Idle Class – Of Glass And Paper

Idle Class - Of Glass And Paper
Vielleicht doch nur ein Kater

Nachdem das Drama 2013 scheinbar beendet war, geht es 2015 wenig überraschend weiter. Und diesmal wirklich dramatisch. The Drama’s Done hieß der Erstling von Idle Class, der viel davon aufbieten konnte, was eine gute Punkband dieser Tage ausmachen sollte. The Drama Continues – der erste Song von Of Glass And Paper lässt daran auch wenig vermissen. Ein plakatives, aber schönes Intro, ein Singalong-Refrain bester Güte und überhaupt: Eine absolut würdige Eröffnung einer Platte.

Doch dann, ja dann, geht das Drama eigentlich erst los. Idle Class verzetteln sich Song für Song darin eine noch hymnischere Hymne nach der anderen spielen zu wollen. Dabei wiederholen sich nicht unbedingt die Songideen, sehr wohl allerdings die Songstrukturen. Mainvocals, die nur eine Stimmlage kennen, gedämpfte Akkorde, die fast immer die Überleitung zum Refrain übernehmen und ein Songwriting, das sich insgesamt übertrieben auf eben jene Refrains fokussiert. Ja, das ist über weite Strecken recht langweilig und da Idle Class gegenüber dem Vorgänger auch deutlich das Tempo rausnehmen, können sie hier über die Geschwindigkeit auch nicht viel retten.

Nicht, dass es nicht auch Lichtblicke gäbe. Die gibt es sehr wohl. I Used To Say It’s Just A Phase z. B., das sich in unter zwei Minuten stringent durch einen Offspring-Gedächtnis-Riff zieht und daraus einen treffsicheren eigenständigen Song formt. Auch das in Teilen balladesk angelegte Bring In The Harvest kann die Band durchaus auf der Habenseite verbuchen, zumal es sich klanglich mehr auszubreiten traut und damit deutlich interessanter daherkommt als andere Songs. Ansonsten: Idle Class spielen ihren Stiefel runter, der an sich übrigens nicht von der schlechtesten Sorte ist. Das auffällige und stilsichere Drumming oder die stellenweise sehr reizvoll gespielten Basslines künden mitunter davon.

Das starke The Drama’s Done war vermutlich dennoch keine Eintagsfliege oder ein bloßes Zufallsalbum. Idle Class hätten schon etwas zu bieten. Die Methoden indes, mit denen sie ihr Songwriting anrühren, sind fad geworden, die Energie und Unbeschwertheit des Erstlings sind dahin (auch die Produktion ist merklich beschwerlicher), die Hooklines eines Han Shot First gelingen nicht mehr, so dass Of Glass And Paper nicht in eben dieser Kategorie spielen kann. Vielleicht ist das aber gar kein großes Drama, schließlich kommt nach dem Höhenflug manchmal eben der Kater. Und bekanntlich geht es danach wieder bergauf.

Wertung: 4/10

Anspieltipps: The Drama Continues, I Used To Say It’s Just A Phase, Bring The Harvest

(Martin Oswald)

Idle Class – Of Glass And Paper | Uncle M | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital

Radare – Im Argen

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Noch einen Scotch, bitte! Den letzten.

Filmmusik. Auch so ein seltsames Genre, wenn es denn überhaupt eines sein sollte. Und wer wird da eben nicht sofort an Fluch der Karibik, Star Wars, Indiana Jones oder James Bond denken. Die Musik ist ja beim Film nicht lediglich für Stimmung, Charakterzeichnung, Schockeffekte und dergleichen mehr zuständig, sie manifestiert sich auch, sofern sie einprägsam genug ist, im kollektiven Gedächtnis, wird zur Rezeptionsgrundlage nachfolgender Filme, Kritiken, Werkschauen und Dekaden-Kompilationen. Die Musik muss auch unabhängig vom Film funktionieren und sich entsprechend verkaufen, so zumindest die Hoffnung der Marketingstrateg_innen bei Filmproduktionen. So läuft der Hase.

Doch was ist eigentlich wenn es zur Filmmusik überhaupt keinen Film gibt, ja wenn es sich gar nicht um eine große Produktion handelt und gemessen an den oben genannten Themes nicht besonders einprägsam ist? Dann ist vielleicht der Anfangsbegriff nur falsch gewählt. Könnte sein, die Sache ist aber etwas komplizierter und hier kommen auch schon Radare mit ihrem neuen Album Im Argen ins Spiel.

