Kurzformat #10

Havarii – Am Ende des Anfangs

Zum Start servieren wir gleich mal einen kleinen Grenzgänger aus dem Hause Havarii. Schließlich firmiert Am Ende des Anfangs eigentlich als Album und nicht als EP. Dennoch sind nur fünf Songs ein bisschen wenig, für einen vollwertigen Langspieler. Die Stücke selber weisen derlei technischen Fragen allerdings ohnehin den Weg ins Unerhebliche. Weil sie auf den von Grand Griffon und Captain Planet gezeichneten Wegen wandeln. Und zwar fulminant. Und bisweilen durchaus schmerzhaft und prägnant. Ein großes kleines Album.  [Brutkasten/Broken Silence | VÖ: 29.05.2015] – (ms)

 

Nathan Gray – NTHN GRY

 Man muss mit ziemlich großer Sicherheit niemandem mehr erklären, wer genau denn dieser Nathan Gray ist. Der Sänger von Boysetsfire (jetzt haben wir es doch getan, hoppla) wandelt neuerdings auf Solopfaden und entfernt sich dabei erwartungsgemäß ein wenig vom Sound seiner ‚Hauptband‘. Gray ist aber glücklicherweise weit entfernt von weichgeklopften Singer/Songwriter-Sperenzchen oder dem Pop-Punk von The Casting Out. Elektronische Spielereien, finstere Akustikgitarren und eine nicht zu überhörende Wut bilden das Fundament, auf dem sich Gray durchaus gelungen austoben darf. [End Hits | VÖ: 07.08.2015] – (ms)

Accidente/Duelo – Split

Gelungen ist auch diese Split-Ep von Accidente und Duelo. Allerdings nur, wenn man Sympathien für Punk der ganz nackten Spielart hegt. Verwaschen produzierte und in gefühlter Lichtgeschwindigkeit geschrubbte Powerchords werden hier unterstützt von einem etwas zu dünnen Bass und einem wohlvertrauten Uffda-Schlagzeug. Das klingt vielleicht etwas simpel, macht aber in den richtigen Momenten dennoch eine ganze Menge Spaß. [Contraszt! | VÖ: 22.04.2015]- (ms)

Wait For June – Prospects And Hope

Singer/Songwriter, Folk und Pop. Das ist inzwischen gerne mal eine Mixtur, die das Potential hat, ihre Hörer_innen direkt in die Hölle zu nerven. Weil man den immer gleichen Song mit leicht verändertem Aufbau und neuen Titel einfach irgendwann nicht mehr hören kann. Wait For June machen ihre Sache zum Glück abseits der ausgetretenen Pfade. Und präsentieren sechs unaufgeregte Songs, mit denen man viel Freude haben kann. [Singalongsongs | VÖ: 08.11.2014] – (ms)

An Elegy – Embrace The Rain

Weit weg von Folk oder Pop knüppeln sich An Elegy durch die Gegend. Mit einer aus dem Metalcore entliehenen instrumentalen Perfektion. Mit Growls aus der oben erwähnten Hölle. Und mit ein paar schönen Gesangsharmonien. Eine Beschreibung, die instinktiv an ganz fürchterliche Releases aus dem Hause Victory denken lässt. Was zum Glück nicht passt. Nicht mal ansatzweise. An Elegy schaffen eine ganz eigene und auch eigenwillige Stilmixtur, die erst bewältigt werden will. Das wird sich allerdings lohnen. Vermutlich. [ DIY | VÖ: 27.07.2015] – (ms)

The Secnd – II

Der Promotext sagt, The Secnd seien „frisch, unverbraucht und voller Energie.“ Nun, das mag sein. Ihre Musik klingt allerdings weder frisch noch unverbraucht und schon gar nicht irgendwie energetisch. Als ob man einfach mal alles, womit man momentan vergleichsweise schnell seine Brötchen verdienen einmal durch den Wolf gedreht hätte. Wer Bands der Marke Bastille für ganz heißen Scheiß hält, könnte das hier mögen. Der Rest kann ja einen Bogen um The Secnd machen. [Heldenmusik/Believe | VÖ: 05.06.2015 ] – (ms)

