Refused – Freedom

Refused-Freedom // Bild: diymag.com

Neue Geschichten

Sogar der Bayerische Rundfunk hat eine Meinung zur neuen Platte von Refused. In diesem Satz manifestiert sich all das, was man an dieser Reunion so furchtbar finden kann. Ausgerechnet die Band, die mit dem größtmöglichen Knall aka The Shape Of Punk To Come die Bühne würdiger verlassen hat als man sich das in den kühnsten Träumen hätte ausmalen können und das Ganze noch mit dem Statement Refused Are Fucking Dead gewürzt hat, springt auf den Reunion-Zug mit auf. Und erdreistet sich dann auch noch, ein neues Album aufzunehmen. Wie schrecklich.

Und selbst wenn der eigene Verstand fernab dieser engstirnigen Denkweise arbeitet, trägt Freedom doch in fast allen Köpfen die gleiche Bürde mit sich: Das Album zerstört das bisherige Refused-Narrativ. Was der Band passenderweise hörbar scheißegal ist. Oder wie sonst ist ein Opener wie Elektra zu erklären? Na eben. Das geht unbeeindruckt nach vorne und lässt eine Band, die seit 17 Jahren keinen Ton von sich hat hören lassen mal so mir nichts, dir nichts im Jetzt ankommen. Mit State-Of-The-Art-Sound, mit einer hörbaren Metal-Schlagseite und einer Verve, die auch 2015 Ihresgleichen sucht. „Nothing has changed“ brüllt Dennis Lyxzén durch das Geriffe. Recht hat er. Zumindest die ersten paar Minuten. Dann nämlich treten Refused den Beweis an, dass sie mehr sind als ein paar alte Männer, die noch viel ältere Geschichten erzählen. Mit verzerrtem Rap, mit Hardcore im Akustikgewand, mit Old Friends / New War, das fast kein einziges Trademark am Leben lässt und doch unverkennbar als Refused-Song durchgeht.

Was ihnen auch ansonsten in beachtenswerter Manier gelungen ist. Zu keiner Sekunde kommen Zweifel auf, wer diese zehn Songs aufgenommen hat. Nicht mal die Kooperation mit Shellback – zu gerne würde man die Zornesröte im Gesicht der Integritäts-Polizist_innen sehen – kratzt am Wiedererkennungswert. Von dieser Basis aus kann man sich dann auch gerne mal wilde Ausflüge erlauben. In Richtung Ska und Rock’n’Roll etwa, wie es War On The Places vorführt. Oder in die ungewohnt ruhigen Gefilde, die aus dem Closer Useless Europeans beinahe schon so etwas wie eine Ballade werden lassen. Wäre da nicht diese unsagbar beklemmende Atmosphäre, die über die gesamte Spielzeit immer mehr verdichtet wird und sich dankenswerterweise nicht in einem tumben Krachfinale, sondern in Feinheiten entlädt.

Auch an all diejenigen, die wenig erpicht auf große Experimente sind hat die Band gedacht. Und ihnen mit 366 zwar den eingängigsten Refrain der Bandgeschichte, aber eben auch ein halbes Selbstzitat und mit Dawkins Christ gleich einen ganzen Song spendiert. Der exemplarisch für die Fehler steht, die sich auf Freedom eingeschlichen haben und das Album doch ein wenig runter ziehen. Auf Dawkings Christ hat nämlich nun wirklich niemand gewartet. Genauso wenig wie auf Françafique, das sich den Kolonialismus zur Brust nimmt, aber mit textlich langweilig („murder murder murder murder / kill kill kill“) und musikalisch mitsamt Kinderchor ärgerlich gerät. Aber das verzeiht man gerne. Weil Freedom das schafft, was man dem Album zunächst auf keinen Fall zugetraut hätte: Es schreibt die Geschichte um Refused ohne großen Bruch fort. Und sorgt dafür, dass man mehr hören will. Und hey: Wer hätte das schon gedacht?

