Seed To Tree – Wandering

Seed To Tree - Wandering

Fähnlein Fieselschweif

Faszinierend, wie leicht man auf falsche Fährten geführt werden kann. Da eröffnen Seed To Tree ihr erstes Album Wandering mit elektronisch angehauchtem Indiepop, wie er anno 2015 eben zum guten Ton gehört und schon läuft man beinahe blindlings in die falsche Richtung. Und erzählt von Gitarrenläufen, die auch aus dem Hause London Grammar stammen könnten. Und von einem Sound, der mit jeder Wiederholung weniger spannend wird, der den Opener Until It Gets Better aber doch nicht kaputt machen kann.

Nur um schon einen Song später Zweifel an der stilistischen Einschätzung zu bekommen. Zweifel, die sich bestätigen werden, im Verlaufe dieser bemerkenswerten Platte. Die in zehn Songs mehr Überraschungen unterbringt, als manch andere Band in ihrer kompletten Diskographie. Und so ganz nebenbei vielleicht ein gesamtes Genre ein klein wenig rehabilitiert. Doch der Reihe nach. Seed To Tree sind ein Quintett aus dem beschaulichen Luxemburg, existieren seit 2009 und spielen Folk-Pop. Jenes Genre also das eigentlich ungefähr so überraschend ist, wie der Geschmack einer Tiefkühlpizza. Eigentlich, weil Seed To Tree das Kunststück vollbringen, einem lange bekannten Sound neue Elemente zu implementieren.

Beispielhaft dafür darf Lack Of Childhood voran gehen. Mit minimalistischem Gitarrenspiel, mit moderner, fast kühler Produktion und doch mit einem wundervoll traditionellem Charakter und den ganz warmen Klangfarben. Die anfänglich erwähnten Elemente moderner Popmusik werden spielend mit Folk-Trademarks vermengt und am Ende lugt ein Song hervor, der genau aus dieser Vereinigung vermeintlich widersprüchlicher Bestandteile seine ungemeine Faszination gewinnt. Ähnliches gilt bereits zwei Songs zuvor für Take My Hand, das jedoch trotz staubiger Gitarrenfigur dem Pop mehr Platz einräumt. Platz der im Verlauf von Wandering immer offensiver von folkigen Elementen beansprucht wird. Etwa von der grazilen Akustikgitarre in I Was Here Before You, das latent klingt, als würden frühe The Twilight Sad plötzlich etwas besser gelaunte Songs schreiben und die furiose zweite Albumhälfte einläutet.

Furios, weil dort noch Highlights, wie der Titeltrack warten. Eine stoisch-simple Akustische baut gemeinsam mit einer große Portion Schwermut eine ungeheure Spannung auf. Eine Spannung, die sich völlig anders entlädt, als man es zunächst vermutet hätte und doch in ein in sehnsüchtige Streicher getauchtes Finale mündet. Dancing Alone macht dann kurz vor Schluss noch einmal ein bisschen in Leichtfüßigkeit, bevor das abschließende Tree über fast sechs Minuten ein Feuerwerk in den strahlendsten Farben abbrennt und so zu einem Stück wird, das seine Hörer_innen von der ersten Sekunde überwältigt. Mit einem Ende, das jeglicher Beschreibung spottet. Versteht sich.

An dieser Stelle ist man dann auch längst weit entfernt von irgendwelchen Genrezuschreibungen und sonstigen theoretischen Überlegungen. Weil Wandering mitnichten falsche Fährten auslegt, sondern eine beeindruckende Metamorphose vollführt, vom vergleichsweise Gewöhnlichen hin zum verdammt nochmal ganz Besonderem. Welche Vor- oder Nachsilben man jetzt hier genau um das Wörtchen Pop bastelt, sei spitzfindigeren Fährtenleser_innen überlassen. Nach Genuss dieser Platte sind derlei Überlegungen aber ohnehin – pardon – scheißegal.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Lack Of Childhood, I Was Here Before You, Wandering, Tree

(Martin Smeets)

Seed To Tree – Wandering | Seed To Tree/Believe | VÖ: 13.03.2015 | Digital

Death Cab For Cutie – Kintsugi

Death Cab For Cutie - Kintsugi // Bild: en.wikipedia.org

Die Schönheit der Routine

Es gibt wohl einige Dinge zu reparieren für Death Cab For Cutie. Man hat schließlich letztes Jahr Gründungsmitglied Chris Walla verloren, und das nach über 17 Jahren. Und obwohl Walla die Aufnahmen zum neuen Album noch bis zu ihrer Fertigstellung begleitete: Was sich bereits für Fans anfühlt wie eine Zäsur, dürfte auch an der Band nicht spurlos vorüber gegangen sein. Aber das ist Spekulation. Sicher ist nur: Kintsugi könnte angesichts der äußeren Umstände kaum passender betitelt sein, versteckt sich doch hinter diesem etwas unhandlichen Wort eine japanische Methodik zur Reparatur von zerbrochenem Porzellan.

