Lights & Motion – Chronicle

Lights&Motion - Chronicle

Get Lucky

„Accessible, deep and totally captivating, the album picks your spirits up where all else has failed. It inspires feelings of awe and wonder. It calls to the depths of the soul where reverie awaits. It breathes new life into all who listen.“

Vier Sätze. Keine weiteren Fragen. Wenn sich naturgemäß latent übertriebene Albumankündigungen zu derlei Geschwurbel hinreißen lassen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Leute vom Label endgültig übergeschnappt, oder es gibt neues Material seitens der Speerspitze musikalischer Lebenshilfe Christoffer Franzen alias Lights & Motion. Der hat schon einmal semi-erfolgreich dafür gesorgt, dass hier über die versöhnende Kraft von Kunst spekuliert wurde. Und er tut es jetzt also wieder. Statt Reanimation heißt die Platte nun Chronicle, ansonsten bleibt auf den ersten verhuschten Blick alles beim alten.

Die Stilmittel sind also geblieben – weltumspannender Postrock mit viel Klavier, Synthies, Pauken, Trompeten, Streicher, Tamtam und allem, was sonst irgendwie hübsch tönen könnte. Das liest sich etwas despektierlich, klingt aber in aller erster Linie einfach nur schön. Das ist Chronicle nämlich von der ersten bis zur letzten Sekunde. Schön. Kein disharmonischer Ton trübt in noch so weiter Entfernung das Bild, kein einleitendes Gitarrenfeedback schwillt unangenehm laut an, kein Spannungsbogen entlädt sich allzu unvermittelt. Hier nehmen sich die heimeligen Harmonien bei der Hand und umschmeicheln ihre HörerInnen mit allem, was sie haben. Wer bei so viel musikalischer Freude nicht zwischenzeitlich ein Lächeln auf den Lippen hat, muss wirklich nicht von dieser Welt sein.

Und doch mischen sich schon nach einigen Minuten, wenn der Opener Fireflies gerade noch dabei ist, selbst die finstersten Nächte mit seinen flirrend-großartigen Bausteinen noch bis in die letzten Winkel auszuleuchten, wohlbekannte Bedenken in das positive Stimmungsbild. In Form von nun wahrlich überflüssigen „Oh-oh“-Chören, die zwar angenehm dezent platziert sind, dem Song aber dennoch ein Stück seiner Erhabenheit rauben. Exakt das gleiche Schauspiel ereignet sich im Falle von Antlers, das sich zur Mitte hin aufmacht, um ein ganzes großes Highlight im Postrock zu werden. Und durch diesen ärgerlichen Hang zur übertriebenen Ausschmückung doch „nur“ ein überdurchschnittlicher Song bleibt.

An dieser Stelle wäre es ein Leichtes, zu konstatieren, Franzen habe seit der letzten Platte wenig dazu gelernt, tappt er doch in die gleichen Fallen, wie schon auf Reanimation. Doch dann lässt Franzen Reborn von der Leine. Das macht unvermittelt die Vorhänge zu und drängt die Platte in eine im Albumkontext geradezu düstere Richtung. Und wo man früher schon die Hälfte der Aufmerksamkeit verloren hatte, ist man heute plötzlich wieder mitten drin, in Franzens Werk. Ein Glück, bekommt man so doch die wunderschönen und gleichsam wundervoll reduzierten Klaviertupfer Northern Lights und Paper Wings mit. Oder den tatsächlich spektakulären Closer The Spectacular Quiet.

Chronicle fährt nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten doch noch Songs auf, die das obige Zitat aus dem Reich der Fabeln retten. Und Christoffer Franzen gelingt mit diesem Album genau das, woran er zuletzt noch so schön gescheitert ist: Ein Album, dem es gelingt, Stimmungen ins Positive kippen zu lassen. Musik, der Versöhnung inne wohnt. Das mögen manche verstiegen oder seltsam finden. Es ist aber vor allem eines: Bemerkenswert.

8/10

Anspieltipps: Reborn, Northern Lights, As The World Goes Away, The Spectacular Quiet

(Martin Smeets)

Lights & Motion – Chronicle | Deep Elm | VÖ: 13.01.2015 | Digital

Quarterback 40 – Quarterback 40

Quarterback 40 - s/t // Bild: amazon.de

Gnihihihi!

