Biffy Clyro – Opposites

Biffy Clyro - OppositesGroße Gesten im Doppelpack

Doppelalben sind immer so eine Sache. Stets sind sie Ausdruck jeder Menge Arbeit und einer ordentlichen Portion Größenwahn. Nicht selten markieren sie einen Umbruch in der Schaffensphase einer Band, ja manchmal sind sie ihre Neugeburt oder vielleicht sogar ihr Begräbnis. Auf alle Fälle sind sie immer etwas Großes – so wollen es die Bands scheinbar. Gut, gelegentlich kommen einfach zu viele Songs zusammen, meistens aber räumt man dem Doppelalbum doch ein etwas Besonderes zu sein. Es dürfte allerdings auch kein Geheimnis sein, dass dieses Versprechen oftmals nicht einlöst wird und daher mit einem Doppelalbum immer auch ein größeres Wagnis verbunden ist als mit einer einzelnen Veröffentlichung. Eine ’normale‘ Platte kann eben auch einfach mal ein Ausrutscher sein, über den man wohlwollend hinwegsieht – bei einem Doppelalbum fällt das deutlich schwerer, ist es allein von der in Anspruch genommenen Bedeutung gleichsam gewichtiger. Manchmal geht die Idee des Doppelalbum ziemlich hervorragend auf. Bei Pink Floyds The Wall (1979) oder The Smashing PumpkinsMellon Collie and the Infinite Sadness (1995) zum Beispiel. Manchmal geht sie aber auch in die Hose – so geschehen bei Red Hot Chili PeppersStadium Arcadium (2006).

Biffy Clyro haben sich nun auch an ein waschechtes Doppelalbum gewagt. Waschecht deswegen, weil sie ja seit jeher einen enormen Song-Output haben und ihre Veröffentlichungen fast immer von einer ganzen Horde B-Seiten begleitet wurden. Diesmal also zwei nahezu gleich lange und gleichberechtigte Teile, die zunächst einmal das Nachforschen anregen, worin sie sich denn eigentlich unterscheiden. Auf den ersten Blick sind sie weniger verschieden als man annehmen möchte, denkt man an Biffy Clyros ausgesprochen wandlungsfähige Diskographie zurück. Ihre Platten waren immer für Überraschungen gut und es wäre vielleicht keine Überraschung gewesen, hätten sie beiden Opposites-Teilen ein jeweils anderes Soundkostüm übergestülpt. Mittlerweile (spätestens seit Puzzle) sind die Grunge-Jimmy-Eat-World-The-Smashing-Pumpkins-Anleihen hymnisch-alternativem Pop-Rock gewichen, der nicht nur in der Theorie Stadien füllen könnte. Die experimentelle Dosis ist im Laufe der Jahre – von Infinity Land und (teilweise) Puzzle vielleicht einmal abgesehen – deutlich reduziert worden und ja, auch Opposites macht sich in experimenteller Hinsicht rarer. Nun, dann also endlich zu Opposites:

Die Überraschung bleibt aus, die Marschrichtung, die Only Revolutions markierte, wird konsequent weiter beschritten, bleibt aber – soviel sie schon einmal verraten – auf diesem Wege hinter dem Vorgänger zurück. Und das liegt: am Doppelalbumsein. In 20 Songs in fast 80 Minuten schleichen sich unwillkürlich Längen ein. Und in der Tat bewahrheitet sich ein eigentlich dummer Ratschlag: hier wäre weniger mehr gewesen. Die 20 Songs auf 12 zusammenstauchen, die 80 Minuten auf 50 und schon stünde einer sehr guten Biffy-Clyro-Platte nichts im Wege. Naja, vielleicht wäre es so einfach doch nicht gewesen, aber stellenweise sehnt man sich doch nach der Prägnanz und Kurzweiligkeit der Vorgängerplatte und dem experimentellen Ideen-Feuerwerk der frühen Jahre. (Ich verschweige an dieser Stelle einfach mal dezent, dass es Opposites auch in einen Single-Edition gibt, auf der jeweils 7 Songs von Teil 1 und 2 zusammengewürfelt sind.)

