Ana Never – Small Years

Ana Never - Small-Years
Die Methode Widerspruch

Das Schöne und das Abstoßende, Widersacher, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im fortlaufenden Konflikt, seit jeher. Und doch vermögen es von Zeit zu Zeit so manche, diese scheinbare Agonie aufzulösen, abzuwandeln in ihre Spielarten, ins Fragile und Grobschlächtige, ins Leise und Laute, ins Sanfte und Brutale. Kunstvoll miteinander verwoben zu einem Ganzen, in dem das Eine ohne das Andere verloren wäre, ziellos zerfranst und vergessen werden würde. So viele haben es schon versucht, haben monolithische Gitarrenwände und zerbrechlichen Melodieseufzer sich umgarnen lassen. Nicht wenige sind daran gescheitert, sind untergegangen in der großen Masse, die sich Postrock schimpft, wohingegen andere brillieren konnten. Ana Never, so viel sei jetzt schon gerne verraten, werden Letzteres tun. Wie schon die erst kürzlich vorgestellten Neko Nine hat der Fünfer aus Serbien seine ganz eigene Vorstellung vom Postrock, hat sich aus der schier uferlosen Bandbreite seine ganze eigene Interpretation und Spielart herausgearbeitet.

Das meint konkret: Ana Never suchen ihr Glück im Epischen. Und finden es. Kaum weniger als achtzig Minuten Spielzeit braucht Small Years, um sich in all seinem Facettenreichtum zu entfalten. Achtzig Minuten, die in lediglich vier Songs unterteilt werden. Songs, denen ihre Bezeichnung kaum gerecht zu werden vermag, handelt es sich bei den kleinen und großen Werkstücken von Ana Never doch viel mehr um teils unüberschaubare Spiel- und Projektionsflächen voll ungeahnter Bild- und Suggestionskraft. So wabert dann auch das 26-minütige Eröffnungsstück Future Wife sanft und zurückhaltend heran, schmiegt gefühlvolle Ambient-Soundscapes und Streicher aneinander, malt erst nach knapp fünf Minuten die ersten Gitarrentupfer in die Klanglandschaft. Die wiederum entsprechend tönt – friedlich, zerbrechlich, beinahe unberührt. Und doch untermalt von einer latenten Spannung, ob der (bangen) Erwartung des Moments, in dem das Stück kippen könnte. Eine Spannung, die noch verstärkt wird, von einer verzerrten Drohkulisse am Horizont und die am Ende doch ins Leere läuft. Zwar bauen Ana Never ihren Opener im Mittelteil ganz behutsam schichtenweise auf, lassen ihn größer und kräftiger erscheinen, vermeiden es aber tunlichst, die friedvolle Atmosphäre zu stören oder gar zu zerstören. Und sie tun gut daran.

Die Aufgabe, erste Risse ins die bis hier hin gezeichnete, unschuldig wirkende Atmosphäre zu reißen bleibt schließlich Half Way überlassen, das in seiner auffallenden Kompaktheit auch als – und das ist keinesfalls despektierlich gemeint – Wurmfortsatz des Openers angesehen werden könnte. Dann werden die Farben düsterer, wird das Raunen im Hintergrund und mit ihm die gesamte, von Verfremdung überlagerte Geräuschkulisse schwerer, bedrohlicher, ja richtiggehend bedrückend. Ganz ohne mit der geschliffenen Gitarrenaxt zu arbeiten wiegen sich hier die alarmierten Nackenhaare im Wind, kippt die Stimmung ins Besorgte. Und doch: Auch an dieser Stelle machen Ana Never nicht den Fehler, das Offensichtliche zu tun, die Stellschrauben der Beklemmung weiter anzuziehen und sich so in eine Gasse zu manövrieren, aus der sie schwerlich wieder heraus kommen würden. Stattdessen setzen sie mit Gorgeous One – das seinen Titel mehr als verdient hat – den nächsten Kontrapunkt. Wie weg gewischt erscheint nun die noch eben allgegenwärtige Klaustrophobie, mit Leichtigkeit durchbrochen von warmherzigen Streichern und verspielten Gitarren, ersetzt ein Klanggebilde, das nicht weniger, als einfach nur Schönheit und die Freude an selbiger darbietet. Das sich an sich selbst ergözt und aufschaukelt, durch sich selbst zu ungeahnter Größe findet und sich zum Ende langsam, auf leisen Sohlen nach Hause bringt. Um den Raum frei zu geben, für das, was in den verbleibenden 28 Minuten noch folgen mag.

Nämlich für To Live For und damit, nachdem der Gegensatz im Mittelteil von Small Years bereits angekündigt wurde, für das große Finale, für den Showdown zwischen Anfang und Ende der Platte. Und so letztlich für den exakten Gegenentwurf zum Opener. Keine zwei Minuten braucht das Schlussstück, um die Sense anzusetzen, am vormals dargebotenen Hang zum Schönen, um ein ganzes Album mit sich selbst überrumpelndem Schlagzeug, unvermittelten Gitarrenattacken und fiesen Feedbacks auseinander zu nehmen, in all seine Einzelteile. Die neu zusammen gesetzt werden, zu einem unbarmherzigen, rabiaten Stück gekonnten Krachs, das selbst in den Minuten, in denen es sich zurück nimmt, sich sammelt weiterhin ein Gefühl der Furcht evoziert. Furcht vor dem neuerlichen Ausbruch. Der dann auch unweigerlich kommt. Und der zu allem Überfluss das Tempo zum Ende hin gnadenlos anzieht, alles gibt und in die Waagschale wirft, im ewigen Widerstreit, irgendwo zwischen den schon skizzierten Polen.

Dann ist es vorbei, haben vier Songs ihre HörerInnen in die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Gegenden mitgenommen, hin- und her geworfen zwischen den Extremen. Und schlussendlich ist man auch geschafft von dem, was Ana Never in den voraus gegangenen 80 Minuten zelebriert haben. Small Years. Ein Album mit Konzept, ein Album, dass es vermag, das Grundprinzip eines kompletten Genres zu spiegeln, das ausschweift, übertreibt, sich selbst methodisch widerspricht. Und gerade deshalb ein seltenes Etikett verdient: Essentiell.

9/10

Anspieltipps: Future Wife, To Live For

(Martin Smeets)

Ana Never – Small Years | Fluttery Records | VÖ: 02.11.2012 | CD/Digital

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