Denn bereits nach den ersten Saxophon-Seufzern bei Please Let Me Come Into The Storm / Luke malt sich man Filmszenen vor’m inneren Auge. Keine actiongeladen-explosiven oder bombastischen – wohlgemerkt. Oh nein. Malen wir uns lieber aus: Das Spotlight steht auf dem gewellten roten Bühnenvorhang in der verrauchten Kellerbar und David Lynch schleicht sich aus dem Halbdunkel an, einen Scotch in der einen, eine heruntergebrannte Kippe in der anderen Hand und spielt ein unsichtbares Saxophon. So ungefähr. Es wäre deutlich untertrieben, würde man von einer Reminszenz an Lynch sprechen. Er oder genauer sein Haus- und Hof-Komponist Angelo Badalamenti sind omnipräsent, ihre musikalische Themensetzung ist geradezu Haupthandlung auf Im Argen. Die zurückhaltenden, trägen und teilweise doch dezent beschwingten Töne Radares eröffnen unweigerlich den atmosphärischen Kosmos von Twin Peaks, Blue Velvet oder Mulholland Drive.

Und doch: Radare kopieren nicht etwa. Sie wälzen die Tragik, Ausweglosigkeit und Gefangenheit im Trübsal eines Lynch-Streifen aus, entschleunigen sie und versetzen sie doch wiederum auf eine neuartige Ebene. Da wirkt Das Einsame Grab des Detlef Sammer mit Sax, Rhodes Piano und Foot High Hat schon fast wie eine reine Jazznummer, würde sich nicht eine fiese mars-voltaeske Westerngitarre darunter mischen und den Song eine verstörendere Abzweigung nehmen lassen. Auch Burroughs bleibt langsam, jazzig, nebulös und wohltuend befremdlich. Es deutet den Ausbruch an, bleibt aber doch – wie eigentlich alle Songs auf Im Argen – gefangen, unvollendet, ausweglos. In dieser Hinsicht sind Radare erstaunlich konsequent. Nicht eine Sekunde versuchen sie gefällig zu sein, stattdessen wickeln sie z. B. ein Distress, samt – (man höre und staune) doch einer Art „Explosion“ – fast zehn Minuten um die Tanzstange der verlausten Bar, in der David Lynch seinen zehnten Scotch nimmt und sich in der hintersten Ecke zum Schlafen legt. Hm, da schauen wir doch lieber Filme… Oder eben nicht.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Das Einsame Grab des Detlef Sammer, Distress

(Martin Oswald)

Radare – Im Argen | Golden Antenna Records | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital

Schnipo Schranke – Satt

Schnipo Schranke - Satt

Fame!

Es hätte doch so wunderschön sein können mit Schnipo Schranke. Schließlich kam das Duo irgendwann mit dem Instant-Internet-Hit Pisse des Weges, wurde von Youtube dank Video-Löschung mit gratis Promotion ausgestattet und legte vor allem einen gelungen Parforceritt in Sprache und Musik hin. Ein fast perfekter Song also, der schon mehr als Lust auf ein dazugehöriges Album macht(e). Ein Album, das manche am liebsten schon als Beginn einer neuen Hamburger-Schule-Zeitrechnung stilisiert hätten. Schließlich vereinen Schnipo Schranke beim oberflächlichen Hinschauen die attribute Pop, Hamburg, Blockflöten-Studium und Mut zum erfrischend schonungs- und schmucklosen Sprachgebrauch.

Friederike Ernst und Daniela Reis sind die Erwartungen, die mancherorts in Richtung ihres Debuts Satt gerichtet wurden – politisch sollte es sein, vielleicht auch gleich feministisch, auf jeden Fall aber ziemlich intellektuell – dann aber in erster Linie scheißegal. Unterhaltung, das ist der Zentrale Antrieb hinter diesem Album. Nicht mehr, nicht weniger. Daran ist ja auch nichts Schlechtes zu finden, im Gegenteil. Man mag prinzipiell fast dankbar sein, ob der Weigerung des Duos, sich vor jedwede Karren spannen zu lassen. Schwierig wird es, wenn der Höhenflug im Zeichen des Entertainments in einer krachenden Bruchlandung endet. Und die legen Schnipo Schranke formvollendet hin. Irgendwie zumindest. Das beginnt bei der Neuaufnahme der erwähnten Single Pisse: Dem Stück wird ein wenig Geschwindigkeit genommen, dafür darf die Albumversion ein paar mehr überflüssige Spuren mitschleppen. Und verliert so auf Seiten der Musik jeglichen Charme.

