Regensburg Popkulturfestival 2014 – So war’s…

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Einlassstopp. Dieser Begriff ist in Regensburg allenfalls Erstis in Germanistikvorlesungen oder Kirchentagsbesucher_innen bekannt. Am ersten Regensburger Popkulturfestival vom 24. – 26.10.14 konnte man ihn jedoch des Öfteren vernehmen. Ein paar Mal war es eine Frage des Glücks oder vielmehr allzu preußischer Überpünktlichkeit noch irgendwo reinzukommen. Der Andrang zu manchen Veranstaltungen war merklich über der erträglichen Kapazitätsgrenze. Das wiederum ist eine höchst ambivalente Angelegenheit und Segen und Fluch zugleich. Doch dazu später mehr.

Das Angebot, das im Vorfeld schon vielfältig und vielversprechend klang, hielt den entsprechend großen Erwartungen stand. Denn – und so überschwänglich darf man ruhig sein – dem Kulturreferat der Stadt, der Alten Mälzerei, Säm Wagner und vielen anderen Beteiligten ist mit dieser Premiere ein wahrlich großer Wurf gelungen. 15 Veranstaltungsorte und insgesamt fast 60 Veranstaltungen in 3 Tagen. Workshops, Ausstellungen, Film, Streetart, Theater, und natürlich Musik. Es gibt nichts, was es nicht gab und vieles war richtig gut.

In dieser Konstellation ist es ziemlich schwierig bestimmte Konzerte hervorzuheben, da sich zur üblichen Selektivität aus Musikgeschmack, Lust und Laune, auch noch Barvorlieben, zeitliche Überschneidungen und eben auch der Einlassstopp hinzugesellten. Als eines der spannenedsten Konzerterignisse der letzten Monate in Regensburg ist aber sicherlich Containerhead zu erwähnen. Ihr mit 2 Bässen, 3-4 Gitarren, Glockenspiel und einem überragenden Schlagzeugspiel voluminös instrumentierter Postrock, mit Hang zu Härte und Indie gleichermaßen, verdient mehr als eine lobende Erwähnung. Die Live-Visuals machten sich sowieso gut auf der Kinoleinwand und die Atmosphäre im vollbesetzten Ostentorkino war (nicht nur aufgrund der Lufttemperatur) atemberaubend. Daran wird man sich noch lange erinnern.

Das Konzept eines in der Stadt verteilten Festivals ist nicht ganz neu, war in Regensburg in dieser Weise aber noch unerprobt. Mit einmalig 5 Euro für alle Veranstaltungen war das Popkulturfestival auch preislich eine deutliche Ansage. Um Geschäftemacherei ging es hier nicht und damit hob sich das Festival wohltuend vom kommerziellen Gedanken ab, wonach sich Popkultur, ja Kultur ganz allgemein, immer auch rechnen müsse und auch nur dann wertvoll sei. Und selbstverständlich bekamen die Künstler_innen Gage.

So bleiben dann doch (vergleichsweise) Kleinigkeiten zu kritisieren, die teilweise allerdings recht lästig waren. Dafür sind einerseits eher unnötige organisatorische, andererseits strukturelle Gründe zu nennen und voneinander zu trennen. Warum es manche Barbetreiber_innen nicht auf die Kette bekommen ausreichend Theken- und Servicepersonal bereitzustellen, sondern die armen Schweine an Zapfhahn und Spülbecken derart schwimmen lassen, ist mindestens befremdlich. Büro, Leerer Beutel und ja, von der Kinokneipe wollen wir gar nicht erst reden. Für Beschäftigte und Besucher_innen war der Service zu gewissen Stoßzeiten alles andere als angenehm. Nun ist das ja nicht den Festivalverantwortlichen anzukreiden. Die Tatsache aber, dass man die „Hauptparty“ am Samstag in die winzige Kinokneipe gelegt hat, ist zwar von bedeutendem symbolischen Wert, zumal die Zukunft des Lokals hinter der Kinoleinwand am Ostentor weiterhin ungewiss ist, organisatorisch trotzdem ein ziemlicher Griff ins Klo.

Die Kapazitäten- und Locationfrage war insgesamt am nervigsten. So nett Büro oder Couch sind, so ungeeignet sind sie für ein Gelegenheits- oder Schnupperpublikum, das, wie bei diesem Festival eigentlich gewünscht, mal kurz vorbeikommen und dann wieder zu einer anderen Veranstaltung weiterziehen kann. Der Mangel an kleineren bis mittleren Konzertlocations in der Altstadt war hier leibhaftig erfahrbar. Einlassstopp, hieß es einige Male, andere Male Klotreppenabsatz, Tür und Angel oder (diese, mit Verlaub, beschissene) Blickfeldsäule im Büro. Dass sich unter solchen Umständen Leute, die das bei anderen Konzertanlässen nicht sowieso schon dauernd in Kauf nehmen, besonders wohl fühlten, wäre arg verwunderlich.

