The Good Life – Everybody’s Coming Down

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Müssen nur wollen

Eigentlich sollte man ja so mancherlei Kunst nicht zwingend an ihren Urheber_innen festmachen. Um das zu untermauern könnte man jetzt zu einem weitläufigen Exkurs in komplexe Theoriegebilde abdriften. Oder einfach Jacob Bannon erwähnen, der für Converge mühelos zwischen wütend-entmenschtem Geschrei und höflichen Ansagen wechseln kann. In wenigen Augenblicken. Wenn aber die Sprache auf Tim Kasher fällt, kommt man nicht umhin, seine Person und die Beschreibung der Musik einzupflegen.

Weil seine Songs einfach genau so klingen, wie Kasher eingedenk seiner Diskographie zu sein scheint: Ruhelos. Bis an die Schmerzgrenze. Immerhin ist der Typ unter eigenem Namen, als Cursive und als The Good Life unterwegs und taucht so nebenbei noch auf diversen Alben anderen Künstler – wir führen hier mal Bright Eyes als Beispiel an – auf. Ein getriebener Geist also. Und ein unsteter. Schließlich musste man auf ein neues Album von The Good Life geschlagene acht Jahre warten. Ehe es völlig unvermittelt des Weges kam. Und jetzt unter dem Titel Everybody’s Coming Down bewertet werden will.

Und ja, Everybody’s Coming Down tönt im ersten Rundumblick in etwa so unübersichtlich, wie das Schaffen seines Schöpfers. Forever Coming Down denkt nicht eine Sekunde daran, seinen Anarcho-Indie zu Gunsten einer nachvollziehbaren Melodie ein wenig in den Hintergrund zu stellen und gewinnt genau dadurch an Faszination. Aber eben auch an Nervpotential, sofern man von dem Stück auf dem falschen Fuß erwischt wird. Dann aber ist jede Beschäftigung mit diesem Album ohnehin müßig. Weil man einfach Lust haben muss, auf diese leidenschaftlich kratzbürstige Oberfläche und die überall lauernde Verweigerungshaltung. Die ihren Hörer_innen unter dem Titel Happy Songs demonstrativ ein flüchtig hingeworfenes Interlude verkauft. Sollen die doch sehen, was sie damit anfangen können.

Zum Glück aller Beteiligten ist Kasher jedoch zwischendurch auch immer wieder mal geradezu gnädig gestimmt. Im furiosen Skeleton Song etwa, der sich zwar hinter einem etwas lang geratenen Intro versteckt, dann aber sowohl lyrisch als auch musikalisch umso eindrücklicher los poltert. Am allerbesten ist die Platte aber vor allem, wenn das Poltern ausbleibt und Kasher und Band darauf verzichten, jeden versöhnlichen Ton zu versägen. Dann entstehen Songs, wie das fünfminütige How Small We Are. Oder das wahrhaft anrührende The Troubadour’s Green Room, in dem Kasher erklärt, für wen und was er den ganzen Käse überhaupt erst macht. Und so das definitive Highlight der Platte entstehen lässt. Weil er den Worten ein komplett ausformulierten Song spendiert.

Das geschieht nämlich bei weitem nicht immer, wie schon nach dem jäh beendeten – und dennoch enorm gelungenen – Intro 7 In The Morning deutlich wird. Immer wieder nehmen die Stücke völlig unvermittelte und harsche Wendungen, immer wieder fasern die Ideen einfach ins Nirgendwo aus. Was schade ist, weil es die meisten Ideen verdient hätten, zu Ende gedacht zu werden. Es passt zum kauzigen Kasher, dass er eben diese Tatsache mit dem Schlussstück Midnight gleich noch eindrucksvoll unterstreicht, wo er die im Intro angedeutete Melodie nochmal aufgreift und doch noch einen richtigen Song daraus macht. Als ob er zeigen wollte, was er könnte, wenn er denn nur wollte. Vielleicht ja beim nächsten Mal.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: The Troubadour’s Green Room, Skeleton Song, How Small We Are, Midnight

(Martin Smeets)

The Good Life – Everybody’s Coming Down | Saddle Creek / Cargo | VÖ: 14.08.2015 | LP/CD/Digital

