The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die + mewithoutYou | 27.01.16 | Feierwerk – Kranhalle (München)

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The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die

Es scheint sich nicht in allen Ecken Münchens herumgesprochen zu haben, dass mit The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die und mewithoutYou so ziemlich das spannendste Line-up, welches der Emo-Irgendwas-Core derzeit zu bieten hat, im Feierwerk anzutreffen ist. Vielleicht ist es vielen auch einfach egal. München halt. Jedenfalls: Leer war es natürlich nicht in der Kranhalle, das wäre ein allzu verzerrtes Bild, man stand sich aber auch nicht gerade auf den Füßen. Dass sich einige Gäste nach dem Change Over gar nicht mehr in die Halle bequemen, macht die Sache nicht besser. Da wäre deutlich mehr drin gewesen. Bei diesem Line-up! München halt.

An mewithoutYou, die im vergangenen Jahr ihr fabelhaftes sechstes Album, Pale Horses, veröffentlicht haben, liegt es zunächst gegen einen lückenhaft abgemischten Sound anzuspielen. Die in zwei Mikros vielseitig sprechende und singende Stimme Aaron Weiss’ ist eingangs nur unvollständig zu verstehen, was schade ist, zumal sie sich für das unnachahmliche Wesen der mewithoutYou-Songs in besonderer Weise verantwortlich zeichnet. Vielleicht liegt es aber auch gar nicht am Mischen, sondern eher an Weiss selbst, der sich zu Beginn am Boden räkelt als hätte er entsetzliche Rückenschmerzen und nur allzu verhalten in die Mikrofone haucht und nuschelt. Doch nach und nach nehmen mewithoutYou Fahrt auf und legen in die emotionale Dynamik ihrer Songs große Hingabe auf der Bühne. Weiss tummelt sich überall, dreht Pirouetten, spielt gelegentlich die Akustische und wechselt scheinbar wahllos seine beiden Mikros. Das ist überaus hör- und sehenswert.

Was für mewithoutYou gilt, gilt allemal für The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die. Die Band, deren Besetzungsumfang selbst eine handelsübliche Skaband schlägt, hat mit Harmlessness 2015 ebenfalls ein überragendes Album veröffentlicht. Das zweite erst, dem allerdings ein paar EPs vorangingen. Das achtköpfige Kollektiv um David Bello und die Shanholtzer-Dvoraks weiß seine Songs geradezu spielerisch auf die Bühne zu bringen. Vier (!) Gitarren werfen sich kleine beschwingte Melodien zu, um in den passenden Momenten auszubrechen und zu zeigen warum es besser ist von Emocore als einfach von Indie zu sprechen. Denn zwischen der Zerfahrenheit von Bellos verschleppt-klagendem Gesang und zuweilen ausgiebigen Jamsessions kommt doch immer wieder wohl dosierter Hardcore durch. Dabei wirken die Songs trotz dieser umfangreichen Besetzung nicht überinstrumentiert, sondern sind in all ihrem Facettenreichtum großartig. The World Is a Beautiful Place… sind nicht nur eine Bereicherung für jeden Plattenspieler, sie sind es auch für alle Bühnenbretter. Diese Band kann, ja muss man bedingungslos empfehlen. Hörst Du, München?

FJØRT – Kontakt

FJØRT - KontaktWeg ohne Umwege

Die Entwicklung von FJØRT kannte bislang nur eine Richtung: Nach vorne. Und das scheinbar folgerichtig, glatt und ohne große Widerstände. Gründung 2012, Ende des selben Jahres die EP Demontage, 2014 die erste LP D’accord über This Charming Man Records, Anfang 2016 nun Kontakt über Grand Hotel van Cleef. Dazwischen ein ganzer Haufen Konzerte. Ein Weg ohne Umwege. Das mag verschiedene Gründe haben, der wichtigste ist sicherlich, dass viele FJØRT für eine Ausnahmeerscheinung im Post-Hardcore halten und das gewissermaßen auch zutrifft. Zumal im deutschsprachigen. Die drei Aachener sind aufbrausender und wuchtiger unterwegs als andere, ihr Sound und Songwriting haben mittlerweile eine bemerkenswerte Unnachahmlichkeit erlangt. Das pusht und hyped uns ist doch ein zweischneidiges Schwert.

Zwar poltern FJØRT auch musikalisch geradewegs und gewaltig nach vorne, bewegen sich dabei aber kaum. Zumindest, wenn man die vorangegangenen Demontage und D’accord zugrunde legt. Gewiss, bei der Produktion wurde nun nochmals eine Schippe Bombast draufgepackt, den Songs wurden mehr Feinheiten zugestanden und dem Gesang erneut einige Semester Artikulationsunterricht gegönnt. Zugespitzt gilt jedoch die Losung: Kennste einen Song, kennste alle. Mit Abstrichen, versteht sich, doch das Manko FJØRTs ist, dass sie seit Demontage zwar beständig zu überzeugen, nicht zu überraschen wissen. Alles ist erwartbar.

