Algiers – Algiers

Algiers - Algiers // Bild: algierstheband.com

Gute Mischung

Verkopft. Das ist oftmals ein leicht dahingesagtes Abkanzeln von Zeug, das sich nicht auf Anhieb erschließen mag. Die Wurzel hinter der leidlich witzigen Frage ‚Ist das Kunst oder kann das weg?‘. Und manchmal eines der schlimmsten Urteile, die man über ein Werk fällen kann. Weil es impliziert, die Künstler_innen wären sich selbst im Wege gestanden und hätten sich am eigenen, (über)ambitionierten Vorhaben gewaltig verhoben. Ein Synonym für ‚gescheitert‘, wenn man so will. Mit einer Note subtiler Bösartigkeit on top.

Ach ja, warum wir das alles eigentlich erzählen? Weil Algiers seit ein paar Wochen mit ihrem ersten Album vor der Tür stehen und das Wort ‚verkopft‘ auf den ersten Blick geradezu magisch anziehen. Schließlich schreibt man anderswo in Bezug auf die Band von einem „Unterbau aus Motiven der New-Wave-Ära, Industrial, Rhythm & Blues, gewaltigem Noise und Postpunk“, der „Totenmesse einer kulturellen Hegemonie“, der „Kraft des spirituellen Gruppengesangs“ und der „Wiedergeburt des Gospel aus dem Geist von Noise, Punk und Protest.“ Es wäre an dieser Stelle durchaus reizvoll, sich ein wenig über das spontane Patchworkgenre Gospelnoisepunk zu beömmeln, ein bisschen vom Hype zu erzählen und von dannen zu ziehen. Aber: So einfach ist das nicht.

Allein die Tatsache, dass man in weniger gut informierten Kreisen bislang kaum etwas von dieser Band mitbekommen hat, entkräftet den Hype-Verdacht nachhaltig. Und wenn man Algiers erst einige Male genießen durfte, stellt man andachtsvoll fest: Die KollegInnen haben allesamt recht. Die Musik des Trios verlangt den Seiltanz der Genrebezeichnungen, weil sie zusammenbringt, was man in dieser Form nicht oft zusammen hört. Und sie verlangt eine ganze Menge Aufmerksamkeit, weil das Ergebnis fast immer brillant gerät. Sei es Remains, das die fahlen, am Industrial geschulten Klangfarben vorstellt und bedächtig die Spannung aufbaut. Sei es Irony. Utility. Pretext., das sich seinen Drumbeat direkt der 80er-Jahre-Version von Depeche Mode ausborgt und das Tempo zwischendurch mal merklich anzieht.

Fast ist man geneigt, die Aufzählung an dieser Stelle abzubrechen und allen Songs eine ähnliche Klasse zu attestieren. Dann aber muss man einsehen, dass man an der gesonderten Erwähnung des bedrohlich funkelnden Blood wohl kaum vorbeikommen wird. Gleiches gilt für das schwungvoll durchkomponierte But She Was Not Flying. Und wenn Games kurz vor Schluss die ansonsten omnipräsenten Dissonanzen links liegen lässt und für fast vier Minuten in sich selbst ruht, bleibt ohnehin nichts anderes mehr übrig, als berührt zu staunen. Weil Algiers ein Debut vorgelegt haben, von dem man noch öfter hören wird. Weil es politisch, innovativ, faszinierend und manchmal ein wenig anstrengend ist. Eine gute Mischung. Und kein bisschen verkopft, versteht sich.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Remains, Blood, But She Was Not Flying, Games

(Martin Smeets)

Algiers – Algiers | Matador / Beggars / Indigo | VÖ: 29.05.2015 | LP/CD/Digital

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