Charter – Times

Charter - Times

Schönen Dank auch

Mal ganz ehrlich: Im Rahmen eines kleinen Blogs über Musik zu schreiben, kann manchmal beinahe langweilig sein. Weil man ja meistens über Alben schreibt, die man sich selber ganz gerne des Öfteren anhört. Und deshalb irgendwie im Dauerabfeierungsmodus ist. Und einem irgendwann die positiven Formulierungen ausgehen. Ein gepfefferter Verriss tut da von Zeit zu Zeit schon ganz gut. Dumm nur, dass Bands wie The Killers und Fall Out Boy nicht alle paar Wochen neue Alben veröffentlichen. Na gut, eigentlich ein Glück.

Schließlich bleibt neben diesen beiden leuchtenden Beispielen noch genug Schund, den man sich vorknöpfen könnte. Wäre die Zeit, die ein solches Unterfangen in Anspruch nimmt, nicht viel zu kostbar. Eigentlich. Manchmal nämlich muss man sie sich nehmen, diese Zeit. Und ein Album ungespitzt in den Boden stampfen. Weil es nötig ist. Dringend. Charter haben das kleine Kunststück vollbracht, ein Paradebeispiel für eine solche Platte aufzunehmen. Schließlich schwadroniert der Promotext zu Times schon in völlig haltloser Großspurigkeit von einem Liebeskind der Editors und Placebo. Zwei Bands, die in den letzten Jahren ohnehin schon nicht im Verdacht standen, ordentliche Alben zu produzieren. Denen Charter aber trotz allem nicht mal ein halb volles Glas Wasser reichen können. Genau genommen können sie davon nicht einmal träumen.

Bleibt die Frage nach dem ‚Warum.‘ Ja, warum soll dieses Album eigentlich so fürchterlich sein? Nun, die Antwort ist denkbar einfach: Weil jedes dieser zwölf in perfekter Radiolänge gehaltener Stücke dermaßen weit davon entfernt ist, eine Idee, oder gar so etwas ähnliches wie Charakter zu transportieren, wie es nur irgendwie möglich ist. Das sind Songs für die ‚In‘-Spalte der BILD: Ein paar Gitarrenfiguren aus dem Baukasten, ein paar gefällige Gesangsharmonien und natürlich ein klinisch sauberes Klangbild. Diese Produkte – nichts anderes sind diese bis in die letzte Ecke durchkalkulierten Songs nämlich – rauschen vorbei und könnten ohne weiteres dafür sorgen, dass die Fahrstühle dieser Welt ihren Dienst quittieren würden. Zwecks akuter Langeweile.

All die Leute, die in irgendeiner Form an diesem Projekt beteiligt waren und sind – man hat beinahe Mitleid mit ihnen. Vor allem mit den armen Hunden, die diese Chose jetzt unter die Leute bringen müssen. Die die biedere, emotionslose, klebrige, sterile und totkomprimierte Standardproduktion mit dem hohnsprechenden Etikett ‚Wall Of Sound‘ versehen müssen. Die sich irgendwelche spannenden Geschichten und Sätze ausdenken müssen, um Interesse an etwas zu erwecken, das schlichtweg keinerlei Interesse verdient hat.

Denn bei allem Respekt: Das hier taugt nicht einmal als billigstes Abziehbild der Vorbilder, die für diese Songs möglicherweise Pate gestanden haben. Dieses Album ist so himmelschreiend egal, man mag es nicht aushalten. Und kann es erst recht nicht in adäquate Worte fassen. Aber hey, man will ja das (einzig) Positive betonen: Immerhin haben Charter mal wieder einen ordentlichen Veriss ermöglicht. Da kann man schon mal ein bisschen dankbar sein.