Bei den strukturellen Gründen muss man das aufgreifen, was eingangs schon angerissen wurde. So ist das Popkulturfestival für die Einschätzung und Analyse des Interesses an Popkultur in Regensburg und der hiesigen Veranstaltungsorte in doppelter Weise lehrreich: ersteres ist hinreichend vorhanden, an letzteren mangelt es. Hier herrscht seitens der Kulturschaffenden und -interessierten, Gastronomie, Veranstalter_innen und Stadt dringender Handlungsbedarf. Natürlich spiegelt so ein Festival nicht den kulturellen Alltag wider, aber es gewährt einen wertvollen Einblick in das Potential, das in Regensburg vorhanden ist. Und das ist beachtlich. Insofern muss man dem Festival auch in dieser Hinsicht dankbar sein. Es war gewiss nicht alles perfekt, aber in Form, Duktus, Inhalt und über weite Strecken auch Ausführung war das Regensburger Popkulturfestival 2014 ein Highlight, das weit über den Eventcharakter eines gewöhnlichen Festivals hinausreicht.

Das Fazit kann an dieser Stelle auch kurz gehalten werden: mehr davon!

(Martin Oswald)

PS: Weitere Fotos und Eindrücke zum Festival gibt es u.a. in Säms Klangbezirk, auf der Facebook-Seite des Popkulturfestivals und bei suesmichael.de.

Create.Use.Shatter – Maladies

Create.Use.Shatter - Maladies

Leuchtturmsturmnacht

Machen wir uns nichts vor: Bands, die ihr Wohl irgendwo im Spannungsfeld von Postrock und polterndem Hardcore suchen, gibt es mittlerweile mehr als genug. Postpunk als Begriffsdefinition hat längst an Trennschärfe verloren und wird zunehmend zum Sammelbecken für Kapellen aller möglicher Couleur. Dass dabei die Übersicht bisweilen ein wenig den Bach runter geht, ist nur logisch. Genau wie das nicht zu verachtende Problem, das sich daraus für jüngere Bands dieser überfüllten Sparte ergibt: Man muss inzwischen schon was wirklich Besonderes auf die Beine stellen, um aus der breiten Masse herausgegriffen und entsprechend gewürdigt zu werden. Es kann ja auch niemandes Anspruch sein, als ‚eine unter vielen‘ mit zu schwimmen.

Warum diese Zustandsbeschreibung? Weil Create.Use.Shatter beim ersten flüchtigen Rundgang durch ihr Debütalbum Maladies genau mit dieser Problemstellung zu kämpfen haben, lavieren doch diese neun Songs irgendwo zwischen den Pfeiler ‚Post‘ und ‚Core‘ hin-und her. Geschrei und Getöse aus dem Schlund der Hölle geben sich mit atmosphärischen Parts die Klinke in die Hand und ergeben eine Platte, die stets Gefahr läuft, als gefällig abgetan zu werden. Umso höher ist es dem Fünfer aus Gießen anzurechnen, dass Gevatter Meinung bei genauerer Betrachtung von Maladies ganz gewaltig zurückrudern, sich für das Attribut ‚gefällig‘ gar entschuldigen muss. Create.Use.Shatter entpuppen sich nämlich als weit mehr als durchschnittlich. Und legen mit Maladies einen Leuchtturm in finstrer Postpunk-Nacht vor.

Warum nun dieser Meinungsumschwung? Zuvörderst, weil eine Band, die schon seit 2007 durch die Weltgeschichte tourt und so ganz nebenbei schon mit Bands wie The Hirsch Effekt oder Fjørt auf der Bühne stand eigentlich per se nicht durchschnittlich sein kann. Und außerdem, weil Maladies geradezu köstlich produziert (oder wahlweise eben nicht produziert) ist. So wunderbar organisch ist der Sound dieser Platte geraten, man hat bisweilen das Gefühl, als ob man selber irgendwo zwischen Drumkit und ächzenden Röhrenverstärkern stehen würde. Da ist es ein großes Glück, dass eine derart vorzügliche Produktion nicht an mediokre Songs verschwendet wird. Zugegeben, der Einstieg gerät mit Mono, das die Spannung über seine sechs Minuten Laufzeit nicht immer auf dem gleichen Level halten kann, etwas schleppend. Was die Band allerdings in der Folge vom Stapel lässt, verdient Beachtung. Wolves And Vultures poltert los, wie es Grace.Will.Fall (die bemerkenswerte Ähnlichkeit in der Schreibweise sei als Zufall abgetan) nicht schöner hinbekommen hätten. Dabei vergisst der Song aber zu keiner Zeit, ein wenig Melodie im Spiel zu halten. Um schließlich zur Halbzeit die Verwandlung in ein fragiles Stück Musik voll schillernder Spannungsbögen zu vollziehen. Natürlich inklusive eines Endspurts, der seinen HörerInnen alle Netze und doppelten Böden unter den Füßen wegzieht.

