Pfingst Open Air 2015 – So war’s

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Bestes Wetter war dem Pfingst Open Air 2015 in Salching nicht vergönnt. Beste Musik auch nicht unbedingt. Aber, um das sogleich zu relativieren: So schlecht war beides auch wieder nicht. Der Regen im Vorfeld ließ zwar den Boden weich und matschig werden, was sich gerade in stark frequentierten Bereichen als Balancetest erweisen konnte; andererseits blieb ein Starkregen aus und lediglich Samstagnacht hat es sich etwas lästiger abgeregnet. Dass dies allerdings schon reicht, um das Festivalgelände unter dem Gestampfe von 8.000 Leuten – trotz stellenweise ausgestreuten Hackschnitzeln – in ein Schlachtfeld zu verwandeln, ist eigentlich auch keine Neuigkeit. „Pure Verwüstung“ titelt etwa idowa und klingt dabei einigermaßen überrascht. In der Tat mag man sich unmittelbar danach kaum vorstellen wie sich insbesondere die Park- und Campingplätze jemals wieder erholen werden. Aber sie werden es. Das POA 2016 ist natürlich bereits in Planung.

Doch kommen wir zurück zu diesem Jahr und lassen für ein paar Sätze die Wetterexpertise beiseite. Über 100 Acts auf 7 Bühnen hat das Pfingst Open Air in seiner vierten Auflage in Salching zu bieten. Stilistisch, wie immer, eine wilde Mixtur. Mit den Ausnahmen Skateopia, Elektrogelände und Spielwiese ist dabei nicht klar, ob die Bühnen und das Line-Up irgendeinem roten Faden folgen. Viel wahrscheinlicher ist das Gegenteil der Fall. Gerade die Mainstage hat keine musikalische Linie und scheint ihr Programm völlig willkürlich bzw. lediglich nach der ominösen „Bekanntheit“ zusammenzuwürfeln. Dazu, dass Jennifer Rostock der Gipfel einer solchen Willkür sind, kommen wir später. Auch das erstmals als Zirkuszelt aufgebaute K-Zelt, ist nur am Samstag als Hip-Hop-Bühne erkennbar. Von allem überall ein bisschen etwas ist zwar leider eine gewöhnliche, jedoch keine mutige, profilierte, stimmige oder – falls man es gehobener ausdrücken möchte – sinnvoll kuratierte Programmzusammenstellung. Und wenn man sich schon für eine immer breitere musikalische Mischung entscheidet, sollte der Hip-Hop-Anteil vielleicht nicht derart überrepräsentiert sein.

Neben kleinen Unannehmlichkeiten, wie etwa der dürftigen Ausschilderung, ist das POA allerdings vortrefflich organisiert. Zusätzliche, weit auseinander liegende Kassenhäuschen entzerren die Warteschlagen und verkürzen das Warten, die jeweiligen „Stationen“ (Bierstand, Cocktailbar, Infostand etc. und die einzelnen Bühnen) organisieren sich im einzigartigen POA-Charme selbst und das reichhaltige, wenngleich im Vergleich zum Vorjahr weniger vielfältige Verpflegungsangebot kommt meist ohne Wartezeiten und mit einigermaßen moderaten Preisen aus. Das sind hervorragende Bedingungen und dürfen reichlich Lob einheimsen.

Doch nun konkret zur Musik. Nachträglich könnte man sagen, der Freitag war so etwas wie der „Altes-Neu-Aufgewärmt-Tag“. Karate Andi etwa, der ultra-ironisch einen auf Proll macht, trällert derart langweilige Rapmusik mit möglichst häufiger Schlagzahl der Worte „Fotze“, „ficken“, „Junkie“ und „Hurensohn“ von der Bühne, dass man sich ernsthaft fragt, wen das eigentlich noch hinter’m Ofen hervorlockt. Gab es das nicht alles schon bis zum Erbrechen? Ist da nicht schon eigentlich alles gesagt? Wurde die anale Penetration mit der behaarten Mutter nicht schon häufig genug vollzogen? Offensichtlich nicht, POA und das überwiegend 15-Jährige Publikum kriegen einfach nicht genug davon.

Stilistisch ähnlich abgelutscht, aber doch um Längen interessanter: Wanda. Auch hier kreisen die feuchten Träume um tabuisierte sexuelle Verlangen, doch kann man bei all dem Wein- und Schnapskonsum sogar ein bisschen Nachsicht haben. Als frenetisch gefeierte Wiedergeburt des Austropop ziehen sie gerade ihre ranzigen Lederjacken durch alle möglichen Fernseh- und Radiostudios, sodass bloß zwei Worte genügen, um einen fiesen Ohrwurm zu setzen: „Amore“ und „Bologna“. Viel mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, außer dass es Wanda freilich gelingt dem Pop eine Kerbe aufzureißen, die zwar nicht neu ist, die es aber schafft ein Stück Authentizität und Dreckigkeit in die Mainstream-Popmusikproduktion zu streuen. Zur Primetime auf einer Festival-Mainstage gibt man sich damit gerne zufrieden.

Für Genetikk, bei denen man unweigerlich an Biologie denken muss, gilt das nicht vorbehaltlos. Rapper mit Masken, deren Album auf Platz 1 der deutschen Charts einsteigt? Schon wieder. Das ist jetzt irgendwie auch nicht wirklich neu. Das Aufwärmen eines über 20 Jahre alten und deshalb nicht ganz peinlichen Songs der Toten Hosen ist allerdings gar nicht so übel. Welche besondere Strahlkraft Genetikk eigentlich auszeichnen soll, bleibt trotzdem eher ein Rätsel.

