Nagel | 17.12.14 | Alte Mälzerei (Regensburg) – Lesung

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Nagel

Mittwochabend, Regen in Regensburg. Der Anarchoautor (dazu später mehr) Nagel ist auch da. Der frühere Sänger, Gitarrist und Texter der vor fast auf den Tag genau 5 Jahren aufgelösten Muff Potter und derzeitige Kopf der Band NAGEL, ist zu einer Lesung mit dem Titel „Vielen Dank für die Blümeranz“ in den Mälze-Underground gekommen. Denn Nagel, auch wenn die Muff-Potter-Referenz recht inflationär genannt wird, ist nicht ausschließlich Musiker. Auch als bildender Künstler und vor allem als Autor hat er so manches vorzuweisen. Seine Druckserie „Raucher“ zum Beispiel oder eben zwei Bücher („Wo die wilden Maden graben“ und „Was kostet die Welt“), die er bis dato veröffentlicht hat. Das dritte mit dem etwas seltsamen Namen „Drive-By Shots“ wird im März 2015 folgen.

Aus diesem noch unveröffentlichten Buch hat Nagel fünf Texte mitgebracht, die er nicht nur vorliest, sondern zusätzlich mit zahlreichen Anekdoten versieht. Drive-By Shots, so viel kann man sich selbst zusammenreimen, wird eine Art Reisebuch mit autobiographischen Reflexionen über Aufenthalte, Eindrücke, Menschen und ja, allerlei Erlebnisse, die dem umtriebigen Münsteraner (mittlerweile – natürlich – Berliner) auf seinen zahlreichen Reisen begegnen. Es ist davon auszugehen, das man es bei seinen aktuellen Werken mit relativ wenig Fiktionalität zu tun hat. Denn Nagel, Manuskriptmappe, Mikro, MacBook, Leselampe und Weißwein, an dem er nur gelegentlich nippt, vor sich, hat nebst den Tagebuch-mäßigen Schilderungen auch viele Fotos mitgebracht, die zumeist – und das verrät sogleich die erste Erzählung – mit einer geschenkten Nikon-Spiegelreflexkamera geschossen sind. Eine Kunststudentin mit offensichtlichem „Hau“ habe sie ihm samt Speicherkarte in Vancouver geschenkt oder vielmehr gegen seine alte Polaroid getauscht. Klingt komisch? Allerdings. Doch ist das noch nicht einmal das komischste an dieser komischen Geschichte. Wie – so vermutet Nagel – alle Lebensbereiche der jungen Frau war auch ihre, nun seine Kamera vollgepackt mit Unrat. Eine „Messie-Kamera“. Fast 800 unscharfe Bilder mit völlig wahllosen Motiven, oft aus Bus oder Bahn durch die Scheibe fotografiert. Drive-By Shots eben.

Nagel muss das stark inspiriert haben. Die Nikon ist zu einem Beobachtungswerkzeug für ihn geworden, das er nicht etwa gerne auf Wahrzeichen, Sehenswürdigkeiten und all die klassischen Urlaubsmotive richtet, sondern lieber auf Menschen, die sich in genau diesen fotografischen Situationen befinden. Posierende Tourist_innen auf der Jagd nach den immer gleichen Fotos. Tempelberg in Jerusalem, die Ruinen von Angkor in Kambodscha, The Southernmost Point auf Key West, die Barrikaden auf dem Maidan. Die Leute stehen Schlange, um ihre Lieben für immer auf der Digitalkamera vor den Trümmern oder Sehnsüchten der Menschheit zu verewigen. Nagel schmunzelt verwundert und hält einfach drauf.

