Bosnian Rainbows – S/T

Bosnian Rainbows - s:tIm Heimathafen des Pop

Die Geschichte der Bosnian Rainbows ist zunächst einmal eine Geschichte von Omar Rodriguez Lopez. Es ist die Geschichte eines Mannes, der hin und her gerissen zwischen allen möglichen Stühlen endlich im Heimathafen des Pop einfährt. Omar Rodriguez Lopez im Heimathafen des Pop? Bitte was? Ja, alles der Reihe nach. In den vergangenen Monaten ging es Schlag auf Schlag. At The Drive-In– Reunion – wie groß waren da die Erwartungen? Mindestens so groß wie letztlich die Enttäuschungen. Ein paar eher lustlos gespielte Shows, das war’s. Eher peinlich sowas. Im März 2012 das letzte The Mars Volta-Album Noctourniquet, das nach dem schwachen Octahedron auch noch einmal Erwartungen entlocken konnte, letztlich aber eine indiskutable Katastrophe war. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass The Mars Volta jemals so ein schlechtes Album aufnehmen. Aber da ging es eben schon länger den Bach runter. Die Entzweiung von Rodriguez Lopez und Bixler Zavala war in der Zeit um das letzte Album schon längst mit Händen greifbar. Und so sollte man statt der letzten Jahre, in den so viele Möglichkeiten verschenkt wurden, doch eher die Großtaten De-Loused In The Comatorium und Amputecture in Erinnerung behalten.

Rodriguez Lopez, der mittlerweile eine unzählige Anzahl an Soloplatten rausgeschleudert hat, die bis auf einige Ausnahmen (Calibration, Se Dice Bisonte, No Bufalo, Old Money, Cryptomnesia, Xenophanes, Ciencia de los Inutiles + ein paar mehr) soundtüftlerische Irrwitzigkeiten und zum Anhören völlig ungeeignet sind, führt es tatsächlich in Richtung Pop. Vielleicht ist es gar nicht so überraschend, dass es irgendwann so kommen musste, nur hätte ihm schon weitaus früher jemand sagen können, dass er mit seinem kryptischen Gitarrengeklicker und haarsträubenden Synthiegemetzel auf einem eigenwillig-fragwürdigen Holzweg ist.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Teri Gender Bender. Die nämlich, so male ich es mir aus, hat Omar nicht nur wieder zu Verstand gebracht, sondern ihm auch nach und nach seine diktatorischen Anwandlungen ausgetrieben. Mit Nicci Kasper und dem letzten TMV-Drummer Deantoni Parks gesellten sich zwei weitere dazu, und zack, statt immer nur Omars Solosachen zu proben, wuchs eine Band heran: Bosnian Rainbows. Die quartierten sich schließlich in den Hamburger Clouds Hill Studios ein, um ihre Debütplatte aufzunehmen. Analog aufgenommen, nicht mit einem aberwitzigen Titel versehen und Pop. Für Rodriguez Lopez-Verhältnisse also absolut verrückt.

So kommen wir denn endlich zu der Platte und weisen die obigen Pauschalitäten gleich zurück. Also Pop ist das hier natürlich nur im entferntesten Sinne, für die Beteiligten aber wohl tatsächlich reinster Pop. Dabei beginnt der Opner Eli noch ganz traditionell mit psychadelischen Geräuschen, Geklapper und Geklimper und eine desillusionierte Stimme schleppt sich traumwandlerisch durch die ersten Silben. Gitarrengeschnatter, klar. Doch dann kommt doch ein eingängiger Refrain und formt diese Geräuschansammlung zu einem Song. Ein gewöhnungsbedürftiger Song mag das ja sein, aber die Fühler werden ganz klar in Richtung Song ausgestreckt. Melodie, Spannungsbögen, Groove und Strophe/Bridge/Refrain sind Trumpf. Klar, das Prog-Rock-Gewusel findet auch statt, ist dabei aber eher schmückendes Beiwerk. Die Musik ist im Großen und Ganzen doch klassisch getragen und strukturiert.

Die Vocals sind zumeist im Vordergrund – völlig zurecht übrigens, hat Terri Gender Bender ein ausgesprochen markantes und vielseitiges Organ (das manchmal Gwen Stefani verblüffend nahe kommt). Die Instrumentierung ist ingesamt zurückhaltend, nicht ohne sich hier und da im Omarschen Jam-Kosmos zu verfangen. Doch geschieht dies stets dezent und songunterstützend und verkommt nicht zum psychadelischen Slebstzweck. Worthless ist so ein Beispiel: ein dumpfer Nintendo-Beat wird umflackert von allerlei fahrigen Klängen, verliert sein Spur jedoch nicht, sondern kommt erstaunlich präzise auf den Punkt. Letzteres gilt z.B. auch für Dig Right In Me, The Eye Fell In Love oder Torn Maps. Alle sind so experimentell wie möglich und so klar wie nötig, um als gute Songs durchzugehen.

Doch reicht das alles für ein gutes Album? So halb zumindest. Aber es gibt da zum Glück so abgefahrene Hymnen wie I Cry For You und Red. Da ist sie zwar wieder, die mars-voltanisch jaulend-schwingende Gitarre des Masterminds, doch keine Angst: so einen leicht verdaulichen Brocken Garage-Indiepunk hätte man den Bosnian Rainbows wahrlich nicht zugetraut, werden da doch tatsächlich White-Stripes-Riffs geschrammelt (ersterer) und The-Cure-Sythies geschichtet (zweiteres). Das ist richtig gut. Und das nachfolgende Morning Sickness spielt in der Güte fast in der selben Liga. So ein zerfahren-verzogenes Biest wie Turtle Neck ist dabei eine willkommene Krautrock-Spielerei, die man gut gelaunt durchwinken muss.

Und bis man sich umsieht, geht auch schon eine Platte zu Ende, die nicht alle Ansprüche erfüllen kann, denn dazu ist sie insgesamt zu konturlos und stellenweise für eine launige Platte (die sie ohne Zweifel sein möchte) zu spröde, gewiss aber auch Überraschungen parat hält, die entzücken und einer spannenden Formation ein verlässliches Fundament ebnen. Wirklich popaffinen Leuten dürfte das Debüt der Bosnian Rainbows letztlich eine Ecke zu anstrengend sein, Omar Rodriguez-Lopez-Group Geplagte dürften bei so viel Einfachheit und Klarheit jedoch ordentlich mit der Zunge schnalzen und an der einen oder anderen Stelle leicht und locker das Tanzbein schwingen. Letzteres dürfte Omar mittlerweile ganz recht sein.

7/10

Anspieltipps: Eli, I Cry For You, Turtle Neck, Red

(Martin Oswald)

Bosnian Rainbows – S/T | Clouds Hill | VÖ: 28.06.13 | LP/CD/digital

2 Gedanken zu „Bosnian Rainbows – S/T

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