Es kommt sehr selten vor, aber hin und wieder passiert es dann doch – man bleibt ob einer bestimmten Band sprachlos. Im allerbesten Fall bilden die eigenen Gesichtszüge dann einen verklärt-freudigen Blick und man minimiert alle Körperfunktionen und Umwelteinflüsse auf ein Minimum, um das eben zu hörende Wunder voll und ganz zu begreifen. Viel zu oft aber versteht man erst gar nicht, wie sich jemand finden konnte, der die zu hörende größte Grütze unter der Sonne überhaupt aufnehmen wollte. Geschweige denn die Menschen, die das Ganze dann auch noch veröffentlichen. So ganz ohne Scham.

In welche dieser beiden Kategorien Quarterback 40 mit ihrem selbstbetitelten Debut fallen, das soll nun jedeR selber erraten. Ein paar Hinweise: Das Cover ziert ein frisch aus irgendeiner beliebigen US-Teeniekomödie geschnittenes Footballtrikot, der Promotext gefällt sich in ach so ironisch-verwitzelten Satzunfällen. Gnihihihi. Dazu gibt es Songtitel der Sorte Ich mag Bier!, oder Party bei Steve!. Das Ausrufezeichending wird natürlich konsequent durchgezogen, die Texte bieten – voll krass – ein Themenspektrum von Mädchen, Alkohol IV, pöhsen Politikern und natürlich ganz viel harten Partykram.

Warum trotzdem überhaupt erst über diesen Käse geschrieben wird? Nun, weil Quarterback 40 den ganzen – pardon – Quatsch natürlich irgendwie total ironisch meinen und genau dadurch noch viel schlechter werden, als sie eigentlich ohnehin schon sind. Mal zum mitschreiben: Für verschlungene Tagebuchtexte voller Metaebenen gibt es schon einen gewissen Farin Urlaub, für stumpfe Rebellion die Terrorgruppe und für irgendwie tapsigen, aber doch liebenswerten Deutschrock stehen schon Kapellen wie Madsen, oder gar die Sportfreunde Stiller. Das spräche Quarterback 40 natürlich immer noch nicht die Daseinsberechtigung ab, würden sie ihre Sache wenigstens manchmal besser machen, als die gerade genannten. Machen sie aber nicht. Ganz im Gegenteil, dieses Album bietet in jeglicher Hinsicht so wenig Spannung, selbst Fahrstühle würden da ihren Dienst quittieren.

Wenn man bis zum bitteren Ende böse sein will, könnte man selbst Joachim Witt vor dieser Truppe hier sehen. Der ist immerhin im vollen Ernst miserabel und versteckt sich nicht hinter irgendwelchen holzhammerig-ironischen doppelten Böden. Aber so fies will ja auch niemand sein. Deshalb: Selbst irgendeine milchgesichtige Nachwuchsband war schon mal besser, als das hier.

2/10

Anspieltipps: –

(Martin Smeets)

Quarterback 40 – Quarterback 40 | Sweeep/Delta | VÖ: 30.01.2015 | CD/Digital

Feine Sahne Fischfilet – Bleiben oder Gehen

Feine Sahne Fischfilet - Bleiben oder gehen // Bild: jpc.de

War was?

Mal im Ernst: In den letzten Wochen hat man in so vielen Blogs, Zines und Gazetten die Wörter „Verfassungsschutz“ und Feine Sahne Fischfilet im direkten Zusammenhang, man könnte bösartig spekulieren, beide Seiten wären eine höchst zynische, ziemlich einseitige Kooperation miteinander eingegangen. Zumindest dem Verfassungsschutz kann man attestieren: So tapsig kann man die Steilvorlagen doch eigentlich gar nicht mehr liefern. Aber gut, die HüterInnen der Grundfeste der Demokratie sollen hier auch gar nicht das Thema sein.

Sondern: Bleiben oder Gehen, das neue Album der Hemdsärmelpunkrocker von – Überraschung! – Feine Sahne Fischfilet. Und die Frage, ob der Wind, der medial um das mittlerweile vierte Album der Band gemacht wird, denn überhaupt irgendwie gerechtfertigt ist. Um zumindest das gleich kurz und bündig zu beantworten. Nein, nicht unbedingt. Weil Bleiben oder Gehen jetzt nicht wirklich ein unfassbar meisterhaftes Stück Musikgeschichte geworden ist. Im Gegenteil. Das Album glänzt mit einer manchmal fast nervigen Unterproduktion. Und mit Stilmitteln, die man so auch der Garagenkapelle von nebenan zuschreiben könnte. Die Powerchords bratzen dahin, die Songs beugen sich den genretypischen Formeln und von Zeit zu Zeit driftet die Band zu allem Überfluss in Ska-Punk von der Stange ab.