Oft fallen ihm dabei erst im Nachhinein Kleinigkeiten und Kuriositäten auf, die seine Reiseerinnerungen und Anekdoten prägen. Im Laufe des Abends gibt es solcherlei Erlebnisse und Beobachtungen aus (wie bereits erwähnt) Vancouver, Wien, New Orleans, Istanbul und Gießen. Man hat stets den Eindruck, dass Nagel nicht explizit nach Geschichten sucht. Er gerät vielmehr irgendwie hinein, zufällig, unvorbereitet und doch mit großer Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Er weiß Situationen zu meistern und immer bleibt etwas hängen, das ihn nachhaltig beschäftigt. Er schreibt es auf. Menschen begegnet er dabei immer respektvoll, manchmal geradezu liebevoll, nicht ohne sich über ihre Eigenheiten zu amüsieren. Er will sie allerdings verstehen, die Gründe ihres Tuns ergründen. Auch will er sich selbst verstehen. Sein Handeln und Verhalten, seine Begegnungen und Entschlüsse sind ihm manchmal fremder und rätselhafter als die der schottischen Jungesellinnen in Bikinishirts oder des Diebes im Eichhörnchenkostüm in Kiev auf seinen Nikon-Bildern. Die einen gehen shoppen, der andere klaut sich Geld zum Shoppen. Was aber bedeutet das für Nagel mit seiner Nikon in der Hand und dem Notizbuch unterm Arm?

Die knapp 30 Zuhörer_innen begegnen Anarcho-Punks und (fast) Amy Winehouse in Istanbul, einer (scheinbar) liebeshungrigen Frau in New Orleans, seltsam mitteilungsbedürftigen Sprayern überall auf der Welt, einer fundamentalistischen Christengruppe in Gießen, die Instrumental-Musik für eine größere Sünde hält als Selbstbefriedigung (oder doch umgekehrt?). Die knapp 2 Stunden mit Nagel sind kurzweilig, amüsant und gewähren letztlich einen erkenntnisreichen Einblick in das Leben und Denken des Anarchoautors.

Moment, Anarchoautor? Da wäre ja noch das Sammelsurium an Ankündigungen und Berichten über Nagels Lesetouren, das er zu Beginn der Lesung eröffnet. Ja, was ihm dabei nicht alles angedichtet wird. Da wird er schon Mal als Nagel 2000 oder …But-Alive-Sänger, als Nagelsen, Vogel, Messer oder eben Anarchoautor angekündigt und bezeichnet. Ob es das „Herr Nagel“ als Punker in NagelNadelstreifen der Mittelbayerischen Zeitung auch in diese Sammlung schafft? Es könnte gut sein. Für uns bleibt dann Nagel doch einfach der Hammer.

(Martin Oswald)

Altstadtfrustfest no.1 – Barren + Failed Suicide Plan + Zerre + Kapytaen | 06.12.14 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

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Welterbestadt Regensburg. Ein gewöhnlicher Samstag. Es wimmelt nur so von Tourist_innen, die in Horden durch die Gassen geschoben werden. Der dominierende Look ist „Regenjacke“. Ob das abgesprochen ist? Egal, Hauptsache man hat alles gesehen. Dom, Steinerne Brücke, Haidplatz, St. Emmeram und natürlich 1,2,3 oder am besten 4 Christkindlmärkte, bloß nichts verpassen. Die Regensburger Altstadt ist ein Magnet, eine Marke, ein Produkt.
Das alles bringt nicht nur Freude mit sich, im Gegenteil. Altstadtfrust – so der ironisch-unfröhliche Titel der ersten Ausgabe eines, so viel sei schon einmal verraten, rundum gelungenen Festes. Das Moloch Kollektiv hatte ins L.E.D.E.R.E.R. geladen und dabei keine Mühen gescheut. Essensstand der Regensburger VEBU-Gruppe, vier (richtige) Bands und eine Live-Karaoke-Coverband. Das alles auf einmal und auch noch reibungslos im L.E.D.E.R.E.R. unterzubrigen, ist eine organisatorische Meisterleistung. Der ganze Abend will gut durchgetaktet sein, um 23 Uhr muss ja wie immer Schluss sein. Altstadt und so.
Kapytaen setzen deshalb früh die Segel, um halb sieben geht’s schon los. Kurstadt Violence nennen sie diesen crustigen Hardcore mit recht zackigen Songs und einem sich zumeist auf dem Boden wälzenden Sänger. Würden Kapytaen als letzte Band spielen, könnte man sich problemlos die Endreinigung schenken (nur als Tipp an Veranstalter_innen). Der Sound ist übrigens hervorragend und es ist auch erstaunlich das im L.E.D.E.R.E.R. so hinzubekommen. Zerre schließen ohne viel Umbaupause an. Letzteres ist überhaupt ein lobenswerter Vorgang, der sich ein ums andere Mal wiederholt. Zwischen den Bands wird nicht lange gefackelt. Abgebaut, umgesteckt, los geht’s. Ein zweifellos großer Vorteil fehlender Monitorboxen. Zerre kommen etwas melodiöser daher, lassen dafür mit allzu dumpfem Vocal-Sound etwas Federn.
Nun, Failed Suicide Plan. Vielleicht die insgesamt solideste Vorstellung, mit anspruchsvollem und intensivem Screamo, dem man die geradezu von der Decke triefende Emotionalität problemlos abkauft. Das muss man erst einmal schaffen. Die Straight-Edge-Institution Barren wiederum, die FSP nachfolgt, braucht sich ohnehin nicht mehr zu beweisen. Angepisster, rauer und dennoch klarer Geradeaus-Hardcore, der authentischer gar nicht sein könnte. Die Band ist der Inbegriff aller DIY-Ideale, das spürt man mit jeder Pore.

