Arktika – Symmetry

Zwei Seelen wohnen ach! in einer Brust

Zu Beginn schleicht sich A Praise For Ghosts ein bisschen wie Sunny Afternoon von den Kinks heran. Doch nach wenigen Sekunden ist es dann für knapp 40 Minuten vorbei mit Sonnenschein. Stattdessen gibt es ordentlich nasskalten Regen und das eine und andere Sturmgewitter. So stark es auch stürmt und donnert, man möchte sich mit offenen Armen hineinstürzen. Und um es ohne Umschweife zu sagen: Arktika aus Köln sind eine hervorragende Band und Symmetry ist ein richtig starkes Album.

Bereits beim Cover zeigt sich, wie nah imposante Statik und Stabilität einerseits und Zerbrechlichkeit und Zerfall andererseits, beieinander liegen können. In der Musik zeigt sich dies noch deutlicher. Zum Beispiel gleich bei A Praise For Ghosts. Schlagzeug und Bass auf Hardcore gepolt, die Gitarren auf Postrock gestimmt und der Gesang auf Krawall gebürstet. So legt der Opener los und macht sich dabei großartig. „When there´s nothing to believe in / there is nothing I can lose / these hands of loneliness are everything that comfort me / I am chained to a bar like a bird in a cage„. Verzweiflung wird hier nicht nur textlich groß geschrieben. Gerade die Fusion von Hardcore und Postrock vermag diese Verzweiflung vorzüglich auf Band zu bannen. Die Brüche, Tempi- und Rhythmuswechsel, aber auch die weitläufigen und eleganten Harmonien, die immer wieder vom inbrünstigen Shouting zerdroschen werden, machen Symmetry zu dem breitbeinig brachialen und zugleich zerbrechlichen Album, das es ist. Konstruktion und Destruktion liegen nur einen Wimpernschlag auseinander. Da werden mühevoll tragende Songstrukturen aufgebaut, um im nächsten Augenblick zerschlagen zu werden und als Trümmerhaufen wiederum ein neues Fundament zu bilden.

Es ist nicht schwierig sich einzelne Songs herauszupicken, um das Gesagte zu belegen. Alle demonstrieren musterhaft auf ihre Weise, wie die zwei Seelen (der hämmernde Hardcore und der zarte Postrock) fortwährend auseinander streben und wieder zueinander finden. Broken Flowers macht es vielleicht am auffälligsten. Im Flüsterton bringt sich der Song über fünf Minuten lang in Stellung, um sich nach und nach zu verdichten und im letzten Drittel vollständig mit voller Energie zu entladen. Bei The Living Receiver, das auf der Platte als eine Art Intermezzo fungiert, werden in vier Minuten lediglich zwei Zeilen ins Mikro gehaucht: „‚I´m happy‘ is something I haven´t said in a while / Everything I lost – I find it in you„. Mehr Worte sind nicht nötig. Ein kleiner Hoffnungsschimmer in einem Meer der Trübheit und Verzweiflung? Wer weiß, aber ein paar Sonnenstrahlen sieht man da schon durchscheinen.

Zwei Songs mit insgesamt 19 Minuten Spielzeit folgen diesem kleinen Höhepunkt und Stimmungsaufheller nach. Das herrliche Sermon, das sich schleichend von den anfänglich harten Riffs löst und begleitet von Sprechgesang über einen Zwischenausbruch hinweg zum den nächsten Albumhöhepunkt empor hebt: „We are tattered and torn and nothing will remain / we are broken and torn and everything stays the same„. Fast möchte man glauben, dass alles gleich bleibt. Für Symmetry mag dies jedenfalls im besten Sinne gelten. Die Muster sind stets ähnlich, die Spannungsbögen der Songs gleichen sich, die Themen wiederholen sich. Verzweiflung, Verlust, Zerstörung, Enttäuschung, Zerfall, Herz- und Weltschmerz, Unentschlossenheit, Stille, Liebe… Von so viel Emotion kann man nicht unberührt bleiben. Bridgeburner schlägt letztlich einen hoffnungsvolleren Weg ein – nicht ohne vorher alles hinter sich sorgfältig niederzubrennen, versteht sich. Symmetry ist ein Album, das in aller Eiseskälte ordentlich zündelt und raucht und dessen donnerndes Gewitter den letzten kleinen Funken Hoffnung nicht ersticken kann.

Die Platte wäre vielleicht noch einen Tick besser geworden, hätte sich die Band hier und da mehr Klarheit und Raumklang bei der Aufnahme und beim Abmischen gegönnt. Stellenweise kommt der Gesang leider recht matt und hölzern daher (siehe z.B. Broken Flowers) und lässt insgesamt die Soundqualität ein bisschen zu wünschen übrig.

Arktika zeigen mit Symmetry nichtsdestotrotz eindrucksvoll wie schön Postrock und Hardcore verwoben sein können. Wer hier Assoziationen mit Envy, Light Bearer oder Pianos Become The Teeth hat, liegt sicherlich nicht falsch, sollte aber Arktika bitte schön im selben Atemzug nennen. Im Übrigen sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich Symmetry in prächtigem Artwork präsentiert, in dem Architektur, Flora und Fauna in einer irgendwie unruhigen, irgendwie aber auch friedlichen Koexistenz zusammengeführt werden.

8/10

Symmetry gibt es als Vinyl und digitalen Download.

(Martin Oswald)

2 Gedanken zu „Arktika – Symmetry

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