Wertung: 6/10

Anspieltipps: Elektra | Old Friends / New War | Useless Europeans

(Martin Smeets)

Refused – Freedom | Epitaph/Indigo | VÖ: 26.06.2015 | CD/LP/Digital

Groenland – The Chase

Groenland - The Chase

Endlich einfach

Groenland machen es ihren Kritiker_innen eigentlich schon fast lächerlich leicht. Wer nämlich mit dem falschen Bein aufgestanden ist und schon immer mal schallend das Wort erheben wollte, gegen all die Lieblichkeit der Kate Nashs und Florence And The Machines und Of Monsters And Mens dieser Welt, will angesichts dieses Debuts erst mal reflexhaft drauf los ledern. Weil The Chase genau hierfür eine wundervoll trendige Angriffsfläche bietet.

Anschmiegsame Melodien werden hier von Sabrina Haldes fluffig produzierter Stimme umgarnt, dazu gibt es reichlich Klavier, großzügig verteilte Streicher, vereinzelte Bläser und ein paar versprengte Spinnereien. Innovationspreise werden also wohl kaum gewonnen werden, von diesen 14 Stücken. Und trotzdem tut man dem Sextett aus Montreal schon mehr als ein bisschen Unrecht, wenn man sie als stromlinienförmige Mitschwimmer_innen aus dem Trend-Windkanal abtut. Weil das Eröffnungsstück Our Last Shot trotz seiner wohlig gelaunten Grundstimmung niemals den Sinn für ein bisschen Schwermut verliert. Oder weil Superhero keinen Hehl aus dem macht, was es nun einmal ist: Ein lupenreiner Sommerhit. Vor allem aber, weil Groenland clever genug sind, sich bei der Wahl der Mittel nicht in eine Sackgasse zu manövrieren.

So wird The Chase zunehmend dunkler eingefärbt. Immune macht unmissverständlich deutlich, dass auf dieser Platte nicht für immer Sommer sein wird. Was vom wundervoll spannend aufgebauten La Pieuvre eindrucksvoll bestätigt. Das ist zwar immer noch Indiepop und wird auch bestimmt niemanden erschrecken, überzeugt aber trotzdem mit Abwechslungsreichtum und einem unabstreitbaren Gespür für den Song. Und wenn Some Of Us zum Schluss einfach mal alles weglässt und das Album ganz nackt beschließt, weiß man schon längst, dass The Chase ein rundes, gutes Album ist. So einfach ist das.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: Our Last Shot | La Pieuvre | Daydreaming

(Martin Smeets)

Groenland – The Chase | Bonsound | VÖ: 24.04.2015 | Digital

Kurzformat #9

Drug Church - SwellDrug Church – Swell

Zugegeben: Die Veröffentlichung von Swell ist schon eine Weile her, Februar um genau zu sein, doch das soll kein ernsthaftes Hindernis sein ein paar Worte über die EP zu verlieren. Denn diese ist eine kleine Sensation. Angefangen bei dem wunderbar verschleppten und rotzigen But Does It Work?, das man vor 25 Jahren auch den Pixies zugetraut hätte, über den wavigen Postpunk-Kracher Work-Shy, sitzt hier wirklich jeder Song. Drug Church lassen ihren von Patrick Kindlon (Self Defense Familiy) angetriebenen Hardcore allzu gerne in artverwandte Genres eintauchen, nur um sich dort mit möglichst viel Schmodder und Rost einzudecken. Fantastisch! [No Sleep Records | VÖ: 10.02.15] – (mo)

kindred spirit cover 1500Rocky Votolato/Chuck Ragan – Kindred Spirit

Die Namen Rocky Votolato und Chuck Ragan lassen Punkinteressierte aufhorchen und bringen die Folkrock- und Singer/Songwriter-Szene kollektiv ins Schwärmen. Kein Wunder eigentlich, sind beide zunehmend und auch stets hörenswert an der Akustischen zuhause. Nachdem sich beide im Rahmen der Revival Tour schon öfter die Bühne geteilt haben, teilen sie sich nun also auch eine Split-EP. Drei Songs gibt es jeweils, wobei sich Ragan bei seiner flotteren Auslegung des Folk mit Ben Nichols, Jon Snodgrass, Chad Price und Dave Hause zusätzlich reichlich Verstärkung holt. Ragan stellt damit den deutlich behutsamer und reduzierter agierenden Votolato fraglos in den Schatten. Letztlich liefern allerdings beide nicht ihre besten Songs ab und wer das bisherige Solowerk von beiden kennt, verpasst hier sicherlich nichts, schließlich hat man das alles schon oft genug gehört. Nun gut, Ragans Before Dust ist sicherlich den einen oder anderen Hördurchgang wert. [SideOneDummy Records | VÖ: 05.06.15] – (mo)
Stream