Auf alle Fälle fängt Opposites stark an. Different People und Black Chandelier scheuen sich nicht die ganz großen Gesten auszupacken, die sich Biffy Clyro in proppenvollen Hallen und Stadien angeeignet haben. Da sitzen die Mitsingrefrains, die Laut-Leise/Schnell-Langsam-Wechsel wie die Faust auf’s Auge. Feinster Pop-Rock. Die großen Gesten werden auch im weiteren Verlauf nicht fallen gelassen, weil (fast) jeder einzelne Song nicht nur auf Platte, sondern eben auch im Stadion und jeder Indie-Disse funktionieren muss. Und natürlich gehören da auch Feuerzeug-Schunkel-Liebes-Balladen dazu. In diesem Fall der Quasi-Titeltrack Opposite. Was soll man dazu sagen? Anschleichende Allerwelts-Gitarrenmelodie, eine Schippe Sehnsucht in der Stimme, bam bam bam 6/4-Takt, dezente Xylophonanschläge, stilecht mit Streichern versehen – ja so gehen Balladen. Ob das gut ist? Eher nicht und da wäre auch schon der erste Song, den man sich getrost hätte sparen können. Das Doppelpack von The Joke’s On Us und Biblical macht sich hingegen prächtig. Letzteres ist mit seiner ausgezeichneten Dramaturgie und rhythmischen Vokalisierung einer der besten Songs der Platte. The Fog, das sich wie ein schwerer und träger Nebel über das Album legt, wäre ein guter Abschlussong gewesen. Der Rest von Teil 1 sind dann noch die Zugaben, nach denen niemand mehr gefragt hat.

Der zweite Teil des Albums unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom ersten, ist allerdings, im Gesamten betrachtet, ein Stück weit experimenteller, offener, ausgefallener und nicht mehr ganz so refrainfixiert. Das Hymnenhafte rückt (vergleichsweise) in den Hintergrund und die Platte lässt sich stattdessen auf gewagtere Instrumentierung ein. So probiert sich in Stingin‘ Belle ein Dudelsacksolo aus, testet Modern Music Formula Oceansize-Riffs aus (zweifellos der Einfluss des Tour- und diesmal auch Studio-Gitarristen Mike Vennart, seines Zeichens Ex-Frontman eben jener Progressive-Helden) und leiht sich Spanish Radio mal eben hochschraubende Trompeten-Klänge, um die La Brass Banda nicht verlegen wären. Pocket wartet dann mit einem richtigen Schock auf, als man schon fast Puddle Of Mudd hinter den Lautsprechern vermutet. Aber keine Angst, das ist nur ein Ausrutscher und die nachfolgende Rockoper Trumpet or Tap wirkt dabei regelrecht wie eine Befreiung. Ja, Biffy Clyro probieren sich aus, trauen sich in aller Opulenz auch mal daneben zu greifen. Und tatsächlich ist Teil 2 eine Art verkappte Oper, die ihre Höhen und Tiefen hat, die Gipfelstürme dabei aber verhaltener angeht als in Teil 1 und abgesehen von Pocket auch nicht wirklich ins Klo greift. Woo Woo ist bei aller Dümmlichkeit des Titels, der „Woo Wooos“ und den überaus uninnovativen Zeilen „I will love for the rest of my life / Can you love me till the end of time?“ dann doch noch mal ein kleines und kurzes Highlight mit ausgesprochen groovigem Refrain. Vielleicht sogar das beste Stück auf Opposites.

Alles in allem ist Opposites ein in Länge und Gestik übertriebenes Album, das trotz aller Schwächen doch eigentlich ganz gut ist. Letzteres ist es besonders aufgrund des großen songwriterischen Könnens der drei Schotten, des Mutes sich auch mal ordentlich in Kitsch zu wälzen, der starken Stimme von Simon Neil und der bombastischen und absolut makellosen Produktion von Garth Richardson. Biffy Clyro haben hier sicherlich keinen Meilenstein gesetzt, aber eben auch keine Enttäuschung fabriziert. Letztlich werden sich einige Songs als richtige Live-Hymnen beweisen, die die drei in gewohntem Oben-Ohne-Look zahlreichen hoch erhobenen Händen und kreischenden Kehlen entgegen schleudern werden.

6/10

(Martin Oswald)

Biffy Clyro – Opposites | 14th Floor Records | VÖ: 25.01.13 | CD/LP/digital

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