Ein Rätsel ebenfalls: GWLT auf der Skateopia-Bühne. Das Rätselhafte ist jedoch vielmehr woher die Münchner ihre ungeheure Energie nehmen. Ein rauer Hardcore mit einer sehr schmalen Grenze zum Hip-Hop, die jener regelmäßig überschreitet. Wie stilsicher und brillant sich Sänger David Mayonga in „beiden“ Genres bewegt, ist erstaunlich, zumal es ihm scheinbar mit Leichtigkeit gelingt das überwiegend hardcore-affine Publikum mitzunehmen.

Fotos vom Freitag:

Letzteres gelingt auch – und da sind wir schon am frühen Samstagnachmittag – Blackout Problems’ Mario Radetzky, der sich sogleich über den Bühnengraben ins Publikum stürzt. Bei so einem Festival wissen Blackout Problems aus ihren Songs im etwas seichten Fahrwasser von Fall Out Boy, My Chemical Romance oder (auch gerade der erstaunlichen stimmlichen Verwandtschaft wegen) 30 Seconds To Mars das beste zu machen, weil sie etwas haben, was ihnen auf Platte notorisch rausgebügelt wird: Power. Guter Auftritt.

Was beim Pfingst Open Air nicht fehlen darf: Eine Audiolith-Band. Regelmäßig beschickt die Hamburger Elektropunk-Schmiede das Pfingst Open Air mit Acts, diesmal sind Neonschwarz dran. Für die Hip-Hop-Formation um Johnny Mauser, Captain Gips und Marie Curry kommt sogar vereinzelt die Sonne raus, allzu passend zu den eher lockeren Beats und der smoothen Stimme Currys. Mit den Songs meinen sie es jedoch ernst, ist schließlich ein jeder davon ein politisches Statement. Mitreißend ist das nicht immer (zu schwach sind auch einfach manche Tracks), die Botschaften bleiben aber hängen. Eine ganz besonders: Refugees Welcome. Dieser Slogan und das dazugehörige ikonische Symbol sind ohnehin omnipräsent auf dem Pfingst Open Air. Das liegt an dutzenden Shirts und Pullovern, Transparenten und Pappschildern, aber auch an der Losbude von The Prosecution, die zugunsten von PRO ASYL allerlei Sachen verlosen. Das alles ist im Grunde genommen eine hervorragende Sache, drohte die Omnipräsenz nicht zugleich die politische Brisanz des Themas zum bloßen Lifestyle-Trend zu entpolitisieren. Die Gefahr der Banalisierung ist in der bloßen Zurschaustellung und Wiederholung linker (ja ehemals subversiver) Symbolik angelegt.

Ein gutes Anschauungsbeispiel hierfür bieten Jennifer Rostock, der Samstagsheadliner. Eine Band, die sich allzu gerne mit der Coolness linker Codes und Antifa-Symbolik schmückt, sich aber dennoch ausschließlich über die Haut ihrer Sängerin definiert. Dass die Band diesen Weg wählt und ihre Relevanz nicht durch die durchweg belanglose Musik zu erreichen versucht, ist allzu verständlich. Wie sehr hier Schein und Sein auseinander klaffen, ist umso offenkundiger. Dass sich jeder zweite Youtube- und Facebook-Kommentar in Zusammenhang mit Jennifer Rostock mit dem Aussehen, der „Geilheit“ oder Sexualität der Sängerin befasst, scheint die Band eben nicht zu stören. Im Gegenteil: Sie weiß um diesen Verkaufsschlager und darum, dass jedes Instagramfoto von Jennifer Weists Bikinizone bares Geld ist. Nun geht es hier keineswegs um eine völlig unangebrachte Anmaßung Weist irgendwelche Ratschläge zu erteilen, was sie wie mit ihrem Körper anzustellen hat, sondern um die Feststellung, dass die Bedienung sexistischer Muster und Duldung ebensolcher Verhaltensweisen Jennifer Rostocks täglich Brot ist. Jennifer Rostock ist nicht die Band als die sie sich gerne selbst inszeniert. Für einzelne Bandmitglieder mag dieses Urteil möglicherweise nicht in gleicher Weise zutreffen, für die Gesamtheit ihrer Band allerdings schon. Sie sind eine Firma – eine obercoole Firma im Antifa-Look, versteht sich.

Live trotzen Jennifer Rostock ihrem dünnen Songmaterial zwar ein bisschen etwas ab, doch ist all dies eben nicht mehr als Begleitmusik für die ausladenden Tanzvorführungen der Sängerin. Ganz allgemein ist der Auftritt mehr Entertainment als Konzert, was sich beispielhaft in den Saufspielchen und Anzüglichkeiten Weists zeigt und in einer völlig absurden Situation ihren Höhepunkt findet. Weist bitte zwei junge (teils minderjährige) Frauen aus dem Publikum auf die Bühne, um gemeinsam mit ihr Der Kapitän zu singen. Als eine davon das vor Aufregung nicht besonders gut gelingen will, gipfelt Weists Selbstdarstellungssucht in der Demütigung der jungen Frau vor tausenden Augen. Alles nur Spaß? Nein, asozial ist das. Furchtbare Band.
Das Gegenteil davon übrigens: KMPFSPRT. Gute Band. Die hatten zuvor auf der Skateopia-Bühne zwar sicherlich nicht das meiste Publikum, dafür aber die beste Show. Intensiv, authentisch, ein Hit gereiht an den nächsten. So läuft das. Ebenfalls sehenswert: Antilopen Gang, die sich mit den letzten Plattenerlösen im Auftrag von JKP wohl etwas auf dem Schrottplatz austoben durften, um ein „Schlagzeug“ sondergleichen zusammenzustellen (siehe Fotos).