DRAG- Slow BreedsDRAG – Slow Breeds

Man kann durchaus irritiert sein beim Anblick des Covers und der Tatsache, dass es sich bei DRAG um eine Band aus dem unmittelbaren Umkreis von Light Bearer handelt. Von Düsterheit, Mythologie und Epik ist da nämlich keine Spur. Und was optisch sofort ins Auge fällt, bestätigt sich musikalisch umso mehr. Light Bearer sind hier ganz weit weg. DRAG präsentieren stattdessen verträumten und etwas schrulligen Indierock, dem man vermutlich auch das Label Shoegaze verpassen könnte. Vier starke Songs haben sie auf dieser EP versammelt, die sich angenehm an den Pop schmiegen, ohne aufdringlich zu sein und vor allem ohne die im Hardcore-Punk erlernten Riffs über Bord zu werfen. Am besten wird das im Song 0 vorgeführt. Das kann sich wahrlich sehen lassen. Mehr davon! [DIY | 28.05.15] – (mo)

Agador SpartacusAgador Spartacus – Agadorable

Die Rede davon, dass sich jemand bemüht, ist meist nicht als Kompliment gemeint. „Er hat sich bemüht, aber…“. Nein, ein Lob ist das nicht wirklich. Bei Agador Spartacus schaut’s allerdings ein bisschen anders aus. Denn die sind sichtlich bemüht aus den meist arg trüben Gewässern des Alternative Rock etwas Brauchbares herauszufischen. Und siehe da: Es will ihnen sogar gelingen. Zumindest über einige Stecken ihrer 5-Song-EP. Auch wenn sie mit Ceruma nicht den besten Anfang erwischen, so liefern sie sonst ganz ordentliche Songs im Postpunk-Gewand ab. Scissor Sisters And Brothers darf sich trotz der „Ohohohos“ eines ziemlich guten Tracks rühmen. Gleiches git auch für Barking Dogs, das vor allem am Bass eine solide Vorstellung hinlegt. Alles in allem: Kein Wunderwerk, aber den Alternative Rock doch gerade noch so aus dem Dreck gefischt. Wenn das mal kein Lob ist… [DIY | VÖ: 12.12.14] – (mo)

Rolo Tomassi – Grievances

Rolo Tomassi - GrievancesEin Monument

Rolo Tomassi. Das klingt erstmal nach einer eigenartigen Symbiose aus Karamellpraline und italienischer Küche, hat allerdings und erwartungsgemäß mit beidem überhaupt nichts zu tun. Hinter Rolo Tomassi verbirgt sich vielmehr eine Band aus Sheffield mit 10 Bandjahren und dem mittlerweile 5ten Album auf dem Buckel. Aber Hauptsache überstürzt mit irgendeinem irrwitzigen Einstieg samt der Tür ins Haus fallen, oder was? Nun, machen Rolo Tomassi schließlich auch so.

Estranged stürzt in wenigen Millisekunden von 0 auf 100 aus den Lautsprechern und begräbt mit dem programmierten Chaos eines astreinen Mathcore-Songs alles, aber auch wirklich alles unter sich. Über eine Minute geht das so, bis Rolo Tomassi zeigen, was sie eigentlich noch besser können als Mathcore: sich zurückzulehnen, einen Song atmosphärisch aufzuladen, ihn nicht nur wüst und wild mit halsbrecherischen Tempi- und Rhythmenwechseln, sondern vor allem spannend und mitreißend zu arrangieren. Es ist die Kombination aus den technisch brillanten Achterbahnfahrten und dem Gespür für Ruhe, Tiefgründigkeit, Schwere und Düsternis sowie in stilvoll akzentuierten Momenten geradezu unberührbarer Leichtigkeit und Zerstreuung. Was Eva Spence überdies mit Kehle und Kopfstimme am Mikrofon veranstaltet, ist schlichtweg atemberaubend. Mit Grievances haben Rolo Tomassi wahrlich Großes geschaffen.

