Arcade Fire – Reflektor

Arcade Fire - Reflektor // Bild: fastforward-magazine.de

Viel hilft viel

Wenn ein Journalist – im konkreten Fall handelt es sich um Joachim Hentschel von der SZ – ein Etikett aus der Schubladen ziehen muss, das seltsamer nicht wirken könnte, um eine Platte zu beschreiben, darf man schon mal skeptisch sein. ‚Künstlerisch nachhaltig‘ soll es also sein, das neue Machwerk von Arcade Fire. Künstlerisch nachhaltig? Au Backe, welch verquasten Schmonz muss diese Band nur aufgenommen haben, um derlei Attribuierungen zu provozieren? Latschen Arcade Fire inzwischen auf Museschen Pfaden? Nun, in jedem Falle haben Arcade Fire ein Doppelalbum zusammengezimmert. Weil das nämlich in jüngerer Vergangenheit zum Beispiel bei den Kollegen von den Red Hot Chili Peppers oder den Ärzten schon so hervorragend funktioniert hat. Nicht. Aber hey: Die geneigten HörerInnen können sich die Sorgenfalten ob der Oberfläche sparen.

Arcade Fire waren nämlich clever genug, um ein Doppelalbum zu fabrizieren, das eigentlich gar keines sein müsste. Würde man sich ein paar der Omnipräsenten Interlude-Spinnereien oder einfach das fünfminütige Nichts am Ende von Supersymmetry sparen. Womit schon das grundlegende Problem skizziert ist, das Reflektor über seine gut 115 Minuten mit sich herumtragen muss: Irgendwer muss den Damen und Herren rund um Win Butler irgendwann so (künstlerisch) nachhaltig davon überzeugt haben, dass ‚mehr‘ immer und in absolut jedem Fall auch ‚mehr‘ ist. Für Reflektor bedeutet das: Mehr Spielzeit, mehr Pomp, mehr Synthies, mehr Tonspuren, mehr Instrumente, mehr Pathos, mehr alles. Dass die ganze Chose von einem gewissen James Murphy produziert wird und sich die Songs immer wieder gerne in die Nähe von Discobeats trauen: Eine Randnotiz. Dass der Titeltrack ein tolles Stück Musik wäre, wenn man es nicht über sieben Minuten breitgetreten hätte? Schade. Dass selbiges nahezu für jede Sekunde, die auf Reflektor verstreicht, gilt? Tragisch. Sehr tragisch. Man kann dieses Album unter der Belastung, die ihm von Seiten der Band auferlegt wird, geradezu ächzen hören. Schmerzverzerrtes Gesicht inklusive. Ohne den Ewiggestrigen markieren zu wollen: Dann und wann erwischt man sich beim Hören dieses Albums, sich Songs aus Funeral-Zeiten zurückzuwünschen. Die waren zwar auch schon vollgestopft mit Pathos, hatten aber immer noch genügend Raum, um so etwas ähnliches wie Leben in sich selbst zu entfachen. Anno 2013 gilt dies mitnichten. Heute muss nämlich scheinbar in jedem einzelnen Moment etwas Besonderes passieren. Eine Platte jagt die eigene Genialität. Das kann kaum klappen.

Umso höher ist es dieser Band anzurechnen, dass am Ende trotz alledem ein sehr gutes Album übrig bleibt. Denn obschon Reflektor meist in angestrengter Pose verharren muss: Wirklich nichtssagend oder gar schwach ist auf dieser Platte nichts. Jeder Song besitzt seine kleinen Eigenheiten, die dafür sorgen, dass man sich das alles gerne noch ein weiteres mal anhört. Schicht um Schicht will man abziehen von diesem Album, um zu sehen, was sich wohl darunter verbergen mag. Zumeist ist das nicht gerade wenig. Im Falle von Songs, wie Here Comes The Night Time oder We Exist sogar ziemlich viel. Und wenn Arcade Fire dann plötzlich die ganz unprätentiöse Rockband rauskehren, wenn sie mit Normal Person ein herrlich simples Stück – unwiderstehliches Gitarrenlick inklusive – ins Rennen schicken, ja dann sind sie einmal öfter vor alles eines: Brillant. Und hey: Ein Album, das einen Song namens Porno beinhaltet kann eigentlich nur gut sein, oder?

Abseits dieser Schlüpfrigkeiten bleibt festzuhalten: Künstlerisch nachhaltig ist das hier vermutlich nicht. Dafür aber anstrengend. Und doch gut. So sehr sich Band und Album nämlich auch anstrengen, es zu verbergen: Reflektor ist ein ganz normales Album einer ganz normalen Band. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

7/10

Anspieltipps: Reflektor, We Exist, Normal Person

(Martin Smeets)

Arcade Fire – Reflektor | Vertigo/Universal | VÖ: 25.10.2013 | CD/LP/Digital

Ein Gedanke zu „Arcade Fire – Reflektor

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