Basement – Further Sky

Einen Bogen sollte man hingegen auf keinen Fall um Basement machen. Zumindest wenn man mit den Worten Emo, Grunge und Indierock zumindest halbwegs etwas anfangen kann. Dann nämlich wird man diese inzwischen fast ein Jahr alte EP mögen. Nein, lieben. Schließlich erinnern Basement an klangvolle Namen, wie Brand New oder Moose Blood oder Sunny Day Real Estate. [Run For Cover/ADA | VÖ: 08.08.2014 ] – (ms)

Chambers – s/t

Es passiert sehr selten, dass man vom Fleck weg weiß: Diese Band hat das Zeug zu ganz großen Songs. Chambers sind so ein Fall. Auch wenn bei dieser selbstbetitelten EP die Gitarren dann und wann eher nach einem alten Rührgerät klingen, auch wenn man über die Gesangsspuren vielleicht noch mal drüberwischen könnte – hier wird an den Instrumenten bisweilen geradezu gezaubert. Was Songs entstehen lässt, die ausladend und dennoch schlüssig sind. Voll mit cleveren Ideen und Spielfreude. Mehr davon! [DIY | VÖ: 12.06.2015 ] – (ms)

Holy Esque – Submission

Irgendwann haben wir ja schon mal spekuliert, warum aus Schottland so viele wundervolle Bands kommen. Woran es liegen mag, weiß natürlich niemand so genau, aber irgendwas muss es da geben. Schließlich dürfen Holy Esque sogar Songs schreiben, die mit jeder Faser vom NME abgefeiert werden wollen und dementsprechend eigentlich recht stromlinienförmig daher kommen. Und doch schwingt jederzeit etwas Interessantes mit, in den Songs dieser EP. Vielleicht ist es die recht schroff belassene Stimme. Vielleicht sind es die hörbaren Elemente aus dem Post-Rock-Lehrbuch. Fest steht jedenfalls: Submission lohnt ein Ohr. [Beyond The Frequency | VÖ: 17.07.2015 ] – (ms)

Endless Heights – Teach You How To Leave

Es ist zweifelsohne eine der Entwicklungen des Jahres: Man macht jetzt wieder in Grunge. Nachdem Superheaven und Unwed schon ziemlich eindrücklich Brücken zu den guten Releases der Neunziger gebaut haben, gehen nun auch Endless Heights genau diesen Weg. Mit einem scheppernden Drumkit und blitzsauber aufeinander geschichteten Gitarren wird hier schwungvoll der Vergangenheit gehuldigt. Ohne auch nur eine Sekunde altbacken zu wirken, allerdings. Wieder so ein Name, den man sich für die Zukunft vielleicht besser merken sollte. [Uncle M/Anchors Away | VÖ: 14.08.2015 ] – (ms)

Fightball – Théâtre Fatal

Fightball - Théâtre Fatal

Post-Nothing

Man ist schon sehr viel mehr als ein nur ein wenig vorbelastet, wenn der Promotext fröhlich eine Punkrockband aus Berlin ankündigt. Schließlich gibt es da so kleine Namen wie Die Ärzte oder Beatsteaks, die ebenfalls für sich reklamieren, aus Berlin zu kommen und im weitesten Sinne Punkrock zu fabrizieren. Und gerade diese Beatsteaks geistern an allen Ecken und Enden durch das inzwischen dritte Album von Fightball.