Wenn sich z. B. Raumdeuter auftürmt und man nie ganz sicher sein kann, wann es zu Ende gestaltet ist, welcher Winkel noch unausgeleuchtet ist, wie viele Wendungen dieser Song noch nehmen kann. Oder Opalescent, das sich aus den leisen Klaviertönen von Prelude III (Phantoms) jazzig entspinnt und einen zurückhaltenden, aber atmosphärisch dichten und wunderschönen – tja – Popsong mimt. Das sind Augenblicke, an denen man ganz genau weiß, warum man eigentlich Musik hört. Noch besser und verlässlicher weiß man dies bei Stage Knives. Von einer flackernden Ennio-Morricone-Gitarre in Stellung gebracht (Unseen and Unknown) zimmern Rolo Tomassi ein gigantisches Monument. Eine Bastion von einem Song, der beste, den diese Band bisher hervorgebracht hat. Was sich in diesen fast vier Minuten abspielt, ist schlechterdings unbeschreiblich, die letzte halbe Minute an vereinnahmender Intensität nicht zu überbieten (Dieser Rhythmus! Dieser Bassklang!). Nah an der Perfektion. Ohne Witz!

Nicht grundlos schalten Crystal Cascades und Chandelier Shiver im Anschluss mit sanften Streichern einige Gänge zurück, ohne jedoch Spannung und Intensität auch nur ansatzweise zu drosseln. Ja, auch der hier präsentierte Postrock klingt vortrefflich. Die große Kunst Rolo Tomassis ist es nämlich die überwältigende Atmosphäre bis zum allerletzten Ton durchzuhalten. Dabei darf Funereal nochmals den Mathcore von der Leine lassen und nahtlos an die letzte Großtat übergeben. All That Has Gone Before, das die Brachialität, Sanftheit, Schönheit und Außergewöhnlichkeit von Grievances abschließend verdichtet. Was für ein Album!

Wertung: 9/10

Anspieltipps: Opalsecent, Stage Knives, Crystal Cascades, All That Has Gone Before

(Martin Oswald)

Rolo Tomassi – Grievances | Holy Roar Records | VÖ: 05.06.15 | CD/LP/digital

Archivist – Archivist

Archivist - Archivist // Bild: http://archivistmusic.bandcamp.com/releases

Wiederholungstäter

Fast wären sie eine Band unter vielen. Weil Archivist lange nicht mehr die Einzigen sind, die Black-Metal mit Shoegaze und Postrock vermengen. Siehe Deafheaven, die sich mit genau dieser fulminanten Mischung einst zur Höchstwertung aufgeschwungen haben. Siehe Sed Non Satiata, die bereits furios gezeigt haben was man mit Postrock alles anstellen kann. Weil aber ein Drittel von Archivist von den großartigen und leider kürzlich aufgelösten Light Bearer kommt, ist die Band trotz allem weit entfernt davon, eine unter vielen zu sein. Die letzte Platte von Light Bearer hat vom Kollegen Oswald schließlich nicht durch Zufall die Überschrift „Größer als Gott“ spendiert bekommen.

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, die man bei der ersten Begegnung mit Archivist anlegt. Und natürlich werden sie erfüllt, wer hätte auch ernsthaft etwas anderes erwartet. Natürlich gibt es ein kunstvolles Artwork, natürlich liegt dem ganzen eine Storyline zu Grunde (die man sich auf der Bandcamp-Seite der Band durchlesen kann). Und natürlich überzeugen Archivist auch musikalisch. Wenn auch auf merklich andere Art und Weise. Kein einziger der Songs reisst die Zehn-Minuten-Grenze, ausufernde Intros und Streicherpassagen wurden weitgehend ersatzlos gestrichen. Stattdessen rückt der Song in den Vordergrund. Kompakt ist das ganze zwar immer noch nicht, allerdings wesentlich greifbarer als gewohnt. Was einigen Stücken durchaus sehr gut steht. Tying Up Loose Ends In The Cold Void Of Space schleicht zunächst eine halbe Minute als Verneigung vor Explosions In The Sky durch den Raum, sucht dann fast unvermittelt die strahlenden Gesten und großen Melodiebögen und kippt zur Halbzeit beinahe in Richtung Pop ab. Dass dabei insgesamt neun Minuten ins Land ziehen, bleibt völlig unbemerkt. Weil der Song von der ersten bis zur letzten Sekunde spannend bleibt. Weil man nie aufhört, neugierig zu sein, wie es denn weitergeht.

