer ist, das wird mit jedem Durchlauf klarer, nämlich viel zu clever, um mit seinen Songs derlei oberflächliche Klischees zu bedienen. Stattdessen schlagen die Songs auf Treibeis zahlreiche Haken, entschwinden genau dann, wenn man meint, alles durchschaut zu haben. Das fängt bei den Texten an, die es tunlichst vermeiden, explizit zu werden, die „Viva allein!“ nicht zu einem Spruch für schmierige Bahnhofswände verkommen lassen und lieber ein „dein Bett und ihr Kissen“ voranstellen. Und so in Bildern sprechen, Situationen suggerieren, die nicht zu fassen sind. Weiter geht das mit einer etwas seltsamen Fixierung auf den Themenbereich ‚Bus‘, die wohlig an Element Of Crime’s Obsession für Straßenbahnen erinnert. Gesetzt den Fall, dass dies gewollt ist: Chapeau!

Ein Teil der anfänglichen Bedenken ist also bereits jetzt ins ewige Eis (ja, diese billige Metaphorik wird jetzt durchgezogen) verbannt. Und was ist mit dem anderen Teil? Nun, der soll folgen. Die Musik nämlich, die im ersten Moment ungefähr so originell und individualisiert wirkt, wie die Haltestellenansagen vom Band im Stadtbus, gräbt sich nach und nach immer hartnäckiger und nachhaltiger ins Ohr. Klar, das ist im Prinzip nichts weiter als Punk jüngerer Machart – jedoch atmen diese Akkordfolgen, die vielen Ideen die Hintersinnigkeit von Turbostaat und die Unaufdringlichkeit später …But Alive. So ist es dann nur folgerichtig, dass bereits das Einstiegsdoppel aus Pyro und Sand in den Augen exemplarisch für das steht, was da noch kommen wird: Songs die es schaffen, zur gleichen Zeit halsbrecherisch und doch fragil zu wirken. Die wütend und melancholisch, hart und zerbrechlich sind. Die einen resignierten Eindruck machen und doch aufbrechen wollen. Selten wurden Garstigkeit und Zutrauen geschickter und konsequenter über ein ganzes Album hinweg miteinander verwoben. Und auch wenn es nicht nötig ist, einzelne Songs heraus zu heben: Am eindrucksvollsten funktioniert das alles in Nest, das seinen voller Euphorie nach vorne preschenden Refrain mit einem desillusionierten „hast dich schon oft gefragt, ob du noch weißt wozu du jeden Morgen an dieser Haltestelle wartest“ kombiniert. „Um die Nacht zu vergessen, um den Tag zu verschlafen.“ Eine Losung, die man kennt. Dass hier in drei Minuten zusammen kommt, was unbedingt zusammen gehören muss, dass Musik und Text sich die Bälle bewundernswert zu spielen, dass alles, außer Gefangene gemacht werden, dass alles macht den Song nur noch besser. Und so zu einem Stück, dass mit Leichtigkeit als ein kleiner Punk-Hit durchrutscht. Und doch nur im Haaresbreite aus dieser Ansammlung sehr guter Songs heraussticht. Schließlich legen Captain Planet die Latte auf Treibeis durchgehend sehr hoch.

Wer trotz alledem noch meckern will, muss dies auf schwindelerregendem Niveau tun. Ja, die Produktion ist schon etwas arg schmal geraten. Ja, manchmal würde man sich eine Spur mehr an Variation zwischen den einzelnen Songs wünschen. Aber hey: Geschenkt. Um es kurz zu machen: Believe the Hype! Treibeis ist die beste deutsche Punkplatte seit Langem. Nicht zu fassen.

9/10

Anspieltipps: Pyro, Nest, Land unter, Gehwegflattern

(Martin Smeets)

 

5 Gedanken zu „Captain Planet – Treibeis

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