Wertung: 2/10

Anspieltipps: –

(Martin Smeets)

Charter – Times | Phonector / BMG | VÖ: 01.09.2015 | CD/Digital

Vennart – The Demon Joke

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Der Songschubser

Wem Mike Vennart nicht nur als der angekleidete Kerl am rechten Bühnenrand von Biffy Clyro vertraut ist, die/der weiß natürlich auch um seine bemerkenswerte Tätigkeit als Songwriter, Sänger und Gitarrist bei Oceansize. Seit deren Auflösung im Jahre 2011 klafft im Progressive Rock eine Lücke. Doch zum Glück gibt es Mike Vennart. Während er sich mit Gambler (ebenfalls Ex-Oceansize) und der gemeinsamen Band British Theatre auf etwas elektronischeren Pfaden die Zeit vertreibt und mit eben jenem Gambler als Tourmusiker an der Seite von besagten Biffy Clyro die Hallen und Festivals der Welt bereist, hat er im Laufe der Zeit einige eigene Songs geschrieben, komponiert, aufgenommen, verworfen, geändert, aufgepeppt, abgespeckt, ja und letztlich tatsächlich veröffentlicht.

The Demon Joke heißt Vennarts erstes Soloalbum, dessen Finanzierung mitunter über Crowdfunding gestemmt werden konnte und das nach Jahren der ziellosen Tüftelei wie ein Befreiungsschlag wirkt. Eine knappe Dreiviertelstunde hebt Vennart der Prog-Rock auf, den Oceansize haben liegen lassen und verpasst ihm einen zugänglicheren, poppigeren und – wie sollte es anders sein – persönlicheren Anstrich. Und nicht nur weil auf The Demon Joke neben Gambler auch Steve Durose zu hören ist, klingen Songs wie etwa Doubt oder Retaliate teilweise sehr nach der ehemals gemeinsamen Band, sondern es ist überhaupt die Art und Weise wie Vennart an seine Songs herangeht, mit Soundverfremdungen (vor allem seiner Stimme) spielt und schönen Melodien hier und da Prog-Seitenhiebe verpasst.

Nun kann man Vennart aber sicherlich nicht vorwerfen sich allzu sehr in der Vergangenheit zu suhlen. The Demon Joke ist kein Nostalgiealbum. Es ist auch kein Oceansize light. Es ist vielmehr eine Sammlung kleiner, unscheinbarer Songideen und großer, wuchtiger Hits eines hervorragenden Musikers. Während Rebirthmark eine knappe und verspielte Melodie ins Zentrum stellt, breitet 255 ausladend die Arme aus. Als wäre man das eine Mal in Vennarts Keller, das andere Mal bei Biffy Clyro im Stadion. Und das Gute daran ist: Es funktioniert. Egal wie Vennart seine Songs dosiert, in welche Richtungen er sie schubst – es will ihm durchgehend gelingen. Zumindest fast. Denn in wenigen Momenten weiß er selbst nicht, wohin er sie eigentlich schubsen soll und so bleibt z. B. ein Duke Fame ein arg zerfahrener Song, der irgendwie alles mitnehmen möchte, wovon letztlich nicht viel übrig bleibt. Dass es jedoch deutlich besser geht, zeigt Vennart beispielhaft an Infatuate, den unaufdringlich balladesken Don’t Forget The Joker und A Weight in the Hollow und dem über alle Maße brillanten Operate. Was für ein Song! Da markt man erst, was eigentlich noch alles möglich gewesen wäre, denn das Potential zum Meisterwerk hat Mike Vennart allemal. The Demon Joke begnügt sich vorerst damit ein sehr starkes Album zu sein. Muss auch reichen.
Wertung: 8/10

Anspieltipps: Infatuate, A Weight in the Hollow, Operate

(Martin Oswald)

Vennart – The Demon Joke | Superball Music | VÖ: 19.06.15 | LP/CD/digital

Collapse. Rebuild. – Fail Again, Fail Better

cover

In aller Kürze

Zugegeben, wir stehen hier nicht zwingend im Verdacht, uns stets angemessen kurz zu fassen. Im Gegenteil, viel lieber breiten wir uns in aller Ausführlichkeit über die besprochenen Alben aus. Schließlich gibt es in der Regel eine ganze Menge zu erzählen von banalen Trivia am Rande bis hin zu sportlich in den Sand gesetzten Songbeschreibungsversuchen. In der Regel. Von dieser wollen wir aber an dieser Stelle mal eine Ausnahme machen.