Was im Übrigen so auch für den Rest des Albums gilt. Schon in den ersten Zügen von Archivist, in denen Ascension mit seinen schwermütigen Gitarren langsam anrollt, ist man gefesselt von dieser Platte. Und will auch gar nicht erst frei kommen. Weil man Angst hat, nur einen Ton zu verpassen, der hier zum Besten gegeben wird. Und das völlig zu Recht. Dieses Album ist bis unter die Decke voll mit feinsinnigen Melodien, mit großen Momenten, mit erhabenen Songs. Ein Album das weit aus der Masse heraus ragt. Ein kleines Meisterwerk. Schon wieder.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Ascension, Dreaming Under, Tying Up Loose End In The Cold Void Of Space

(Martin Smeets)

Archivist – Archivist | Alerta Antifascista | VÖ: 04.06.2015 | Digital/LP

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Turbobier – Irokesentango

Turbobier - Ikoresentango

Plörre

Obacht: Die Band heißt – wie subtil – Turbobier, das Album Irokesentango und die Bandmitglieder hören auf die ulkigen Namen Marco Pogo, Fredi Füzpappn, Doci Doppler und Baz Promüü. Und für alle, die noch nicht genug Angst haben: Ihren Punk garnieren Turbobier mit Vocals in Mundart. Vielleicht, weil sie das unfassbar gut finden, vielleicht – wenn man böse sein will – aber auch, weil Wanda und Bilderbuch. Tut aber auch nichts weiter zur Sache.

Die Vorzeichen sind so oder so denkbar miserabel. Auf den ersten Blick. Und auf den zweiten. Und auf den dritten irgendwie auch. Obwohl der Opener Fuaßboiplotz sich beachtlich ins Zeug legt, sämtliche Vorurteile schwungvoll zu widerlegen. Da stimmt nämlich alles. Die Musik geht mit einer ordentlichen Verve nach vorne und der Refrain konstatiert treffend: „A Fuaßboiplotz ohne Bier / Is wia a Heisl ohne Dia“. Alle, die irgendwann in ihrem Leben schon mal im Amateurfußball die Schuhe geschnürt haben, werden diese Aussage bedenkenlos unterschreiben. Und bestimmt auch herzhaft lachen. Dieses eine Mal zumindest. Ansonsten ist aber nicht viel los mit diesem Album. Weil an den Instrumenten zwar solide Kost serviert wird, aber irgendwelche Überraschungen sich nicht mal am Horizont abzeichnen. Weil das Themenspektrum (saufen, doofe Polizei, die Punk-Klassiker halt) schon zig mal in besserer Form abgearbeitet wurde. Und weil sich der Humor zumeist auch auf irgendwelche Suffwitzchen beschränkt.

Und vor allem: Weil Irokesentango leider bisweilen auch verdächtig kalkuliert wirkt. Arbeitslos packt beseelt von der eigenen Aufmerksamkeitsgeilheit die unlustige Helene-Fischer-Parodie aus und landet damit punktet dementsprechend bei Bild-Online, Dieter Bohlen und dem ZDF. Floschnpfand krepiert als humorbefreiter Kotzreiz-Rip-Rip-Rip-Off und zu Die Bierpartei – die es natürlich wirklich gibt – sagt man ob seiner geballten Einfallslosigkeit einfach nichts. Turbobier nehmen sich vom Punk irgendwo zwischen WIZO und Die Kassierer alles, was schon mal funktioniert hat und verwursten es zu einer ungemein schalen Mischung. Do hau i ma liaba d’Fotzn ans Discheck one!

Wertung: 3/10

Anspieltipps: Fuaßboiplotz

(Martin Smeets)

Turbobier – Irokesentango | Warner | VÖ: 12.06.2015 | CD/LP/Digital

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Brother/Ghost – Buried

Brother/Ghost - Buried

Das Schöne im Biest

Es gibt eine ganze Menge Alben, deren Stärke es unter anderem ist, sich absolut nicht für den normalen Hausgebrauch zu eignen. Schließlich wird niemand den traditionellen Drei-Uhr-Tee zu Draff Krimmy servieren oder anschließend Opas WMF-Tafelservice zu Converge abspülen. Weil man ansonsten vermutlich alleine oder in ziemlich abgedrehter Gesellschaft Tee schlürfen würde und die Haltbarkeit des Tafelservice einem Song von – sagen wir mal – Simple Plan Konkurrenz machen könnte. Vermutlich. Sicher ist hingegen, dass Brother/Ghost ein Album vorlegen, das sich nahtlos in die Riege der weniger alltagstauglichen Platten einsortiert.