Es wird sicher einige Miesepeter geben, die an dieser Stelle gelangweilt abwinken. Man braucht schließlich kein Abziehbild einer Band, die mit ihren letzten Alben ohnehin schon zunehmend uninteressant geworden ist. Könnte man meinen. Sollte man aber nicht. Fightball unterstreichen mit ihrer neuen Platte nämlich den ohnehin schon in dicken Lettern geschriebenen Anspruch, weit mehr als bloße Epigonen zu sein. Entsprechend überzeugend ist dann auch Théâtre Fatal geworden. Ein Album, das sich zunächst aller unnötigen Spuren nach und nach entledigt und nur die Elemente übrig lässt, die den Songs wirklich zuträglich sind. Eine Herangehensweise, die Früchte trägt. Und zwar gewaltig. Man nehme nur das funkelnde Black Out, das mit seiner gewitzten Gitarrenarbeit und wundervollen Melodie zielstrebig zwischen Melancholie und Euphorie pendelt und sich so als Soundtrack für mehr als nur einen Song in Position bringt. Böse Zungen würden ja sagen: Ein Song, den die Beatsteaks auch gerne mal wieder schreiben würden. Und hey: Sie hätten mit dieser These durchaus Recht.

Aber um derlei Vergleiche soll es hier gar nicht erst gehen. Dafür macht dieses Album viel zu viel Spass. Viel lieber stürzt man sich ohne umständliche Überlegungen hinein, in Stücke wie das kraftvoll nach vorne galoppierende Voices oder The Fall, das mit seinem schwelgerischen Charakter traumwandlerisch in Richtung The Ataris grüßt. Und bei all dem Pop-Appeal doch nicht weichgespült oder einfältig wirkt. Worin ohnehin die Stärke dieses Albums liegt. Hier werden keine Räder neu erfunden und hier werden auch keine größeren Überraschungen präsentiert. Hier wird einfach nur Punkrock geboten. Schnörkellos, aber mit hörbar viel Bock. Tut gut!

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Voices, Black Out, The Fall

(Martin Smeets)

Fightball – Théâtre Fatal | Ring Of Fire/Broken Silence | VÖ: 05.06.2015 | LP/CD/Digital

Locrian – Infinite Dissolution

Locian - Infinite Dissolution // Bild:  https://locrian.bandcamp.com/album/infinite-dissolution

Die Auslöschung

Schon der Vorgänger traf in seiner Bildsprache viele Nägel auf den Kopf. Mit einem nebelverhangenem Parkplatz. Auf dem ein vereinsamter Einkaufswagen deutlich macht, dass es schon sehr lange her sein muss als hier zum letzten Mal das Leben zu Besuch war. Das passte und passt zum räudigen Stilmix aus dem Hause Locrian. Die kältesten Essenzen aus der Experimentierstube des Black-Metal, viel Liebe zum Drone, noch mehr Liebe zu Noise-Zerrbildern und zum Trost ab und zu eine versöhnliche Melodie aus dem Post-Rock. Kurz: Musik, um selbst die ausgelassensten Parties in existentiell belastetem Schweigen enden zu lassen.

Dass auch das neue Album in dieser Hinsicht keine sonnigeren Wege einschlagen würde, war angesichts dieser Vorgeschichte natürlich nicht zu erwarten. Dass die Band aber die Lebensfeindlichkeit des eigenen Sounds noch eine Stufe konsequenter ausgestalten würde, konnte man ebenso kaum vorhersehen. Dabei nimmt es zunächst niemanden Wunder, was Locrian hinter dem Titel Infinite Dissolution versteckt haben. Cineastisch anmutende Songs sind das. Nur dass die Filme dazu niemand drehen würde. Die Bilder, die beispielsweise die zweite Hälfte von KXL I begleiten sollen, will sich nämlich (hoffentlich?) niemand vorstellen. Dabei versucht die erste Songhälfte noch, einigermaßen verträglich zu klingen. Was wenig nützt, wenn zur Halbzeit eine mörderische Kakophonie aus Gitarrenfeedbacks geschaffen wird, die jede noch so feste Struktur einfach zersetzen würde.

