Captain Planet – Ein Ende

Captain Planet - Ein Ende - Cover
Das Ende der Erwartungen

Es ist vermutlich kein Trend, aber zumindest doch eine relevante Option unserer Zeit geworden: Ein Album nahezu ohne Vorlauf zu veröffentlichen. Vielleicht ist es sogar so etwas ein Anti-Trend. Was mühen sich manche wochenlang ab mit groß angelegten Promo-Kampagnen, um eine Platte zu pushen, ein bestimmtes Publikum anzufixen, ein neues zu gewinnen, einen ganzen Stapel Reviews zu bekommen und selbst im allerhintersten Blog irgendwo im Internet noch ein Interview zu platzieren. Über Monate werden Social-Media-Accounts von Songwriting über Proben, von Aufnahmen über Postproduktion mit Schnipseln aus einer Albumentstehung bespielt, der Spannungsbogen und die Erwartungen damit (vermeintlich) hochgehalten.

Dass es eben auch anders geht, beweisen nicht zuletzt und wieder einmal Radiohead, die ohne auch nur irgendetwas Verlässliches zu kommunizieren sich gänzlich aus dem Internet zurückziehen, um dann kurzerhand zwei Videos und eine unmittelbar bevorstehende Albumveröffentlichung zu vermelden. Das ist alles in allem natürlich dennoch viel Brimborium, wir reden immerhin vom Weltmeister in der Anti-Vermaktungsinszenierung. Wie eine ähnliche Strategie jedoch ungleich bescheidener funktioniert, beweisen Captain Planet.

Nach einer sehr langen Sendepause verkündet die Band am 18.04.16 über Facebook: „Das hier ist ein Ende.“ Aha. Panik, Unverständnis, Rätsel, Hoffnung… Was ist das für eine Botschaft? Bereits am nächsten Tag lüftet die Band das Geheimnis. In nicht einmal drei Wochen kommt das neue Album mit dem Namen Ein Ende. Ein Video kommt in zwei Tagen. So viel dazu.

Nun ist das Album also da und muss den Erwartungen, die Captain Planet in kürzester Zeit von null auf hundert katapultiert haben, standhalten. Das sind eben auch Erwartungen, die sich die wahrscheinlich spannendste deutschsprachige Emopunkband über Jahre und bis dato drei hervorragende Platten erspielt hat. Mit Ein Ende muss sich die Band erneut beweisen und – das war ebenfalls zu erwarten – sie schafft dies bedingungslos.

Viel Experimente muss man bei Captain Planet sowieso nicht erwarten, zu festgelegt ist der Bandsound, wenngleich er diesmal weniger schrammelig, dafür deutlich klarer und differenzierter daherkommt als beispielsweise noch auf Treibeis. Doch das angestrengte Wehklagen Jan Arne von Twisterns, das sich von Anfang bis (haha) Ende durchzieht, ist ebenso unverkennbar wie der unbedingte Sinn Captain Planets für eingängige Melodien irgendwo zwischen Posthardcore und Poppunk mit meist aufregend inszenierten Refrains.

Ein Ende gönnt sich daher kaum eine Atempause und peitscht auf einem erstaunlich hohen Niveau in nicht einmal einer halben Stunde durch Lyrik, die zu kunstvoll für den Alltag und zu alltäglich für Kunst ist. Wie so oft bei Captain Planet brauchen die Songtitel keinen bedeutungsschwangeren Aufwand, sondern heißen schlicht und banal Kreisel, Irgendwas, Kette oder Landung und geben den Songs das karge thematische Grundgerüst. Es geht um Begegnungen, Beziehungen, Nähe, Ferne, die Kälte und Wärme in uns und Ausflüchte und Fluchten aus dem und in den Alltag.

Im Urteil oft hoffnungslos „Wir alle sind gescheitert“ (Tulpenfarm) weicht doch die Hoffnung auf ein gutes Ende nicht. Denn auch am Ende geht es weiter, irgendwie. Ein Ende ist nie nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Dass dies bei Cptain Planet keine alberne Floskel ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie ihren bis dato besten Song Vom Ende An eben an den Schluss setzen. Ein Ende ist großartig und sicherlich noch lange nicht das Ende. Das Ende der Erwartungen am allerwenigsten.