All das verhindert glücklicherweise nicht, dass 48 Knoten ein grandioser Song ist und mit Für diese eine Nacht, Solange es brennt oder Nur Applaus auch sonst noch ein paar sehr ordentliche Stücke vom Laster fallen. Für musikalische Großtaten – das unzerstörbare Komplett im Arsch mal außen vor – sind Feine Sahne Fischfilet ohnehin nicht zuständig. Die Triebfeder hinter diesen Nummern heißt Haltung. Gegen Rechts, gegen IS, gegen Sexismus, man kann die Liste gerne fortsetzen. Allein das rechtfertigt aber lange nicht, warum Feine Sahne Fischfilet vom Punk-Fanzine bis zum Feuilleton allgegenwärtig sind.

Haltung haben nämlich auch ganz viele andere Bands, ohne dafür gleich an jeder Ecke abgefeiert zu werden. Ohne den Staatsschutz-Bonus pendelt sich die Band mit diesem Album irgendwo in der Nähe von Broilers und Die Toten Hosen ein. Nur halt ein klein wenig besser. Mehr is nich.

6/10

Anspieltipps: 48 Knoten, Solange es brennt

(Martin Smeets)

Feine Sahne Fischfilet – Bleiben oder Gehen | Audiolith/Broken Silence | VÖ: 23.01.2015 | CD/LP/Digital

Koeter – Caribbean Nights

Koeter - Caribbean NightsPipikaka und Dada

Karibische Nächte stellt man sich wahrlich anders vor. Anders jedenfalls als es Koeter mit dem Cover ihrer Debüt-LP Caribbean Nights nahelegen wollen. Denn irgendwie trist ist diese notdürftig und halb mit grüner Farbe bepinselte Betonwand ja schon. Nach Sonnenuntergang, Strand und Party schaut das nicht aus. Eher nach dem Kater bei Sonnenaufgang, nachdem in der Nacht zuvor das Mischverhältnis des Cuba Libre etliche Male deutlich zugunsten des Rums ausgefallen ist. Und Koeter klingen auch noch verdammt nach Kater. Caribbean Nights ist ein Punkalbum für Leute, die für Punk eigentlich schon zu alt sind; denen nach zwei Cuba Libre drei Tage lang der Schädel brummt. Klingt verheerend? Ist es aber nicht, that’s wahres real life, um es einmal in einem koeter-ähnlichen Duktus auf den Punkt zu bringen. Insgesamt haben wir es hier mit zehn Midtempo-Punknummern zu tun, die allesamt nicht viel mehr brauchen als die Punkrock-Standardinstrumentierung und allzu gewohnte Songabläufe, um die Platte doch überraschend gut und relevant über die genau richtige Spielzeit von 30 Minuten zu katapultieren.

Koeter leisten sich keine handfesten Ausrutscher und präsentieren eine bemerkenswert starke Platte. Das liegt allen voran an einigen wirklich vortrefflichen Songs, so etwa Stockholm oder Sinnlock und an Koeters Leidenschaft für Sprache. Im textlichen Ausdruck wimmelt es nur so von Sprach- und Wortspielen, die nicht immer Sinn machen, aber immer sinnvoll erscheinen. Sie pendeln stets irgendwo zwischen Albernheit und Genialität, abstraktem Nonsense und schonungsloser Empirie, zwischen Anglizismen und Neologismen, Verständlichkeit und Unverständlichkeit. „Szenenapplaus für die richtigen Moves / Szenenapplaus für die Punkretorte / Es ist egal wie aufrichtig man tut / So heimelig sind die warmen Worte … Szenenapplaus für die richtigen Moves / Richtiger Style für die Punkreporter / ‚Die klingen wie‘ sind die latesten News / So heimelig wie die warmen Worte“, heißt es z. B. in Die Warmen Worte und ja – Applaus dafür! Koeter liefern am laufenden Band zitierwürdige und tätowierfähige Ausdrücke. Wem der „Wir können alles und alles können wir sein“- Turbostaat-Slogan zu abgedroschen und langweilig wird, sollte sich bei Koeter umhören. Hierfür legen die Szenetätowierer_innen sicherlich gerne ein paar Extraschichten ein: „Popeliger als der Pope“ (Vergiss Den Quatsch), „Das sind alles Symptome / We couldn’t care less“ (Symptome), „Pipikaka und Dada gilt es nicht zu begreifen“ (Phantomstress), „Du sagtest: ’Scheiße kommt und Scheiße geht’ / Ich sage: ’Scheiße ist und Scheiße bleibt“ (Sinnlock) und so weiter und so fort – bedient euch!