Zersetzung und Auflösung scheinen die Band – siehe Albumtitel – ohnehin ein wenig umzutreiben, sind doch die Bahnen, in denen ihre ohnehin kaum greifbaren Songs mäandern noch weniger auszumachen als dies bislang der Fall war. So wirken die ersten drei Songs in Auflösung befindlich. Als wäre ihnen jegliches Fundament entzogen worden und ihr einstmals klarer Aufbau seither zusehends Verfallen. Das Ergebnis ist abschreckend. Und zugleich so erschreckend spannend, dass man die zwanzig Minuten gar nicht bemerkt, die zwischen Arc Of ExtinctionDark Shales und dem erwähnten KLX I vergehen. Zu sehr ist man fokussiert auf die schroffen Distortion-Soundscapes, zu verstört ist man von den entstellten Schreien, die Terence Hannum von Zeit zu Zeit in die eisigen Klanglandschaften entlässt und zu sehr hat man die tröstlichen Melodiefetzen, die sich ab und zu in die Ohren der Hörer_innen verirren, nötig.

Dabei warten die an dieser Stelle die wirklichen Brocken noch. Wie The Future Of Death, das zunächst als Soundtrack für endgültigen dystopische Science-Fiction-Filme funktionieren könnte, vor allem aber in Länge und Aufbau alle Anzeichen eines beinahe gewöhnlichen Songs aufweist. Was der Qualität keinesfalls abträglich ist, kann man das Stück doch fast als extrem abseitigen Hit ansehen. Unmittelbar danach beendet An Index Of Air den kurzzeitigen Ausflug in die Normalität allerdings jäh. Mit über drei Minuten nervenzerrender Spannung, die sich das Stück gönnt, um sich schließlich selbst von der Leine zu lassen. Und sich zu Wendungen aufzuschwingen, die jeder Beschreibung spotten. Vom nihilistischen Krach zum Gitarrenlick voller Soul sind es da nur wenige Millimeter. Und ganz zum Schluss gibt es sogar Andeutungen von Gesang.

Man muss erst mal hinterher kommen, bei all den Twists und Überraschungen, die Locrian mit diesem Album parat haben. Das ist vielleicht anstrengend. Das kostet bestimmt ein wenig Kraft. Allein, es lohnt sich. Weil Infinite Dissolution zu Ende gedacht ist. Weil dieses provokant lebensfeindliche Album auch dann noch brillant wie am ersten Tag sein wird, wenn man das Gros der Post-Black-Metal-Shoegaze-Irgendwas-Hypes längst vergessen hat. Vor allem aber, weil diese post-apokalyptischen Songs einfach eine ungemeine Faszination in sich tragen. Man höre nur The Great Dying. Und sei für immer beeindruckt.

Wertung: 9/10

Anspieltipps: Arc Of Extinction, The Future Of Death, An Index Of Air, The Great Dying

(Martin Smeets)

Locrian – Infinite Dissolution | Relapse Records| VÖ: 24.07.2015 | LP/CD/Digital

Turnover – Peripheral Vision

Turnover - Peripheral Vision

Ist das neu?

In letzter Zeit voll im Trend: Sich als bislang recht rücksichtslos herumknüppelnde Punkband plötzlich an sanfteren Sounds versuchen. Mal ein bisschen in die Breite gehen. Mal ein bisschen mit diesem komischen Reverbeffekt spielen. Mal einen Song um eine vergleichsweise zerbrechliche Melodie herum aufbauen. Powerchords schreddern und brüllen sollen jetzt andere. So ungefähr muss der Denkprozess abgelaufen sein, in den Proberäumen von zum Beispiel Title Fight und Pianos Become The Teeth. Oder eben von Turnover.