Es wäre ja jetzt schon ein gelungener Abend, aber das eigentliche Highlight kommt ja noch. Dirk Power and the Lonely Hearts Club. Ein bescheuert-kauziger Name für eine besondere Attraktion: Liveband-Karaoke mit „Punkrock-Klassikern“. Idee und Umsetzung sind wahrlich unterhaltsam, Songwissen und Textsicherheit halten sich beim Publikum insgesamt aber doch in Grenzen. Nicht immer finden sich Leute, die bereit sind ein paar Takte mitzuträllern. Hier gibt es bei allen Beteiligten Nachholbedarf. Die Setlist frühzeitig bekanntzugeben oder aber eine weniger gewagte Songauswahl könnten beim nächsten Mal ein bisschen Abhilfe schaffen und den Altstadtfrust noch eine Ecke amüsanter machen. Ob es ein nächstes Mal geben wird? Es wäre stark zu hoffen. Und um ein Fazit zu ziehen: DIY im Welterbe Regensburg? Läuft bei dir.

(Martin Oswald)

Zinnschauer – Hunger.Stille

Zinnschauer - Hunger. Stille // Bild: kapitaen-platte.de

Zu hoch?

Es ist bisweilen erstaunlich, wie viele großartige kleine Labels und Bands sich hierzulande so finden lassen. Zeitstrafe, My Favourite, Kapitän Platte und wie sie alle heißen veröffentlichen in schöner Regelmäßigkeit Platten, die man eigentlich nur gern haben kann. Kazimir, The Hirsch Effekt, Koeter, Captain Planet, Grand Griffon, Matula, die Liste ist lang. Und das alles ohne wirklich negative Ausnahmen. Das ‚muss man sich erst mal reintun.‘ Jüngster hoffnungsvoller Neuzugang in dieser Riege: Jakob Amr, Sjard Fitter und Jonatan Lux aka Zinnschauer.

Die haben sich – womit sie gegenüber den oben genannten schon mal aus der Reihe tanzen – dem Singer/Songwritertum verschrieben. Auf ihre ganz eigene Art, allerdings. Von gemütlichen Lagerfeuerstückchen sind die acht Stücke auf Hunger. Stille nämlich meilenweit entfernt. Vielmehr müsste man an dieser Stelle eher Post-Hardcore, Screamo oder Post-Punk als leidlich treffsichere Attribute anführen. Moment mal, steht da oben nicht etwas von Singer/Songwriter? Ja, richtig. Hier kommt zusammen, was dem eigenen Empfinden nach keinesfalls zusammen gehört. Und doch: Die Zusammenkunft völlig konträrer Genres funktioniert. Was nicht zuletzt daran liegt, das hier nicht nur ein bisschen im 4/4-Takt herumgeklampft wird. Würde man The Hirsch Effekt den Stecker ziehen und ihnen ein paar Akustische umhängen, das Ergebnis klänge in etwa wie Hunger. Stille.