Immerhin handhaben Collapse. Rebuild. es ganz genau so, ist die musikalische Wohlfühlzone der Band doch eindeutig im Postrock zu verorten. Und der ist eben meistens lang und gerne noch viel länger. Umso größer fällt die Überraschung aus, wenn man feststellt, dass Fail Again, Fail Better nur schlappe 25 Minuten für seine fünf Songs braucht. Hier wird sich nicht lange mit dem Spannungsaufbau aufgehalten, sondern direkt zugepackt. Wodurch Songs entstehen, die zwar im genretypischen Gewand gehalten sind, aber dennoch ungewohnt unvermittelt vorgehen. Songs wie The Moon Is A Rains Place (Part 1), das nur etwas mehr als drei Minuten und eine mit wohldosiertem Pathos ausgestattete Gitarrenarbeit braucht, um seine HörerInnen zu erreichen. Oder das von Anfang mit Höchstgeschwindigkeit voranpreschende Paul Killed Laura Palmer.

Irritierend wird das Album nur dann, wenn die Band etwas viel zur gleichen Zeit will. Wie etwa im abschließenden The Moon Is A Rainy Place (Part2), das irgendwie auch eine zurecht vergessene Deftones-B-Seite ohne Gesang sein könnte. Und sich doch noch in ein ordentliches Finale retten kann. So sind Collapse. Rebuild. zwar meilenweit entfernt vom Meilenstein, liefern aber doch ein Album mit Wiedererkennungswert ab. Und das nicht nur der Kürze wegen.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: The Moon Is A Rainy Place (Part1), In The Haze

(Martin Smeets)

Collapse. Rebuild. – Fail Again, Fail Better | Fluttery | VÖ: 01.07.2015 | CD/digital

Le_Mol – Kara Oh Kee

Le_Mol - Kara Oh Kee

Kein Außen mehr

Schon interessant, wie sehr Äußerlichkeiten bisweilen von der Realität weg führen können. Womit wir selbstverständlich auf das Cover dieses Albums hier abheben wollen. In Verbindung mit dem Titel Kara Oh Kee sitzt da nun ein Tiger im Schnee. Und man denkt unwillkürlich an schreckliche Dinge. Karaoke zum Beispiel. Oder Nintendocore. Oder weniger um die Ecke gedacht an ganz banalen Pop, der der Menschheit jeden Tag von Morgens bis Abends aus den diversen Radiostationen dieser Welt entgegendudelt.

Was den potentiellen Hörerinnen und Hörern beim Anblick des Le_Molschen Zweitwerks jedenfalls nicht in den Sinn kommt, ist – sofern man nicht bereits mit dem Schaffen des Duos aus Wien vertraut ist – Postrock. Obwohl Karaoke und Postrock bei genauerem Hinsehen tatsächlich auf eine seltsame Art und Weise Hand in Hand gehen. Doch das nur am Rande. Wichtiger sind ohnehin die sieben Stücke, die Le_Mol hier innerhalb von knapp 40 Minuten ausbreiten. Die die Spielregeln des Genres ziemlich genau kennen. Was natürlich nichts zu sagen hat, schließlich kennen diese Regeln fast alle. Spannend ist dieses Album deshalb noch lange nicht. Das wird es nämlich erst durch die luftig-zurückgenommene Produktion, die den Songs hervorragend zu Gesicht steht und dem Album eine bemerkenswerte Dynamik verleiht. Und natürlich durch eine Wagenladung guter Einfälle.

Wie in Esarintu zum Beispiel. Dabei gibt sich der Song in den ersten Minuten noch unschuldig unauffällig, bevor die Spannung zwischendurch aufgelöst und per geradezu jazzigem Zwischenspiel neu aufgebaut wird. Wodurch dem Stück ganz neue, zunächst ungeahnte Facetten abgerungen werden. Und man sich plötzlich an die findigen Spinnereien von Do Make Say Think erinnert fühlt. Eine Referenz, mit der man nicht jeden Tag hantiert. Auch köstlich: Wie das folgende Am I Under Arrest? den anderswo meist obligatorischen Ausbruch verweigert und lieber mit seiner feinen Atmosphäre spielt. Und wenn Yeti Untitled mächtige Gitarrenschichten um ein paar elektronische Spielereien peitschen lässt, ist der Weg zu Mogwai nicht mehr weit.