Die waren auf ihrem Erstling Magnolia ja noch fest verwurzelt in einem Fundament aus Make Do And MendHot Water Music und ganz viel Melodie. Und legen jetzt mit Peripheral Vision einen Nachfolger vor, der so gar nicht zum bisherigen Mix aus Post-Punk und Alternative-Rock passen möchte. Weil plötzlich Cutting My Fingers Off mit Explosions In The Sky-Gedächtnisgitarrenfiguren protzt. Und übrigens auch mit einer Wagenladung voll Energie und Hitpotential. Siehe die befreit gen Sonne tapsende zweite Songhälfte. Oder weil sich Humming seine Gitarrenfigur recht offensichtlich bei Incubus ausborgt und auch sonst eher in Richtung The War On Drugs grüßt, als zum Punkrock. Da muss man sich erst mal zurecht finden, bei so viel Neuigkeiten im Klangbild. Wobei die Band dieses Unterfangen nach Kräften unterstützt. Weil nämlich neue Sounds nicht gleich neues Songwriting bedeuten. So hört man Diazepam die (Pop)Punk-Herkunft jederzeit deutlich an. Und so würde I Would Hate You If I Could vermutlich auch problemlos im verzerrten Gewand funktionieren.

Das sind dann auch die Stücke, die sich Turnover nicht ohne Stolz ans Revers heften dürfen. Songs, die außerhalb ihrer Wohlfühlzone jederzeit eine souveräne Figur abgeben. Die nicht an irgendein Genre gebunden sind. Eben Songs, wie das wundervoll getragene Hello Euphoria. Demgegenüber stehen allerdings auch Nummern, die den Übergang in ein neues Klanggewand nicht ganz so einwandfrei überstanden haben, wie das etwas nichtssagende New Scream. Ansonsten aber sorgt der Perwoll-Waschgang vor allem dafür, dass Peripheral Vision neu, frisch und aufregend klingt.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: Cutting My Fingers Off, Hello Euphoria, I Would Hate You If I Could

(Martin Smeets)

Turnover – Peripheral Vision | Run For Cover | VÖ: 08.05.2015 | CD/LP/Digital

Godzilla Was a Friend of Mine – Life And Function

Godzilla Was a Friend of Mine - Life and FunctionInhalt statt Form

Während doch die Technik voranschreitet und es selbst für kleine Bands und Aufnahmestudios keine große Zauberei mehr ist, einen glasklaren und bis in die feinsten Details ausdifferenzierten Sound hinzulegen, geht auch auf der anderen Seite der Produktionskette der Trend in Richtung Qualität. So scheint es zumindest. Formate wie Neil Youngs Pono oder Jay Z’ TIDAL versuchen dem musikalischen Massenpublikum Klangqualität als Verkaufsargument anzudrehen. Verlustfrei, High Fidelity, High Definition, FLAC. Die Stichwortliste des verführerisch-gehobeneren Musikkonsums ist lang.

Doch man kennt das ja: Kein Trend ohne Gegentrend. Während sich die einen Hi-Fi als goldenes Kalb halten – und sei die Musik noch so schlecht -, verachten die anderen geradezu diese irreführende Anbetung. Nicht, dass klangliche Zurückhaltung und ein bewusstes Lo-Fi-Tuning jemals gänzlich abgetaucht wären, aber vielleicht gewinnen sie gerade jetzt wieder mehr an Bedeutung: Während die einen an der Reinheit der Form herumdoktern, konzentrieren sich die anderen wieder mehr auf den Inhalt.

Godzilla Was a Friend of Mine aus Würzburg gehören zu den anderen. Ähnlich wie etwa XERXES, La Dispute oder Title Fight, die jüngst ebenfalls gehörig am Sound gedreht haben. In Richtung Lo-Fi, versteht sich. Und allen steht das ganz gut. So auch Godzilla Was a Friend of Mine, die ihren Postpunk klanglich in die frühen 90er verlagern, ohne dabei anachronistisch zu klingen. Dumpfe und träge Gitarren zeichnen zum ordentlich knatternden Bass ein paar kleine Melodien, der stimmarme Gesang traut sich nur so halb nach vorne und schon steht ein Song wie Faithful Patrones. Oder Pelican. Oder Noise. Ja, das Rezept zieht sich durch die ganze Platte, die keinen Hehl daraus macht, dass ihr Perfektion ziemlich schnuppe ist. Hier steht der Inhalt im Vordergrund, nicht die Form. Und dass hier musikalisch ziemlich viel geht, zeigt sich spätestens mit eben erwähntem Noise, das nicht nur eine kleine Bloc Party-Reminiszenz (Like Eating Glass) bereit hält, sondern ein rundum bärenstarkes Lied ist. Ebenso übrigens Golden Puma, das sich teilweise langsam herumschleicht, um anschließend umso heftiger zuzupacken, zu kratzen und zu beißen.