Dass der Song dennoch ohne Zweifel zu den Highlights der Platte zählt, liegt daran, dass mancherorts der erwähnte Charme gleich komplett fehlt. Weil Texte in unprätentiösem – nicht aber derben – Gewand zwar durchaus erfrischend sind, aber „Fotze“ auf „Kotze“ zu reimen trotzdem noch lange nicht akzeptabel ist. Gerade wenn es auf Albumlänge geschieht. In jedem einzelnen – pardon – verdammten Song. Schnipo Schranke, das sind Reimschemata, die Pur in Rekordzeit freiwillig ins Abenteuerland vertreiben könnten. Für immer. Schnipo Schranke, das ist außerdem ein arg offensichtliches Produkt. Da ändert es nichts, das man freimütig zugibt, den Mainstream im Blick zu haben. Satt wirkt schon beim flüchtigen Hinsehen verdächtig konstruiert und in Haltung und Themenwahl bemüht zeitgemäß. Ein genauerer Blick bringt keine Abhilfe, sondern bestätigt genau dies. Und trotzdem macht das Duo Spaß. In kleinen Dosen. Im wundervollen Schnipo-Song, oder dem unwiderstehlichen Cluburlaub zum Beispiel. Dann sind Schnipo Schranke pures Gold. Ansonsten sind sie manchmal nervig und meistens okay. In erster Linie aber erschreckend egal.

Wertung: 5/10

Anspieltipps: Schnipo-Song, Pisse, Cluburlaub

(Martin Smeets)

Schnipo Schranke – Satt | Buback / Indigo | VÖ: 04.09.2015 | LP/CD/Digital

Fliehende Stürme | 11.09.15 | Goldenes Fass/Wilderer (Regensburg)

Fliehende Stürme

Fliehende Stürme

Einen Text über die Fliehenden Stürme zu schreiben ohne die Erwähnung von Chaos Z? Unmöglich. Denn Chaos Z – und das darf an dieser Stelle ruhig einmal gesagt sein – sind neben Slime und Schleim Keim die (vielleicht) wichtigste, einprägsamste und bedeutendste deutschsprachige Punkband. Klingt nach einer allzu steilen These? Mitnichten. Ohne den Frust, die Verzweiflung, die quälende Monotonie, den messerscharfen Geist und den kargen lyrischen Nihilismus Chaos Zs wäre die Entwicklung des Deutschpunk hierzulande ganz anders verlaufen. Deutlich schlechter als ohnehin schon – soviel ist gewiss. Doch geht es in diesen Zeilen eigentlich nicht um Chaos Z, sondern um die Fliehenden Stürme, wie die Band seit nun über 30 Jahren heißt. Ein eigentlich fließender stilitsischen Wechsel hat sich in der Konsequenz der Namensänderung vollzogen. Das war damals mutig und ziemlich einmalig und bildet sich heute noch in der eigenwilligen Publikumszusammensetzung ab. Fliehende Stürme bringen Szenen und Leute zusammen, die einander allenfalls vom Hörensagen kennen.

So geschehen auch in Regensburg im Goldenen Fass respektive Wilderer – wie sich der wintergartenähnliche Anbau nennt. Selten ist das Regensburger Publikum derart szenen- und generationenübergreifend zusammengesetzt wie hier. Geladen hatte an diesem Abend Regensburgs Goth/Dark-Wave-Community La Nuit. So wirklich heimelig kann sich aber eigentlich niemand in dem nervenaufreibenden, erschöpfenden und kathartischen Fatalismus der Stürme fühlen und doch fühlen sich gerade die verzweifelten Seelen aus Goth, New Wave, Punk und (Post-)Metal sich gleichermaßen angesprochen. Das Stimmungssetting wäre also schon einmal klar als die Fliehenden Stürme arg verspätet die Bühne betreten. Doch das Interieur will nicht ganz dazu passen. Räumlich ist das (oder der?) Wilderer vortrefflich konzertgeeignet, atmosphärisch hat es aber doch mehr von einem Vereinsheim oder einer Krankenhauskantine. Wenigstens bekommt man die Siffe vom Boden besser weggewischt.