Weil Buried schon von Weitem bedrohlich und abgründig erscheint. Weil das Album zunächst jeden Zugang verweigert. Weil man erst mal nicht die leiseste Ahnung hat, wo man dieses Werk überhaupt einreihen soll. Der Vorgänger jedenfalls, der war in Postrock-Kreisen unterwegs, wohingegen sich Buried solcher Zuschreibungen weitestgehend entledigt. Sicher, die bekannten Stilmittel des Postrock verstecken sich überall in diesen Songs – zum Einsatz kommen sie aber nicht. Zumindest nicht so, wie man es erwarten hätte können. Freedom geht hier als Paradebeispiel voran, beginnt der Song doch mit Gitarrenläufen über schweren Akkorden. Wie aus dem Lehrbuch. Die allerdings später in eine Art Instrumentalrefrain umgewandelt werden. Und mittendrin Platz machen für ein wundervoll gefühlvolles und dennoch brachiales Finale. Das man zu Beginn des Songs nicht unbedingt erwarten konnte, klar.

Dabei hätte man es schon nach dem Opener Satan wissen können. Der liefert nämlich in knapp sechs Minuten einen treffsicheren Querschnitt von Buried. Spannungsbögen, die auch Mogwai abnicken würden, treffen auf Gesangsparts aus dem Esben And The Witch-Gruselkabinett. Und dazwischen bringen Brother/Ghost jede Menge guter Ideen unter. Allein das erwähnte Satan dreht beharrlich die Spannung nach oben und bereitet den Weg für ein intensives Vergnügen über sieben Songs hinweg. Cripple verbannt dann das ohnehin kaum vorhandene Licht zwischenzeitlich restlos aus dem Album und lehrt mit seiner bedrohlichen Soundkulisse das Fürchten. Nervenzehrende Klavieranschläge inklusive. Da ist man ehrlich dankbar, wenn Causeway im Anschluss versöhnliche Akkorde präsentiert und so für die dringend benötigte Atempause sorgt.

Ohne diese wäre man vielleicht ein wenig überfordert mit dieser Platte. Weil Buried atmosphärisch dicht bis an die Schmerzgrenze ist. Weil man weit mehr als einen Anlauf braucht, um diesen Stücken ihre Geheimnisse abzuringen. Und natürlich auch einfach, weil das alles trotz all seiner Eigenwilligkeit bisweilen virtuos durchkomponiert und voll hintersinniger Schönheit ist. Man muss sie nur finden.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Satan, Causeway, Freedom, Blackdog

(Martin Smeets)

Brother/Ghost – Buried | i.Corrupt | VÖ: 15.06.2015 | Vinyl

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No Weather Talks – Undoing Defeat

No Weather Talks - Undoing Defeat

Seepferdchen

Spätestens seit Days Of War, Nights Of Not Enough war man angefixt und wartete ungeduldig auf eine vollwertige Platte von No Weather Talks. Weil in diesem verstolperten Brocken purer Euphorie klar wurde, was diese Band so alles können könnte. Weil hier auf den Punkt gebracht wurde, welches Maß an unbändiger Energie ein paar Minuten Punkrock gepackt werden kann. Weil man mehr wollte von der unwiderstehlichen Mixtur dieser Band. Die sich bestens darauf versteht mal eben Stilelemente, die in anderem Umfeld problemlos die Silben ‚Post-‚ oder ‚-core‘ mit sich tragen könnten in ein fast unverschämt poppiges Umfeld zu integrieren. Und sich trotzdem nicht im engeren Dunstkreis des Etiketts Poppunk bewegt.

