Boysetsfire – The Misery Index: Notes From The Plague Years

Boysetsfire - The Misery Index // Bild: de.7digital.com

Ein weites Feld

Es gibt Platten, die sind auf ihre ganz eigene Art hinterhältig. Alben die gehört und als ‚gut‘ abgenickt werden. Und doch aus nicht näher definierbaren Gründen im Laufe der Zeit ein klein wenig in Vergessenheit geraten. Nur um später, nach ein paar Monaten, oder, wie in diesem Falle, vielleicht Jahren, so ziemlich aus dem Nichts wieder um die Ecke zu kommen. Im konkreten Beispiel gar unterstützt von den äußeren Bedingungen – ein zugiger Morgen, ein Heimweg am Fluss entlang, ein paar verschüchterte Sonnenstrahlen, die sich den Weg durch die noch klammen Blätter bahnen und dann: Boysetsfire. Genauer gesagt (und ich verzichte an dieser Stelle mal auf den vollständigen Titel) The Misery Index. Keine gewöhnliche Platte, mehr ein Parforceritt durch alle möglichen, mehr oder weniger abstrusen Genres, die gerade so zur Hand waren. Und die Frage: Warum um alles in der Welt fällt es mir erst jetzt, sieben Jahre zu spät, wenn man so will, auf, welch Juwel sich da in meiner Sammlung befindet? Wie konnte ein Album so lange die Füße still halten? Wo es doch – Vorsicht, verflixt steile These – in gewisser Hinsicht das beste Album dieser an sich schon großartigen Band ist.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Das beste Album dieser Band. Das beginnt schon bei der Produktion, die, wie schon auf dem etwas lahmen Vorgänger Tomorrow Come Today, mehrere Meter dick ist. Allerdings dieses mal ohne die Dynamik der Songs zu (zer)stören. Wuchtig kommen die Songs daher, aber doch zugleich wieselflink und wendig. Das geht weiter beim Opener Walk Astray, der alles, aber auch wirklich alles, was Boysetsfire ausmacht, in knapp fünf Minuten auf den Punkt bringt: Das fast unfehlbare Gespür für eindringliche, fast empathische Melodien, die diebische Freude an halsbrecherischen Abfahrten in Richtung Krach und – man kann es einfach nicht oft genug erwähnen – dieses unverwechselbare Organ, das sich durch den Song singt, keift und leidet. Textlich natürlich in bekannter Boysetsfire-Manier garniert: „I don’t wanna sing about freedom anymore. I wanna see it, I wanna feel it, I wanna know that it still sits beyond the lies that we’ve been told, beyond the wars that keep our families from home..“ Gefühlvoller Ausdruck bei klarer Haltung. Ein Kunststück, dass nicht vielen so formvollendet gelingt.

Zu diesem Zeitpunkt sind aber gerade einmal fünf Minuten von The Misery Index verstrichen. Es folgt also noch eine ganze Menge. Requiem zum Beispiel, dass sich in der tiefen Verneigung vor At the Drive-In (man vergleiche den Beginn von Requiem und Pattern Against User, ich denke mir das hier nicht aus) übt und in graziöser Pose den Pop anschmachtet. Und zwar mehr als gelungen. Oder die lustvoll zelebrierte Brutalität von Final Communique, das in unter zwei Minuten so mir nichts, dir nichts alles nieder mäht, was sich ihm in den Weg stellt. Oder das atemberaubende (10) And Counting, das in all seiner Hymnenhaftigkeit bisweilen nicht nur mit My Life In The Knife Trade mithalten kann, sondern selbiges teilweise sogar überflügelt. Oder natürlich das unvermeidliche Empire. Kurz und gut: Ein Hit eben.

Und dann, nachdem man sich an der ersten Hälfte des Albums schon nur schwerlich satt hören konnte, öffnen Boysetsfire dem Wahnsinn Tür und Tor. In Form von So Long… And Thanks For All The Crutches nämlich. Es mag ja sein, dass die Herren Gray und Co. schon immer für die ein oder andere Überraschung gut waren. Aber im Ernst: Ein Freejazz-Intro? Ein Hip-Hop-Beat zum Ende? Und das alles in drei Minuten? Wo doch zwischen diesen völlig unterschiedlichen Welten ein traumhaft mitsamt Bläsern runter geholzter Brocken liegt, der selbst ein Release The Dogs in die Tasche steckt? Meine Güte, wer soll das denn noch verstehen? Und doch: Es funktioniert. Ganz und gar exzellent sogar. Verstehen muss man diese Ausbrüche ja auch gar nicht, so lange solche Highlights herausspringen, wenn man Boysetsfire einfach mal machen lässt.

Begleitet von dieser Einstellung wundert man sich auch gar nicht mehr so arg, wenn die Band in Deja Coup in etwas abbiegt, was man als die Boysetsfiresche Spielart von Ska (pah, als ob irgendjemand die Worte Boysetsfire und Ska vor dieser Platte in einen semantisch sinnvollen Zusammenhang hätte bringen können) bezeichnen könnte. Und selbst das nicht nur unfallfrei, sondern sogar grandios auf die Kette bekommt. So muss es wohl klingen, wenn man sich Narrenfreiheit erspielt. Schließlich könnte jetzt, nach so viel wilder Sprunghaftigkeit, wirklich alles kommen. Was aber kommt, sind zum Abschluss willkommen gewöhnliche Songs, ehe Boysetsfire ihre HörerInnen in A Far Cry mit Verve aus der Platte prügeln.

Jetzt mögen sicher viele einwenden, dass das hier ja alles schön und gut sei, aber die beste Platte dieser Band doch bitteschön ganz eindeutig After The Eulogy ist. Und ja, das stimmt auch. DAS Boysetsfire-Album bleibt natürlich, allein schon aufgrund von Songs wie After The Eulogy und Rookie in Sachen Abgeschlossenheit und Dringlichkeit unerreicht. Wenn es aber um Fragen nach Facettenreichtum und Abwechslung geht, wenn man den Mut honoriert, den es braucht um das ein oder andere Stück auf The Misery Index genau so unterzubringen, wenn man das unglaubliche Spannungsfeld bedenkt, an dem sich die Band hier abarbeitet, dann kann und muss man nur zu einem Schluss kommen: An The Misery Index führt kein Weg vorbei. Dieses Album ist essenziell.

9/10

Anspieltipps: Walk Astray, 10 (And Counting), So Long… And Thank For All The Crutches

(Martin Smeets)

Boysetsfire – The Misery Index: Notes From The Plague Years | Burning Heart (Indigo) | VÖ: 24.02.2006 | CD/LP/Digital

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