Die Tempi- und Melodiewechsel, die genau an den richtigen Stellen eingestreuten Shouts, die Aus- und Abbrüche, sie alle geraten Atemberaubend. Denn sie wissen, was sie tun. Weshalb diese Songs massenhaft Durchgänge verlangen, um zumindest halbwegs erschlossen zu werden. Da trifft man auf reihenweise interessante Ideen und Zeilen, das muss man alles erst mal richtig einordnen. Oder platt formuliert: Hunger. Stille ist ein ziemlich anspruchsvolles Stück Musik. Womit genau das Problem beschrieben ist, an dem dieses Album über die volle Länge krankt. So verständlich es auch sein mag, das man sich dem allzu Offensichtlichen verschließen will, macht es nicht wirklich Spaß, einer Platte über 35 Minuten hinterher zu laufen, ohne sie jemals wirklich zu erreichen.

Oder anders formuliert: Zinnschauer haben mit all der musikalischen Komplexität und textlichen Verrätselung eine Platte geschaffen, die in etwa so berührend ist, wie feuchtes Mauerwerk. Natürlich sind Stücke, wie Hunger ist ein einsames Gefühl oder das über acht Minuten lange Monster Das Zahnen allein großartige Songs. Nur gehen sie nicht nur an den EskapistInnen ziemlich spurlos vorbei. Lediglich das Doppel aus Stille ist nur das Warten auf und Echolot vermag es, so etwas wie Gefühl in die Wagschaale zu werfen.

Wo es anderorts selbst die abgedrehtesten Kapellen immer wieder schaffen, ihre HörerInnen abzuholen und ihren Bann zu ziehen, fühlt man sich von Zinnschauer einfach stehen gelassen. Das ist ärgerlich, hätte die Band doch so einiges zu erzählen. So nickt man ob der Tatsache, das eine solche Platte überhaupt aufgenommen und veröffentlicht wird,  zwar anerkennend mit dem Kopf, wird ansonsten aber kalt gelassen. Schade.

5/10

Anspieltipps: Hunger ist ein einsames Gefühl, Echolot

(Martin Smeets)

Zinnschauer – Hunger. Stille | Kapitän Platte/Cargo | VÖ: 28.11.2014 | CD/LP

Marathonmann – Und wir vergessen was vor uns liegt

Marathonmann - und wir vergessen was vor uns liegt // Bild: jpc.de

Heult doch!

Jetzt mal ganz ehrlich: Eigentlich dürfte man Marathonmann überhaupt nicht mögen. Klar, die Jungs mögen an sich sympathisch sein. Und klar, Dein ist mein ganzes Herz von Heinz Rudolf Kunze zu covern war und ist eine ziemlich lässige Sache. Aber trotzdem: Der ganze Gestus, der Marathonmann umgibt? Das geht doch nicht. Dieser Pathos, diese ständige Verzweiflung. Die immer gleichen Versatzstücke von Stillstand, Wut, Hoffnung, Scheitern und all diesen Affekten, mit denen die Band nun mal zu arbeiten pflegt. Man kann sie doch eigentlich nicht mehr hören.

Da passt es hervorragend ins Bild, dass die neue Platte mit Und wir vergessen was vor uns liegt gleich mal gänzlich unbescheiden betitelt ist. Und das es genau das zu hören gibt, was man eben erwartet. „Es ist die Wut, die dein Herz schlagen lässt.“ Klar, was auch sonst? „Ist das der Stoff, aus dem die Träume sind?“ Keine Ahnung, jedenfalls ist die Frage nicht zum ersten mal gestellt worden. Dazu gibt es die schon von Holzschwert bekannten krachenden Powerchords im gemäßigten Uptempo mit ein paar Gitarrenfiguren als Zierwerk. Dann könnten wir an dieser Stelle doch eigentlich aufhören, eine nicht besonders hohe Zahl unter diese Schmiererei setzen und uns wieder mit anderen Bands beschäftigen, oder?