Nach etwas hölzernem Beginn und unfertigem Soundmix, kommt die Band um Andreas Löhr nach und nach immer mehr und großartiger in die Gänge. Löhrs düstere und klagend-einzigartige Stimme drängt zunehmend in den Vordergrund und taucht das Vereinsheim mit den Plüschhirschköpfen an der Wand in eine noch trostlosere Stimmung. Ohnehin ist die Depression der Fliehenden Stürme ein Realitätscheck, der brutaler nicht ausfallen könnte. Bitterste Lyrik in dunkelstem Soundgewand, treffsicher, hoffnungslos und in dieser Hinsicht in der deutschsprachigen Musiklandschaft unerreicht. Großes Kino. „Ich bin Müll, doch ihr seid dreckig / Ich bin nicht stolz auf dieses Land.“ ‚Nuff said.

(Martin Oswald)

Conveyer – When Given Time To Grow

Conveyer - When Given Time To Grow

#mussmanwissen

Es ist bisweilen nicht einfach, mit dringlichen Empfehlungen umzugehen. Genauer gesagt mit Formulierungen, wie „100 Bands you need to know 2015.“. Genau diesen Satz stellt der Beipackzettel zum zweiten Album von Conveyer nämlich ganz voran. Und sorgt mit jenem aufdringlichen Statement – das im übrigen aus diesem Hause hier kommt – erst mal für Irritationen. Was ist, wenn jemand keinen Bock hat, sich Jahr für Jahr durch 100 verschiedene Kapellen zu hören? Darf man auch mehr kennen? Sollte man dieses Marktgeschrei im #mussmanwissen-Style nicht besser in den Wind schießen? Und vor allem: Haben Conveyer das denn eigentlich nötig?

Trotz anders lautender oberflächlicher Vorzeichen – man nehme nur den Labelnamen und die Converge-Gedächtnisoptik – landet die Antwort bei einem eindeutigen „Nein“. When Given Time To Grow schert sich einen Dreck um jedwede Vorverurteilungen und geht mit dem Opener Shining nach wenigen Sekunden so beherzt nach vorne als gälte es, den melodischen Hardcore im Alleingang vor dem Untergang zu retten. Nur dass dieser eben nicht vor dem Untergang steht. Und nicht zuletzt dank der hier versammelten elf Songs in näherer Zukunft nicht vor dem Untergang stehen wird. Weil hier die Lust auf die eigenen Songs selbigen aus allen Poren tropft. Weil Haven nach einem mustergültigen Breakdown einen Singalong-Part auffährt, der gefälligst in sämtlichen Genrelehrbüchern zu stehen hat. Weil der heisere Vortrag von Sänger Danny Adams mit Leichtigkeit all die Leidenschaft transportieren kann, die die Band in ihre Songs wirft.

Da geht selbst der kurze Ausflug in balladeske Gefilde von Cage unfallfrei über die Bühne, weil man clever genug ist, nur Teile des Songs sanft zu gestalten und in unter zwei Minuten doch zu einem furiosen Finale gelangt. Und da kann man durchaus auch damit leben, dass When Given Time To Grow nicht nur darauf verzichtet, irgendwelche Räder neu zu erfinden, sondern bisweilen kurz Gefahr läuft, etwas arg formelhaft zu agieren. Dann aber kommt die Band mit Songs, wie dem flinken Ruined oder der melodischen Kante von Resist_Admit daher und zerstreut jegliche Bedenken. Conveyer? Muss man kennen.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Shining, Haven, Cage, Daughter

(Martin Smeets)

Conveyer – When Given Time To Grow | Victory | VÖ: 04.09.2015 | LP/CD/Digital

Envy – Atheist’s Cornea

Envy - Atheist's Cornea
Genremaßstab

Fast ein bisschen schade, dass Envy ihr sechstes Album ausgerechnet im Sommer veröffentlicht haben. In der Jahreszeit also, in der man wohl am wenigsten Zeit, Laune und Muse für derartige Klötze hat, die Envy liefern. Oder, um es eingangs noch vorsichtig auszudrücken, bislang geliefert haben. Fünf Jahre ist immerhin die letzte Platte schon her und die Möglichkeit, dass ihr perfektionierter Mix aus Postrock und Hardcore in eine andere Richtung ausschlagen könnte, war zumindest denkbar. Doch um diese und ähnliche Spekulationen, die hinsichtlich dieser Veröffentlichung im Vorfeld umherkreisen könnten sogleich zu zerstreuen: Envy bleiben natürlich Envy.

