A Whisper In The Noise – To Forget

Fragmente in der Zeit

Ein neues A Whisper In The Noise-Album also. Da dürfte schon vom Hörensagen klar sein, womit man es hier einmal mehr zu tun bekommt: Viel Schwermut, träge Beats, dezente Klavieranschläge, eine singend-murmelnde Stimme, eine sparsam dosierte Gitarre, kein Wort zu viel. Es dürfte nicht überraschen, dass es auf To Forget genau das zu hören gibt. Ein berechenbares Album also? Ein Dry Land Nummer 2? Ein alter Hut? Oh nein, keineswegs. Denn obgleich West Thordson weder sich selbst noch seine kleine Band neu erfindet, gelingt ihm dennoch To Forget aus dem Schatten des übermächtigen Vorgängers zu heben. Zugegeben: dieser Eindruck stellt sich nicht sofort ein. Es braucht ein paar Durchläufe bis sich To Forget von Dry Land emanzipieren kann und das aber ganz vortrefflich. Man muss der Platte Zeit geben und lassen und es damit ihrem Schöpfer gleich tun. Denn West Thordson lässt To Forget unheimlich viel Zeit, viel mehr als die 45 Minuten Spielzeit eigentlich bereit halten.

Ein Instrumental-Opener, der sich über fünf Minuten aus einem brummenden Geräusch und einem allzu zögerlichen Beat nach und nach samt Xylophon und Streichern entfaltet, um wieder in einem Brummen zu versiegen. So als wäre er nie da gewesen, als gelte es ihn wieder zu vergessen. A Whisper In The Noise spielen förmlich mit der Zeit. Es gibt auf dem gesamten Album keine Ausbrüche, keine Pointen, keine Refrains (im eigentlichen Sinne), keinen Tempobeschleuniger. West Thordson hält den Uhrzeiger fest und baut in aller Behutsamkeit seine Songs auf, die nun auch keine Songs im eigentlichen Sinne sein wollen und sind. Vielmehr bleiben sie stets fragmentarisch, entrückt, nicht ganz zu Ende gedacht und gespielt. Jedes Lied ist wie ein Puzzle, das löchrig zusammengesetzt und unvollendet gelassen wird und stattdessen wieder auseinander gepflückt wird.

Doch ist gerade das der Reiz dieser hervorragenden Platte. A Sea Extranging Us, All My, Every Blade Of Grass sind derart fragil und skizzenhaft, dass ein laues Lüftchen genügte, um sie entschweben zu lassen. Bruchstückhaft werden Westerngitarre und Violine an dumpfe und bleischwere Rhythmen geheftet (Every Blade Of Grass), die durch das sanfteste Klavier der Welt federleicht werden und den bröckelnd-wimmernden Gesang behutsam durch die Zeit tragen (so bei All My). Und was nun alles so düster anmutet, ist gar nicht so düster. A Whisper In The Noise haben an und für sich ein freudige Platte aufgenommen – für ihre Verhältnisse, versteht sich.

Black Shroud und Your Hand sind gar richtig freudig gestimmt und ohnehin die Hits des Albums, da sie vor Schönheit nur so strotzen. Dass sich auf To Forget mit Maya´s Song auch eine solch traumhafte Klaviernummer findet, ist wohl so etwas wie das Sahnehäubchen der Skizzenhaftigkeit dieser Platte. Es passt auch nur zu gut, dass der Schlusspunkt Of This Sorrow nach einem uvollendeten, fröhlich-klagenden und klavierdominierten Liedfragment etwa acht Minuten lang überhaupt keine Musik darbietet, sondern To Forget mit allerlei Umwelt-Geräuschen ausfadet. So als hätte West Thordson das Mikro ans Fensterbrett gestellt, um mal eben auf der Fensterbank ein Nickerchen zu machen. Denn wir wissen ja: der Mann lässt sich und der Platte viel Zeit. Und das ist schön, bezaubernd schön.

(Martin Oswald)

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