Zu diesem Zeitpunkt hat man alle Äußerlichkeiten längst mit Schimpf und Schande aus der Stadt getrieben. Um zu verhindern, dass jemals wieder den Blick auf das Wesentliche verstellen. Zum Beispiel auf eben diese sieben Stücke, mit denen so gar nicht zu rechnen war und denen außer einer Portion Profilschärfe fast nichts fehlt, um nach den Sternen zu greifen. Wie es der Schlusstrack I Despise You, Butterflies ohnehin schon tut.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Esarintu, Yeti Untitled, I Despise You, Butterflies

(Martin Smeets)

Le_Mol – Kara Oh Kee | DIY | VÖ: 25.03.2015 | LP/CD/Digital

Algiers – Algiers

Algiers - Algiers // Bild: algierstheband.com

Gute Mischung

Verkopft. Das ist oftmals ein leicht dahingesagtes Abkanzeln von Zeug, das sich nicht auf Anhieb erschließen mag. Die Wurzel hinter der leidlich witzigen Frage ‚Ist das Kunst oder kann das weg?‘. Und manchmal eines der schlimmsten Urteile, die man über ein Werk fällen kann. Weil es impliziert, die Künstler_innen wären sich selbst im Wege gestanden und hätten sich am eigenen, (über)ambitionierten Vorhaben gewaltig verhoben. Ein Synonym für ‚gescheitert‘, wenn man so will. Mit einer Note subtiler Bösartigkeit on top.

Ach ja, warum wir das alles eigentlich erzählen? Weil Algiers seit ein paar Wochen mit ihrem ersten Album vor der Tür stehen und das Wort ‚verkopft‘ auf den ersten Blick geradezu magisch anziehen. Schließlich schreibt man anderswo in Bezug auf die Band von einem „Unterbau aus Motiven der New-Wave-Ära, Industrial, Rhythm & Blues, gewaltigem Noise und Postpunk“, der „Totenmesse einer kulturellen Hegemonie“, der „Kraft des spirituellen Gruppengesangs“ und der „Wiedergeburt des Gospel aus dem Geist von Noise, Punk und Protest.“ Es wäre an dieser Stelle durchaus reizvoll, sich ein wenig über das spontane Patchworkgenre Gospelnoisepunk zu beömmeln, ein bisschen vom Hype zu erzählen und von dannen zu ziehen. Aber: So einfach ist das nicht.

Allein die Tatsache, dass man in weniger gut informierten Kreisen bislang kaum etwas von dieser Band mitbekommen hat, entkräftet den Hype-Verdacht nachhaltig. Und wenn man Algiers erst einige Male genießen durfte, stellt man andachtsvoll fest: Die KollegInnen haben allesamt recht. Die Musik des Trios verlangt den Seiltanz der Genrebezeichnungen, weil sie zusammenbringt, was man in dieser Form nicht oft zusammen hört. Und sie verlangt eine ganze Menge Aufmerksamkeit, weil das Ergebnis fast immer brillant gerät. Sei es Remains, das die fahlen, am Industrial geschulten Klangfarben vorstellt und bedächtig die Spannung aufbaut. Sei es Irony. Utility. Pretext., das sich seinen Drumbeat direkt der 80er-Jahre-Version von Depeche Mode ausborgt und das Tempo zwischendurch mal merklich anzieht.

Fast ist man geneigt, die Aufzählung an dieser Stelle abzubrechen und allen Songs eine ähnliche Klasse zu attestieren. Dann aber muss man einsehen, dass man an der gesonderten Erwähnung des bedrohlich funkelnden Blood wohl kaum vorbeikommen wird. Gleiches gilt für das schwungvoll durchkomponierte But She Was Not Flying. Und wenn Games kurz vor Schluss die ansonsten omnipräsenten Dissonanzen links liegen lässt und für fast vier Minuten in sich selbst ruht, bleibt ohnehin nichts anderes mehr übrig, als berührt zu staunen. Weil Algiers ein Debut vorgelegt haben, von dem man noch öfter hören wird. Weil es politisch, innovativ, faszinierend und manchmal ein wenig anstrengend ist. Eine gute Mischung. Und kein bisschen verkopft, versteht sich.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Remains, Blood, But She Was Not Flying, Games

(Martin Smeets)