Das heißt nun wiederum nicht, dass sie stets auf einem Fleck stehen blieben, aber wirkliche Überraschungen darf man selbst nach fünf Jahren nicht erwarten. Und so schadet es nicht, die elendig heißen Sommertage verstreichen zu lassen, um sich Atheist’s Cornea mit voller Aufmerksamkeit und Hingabe zuwenden zu können. Der Herbst bietet den optimalen Rahmen – sagen wir einfach mal. Und so gibt es – wer dem Lautstärketest zu Beginn von Blue Moonlight ohne großen Schrecken entkommt – einiges zu entdecken. Wie Envy zum Beispiel dieses derart fies attackierende Lied an der Leine zu halten wissen und trotz hastigem Drumming und Shouting einen fast schon andächtigen Song zu formen wissen. Mit eigentlich ungeeigneten Mitteln wohlgemerkt. Es ist sowieso nicht so exakt auszumachen, wodurch Envy ihren Songs solche Tiefe und Größe verleihen, die sie fraglos scheinbar leichtfüßig über dem Genredurchschnitt schweben lassen. Denn so viel machen sie eben auch nicht anders als andere, die ihrem Screamo/(Post-)Hardcore reichlich Postrock untermischen.

Und doch sind die Verspieltheiten und Streichereinlagen am Ende des Siebenminüters Shining Finger ganz besondere, wunderschöne, ja einzigartige Momente. Und doch scheint sich bei Ticking Time and String eben dieses ganze Genre völlig entblößt und in seiner Essenz zu offenbaren. Man möchte nicht allzu ungehalten wirken und behaupten in solchen Momenten seien Envy unerreicht, der Gedanke drängt sich aber auf. Wenn sie im Anschluss aber mit Footsteps in the Distance das beste Lied der Platte hinterherwerfen, ist sowieso kaum ein anderes Urteil sinnvoll.

Envy sind und bleiben mit Atheist’s Cornea Maßstab ihres Genres und vereinen Widersprüche auf elegante und erhabene Weise. Wie sie Härte aufzuweichen, Songs behutsam aufzubauen und wieder zu zerschlagen und wärmste Passagen unerwartet und augenblicklich einzufrieren wissen. Das ist bewundernswert. Envy spielen befreit und offenherzig auf und bleiben dennoch in jeder Sekunde unnahbar und rätselhaft. Ein Stück weit mag das auch an den bloßen Andeutungen durch die englischsprachigen Songtitel liegen, deren in japanisch vorgetragene Inhalte dem mitteleuropäischen Ohr verborgen bleiben. Letztlich entscheidet aber ohnehin die Musik. Und die ist, alle Zurückhaltung beiseite gelegt: Spektakulär!

Wertung: 9/10

Anspieltipps: Shining Finger, Ticking Time and String, Footsteps in the Distance

(Martin Oswald)

Envy – Atheist’s Cornea | Rock Action Records | VÖ: 10.07.15 | LP/CD/digital

The Good Life – Everybody’s Coming Down

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Müssen nur wollen

Eigentlich sollte man ja so mancherlei Kunst nicht zwingend an ihren Urheber_innen festmachen. Um das zu untermauern könnte man jetzt zu einem weitläufigen Exkurs in komplexe Theoriegebilde abdriften. Oder einfach Jacob Bannon erwähnen, der für Converge mühelos zwischen wütend-entmenschtem Geschrei und höflichen Ansagen wechseln kann. In wenigen Augenblicken. Wenn aber die Sprache auf Tim Kasher fällt, kommt man nicht umhin, seine Person und die Beschreibung der Musik einzupflegen.

Weil seine Songs einfach genau so klingen, wie Kasher eingedenk seiner Diskographie zu sein scheint: Ruhelos. Bis an die Schmerzgrenze. Immerhin ist der Typ unter eigenem Namen, als Cursive und als The Good Life unterwegs und taucht so nebenbei noch auf diversen Alben anderen Künstler – wir führen hier mal Bright Eyes als Beispiel an – auf. Ein getriebener Geist also. Und ein unsteter. Schließlich musste man auf ein neues Album von The Good Life geschlagene acht Jahre warten. Ehe es völlig unvermittelt des Weges kam. Und jetzt unter dem Titel Everybody’s Coming Down bewertet werden will.