Und auch die Musik selber bewahrt sich auf dem inzwischen achten Album der Band ihren versöhnlichen Charakter. Auch wenn man die Songs neuerdings nicht mehr selber produziert, braucht der Opener No Room In Frame keine halbe Minute, um klar zu machen, dass hier Death Cab For Cutie am Werk sind. In diesem Falle mit dezent im Hintergrund umher wabernden, verspielten Elektronika, einer fröhlich in die Platte leitenden Melodie, dem Bandeigenem Hang zu elegischer Schönheit und natürlich Ben Gibbards fast unverwechselbarer Stimme. Das macht in Summe ein Stück, das sich gut und gerne in die lange, lange Reihe guter Songs dieser Band einreiht. Von denen noch ein paar mehr auf Kintsugi warten, wie zum Beispiel das unmittelbar folgende Black Sun, dass den Vorboten für Kintsugi spielen durfte und stilistisch ähnliche Wege bestreitet.

You’ve Haunted Me All My Life macht sich dann in akustischem Gewand auf, um für etwas Abwechslung sorgen und beweist auf über vier Minuten eindrücklich, wie gut Gibbards minimalistische Songs inzwischen funktionieren. Mindestens genau so gut, wie das glanzvolle, mit Wave-Einschlag versehene Little Wanderer, dessen Refrain soweit ausformuliert ist, dass man ihn nicht mehr los wird, ohne aber genervt zu sein. Nervig ist auf Kintsugi ohnehin nichts. Das schlimmste, was Death Cab For Cutie auf dieser Platte passiert, sind Songs, die eben nur gut sind, ohne längerfristig im Gedächtnis zu bleiben. Die aber für den Gesamteindruck doch in gewisser Weise unverzichtbar sind.

Schließlich hat man es hier mit dem bislang rundesten Album dieser Band zu tun. All der vermeintlichen Aufregung von außen setzen Death Cab For Cutie ein Album entgegen, das in sich zu ruhen scheint, das einfach unbeirrt weiter macht und höchstens in The Ghosts Of Beverly Drive oder dem potentiellen Ohrwurm Good Help (Is So Hard To Find) mal vergleichsweise aufbrausend wird. Das ist vielleicht nicht spektakulär, das spielt – abgesehen vom famosen Ingenue – auch nicht in der Transatlanticism– oder The Photo Album-Liga, vermag aber weiterhin als akustischer Balsam Wunden zu behandeln. Ein Album einer Band eben, die ihren Sound schon lange gefunden hat und nur noch in Nuancen weiter entwickelt. Saturiert und solide. Auf bestmögliche Weise.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: No Room In Frame, The Ghosts Of Berverly Drive, Ingenue

(Martin Smeets

Death Cab For Cutie – Kintsugi | Atlantic/Warner | VÖ: 27.03.2015 | CD/LP/Digital

No Weather Talks + Modern Saints + Deadends | 21.03.15 | Büro (Regensburg)

No Weather Talks

No Weather Talks

Die Wizard Cat hat ihr sogenanntes Frühlingsfest in zwei Teile geteilt. Teil 1 fand am 12.03. mit Teen Agers und Salsa Shark in der Alten Mälzerei statt. Weil wir dort nicht waren, sind wir hierzu eigentlich zum Schweigen verdammt, aber eine unleugbare Ahnung beschleicht uns doch: gegen Teil 2 eine Woche später hat die erste Ausgabe vermutlich abgestunken. Das mag weniger an Teen Agers und Salsa Shark, sondern vielmehr an Deadends, Modern Saints und No Weather Talks gelegen haben. Ein Line-up wie es im Punkrocklehrbuch nicht besser stehen könnte.

Einen besonders frühlingshaften Abend hatte man sich für Frühlingsfest II zwar nicht ausgesucht, aber wir wollen ja auch nicht unnötig über’s Wetter reden. Reden wir lieber über melodischen Punkrock, den es gleich dreimal in hochwertigen Ausführungen gibt. Da wären zunächst einmal Deadends aus Graz, die nicht nur mit dem breitesten steierisch zu amüsieren wissen, sondern eben auch mit einem Dutzend Songs, die schwungvoll und melodiebeladen trotz gelegentlichen Holprigkeiten an der Schießbude glatt und direkt ins Ohr gehen. Das ist ziemlich gut und kommt selbst im klanglich wenig optimalen Büro eine ganze Ecke knackiger daher als auf Deadends‘ ein bisschen kraftlos produzierten Veröffentlichungen.