Nun: Nein. Marathonmann dürfen nämlich all das, was bisher bekrittelt wurde. Ansonsten wären sie nicht mehr die gleiche Band. Und das wünscht sich ja auch niemand. Also nehmen wir Und wir vergessen was vor uns liegt als das, was es ist: Der nächste Postpunk-Rundumschlag mit Hang zur großen Geste. Dann nämlich zeigt sich, dass es eigentlich gar nicht so viel zu meckern gibt. Dass diese Platte mehr kann, als sein Vorgänger. Die Produktion erschlägt nicht mehr jegliche Dynamik, die Gitarrenfiguren sind ausgefeilter, die Wut kommt direkter rüber, die ruhigen Passagen wirken überzeugender. Allein der Opener Alles auf Null geht so beherzt auf die Zwölf, wie es das gesamte Holzschwert nicht geschafft hat. Mit spürbar Bock, mit krachenden Drums und einer Menge guten Ideen in puncto Melodie. Auch ein heimliches Highlight: Die Klavierpassage aus Abschied, die für sich genommen beinahe schmierig wirkt, aber im Kontext doch passend erscheint. Schafft auch nicht jeder.

Richtig gut werden Marathonmann auch dann, wenn sie ihr bekanntes Terrain mal für ein paar kleine Schritte verlassen. Da kommt dann nämlich ein Song, wie Landschaftsleben heraus. Ein Stück, das nicht Vollgas gibt, das mit einem Auge gen Pop schielt. Und so einen Refrain schafft, den man in dieser Form nicht erwartet hätte. Überlebensgroß, souverän ein Jota am Kitsch vorbei. Kann man machen. Genauso wie Neumondnacht, das die allgegenwärtige Verzweiflung ein bisschen aufzubrechen vermag und zudem einen potentiellen Hit darstellt.

So machen Marathonmann auf Album Nummer zwei nichts wirklich anders, als auf ihrem Debut. Wer selbiges nicht leiden konnte, wird auch hier nicht glücklich werden. Wer allerdings damit leben kann, das diese Band nicht für’s Subtile gegründet wurde, der bekommt eine gute Platte, die ab und an mit kleinen Hymnen auftrumpfen kann. Und wenn’s beim nächsten mal noch etwas weniger weinerlich zugehen würde, dann hätten wir auch kaum mehr Grund zu nörgeln.

7/10

Anspieltipps: Alles auf Null, Abschied, Neumondnacht, Landschaftsleben

(Martin Smeets)

Marathonmann – Und wir vergessen was vor uns liegt | Century Media/Universal | VÖ: 25.07.2014 | CD/LP/Digtial

Stumfol – Pareto

Stumfol - Pareto // Bild: merchstation.fondoflife.netAus Prinzip

Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich sowohl Künstler- als auch Albumname erst mal als römische Dörfer präsentieren. Stumfol? Pareto? Himmel Google hilf! Gibt man beides dann erst mal kurz ein, ergibt sich ein denkbar unglamouröses Ergebnis. Stumfol ist ganz schlicht der Nachname des Künstlers Christian StumfolPareto hingegen geht auf das so genannte ‚Pareto-Prinzip‘ zurück, das meint: 80% der Ergebnisse lassen sich in 20% der Gesamtzeit für ein Projekt erzielen. Während die restlichen 20% wiederum 80% der Zeit benötigen würden. Kennt man ja zumeist auch aus eigener leidvoller Erfahrung.