Überhaupt halten Godzilla Was a Friend of Mine weitgehend vorzügliches Songmaterial parat, welches besonders durch die beklemmend-desillusionierte, aber schöne Rhythmik auffällt. Da verzeiht man gerne auch kleine Fehltritte wie etwa die ebenfalls sehr auffällige Textlastigkeit (man achte nur mal auf den halben Roman Paper Cuts Skin) oder das etwas chaotisch herumzappelnden Plastic Diamond (bis es sich gegen Ende hin richtig Bahn bricht).

Und wer braucht da ernsthaft noch überkandidelt geschleckten Sound, wenn man auch Life And Function haben kann? Eben.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Noise, Golden Puma, Life And Function

(Martin Oswald)

Godzilla Was a Friend of Mine – Life And Function | Krimskramz | VÖ: 26.06.15 | LP/digital

Mewithoutyou – Pale Horses

mewithoutYou - Pale Horses

…Und aus Holz

Würdig altern. Eine Aufgabe, die genreübergreifend so manche Band vor große Schwierigkeiten stellt. Man denke nur an den Zirkus, den Metallica zwischenzeitlich veranstaltet haben. Oder an den Reunion-Schmonz aus dem Hause At The Drive-in und Refused. Oder an das traurige Bisschen, das von The Get Up Kids übrig ist. Man sollte eben aufhören, wenn es gerade am schönsten ist. Oder unbeirrt den eigenen Weg weiter erkunden und den eigenen Sound konsequent erweitern. Worauf sich Mewithoutyou bestens verstehen.

Dabei trägt diese Band die ein oder andere schwere Bürde mit sich herum. Sie haben mit Catch For Us The Foxes zum Beispiel eine Band wie La Dispute überhaupt erst denkbar gemacht. Sie haben mit Brother, Sister gleich für noch für einen weiteren Meilenstein in Sachen Post-Hardcore gesorgt. Und sie sind zum Glück clever genug, gar nicht erst zu versuchen, daran anzuknüpfen. Entsprechend weit wagt sich Pale Horses stellenweise vom Sound früherer Tage weg, um sein Glück zu suchen. In elegischer Düsternis. In morbiden Stimmungen, die man so auch von The National erwarten hätte können. Und in treffsicher platzierten Ausbrüchen.

Die Songs wie Red Cow veredeln. Das mit einer Ruhe beginnt, der man zu keiner Zeit vertrauen kann. Weil man ahnt, das da noch was kommt. Und wie. Aaron Weiss lässt seine Stimme erbeben, die Akkorde prasseln schwer auf ihrer Hörer_innen ein und bei aller Lautstärke bewahrt sich der Song dennoch eine gewisse Anmut. Die allen Songs dieses Albums inne wohnt, sei es nun das hektisch die eigene Vergangenheit erinnernde D-Minor, das nur 100 Sekunden dauernde, minimalistische Storytelling von Dorothy oder das kunstvoll getragene Magic Lantern Days. Sie alle sind grundverschieden und doch in einem ganz gleich: Sie sind geradezu wunderschön.

