The Hirsch Effekt – Holon : Agnosie

The Hirsch Effekt - Holon:Agnosie // Bild: thehirscheffekt.bandcamp.com

Next-Level-Aufs-Maul

Gab es bislang nie, gibt es nicht und wird es auch nie geben: Eine Band, die man vorzüglicher zum Feindbild stilisieren kann als The Hirsch Effekt, diese Post-Everything-Streber aus der Stadt der Standardsprache. Diese ekelhaft versierten Typen, die einen dreifachen Rückwärtssalto samt Rittberger vom Verstärker machen könnten, ohne dass nur eine einzige Note verrutscht und dann auch noch die Frechheit besitzen, ihrem jüngsten Album einen altgriechischen – Alter, ey! – Titel zu verpassen. Jede Faser der Körper in der holzvertäfelten, immer noch verrauchten Kneipe in – sagen wir mal – Niedermenach will sich da doch mit Nachdruck aufstellen und dem Trio mal ordentlich die völlig unreflektierte und genau deshalb umso wichtigere Meinung geigen.

All diejenigen, für die Musik schon auch gerne mal komplexer als ein Butterbrot sein darf, freuen sich hingegen diebisch auf Holon : Agnosie, den Abschluss der Holon-Trilogie. Und stellen schon nach wenigen Metern erschrocken fest: The Hirsch Effekt haben das Orchester rausgeworfen. Und damit gleichzeitig diese eigenartige Form von Pathos, die Stücke wie Agitation so ausgezeichnet hat. Und auch sonst sind die Klippen, aus denen Album Nummer drei gehauen wurde, wieder schrofferer Natur als noch zuletzt auf der bisweilen fast eingängigen Holon : Anamnesis. Was glücklicherweise noch lange nicht bedeutet, dass hier nur dumpf gebolzt wird. Im Gegenteil, Simurgh nimmt sich genüsslich eine halbe Minute Zeit, bevor es überhaupt den ersten Akkord ins Dunkel flirren lässt. Der dann auch gemeinsam mit den würdevollsten Bläsern, die die Hölle gerade entbehren konnte, die Spannung bis knapp vor die Schmerzgrenze anschwellen lässt. Im Hintergrund deuten fieseste Shouts den folgenden Wahnsinn schon an und doch bleibt der Song auch in seinen lautesten Sekunden an der Kette.

Und auch wenn Jayus die Schraube noch mal merklich fester dreht: Sobald The Hirsch Effekt ernst machen und mal so richtig kompromisslos losmetern, ist man doch trotz bester Vorbereitung völlig überwältigt. Allein die Präzision, mit der man hier aufs Maul bekommt verdient höchste Bewunderung. Von der Tatsache, dass Holon : Agnosie selbst in seinen vordergründig konfusesten Momenten noch immer von einer deutlich wahrnehmbaren Struktur zusammen gehalten wird, ganz zu schweigen. Man höre nur Agnosie, das nach entfesselten Growls aus dem Nichts plötzlich eine kristallklare Melodie raushaut, ein paar Haken schlägt und schließlich wieder von dannen zieht. Um Platz zu machen, für Bezoar, das ausprobieren darf, wie viel Grindcore der Sound dieser Band verträgt, bevor es im angejazzten freien Fall in eine Spoken-Word-Passage geht: „Tja der Mensch, wir sind schon unser größter Feind. Aber mal ganz ehrlich: Sind wir nicht auch unser größter Fan? Und haben wir nicht schon so viel zusammen erlebt? Und sollten wir jetzt, da es ohnehin zu Ende geht, tatsächlich noch irgendwas ändern?“ Fragt Sänger Nils Wittrock da pointiert und lässt seine Hörer_innen im Anschluss mit einer zynischen Feelgood-Gitarrenfigur und dem obligaten Gebretter allein.

Und dann ist es plötzlich still, verziehen sich alle Ablenkungsmanöver. Tombeau tritt ins Freie und verhandelt das Thema Tod zu fragilen Klaviertönen in einer Intensität, die man so erst einmal ersinnen und vor allem aushalten muss. Ein Song, der bleischwer in der Magengrube liegen bleibt, der verdaut werden will. Als Verschnaufpause gibt sich dann dementsprechend das schrammelige Akustikintermezzo [Defeatist], bevor Fixum dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet. Und dann doch wieder eine geradezu kathartische Melodieführung präsentiert.