Caribbean Nights ist ein einfallsreiches Album, das nicht immer aus der Punkretorte (Kein Land In Sicht ist ist so dermaßen jupiter-jonesig wie es selbst Jupiter Jones nicht hinbekommen würden) herauskommt und doch grundsolide Performance über die gesamte Spielzeit hinweg, nebst großen Momenten, bietet. Das muss verdammt noch einmal reichen für eine Debütplatte. Und dass so ein astreiner Opener wie Sinnlock nicht an den Anfang, sondern ans Ende gesetzt wird, ist nicht nur irgendwie lustig, sondern grandios. Da nimmt man einen Koeter Kater gerne in Kauf. Noch zwei Cuba Libre, bitte!
7/10

Anspieltipps: Die Warmen Worte, Stockholm, Sinnlock

(Martin Oswald)

Koeter – Caribbean Nights | Rookie Records | VÖ: 23.01.15 | LP/digital

 

The August – Lizard King

The August - Lizard King // Bild: http://midsummer-shop.de/

Die Musterschüler

Im Normalfall läuft das Zustandekommen einer Review ja ungefähr nach folgendem Schema ab: Eine mehr oder weniger große Promoagentur schickt einem ebenso mehr oder weniger großen Musikmagazin digital oder physisch einen in Bälde erscheinenden Tonträger. Mit dabei ist immer ein ausschweifendes Promoschreiben – ob seiner oftmals blumigen Formulierungen auch liebevoll „Waschzettel“ genannt – das seinen LeserInnen in zumeist holzhammerartiger Deutlichkeit klar zu machen versucht, dass das hier vorliegende Album von Band oder KünstlerIn XY wirklich der allerheißeste Scheiß unter der Sonne ist. Die RezensentInnen entnehmen diesem Wisch schließlich ein paar unabdingbare Informationen, hören das zugehörige Album und entscheiden ob es dazu tatsächlich eine Review braucht.

Nun, soviel zum Normalfall. Weniger normal ist, dass man durch puren Zufall über eine hellauf begeisterte Besprechung der KollegInnen von metal.de auf eine bis dahin völlig unbekannte Band stößt. Mal abgesehen davon, dass eine Rezension ja letzten Endes immer eine ziemlich subjektive Angelegenheit ist: Wenn zur Beschreibung des Sounds von The August Namen, wie OceansiceMogwaiMono und Dredg verwendet werden und außerdem die Bewertung an’s obere Ende der Skala stößt, kann das gemeinte Album so schlecht nun ja wirklich nicht sein. Zumal eben dieses Album auch noch den geschmackssicheren Namen Lizard King trägt. Oder?

Nun, die Antwort liegt auf der Hand: Ja! Aber bevor das hier in eine vorbehaltlose Jubelarie ausartet, der Reihe nach: The August machen – die genannten Referenzen lassen es erahnen – im weitesten Sinne Postrock, kommen aus dem beschaulichen Aschaffenburg und legen mit dieser Platte erstaunlicherweise ihr Debut vor. Erstaunlich ist das deshalb, weil die ganze Chose nach allem Möglichen klingt, aber nicht nach einem Debut. Zu ausdifferenziert ist der Sound, zu vielfältig die Wege, auf denen die Band ihre Songs ausformuliert und zu gelungen sind die schlichtweg die Stücke. Beispiel gefällig? Allein das treibende Shelter versammelt auf seinen gut sieben Minuten mehr zündende Ideen, als es die erwähnten Dredg auf ihren letzten zwei Alben geschafft haben. Ähnlich hervorragend spielt sich Tiger in den Vordergrund, dass sich zunächst von brodelnden Gitarrenfeedbacks tragen lässt, sich zwischenzeitlich in raumgreifende Stille zurückfallen lässt und am Ende einen wieselflinken Ausbruch auf’s Parkett zaubert.