Daran ändert auch das Debut Undoing Defeat herzlich wenig. Auch wenn die Band die Begrüßung ein wenig aus der Reihe tanzen lässt. Mit dem klobigen Songtitel The Poetry Of A Life Rediscovered Will Put An End To The Deadly Stranglehold Of The Comodity. Mit ein paar verwischten Klaviertupfern und angedeuteten Ausflügen zum Postrock. Problems With Pleasure nimmt von diesem Intro aus nahtlos die Ausfahrt zum melodieverliebten Punkrock und unterstreicht eindrücklich, wie gut sich No Weather Talks genau dort auskennen. Wo sich die Stücke nicht mehr aufdrängen, als unbedingt nötig und doch clever genug arrangiert sind, um auch im Laufe der Zeit noch spannend zu bleiben, dort fühlt sich die Band wie zu Hause. Und liefert Verbeugungen vor einem ganzen Genre (Road Rash) oder wenn nötig unmissverständliche Ansagen (Nazi Scum Has Gotta Die) ab.

Dass man dabei selbst in den am festesten zupackenden Momenten noch Zeit für eine einnehmende Melodie findet, stellt sich schließlich als größtes Faustpfand dieses Albums gegen die ab und an drohende Monotonie dar. Man nehme nur A Scene Less Sinister, das sich zunächst gnadenlos an einem sinistren Klangbild verhebt und doch kurz vor’m Absaufen seine Rettung durch einen ausladenden Refrain erfährt. Ansonsten gibt es keinen Anlass, dieses Album zu retten, schwimmt es doch bemerkenswert souverän oben mit. Und ganz zum Schluss verabschiedet A Toast To Revolutionary Songs eine knappe halbe Stunde ohne Balladen, Schmonz oder sonstigen Bullshit. Und zwar furios. Hoch die Tassen.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Problems With Pleasure, Road Rash, A Toast To Revolutionary Souls

(Martin Smeets)

No Weather Talks – Undoing Defeat | Gunner/Broken Silence | VÖ: 20.03.2015 | CD/LP/Digital

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Yukon Blonde – On Blonde

Yukon Blonde - On Blonde

Aufstand im Schlaraffenland

Es ist an und für sich meist ziemlich klug das Gros der Releases aus der weitläufigen Welt des Indiepop zu meiden. Weil schon in der Genrebezeichnung eine nicht wegzudiskutierende Idiotie steckt. Ist das jetzt Indie oder eben Pop? Egal, es kann sowieso fast immer weg. Oder hat noch irgendjemand den Überblick über die völlig ausser Kontrolle geratene Liaison dieser beiden Genres? Nein? Na also. Wo der Weg von The War On Drugs zu Knallchargen wie Brandon Flowers trotz unüberbrückbarer Qualitätsdifferenzen erschreckend kurz ist, muss man eben vorsichtig sein.

Die Schwierigkeit ist es dabei mit der Vorsicht nicht zu übertreiben. Man könnte ja was verpassen, bringen doch auch die ausgetretensten Pfade immer wieder mal Überraschungen mit sich. Wie eben Yukon Blonde. Das Quartett aus Kanada legt mit On Blonde sein nunmehr drittes Album vor und zeigt, dass das Ergebnis aus der Vermengung von Pop, Alternative und einem gewissen 80er-Jahre-Faible nicht zwangsläufig dystopischer Natur sein muss. Dabei serviert schon der Einstieg all das, was in den Indie-Feelgood-Playlists dieser Welt normalerweise zum Date mit Villeroy & Boch verleitet: Breitbeinige Rhythmen, Gitarrenfiguren aus dem Ramschladen und alles, was sonst noch auf der Tanzfläche der alternativen Großraumdisse ankommen könnte. Eigentlich zum Kotzen, im speziellen Falle aber – kein Witz – fast unwiderstehlich. Weil Yukon Blonde ihre Zutaten mit Bedacht einsetzen, weil der Sound von Leuten kreiert wurde, die auch schon für Depeche Mode und Black Mountain an den Reglern standen und vor allem weil man sich den Melodien nicht entziehen kann, die diese Band mit spielerischer Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelt. „I’m confused“? Ja, und wie!

