And So I Watch You From Afar – All Hail Bright Futures

ASIWYFA - All Hail Bright FuturesGeradewegs in die Nervenheilanstalt

Sie haben es wieder getan: auf einen Haufen Wahnsinn noch einmal eine Schippe Wahnsinn draufgepackt. Zwei Jahre ist Gangs alt, das hinter einem pechschwarzen Cover mit einer Art Viereck-Dreieck-Hologramm verrückte Songs, wie Search:Party:Animal, 7 Billion People All Live At Once oder Lifeproof verbirgt. Was soll auf diese Verrücktheiten noch folgen? Genau: All Hail Bright Futures. Artworkmäßig hätte der Bruch kaum größer ausfallen können. Die Vorliebe für gleichschenklige Dreiecke ist geblieben, sonst aber: alles anders. Ein Fels ragt monolithisch in Dreiecksform ins Bild, an seiner Spitze entfaltet sich ein riesiges, sonnenähnliches Gebilde, das von Dreiecken gesäumt ist. Und Dreiecks-Bäume und -Zelte stehen da auch noch rum. Ein wahrer Dreiecks-Fetisch also, der in eine faszinierend farbenfrohe Landschaft eingebettet ist. Kitschbunte Berge und Augen von nicht weiter definierten Gestalten runden die Sache ab. Ein kunterbunter Streich an Artwork, das – und jetzt wäre endlich die Brücke zur Musik geschlagen -, sich in allen kunterbunten Facetten auch im Sound wiederfindet.

Das Intro namens Eunoia bringt die Platte dann auch schon als eine Art Abstract oder Kurzprogramm in Stellung. Im Schnelldurchlauf bahnt sich dort gewissermaßen an, was folgen wird: natürlich jede Menge Frickelmelodien, aber auch Percussion, elektronische Beat-Einlagen, Gesang (!) – nur um einmal die auffälligsten und vielleicht ungewöhnlichsten Elemente zu nennen. Big Things Do Remarkable trägt das Intro zunächst thematisch weiter, grätscht hier und da gerne mit einem wuchtigen Bass und wild gewordenen Gitarren in den Songaufbau und verpasst ihm dabei allerlei Stilbrüche, Zäsuren und Neuanfänge. Jetzt geht’s richtig los. Letztlich ist das ja geradezu die Eigentümlichkeit des ASIWYFAschen Songwritings. Die Songs hecheln rastlos von einem Höhepunkt zum nächsten, verlieren sich dazwischen auch Mal im Chaos allerlei Ideen und Einfälle (als wollten sie alles auf einmal spielen wollen und da noch hin wollen und dorthin und eigentlich überall hin), geraten aber nie unter die eigenen, sich rasant drehenden, Räder. Es ist schlichtweg unmöglich auf alle Einzelheiten einzugehen. Die Wendungen sind teilweise so unerwartet und halsbrecherisch, dass man mit dem Hören gar nicht mitkommt und sich stets an den gegenwärtigen Moment klammern muss, um überhaupt festen Boden unter den Füßen zu haben. Man höre nur mal Ambulance und lasse sich im Anschluss von derselben in die nächste Nervenheilanstalt fahren. Ein Song, der zehn Songs sein könnte und der im Sekundentakt Pointen kreiert.

Der The Stay Golden-Dreiteiler, der folgt, ist zweifellos Kern der Platte und dreht sich vom Rabatz des Beginns etwas mehr in richtung Opulenz. Und das ist ganz im guten Sinne von Opulenz gemeint. Alle Pegel auf Anschlag, wenn es der Moment erfordert, ansonsten druckvoll und schwungvoll galoppierend bis zum geht nicht mehr. The Stay Golden Pt. 2 (Rats on a Rock) ist es dann ja nicht einmal zu verrückt eine Steel Pan auszupacken, dass man nicht weiß, ob man sich in der Karibik oder nur im falschen Film wähnen soll. Und weil es damit nicht genug ist, zaubert The Stay Golden Pt. 3 (Trails) ein halbes Orchester aus dem Hut, nur um es in Mend And Make Safe mit einer ordentlichen Bassdröhnung wieder zu zerstampfen.

Die Platte macht jedenfalls, sofern man es schafft sich irgendwie zurechtzufinden, unheimlich viel Spaß und hinterlässt nachhaltig Eindruck, auch weil es letztlich schier unmöglich ist, all die Facetten und Elemente zu durchsteigen. Wie machen die das alles? Vermutlich mit der ihnen eigentümlichen Leichtigkeit, mit der sie Ka Ba Ta Bo Da Ka einstimmen oder Things Amazing mit jubelnden Whooo-Rufen durchziehen. Als wären sie tatsächlich in der Karibik oder einem ganz eigenen karibischen Planeten und nicht in Nordirland heimisch. Da sei es gerne verziehen, dass sich die Platte in ihren Schlusszügen etwas zurücklehnt. Nach dem Feuerwerk zuvor ist das auch nur allzu verständlich, wenn diesen Verrückten von ASIWYFA gegen Ende ein bisschen (!) die Luft ausgeht. All Hail Bright Futures ist nichtsdestotrotz ein Meilenstein des Math-getriebenen Postrock.

9/10

(Martin Oswald)

And So I Watch You From Afar – All Hail Bright Futures | Sargent House | VÖ: 22.03.13 | CD/LP/digital

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