Das kann man schon mal machen. Genau wie die Platte mit einem klassischen Postrocker, wie eben 847 einer ist, zu beschließen. Das hat dann wirklich was von der erhabenen Schlichtheit, die Mogwai schon seit jeher so auszeichnet und einzigartig macht. Und genau da setzt auch der einzige Vorwurf an, den man diesen Musterschülern überhaupt machen könnte. Könnte, weil das Herausstellen des eigenen Bandsounds ganz klar Jammern auf hohem Niveau ist. Und außerdem nicht wirklich fair.

8/10

Anspieltipps: Tiger, Lucid Dreams, Shelter, 847

(Martin Smeets)

The August – Lizard King | Midsummer/Cargo | VÖ: 23.05.2014 | LP/CD/Digital

Kurzformat #1

 

Rivershores – Fuck It, Dude! Let’s Get Wasted!

Zugegeben, weder Albumcover noch der Titel machen besonders viel Lust diese EP auch wirklich zu hören. Wer sich aber darauf einlässt, bekommt eine gute Portion Pop-Punk, dargeboten mit einem Ausmaß an Spielwitz und Charme, die man nun wahrlich nicht hinter der äußeren Präsentation vermutet hätte. Kann man machen, zumal die Band ein nicht zu leugnendes Gespür für unwiderstehliche Melodien und textlich überraschend viel zu bieten hat. [Uncle M|VÖ:23.01.2015] (ms)

 

I, The LionI, The Lion – Run

Wesentlich ernsthafter als die oben vorgestellten Kandidaten präsentieren sich I, The Lion. Die Fahrwasser, in denen sich das Trio aus Cheltenham am wohlsten fühlt, sind ganz eindeutig gefüllt mit schwermütigem Post-Punk. Was nicht heißt, dass es schon wieder eine Band mehr gibt, die versucht, wie Touché Amoré zu klingen. Dafür ist Run dann auch schlichtweg zu abwechslungsreich und fintenreich. Wer unbedingt will, könnte an den Instrumenten eine gewisse Hinwendung zu Antemasque erahnen. Aber wirklich nur erahnen. Wie dem auch sei: Sehr hörenswert, das. [VÖ: 09.02.2015] (ms)

 

AbramowiczAbramowicz – Generation

Im Normalfall stellt es uns ja bei solchen Begriffen, wie „Folk-Punk“ so ziemlich alle verfügbaren Nackenhaare gen Firmament. Warum? Weil es im Jahre 2015 nun wirklich keine Sensation mehr ist, wenn eine Band versucht, diese Pole zu verbinden. Es sei denn, man hat noch nie etwas von Against Me! oder so gehört. Wie dem auch sei: Diese Band hier wird – da gehen wir jede Wette ein – ihren Weg machen und zukünftig öfter mal Thema in großen Musikmagazinen sein. Ach, bevor wir es vergessen: Völlig zurecht! [Sportklub Rotter Damm|VÖ:16.01.2015] (ms)

 

Rowan OakRowan Oak – It’s Hard To See You Clearly

Weniger wird man in großen Musikmagazinen vermutlich von Rowan Oak hören. Das klingt jetzt ein bisschen gemein, ist aber eigentlich nur der Tatsache geschuldet, dass die Welt eben manchmal ein irgendwie doofer Ort ist. Und vielleicht auch ein bisschen daran, dass diese drei Songs als Musikkassette erscheinen, die auch noch auf fünfzig Stück limitiert ist. Wer noch in der Lage ist, solche Teile abzuspielen, sollte sich das Tape aber un-be-dingt holen, präsentieren Rowan Oak auf selbigem doch drei mal Emo-Punk der wirklich hervorragenden Sorte. [Colossus Tapes|VÖ: 30.01.2015] (ms)

Monophona – Black On Black

Monophona - Black On Black

In den dunkelsten Stunden

Es wird schwerlich jemand bestreiten können, dass Musik bisweilen an Ort und Zeit gebunden ist. Die wenigsten werden sich einen heißen, penetrant fröhlichen Sommernachmittag mit Neurosis vertreiben. Genau wie wohl kaum jemand Ska-Punk zum Soundtrack für einen verregneten Herbstabend küren würde. Man könnte derlei Beispiele jetzt sicherlich noch eine ganze Weile durchexerzieren, oder ganz einfach auf den Punkt kommen und feststellen: Monophona machen Musik, die sich mit großer Sicherheit in den dunkleren Stunden wohler fühlt.