Ähnlich, aber etwas schnauzbärtiger: Modern Saints. Nicht zu verwechseln mit Modern Baseball oder Modern Pets, aber vielleicht so etwas wie die Mischung aus beiden. Für Pop-Punk zu rock’n’rollig, für Rock’n’Roll zu pop-punkig. Auf jeden Fall aber: überzeugend.

 

Über No Weather Talks muss man sowieso nicht mehr viel sagen. Nach zwei starken EPs steht endlich eine LP bei Gunner Records in den Startlöchern, die es irgendwie schon gibt, offiziell aber irgendwie doch noch nicht. Die Songs darauf gibt es jedenfalls und die wissen sich nebst dem älteren Material – live – vortrefflich einzuordnen. Das muss jedenfalls gesagt werden: Wer No Weather Talks bisher (ob live oder auf Platte) verpasst hat, sollte sich eine Runde schämen.

(Martin Oswald)

North Alone – Cure & Disease

North Alone - Cure & Disease

Ausgetrunken

Zum Einstieg einer für die Rätselfreun_innen: Welches Genre versteckt sich hinter North Alone, also hinter Brille, Bart, Jeans- bzw. Flanellhemd und Akustikgitarre? Genau, Folk-Punk. Die Anzahl an Genres, in denen mehr Klischees bedient werden ist gering. Die Anzahl an Genres, die weniger Innovation zu bieten haben ist gar nicht vorhanden. Irgendwo zwischen Landstraße und Tresen lungern diese Songs eigentlich immer herum. Drei Akkorde, ein bisschen windschiefes Gefiedel und natürlich die Stimme direkt aus dem Whiskeyfass. Kann das eigentlich noch irgendwer hören?

Es ist Leuten wie Manuel Sieg zu verdanken, dass die Antwort trotz eigentlicher Übersättigung immer noch ein schallendes „JA!“ ist. Weil er Songs schreibt, die zwar die Chuck Ragans dieser Welt so ähnlich bestimmt auch schon mal ersonnen haben, die aber dennoch direkt rein laufen und zur nächsten Runde ermuntern. Den Opener und Titeltrack Cure & Disease grölt man nur zu gerne in der nächsten Kneipe mit, das erhabene Gefühl, das das sensationell gute The Last Inch vermittelt, möchte man keinesfalls missen. Und den beschwingten Ausflug in den Pop von Missing Heart Shadow nimmt man jederzeit mit. Kurzum: Cure & Disease ist bis an die Decke voll mit Songs, die weit über dem Durchschnitt schwimmen, die beseelt sind von einer charmant-versoffenen DIY-Attitüde. Man ist fast geneigt, die Authentizitätskeule zu schwingen, hätte man nicht solche Schwierigkeiten, dieses Wort überhaupt auszusprechen.

Deswegen begnügt man sich, dieses kleine Album mit seinen großen Songs, die allesamt eine noch größere Lanze für das Unprätentiöse brechen einfach zu feiern. Als Musik für’s unterwegs sein. Für’s verliebt, verzweifelt und vergnügt sein. Und natürlich für die Kneipe. Das verhindert zwar nicht, dass Hydrogen Peroxide und Old Dog Barking ziemlich langweilig sind und man auch sonst so manche Harmonie inzwischen ein bisschen zu oft gehört hat, macht aber immer noch verdammt viel Spaß. Und wenn der olle Folk-Punk so gut klingt wie in Black Water, pfeift man mit Vergnügen auf Innovation und holt die nächste Runde. Cheers!

Wertung: 6/10

Anspieltipps: The Last Inch, Black Water, Missing Heart Shadow

(Martin Smeets)

North Alone – Cure & Disease | Country Bumpkin | VÖ: 23.03.2015 | CD/LP/Digital

The Satellite Year – Brooklyn, I Am

The Satellite Year - Brooklyn, I AmErstaunlich

Die meisten werden staunen, dass The Satellite Year in Saarbrücken zuhause sind. Das Gegenteil wäre zunächst zu erwarten, eine Metropole. Vorzugsweise natürlich New York City, das dem Album nicht nur das Cover, sondern auch den Namen und einen gleichnamigen Song leiht. Es ist schon etwas frech und größenwahnsinnig, wenn eine saarländische Provinzband allzu leichtfertig mit metropolitanen Assoziationen um sich wirft. Bei The Satellite Year ist es aber eine spezielle Art der Irreführung, denn wirklich irreführend ist das gar nicht. Zumindest dann nicht, wenn man hinter die Fassade blickt und die Songs sprechen lässt.