Algiers – Algiers | Matador / Beggars / Indigo | VÖ: 29.05.2015 | LP/CD/Digital

We Never Learned To Live – Silently I Threw Them Skyward

We Never Learned To Live - Suddenly I Threw Them Skywards

So-called Überraschung

Man nimmt sich ziemlich viel vor, will man heutzutage als so-called junge Band noch einen Blumentopf mit Screamo-infiziertem Post-Hardcore – die Genrebezeichnung allein beinhaltet allerlei Fallstricke und klingt mächtig affektiert – gewinnen. Das Feld ist schließlich bereits bestellt. Mehrmals. Und die Fußstapfen der wirklich eindrücklichen Bands, der Thrices und Spartas und Balance And Composures dieser Welt, scheinen beinahe riesig.

Ein Umstand, der We Never Learned To Live ganz offensichtlich nicht abschreckt. Im Gegenteil, fast scheint es, als würde das Quintett gefallen daran finden, ihre Post-Hardcore-Tänze im Schatten der so-called großen Namen aufzuführen. Das legt zumindest die Unmittelbarkeit nahe, mit der das Debut Silently I Threw Them Skyward seine Hörer_innen begrüßt. Da ist kein Abwarten oder Fremdeln, die Band legt mit Shadows In Hibernation im Brustton der Überzeugung los und präsentiert eine Achterbahnfahrt voller Melodie und Emotion. Die sich beiseite gesprochen auch gar nicht vor irgendwelchen möglichen Vorbildern zu verstecken braucht. Im Gegenteil: Das klingt so eingespielt und souverän als hätte die Band nie etwas anderes gemacht. Fast möchte man von Abgeklärtheit sprechen, hätte der Begriff nicht einen solch negativen Beigeschmack.

Fest steht dennoch: Diese Band weiß, was sie tut und transportiert dieses Selbstbewusstsein stets in ihren Songs. So wird sich kaum jemand wundern, wenn sich Tasting Paralysis zum Ende des Albums stolze acht Minuten genehmigt, um die Chose würdig zu beschließen. Was natürlich auch in jeglicher Hinsicht gelingt. Genau wie Fragmented Footnotes On Self Diagnosis, das im Hintergrund Gitarrenfiguren werkeln lässt, auf die so manche Post-Rock-Band stolz wäre und auch sonst über jeden Zweifel erhaben ist. Und spätestens wenn Now You Will Sleep, Yorko sich im Cinemascope-Breitwandformat aufbaut, dürfte auch den letzten klar geworden sein, dass man es hier nicht mit einem gewöhnlichen Debut zu tun hat. Das sich nicht um irgendwelche Fußstapfen scheren braucht.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Shadows In Hibernation, Fragmented Footnotes On Self Diagnosis, Tasting Paralysis

(Martin Smeets)

We Never Learned To Live – Suddenly I Threw Them Skyward | Through Love / Holy Roar | VÖ: 22.06.2015 | LP

Binoculers – Adapted to Both Shade And Sun

Binoculers - Adapted To Both Shade And Sun

Kein ganzer Sommer

Selten ist bislang ein Thema so schnell herausgearbeitet gewesen, wie das mit dem neuen Album von Binoculers, dem Kammerpop-Projekt von Nadja Rüdebusch und Daniel Gädicke, der Fall ist. Schließlich macht das neueste Werk sowohl mit dem Titel Adapted To Both Shade And Sun als auch mit dem Coverartwork kein Geheimnis daraus, um was er hier gehen soll. Um Licht und Dunkelheit und die Gefühls- und Lebenszustände, die man mit diesen beiden Gegenspielern gemeinhin verbindet.

Dementsprechend verhuscht kommen die elf neuen Stücke auf den ersten Blick daher. Weil sie es tunlichst vermeiden ihre verschiedenen Stimmungen in allzu eindeutigen Farben auszuformulieren und viel lieber in Uneindeutigkeit verharren. Weil sie sich selten offensichtlich für hell oder dunkel entscheiden, sondern zumeist beide Seiten in sich tragen und verschiedentlich an die Oberfläche kommen lassen. Was dafür sorgt, dass man zunächst gar nicht merkt, dass sich zwischen dem Opener Repeller Boat und dem Schlussstück My Shouts so allerhand abspielt. Where The Water Is Black wandelt trittsicher auf den Spuren von Masha Qrella und wickelt seine Hörer_innen langsam aber umso nachdrücklicher um sein stoisches Klavier. Souvenir hüllt sich in eine zart gezupfte Gitarrenfigur und Contrails bringt in all die angedeuteten Stimmungen gar einen Beat.