Und zwar ohne jede Spur von Oberflächlichkeit oder Naivität. Pale Horses ist ein ungemein forderndes Album, das nach und nach erschlossen werden will. Dessen viele kleine Ideen zwar meistens leiser und unauffälliger präsentiert werden, aber dafür umso eindrucksvoller wirken. Überall funkelt und strahlt es in diesen Songs. Stets wird man von einer unwiderstehlichen Melancholie umgarnt. Und ganz zum Schluss lassen Mewithoutyou ein ganzes Genre Bauklötze staunen, wenn sie mit Rainbow Signs über sechs Minuten einfach nur brillant sind. Ein Song, der nicht nur im eigenen Werk ganz weit vorne anzusiedeln ist. Ein Statement. Einer Band, die auf ihrem nunmehr sechsten Album zwar reifer, aber um keinen Tag gealtert klingt. Früher war eben doch nicht alles besser.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Pale Horses, Red Cow, Magic Lantern Days, Rainbow Signs

(Martin Smeets)

Mewithoutyou – Pale Horses | Big Scary Monsters/Alive | VÖ: 24.07.2015 | LP/CD/Digital

Delta Sleep – Twin Galaxies

Delta Sleep - Twin Galaxies

Mit allem

Wie passen Mathcore, Punk, Jazz und Pop zusammen? Nun, auf den ersten Blick überhaupt nicht. Und eigentlich fällt die Antwort auch beim neunten Blick nicht recht viel anders aus. Denkt man so. Bis Delta Sleep die Bühne betreten und den Gegenbeweis antreten. Schließlich bemüht sich das Quartett aus Brighton auf seinem Erstling Twin Galaxies doch tatsächlich, zwischen diesen wenig übereinstimmenden Positionen zu vermitteln. Und kommt dabei zu einem mehr als achtbaren Ergebnis.

Man muss sich erst gar nicht lange in diesem Album zurechtfinden, um zu bemerken, dass hier ziemlich viel zur gleichen Zeit geboten wird. Twin Galaxies ist ein quietschfideler Ausbund an guter Laune der – bis über den Rand gefüllt mit Spielwitz – sich in aller Zutraulichkeit an seine Hörer_innen heranschmeißt. Und dabei nicht mit einnehmenden Melodien geizt. Um aber nicht allzu aufdringlich zu wirken, schwingen in jedem dieser zehn Stücke immer auch ein paar sperrige Elemente mit. Da wäre die grundlegende Komplexität, die sich durch das gesamte Album zieht, da wären spinnerte Ideen und irrwitzige Seitenpfade, die immer wieder und doch wohl dosiert eingestreut werden.

Und da sind vor allem auch schlicht diese Songs, die die Last aller verqueren Beschreibungen locker tragen können. Der Sechsminüter Daniel Craig David etwa, der irgendwo zwischen der Melancholie von Jimmy Eat World und dem Stakkato-Songwriting von Trip Fontaine herumlümmelt. Oder das fröhlich über den eigenen Beat stolpernde 21 Letters. Oder die furiose Single Lake Sprinkle Sprankle, die stets kurz davor ist, sich Knoten in Beine und Handgelenke zu spielen, aber doch stets nachvollziehbar bleibt. Und die außerdem die lyrische Kehrseite der musikalischen Ausgelassenheit offenlegt, wenn Sänger Devin Yüceil bilanziert: „Lately I’ve listed the reasons why I can’t move on and why I sleep in the house that we lived in for over three years now. Staring at paintings, recounting the places we’ve been together, I tried to escape but I can’t seem to shake all these pictures of us.” 

