Adolar – Die Kälte der neuen Biederkeit

Adolar - Die Kälte der neuen Biederkeit // Bild: jpc.de

Los. Stop. Schade.

Adolar und die Zuschreibungen. Es könnte so leicht sein:  Würden Adolar nämlich zu jeder ihrer Platten einen kleinen Beipackzettel, gespickt mit allen mehr oder weniger abenteuerlich verkürzten Klischees und Worthülsen über ihr eigenes Schaffen beilegen, die so herumfliegen in verstiegenen Pseudofachgesprächen, verschwitzten Clubs, Freundeskreisen, WG-Küchen und nicht zuletzt im hiesigen Forum – die Arbeit sämtlicher Rezensenten wäre getan. Schließlich wäre im leidlich übersichtlichen Spannungsfeld der Be- und Zuschreibungen, irgendwo zwischen quer laufenden, aufeinander einprügelnden Takten, Musik für Mittzwanziger, Post, Punk, wahlweise cleveren, affektierten oder befindlichkeitsfixierten Texten und natürlich Captain Planet für alle etwas dabei. Das bedient dann zwar aber alle, verhindert aber jeglichen Ansatz von Trennschärfe bereits im Ansatz. Und außerdem – das zeigte der Vorgänger Zu den Takten des Programms eindrücklich – kann dieses Durcheinander bisweilen richtig enervierend sein.

Was machen Adolar ob derlei verfahrener Aussichten? Sie laufen voller Enthusiasmus dorthin, wo es niemand vermutet hätte, kleistern mit Die Kälte der Neuen Biederkeit einen ebenso affigen wie griffigen Titel auf ihr neues Album und räumen bei dieser Gelegenheit direkt mal das eigene Durcheinander kräftig auf. Die quietschbunte Ideenkiste voller Dinge, die eigentlich nicht zueinander passen wollen, die irgendwo im Adolarschen Proberaum für Inspiration gesorgt haben muss? Wenigstens teilweise eingemottet. Heute begnügt man sich für einen Song viel lieber mit einer überschaubaren Anzahl an Ideen, spielt diese dafür aber konsequent zu Ende. Hyperaktivität weicht durchdachten Strukturen, die Tobsuchtanfälle früherer Tage werden durch ein immer schon da gewesenes feinsinniges Gespür für Melodien eingetauscht. Schon wenn Rauchen gemächlich in den Raum wabert und sich alle Zeit, die es braucht, nimmt, um zu mehr Größe und Lautstärke zu gelangen (und die erwartete eingesprungene Blutgrätsche auf Hüfthöhe doch nur andeutet), wird offenbar: Nie klangen Adolar so geradlinig und nachvollziehbar wie heute. Und stellenweise auch nie spannender und wendiger. Da geht der Weg eben mal direkt von bislang ungewohnter Fröhlichkeit voller Streicher im formidablen Raketen über ein dröhnendes Synthiegewitter am Ende des folgenden Titeltracks zum direkten Vorwärtsdrang von Blumen. Und das alles frei von etwaigen musikalischen wie textlichen Untiefen. Da kann man schon mal anerkennend nicken.

Natürlich sind Adolar trotz alledem noch immer auch die Band, die sich auf ihre eigenen Trademarks versteht. Man erkennt zumeist ohne Schwierigkeiten, wer sich Songs, wie das konsequent leicht neben dem Ton eingesungene Diesig ausgedacht hat. Stücke wie Halleluja oder Inspektor Brötchen pflegen ferner die altbekannten, aufgekratzt neben den Takt gebürsteten Gitarrenfurien, die Beats, die sich nie entscheiden können, in welche Richtung es denn gehen soll. Zumal letzteres die Anfangs angedeutete Blutgrätsche dann tatsächlich auspackt. Das sind dann die Stücke, die man so von dieser Band erwarten durfte.

Neu ist allerdings der klare Plan, die Stringenz, mit der Adolar ihre Songs vortragen. Da ist bisweilen das letzte Bisschen gefunden, das bisher zu den großen Momenten gefehlt hat. Spielerisch greifen die Ideen ineinander und befördern ungeahnt strahlende Songs an die Oberfläche. Die Schönheit von Raketen, der Schwermut von Salmiak – selten kamen die Stücke mitsamt ihrer Stimmung besser zur Geltung, als auf diesem Album. Und wenn zukünftig noch auf die ein oder andere arg windschiefe Gesanglinie und etwas nichtssagende Songs wie Nach Schweden ziehen verzichtet wird, sind Adolar endgültig beim Meisterwerk angelangt. Für’s erste liegen sie aber auch mit Album Nr.3 knapp daneben. Schade.

7/10

Anspieltipps: Rauchen, Raketen, Neue Biederkeit, Kanüle

(Martin Smeets)

Adolar – Die Kälte der neuen Biederkeit | Zeitstrafe/Indigo | VÖ: 06.09.2013 | CD/LP/Digital

Ein Gedanke zu „Adolar – Die Kälte der neuen Biederkeit

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