So reißt das kehlige, jede Silbe überdeutlich und immer hart auf Anschlag artikulierende Geschrei Schluchten ein zwischen Felswänden aus verzerrten Basslines, bleierner Gitarre und kraftvollen Drums. Dazwischen schlängeln sich Momente der Behutsamkeit, der Ruhe und Einkehr. Ein Auf und Ab. Das zeichnet FJØRT aus. Immer. Bei Anthrazit ist dies überaus beispielhaft und vortrefflich gelungen. Für Kontakt gilt das gleichermaßen. Mit Paroli wagen sich FJØRT auch konkret an aktuelle gesellschaftspolitische Thematik ohne dabei ihre übliche textliche Abstraktheit gänzlich aufzugeben. Ob es dabei mit der Parole „Frei zu sein / bedeutet Freiheit zu schenken“ einigermaßen albern zugehen muss, sei einmal dahingestellt.

Wichtiger als einzelne Songs ist jedoch die Gesamtdramaturgie der Platte. Die ist allerdings gelungen, weil FJØRT im Rahmen ihrer selbstauferlegten engen Grenzen Kontakt spannend zu gestalten wissen. Und insbesondere in diesem Gesamtkontext kann auch ein vergleichsweise zurückgelehntes Mantra herrlich strahlen. Ja, FJØRT haben erneut abgeliefert. Was auch nicht anders zu erwarten war und doch bleibt der kleine Wermutstropfen, dass sie sich an der mittlerweile etwas berechenbaren, wenngleich erfolgreichen Rezeptur nicht zu rühren trauen. Müssen sie beim zweiten Album ja auch wahrlich nicht. Aber wir werden sehen, was noch kommt.

7/10

FJØRT – Kontakt | Grand Hotel van Cleef | VÖ: 22.01.16 | LP/CD/digital

Planks – Perished Bodies

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Geordneter Rückzug. Mit Wucht.

Eigentlich sollte man den Blick ja schon wieder nach vorne richten, das Jahr ist vorüber, die Bestenlisten 2015 in Stein gemeißelt und die 2016er Releases gerade in den Startlöchern. Eigentlich. Doch manchmal lohnt es sich doch noch einmal in den Stapeln des Vorjahres zu wühlen. So manches hat sich angesammelt, das nicht unerwähnt bleiben sollte. So zum Beispiel die allerletzte Planks-Platte, die im Spätsommer, als die Band schon gar nicht mehr existierte, veröffentlicht wurde. Perished Bodies ist gewissermaßen das Vermächtnis einer Band, die ihre Auflösung weit im Voraus geplant und entsprechend vollzogen hatte. Ein geordneter Rückzug mit einer letzten musikalischen Wegmarke.

Und so fühlt sich Perished Bodies auch an. Es ist ein schwerer, wuchtiger und zäher Abschied, der sich zudem passend in die Diskographie einordnet. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. „There is a reason that alls things must come to an end“, heißt es im von einer jaulenden Gitarre durchzogenen The Sacrifist, Pt. I und man schwankt bei dieser Selbstreferenz und angesichts dem Ende der Band zwischen tiefer Zustimmung und ebensolcher Ablehnung. Muss das denn wirklich so sein? Ja. Nein. Vielleicht. Es weist jedenfalls den letzten Weg, den Planks gehen (wollen). Dieser hat sich aus einem eher stürmischeren Sludge nach und nach in einen atmosphärisch-doomigen Post Metal verwandelt, der in Perished Bodies seinen konsequenten und gelungenen Abschluss findet. Und dieser liegt am Abgrund. Dem Abgrund menschlicher Bemühungen, Hoffnungen, Ängste und Ausflüchte. Nothing Will Ever Change oder das wunderbar aufgebaute und im Duett mit SVFFERs Leonie gesungene und gebrüllte She Is Alone künden auf vortreffliche Weise davon. Oder auch das verzweifelte und tonnenschwere Only Now.

Dass sich hier auch die beiden Instrumentalstücke Perished Bodies und The Sacrifist, Pt. II gut einfügen, verwundert nicht, zumal sie dem Album die nötigen Verschnaufpausen gönnen oder wie im Falle des Letzteren, das das Album in Rückgriff auf Pt. I zunächst sanft und monoton, gegen Ende wuchtig und insgesamt gefühlvoll umschließt. Perished Bodies ist ein absolut würdiger Schlussstrich. Und raus!

7,5/10

Planks – Perished Bodies | Golden Antenna Records | VÖ: 11.09.15 | LP/CD/digital