Matze Rossi – Ich Fange Feuer

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Alles wird gut. Oder eben nicht.

Es läuft für Matze Rossi. Sein nunmehr fünftes Album Ich Fange Feuer erscheint im bisher größten Rahmen. Die Veröffentlichung beim Boysetsfire-Label End Hits Records wird mit umfangreichen Specials, Promo-Features, so auch einem Auftritt in der Pro7-Sendung Circus Halligalli und einer ausgiebigen (von GHvC gebuchten) Tour begleitet. Viel hat er dabei einem weit verzweigten Freundschafts- und Fannetzwerk, vor allem aber seiner Ausdauer, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Freude an Musik zu verdanken. In letzterer Beziehung ist Matze die ehrlichste Haut, die man sich vorstellen kann und scheint damit mittlerweile auch angekommen zu sein. Zum ersten Mal ist er etwas mehr als reiner Hobby-Musiker.

Und auch wenn das Setting hervorragend passt, so zählt in der Hauptsache doch die Musik, die Ich Fange Feuer natürlich wieder in gewohnte Gefilde befördert. Matzes rau-sanfte Stimme dominiert die überwiegend mit der Akustischen inszenierte Songs, die sich wie so oft um Themen wie Freundschaft, Liebe, Musik, Leben und Tod drehen und bei denen es zu müßig wäre nachzuzählen, wie häufig diese Begriffe tatsächlich fallen. Zu oft jedenfalls. Die Grundstimmung ist, wie auch schon beim Vorgänger Und Jetzt Licht, Bitte!!!, ausschließlich positiv und gibt sich überaus intim. Diesmal wagt sich Matze Rossi jedoch wieder aus seinem Keller heraus und gestaltet die Songs wieder größer und imposanter. Das zeigt sich insbesondere an der aufwendigeren Produktion und den zahlreicheren Begleitinstrumenten, die wieder deutlich mehr Bandimpetus in sich tragen.

Ich Fange Feuer ist wieder einmal nett und gelegentlich schön anzuhören, bleibt aber meilenweit unter den Möglichkeiten Matze Rossis zurück. Das ist ärgerlich. Die inhaltliche Verengung auf die immer gleichen Themen macht die ganze Platte über einige Strecken langweilig und insgesamt harmlos. Hier straft sie nicht nur den alten Tagtraum-Song Balsam Lügen („Denn ich bin alles andere als hilflos oder harmlos“), sondern lässt gelegentlich die Frage aufkommen, ob das hier noch Matze und nicht bereits Semino Rossi ist. Jemand, der sich in einer derart grausamen Welt, wie wir sie derzeit vorfinden, dermaßen auf die persönliche Glücksfindung, das eigene Seelenheil und (Achtung!) das „Karma“ beschränkt, hat leider nicht viel zu sagen und wäre zuweilen im Schlager besser aufgehoben. Hoffnung weicht hier einem blinden und naiven Optimismus.

Das alles heißt jedoch nicht, dass Ich Fange Feuer nicht auch seine gelungenen Momente hätte. Der Spannungsbogen in Das Vertraute Kribbeln In Meinen Händen, der sich schön im etwas unbedarften „Alles wird gut“ entlädt oder Kein Zweifeln Und Bedauern, das neben leidigen Ohohohos einen hinreißenden Schwung bietet, zum Beispiel. Wenn sich am Ende Zieh Meine Träume Nicht Durch Den Dreck fast orchestral auftürmt, wird klar, dass Matze Rossi durchaus die Experimentierfreude besitzt, die sich musikalisch eben nicht in der Akustikgitarre erschöpft.

Insgesamt wird aber auch klar, dass hier wieder einmal wesentlich mehr drin gewesen wäre und Matze Rossi seine Genialität als Songwriter nicht annähernd ausschöpft. Die kitschig-esoterische Positivität, die weit entfernt von der fragilen und poetischen Schönheit eines solo(w) boy, so-low ist oder die schlageresken Refrains, die eine ganze Ecke den herzhaften Indie-Popsongs der unvollendeten digitalen EP-Trilogie (hier und hier) nachstehen, stehen dafür symptomatisch. Ob bei Matze Rossi wirklich alles wieder gut wird? Na ja, wollen wir’s hoffen.