Und ja, Everybody’s Coming Down tönt im ersten Rundumblick in etwa so unübersichtlich, wie das Schaffen seines Schöpfers. Forever Coming Down denkt nicht eine Sekunde daran, seinen Anarcho-Indie zu Gunsten einer nachvollziehbaren Melodie ein wenig in den Hintergrund zu stellen und gewinnt genau dadurch an Faszination. Aber eben auch an Nervpotential, sofern man von dem Stück auf dem falschen Fuß erwischt wird. Dann aber ist jede Beschäftigung mit diesem Album ohnehin müßig. Weil man einfach Lust haben muss, auf diese leidenschaftlich kratzbürstige Oberfläche und die überall lauernde Verweigerungshaltung. Die ihren Hörer_innen unter dem Titel Happy Songs demonstrativ ein flüchtig hingeworfenes Interlude verkauft. Sollen die doch sehen, was sie damit anfangen können.

Zum Glück aller Beteiligten ist Kasher jedoch zwischendurch auch immer wieder mal geradezu gnädig gestimmt. Im furiosen Skeleton Song etwa, der sich zwar hinter einem etwas lang geratenen Intro versteckt, dann aber sowohl lyrisch als auch musikalisch umso eindrücklicher los poltert. Am allerbesten ist die Platte aber vor allem, wenn das Poltern ausbleibt und Kasher und Band darauf verzichten, jeden versöhnlichen Ton zu versägen. Dann entstehen Songs, wie das fünfminütige How Small We Are. Oder das wahrhaft anrührende The Troubadour’s Green Room, in dem Kasher erklärt, für wen und was er den ganzen Käse überhaupt erst macht. Und so das definitive Highlight der Platte entstehen lässt. Weil er den Worten ein komplett ausformulierten Song spendiert.

Das geschieht nämlich bei weitem nicht immer, wie schon nach dem jäh beendeten – und dennoch enorm gelungenen – Intro 7 In The Morning deutlich wird. Immer wieder nehmen die Stücke völlig unvermittelte und harsche Wendungen, immer wieder fasern die Ideen einfach ins Nirgendwo aus. Was schade ist, weil es die meisten Ideen verdient hätten, zu Ende gedacht zu werden. Es passt zum kauzigen Kasher, dass er eben diese Tatsache mit dem Schlussstück Midnight gleich noch eindrucksvoll unterstreicht, wo er die im Intro angedeutete Melodie nochmal aufgreift und doch noch einen richtigen Song daraus macht. Als ob er zeigen wollte, was er könnte, wenn er denn nur wollte. Vielleicht ja beim nächsten Mal.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: The Troubadour’s Green Room, Skeleton Song, How Small We Are, Midnight

(Martin Smeets)

The Good Life – Everybody’s Coming Down | Saddle Creek / Cargo | VÖ: 14.08.2015 | LP/CD/Digital

Charter – Times

Charter - Times

Schönen Dank auch

Mal ganz ehrlich: Im Rahmen eines kleinen Blogs über Musik zu schreiben, kann manchmal beinahe langweilig sein. Weil man ja meistens über Alben schreibt, die man sich selber ganz gerne des Öfteren anhört. Und deshalb irgendwie im Dauerabfeierungsmodus ist. Und einem irgendwann die positiven Formulierungen ausgehen. Ein gepfefferter Verriss tut da von Zeit zu Zeit schon ganz gut. Dumm nur, dass Bands wie The Killers und Fall Out Boy nicht alle paar Wochen neue Alben veröffentlichen. Na gut, eigentlich ein Glück.

Schließlich bleibt neben diesen beiden leuchtenden Beispielen noch genug Schund, den man sich vorknöpfen könnte. Wäre die Zeit, die ein solches Unterfangen in Anspruch nimmt, nicht viel zu kostbar. Eigentlich. Manchmal nämlich muss man sie sich nehmen, diese Zeit. Und ein Album ungespitzt in den Boden stampfen. Weil es nötig ist. Dringend. Charter haben das kleine Kunststück vollbracht, ein Paradebeispiel für eine solche Platte aufzunehmen. Schließlich schwadroniert der Promotext zu Times schon in völlig haltloser Großspurigkeit von einem Liebeskind der Editors und Placebo. Zwei Bands, die in den letzten Jahren ohnehin schon nicht im Verdacht standen, ordentliche Alben zu produzieren. Denen Charter aber trotz allem nicht mal ein halb volles Glas Wasser reichen können. Genau genommen können sie davon nicht einmal träumen.