Auf verschwitzten Tanzflächen, als idealer Begleiter während nächtlicher Autofahrten, oder im immer glühenden Neonlicht der U-Bahn. Dort passt er hin, der fiebrige Trip-Hop vom passend betitelten Zweitling Black On Black. Zumindest so lange die düsteren Facetten in Monophonas Sound die Oberhand behalten. Wenn zum Beispiel Forest Of Wonders in einer Mischung aus nervöser Stimmung und stoischer Elektronik an seinen HörerInnen vorbeihuscht. Oder wenn unmittelbar danach The Hill mitsamt grollendem Bass den noch direkteren Weg in Richtung Kälte und Dunkelheit geht. Das ist dann klaustrophobisch, geradezu bedrohlich und gerade deswegen ziemlich unwiderstehlich. Songs, deren geheimnisvolles Antlitz eine ungeheure Faszination versprüht sind das, die Monophona hier teilweise versammeln. Teilweise, weil zwischen all der musikalischen Drohkulisse doch immer wieder wohl dosierte Lichtblicke eingeschleust werden. Wenn A Mole Like A Breadcrumb etwa mitsamt versöhnlicher Melodie und Pluckerbeat sanft in Richtung früher Electric President grüßt. Oder wenn Heavier Slower einen ausladenden Refrain preis gibt, den man so auch bei Daughter hören könnte. Dann erkennt man, dass das Trio aus Luxemburg durchaus auch abseits der Nacht funktionieren kann.

Zumal im Refrain des furiosen Closers Ricochet ohnehin der Morgen vertont wird. Irgendwo zwischen Portishead, Four Tet und einer kaum überhörbaren Indietronic-Schlagseite schaffen Monophona ein durchaus aufreizendes Album. Das sich selbst widerspricht, das der Düsternis immer wieder helle Farbtupfer gegenüberstellt. Das deshalb auch nicht so ganz genau weiß, wo die Reise denn nun hingehen soll. Aber solange innere Zerrissenheit so gut klingt – geschenkt.

7/10

Anspieltipps: A Mole Like A Breadcrumb, Heavier Slower, Ricochet

(Martin Smeets)

Monophona – Black On Black | Kapitän Platte/Cargo | VÖ: 30.01.2015 | CD/LP/Digital

Matze Rossi | 15.01.15 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

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Matze Rossi

Es geht um Licht, Liebe, Leben, Freunde, Träume, Kinder, Beine und Wunder. Nein, die Rede ist nicht von Semino Rossi im ZDF Fernsehgarten, sondern von Matze Rossi in der Alten Mälzerei. Und nein, das ist auch nicht so schlimm wie es zunächst klingt. Wir haben es hier nämlich nicht mit Retortenschlager zu tun, sondern mit einem der besten deutschsprachigen Singer/Songwriter. Weil letzterer textlich der Sonntagvormittagunterhaltung im öffentlich-rechtlich Fernsehen oftmals verdächtig nahe kommt, gibt zwar einerseits Grund zum Fremdschämen, ist andererseits dermaßen konsequent und authentisch, dass die Güte von Matze Rossi in dieser Hinsicht tatsächlich erklärungsbedürftig ist.