Christian Stumfol hat sich also für Pareto kurzerhand 80% der Arbeitszeit geschenkt und einfach mal fünf gerade sein lassen. Und das hört man dem Album auch an. Im positiven Sinne, wohlverstanden. Stumfol präsentiert nämlich auf Pareto zwölf traumwandlerisch sichere Singer/Songwriter-Nummern mit mehr oder weniger starkem Folkeinschlag. Er schlendert also durch eine Genre-Spielart, die zumeist mit unzähligen Tonspuren und Verschnörkelungen zugekleistert und eben deshalb inzwischen ziemlich langweilig geworden ist. Pareto berührt hingegen von der ersten bis zur letzten Sekunde. Weil es wohlig unperfekt ist. Da scheppert das Schlagzeug, da klingt das Saiteninstrument halt eben mal etwas blechern, da wird die Mundharmonika nicht penetrant in den Vordergrund gemischt.

So macht schon der ruhige Einstieg von Smarter klar, dass man es hier mit einer der erdigsten Platten des Jahres zu tun haben dürfte. Und mit einer der besseren. Stumfol hat nämlich neben dem köstlichen Sound auch eine ganze Menge großartiger Songs auf der Habenseite. Das erwähnte Smarter als perfekter Einstieg etwa. Oder Where The Heart Is, das ohne Probleme in jedem Pub funktioniert und selbiges mal eben auf Links ziehen könnte. Musik für’s gesellige Beisammensein, wie für einsame Abende auf der heimischen Couch. Kurz: Musik, die so gut wie immer funktioniert. The Inner Beauty scheppert beschwingt nach vorne, Worth Waiting behandelt mitsamt schwelgerischer Melodieführung die Probleme der Fernbeziehung und konstatiert trostspendend: „I know what I’m waiting for.“ 

Die Liste der großen und kleinen Highlights ließe sich beliebig fortführend, vom kraftvollen Take You Back bis zum wundervoll zurückgenommenen Changes. Man könnte aber auch einfach sagen, dass auf Pareto zwölf Songs versammelt sind, die es allesamt auf die eine oder andere Art und Weise schaffen, ihre HörerInnen mitzureißen und zu berühren. Vielleicht liegt das am Pareto-Prinzip, vielleicht können Christian und Daniel Stumfol, Jonas Hendel, Tim Petran und Antonio Raimondo ihre kleinen Geschichten von Leben, Liebe und dem ewigen Unterwegssein auch einfach nur auf großartige Art erzählen. Sicher ist nur: Pareto ist ein großartiges Album. Aus Prinzip.

9/10

Anspieltipps: Where The Heart Is, Worth Waiting, Take You Back, Changes

(Martin Smeets)

Stumfol – Pareto | Fond Of Life/Homebound | VÖ: 18.09.2014 | CD/LP/Mp3

Pretty in Noise – Soli-Sampler für PRO ASYL

United Sampler

Das Pretty in Noise Netlabel Pinmusik hat diese Woche einen digitalen Soli-Sampler namens United zugunsten von PRO ASYL veröffentlicht. Und was für einen. 22 Songs, teils unveröffentlichte Songs, gibt es von u.a. Die Wirklichkeit, Karies, The Hirsch Effekt, MesserDie Sterne und Spaceman Spiff. Für 5 Euro (oder mehr) kann der Sampler hier runtergeladen werden. Die Einnahmen gehen zu 100% an PRO ASYL.

Zum Hintergrund dieser Aktion schreibt PiN:

„Die aktuelle Situation der Flüchtlinge, die tagtäglich über Lampedusa nach Europa kommen, ist verheerend und war es immer. Jeder weiß es, alle bedauern es, aber die Wenigsten setzen sich aktiv für eine Veränderung der Umstände ein. Vor allen Dingen fehlt es an Geld und angemessenen Unterkünften, so dass die Zustände in den Asylbewerberheimen sich zusehends verschlechtern. Organisationen wie PRO ASYL hingegen gehen gegen die Menschenrechtsverletzungen vor, die an der Tagesordnung der Schutzsuchenden stehen.“

Auch angesichts der zunehmenden Ablehnung, Hetze und Gewalt, denen Geflüchtete und Asylsuchende in deutschen Städten und Dörfern ausgesetzt sind, kommt dieser Sampler, auch als politisches Signal, genau zur richtigen Zeit. Die Bands nehmen damit unmissverständlich Haltung ein und wenn dabei auch noch ein bisschen Geld rumkommt: umso besser.