Fotos vom Samstag:

Der Sonntag ist freilich der undankbarste Tag eines Festivals. Alles ist Matsch. Doch selbst hier gibt es Highlights. Tonbandgerät zum Beispiel, mit unprätentiös-zurückgelehntem Indierock zum Füße-in-die-Luft-Strecken oder Jesper Munk, der kontrastreich zu seinen noch jungen Jahren dem altehrwürdigen Blues einen zeitgemäßen Anstrich verpasst. Seiner herausragenden Stimme hat er das vemutlich am meisten zu verdanken. Stimmlich haben auch AnnenMayKantereit, die über den Status des Geheimtipps weit hinaus sind, zu bieten, viel mehr aber leider auch nicht. Zäh und träge ist die Show, so wirklich warm ums Herz will es nicht werden. Aber es ist ja auch alles Matsch am Sonntag, keine Sonne weit und breit.

Das Pfingst Open Air 2015 war gewiss kein großer Wurf, das Line-Up mit wenigen, dafür ziemlich guten Highlights, einigen Geheimtipps – die Bazzookas mit ihren Buskonzerten blieben noch unerwähnt, ebenso z. B. Nick & The Roundabouts, einigen Grottigkeiten, vor allem aber einer ansteckend guten Stimmung, die sich besonders auch in den „Nebenaktivitäten“ einfangen ließ. Der vortrefflich durchgeführte und moderierte Skate-Contest in der Miniramp etwa, der einen ausgesprochen unterhaltsamen Samstagnachmittag bereiten konnte. Ja, so lässt es sich aushalten. Dass die Wasserschlacht zwischen Bierstand und Cocktailbar ausblieb, ist allerdings unverzeihlich. Da besteht dringender Nachholbedarf. Nach einem insgesamt guten 2015, hoffen wir also einfach auf ein besseres 2016.

Fotos vom Sonntag:

(Martin Oswald)

Lehnen – Reaching Over Ice And Waves

Lehnen - Reaching Over Ice And Waves // Bild: lehnen.bandcamp.com

Heute hier, morgen dort

Gäbe es eine Reihe mit dem Titel „Unwahrscheinliche Zusammenkünfte“, würde Lehnen vermutlich darin vorkommen. Immerhin wird die Band mit dem Satz „Lehnen wurde von zwei Amerikanern und zwei Österreichern, mit gemeinsamen Lebensmittelpunkt in Wien, gegründet.“ vorgestellt. Da staunt man ausufernde Ambient-Soundscapes, ob all dem, was da zusammenkommt. Zwei Amerikaner und zwei Österreicher einigen sich also auf Wien – dem ja wiederum ein ganz eigener Lokalkolorit angedichtet wird – und machen von dort aus knackigen Postrock mit Vorliebe für Ambient-Eskapaden und Hang zum Gesang. Alles klar soweit? Nein? Gut!

Über ein paar äußerliche Beobachtungen ist dieses Quartett ohnehin schwerlich, ach was, nicht im Ansatz zu fassen. Da muss man schon die Musik zu Hilfe nehmen, die das inzwischen vierte Album Reaching Over Ice And Waves in knapp 50 Minuten vom Stapel lässt. Die lässt nämlich aufhorchen, und das nicht wenig. Das Reisen mit all seinen Implikationen und zwischengeschalteten Aufenthaltsorten soll die neun Songs in Form eines gar nicht mal so losen Konzepts zusammenhalten. Ein schwieriges Unterfangen, wirken die Stücke doch oftmals, als wären sie schon zwei Schritte weiter als ihre Hörer_innen. Entsprechend getrieben und ruhelos wirkt das Album auf den ersten Blick. Auf Durchreise, wenn man so will. Dennoch bieten Lehnen mit jedem Song ein paar Zugangsmöglichkeiten zu ihren Songs.

Wer diese nutzt, lässt sich dann auch gerne mitnehmen. Vom anfänglichen Immer fremd, das sich als Intro geriert und zur Halbzeit die Metamorphose zum schweren, entfernt an Deftones erinnernden Stampfer vollzieht – glasklarer Gesang inklusive.  Glasklar ist auch ein passende Beschreibung für Horsetooth, das von Anfang an in hellen Farben malt. Und spätestens zum Finale jegliche Zurückhaltung fahren lässt und gänzlich ungeniert jubiliert. Ein Song, geschaffen um Schönheitspreise zu gewinnen. Selten wurden die Worte „I cannot stay“ optimistischer und anmutiger ausgesprochen.

Demgegenüber steht die Instrumentalfraktion, die ihren Ideen doch ganze gerne einen viel weniger optimistischen Anstrich verpasst. Und so dafür sorgt, dass Reaching Over Ice And Waves meist eher grimmig wirkt, wenn Postrock im klassischen Sinne geboten wird. Was Stücke wie das fies verzerrte Nightdrive, Mile High nicht weniger überzeugend werden lässt. Im Gegenteil, die weitläufigen Ambient-Strukturen von Isolation nimmt man dankend auf, ob als Atempause oder Projektionsfläche. Schließlich zeigt die Band hier, wie so ein Spannungsbogen auszusehen hat. Und das ganz ohne ins Laut-und-Leise-Postrock-Allerlei abzurutschen. So wird am Ende auch eine durchaus runde Sache aus diesem Album. Und spätestens mit dem formidablen TCK sind auch die paar Längen geschenkt, die sich zwischendurch mal kurz einzuschleichen drohen. Gute Reise.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Horsetooth, Isolation, TCK