Der Schweinfurter ist im Rahmen einer Mini-Tour zum ersten Mal solo nach Regensburg gekommen, um sich vor ca. 70 Leuten durch mittlerweile fast ein Jahrzehnt Senore-Matze-Rossi-Songs zu spielen. Vier Alben (aktuell Und jetzt Licht, bitte!!!)und paar EPs (siehe z. B. hier und hier) hat er bisher veröffentlicht und ist musikalisch zuletzt wieder stark zu seinen Solo-Wurzeln zurückgekehrt. Gesang, Gitarre und gelegentlich Mundharmonika. Mehr gibt’s nicht. Wie bei Matze üblich, gibt es noch nicht einmal eine Setlist. Er sagt und singt, was ihm gerade so in den Sinn kommt. Das ist teilweise an Kitsch und Schwülstigkeit nicht zu überbieten, aber dafür schonungslos ehrlich und im Grunde genommen im höchsten Maße liebenswert. Denn Matze ist so etwas wie der netteste Mensch der Welt. Wenn man ihn reden, spielen, lachen und singen sieht und hört, kann man eigentlich zu keinem anderen Urteil kommen. Man kauft ihm alles ab. Jedes Gefühl, jede Silbe über das Schöne, das Gute und das Glück (das er stets „Klück“ ausspricht) sind echt und nicht etwa Berechnungen und Verkaufsabsichten aus der Schlagerretorte. Fast zwei Stunden nimmt sich Matze Zeit mithilfe seines großartigen Songwriter-Talents und seiner herrlichen Stimme sein Herz auszuschütten. Eingewoben ist all das in viele Anekdoten über Vergangenes („In Regensburg war ich zuletzt mit Tagtraum. Ich weiß, dass wir ziemlich betrunken waren. Das ist aber auch das einzige, was ich noch weiß“) und Zukünftiges (Job kündigen und ganz viel Musik machen).

Letztlich ist das Konzert eine einzige große Erzählung über den Protagonisten Matze Rossi, der sich kindlich, ja geradezu naiv durch eine ihm unverständliche und raue Welt bewegt, dort gelegentlich aneckt, stets aber auf der guten Seite landet. Freundschaft, Liebe, Geborgenheit und natürlich die Musik – in diese Erzählung streut Matze Songs ein, die ihm gerade passend erscheinen. Darunter finden sich aktuelle Stücke gleichermaßen wie alte. Aber auch Tagtraum-Songs (Analog am Stück, Balsam), Songs seiner aktuellen Punkband Bad Drugs (We Are (Not) Fucked, Best Friends) und sogar Cover (Hot Water MusicAt the End of a Gun) spielt er. Eigentlich könne er gar nicht so gut covern, macht es aber trotzdem, auch könne er gar nicht so gut Gitarrezupfen, macht es aber trotzdem. Manchmal vergisst er Textpassagen, singt aber weiter. Die Möglichkeit des Scheiterns ist bei Matze Rossi immer mitgedacht, ja sie liegt geradezu offen auf der Hand. Nur scheint es ihn überhaupt nicht zu kümmern. Warum auch? All das gehört zum Gesamtbild von Matze Rossi: Der netteste Mensch der Welt auf der Suche nach seinem Klück.

(Martin Oswald)

Fall Out Boy – American Beauty/American Psycho

Fall Out Boy - American Beauty/American Psycho//Bild: altpress.com

Popmusik ist Bürgerkrieg

Fall Out Boy? Waren das nicht die, deren Bassist Pete Wentz vor vielen Jahren mal getestet hat, wie viel Ativan man sich als Mensch so reinziehen kann, ohne dass die Letzte auch wirklich ‚die‘ Letzte war? Oder die, deren Bassist wenig später dafür verantwortlich war, dass die Wortkombination ‚Pete Wentz nude‘ bei Google unter den meist gesuchten auftauchte?  Oder die, die anlässlich der Veröffentlichung ihres damaligen Albums Infinity On High einen Werbedeal mit Wal-Mart (was rückwirkend tatsächlich noch bescheuerter wirkt) abgeschlossen hatten? Ja, genau die waren und sind das.

Anhand der bisherigen Schilderungen lässt sich vermutlich unschwer ableiten: Fall Out Boy sind jetzt von außen betrachtet nicht die feinsinnigste und liebenswerteste Kapelle unter der Sonne. Aber da steht ja auch was von ‚Album‘ und ‚Bassist‘ und ‚Werbedeal.‘ Ergo müssen diese Typen wohl auch irgendwas mit Musik zu tun haben. Und ja, hamse. Leider. Weil Fall Out Boy – wiederum von außen betrachtet – eigentlich für alles stehen, was man an musikalischer Verwertungslogik abgrundtief scheiße finden kann. Sprich: Ohne die mehr oder weniger freiwillige mediale Selbstinszenierung wäre diese Band dort, wo sie hin gehört. Nämlich bei den Punchlines und Lucky Boys Confusions dieser Welt. Kennt keine alte Sau? Pointe erkannt! Die Lösung läge auf der Hand, ist aber gleichzeitig keine Option. Obschon Fall Out Boy bislang noch kein wirklich herausragendes Album fabriziert haben, verbietet es sich doch, das Quartett aus Illinois zu verachten. Dafür sind sie leider, leider zu gut. Wer möchte schon in einer Welt ohne Sugar, We’re Going DownDance, Dance, oder Thnks Fr Th Mmrs (mehr zu derlei Unsinn: hier!) leben? Genau, keiner.