Und steht so gemeinsam mit dem wundervollen Shine And Then Gone für die deutlichste Annäherung an den Pop im Verlauf dieses Albums. Das restliche Material entzieht sich erfolgreich derlei eindeutigen Zuschreibungen. Und hat dabei offensichtlich großen Spaß. Diesen Eindruck vermittelt zumindest die Virtuosität, mit der hier Ideen im Hintergrund ausgebreitet, überraschende Abzweigungen genommen und falsche Fährten gelegt werden. Kein Album für den Sommer, aber eines, mit dem man lange Freude haben wird.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Were The Water Is Black, Shine And Then Gone, Agravic

(Martin Smeets)

Binoculers – Adapted To Both Shade And Sun | Insular | VÖ: 19.06.2015 | LP/CD/Digital

Defeater – Abandoned

Defeater - Abandoned

Story vom Pferd

Zugegeben: Es kann schon irgendwann ermüdend werden, wenn man immer nur die ganz großen Themen verhandelt. Unter Krieg, Tod und Verzweiflung haben es Defeater ja schließlich noch nie gemacht. Und mit ihrer neuen Platte Abandoned machen sie da natürlich keine Ausnahme. Im neuesten Kapitel innerhalb der vor Abgründen nur so strotzenden Familiengeschichte geht es nun nicht etwa – wie man im Vorfeld eigentlich hätte annehmen können – um die Mutter, sondern vielmehr um einen Priester, der im Verlaufe des – klar – Weltkriegs seinen persönlichen Kampf mit dem Glauben führt.

Da könnte man glatt auf die Idee kommen, Abandoned lediglich als das Album anzusehen, dass das unweigerliche Finale nur ein wenig hinauszögert. Womit man kaum falscher liegen könnte. Defeater zeigen sich mit diesem Album vielmehr agil wie immer. Contrition nimmt sich genüsslich Zeit, um Schicht um Schicht an Intensität zu gewinnen, lässt dabei aber von Beginn an keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass hier Defeater am Werk sind. Die nehmen den Faden dort auf, wo ihn Bled Out zum Ende des letzten Albums auslaufen hat lassen und prügeln ihre Songs bedingungsloser denn je nach vorne. Unanswered und December 1943 ziehen atemlos vorbei, ehe Spared In Hell das erste große Ausrufezeichen setzt. Und zwar nicht nur innerhalb des neuen Albums, sondern durchaus auch im Gesamtwerk. Selten hat sich die Band furioser durch einen Song gebolzt. Selten klang Derek Archambault dringlicher.

Und noch nie probte die Band innerhalb eines Albums einen derartigen Stimmungsumschwung, wie sie es auf Abandoned tut. Borrowed & Blue macht zu Beginn der zweiten Album nämlich dort weiter, wo einst Empty Glass aufhörte. Bei der Verschmelzung von aufbrausendem Hardcore und einem nicht abzustreitenden Hitpotential. Und einem Gastauftritt von Make Do And Mends James Caroll. Eine kleine Überraschung, die den weiteren Verlauf des Albums nachhaltig beeinflusst. Von nun an wird subtiler Krach gemacht, dürfen sich die Songs mehr Zeit und Komplexität zugestehen. Pillar Of Salt nimmt dabei die Melodieführung von Empty Glass gleich ein weiteres Mal auf, während Atonement Platz macht, für viel Atmopshäre. Und nicht nur mit der Textzeile „What brings you here my Son?“ an Cowardice, den Closer des Erstlings Travels erinnert.

