Bosse – Kraniche

Bosse Kraniche // Bild: cdstarts.de

Yeah!

Es gibt ja diese Abende, an denen man sich nichts Besseres vorstellen könnte, als sich – Klischee olé – mit einem guten Buch, einem schweren Rotwein und weltschmerztriefenden Singer-Songwriter Platten in der eigenen Wohnung zu verschanzen. Die Welt mal Welt sein lassen. Und es gibt diese Tage, an denen man ohne erkennbaren Grund diebisch grinsend ‚Ich hab bock!‘ in den Morgen grüßt, an denen man raus muss, rein ins Gedränge. Für Letztere legt Axel Bosse nun einen weiteren Soundtrack vor. Kraniche ist nämlich das Album geworden, das man dabei haben will, am See, beim Kaffee trinken, beim Sport, beim abendlichen Umtrunk im Freien.

‚Ey Moment mal,“ mögen da jetzt manche einwenden, ’soll ich jetzt den Sommer über schnöden Pop hören?‘ Und so gerechtfertigt dieser Einwand an der Oberfläche sein mag, muss die Antwort doch ‚ja‘ lauten. Denn diese auf Platte gebannte – Klischee olé, die Zweite – Leichtigkeit, die Axel Bosse mitsamt Band hier aufzaubert, findet man gemeinhin eher selten. In dieser Machart vielleicht sogar nie. Dabei schlendert der Opener und Titeltrack zunächst eher zurückgenommen daher, gibt aber nach einer Minute dann doch die weitere Richtung vor. Kräftiges Schlagzeugspiel, leichtfüßige Klavier- und Gitarrenmelodien und euphorietrunkene Bläser. In bisweilen furioser Kombination Darüber konstatiert Axel Bosse optimistisch: „Ich such‘ nicht mehr und finde nur.“ Kauft man ihm ab. Unbesehen. Dass zum Finale noch eine herrlich unterproduzierte Gitarre vorbeidengeln darf, ist dann quasi die Kirsche oben drauf. Ein Symbol für die Liebe zum Detail. Übrigens auch so eine Eigenart, die Kraniche auszeichnet. Eine Detailverliebtheit, die niemals zum Verkopften tendiert. So präsentiert die Single Schönste Zeit dann eben einen Text, der zwar mit popkulturellen Referenzen um sich wirft, aber beim genauen hinsehen erfrischend geradlinig gehalten ist: „Es war 1994 und wir wussten nicht wohin, also gingen wir in dein Bett.“ Kann man machen. Die Musik dazu: Purer Pop, Harmonien, die mit Gewalt ins Ohr dringen, in denen es aber gleichzeitig so viel zu entdecken gilt, dass keinesfalls Langeweile aufkommt. Dass Familienfest ein bitterböse Punchline nach der anderen ausgerechnet über beinahe ekelhaft fröhliche Streicher legt? Passt perfekt ins Bild. Überhaupt wird Axel Bosse gegen Ende des Album ein klein wenig gehässig, vor allem, wenn er in Sophie feststellt: „Denn da ist so ein Blick an dir, ich glaub‘ nicht mal deinen Namen.“ Ein Satz, der exemplarisch für Bosses Art zu texten steht. Nicht unbedingt poetisch, aber immer treffsicher. Um noch ein letztes mal ein Klischeewort zu gebrachen: Authentisch.

Und auch wenn nicht jeder Song bedingungslos mitzureissen vermag, wenn Alter Affe Angst und Vive la danse eher wie Fremdkörper wirken: Kraniche ist ein beachtliches Album geworden.

7/10

Anspieltipps: Kraniche, Schönste Zeit, Vier Leben, Familienfest

(Martin Smeets)

Bosse – Kraniche | Vertigo / Universal | VÖ: 08.03.2013 | CD/LP/Digital

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