Und das auch noch gerne. On Blonde verleitet seine Hörer_innen mit beeindruckender Vehemenz, zwischen Hooks und Hymnen ungehemmt Hurra zu rufen. Ohne auch nur in die Nähe des Stumpfsinns zu geraten. Dafür sorgen die Songs jederzeit. Das wundervoll abgehangene You Broke The Law etwa, das mit cleveren Ideen nur so um sich wirft und ganz nebenbei qua kraftvollem Solo zeigt, dass Yukon Blonde durchaus auch als Rockband funktionieren. Oder die Single Saturday Night, die unfallfrei mit den ganz schmalzigen Keyboards hantiert und sich mit ihren spinnerten Lalalas zum verschrobenen Hit mausert. Und wenn Favourite People mit kindlicher Freude den Aufstand im Indierock-Schlaraffenland probt, oder sich Jezebel mit discoidem Breitwandpop verabschiedet, ist ohnehin längst alles gut. Dann sind die Schubladen lange zu. Ohne das Yukon Blondes anarchischer Pop-Entwurf auch nur ansatzweise zugeordnet wäre. Zum Glück.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Confused, Saturday Night, You Broke The Law, Jezebel

(Martin Smeets)

Yukon Blonde – On Blonde | Dine Alone/Caroline | VÖ: 12.06.2015 | CD/Digital

Going Away Party – Going Away Party

Going Away Party - s/t

Taufrisch

Schon kurios: Going Away Party haben noch keine 8 Songs veröffentlicht und werden schon mit den ganz großen Namen verglichen. Drei Jungs, die auch genau wie drei putzige Jungs aussehen, tragen zum Release ihres allerersten Albums schon Namen wie Sunny Day Real EstateBraid und Knapsack auf ihren schmächtigen Schultern. Dabei wollen sie doch nur spielen.

Das suggeriert zumindest Going Away Party. Mit einer Coverästhetik wie vom letzten Kindergeburtstag, mit einem ungefilterten Sound, der das Gefühl vermittelt, mittendrin zu sein, im Proberaum, zwischen vielen bunten Instrumenten. Aber eben auch mit einer diebischen Spielfreude, die aus jedem schüchternen Akkord dieser Platte purzelt, die diese elf Stücke ausmacht und spielerisch zusammenhält. Dabei fängt die Feier noch vergleichsweise ruhig an. Punk Rock Rick kommt nur langsam ins Zimmer und sieht sich erst mal um, bevor der Song an Zutrauen gewinnt und vorsichtig los legt. Ein verhaltener Einstieg, ein bisschen Aufwärmprogramm. Das wenig später von Stitches jäh beendet wird. Mit einer Melodieführung, die man auch bei klebrigen Stadionacts hören könnte, die in den Händen von Going Away Party aber nicht über Gebühr aufgeblasen, sondern sinnvoll in den Song integriert wird. Ein Song übrigens, der erstmals zeigt, warum gleich die ganze großen Brocken in den Ring geworfen werden, wenn es um die Beschreibung dieser Band geht.

Gerade wenn Going Away Party nämlich voll und ganz dem Dukuts des 90er-Jahre-Emo huldigen, blickt man allerorts in leuchtende Augen. Die zum Beispiel jeden Moment des großartigen Wyoming fernab jeglicher Zurückhaltung mitleiden. Eine tieftraurige Strophe bereitet da die Basis für einen Refrain, der sich nach ganz weit oben schwingt und musikalisch beim ganz großen Gefühl landet. Mit einem Perry Hood, der die Zeilen „Please come home / it’s not the same / since you been gone“ mit allem Einsatz schmettert, den er aufzubringen vermag. Den man im Anschluss fast in den Arm nehmen will. Muss man aber nicht. Das machen die Songs schon zu Genüge. Und wenn die Band wenig später mit Bro’s ihr vorläufiges Meisterstück vorlegt, sind ohnehin alle getröstet. Ein langsames, anrührendes Stück Musik ist das, das mit seinen großen Vorbildern umzugehen vermag, ohne an eigenem Charakter zu verlieren. Chapeau!

Ein Wort, das auch dieses Album als Ganzes angemessen würdigt. Natürlich reihen sich Going Away Party dabei mit diesem Debut noch lange nicht in die Reihe der Referenzbands ein. Natürlich ist die eine oder andere Songidee noch etwas arg putzig und natürlich hört man dann und wann, dass man es hier mit dem Debut einer jungen Band zu tun hat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese elf Songs größer sind als man es eigentlich vermutet. Weil sie völlig frisch und unverbraucht des Weges kommen. Und weil sie das auch in ein paar Jahren noch genauso tun werden. Versprochen.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Stitches, Wyoming, Bro’s

(Martin Smeets)

Going Away Party – Going Away Party | Disconnect Disconnect | VÖ: 08.06.2015 | Digital