Bleibt die Frage nach dem ‚Warum.‘ Ja, warum soll dieses Album eigentlich so fürchterlich sein? Nun, die Antwort ist denkbar einfach: Weil jedes dieser zwölf in perfekter Radiolänge gehaltener Stücke dermaßen weit davon entfernt ist, eine Idee, oder gar so etwas ähnliches wie Charakter zu transportieren, wie es nur irgendwie möglich ist. Das sind Songs für die ‚In‘-Spalte der BILD: Ein paar Gitarrenfiguren aus dem Baukasten, ein paar gefällige Gesangsharmonien und natürlich ein klinisch sauberes Klangbild. Diese Produkte – nichts anderes sind diese bis in die letzte Ecke durchkalkulierten Songs nämlich – rauschen vorbei und könnten ohne weiteres dafür sorgen, dass die Fahrstühle dieser Welt ihren Dienst quittieren würden. Zwecks akuter Langeweile.

All die Leute, die in irgendeiner Form an diesem Projekt beteiligt waren und sind – man hat beinahe Mitleid mit ihnen. Vor allem mit den armen Hunden, die diese Chose jetzt unter die Leute bringen müssen. Die die biedere, emotionslose, klebrige, sterile und totkomprimierte Standardproduktion mit dem hohnsprechenden Etikett ‚Wall Of Sound‘ versehen müssen. Die sich irgendwelche spannenden Geschichten und Sätze ausdenken müssen, um Interesse an etwas zu erwecken, das schlichtweg keinerlei Interesse verdient hat.

Denn bei allem Respekt: Das hier taugt nicht einmal als billigstes Abziehbild der Vorbilder, die für diese Songs möglicherweise Pate gestanden haben. Dieses Album ist so himmelschreiend egal, man mag es nicht aushalten. Und kann es erst recht nicht in adäquate Worte fassen. Aber hey, man will ja das (einzig) Positive betonen: Immerhin haben Charter mal wieder einen ordentlichen Veriss ermöglicht. Da kann man schon mal ein bisschen dankbar sein.

Wertung: 2/10

Anspieltipps: –

(Martin Smeets)

Charter – Times | Phonector / BMG | VÖ: 01.09.2015 | CD/Digital

Vennart – The Demon Joke

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Der Songschubser

Wem Mike Vennart nicht nur als der angekleidete Kerl am rechten Bühnenrand von Biffy Clyro vertraut ist, die/der weiß natürlich auch um seine bemerkenswerte Tätigkeit als Songwriter, Sänger und Gitarrist bei Oceansize. Seit deren Auflösung im Jahre 2011 klafft im Progressive Rock eine Lücke. Doch zum Glück gibt es Mike Vennart. Während er sich mit Gambler (ebenfalls Ex-Oceansize) und der gemeinsamen Band British Theatre auf etwas elektronischeren Pfaden die Zeit vertreibt und mit eben jenem Gambler als Tourmusiker an der Seite von besagten Biffy Clyro die Hallen und Festivals der Welt bereist, hat er im Laufe der Zeit einige eigene Songs geschrieben, komponiert, aufgenommen, verworfen, geändert, aufgepeppt, abgespeckt, ja und letztlich tatsächlich veröffentlicht.

The Demon Joke heißt Vennarts erstes Soloalbum, dessen Finanzierung mitunter über Crowdfunding gestemmt werden konnte und das nach Jahren der ziellosen Tüftelei wie ein Befreiungsschlag wirkt. Eine knappe Dreiviertelstunde hebt Vennart der Prog-Rock auf, den Oceansize haben liegen lassen und verpasst ihm einen zugänglicheren, poppigeren und – wie sollte es anders sein – persönlicheren Anstrich. Und nicht nur weil auf The Demon Joke neben Gambler auch Steve Durose zu hören ist, klingen Songs wie etwa Doubt oder Retaliate teilweise sehr nach der ehemals gemeinsamen Band, sondern es ist überhaupt die Art und Weise wie Vennart an seine Songs herangeht, mit Soundverfremdungen (vor allem seiner Stimme) spielt und schönen Melodien hier und da Prog-Seitenhiebe verpasst.