Denn die sind – Überraschung – allesamt größtmöglich weltbürgerlich geraten. The Satellite Year lieben große Gesten und gehen damit ein unvermeidliches Risiko ein, das mindestens genauso groß ist: sich lächerlich zu machen. Erstaunlicherweise passiert letzteres The Satellite Year nicht. Denn die Saarländer wissen mit diesem Bombast, den sie in zwölf Songs auf Platte gebannt haben, umzugehen. Wer hier Vergleiche mit 30 Seconds To Mars, My Chemical Romance oder sogar Jimmy Eat World anstellt, liegt sicherlich nicht total daneben. Auch wenn es manchen schwer fallen wird: man sollte sich den Vergleich in „gut“ vorstellen. The Satellite Year stürmen mit vielfach unwiderstehlichen Melodien in jedem Song gen Hit. Das will nicht immer gelingen, manchmal tut es dies aber geradezu ausgezeichnet. Der Titeltrack ist ein Beispiel eines verdammten Ohrwurms. Oder Hurricane/Welcome Home und No Clubs For This Town. Das sind die Songs, die besagte Jimmy Eat World seit Futures nicht mehr eingefallen sind.

Erstaunlich ist zudem, dass sich The Satellite Year selbst dann nicht vergaloppieren, wenn sie den Emo-/Poppunk-Bauskasten verlassen und sich an Experimente wagen, die fast immer schief gehen. Unterstützend daruntergemischte Synthie-Einsprengsel schießen Songs häufig geradewegs ins Abseits. Nicht jedoch Tarantino: Part II oder In Vitro. Ja, das Erstaunlichste ist wirklich, dass Brooklyn, I Am voller Pathos so nah an der Klippe zum Kitsch balanciert, aber nur selten einen Schritt abgleitet. Über die gesamte Spielzeit funktioniert das zwar nicht ganz unfallfrei und so kommen The Satellite Year mit den letzten drei Songs nicht ohne Blessuren davon – da werden die Gesten zu groß, der Drang zum Hit zu bombastisch -, aber erstaunlich ist auch da: die Klippe stürzen die Saarländer nicht herunter.
7/10

Anspieltipps: Brooklyn, I Am, Tarantino: Part II, Hurricane/Welcome Home

(Martin Oswald)

The Satellite Year – Brooklyn, I Am | Midsummer Records | VÖ: 06.03.15 | CD/digital

Love A – Jagd und Hund

Love A - Jagd und Hund

Endlich einfach

Da sind wir doch kurz verwirrt. Nach Eigentlich und Irgendwie hätte man zwischen „Vielleicht“, „möglicherweise“ und „Irgendwas“ alle möglichen Albumtitel erwartet. Außer vielleicht Jagd und Hund. Aber Love A haben eben einen Hang zum Unwahrscheinlichen. Das sollte im Falle dieser ohnehin schon unwahrscheinlichen Band niemanden überraschen. Wie es passieren konnte, dass diese irgendwie aus dem Nichts aufgetauchte Band sich jetzt anschickt, überall geliebt zu werden? So ganz genau weiß das eigentlich niemand. Sicher ist nur: Die üblichen Marktschreier_innen haben hier nicht ihre Finger im Spiel. Womit die Antwort nur beim Trierer Vierer selber zu finden sein kann.

Der lässt sich dann auch nicht lange bitten und serviert auf Jagd und Hund dann auch gleich derer Antworten zwölf. Mit Nachdruck, mit bärbeißigem Witz, mit Hirn. Doch der Reihe nach. Jagd und Hund sieht zunächst entgegen seines Titels von jeglichem Bellen, Keifen oder gar Beißen ab. Der bandtypische flimmernde Punkrock darf sich ein wenig beruhigen und gleichzeitig Wave, Postpunk und jeder Menge Melancholie die Hände reichen. Natürlich ohne in klebriger Unentschlossenheit zu versuppen. Jagd und Hund kommt vielleicht etwas ruhiger und wehmütiger daher als die Vorgänger, wirkt aber gleichzeitig auch wesentlich durchdachter und fokussierter. Und bringt folgerichtig die mitunter bislang besten Stücke der Band zum Vorschein. Von Anfang an schlägt dieses Album eine atemlose Taktzahl an.

Der Opener Lose Your Illusion positioniert sich im Wettbewerb für den schönsten Songtitel des Jahres direkt als Favorit und geriert sich als fulminanter Einstieg. Das anschließende Trümmer verhandelt in musikalisch vergleichsweise aufgebrachter Manier die schiefen Ebenen der Postmoderne und konstatiert: „Hauptsache alle schreien Ja! und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien Nein! und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien.“ Die Trefferquote von Ton und Wort ist dabei allgemein in schwindelerregenden Höhen angesiedelt. „Nur wer mal aufgestanden ist / der darf sich setzen“ stellt das vorab veröffentlichte 100.000 Stühle leer klar und breitet dazu einen wundervollen, unterkühlt-sehnsuchtsvollen Refrain aus. Eine kleine Erinnerung daran, dass Punk und Handeln nicht voneinander getrennt funktionieren. Und wenn man will auch eine schallende Ohrfeige für schnell und anonym hingerotzte Zweizeiler im Netz mit fragwürdigem Inhalt.

Ohrfeigen haben Love A sowieso einige im Gepäck. Der beste Club der Welt präsentiert voller Sarkasmus die Eierkocher-App, sagt aber auch deutlich „Weil alle wissen, wo sie hingehören, außer dir / du bist immer noch hier / laberst irgendeine Scheiße über Popkultur“ und „Auf meiner Jutetasche steht „Verpiss dich Adolf“ / Und auf deiner? „Hey ho let’s go“. Zielgerichtete Schläge in die Magengruben nerviger Szenehipster sind das. Das ist böse, das sitzt. Genau wie Augenringe, das mit der Flucht ins Bürgerliche abrechnet und die Internet-Satire Modem. Das beide Songs das Prädikat „hölzern“ nur knapp verfehlen, darf allerdings nicht unerwähnt bleiben. Genau wie Regen auf Rügen. Hier drehen Love A kurzerhand die Atmosphäre auf Anschlag und schaffen mal eben ein unbestrittenes Highlight ihres bisherigen Werkes. „Wir bleiben dumm und klein und sprachlos / […] wir machen Schulden sammeln Herzen / denn unsere Selbstzweifel lassen das zu / Komm lass es bitte endlich einfach sein / Einer redet, du hörst zu.“ 

Love A nehmen auch auf ihrer dritten Platte kein Blatt vor den Mund, teilen genüsslich in alle Richtungen aus und analysieren schonungslos Persönliches. Das ist meistens präzise, manchmal schmerzhaft und vor allem durchgehend beachtlich. Ein Album, das es sich erlauben kann, „Brennt alles nieder / Fickt das System“ als letzte Worte zu wählen. Gesungen von einem sakral angehauchten Chor, versteht sich. Hätten alle die Einsichten schon gewonnen, die dieser Platte innewohnen, das Leben wäre um so vieles einfacher. So muss man sich weiter nerven lassen. Das ist ärgerlich. Ermöglicht aber immerhin Bands wie Love A. Das ist, gesprochen als an dieser Stelle größtmögliches Kompliment, besser als Nichts.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Lose Your Illusion, Trümmer, 100.000 Stühle leer, Regen auf Rügen

(Martin Smeets)

Love A – Jagd und Hund | Rookie / Cargo | VÖ: 27.03.2015 | CD/LP/Digital

Swain + Direct Effect | 14.03.15 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

Direct Effect

Direct Effect

Das L.E.D.E.R.E.R. ist bekanntlich in den letzten Atemzügen und damit auch die seit ziemlich genau einem Jahr regelmäßig stattfindenden Moloch-Kollektiv-Konzerte. Zumindest in dieser Lokalität. Das L.E.D.E.R.E.R. war in keiner Hinsicht perfekt, aber es war perfekt, dass es da war. In Zukunft muss man woanders hin ausweichen.
Swain aus den Niederlanden und Direct Effect aus Florida durften im Rahmen ihrer gemeinsamen Eurotour das erste und zugleich letzte Mal in den Genuss kommen. Mit ihrem begeisterten Oettinger-Konsum unterboten sie dabei sogar noch das Grintigkeitslevel der Location. Kann also eigentlich nichts mehr schief gehen.
Gut, bei Direct Effect sind zwar die Töne schief, aber das gehört bei dieser Noise-Auslegung des Hardcore zum Programm. Letzteres ist auch gar nicht so übel, der Kellersound, der diesmal noch viel mehr nach Keller klingt als sonst, kommt dem auch ganz gut entgegen. Die vergleichsweise kraft-, lust- und am Mikrofon obendrein noch recht stimmlose Vortragsweise ist der Hoffnungslosigkeit der Musik und des Oettinger-Konsums zwar angemessen, hätte aber dennoch etwas mitreißender sein dürfen.

Wie das geht, wissen Swain. Die sind zwar szeneuntypisch in der Verwendung von Gaffer Tape äußerst ungeübt – das Flicken des Gitarrengurtes ging ja noch, aber was Sänger Noam dann am Mikrokabel veranstaltete, spottet jeglicher Beschreibung -, in der Darbietung ihres Hardcore Punk umso geübter. Kaum ein Song, der sich jenseits der Zweiminutengrenze abspielt, einige kommen weit darunter zum Abschluss. Das akzentuierte Songwriting findet in den für Regensburger Verhältnisse durchaus heftigen Mosheinlagen seine Entsprechung. Dass die Gesangsmikrofone dabei immer wieder Aussetzer haben, stört nicht wirklich, ist aber auch nicht verwunderlich, wenn ein Dutzend Leute über die Kabel trampelt. Nicht zuletzt mit Songs wie etwa Asleep haben Swain eine ungeheure Livepräsenz und -energie, die sich eine Band nicht einfach so aus dem Ärmel schütten kann. Das muss man drauf haben, egal was schief geht.

(Martin Oswald)

Hurricane Dean – N53° E7°

Hurricane Dean - s/t

Auf hoher See

Hier kommt man hin, folgt man Hurricane Dean. Das meint: Gibt man die Koordinaten im Albumtitel mal eben in dieses Internet ein. Warum das Quartett aus Ostfriesland – ein Schelm, wer jetzt an schlechte Witze denkt – ihre Platte nach einem niederländischen Feldweg benennt, bleibt an dieser Stelle den wilden Phantasien ihrer Hörer_innen überlassen. Warum man zur Beschreibung des eigenen musikalischen Schaffens gleich eine verquaste Bezeichnung wie „Bright Wave“ aus dem Hut zaubern muss, darf aber gerne mal hinterfragt werden.

Mit dem Debut direkt ein neues Subgenre für die eigene Band einzufordern, könnte man durchaus als frech bezeichnen. Und wenn man bedenkt, dass die dargebotenen Songs auf den ersten Blick nicht viel mehr als etwas weniger miesepetrige Interpol auf die Kette bringen, ist man schon kurz davor zu fragen, was derart prätentiöses Gehabe eigentlich soll. Nur kurz davor, weil der Opener Arsenal Of Colors sich hervorragend darauf versteht, die Gemüter innerhalb kürzester Zeit zu beruhigen. Alle bitte eine Runde durchpusten und dann ab auch die Tanzfläche. Zu einem Fundament aus sinistren Wave-Klängen und einem Überbau aus genau dem jubilierenden Indierock, der zur Zeit allerorts so gerne vor die Wand gefahren wird. Nicht so aber hier. Der Song funktioniert tadellos und darf sich dieses Jahr wohl noch öfter „Hit“ schimpfen lassen.

Verständlich, dass diese einmal gefundene Formel noch öfter angewandt wird. Im unmittelbar folgenden Roseship zum Beispiel. Ein Stück, das noch ein Stück unverhohlener in Richtung Ohrwurm gebürstet ist und genau deshalb eher verliert. Ein Ausrutscher in Formatradio-Gefilde. Der angesichts des schmalen Grats zwischen großartig und belanglos, den Hurricane Dean für ihre eigenen Songs gewählt haben schon mal vorkommen kann. Dann doch lieber das vornehmlich dunkel gehaltene Fragrance, oder die breiten Wellen von Electrify Yourself. Oder Juneau. Oder gerade zum Ende des Albums jeden beliebigen Titel. Nicht, weil N53° E7° zum Schluss mit Qualität um sich wirft, sondern weil man sich mit jedem gehörten Song mehr an die routinierte Überdurchschnittlichkeit gewöhnt, die hier geboten wird.

Das klingt negativer, als es letzten Endes ist. Hurricane Dean haben hier ein beachtliches Debut vorgelegt. Dass sie zuverlässig vom Feldweg zu einem größeren Publikum – im Vorprogramm von Billy Talent und Alicia Keys waren sie ja schon – navigieren wird. Bleibt zu hoffen, dass sie dabei nicht in den Wogen des Beliebigen untergehen. Zu wünschen wäre es ihnen. Ahoi!

6/10

Anspieltipps: Arsenal Of Colors, Fragrance, Juneau

(Martin Smeets)

Hurricane Dean – N53° E7° | Believe Digital / Soulfood | VÖ: 13.03.2015 | CD/LP/Digital

Kurzformat #5

Carlson – EP

Na bitte, da sind mal pragmatische Leute am Werk. Weil gerade kein hochtrabender Name zur Verfügung war, heißt diese EP eben ganz schlicht EP. Reicht ja auch. Und alle wissen, was gemeint ist. Was es unter dem großartigen Artwork zu hören gibt, weiß man aber noch nicht. Nun: Alternative. Der spannenderen Sorte. Staubtrockene Produktion, reichlich Stoizismus seitens der Rhythmusfraktion und eine Menge spannender Ideen. Das „Göttinger Tagblatt“ vergleicht die Erfurter gar mit den Kings Of Leon. Und hat damit nicht Unrecht. Nur das hier nervt nicht. Ganz im Gegenteil. Und es hat mit dem Opener Fiddles & Gold sogar einen kleinen Hit mit. [DIY | VÖ: 13.3.2015] – (ms)

Toneron – Toneron

Electro-Alternative. Ein fürchterlicher Name für ein Subgenre. Der sämtliche Nackenhaare in Habachtstellung bringt, könnte sich doch hinter dem Etikett so ziemlich alles verstecken, nur nichts Ordentliches. Zum Glück bilden Toneron hier eine wohlige Ausnahme. Electro ist hier durchaus im Spiel, aber eben auch gutes Songwriting, ein angesoffenes Saxophon und auch sonst allerlei sympathisch-durchgedrehte Ideen. Das könnte sogar uns zum Tanzen animieren. Und das will etwas heißen. [Sportklub Rotter Damm/Believe | VÖ: 27.03.2015] – (ms)

You, Me, And Everyone We Know – Dogged

Weg vom Electro, hin zu, ja, zu was eigentlich? Das lässt sich im Falle dieser Band nicht zu 100 Prozent sagen. Das ist ein bisschen Punkrock, ein bisschen Chaos, ganz viel Pop-Appeal und eine gehörige Portion Emo. Musikalisch ist das alles schön spaßig, textlich geht es allerdings vornehmlich suizidal zu. Was die ganze Chose in die Nähe von Jeff Rosenstock rückt. Mit etwas weniger Wahnsinn. Und etwas mehr Fokus. [Rude Records | VÖ: 17.03.2015]- (ms)

Jim Kroft – Journeys #1

Alle, die das #1 im Titel als Auftakt zu einer Serie verstehen, könnten nicht richtiger liegen. Jim Kroft will eine Art musikalischen Roman schreiben. Oder einen musikalischen Reiseführer, wenn man so will. Dazu wird mal eben flugs die Welt umrundet. Die entstandenen Songs sollen dann auf ganze sechs EPs und zwei Alben verteilt werden. Journeys #1 entstand dabei während einer Reise durch Asien und markiert nun den Anfang eines mehr als nur interessanten Projekts. Ach ja: Zu hören gibt es hier eindrückliche Singer/Songwriter-Nummern, die ganz nach dem Gesamtkonzept klingen. Sehnsüchtig, ruhelos, aufgeladen mit Fernweh und meistens wunderschön. Das hier sollte man unbedingt verfolgen! [Field Recordings/Believe | VÖ: 27.03.2015] – (ms)

Orbit The Earth - The Tidal Sleep - Artwork #1

Orbit The Earth / The Tidal Sleep – Split

Hier muss man eigentlich nicht so wirklich viel erzählen, schließlich sind beide Bands hinlänglich bekannt. Jetzt gibt es auf dieser gar nicht mal so kurzen 12″ jeweils drei neue Songs und ein Cover der jeweils anderen Band zu hören. Wie nicht anders zu erwarten war, gibt man sich hier hüben wie drüben keine Blöße. Wobei Orbit The Earth eine etwas differenziertere Produktion vertragen hätten können. Und The Tidal Sleep ihren Hang zum Postrock noch ein kleines Stück intensiver gestaltet haben. Wie man es auch dreht und wendet, diese Veröffentlichung ist in jedem Fall besonders empfehlenswert. [This Charming Man | VÖ: 04.04.2015] – (ms)

Wind und Farben - SouvenirWind und Farben – Souvenir

Alte Bekannte sind auch Wind und Farben. Jedenfalls haben sie bereits einen Song zu unserem kleinen Sampler beigesteuert. Seit ein paar Tagen gibt es nun auch die 12″ Souvenir. Zu hören gibt es wie schon bisher Post-Punk im Sinne von Captain Planet & Co. mit ordentlicher Emo-Schlagseite. Das klingt dann manchmal so, als hätte man die Trümmer Adolars wieder aufgehoben und einen richtigen Sänger ins Boot geholt. Und das ist als Kompliment gemeint. [lala/Broken Silence | VÖ: 13.03.2015] – (ms)

Modest Mouse – Strangers To Ourselves

Modest Mouse - Strangers to ourselves // Bild: pitchfork.comDienst nach Vorschrift

Man erwartet eigentlich immer etwas Besonderes von Modest Mouse. Daran sind sie auch gänzlich selber schuld. Schließlich haben sie Alben aufgenommen, von denen fast alle anderen halbwegs vergleichbaren Künstler_innen nicht mal zu träumen wagen. The Lonesome Crowded West und The Moon And Antarctica prügeln sich da als verbeulte Raufbrüder mit dem Anarcho-Pop von Good News For People Who Love Bad News und We Were Dead Before The Ship Even Sank um den Titel „bestes Album von Modest Mouse.“ Und wenn man Songs wie Dramamine auf einem Debut findet, kann man es nur mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun haben.