Worin schließlich auch der Schwachpunkt dieser Platte liegt. Mit Abandoned gelingt es der Band zwar, die mitunter besten Momente ihrer bisherigen Releases auf einer Platte zu vereinen und sie bringt sogar dann und wann ein sympathisches Selbstzitat unter. Eine eigene Stimmung vermag sich aber anders als bislang üblich nicht einzustellen, auf diesem Album. Abandoned ist dennoch ein sehr gutes Hardcore-Album. Das jedoch ebensogut die Story vom Pferd erzählen könnte. Weil das fehlt, was die bisherigen Album so besonders machte: Charakter.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Spared In Hell, Borrowed & Blue, Vice & Regret

(Martin Smeets)

Defeater – Abandoned | Epitaph / Indigo | VÖ: 28.08.2015 | LP/CD/Digital

Hi Tereska – Die Wände weiß gestrichen

Hi Tereska - Die Wände weiß gestrichen

Projekt Sommerhit

Wer kennt das nicht? Man fährt durch sonnendurchflutete Landschaften oder liegt einfach nur irgendwo herum und frönt dem Müßiggang, als plötzlich von irgendwoher die wundervolle Stimmung ins Gegenteil verkehrt wird. Weil eine Stimme aus dem Radio den nächsten Hit für den Sommer – wie viele Hits verträgt eigentlich so ein Sommer? – ankündigt und dieser sich genau so geriert, wie man das im Vorfeld erwarten konnte. Ausgelutscht, langweilig, berechnend, herzlos und einfach zum Kotzen. Man möchte alle Radiomoderator_innen dieser Welt für immer auf stumm schalten. Und die Verantwortlichen der ganzen Misere gleich mit.

Doch bevor man zu drastischen Maßnahmen übergeht, beruhigt man sich doch lieber mit vermutlich weniger nach der Verwertungslogik aufgebauter Musik. Ein sperriger Bandname wie Hi Tereska kommt da gerade recht. Zumal das neue Album Die Wände weiß gestrichen auch noch mit den Worten „melancholischer Punkpop“ angeteasert wird. Und so nebenbei als Referenzen so klangvolle Namen wie SamiamMuff Potter und The Weakerthans ins Feld geführt werden. Da freut sich die Erwartungshaltung und klettert vergnügt ein Stockwerk höher. Nicht ganz zu Unrecht. Obwohl sich Hi Tereska den erwähnten Beschreibungen nicht selten schwungvoll entziehen und viel lieber nach ihrem eigenem Gusto vorgehen.

Dementsprechend überrascht steht man dann vor dem Opener Planquadrat, der sich nicht lange mit Vorstellungsfloskeln aufhält, sondern gleich das Projekt Sommerhit angeht. Auf seine eigene Weise, versteht sich. Stoischer Bass, verspielte Gitarren, windschiefer Gesang und natürlich ein krachlederner Refrain. Widerstand? Völlig zwecklos. „Wir sind nicht mehr aufzuhalten / Wir können alles was wir wollen/ Wir haben einen Plan und führen ihn aus.“ Man unterschreibt das blind. Und ist gerne Teil des Plans. Weil Punkrock ohne Schnörkel zuletzt tatsächlich bei Muff Potter so viel Spaß gemacht hat, ohne stumpf zu wirken.

Und weil die Band ein paar mehr Songs von ähnlicher Qualität im Gepäck hat. Endlich zum Beispiel. Ein Song, der sich zunächst etwas sperrig gibt, nur um schließlich einen Refrain loszulassen, der in allen Belangen aus dem Vollen schöpft. So geht Pathos ohne Peinlichkeiten. Da gelingt sogar die abschließende Ballade By(e) Kassel. Bis zu dieser gibt es aber doch ein paar Ausrutscher zu verzeichnen. Das wirklich nervige Kasper etwa, das auch als schlechte B-Seite der Ärzte durchgehen könnte. Oder das eigentlich in wohliger Melancholie gehaltene Abschied, in dem deutlich wird, dass der Gesang vielleicht doch ein wenig mehr Aufmerksamkeit in der Produktion vertragen hätte.

Schließlich wäre diese Platte auch dann kein Fall für’s Formatradio, wenn nicht ständig am Ton vorbei gesägt würde. Und das obwohl sich der ein oder andere potentielle Sommerhit eingeschlichen hat. Zum Glück.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: Planquadrat, Endlich, By(e) Kassel

(Martin Smeets)

Hi Tereska – Die Wände weiß gestrichen | Fact / Flight13 | VÖ: 28.08.2015 | CD/Digital