Jetzt aber, zur Zeit von Album Nummer zwei der Post-Comeback-Bandexistenz packt die Band plötzlich den Altruismus aus und löst das eben langatmig skizzierte Dilemma in einem Handstreich. Man ahnt, was jetzt kommt und es stimmt – American Beauty/American Psycho ist so himmelschreiend schlecht, dass man den bisherigen Katalog der Band vergessen und endlich mal so richtig drauf los haten kann. Ob die Titel jetzt Centuries, Uma Thurman oder Novocaine heißen, ist völlig egal. Fall Out Boy machen keine Songs mehr, sie erklären ihren HörerInnen offen den Krieg. Oder verhöhnen sie geschickt, indem sie testen, wer solch üblen Auswurf tatsächlich kauft.

Nun gut, blickt man auf die Verkaufszahlen der Single Centuries, finden sich schon mal mehr als eine Million Menschen, die dafür Geld ausgegeben haben. Und im songeigenen(!) Wikipedia-Artikel das Zitat irgendwelcher Wahnsinnigen von MTV: „The ultimate battle cry of a track“. Uff, das sitzt. Dabei sind sowohl Song als auch Album eigentlich nur mit irgendwelchen hippen Lifestyle-Drogen zu erklären. Oder dadurch, dass die Welt ein wirklich schlimmer Ort ist. Zum Glück gibt es für diese existenziellen Fragen mit American Beauty/American Psycho, oder Irresistible tolle Lösungen: Stücke, die so akkurat am Nervenkostüm zerren, dass man resigniert, aufgibt und sich das restliche Leben über erst gar keine Fragen mehr stellen mag. Hauptsache, man muss das nicht mehr hören. Wobei man fairerweise doch erwähnen muss, dass die letzten vier Stücke komplett ohne körperliche Schmerzen hörbar sind. Immerhin.

Dazu bleibt – frei nach dem Hobbytheoretiker des guten Lebens, Noel Gallagher – nur zu sagen: In einer Welt, in der Fall Out Boy für ein Album wie dieses Auszeichnungen und Bares hinterher geworfen bekommen, möchte man eigentlich nicht leben.

Ohne Bewertung

Anspieltipps: –

(Martin Smeets)

Fall Out Boy – American Beauty/American Psycho | Island/Universal | VÖ: 16.01.2015 | CD/LP/Digital

Patrons

Bild: wearepatrons.bandcamp.com

Schon lange wurde es nicht mehr ruhig, um alles, was rund um den Begriff Post-Punk so kreucht und fleucht. Dafür sorgten die bestens bekannten Namen von La Dispute bis Make Do And Mend zumeist selber. Und wenn die gerade keine Zeit zur Markenpflege hatten, kam von irgendwo her eine kleine, interessante Kapelle des Weges, und gab mal eben ihr Versprechen für die Zukunft ab. Eine davon waren Patrons. Die haben mit ihrer selbstbetitelten EP im März vergangenen Jahres eindrücklich unter Beweis gestellt, dass sie nicht nur ihre genreimmanenten Hausaufgaben erledigt haben, sondern darüber hinaus auch noch einen Draht zu den ‚alten‘ Helden haben. Einen Bogen von Thrice über frühe Hot Water Music  hin zu La Dispute schlägt nicht jede beliebige Band.

Jetzt macht sich die Band auf, ihre herausragende Frühform mittels einer zweiten EP zu bestätigen. Heißen soll das Ganze The Momentary Effects Of Sunlight, hören kann man das Teil wohl spätestens am 13. März. Man darf gespannt sein und sich bis dahin folgendes Teaservideo gönnen, das neben diversen Belanglosigkeiten tatsächlich ein wenig Musik bereit hält:

Wer keine Lust auf halbgare Teaser hat, darf sich übrigens auch gerne durch das bisher veröffentlichte Material der Band hören: