Irish Handcuffs – …Hits Close To Home

Irish Handcuffs - ...Hits Close To Home // Bild: irishhandcuffs.bandcamp.comUffda

Zugegeben, die Überschrift ist ein kleines bisschen gemein. Aber: Sie passt einfach ungemein gut. Schließlich geht es hier – nicht zum ersten mal übrigens – um Irish Handcuffs und somit um Punkrock. Fast unglaublich scheint es, dass es hier tatsächlich gar um deren Debut …Hits Close To Home geht. Zu oft hat man den Regensburger Vierer inzwischen gehört und gesehen. Sei es auf diversen Konzerten und Festivals, sei es auf EPs oder Samplern. Doch so seltsam es auch klingen mag: Die haben bis jetzt tatsächlich noch keine ganze Platte aufgenommen. Ein Umstand, der sich nun endlich geändert hat.

Manche mögen jetzt fragen, ob es ein solches Album denn eigentlich unbedingt gebraucht hat, präsentieren Irish Handcuffs doch auch auf der Langrille ziemlich straighten Punkrock, ohne viel Schmuck am Nachthemd. Ein Einwand, den …Hits Close To Home en passant ins Leere laufen lässt. Zu viel Spaß machen diese zehn Songs, als dass man sie ignorieren könnte. Man nehme nur den Opener Should’ve Run, der die Chose in genau drei Sekunden von null auf hundert bringt und mit ungemein viel Verve in die Platte leitet. Da galoppieren die Uffda-Drums nach vorne, da kloppen die Powerchords um die Wette. Beisammen gehalten von gewitzten Gesangs-und Gitarrenlinien und – natürlich – einem Refrain, der genau in’s Schwarze trifft. So einfach kann ein guter Song sein. Oder eine gute Platte. Schließlich haben Irish Handcuffs noch ein paar mehr Highlights in der Hinterhand. Random Places ist ein solches. Ein Stück, das in Strophe und Refrain ein ausgedehntes Bad in der Melodie nimmt und zur Halbzeit eine simple, aber effektive Gitarrenfigur auspackt, der man sich schwerlich entziehen kann. Und auf die – beiseite gesprochen – auch ein Billie Joe Armstrong stolz gewesen wäre.

Dass außerdem Derail ein lupenreiner Hit ist, steht ohnehin schon länger nicht mehr zur Debatte. Dass sich mit Skip The Seasons gleich noch ein Kandidat für diese Kategorie auf dem Album finden lässt? Umso besser? Und wenn die Band in Grindstone zunächst einen stupiden Drei-Akkorde-Schrubber antäuscht, nur um dann doch ein weiteres mal ihr Gespür für den großartigen Refrain zu beweisen, gibt es ohnehin kaum noch Grund zur Kritik. Kaum, weil man …Hits Close To Home dennoch nicht ganz ohne Gemecker durchwinken kann. Da wäre zunächst der rote Faden namens Produktion, die einen beinahe traditionell schwachbrüstigen Gitarrensound offeriert. Und da wäre natürlich die Frage nach der Halbwertszeit. Ob hier jeder Song auch auf längere Sicht funktioniert, bleibt schließlich abzuwarten.

Doch das ist Meckern auf hohem Niveau. Das zudem ziemlich egal wird, wenn Too Close To Home zum Schluss die große Geste auspackt und sich in Form ein Punkrock-Ballade mitsamt „I know some magic works“-Zitat ergreifend vor „Wauz“ Juan Y Tous verbeugt. Ein Song, der für sich spricht und dieses Album grandios abschließt. Und der seinen HörerInnen ein Versprechen auf den Weg mit gibt: Da kommt noch mehr.

7/10

Anspieltipps: Should’ve Run, Random Places, Derail, Too Close To Home

(Martin Smeets)

Irish Handcuffs – …Hits Close To Home | Fond Of Life/Membran | VÖ: 20.11.2014 | CD/LP/Digital

The Wulffs + Small Hours | 21.11.14 | Büro (Regensburg)

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Wolli will’s wissen! Der Oberbürgermeister persönlich schaute an diesem Freitagabend beim Konzert vorbei. Ohne Presse und sonstigem Tamtam, ja fast schon undercover. Immerhin kann er sagen (Vorsicht Witz!), er sei bis ca. 22 Uhr noch im Büro gewesen. Die Debatte um mehr Live-Musik in der Stadt ist derzeit im vollen Gange, die Verwaltungsentscheidungen werden folgen. Die Bedingungen müssen laut Wolbergs passen. Lärmschutz, Fluchtwege und trallala. Da checkte er eben selbst die Lage und lauschte zumindest einem Song der Small Hours. Die sind aus Wiener Neustadt angereist und machten neben The Wulffs die eine Hälfte der Wizard-Cat-Abendbelustigung aus. Die eigentlich Dritten im Bunde, Luca Brasi aus Tasmanien, haben im Vorfeld ihre Tour gecancelt.

Small Hours spielten etwas lahmarschig und uninspiriert einen über weite Strecken passablen und manchmal sehr guten, zurückgelehnten Emo-Punkrock, der vor allem in Refrains nicht an Härte sparte. Mit dem Sound hatten Small Hours auch etwas mehr Glück als die nachfolgenden The Wulffs. Denen verschwammen die Instrumente etwas im Gewölbe, das diesmal wenn schon nicht akustisch, so doch optisch etwas mehr zuließ: der seit der Kündigung des Sky-Abos etwas nutzlos gewordene Fernseher auf der „Blickfangsäule“ vor der „Bühne“ lieferte immerhin ein körniges schwarz-weißes Livebild vom Spielgeschehen. Keine schlechte Idee. Die Wulffs scheinen sich von Mal zu Mal mehr Lockerheit und Souveränität zu erspielen, was ihren Postpunk noch ein Stück weit überzeugender und intensiver macht. Letzteres mag aber auch am mittlerweile ziemlich vollbesetzten Büro gelegen haben.
Eine Stunde später hätte sich Wolbergs dank des Publikumsandrang schon etwas mühevoller nach draußen drängeln müssen. Live-Musik scheint eben gefragt.

(Martin Oswald)

Schwervon! + Point Baker | 08.11.14 | W1 (Regensburg)

Schwervon!

Schwervon!

Für manche Sorte Band ist das W1 in Regensburg überhaupt nicht gemacht. Für eine 10-köpfige Ska-Band zum Beispiel. Oder eine 150-Dezibel-Metalband. Für andere wiederum scheint es wie geschnitzt. Dazu gehören mit Sicherheit auch Point Baker und Schwervon!. So eine akustische Indie-Note fühlt sich in diesem schmucken (und wieder einmal vollbesetzten) Raum pudelwohl. Das heißt jetzt nicht, dass sich die beiden Bands allzu ähnlich wären, aber sie passen hierher wie der Blended Whiskey in die trockene Kehle. Und da sind wir auch schon bei Point Baker. Die Regensburger präsentieren ihren Indie mit kariertem Flanellhemd, Pedal Steel und Landstreicher-Country-Melodien. Dabei sind wirken sie in fast jeder Hinsicht (proto-)amerikanischer als die aus dem Mittleren Westen stammenden Schwervon!. Wie auch schon die Quasi-Vorgängerband Mason Dixon Line bewegen sich Point Baker bemerkenswert stil- und zielsicher im eigentlich dermaßen abgedroschenen Genre Country-Folk. Das erinnert mitunter an Jim Wards Sleepercar, was bei Sebastian Trolls texanischer Vergangenheit wirklich kein Zufall sein dürfte.

Mit Country haben Schwervon! nicht wirklich etwas am Hut, auch wenn sie sich gerne manche Riffs dem Südstaatenrock abgreifen. Diese interpretieren sie dann auf fast schon ironisch-urkomische Weise. Daydream Nation, American Idle oder Muscle of Your Heart wären so Beispiele klassischer Folksongs in einem kindlichen Harmonie-Gewand. Heraus kommt dabei gut gelaunter akustischer Indierock. So lassen sich Abende im W1 verbringen. Und weil es Schwervon! auch mit Poesie haben und Matt auf Konzerten jeweils ein eigens verfasstes Gedicht vorliest, soll er das letzte Wort haben:
„Taxes for the poor.
And Texas for the rich.“
Das in Regensburg gelesene Gedicht „When You Are Flying Like A Bird“ gibt es hier übrigens in voller Länge.

(Martin Oswald)

Die Nerven | 11.11.14 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

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So früh kommt man selten wieder aus dem Mälzekeller raus. Um nicht ganz halb elf war es schon soweit. Warum, ist eigentlich schnell erklärt: überraschend pünktlicher Beginn und kein Support. Kein Umbau, keine Stimm- und Soundcheckorgien. Die Nerven konnten sich ungeteilter Aufmerksamkeit erfreuen.

Die drei Stuttgarter, die spätestens seit ihrer 2012er Platte Fluidum mehr als nur ein bisschen durch die Decke gehen, passen ohnehin viel eher in einen Keller als auf die Kulturseite bei SPIEGEL ONLINE . Wenig Licht, feucht-ranzige Luft, das Summen des Durchlaufkühlers. Das ist eigentlich ihre Welt, zu der sie auch noch den Soundtrack liefern. Die Nerven spielen irgendwie Punkrock, der mit  Noise- und Dark-Wave-Elementen dermaßen zerschunden ist, dass er schon gar kein Punkrock mehr ist. Was sich musikalisch im zielsicheren Umschiffen jeglicher Harmonie äußert, wird klanglich durch den rostigsten Stahlbürstensound auf die Spitze getrieben.

Dieses an sich ziemlich deprimierende Setting verleitet aber nur scheinbar zur Apathie. Denn auf ganz destruktive Weise sind die Nerven erbauend und wecken Leidenschaften, die nur durch Wut, Verzweiflung und Hass geweckt werden können. Diffuse und doch konkrete Angepisstheit ist Programm und Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation das Handlungsschema und letztlich überhaupt der Antrieb zum Handeln. Und sei letzteres bloß angepisste Musik über das Angepisstsein zu spielen. Da passt es auch ganz gut, wenn das schon notdürftig geflickte Bassdrum-Fell reißt, auf die Schnelle ausgetauscht werden soll, das neue Fell aber zu groß ist. Tja, dann wird der Kessel eben umgedreht und das Resonanzfell bespielt. Es ist kein Malheur, keine Peinlichkeit, sondern egal. Ist ja nur eine Trommel, nur ein Song, nur ein Konzert, nur eine Band. Scheiß‘ drauf! Die Nerven sind und bleiben so etwas wie ein zivilisatorischer Abgesang zu dem man sogar noch so tun kann als würde man tanzen. Ganz groß.

(Martin Oswald)

Pianos Become The Teeth – Keep You

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Der Post-Hardcore schafft sich ab

Es ist eine deutliche Tendenz: die Welle des Post-Hardcore ebbt ab. Diese Feststellung ist keine Wertung der Musik, sehr wohl aber ihrer Performance. Als spätestens 2012 The Wave losbrach, waren es z. B. Bands wie Touché Amoré, La Dispute, Goodtime Boys, Balance And Composure und Pianos Become The Teeth, die mit stürmischer Instrumentierung, verausgabenden Vocals, roher Poesie und temporeichen Melodien dem ollen Hardcore einige neue Facetten abgewinnen konnten. Wir schreiben nun das Jahr 2104 und der Post-Hardcore ist ruhiger geworden, eindeutig. Alle genannten Bands haben 2013/2014 Alben veröffentlicht, die dies nahelegen. Alle breiteten ihr ohnehin schon vielschichtiges Songwriting weiter aus, drehten die Verstärker aber leiser, ließen neue Sounds und langsamere Rhythmen zu, entkräfteten ihre Riffs und erkannten Varianten in den Stimmen ihrer Sänger.

Mehr oder weniger gilt dies für alle Genannten. Keine The-Wave-Band ging diesen Schritt bis dato aber derart konsequent, weit, überraschend und letztlich mutig wie Pianos Become The Teeth. Denn – man höre und staune – deren 2014er Album ist überhaupt kein Hardcore. Dafür spricht übrigens nicht nur der durchgängig klare Gesang. Sicherlich ist er dabei das auffälligste Merkmal. Schrie sich Kyle Durfey auf Old Pride und The Lack Long After noch die Seele aus dem Leib, balanciert er die Wörter neuerdings mit einer stimmlichen Mischung aus Behutsamkeit, Unsicherheit und Resignation. Die schärfste Abgrenzung zu der Brachialität früherer Tage. Ähnliches gilt aber auch für die Gitarren, die Verzerrung allzu vorsichtig dosieren und klanglich deutlich mehr mit Indie als mit Hardcore zu tun haben. David Haik, der einst ein waghalsiges Break nach dem anderen jagte, trommelt auf Keep You geradezu wie auf Valium. Ja, um es kurz zu machen: alles ist anders.

Ripple Water Shine führt in dieses Album ein, ohne dass man dabei eine Ahnung hat, dass es so weitergehen wird. Es könnte ja auch „DIE Ballade“ sein. Ist es aber nicht. Der Song gerät sogar noch eine Ecke flotter als viele seiner Nachfolger. Es ist ein Glanzstück. Genauso wie fast alle seiner Nachfolger. Und das ist tatsächlich die größte und großartigste Erkenntnis dieses ungewöhnlichen Albums: die Songs sind verdammt gut. Die Pianos haben nicht nur alles umgekrempelt, sie haben sich eindrucksvoll mit Songwriting befasst und dabei eingängige wie tiefgründige, stimmungsvolle, wechselhafte und durchgehend spannende Werke erschaffen, die zu hören vermutlich nie langweilig werden wird. Reizvoll ist dabei ebenfalls die textliche Spannung zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Sanft schichten sie in April zauberhafte Melodien übereinander, die sich am Schluss einen dezent kulminierenden Höhepunkt gönnen. Die Songschemata sind so feingliedrig und abwechslungsreich durchkomponiert, dass es kaum vereinbar scheint mit der Einfachheit der Mittel derer man sich eigentlich bedient. Old Jaw zum Beispiel ist ein Lehrstücks eines eigentlich perfekten Songwritings. Was soll man da noch besser machen? Vielleicht so etwas wie Repine oder Enamor Me? Ja. Da hält es die Kinnlade nicht mehr lange über der Tischkante. Und es gibt noch so einige Momente, zuletzt z. B. das dreiminütige Ausklingen von Say Nothing, das irgendwas zwischen befreiend und beklemmend, auf jeden Fall aber fesselnd und ein bittersüßes Ende einer beeindruckenden Platte ist.

Pianos Become The Teeth wurden bisher in der The-Wave-Riege eher unter Wert gehandelt, ja sie schwammen eben ein bisschen mit im musikalischen Trend Post-Hardcore. Mit Keep You, ihrem zweifellos stärksten Album, dürften sie sich freigeschwommen haben. Musikalisch steuern sie ohnehin ganz eigene Ufer an, dass sie da so zielsicher ankommen, verwundert und trotzt großen Respekt ab. Pianos Become The Teeth sind von einer Band unter vielen zu einer wirklich relevanten geworden. Herzlichen Glückwunsch!
9/10

Anspieltipps: Ripple Water Shine, Repine, Enamor Me

(Martin Oswald)

Pianos Become The Teeth – Keep You | Epitaph Records | VÖ: 24.10.14 | LP/CD/digital