(Martin Smeets)

Lehnen – Reaching Over Ice And Waves | Noise Appeal/Cargo | VÖ: 28.05.2015 | Vinyl

Yachten – Zweite Luft

Yachten - Zweite Luft

Alle Jahre wieder

Eigentlich sind Yachten ja schon viel zu spät dran, haben doch in den letzten Jahren schon so viele Bands so viele beeindruckende Alben veröffentlicht. Die Liste kann zwischen Captain PlanetKazimir und Turbostaat nur so mit Namen um sich werfen und mit einer geradezu unübersichtlichen Länge protzen. In den Club der Guten aufgenommen zu werden? Wird so mit jedem neuen Release schwieriger. Die Hamburger probieren trotzdem genau das. Und es wird wohl niemanden überraschen: Sie scheitern nicht. Im Gegenteil.

Wenn Berg langsam herantrippelt und mit den ersten Akkorden die angenehm schroff gehaltene Produktion vorstellt bekommt man eine leise Ahnung davon, wenn Vom Laufen nach einer guten halben Stunde die letzte Töne röchelt, ist es allerspätestens klar: Zweite Luft etabliert Yachten nicht nur spielerisch zwischen den genannten und bekannten Namen, es unterstreicht auch eindrücklich, dass diese Band nicht gekommen ist, um nur mitzulaufen. Natürlich leugnen die neun Songs dabei keinesfalls, dass sie auch schon mal einen Song von Captain Planet gehört und geliebt haben, natürlich kennt man diese Vermengung von Post-Punk und emotionaler Schlagseite nicht erst seit fünf Minuten. Und doch hört man nicht jeden Tag derlei intensiven Spoken-Word-Nichtgesang, der sich durch grobschlächtig gehaltene Soundkanten mäandert und von Zeit zu Zeit zu entfesseltem Geschrei mutiert. Wie er exemplarisch in Tichy Valletta geboten wird, einer gewitzten Post-Punk-Nummer aus dem Lehrbuch. Der man zwischen all dem Kratzen und Poltern erst mal beikommen muss.

Wirklich besonders wird dieses Album aber vor allem dann, wenn es das Lehrbuch zur Seite legt. Wenn das bereits erwähnte Vom Laufen als zackiger Punkrocker vorstellig wird, sich aber nach weniger als 90 Sekunden anders entscheidet und sich lieber zum Monstrum aus Punk und Postrock mit über sieben Minuten Spielzeit verwandelt. Voller spannender Brüche, ohne das geringste Anzeichen von Längen. Bemerkenswert. Ein Prädikat, das im Rahmen dieses Albums öfter mal gezückt wird. Wenn Eine Frau verreist seine Akkordfolgen durcheinander purzeln lässt und langsam, aber bestimmt immer mehr an Eindringlichkeit gewinnt. Oder wenn Atlas mal ein wenig Ruhe in dieses stete Aufbrausen bringt und trotzdem richtig laut wird.

Und was man zunächst nur erahnt hat, lässt sich schließlich kaum mehr von der Hand weisen: Zweite Luft ist ein nachhaltig beeindruckendes Album. Das die ohnehin schon lange Liste großartiger deutschsprachiger Post-Punk-Bands um einen Namen länger macht. Schon wieder. Passiert ja jedes Jahr inzwischen mindestens ein Mal. Zum Glück.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Atlas, Souterrain, Eine Frau verreist, Vom Laufen

(Martin Smeets)

Yachten – Zweite Luft | My Favourite Chords/Broken Silence | VÖ: 29.05.2015 | LP/Digital

Ibrahim Lässing – Kaugummiautomat

Ibrahim Lässing - Kaugummiautomat_cover

Genug geschimpft

Man muss sich eine ganze Menge einfallen lassen, um als so-called Nachwuchskünstler die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gerade wenn man aus Regensburg kommt, dieser komischen Stadt, die seit Jahren alles dafür zu tun scheint, um abseits musealer Langeweile zum kulturellen Wasteland zu verkommen. Ibrahim Lässing ist das alles völlig egal. Zum Glück. Ohne diese Haltung wäre diese Sternstunde des juvenilen Punkrocks auch völlig unmöglich. Zwischen WIZO und Weezer würden sich die Stücke auf Kaugummiautomat nach eigener Aussage bewegen. Was natürlich Käse ist, auch wenn die ein oder andere Idee in Sachen Melodie recht ungeniert bei Rivers Cuomo entliehen wurde. Man höre nur Ich will nicht mehr schimpfen müssen, Baby.

Und obwohl man zugeben muss, dass diese spaßige Mir-doch-egal-Attitüde vielleicht nicht unbedingt für eine lange Halbwertszeit garantiert: Dieses Album macht unverschämt viel Spaß. In den richtigen Momenten, wohlverstanden. Der erste heiße Tag im Jahr nötigt nicht nur Thees Uhlmann 9 von 10 Punkten ab, sondern hat auch sonst das Zeug zu einem Instant-Hit. Der auch zu Beginn des nächsten Sommers wieder hervorgekramt werden wird. Jede Wette. Und wenn Kleiner Gatsby zu Beginn mit den Worten „Sportstudenten saufen und brüllen“ präzise ein viel zu oft bedientes Klischee formuliert und auch das restliche Material mit Ausnahme des arg stumpfen Studentenmädchen nicht wirklich abfällt, darf man sich durchaus freuen. Auf das, was noch kommen mag, von Ibrahim Lässing. Schimpfen kann man anderweitig ja noch genug.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Der erste heiße Tag im Jahr, Badweiher, Ich will nicht mehr so viel schimpfen müssen, Baby

(Martin Smeets)

Ibrahim Lässing – Kaugummiautomat | Fett Music/Initiative Musik | VÖ: 08.05.2015 | CD/Digital

Broadside – Old Bones

Broadside - Old Bones

Bridge Builder

Eines muss man ja den Thrices und Taking Back Sundays und sogar den The Useds dieser Welt schon irgendwie vorhalten: Sie haben es für alle nachfolgenden Bands vermasselt. ‚Es‘, das ist an dieser Stelle einfach eine spezielle Form der Soundästhetik. Die durch die Röhren gejagten Powerchords, die doch stets darauf bedacht sind, nicht zu harsch zu klingen. Die jubilierenden Gitarrenläufe, die einen großen Kübel Melodie über das ohnehin leicht nachvollziehbare Grundkonstrukt kippen. Der mehrstimmige Gesang, der ins Chaotische abdriftet, wenn es unbedingt sein muss, aber ansonsten immer blitzsauber des Weges kommt. Und sich dann und wann sogar auf ein bisschen call-and-response einlässt. Ach ja, und natürlich als besonderes Gimmick noch ein paar leidlich innovative Elemente: Hier ein Klavier, da dezente Elektronika, man kennt das Spielchen ja.

Warum die oben willkürlich herausgegriffenen Bands die Chose also nun vermasselt haben? Weil Broadside inzwischen die 17292. Band ist, die genau diese Trademarks aufgreift und zu ihren eigenen macht. Nachlassverwaltung des ollen Emo, the sky is the limit! Also rauf auf den eingestaubten Stapel mediokrer Emo-Kapellen mit Broadside? Mitnichten. Dieses Quintett hier nämlich spielt zwar mit längst bekannten Zutaten, verquirlt das Ganze aber doch auf eine Art und Weise, die interessante Ergebnisse zu Tage fördert. Zum Beispiel, das die Vermengung von Jimmy Eat World und den oben erwähnten Bands durchaus möglich ist, obwohl stilistisch eigentlich Welten dazwischen liegen. Trotz gleicher Genrebezeichnung, wohlverstanden. Was ein paar Jährchen ausmachen können. Erstaunlich.

Erstaunlich ist auch, was Old Bones aus seinen eigentlich miserablen Rahmenbedingungen macht. Trotz Emo-Rucksack und fürchterlich steriler Produktion reihen Broadside einen gelungen Song um den anderen aneinander. Und ab und zu gelingt ihnen von dieser mehr als soliden Basis aus gar ein Sprung in die Sphären des Bemerkenswerten. Dann schlägt Come & Go leidenschaftlich seine Haken über freie Felder, schmeißt ungezügelt mit Melodie um sich und holt den Sommer noch in die finstersten Räume. Überhaupt laufen Broadside zur Halbzeit zu Höchstform auf. Da gelingt in Coffee Talk sogar pointiertes Gegniedel. Nur die Ballade – hier unter dem Titel A Light In The Dark – hätte man sich sparen können, ach was, müssen. Da zeigt sich nämlich, warum das Wort ‚Emo‘ im Jahre 2015 eigentlich allenthalben Fluchtreflexe auslöst.

Ansonsten aber gelingt der Band fast alles. Das meint: Old Bones ist ein gutes Genrealbum. Das seine Hörer_innen sogar ein wenig mit dem Mist versöhnt, der in den letzten Jahren veröffentlich wurde. Und gemeinsam mit dem jüngsten Output von The Satellite Year lange abgerissene Brücken neue aufbaut.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: Come & Go, Coffee Talk

(Martin Smeets)

Broadside – Old Bones | Victory | VÖ: 19.05.2015 | CD/LP/Digital

Pfingst Open Air 2015

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Pfingsten steht wieder vor der Tür und in Ostbayern nicht nur im Zeichen der Ausgießung des Heiligen Geistes, sondern vor allem des Pfingst Open Airs. 100 Bands und Acts kommen in Salching zusammen, um 3 Tage auf 7 Bühnen an die 10.000 Menschen für insgesamt 67 Euro (3-Tages-Ticket) zu bespaßen. So viel zu den Zahlen. Eigentlich geht es aber gar nicht so sehr um Zahlen.

Vor einem Jahr haben wir geschrieben: „Provinzialität, Landluft und (nieder-)bayerische Folkore [sind seit Bestehen] Kernbestandteil des trotz Wachstum (zum Glück) immer noch überschaubaren und familiären Festivals. Da gibt’s zum Schafkopfturnier noch Irlbäcker Bier, Wasserbombenschlachten zwischen Bierstand und Cocktailbar und allerlei andere Albernheiten, die man eben nur beim POA findet.“

Das trifft ohne Einschränkung immer noch zu. Das POA entwickelt sich weiter, bleibt aber zugleich das was es ist. Ein mittelgroßes und entspanntes Festival, das sich mithilfe vielen ehrenamtlichen Helfer_innen dem ganz großen Kommerz entzieht, dabei aber durchaus namhafte Musik aus allen möglichen Genres an Land zieht. In diesem Jahr sind u.a. am Start: Genetikk, Jennifer Rostock, Moop Mama, Annenmaykantereit, Wanda, Antilopen Gang, Neonschwarz, The Prosecution.

Für Punk- und Hardcoreohren gibt es auch diesmal eine eigene Bühne (Skatetopia) auf der sich die vokallosen KMPFSPRT und GWLT, aber auch John Coffey, SickSickSick oder Hysterese tummeln werden.

Ein Besuch dürfte sich auch im Jahr 2015 lohnen, zumal die bisherigen Wetteraussichten gar nicht so schlecht sind.

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(mo)

Kurzformat #8

Powernap – Oreosmith

Als hätte man nach dem dümmlichsten Namen gesucht wirkt das hier. Die Band heißt Powernap, die EP Oreosmith. Faulenzen und den Naschfuchs geben ist aber nicht drin mit diesen sechs Stücken. Dafür ist der an Leatherface geschulte Punkrock des Fünfers viel zu anregend. Dass alle beteiligten schon zuvor in anderen (noch nerdigeren?) Bands aktiv waren, hört man der Chose jederzeit an. Oreosmith klingt souverän, ohne allzu abgeklärt zu wirken. Und macht neugierig auf mehr. [Asian Man / Klownhouse | VÖ: 17.04.2015] – (ms)

Kalamahara – The Unmeant Wedding

 Auch mit einem interessanten Namen ausgestattet sind Kalamahara. Wobei hier die Namensgebung doch irgendwie wesentlich passender erscheint. Schließlich verstecken sich auf dieser EP Songs, die mit dem Delorean direkt aus den 70ern angereist sind. Mit einer staubtrockenen Produktion, mit Riffs und verschrobenen Ideen, auf die viele andere neidisch wären. Und schlichtweg mit einer ganzen Menge Qualität, ist doch alleine der Opener Animuse eine kleine Sensation. [Sportklub Rotter Damm / Fuzzmatazz | VÖ: 15.05.2015] – (ms)

Mumrunner – Full Blossom

Nun, so wirklich revolutionär ist es zwar dank Bands wie Malory nicht mehr, Spaß macht die Vermengung von Shoegaze, verträumten Pop und ein wenig Alternative aber dennoch eine ganze Menge. Zumindest, wenn sie so betrieben wird, wie von diesem Vierer aus Finnland. Großflächige Soundscapes, perlende Melancholiegitarren und eine Menge Hitpotential. Und doch genügend Kanten, um nicht unbemerkt im Gebrüll des VICE-Kosmos unterzugehen.[Soliti / Wolves & Vibrancy | VÖ: 15.05.2015]- (ms)

Wolf Down – Liberation

Weit, ganz weit entfernt von irgendeinem Hipster-Kosmos sind Wolf Down unterwegs. Kompromisslos ist so ein Wort, das so ziemlich immer fällt, wenn es um diese Band geht. Und es ist ja auch absolut zutreffend. Ihr Hardcore geht ohne große Umschweife genau dahin, wo es gewaltig weh tut, ihre Texte sprechen in entwaffnender Offenheit aus, was sie ankotzt. Und nachdem man sich an die neue Stimme gewöhnt hat, zieht man auch vor dieser EP den Hut. So muss Konsequenz klingen. [End Hits / Cargo | VÖ: 22.05.2015] – (ms)

Manel Rodriguez – Manel Rodriguez

Promotexte sollten ja eigentlich dringend gesammelt werden. Dieser Wust aus blumigen Formulierungen und semiwichtigen Informationen wirft teilweise wahrhaft prachtvolle Satzungeheuer ab. Im Falle von Manel Rodriguez beschränkt sich das auf ein paar Wörter. Die auch noch treffsicher sind. Weil die vier Songs zwar ohnehin für sich sprechen, aber eben tatsächlich ein wenig nach Lana Del Rey und Bob Dylan klingen. Und weil wir uns an dieser Stelle nicht selber mit blumigen Formulierungen auf die Nase legen wollen, gibt es nur ein Wort: Toll! [DIY | VÖ: 30.04.2015] – (ms)  

Victorian Halls – Hyperalgesia

Victorian Halls - Hyperalgesia

The Artist In The Ambulance

Es gibt bestimmt viele, die das nicht besonders gerne zugeben werden, aber man hat Victory Records doch so einiges zu verdanken. Boysetsfire haben dort After The Eulogy veröffentlicht, bis heute ein Meilenstein, an dem sich alle artverwandten Bands noch „auf Jahre hinweg“ – um es mit den Worten von Franz Beckenbauer zu sagen – die Zähne ausbeißen werden. Comeback Kid waren dort auch schon, genau wie Bad Brains und gefühlt sowieso jede Band im Emo-Wahnsinn kurz nach der Jahrtausendwende. Und doch rümpft man genüsslich die Nase, sieht man im Rahmen einer Albumveröffentlichung irgendwo das unsagbar hässliche Logo des Labels. Weil alle, die jemals in den Victory-Hafen einliefen auch so schnell wie möglich wieder davon weg wollten. Thursday zum Beispiel.

Spätfolge von all dem Bohei: Wo früher mal ein Label für Qualität in Sachen Hardcore und Metal stand, steht heute Verwirrtheit in Übergröße, wird fernab von jeder Profilschärfe alles mögliche veröffentlicht. Sogar Hyperalgesia, das zweite Album von Victorian Halls. Ein Album das in elf Songs die Misere auf den Punkt bringt, an der ein ganzes Subgenre seit langem leidet. Was nämlich Tacking Back SundayThursday und Thrice irgendwann einmal liegen gelassen haben, traut sich bis heute niemand so wirklich aufzuheben. Nur in Versatzstücken blitzt die Tradition auf, in der man steht. Im Opener All My Friends zum Beispiel, der nur ein paar verwaschene Gitarrenakkorde und die Worte „All my friends died / All our friends die at the right time“ braucht, um einen intensiven Parforceritt vorzubereiten. Der dann ausfällt, einfach so. Weil die Band überhaupt nicht weiß, wohin sie mit ihren Songs eigentlich will. Emo? Pop? Oder gleich irgendein Dance-Geschwurbel? Man weiß es nicht.

Man weiß nur, das ein Stück wie Home im Würgegriff von Dosenbeat und schockerstarrter Unentschlossenheit jämmerlich krepieren muss. Da hilft auch eine eigentlich gute Idee nichts mehr. Zerlegt man diesen Song findet man bis zu putzigen Glöckchen alles, nur keine Sinnhaftigkeit im Zusammenspiel. Gleiches gilt für Tonight Only The Dead, nur in verschärfter Variation. Wo bislang nämlich nur diffuse Langeweile stand, ergeht sich dieser Song im Versuch, sich als möglichst nervige Kopie des jüngsten, ohnehin schon lächerlich nervigen Fall Out Boy-Outputs. Puh, Tell bloß nicht All Your Friends! Dabei läge selbst in diesem bisweilen abstrusen Stilmix durchaus Potential. Wie Dissolution wundervoll aufzeigt, wenn es plötzlich die Fortsetzung von MuseStarlight-Keyboards auspackt und sich selbst im Refrain doch schwungvoll zersägt. Das macht dann nicht nur irgendwie Spass, das ist sogar richtig großartig (und Muse haben seit Starlight keinen so guten Song mehr geschrieben, aber das ist ein anderes Thema). Auch Sun gewinnt kurz vor Schluss zwar keine Preise, gefällt aber mit klarer Idee und leicht versponnener Ausführung.

Ganz am Ende ist es dann richtig schade, das zwischen den gelungenen Momenten dieses Albums so viel heillos verworrenes Durcheinander geboten wird. Hyperalgesia ist immer dann am besten, wenn es sich auf eine überschaubare Anzahl von Ideen beschränkt und um den Kram von Most Firearms Are More Adequate In Killing An Undead Brain einen großen Bogen macht. Die meiste Zeit verbringt die Platte aber ohnehin zwischen diesen Extremen. Und auf allen Ebenen – Genre, Label, Band – bleibt die Frage: Wo soll es bitteschön hingehen? Victorian Halls wissen das sicherlich nicht.

Wertung: 4/10

Anspieltipps: Dissolution, Sun

(Martin Smeets)

Victorian Halls – Hyperalgesia | Victory | VÖ: 19.05.2015 | CD/LP/Digital

Desmond Myers + Ibrahim Lässing | 08.05.15 | W1 (Regensburg)

Desmond Myers

Desmond Myers

Musikalisch passte das auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen: Ibrahim Lässing und Desmond Myers. Dort ranziger Provinz-Rock mit Deutschpunkattitüde, hier metropolitaner Hip-Hop-Folk. Konnte man hierüber anfänglich skeptisch sein, zerschlug sich diese Skepsis recht schnell, denn das Konzert war trotz dieses Stilbruchs – ganz ohne Umschweife – ziemlich gut.

Da passt sogar gut ins Bild, dass es bei Ibrahim Lässing gelegentliche Soundprobleme, falsche Einsätze und verstimmte Instrumente gibt. Wer Perfektion will, sollte besser woanders suchen. Wer wiederum Sympathien für spaßiges Geschrammel hat, ist bei Lässing goldrichtig. Das Songwriting ist übrigens vortrefflich, Worte und die Bilder meist originell, der Humor wagt sich allerdings nur selten aus der Pubertät und ist stellenweise furchtbar nah an Joachim Deutschland (kennt den Vogel überhaupt noch jemand?). „Sie war wieder nicht auf meiner Party / Nur Behinderte auf meiner Party“ (Kleiner Gatsby). Saudumm. Lässing, der an eben diesem 08.05. das 7-Song-Album Kaugummiautomat veröffentlicht, ist ein gewiefter Entertainer, der mit Sprache umzugehen und geschickt von den peinlichen Momenten in seinen Songs abzulenken weiß.  Ja, nach ein paar Bier kann man das ziemlich gut finden.

Der Weltenbummler und Singer/Songwriter Desmond Myers, derzeit in Paris zuhause, bringt eine ganz eigene musikalische Mischung auf die W1-Bühne. Man müsste es eigentlich Crossover nennen, müsste man beim Lesen dieses Wortes nicht schon schmerzverzerrt die Zähne zusammenbeißen. Hip Hop wechselt sich ab mit Chansons, Folk mit Blues, Pop mit Rock. Singer/Songwriter ist für diese ungewöhnliche und gleichermaßen beeindruckende Mélange ein viel zu dünner Begriff. Myers, unterstützt von Bass und Schlagzeug, schickt seine Akustische durch so ziemlich alle Genres und Stile dieser Welt und reißt dabei auf ungemein talentierte Weise alle möglichen Grenzen ein. Er spricht deutsch, singt englisch, gelegentlich französisch. Er rapt, singt, fuchtelt, tanzt, kämpft, schwitzt und bewahrt sich dabei stets eine unnachahmliche Eleganz. Großartig.

Und die anfängliche Skepsis bezüglich Line-Up? Die bleibt anfänglich.

(Martin Oswald)

Tocotronic – Tocotronic (Das Rote Album)

Tocotronic - Das Rote AlbumGewöhnlich ungewöhnlich

Tocotronic sind ein ungewöhnliches Phänomen in der hiesigen Musiklandschaft. Von vielen verehrt, von anderen als belanglos und langweilig betrachtet, von wiederum anderen mit großer Antipathie bedacht. Nun, das wäre das an sich noch gar nicht so ungewöhnlich, schließlich verläuft die Skala der Zu- und Abneigung andernorts analog. Dennoch besteht in vielen Fragen ein ungewöhnlicher Konsens zwischen Wertschätzung und Verachtung. Tocotronic gelten hier wie dort als kopflastig, verschroben, lyrisch aufgeblasen, musikalisch unentschlossen, privat verschlossen, in der Öffentlichkeit großen Gesten zugeneigt, popkulturell versiert und – das ist vielleicht die größte Übereinstimmung – ein eigener Mythos. Tocotronic – eine Marke, ein Genre für sich. Doch wie viel davon ist Schein und wie viel Sein? Was liefern Tocotronic denn eigentlich ab, wenn sie nach über 20 Jahren und 10 Studioalben ein weiteres, selbstbetiteltes und komplett in rot gehülltes Album ausgerechnet am 1. Mai auf den Markt bringen? Was soll das?

Eine Band ist auch immer eine Projektion all der Zuschreibungen, mit denen sie belegt wird, deren entsprechende Bestätigung von ihr erwartet und stets auch bewertet, geliebt oder gehasst wird. Vielleicht sollten deshalb erst einmal ein paar Fragen gestellt werden. Nehmen wir exemplarisch die Kopflastigkeit bzw. Intellektualität. Seit jeher haftet dieses Label an Tocotronic, kein Bericht kommt ohne den Verweis darauf und den „Diskurscharakter“ der Band aus. So weit, so bekannt. Interessant wird es, wenn man diese Zuschreibung in Verhältnis zu den gewöhnlichen Erwartungen an Musiker_innen, die sich im Bereich der (deutschsprachigen) Pop/Rock-Musik bewegen, setzt. Werden Tocotronic etwa deshalb als derart intellektuell gesehen, weil sie eben nicht so strunzdumm sind wie viele andere im Popbusiness? Weil sie sich zu Politik und Gesellschaft ebenso äußern können wie zu Pop, Kunst oder Literatur, ohne, dass man vor Fremdscham im Boden versinken möchte? Weil sie nicht aus jeder politischen Betätigung ein gigantisches Event machen? Gelten sie etwa deshalb als so verschroben, weil sie ihren Köpfe nicht reflexartig in jede RTL-Kamera halten und sich trotz deutschen Texten nicht in die Deutschtümelei hiesiger Marketingstrategien einspannen lassen? Offenbar bereitet es reichlich Unbehagen, wenn eine Band zugleich kommerziell erfolgreich und künstlerisch nicht beliebig ist und dazu noch eine unverkennbar reflektierte Haltung hat. Ungewöhnlich scheint das zumindest zu sein.

Die poppigsten Tocotronic aller Zeiten wagen sich nun also mit dem Roten Album auf den Pfad der Liebe, der so ausgelatscht ist wie kein anderer. Kein Thema wurde öfter besungen und hat so viel Peinlichkeiten hervorgebracht wie die Liebe. Das ist für Tocotronic natürlich noch lange kein Grund nicht eben ein Paket mit 13 Songs zu eben diesem Thema zu schnüren. Es ist vielleicht sogar Motivation und Herausforderung. Ein Wagnis ist es allemal. Letzteres zeigt sich bereits bei Prolog, dem ersten Song, der nicht nur vorbereitend Soundschema, Atmosphäre und eben Thematik („Liebe wird das Ereignis sein“) des gesamten Album definiert, sondern auch nicht wirklich zünden will. Zu eintönig und zerfahren, ja letztlich: viel zu langweilig. Doch ist das zum Glück kein Omen. Hinter diesen Song fallen Tocotronic nicht zurück und schließen gar im Nachgang die stärkste Albumphase an. Die hymnische, in Gitarrenflackern gehüllte Ballade Ich Öffne Mich, das wunderbare Die Erwachsenen mit dem ebenso wunderbaren Verweigerungsslogan „Wir sind Babys“ und das pointiert refrainlastige Rebel Boy.

Das Rote Album entwickelt sich doch differenzierter und vielseitiger als das wirklich überflüssige Prolog vermuten ließe. Der Popduktus ist Trumpf, gar keine Frage, aber diesseits dieser Grenzen werden die Winkel behutsam und doch entschlossen ausgeleuchtet. Beispielsweise mit zarten Streichermelodien bei Solidarität oder Haft, das überdies samt seinen The-Smiths-Anleihen so kitschig wie vortrefflich Klischeeromantik und Liebeskitsch persifliert. Oder mit gnadenlosem Hitpotential wie bei Zucker: „Du bist aus Zucker, du bist zart / Du schmilzt dahin, du wirst nicht hart / Darling, Candy Parzival / trinkst Cherry Cola aus dem Gral / mit spitzen Fingern – Nagellack / Du bist ganz sicher too crunk to fuck“. Herrlich. Zucker markiert jedoch auch schon den Höhepunkt des Albums. Die Jungfernfahrt schickt den Pfad der Liebe nämlich rasant den Abhang hinunter. Außer einem Schmunzeln über das Eigendate von Dirk von Lowtzow passiert hinten raus nicht mehr viel.

Tocotronic haben, wie gewöhnlich, eine ungewöhnliche Platte aufgenommen, die, wie gewöhnlich, nicht ohne Schwachstellen auskommt. Dafür weiß es überwiegend, in einigen Momenten sogar außerordentlich zu überzeugen und fügt dem Gesamtbild dieser Band ein weiteres, bemerkenswerteres Puzzleteil hinzu.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Ich Öffne Mich, Die Erwachsenen, Zucker

(Martin Oswald)

Tocotronic – Tocotronic (Das Rote Album) | Vertigo Berlin/Universal | VÖ: 01.05.15 | CD/LP/digital