Bellstop – Karma

Bellstop - Karma // Bild: kanoon-music.com

Heiße Luft?

Etwas wichtiger machen, als es ist. Wohl eine ganz und gar menschliche Tugend. Zumindest eingedenk der bisweilen hintersinnigen, teils aber auch geradezu verzweifelt anmutenden Versuche, die man Tag für Tag in dieser Richtung beobachten kann. Wenn man denn hinsieht. Und will. Ein gewisser NAGEL wird dieses Phänomen auf seinem irgendwann mal erscheinenden Solodebut pointiert anschneiden, wenn er „der Wirt sagt zu mir, ich bin kein Wirt, ich bin Bartender und ich sage ‚alles klar‘, ich bin auch kein Poet, ich bin Erfinder“ dahertexten wird. Bis dahin allerdings halten wir uns an Bellstop. Die kommen aus Island, machen zu zweit Musik und bezeichnen selbige fast schon keck als – oha! – ‚Folk ’n‘ Roll‘. Und zwar ohne Schmäh. Da ist es schon ein großes Glück für alle Beteiligten, dass wir Cleverle uns hier nicht so leicht zum Dünnbrettbohren verleiten lassen und messerscharf kombinierend erkennen: Nur weil man unter die Akustische ein kräftiges Schlagzeug legt und sich an Spurenelemente von Distortion wagt, ist das noch lange kein Rock ’n‘ Roll. Noch nicht mal Folk ’n‘ Roll, um genau zu sein. Das weite Feld, auf dem sich Bellstop bewegen hört vielmehr auf den schlichten Namen ‚Pop‘.

Zum Glück ist das alles aber gar nicht weiter tragisch. Hat man nämlich die obskurste Genrebezeichnung seit dem ‚Lounge-Metal‘ erst mal hinter sich gelassen, wird offenbar, dass der – und wir wiederholen uns da gerne – ‚Pop‘, den Bellstop auf Karma, ihre neue Platte übrigens, vorspielen derlei Wichtigtuerei eigentlich gar nicht nötig hat. Runar und Elin – so heißen die zwei, die zufälligerweise auch noch ein Paar bilden, nämlich – machen ihre Sache zumeist ausgesprochen gut. Das meint, sie verweben gewitzte Gitarrenfiguren mit schnieken Gesangsharmonien, die hauptsächlich von einem Frauenorgan vorgetragen werden. Dessen Power von Zeit zu Zeit dann doch einen Hauch von Rock ’n‘ Roll verströmt. Dabei heraus kommen 13 Stücke, die – das nervige Landio Mitt mal ausgenommen – rundherum gelungen sind. Das ein oder andere Highlight natürlich inklusive. Wenn sich nämlich zum Beispiel Trouble, seines Zeichens Opener und erste Single, angetrieben von einer hyperaktiv gezupften Gitarre aufmacht, die (aktuell zwar nicht vorhandene, aber hey…) Wolkendecke mit einem ausladenden Refrain im Vorbeigehen aufzureissen, ist das schon ziemlich begeisternd. Oder wenn Moving On direkt im Anschluss genau der Song wird, den Jack Johnson seit Jahren schon immer mal schreiben wollte: Eine Gitarre, die sich so zurückgelehnt gibt, wie es kein Reggae-Langweiler (ja, wir mögen Reggae nicht. Überhaupt gar nicht) und schon gar kein Jack Johnson dieser Welt könnte, ein paar ‚heys‘ ein paar ‚ohs.‘ Mehr brauchen Bellstop nicht, um zu gefallen. Nichts für Ungut Jack, übrigens.

Da ist es dann schon richtig schade, dass Bellstop im Fortgang der Platte immer mehr den Jack Johnson machen und zuweilen allzu Nettes präsentieren. Böse Zungen wurden nichtssagend schreiben, aber wir wollen mal nicht so sein. Dennoch: Stücke wie Run oder Daylight sind zwar nett anzuhören, erinnern wird man sich dennoch nicht wirklich lange an sie. Was angesichts des Doppelpacks aus Mister und Serenity zum Abschluss der Platte fast ein wenig unverständlich anmutet. Immerhin zeigen Bellstop zum Ende via angedeutetem Rocker (Mister) und Leisetreter (Serenity) gleich zwei mal überzeugend, was eigentlich in ihren Songs steckt.

So wird Karma dann unter dem berühmten Strich ’nur‘ eine gute Platte. Die fernab von heißer Luft zugleich auf mehr hoffen lässt. Und mal im Ernst: Das ist doch auch schon mal was.

6/10

Anspieltipps: Trouble, Moving On, Mister, Serenity

(Martin Smeets)

Bellstop – Karma | Kanoon Records | VÖ: 31.07.2013 | Digital

(Anm. des Verfassers: Kanoon Records ist ein, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, ziemlich interessantes Labelprojekt. Warum das so ist, schreibe ich hier aber nicht rein, weil hier der falsche Platz für Werbung ist. Für alle Interessierten: Klick.)

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