Kurzum: Modest Mouse haben bisher fast durchwegs großartiges Material vorgelegt. Und die Erwartungen an Strangers To Ourselves zusätzlich noch durch schlanke acht Jahre Wartezeit in Höhen getrieben, die Felix Baumgartner und seinen Red-Bull-Stratos-Unfug aussehen lassen wie einen kleinen Schulbub mit Bobby-Car. Im Normalfall könnte man die Platte also als netten Versuch titulieren, der den Schatten seiner Vorgänger aber niemals verlassen können wird. Im Normalfall.

Der zählt aber im Hause Modest Mouse nicht allzu viel. Dementsprechend unbeeindruckt eröffnet der Titeltrack und Opener die wilde Fahrt in aller Ruhe, macht aber dennoch in kurzer Zeit deutlich, was die letzten acht Jahre gefehlt hat. Und fungiert gleichzeitig als perfekt eingepasstes Aufwärmprogramm zu Lampshades On Fire, dessen ruheloser und funkig-zackiger Auftritt so tut als wären die letzten Jahre nicht passiert und die Herren Brock & Co. niemals wirklich weg gewesen wären. Das bringt zwar absolut nichts Neues, macht aber immer noch Spaß wie am ersten Tag. Gleiches gilt für Coyotes, das sich zunächst in akustischer Schönheit ergeht, ehe alle Euphoriedämme brechen dürfen. Richtig köstlich geraten ist auch Pistol (A. Cunanan, Miami, FL. 1996). Hier macht schon der Titel klar, dass sämtliche Formeln über Bord geworfen werden. Was genau dieses Stück nun ist (Persiflage, außer Kontrolle geratener Jam, pure Spinnerei?), bleibt schlussendlich unerheblich: Bringt man nur ein wenig Humor mit, nickt man diesen Song auf jeden Fall mit einem Grinsen ab. Zumal Modest Mouse gegen Ende plötzlich mit einer richtigen Hookline daher kommen.

Also alles beim Alten und wieder eine großartige Platte mehr in der Diskographie? Nein. Nein? Ja. Weil Strangers To Ourselves ohne Frage zwar ein gutes Album ist, aber doch ein paar Fehlerchen mehr als gewohnt mit sich herum trägt. Da wäre der simple Fakt, dass die Platte mit ihren 15 Songs einfach eine ganze Ecke zu lang geraten ist. Und dementsprechend wenig stringent. Unfug wie das akustisch durchgeschunkelte God Is An Indian And Your An Asshole braucht nun wirklich niemand. Und auch Pups To Dust oder Wicked Campaign sollte eine konsequente Qualitätskontrolle eigentlich aussortieren. Zumal man bei Letzterem immer wieder Angst hat, dass Brandon Flowers plötzlich in den arg gefälligen Song hinein trällert. Modest Mouse und die Nervensäge von den Killers in einem Satz. Und das ohne Witz. Fühlt sich eigentlich nicht richtig an.

Nicht richtig ist am Ende dieser gut 57 Minuten auch das Gefühl, mit dem die Band ihre Hörer_innen zurücklässt. Strangers To Ourselves ist zu lang und zu zerrissen. Und obendrein vor allem: Routiniert. Man hört sie zwar gerne, die Songs, wird aber dennoch niemals das Gefühl los, dass hier Leute einfach ihre Arbeit gemacht haben, obwohl sie doch eigentlich absolute Ausnahmekönner sind. Das irritiert. Und versperrt fast den Blick auf das Abschlussdoppel aus The Best Room und Of Course We Know. Hier läuft das Sextett nämlich doch nochmal zur gewohnten Überform auf und zeigt gerade mit dem tonnenschweren Rausschmeißer, was möglich gewesen wäre. So aber bleibt festzuhalten, dass sich Modest Mouse einen menschlichen Moment erlaubt haben. Kann ja mal passieren.

6/10

Anspieltipps: Coyotes, The Best Room, Of Course We Know

(Martin Smeets)

Modest Mouse – Strangers To Ourselves | Columbia / Sony | VÖ: 13.03.2015 | CD/LP/Digital