Spätestens dann merkt man, wie viel Reife hinter all diesen scheinbar freudig durcheinander purzelnden Melodien und Ideen steckt. Wenn man es denn nicht schon in den ruhigen Momenten bemerkt hat. In Aspetta, einem kurzen Gruß an Mogwai. Oder in der verhangenen Atmosphäre von Spy Turtles. Delta Sleep verstehen sich bestens auf ihr Vabanquespiel zwischen Eingängigkeit und Komplexität jenseits irgendwelcher Genregrenzen. Und machen mit diesem Album so ziemlich alles richtig.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: 21 Letters, Lake Sprinkle Sprankle, Daniel Craig David

(Martin Smeets)

Delta Sleep – Twin Galaxies | Big Scary Monsters/Alive | VÖ: 19.06.2015 | LP/CD/Digital

Closet Disco Queen – Closet Disco Queen

Closet Disco Queen - s/t

Volle Möhre

Kennt man eigentlich schon mindestens seit The White Stripes oder den Japandroids, ist aber immer wieder spannend zu beobachten: Bands mit nur zwei Mitgliedern. Und dementsprechend nur zwei Instrumenten. Weniger bekannt ist allerdings, dass man sich im Zuge dieser Konstellation auch wirklich ausschließlich auf diese Instrumente verlässt und sich nicht auf das kleines Helferlein Gesang verlässt. Genau das machen nämlich Luc Hess und Jona Nido aka Closet Disco Queen. Die mit den eingangs erwähnten Bands mal so gar nichts zu tun haben. Aber das sei nur am Rande erwähnt.

Man muss nicht lange überlegen, um zu der Überzeugung zu kommen, dass bei diesem Unterfangen eine ganze Menge schief gehen könnte. Kompositorische Schwächen könnten in Mitten der reduzierten Instrumentierung in gnadenloser Brutalität zu Tage treten. Die Songs könnten in reines Muckertum abgleiten, um genau dieser Gefahr mit hohler Komplexität auszuweichen. All das bleibt aber Konjunktiv, weil das Schweizer Duo ganz genau weiß, was es zu tun hat. Das meint, erst mal volle Möhre nach vorne Riffen. Ohne dabei allerdings stumpf zu wirken. Selbst im Falle des vergleichsweise simpel gehaltenen Eröffnungstracks Hey Sunshine! funktioniert diese Maßgabe ziemlich vorzüglich. Und wenn die Beiden im Albumverlauf erst die wirklich großen Geschütze auffahren, bleibt einem schon das ein oder andere mal gewaltig die Spucke weg. Dafür sorgt etwa Catch You On The Flipside, das eine gefühlte Ewigkeit zwischen ein paar angedeuteten Ideen umherwabert, aber doch keinen Zweifel daran lässt, dass hier noch etwas passieren wird. Eine ganze Menge sogar. Man muss nur ein wenig Geduld mitbringen bis der Song einen klaren Plan entwickelt und Selbigen in ein Finale steuert das in seiner unvermittelten Wucht angenehm daran erinnert, wofür man And So I Watch You From Afar mal so sehr geschätzt hat.

Mit dieser Wucht kann auch das unmittelbar folgende The Shag Wag glänzen. Unter Anderem. Weil der Song sich zusätzlich noch als ziemlich cooles Stück offenbart, das schon mal gut und gerne in die Beine gehen kann, bevor zum furiosen Exzess angehoben wird. Da fragt man sich schon mal kurzzeitig, wie man mit so wenig Band zu so viel Brachialität kommt. Und kommt zu dem Schluss, dass die Dosierung entscheidet. Geprügelt wird sich auf dieser Platte nämlich nur zu handverlesenen Zeitpunkt. Ansonsten darf man zuhören, wie sich virtuos behandelte Instrumente umgarnen und irgendwo zwischen Prog, Stoner und Blues bemerkenswerte Songs entstehen lassen. Allen voren Black Saber, ein Zwölfminüter zum Niederknien. Ein Finale, das erst Minutenlang durch menschenleere Steppen mäandert und sich mehr und mehr aufschaukelt, an sich selbst berauscht und die Luft brennen lässt. Ein würdiger Abschluss. Ein sensationelles Album.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Catch You On The Flipside, The Shag Wag, Black Saber

(Martin Smeets)

Closet Disco Queen – Closet Disco Queen | Hummus/This Charming Man/Division | VÖ: 12.06.2015 | LP/CD/Digital