Die Tracklist liest sich so:

1. Die Wirklichkeit – Woher ist Wohin (Demo)
2. Pigeon – Settler
3. Karies – Improvisationen #1
4. Spaceman Spiff – Nichtgeschwindigkeit (Demo)
5. Kill.Kim.Novak – Unterjocht
6. Dear Diary – Wednesday Is Friendsday
7. Chlorine – Good Morning Sunday
8. Sondaschule – Deke
9. Wind Und Farben – Das Klappt Schon (live at lala Studios)
10. The Hirsch Effekt – Hiberno (Neufassung für kleines Kammerorchester)
11. A Poor Man’s Memory – Cherub
12. Daily Thompson – Blackwood
13. Andorra Atkins – Setzt Die Segel
14. Caudal – Totalism (previously unreleased)
15. Phantom Winter – Wintercvlt
16. Kosslowski – Jubel, Trubel, Scheiterzeit
17. Die Sterne – Universal Tellerwäscher (Live im Schon Schön)
18. Sea + Air – Wild Flowers
19. Messer – Gassenhauer (Live @ Melting Butter Session)
20. Ashturn – Believe
21. Sometimes Go – I Can’t Go
22. MindSlide – On My Own

Reinhören kann man hier:

(mo)

Glorious Thieves + Lester + Forbidden Thoughts | 27.11.14 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

Lester

Lester

Manchmal haben Konzerte eine weit über einen Abend hinausgehende Bedeutung, sind eine Besonderheit in den üblichen Tourkalendern. Abschiedsshows zum Beispiel. Oder Heimshows. Oder Releaseshows. Oder eben alles auf einmal. So wie an diesem Donnerstag. Glorious Thieves aus Regensburg und Lester aus München feierten das Erscheinen ihrer gemeinsamen 7’’-Split-EP und – was es heutzutage kaum noch gibt – hatten die Platte zum Releasetermin sogar dabei. Ja, da kann man ruhig einmal staunen. Für Lester-Gitarrist Hermann war es zudem das vorletzte Konzert, das er mit der Band vor seiner Absetzung ins Ausland bestritt.

Als Taufpaten haben die beiden Releasepartner Forbidden Thoughts aus Salzburg geladen, die wiederum ihr erstes Konzert in „Deitschland“ spielen und als Anheizer mit Punkrock und gelegentlichen Ausflügen in Richtung Alien Ant Farm ganz akzeptabel abliefern.

Für Lester ist die ganze Angelegenheit freilich, wie schon angedeutet, etwas emotionaler, wollten sie gar nicht mehr aufhören füreinander zu schwärmen. Dass dabei auch schon einmal Kabel und Einsätze vor die Hunde gehen – geschenkt. Technisch wird es nicht ihr bestes Konzert sein, eines der packendsten wohl allemal. Da passt es ziemlich gut, dass ihr in Eigenbezeichnung Heavy Pop genannter Emo-Punk zu dieser Ergriffenheit auch noch die richtigen Songs liefert.

Für die anschließende Bierlaune sind dann Glorious Thieves zuständig. Eine Ecke härter und schneller als Lester und schon fühlt man sich in bessere Tage des melodischen deutschsprachigen Punkrock zurückversetzt. Dass letzterer heutzutage noch ohne Schamesröte funktionierten kann, beweisen die Regensburger trotz oder vielleicht auch wegen eigentlich sympathischer gesanglicher Imperfektion. Die Show stimmt, die Botschaft auch. Das ist Punk! Ein Konzert in der Mälze für ungewohnte 5 Euro übrigens auch.

Zur Split-EP geht es hier:

(Martin Oswald)