Melodie ist ohnehin ein Stichwort, das Holon : Agnosie umtreibt, bietet es doch trotz der harten Gangart immer wieder Anhalts- und Fixpunkte, an denen man sich auch in rauester See durch die Platte hangeln kann. Gerne auch mal in Form eines kompletten Songs, wie mit dem furiosen Athesie geschehen, das im Bandkontext locker als Popsong durchgehen dürfte. Auch das abschließende Cotard geizt nicht mit versöhnlichen Momenten, beschließt das Album dann aber doch mit – wie passend – dem Gefühl völliger Ungewissheit. Holon : Agnosie stellt dar, was zu erwarten war: Einen mehr als würdigen Abschluss dieser im besten Sinne völlig übergeschnappten Trilogie. Das man dabei auf Leuttürme wie Ligaphob oder Mara verzichten muss, nimmt man ob des wunderbar intensiven Gesamtbildes gerne in Kauf. Darauf ein Butterbrot!

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Bezoar, Tombeau, Athesie, Cotard

(Martin Smeets)

The Hirsch Effekt – Holon : Agnosie | Long Branch/SPV | VÖ: 24.04.2015 | CD/LP/Digital

Red Apollo – Altruist

Red Apollo - AltruistZu lang, um zu gut zu sein

Eigentlich reicht ein Blick auf’s Cover, um zu wissen, dass hier ein wahrer Knochen von einem Album vor einem liegt. Eine feenähnliche Frauenfigur wird in einem Waldstück scheinbar von drei Raben (oder Krähen – soweit ist es mit den ornithologischen Kenntnissen nun auch nicht her) attackiert. Vielleicht aber auch nicht. Das Scheinbare ist es, das in diesem unbestimmten Augenblick von der Fotografie eingefangen wird. Das Licht bricht sich in der staubigen Linse, die gräulich-grüne Farbgebung ist blass und schimmrig. All dies ist rätselhaft, gibt dadurch aber bereits Gewissheit über die Musik. Noch bevor man überhaupt einen Ton gehört hat, ist man beim Anblick des Artworks umfänglich informiert: Das hier wird wuchtig, dunkel, tiefgründig, unbarmherzig. Metal, Sludge, Drone, Hardcore. Mit ganz viel „Post-Präfixen“, versteht sich.

Altruist heißt Red Apollos zweite Langspielplatte, die genau das auch im wörtlichen Sinne ist. Fast eine Stunde schicken sie die vier Dortmunder auf die Reise. Der instrumentale Opener Prurience, zugleich kürzester Song, schleppt sich langsam und träge empor, um sich brachial in Lovegazers zu entladen. Ein gewaltiges Biest, das immer wieder in das raumgreifend-kehlige Shouting und die Blast-Beat-getriebenen, massig verzerrten Riffs auch kleine, zärtliche Akzente, zu setzen weiß. Ein Ride-Becken hier, eine kleine und klare Gitarrenmelodie da. Genau dies ist auch ingesamt das Rezept Red Apollos: Tonnenschwere, erdrückende Songs wie sie einst etwa ISIS zu schmieden wussten, mit gelegentlichen Pausen, ja geradezu entrückten Passagen, zu kombinieren. Meist wird diese klangliche Ambivalenz innerhalb der Songs durchzelebriert, nur Our Lucid Dreams vertraut gänzlich auf Letzteres.

Altruist zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass die Band weiß, was sie tut. Diese banale Einsicht ist allerdings nicht bloß als Lob aufzufassen, denn – und das ist auch wirklich das größte Manko – das Album dadurch zu lang, länger als nötig,  geraten ist. Das routiniert beherrschte Rezept Brachialität mit luftig-sanften Momenten zu mischen, verkocht nach einer Weile und wird, trotz guter Songs, gegen Ende hin immer zäher. Zu abgenutzt und repetitiv wirken die einzelnen Songelemente mit zunehmender Spielzeit des Gesamtwerks. In seinen besten Momenten ist Altruist ein wirklich hervorragendes Album, so z. B. im variantenreichen und stimmungsvollen Titeltrack oder dem nachfolgenden The Slaving Eyes. Mit einer etwas konzentrierteren und reduzierteren Songauswahl wäre es dies gewiss auch insgesamt.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Our Lucid Dreams, Altruist, The Slaving Eyes

(Martin Oswald)

Red Apollo – Altruist | Alerta Antifascista Records/Moment of Collapse | 27.03.15 | LP/CD/digital

Timeshares – Already Dead

Timeshares - Already Dead

American Slang

Auch wenn es bei näherer Betrachtung schon fast ein bisschen blöd klingt, man hört so mancher Band ihre Herkunft einfach an. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten. The Gaslight Anthem ohne den Klang nach tiefstem „Klischeeamerika“? Undenkbar. Ein Text über Hot Water Music ohne Verweis auf Gainesville, der Stadt schlechthin, wenn es um Punkrock der schrofferen Gangart geht? An der Grenze zur Unmöglichkeit. An Bruce Springsteen zu denken, ohne dass irgendwo im Kopf sein zutiefst zynisches Born In The USA durch die Synapsen hallt? Genau, geht nicht. Die nächsten Kandidaten, die Stars And Stripes in musikalische Form gießen: Timeshares. Aus New York.

Deren zweites Album Already Dead macht sich nun an die Aufgabe, eine ungefähre Synthese der oben genannten Bands auf die Kette zu bringen. Ein hehres Unterfangen, das eigentlich scheitern muss, ist man doch dieser ach so wahnsinnig authentischen Spielart des Punkrock im The-Boss-Nacheiferungsmodus inzwischen mindestens überdrüssig. Jede einzelne Note dieser Platte tönt nach nicht enden wollenden Landstraßen, nach ehrlicher Handarbeit, nach alten Karossen und noch älteren Autowerkstätten, nach dünnem Bier, selbstgebranntem Fusel und Marlboro-Man. Womit Already Dead eigentlich nicht recht viel mehr als ein wandelndes Klischee, ein blasses Abziehbildchen der viel zu großen Vorbilder wäre, das im Hause Panini nicht mal in Seriendruck gehen würde. Doch der Konjunktiv, in dem diese schüchterne Schimpftirade gehalten ist, verrät schon viel zu früh: Die Chose taugt trotzdem etwas. Ziemlich viel um genau zu sein.

Weil sich das Quartett einfach verflixt gut auf hochinfektiöse Melodien versteht. Und aus diesem Talent Songs wie The Bad Parts macht. Songs, die fernab aller Verkopftheit den direkten Weg – man verzeihe die unfassbar abgedroschene Ausdrucksweise – ins Herz suchen und dort lange verbleiben. Weil Spend The Night mit seiner mantra-artig wiederholten Zeile „Spend The Night With You“ keine Preise für intellektuelle Höchstleistungen abräumen wird, man den Song aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb noch lange nach dem ersten Kontakt mit sich herum trägt. Ein großes Glück, schaffen es Timeshares doch in ihren stärksten Momenten, das einzulösen, was das in ein Bad würdevollster Farben getauchte Eröffnungsstück State Line To The State Line verspricht: Songs, die Stimmungen trotz dunkelster Stunde ins Positive kippen können. Die ihre Hörer_innen in wohlig warme Watte packen, wenn es denn nötig ist und dennoch stets bereit sind, beherzt zuzulangen.

Deshalb ist es auch letzten Endes völlig unerheblich, ob dieses Album denn nun sonderlich innovativ ist. Solange beim Malen nach Zahlen nämlich ein kraftvolles (Corner Of) Park And Park, ein polterndes Tail Light (das übrigens frappierend an die Irish Handcuffs erinnert) oder eben die Hymne Naive entsteht, ist schließlich selbst – ob nun von Maggi oder aus den USA – die älteste Suppe noch spannend.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: State Line To State Line, The Bad Parts, Spend The Night, Naive

(Martin Smeets)

Timeshares – Already Dead | Side One Dummy/Cargo | VÖ: 01.05.2015 | CD/LP/Digital

ПРИЧАЛ – ОТГОЛОСКИ

ПРИЧАЛ – ОТГОЛОСКИ

Alles anders

Manchmal ist es wirklich verwunderlich, welch verbindendes Element der Musik und dem sie umgebenden Betrieb inne wohnt. Wenn man in einer Mischung aus Langeweile und bewusstem Müßiggang ein wenig bekannte und geschätzte Seiten querliest und schon weiß, dass einem ein Album gefallen wird, bevor man überhaupt erst eine Zeile gelesen hat. Weil man eben weiß, wann man einer Meinung mit einem Kollegen ist. Obwohl man den Namen der Band nicht einmal schreiben, geschweige denn aussprechen kann. Der Kollege hört in diesem Fall auf den Namen Steff und schreibt für die geschätzten Nachbarn von Borderline Fuckup.

Ich habe Steff in meinem bisherigen Leben nie gesehen, wohne nicht ansatzweise in seiner Nähe, teile mir nicht die gleiche Altersgruppe und kenne dank seiner assoziativen Schreibweise doch ein paar witzige Details über ihn. Weil ich nach dem Lesen der ersten 380 Worte seines Textes zu ПРИЧАЛ weiß, dass er Kinder hat, Vinyl genauso geil findet wie ich und sein Postbote raucht und an Charles Bukowski erinnert. Aber noch absolut nichts über die Musik erfahren habe. Und trotzdem bin ich schon zu deisem Zeitpunkt sicher, dass ОТГОЛОСКИ eine fulminante Platte ist. Einfach so, weil der Steff das gut findet.

Und weil die ganze Chose nach ein paar Hördurchgängen fernab von Bukowski und rauchenden Postboten tatsächlich mit dem Wort fulminant ziemlich gut getroffen ist. Steff und das Presseinfo sagen „Eine Platte zum Hinsetzen…und zum Entdecken.“ Und liegen natürlich völlig richtig. Eine wundervolle Mischung ist das, aus der Ruhe des Postrock, einer aufgekratzten Melancholie und chaotischen Momenten mit der Bezeichnung „Core“ am Ende. Die man so nicht auf dem Schirm hatte. Aber dafür sind ja die Kolleg_innen auch irgendwie da. Deshalb lasse ich zur Abwechslung gerne einen davon zu Wort kommen: „Wenn ihr auf Screamo-Bands wie z.B. Daitro, Amanda Woodward, Instil, Vi Som Älskade oder We Never Learned To Live steht und auch dem Jahrtausendwenden-Posthardcore von Bands wie z.B. Standstill oder Envy nicht abgeneigt seid, dann wäre Причал sicher die Entdeckung für euch. Diese tolle Platte müsst ihr unbedingt anchecken. Ich bin jedenfalls mehr als begeistert!“ 

Ich auch. Danke Steff.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Können wir eh nicht schreiben

(Martin Smeets)

ПРИЧАЛ – ОТГОЛОСКИ | Lifeisafunnything/Unlock Youself/Wintersea/Samegrey/Bookhouse | VÖ: 02.12.2014 | LP/Digital

Say Lou Lou – Lucid Dreaming

Say Lou Lou - Lucid Dreaming

Schulmädchen-Report

Das ist er also, der „rätselhafte Elektro-Pop-Meteorit“, der nach Meinung einer Promoagentur offensichtlich schon im Jahre 2012 die „Blogosphäre explodieren“ ließ. Aha. Nun, ein kurzer Blick durch die nähere Umgebung sagt: Explodiert ist hier in den letzten Jahren nichts und vermutlich wird es dabei auch auf absehbare Zeit  bleiben. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Say Lou Lou jetzt ihren ersten Langspieler präsentieren. Selbst wenn alle, die auch nur halbwegs etwas auf sich halten – also alle zwischen NME und Pitchfork – eine irgendwie ausgestaltete Meinung zu Lucid Dreaming haben dürften.

Schließlich geht dieses Debut auf Tuchfühlung zum Puls der Zeit und mischt die musikalischen Vorlieben von Haim und Hurts mit einem Habitus, der kaum deutlicher für die von Fettes Brot benannte „Generation Oversexed And Underfucked“ zugeschnitten sein könnte. Heißt: Vieles an diesem Album ist handwerklich mehr als solide gemacht. Die Mischung aus schummrigen Elektronika, verstohlenen Gitarrenfiguren und einem markigen Rhythmusfundament funktioniert bisweilen hervorragend. Wie das unwiderstehliche Julian und auch der Opener Everything We Touch problemlos beweisen. Und dennoch braucht es ein robust ausgekleidetes Nervenkostüm, um dieses Album über seine volle Spielzeit durchzustehen. Weil alles, aber wirklich auch alles an Lucid Dreaming irgendwie lasziv wirken muss. Das beginnt beim Albumcover, das auch aus irgendeiner softpornösen Nahaufnahme geschnitten sein könnte und endet beim irgendwann unerträglichen Gesang. Dieses Gesäusel mag ja hervorragend zum Albumtitel passen und auch sonst die traumwandlerische musikalische Sicherheit dieser Platte unterstreichen, nervt aber irgendwann derart, dass man sich rückwirkend ein besseres Koffeinversorgungssystem für die Zwillinge wünscht.

Dann kommen nämlich plötzlich Nummern wie Games For Girls und somit die nächste offizielle Hymne für durchtanzte Nächte und verschwitzte Leiber um die Ecke. Und man fragt sich – nicht zuletzt, weil auch die Single Nothing But A Heartbeat zeigt, dass die Beiden viel mehr können, als generische Pop-Nümmerchen mit Schlafzimmerblick – was hier drin gewesen wäre. Hätte man auf Wilder Than The Wind oder Angels (Above Me) einfach verzichtet und statt pompöser Schlaflieder im Ü-18-Gewand lieber mehr Songs im Stile des kraftvollen Glitter produziert. So aber sind Say Lou Lou nicht viel mehr als zwei Mädels für die Welt der Pophipster, die sich per – sorry – dämlicher Inszenierung als verruchte 70er-Tussis zu Produkten machen lassen und zufällig über ein paar gute Songs gestolpert sind. Das passt vielleicht ins Samstag-Nacht-Programm von Vox. Ist aber ansonsten leider eher ungeil.

Wertung: 5/10

Anspieltipps: Julian, Nothing But A Heartbeat

(Martin Smeets)

Say Lou Lou – Lucid Dreaming | à Deux/Cosmos | VÖ: 10.04.2015 | CD/LP/Digital

Against Me! + Roger Harvey + Caves | 21.04.2015 | Backstage (München)

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Against Me!

Das Münchner Backstage hatte sich dieses Mal etwas ganz Besonderes ausgedacht: Einen ausgewachsenen Kulturclash. Wer zu den schlampig gespielten Powerchords will, muss erst mal durch eine Schar Fußballfans, spielen doch Against Me!Roger Harvey und Caves zeitgleich mit dem nicht nur in München wohl bekannten FC Bayern. Punkrock und so-called Königsklasse innerhalb weniger Quadratmeter, das Backstage macht’s möglich. Wie man das findet, können zum Glück alle für sich selber entscheiden, ein bisschen seltsam wird sich diese Location mit ihrer Bauwagenplatzromantik allerdings ohnehin immer anfühlen.

Seltsam ist dann auch der Kontrast nach Betreten der noch ziemlich leeren Halle, schließlich läuft da statt Sky Refused in voller Lautstärke. Orte, an denen man bis zu den ersten Tönen verweilen möchte sind also rar gesät. Dann aber geht es endlich los mit Caves, deren Merch das sattsam bekannte A.C.A.B. in „All Cats Are Beautiful“ umdeutet. Die sich allerdings auch mit einem Sound herumschlagen müssen, der jeder Beschreibung spottet. Selbst wenn das Trio auf der Bühne sichtbar kompromisslos in die Vollen geht und sich eher wenig um ein differenziertes Klangbild schert: So darf das nicht klingen. Jeder Kellergig, bei dem „die Technik“ schon mit acht Oettinger Export in der Birne ankommt, hört sich besser an. Verpasst haben dadurch aber auch wirklich nur diejenigen etwas, die auf völlig wüst durcheinander stolpernden Punkrock stehen:

Über schlechten Sound kann sich Roger Harvey im Anschluss nicht beklagen. Und über mangelnde Reaktion aus dem Publikum sowieso nicht, werden die Stücke doch ziemlich frenetisch aufgenommen. Böse Zungen würden behaupten, dass man mit einer Mischung aus Dave HauseThe Gaslight Anthem und ein bisschen Conor Oberst auch kaum verlieren kann. Doch das ist natürlich Mumpitz. Diese Songs muss man schließlich auch erst mal so schreiben. Sollte jemand den nächsten Punk-Singer/Songwriter suchen, den es groß zu machen gilt: Hier ist er. Dass sich Harvey und Band auch noch äußerst sympathisch gerieren und man ihnen die Freude über den Auftritt tatsächlich abkauft, ist dem Gesamteindruck alles andere als abträglich. Und man ist nach dem Set entsprechend gut aufgewärmt für das, was da noch kommen sollte.

Was da noch kommen sollte, war nämlich so vielleicht nicht unbedingt zu erwarten. Klar, dass Against Me! jetzt nicht unbedingt die langweiligste Liveband sind, dürfte allen geläufig sein. Mit welcher Vehemenz sich die Band um Laura Jane Grace allerdings durch ihre Songs spielt, überrascht dann aber doch. Knappe 90 Minuten voller Einsatz sind das, die nichts auslassen. Vom Aufmacher I Was A Teenage Anarchist über Pints Of Guiness Make You Strong bis zu Black Me Out, das das reguläre Set beschließt, wird hier mit einer beeindruckenden Verve gezockt. Schön sind auch die mehr oder weniger neu interpretierten Trash Unreal und How Low. Richtiggehend grandios wird es dann, wenn die Band plötzlich das sonst eher selten gehörte Turn Those Clapping Hands Into Angry Balled Fists auspackt. Da stellt man plötzlich fest, wie viel Atmosphäre in so einen Punkrocker passt und wie viel Power diese Band auf der Bühne entwickelt. Beim Stichwort „Power“ sei überdies Drummer Atom Willard erwähnt, der eine sichtliche Gaudi bei seiner Arbeit hat. Wie überhaupt die gesamte Band, die zwar außer einigen Dankesbekundungen kaum Worte verliert, aber trotzdem nie den geringsten Zweifel daran aufkommen lässt, wie viel Bock man auf die eigenen Songs hat. Am Ende hört man dann im Vorbeigehen von irgendwoher ein Ich hätte nicht gedacht, dass die SO gut sind.“. Das unterschreibt man blind. Against Me! sind wieder weg von breitbeinigen Rockern der Marke Bamboo Bones und können sich mittlerweile den Luxus erlauben, Sink Florida Sink erst ganz zum Schluss zu spielen. Und der FC Bayern gewinnt nebenan 6:1. Kurzum: Alle glücklich.

(Martin Smeets)

Beach Slang – Broken Thrills

Beach Slang - Broken Thrills // Bild: banquetrecords.com

Du darfst!

Was machen eigentlich die Japandroids wohl gerade? Die haben schließlich seit 2012, also seit Celebration Rock nichts mehr von sich hören lassen. Und sorgen so dafür, dass das in jüngerer Vergangenheit unter anderem durch sie zu neuem Ruhm gekommene Feld des schrammeligen Krachs zwischen Indie, Punk, Rock’n’Roll und jeder Menge Emotion nunmehr von anderen bestellt wird. In diesem Falle eben von Beach Slang. Die machen sich jedenfalls äußerlich ziemlich verdächtig, hier den längst angelegten Wegen zu folgen. Acht Songs, knappe Spielzeit, aufgerissene Distortion-Effekte und ein allgegenwärtiger Hurra-Habitus. Kennt man schon.

Man will schon abwinken und das böse Wort „rip-off“ in den Mund nehmen. Doch dann kommt All Fuzzed Out mit seinen ausladenden Akkorden voll sehnsüchtiger Begeisterung und wischt alle Bedenken und Kritikpunkte beiseite. Einfach so. Die simple Tatsache, dass hier einfach zwei bereits veröffentlichte EPs aneinander geklatscht wurden, die arg kurze Spielzeit, der wirklich doofe Songtitel American Girls And French Kisses, die latente lyrische Unbedarftheit und der epigonale Charakter von Broken Thrills? Zweifellos Punkte, die diesem Debut auf sachlicher Ebene anzukreiden sind. Aber hey: Wer ist eigentlich Paul?

Hört man in diese acht Songs hinein, kippt die Stimmung gewaltig. Dann interessiert man sich nicht mehr für profane Formalitäten wie die Spielzeit, sondern stürzt sich fröhlich rein ins Getümmel, lässt sich von Punk Or Lust ein bisschen zum Tanz verleiten, schwelgt mit der verdreckten Akustischen von We Are Nothing und hält mit dem vergleichsweise zurückgenommenen Dirty Cigarettes ein wenig inne. Sänger James Alex kommentiert das Auftreten der eigenen Band dazu passend mit „Sometimes rock and roll gets taken too seriously – I assure you that’s not going to happen here.“. Und hat damit völlig recht. Dieser beachtliche Erstling ist definitiv nichts für den Kopf, sondern spricht viel lieber das Gefühl an. Wer das zulässt, bekommt ein bis an die Schmerzgrenze intensives Album voll großer Momente und noch größerer Melodien. Ein eskapistisches Vergnügen in unter 30 Minuten. Ein Fanal wider den grauen Alltag. Ein kleines Wunder, das man hin und wieder genießen darf. Muss!

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Get Lost, Punk Or Lust, All Fuzzed Out, We Are Nothing

(Martin Smeets)

Beach Slang – Broken Thrills | Big Scary Monsters/Alive | VÖ: 27.04.2015 | LP/Digital

Maïak – A Very Pleasant Way To Die

Maïak - A Very Pleasant Way To Die

Ohne Worte

Es ist schon ein kurioses Ding mit diesen Postrock-Bands. Mal verarschen sie ihre Hörer_innen ganz gezielt per Song- und Albumtitel, mal verstecken sie sich hinter der eigenen Legende und ganz viel Ambient und manchmal driften sie in Richtung pusseliger Songskizzen oder gleich ganz tief in den Kitsch ab. Ganz „normalen“ Postrock macht jedenfalls anno heute nicht einmal mehr der viel zu oft bemühte Hund hinter dem Ofen. Außer Maïak vielleicht. Die nehmen sich das oftmals und bislang noch jedes einzelne Mal zu Unrecht proklamierte „Postrock ist tot“-Zitat dann gleich zum Motto und nennen ihre neue Platte kurzerhand A Very Pleasant Way To Die. Das klingt ziemlich lebensmüde, zumindest dem Titel nach zu urteilen. Und in Kombination mit dem nicht zufällig gewählten Bandnamen umgibt dieses Album tatsächlich eine nicht sonderlich frohsinnige Symbolik: Eine Band, die den Namen des bislang drittgrößten Atomunfalls der Geschichte trägt präsentiert, einen schönen Weg zum Sterben. Na, wer hört da schon nicht gerne rein?

All diejenigen, die genau das wagen, stellen schnell fest: Trotz all der umgebenden Morbidität, lohnt es sich, dann und wann durch diese Platte zu schlendern. Um sich unversehens in Nutributter Green Is People zu vergucken, das sich als Opener zunächst mit schwermütigen Gitarrenfiguren schmückt. Und nach knapp sechs Minuten doch zum Kraftprotz mitsamt wuchtigen Akkorden und aufgebrachten Gesten wird. Da übersieht man beinahe den herrlich bösen Titel. Kein Wunder, steht er ja nicht allein. Überall winken die Verweise und Projektionsflächen, die es zu füllen gilt. Ein Angebot neben der Musik noch eine weitere Dimension dieses Albums zu öffnen. Das man natürlich nicht gezwungen ist anzunehmen. Schließlich haben die fünf Stücke auch so eine ganze Menge zu bieten. Auffällig ist dabei, dass sich Maïak angenehm wenig auf repititive Stilmittel verlassen und ihre Spannungsbögen folgerichtig nur so lange auswalzen, wie unbedingt nötig. Schöner Nebeneffekt: Selbst ein Monstrum von elf Minuten, wie es I’m Not A Man, I’m A Free Number nun mal ist, kommt schon nach einem knappen Drittel der Spielzeit das erste Mal auf den Punkt. Und hat in der Folge noch genug Zeit, neue Richtungen einzuschlagen und die ein oder andere Überraschung einzustreuen.

Eine Möglichkeit, die man dann natürlich auch nutzen muss. Genau in diesem Punkt lässt die Band allerdings einige Chancen ungenutzt und lässt so einen Teil des eigenen Potentials brach liegen. Exemplarisch dafür muss A Fond Poster Girl For Tatmandaw herhalten, dem alle Möglichkeiten offen stünden. Dass Maïak am Ende trotzdem nur einen Postrocker von der Stange aus dem Song machen, ist beinahe eine Schande. Gerade, weil das abschließende und ähnlich funktionierende We All Live In A Yellow Kursk zeigt, wie es gehen könnte. Aber das sind Kratzer, die den Gesamteindruck nur marginal stören. A Very Pleasant Way To Die ist schließlich dennoch nicht nur für Genreliebhaber_innen ein lohnendes Album. Voller Andeutungen und Möglichkeiten, voller guter Ideen. Die jedes weitere Wort überflüssig machen.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Nutributter Green Is People, We All Live In A Yellow Kurs

(Martin Smeets)

Maïak – A Very Pleasant Way To Die | Fluttery Records | VÖ: 10.03.2015 | CD/Digital

Normahl – Friede den Hütten, Krieg den Palästen

Normahl - Friede den Hütten Krieg den Palästen

Trümmertango

Meine Güte, Normahl aka NoRMAhL gibt es ja immer noch. Dabei hätte man das zwischenzeitlich fast vergessen. Nach dem letzten Output Voll Assi, der seinem Titel alle Ehre machte und nun wirklich keine halbe gute Note auf die Kette gebracht hat, wollte man die alten Herren dann auch schon fast gerne vergessen. Doch Normahl wären nicht Normahl, wenn sie das zulassen würden. Und genau deshalb steht die Band jetzt reichlich spät noch einmal mit entschlossener Miene und Friede den Hütten, Krieg den Palästen auf der Matte.

Der Titel deutet es schon an: Normahl haben auch nach über 35 Jahren nicht im Geringsten etwas mit Subtilität am Hut. Und gesagt haben sie vermutlich auch schon nahezu alles, ist doch nicht nur der Albumtitel ein Zitat, sondern auch die Hälfte der zwölf dargebotenen Stücke. Nur sechs Eigenkompositionen haben es auf diese Platte geschafft. Der Rest kommt zum Beispiel von Hannes WaderGeorg Kreisler oder Reinhard Mey. Das muss nicht gleich etwas Schlechtes sein, wie die schwungvolle Adaption von Kreislers Kapitalistenlied zeigt. Auch das gut durchgeschunkelte Narrenschiff (Mey) weiß durchwegs zu gefallen, genau wie Waders Es ist an der Zeit. Das sind Stücke, die jegliche Klamaukaffinität der Band vergessen machen und die Lars Besa und Co. in vergleichsweise bestechender Spätform zeigen.

Die Eigenkompositionen sind es, die massiv an der Qualität dieser Platte kratzen. Söldner mag ja mit bester Intuition deutliche Worte bemühen, bleibt aber musikalisch fürchterlich blass und textlich auch bestenfalls bemüht. Und wenn Besa in Spass allen Ernstes „Manche hocken im Café und haben einen im Tee“ reimt, weiß man wieder, warum man die textlichen Ergüsse dieser Band eigentlich seit jeher eher belächelt hat. Was im abschließenden Alter Junge gleich zur Sicherheit nochmal bekräftigt wird. Da sind die Toten Hosen gar nicht mehr weit weg. Zumal die Produktion etwas altbacken geraten ist. Nett formuliert, wohlverstanden.

Und doch schaffen Normahl etwas, was man dieser Band, die sich auch schon mal nicht zu Schade für Songs wie Ich brauch mein Suff war, im Leben nicht mehr zugetraut hätte. Sie zersägen im Alter nicht das, was sie in vielen Jahren geschaffen haben. Und sie bleiben auf merkwürdige Art und Weise relevant. Und sei es nur wegen kruder Hausdurchsuchungen. Revolutionär und gar subversiv ist Friede den Hütten, Krieg den Palästen natürlich trotzdem zu keiner Zeit. Wirklich Neues bieten Normahl auch nicht. Dennoch ist diese etwas angegraute Werkschau jederzeit hörbar. Das klingt etwas seltsam, ist aber tatsächlich als Kompliment gedacht. War ja schließlich oftmals nicht so.

Wertung: 5/10

Anspieltipps: Es ist an der Zeit

(Martin Smeets)

Normahl – Friede den Hütten, Krieg den Palästen | 7 Hard / Membran | VÖ: 10.04.2015 | CD/Digital

Van Kraut – Strahlen

Van Kraut - Strahlen

Vorzeitig verblasst

Nicht nur Nagel hat sich in seinem kürzlich erschienenen Buch Drive By Shots gefragt, wie man als Muttersprachler_in eigentlich englischsprachige Popmusik aushält. Ist man da ob der vielfältigen Gräueltaten, die der Sprache in den vielen Jahrzehnten bereits angetan wurden inzwischen so sehr abgestumpft? Oder ist es eine spezifisch deutschsprachige Schrulle, sich von Texten in der eigenen Sprache mindestens ablenken zu lassen? Fragen der Musikrezeption, die dringend mal jemand beantworten sollte. Bis dahin sei festgehalten, dass man ob schlechter Musik gerne mal in Rage gerät und Texte vom Schlage eines „Ich weiß nicht was ich sagen soll / du machst mich hoffnungslos hoffnungsvoll“ einem durchaus mal den Tag verhageln können.

Und dass all diese Gedanken über Sprache und Lyrik von Van Krauts Debut Strahlen evo- und auch provoziert werden. Weil man zum Beispiel erst mal auf die Idee kommen muss, einen Song ganz unprätentiös Hausschuhe oder Schaufenster zu nennen. Und weil diese zehn Singer/Songwriter-Stücke gerne den Weg der ausufernden Worte wählen. Was gut ist, weil das Duo aus Christoph Kohlhöfer und Tobias Normann sich der weithin gängigen Textarbeit verweigern. Da ist nichts von dem bisweilen schwer auszuhaltenden Pathos, den beispielsweise ein gewisser Thees Uhlmann so gerne zu bemühen pflegt. Und auch nichts vom immer an der Grenze zum Dozieren wandelnden Tonfall eines Marcus Wiebusch oder gar der Verklausuliertheit Tocotronics. Van Kraut erzählen lieber. Ganz unaufgeregte, kleine Sätze, deren Tragweite sich nur im Gesamtkontext offenbart. Wenn überhaupt.

Dargeboten wird das ganze im Rahmen detailliert arrangierter Akustikstücke, die zunächst etwas sperrig daherkommen. Die offensichtliche Schunkelmelodie darf von anderen gesucht werden. Und doch wirkt so Manches auf Strahlen nachhaltig. Keine Spucke mehr ist so ein Song. Ein paar simple Akkorde braucht es da nur, um gemeinsam mit einer im Hintergrund wabernden Gitarrenfigur und einer wundervoll transportieren Melancholie lange im Ohr haften zu bleiben. Auch das etwas dunkler gezeichnete Blechschaden bleibt im Kopf, genau wie das schwungvoll gezupfte Ich bin so weit. Das bis zum Refrain großartig ist und dann per schwächlicher Gesangsarbeit gewaltig an die Wand gefahren wird. Überhaupt, der Gesang verleidet den Hörer_innen das gesamte Album ein wenig. Ein bisschen zu atemlos, ein bisschen zu weit vorne, ein bisschen zu omnipräsent und vor allem ein bisschen arg konsequent daneben gezielt.

Das gibt am Ende eine Platte, die man auf seltsame Art und Weise nicht greifen kann. Keine Frage, Van Kraut machen ihre Sache sehr ordentlich, echte Berührungspunkte findet man aber bis auf wenige Ausnahmen keine. Man steht etwas ratlos vor diesen Stücken, die meist nicht zu wissen scheinen, wo sie hin sollen. Was sie bezwecken wollen. So laufen viele großartige Ideen – man achte nur auf die furiose Instrumentierung von Reflektierte Strahlen – einfach ins Leere, um dort sogleich zu verblassen. Das verhagelt dann zwar niemandem den Tag, fällt aber oft auch sonst nicht weiter auf. Leider.

5/10

Anspieltipps: Reflektierte Strahlen, Keine Spucke mehr

(Martin Smeets)

Van Kraut – Strahlen | Omaha / Timezone | VÖ: 27.03.2015 | CD/Digital