Nun kann man Vennart aber sicherlich nicht vorwerfen sich allzu sehr in der Vergangenheit zu suhlen. The Demon Joke ist kein Nostalgiealbum. Es ist auch kein Oceansize light. Es ist vielmehr eine Sammlung kleiner, unscheinbarer Songideen und großer, wuchtiger Hits eines hervorragenden Musikers. Während Rebirthmark eine knappe und verspielte Melodie ins Zentrum stellt, breitet 255 ausladend die Arme aus. Als wäre man das eine Mal in Vennarts Keller, das andere Mal bei Biffy Clyro im Stadion. Und das Gute daran ist: Es funktioniert. Egal wie Vennart seine Songs dosiert, in welche Richtungen er sie schubst – es will ihm durchgehend gelingen. Zumindest fast. Denn in wenigen Momenten weiß er selbst nicht, wohin er sie eigentlich schubsen soll und so bleibt z. B. ein Duke Fame ein arg zerfahrener Song, der irgendwie alles mitnehmen möchte, wovon letztlich nicht viel übrig bleibt. Dass es jedoch deutlich besser geht, zeigt Vennart beispielhaft an Infatuate, den unaufdringlich balladesken Don’t Forget The Joker und A Weight in the Hollow und dem über alle Maße brillanten Operate. Was für ein Song! Da markt man erst, was eigentlich noch alles möglich gewesen wäre, denn das Potential zum Meisterwerk hat Mike Vennart allemal. The Demon Joke begnügt sich vorerst damit ein sehr starkes Album zu sein. Muss auch reichen.
Wertung: 8/10

Anspieltipps: Infatuate, A Weight in the Hollow, Operate

(Martin Oswald)

Vennart – The Demon Joke | Superball Music | VÖ: 19.06.15 | LP/CD/digital

Collapse. Rebuild. – Fail Again, Fail Better

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In aller Kürze

Zugegeben, wir stehen hier nicht zwingend im Verdacht, uns stets angemessen kurz zu fassen. Im Gegenteil, viel lieber breiten wir uns in aller Ausführlichkeit über die besprochenen Alben aus. Schließlich gibt es in der Regel eine ganze Menge zu erzählen von banalen Trivia am Rande bis hin zu sportlich in den Sand gesetzten Songbeschreibungsversuchen. In der Regel. Von dieser wollen wir aber an dieser Stelle mal eine Ausnahme machen.

Immerhin handhaben Collapse. Rebuild. es ganz genau so, ist die musikalische Wohlfühlzone der Band doch eindeutig im Postrock zu verorten. Und der ist eben meistens lang und gerne noch viel länger. Umso größer fällt die Überraschung aus, wenn man feststellt, dass Fail Again, Fail Better nur schlappe 25 Minuten für seine fünf Songs braucht. Hier wird sich nicht lange mit dem Spannungsaufbau aufgehalten, sondern direkt zugepackt. Wodurch Songs entstehen, die zwar im genretypischen Gewand gehalten sind, aber dennoch ungewohnt unvermittelt vorgehen. Songs wie The Moon Is A Rains Place (Part 1), das nur etwas mehr als drei Minuten und eine mit wohldosiertem Pathos ausgestattete Gitarrenarbeit braucht, um seine HörerInnen zu erreichen. Oder das von Anfang mit Höchstgeschwindigkeit voranpreschende Paul Killed Laura Palmer.

Irritierend wird das Album nur dann, wenn die Band etwas viel zur gleichen Zeit will. Wie etwa im abschließenden The Moon Is A Rainy Place (Part2), das irgendwie auch eine zurecht vergessene Deftones-B-Seite ohne Gesang sein könnte. Und sich doch noch in ein ordentliches Finale retten kann. So sind Collapse. Rebuild. zwar meilenweit entfernt vom Meilenstein, liefern aber doch ein Album mit Wiedererkennungswert ab. Und das nicht nur der Kürze wegen.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: The Moon Is A Rainy Place (Part1), In The Haze

(Martin Smeets)

Collapse. Rebuild. – Fail Again, Fail Better | Fluttery | VÖ: 01.07.2015 | CD/digital