8/10

Captain Planet – Ein Ende | Zeitstrafe | VÖ: 06.05.16 | LP/CD/digital

Joasihno | 20.04.16 | Ostentor (Regensburg)

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Für das erste Konzert im neuen Ostentor (also im alten Ostentorkino unter neuer Leitung) sollte etwas Besonderes her. So scheint es zumindest, denn mit Joasihno kam nicht einfach nur eine gewöhnliche Band, sondern ein ganzes Ensemble. Ein Ensemble bestehend aus zwei Menschen und zahlreichen Instrumenten, Gerätschaften und Robotern. Cico Beck und Nico Sierig haben im Zuge einer kleinen Tour zur kommenden Platte Meshes ihre kleine Band auf ein neues Live-Level gehoben. Auf der eher nach Werkraum anmutenden Bühne gehen die beiden förmlich unter, so klein machen sie sich inmitten allerlei Rotoren, Schlag-, Tasten-, Blas- und Zupfinstrumenten. Rechner, die das alles zu einem Ganzen vernetzen, dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Was geht hier eigentlich vor sich? Das Konzert ist gewissermaßen eine dialektische Angelegenheit, weshalb gerade die wechselwirkenden Mechanismen zwischen Mensch und Maschine das eigentlich Interessante sind. Die Übersetzung digitaler Signale in mechanischen Wirkzusammenhang und die wiederum rückübersetzte analoge Bewegung ins Digitale, ist beindruckend. Denn geht der eigentliche Weg der Technisierung weg vom menschlich Unzulänglichen, weg von fehlerhaften und unpräzisen (in diesem Falle musikalischen) Bewegungen, so findet hier eine Umkehrung dessen statt. Die mit Kugelpendeln behangenen Rotoren beispielsweise übernehmen perkussive Aufgaben und schlagen auf ihrem Rundweg gegen Schlag- und Klimper- und Raschelinstrumente. Zumindest sollen sie es. Manchmal bleiben sie auch hängen oder beschleunigen zu schnell und verfehlen ihr Schlagziel. Von Perfektion sind sie weit entfernt und erweisen sich als größere Fehlerquelle als die menschliche Hand, die eine Schlagbewegung auch nie auf ganz exakt die gleiche Weise ausführen kann. Diese Fehler sind natürlich kalkuliert und erwartbar und bergen in sich unvorhergesehene Momente, die den perfektionistischen Anspruch an Technisierung obsolet machen.

Haben Cico und Nico diese Gerätschaften im Griff? Ja und nein, so scheint es. Sie geben die Impulse, programmieren und steuern zielgerichtet ihre Apparaturen, verharren aber dennoch in devoter, ja geradezu religiös ergebener Haltung vor diesem Sammelsurium aus selbst- und fremdgebasteltem Technikzeug und man ahnt, dass auch sie ahnen, dass nur ein fehlerhaft gestecktes Kabel, ein abgestürzter Rechner, eine verschlissene Hydraulikpumpe und dergleichen von einer Sekunde auf die andere alles ändern können. Gleichermaßen beherrschen Joasihno ihre Maschinen wie sie von ihnen beherrscht werden. Eine mächtige und ohnmächtige Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Maschine.

Die Musik von Joasihno gerät dabei fast schon in den Hintergrund bzw. wird eher zum Soundtrack für den vorne inszenierten Bastelworkshop. Das ist aber eigentlich nicht allzu schlimm, krankt sie, ganz in Tradition von New Weird Bavaria, daran dem Indiepop zu viel Geflicker, Gestöber und soundwandlerischen Schnickschnack zuzumuten, den dieser nicht imstande ist umfassend aufzunehmen. Hauptsache die Bühne ist mit allerlei knarzendem und blinkenden Krempel vollgestellt – das wichitgste Erkennungsmerkmal von New Weird Bavaria.

Der ästhetische Eindruck lässt sich dann auch eher mit einem „boah krass“ als mit einem „schön“ beschreiben. Nicht die schlechteste Wertung, aber nun ja: Als sich dann das kleine, reduzierte und hauptsächlich akustisch dargebotene Abschlussstück als das beste des gesamten Abends erweist, fragt man sich insgeheim schon etwas erstaunt, was dieser ganze Aufwand vorher überhaupt sollte.