4,5/10

Matze Rossi – Ich Fange Feuer | End Hits Records | VÖ: 18.03.16 | LP/CD/digital

EP: Vizediktator | anorak. | Suetterlin | Minipax

Vizediktator_Rausch_CoverVizediktator – Rausch

Viele würden sich mit dem zweiten Platz sicherlich nicht zufrieden geben. Vizediktator schon. Zumindest dem Namen nach. Wo sich andere gerne an erster Position sehen würden, machen sie es sich in Lauerstellung bequem und vertreten den Diktator, wenn dieser sich mal ein bisschen Urlaub gönnt. Ziemlich bescheiden, könnte man meinen, gäbe es da nicht die Musik. Da geben sich Vizediktator alles andere als bescheiden. Mit großen Gesten, ja fast schon schlageresk, zelebrieren sie melodisch-fetzigen, aber doch bitterernsten Punkrock. Bei Bülowstraße haben sie sich die Catchiness von Matze Rossi geliehen (Geist) und zeigen sich auch sonst eher weniger innovativ. Doch macht das überhaupt nichts, weil Rausch nicht nur durch die herausragende Produktion ein überaus charmanter Abgesang auf den urbanen Alltag ist. Dass mit Dessau auch ein allzu unverdaulicher und fieser Klotz auf der EP gelandet ist, macht die Sache nur noch besser.

[Sportklub Rotter Damm | VÖ: 19.02.16]

 

2016_02_EP-Cover_SPOTIFY_kleinanorak. – Kalter Frieden

Anorak. aus Köln legen offenbar viel Wert auf Style. Nicht nur, dass sie ihren Namen in Eigenschreibweise mit einem Punkt versehen, nein, sie schreiben jenen auch noch kopfüber gespiegelt. Verrückt und ziemlich hip. Kalter Frieden heißt die lediglich zwei Songs umfassende erste EP und präsentiert etwas fransigen (Indie-)Posthardcore, der sich durch zahlreiche Tempi- und Stimmungswechsel alle Mühe gibt, nicht langweilig zu wirken, dabei aber mit seinem viel zu seichten und penetranten Geschrei genau dazu tendiert. Überhaupt scheinen anorak. die Wirkung und Rezeption ihrer Band mehr im Auge zu haben als die Musik selbst. Ein kalkuliertes Verlangen nach Gewogenheit, zu der die EP allerdings nur halbwegs Anlass gibt. Ein netter Versuch, der letztlich zu blass und ausdruckslos bleibt.

[Uncle M | VÖ: 19.02.16]

 

SUETTERLIN_EP_Cover_bigSuetterlin – s/t

Sebastian Wahle und Daniel Senzek begnügen sich damit ein Duo zu sein. Für eine ganze Band zu wenig, aber warum eigentlich nicht? Schließlich gelingt ihnen mit ihrer ersten EP die Mosaiksteinchen des deutschsprachigen Indie-Pop aufzulesen und gekonnt zusammenzufügen. Herrenmagazin, PeterLicht oder – natürlich – ClickClickDecker sind hier keinen Katzenwurf entfernt. Akzente setzen Suetterlin vor allem mit klaren und leichten (nicht immer unfallfrei vorgetragenen) Gesangsmelodien, dezenten, aber prägenden Keyboard- und Glockenspieleinsätzen und einem ausgeprägten Sinn für rundum gut funktionierende Popsongs. Gerade letzteres zeigt sich in besonderer Weise in Das Weite Suchen. Fein.

[Midsummer Records | VÖ: 05.02.16]

 

Minipax_Cover_quadratischMinipax – 1984

1984 sangen Vorkriegsjugend auf ihrer einzigen selbstbetitelten LP: „Der Weg ist schon bereit / Für eine neue Zeit / Leben in Glas und Beton / Leben in der Isolation /Alle Daten registriert / Bei Nichtgefallen ausradiert“ (Der Sarg). Da konnten sie sich eigentlich keinen Begriff davon machen was Datenregistrierung im Jahr 2016 – in dieser neuen Zeit also – bedeuten könnte. Auf welch vielfältige Weise Datensammlung, -auswertung und -kontrolle Einfluss auf das menschliche Verhalten haben sollte und würde. 2016 ist also noch weitaus mehr als 1984 das orwellsche Jahr der Vorkriegsjugend. Das scheinen auch Minipax ähnlich zu sehen und schaffen sich als Band mit ihrer ersten EP einen Orwell-Mikrokosmos. Weil ihnen die Zukunft jedoch nicht hoffnungslos erscheint, geht es auf 1984 auch nicht gerade dystopisch zu. Das hier ist eben nicht die Vorkriegsjugend. Minipax verorten sich eher auf der Popseite des Deutschpunk und erinnern in den besseren Momenten an Rasta Knast (z. B. die Gitarrenarbeit bei Mundtot und Dann Geh – wie übrigens auch schon auf der Amdamdes-Vorgängerversion) und in den schlechteren an die Killerpilze (Jebes Nacije). Dabei sind sie textlich zuweilen zwar allzu plakativ unterwegs, bestechen aber durch eine vorzügliche Produktion und mit so ziemlich den schmissigsten Refrains, die 2016 in der deutschsprachigen Punkmusik bisher zu bieten hatte. Und: Zum Glück ist ein gottverdammter Hit. Gutes Ding!

[SubZine Records / Uncle M | VÖ: 26.02.16]