Dabei hat die Band an dieser Stelle ihr Pulver keineswegs verschossen. Im Gegenteil, mit Petrify und Faces wird mal kurz unter Beweis gestellt, dass auch fies durchgeprügelte Hardcore-Brocken durchaus Sache dieser Band sind. Ohne auch nur in die Nähe des stumpfen Draufschlagens zu kommen, wird man auf Maladies von Zeit zu Zeit mit Anspruch und Verve vermöbelt. Und wenn mal der Verdacht aufkommt, es könnte zu viel Härte im Spiel sein, schüttelt die Band eben mit Lost ein ruhiges, wundervoll zurückgenommenes Stück aus dem Ärmel. Ein bisschen Verschnaufpause hat schließlich noch niemandem geschadet. Zu diesem Zeitpunkt nimmt es dann auch längst niemanden mehr Wunder, dass der knapp neunminütige Closer Summer noch mal mit aller verfügbaren Klasse um sich wirft und den Vorhang mit der gebotenen Grandezza schließt.

Und obschon inzwischen fast jede dieser knapp 50 Minuten in irgendeiner Form in Worte gefasst wurde, muss zum Schluss dringend erwähnt werden, welch kleines Wunderding Create.Use.Shatter mit Stereo ans Licht gebracht haben. Das beginnt zwischen Sed Non Satiata und Explosions In The Sky mitten im Postrock, kippt nach einer guten Minuten in eine drahtig-hadernde Alternative-Nummer ab und packt gegen Ende die ganz wuchtigen Gesten aus. Eine schwer zu greifende Nummer, die doch über ungemeines Suchtpotential verfügt. Ein bemerkenswerter Song. In Mitten eines bemerkenswerten Albums. Hut ab.

8/10

Anspieltipps: Wolves And Vultures, Stereo, Lost, Summer

(Martin Smeets)

Create.Use.Shatter – Maladies | Midsummer Records | VÖ: 24.10.2014 | LP/Digital

Boysetsfire + Matze Rossi | 10.10.2014 | UT Connewitz (Leipzig)

Da wir traditionell (und aus einigen guten Gründen) relativ ‚Fahrfaul‘ sind, kommt es nicht alle Tage vor, dass wir für ein einzelnes Konzert mal eben über 300 Kilometer abreisen. Der Anlass war aber dieses mal ein besonderer. Boysetsfire hatten geladen, um ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum zu feiern. Mit einem Konzert, das man so wohl nicht allzu oft zu sehen bekommen dürfte. ‚Evolution Of Sound‘ nannte sich das Ganze und nahm sich das Ziel, den Weg von der reduzierten Akustikshow bis zum krachenden Hardcore-Konzert zu gehen. Und das in ein paar Stunden. Da kann man schon mal gespannt sein. Vor allem wenn als Vorband auch noch Matze Rossi dabei ist. Dieser umtriebige Songwriter aus Schweinfurt, den man eigentlich nur mögen kann.

Doch der Reihe nach. Wir wollen nämlich erst mal das UT Connewitz würdigen, ein sympathisch unrenoviertes Ding und zugleich eines der ältesten Lichtspieltheater Deutschlands. An der Atmosphäre sollte dieser Abend also schon mal nicht scheitern. Dann heißt es auch schon ‚Bühne frei‘ für Matze Rossi. Der versichert erst mal glaubhaft, wie sehr er sich freut, diesen besonderen Gig eröffnen zu dürfen, bedankt sich bei allen, bei denen man sich so bedanken könnte und spielt drauf los. Mit dabei sind Nummern aus seinem letzten Werk Und jetzt Licht, bitte!, Stücke aus der Feder der Bad Drugs und ein sehr gelungenes Hot Water Music-Cover. Besondere Momente sind dabei – wie sollte es anders sein – die Pixies-Hommage Warum aus mir und meinen Freunden nichts mehr werden kann und natürlich Best Friends, der Matze-Rossi-Song für den verstorbenen Wauz. Und weil es der Anlass eben hergibt, macht Rossi kurzerhand den Verstärker aus, geht ganz nach vorne und gibt Best Friends gänzlich akustisch zum Besten. Gänsehaut inklusive. Das sieht und klingt dann übrigens so:

Da nimmt es nicht Wunder, dass erstens eine Zugabe gefordert wird und zweitens in der Pause zwischen den Acts ein paar Fragen aufkommen. Wer war das nun genau? Wo kommt der her? Was gibt’s von dem so? Diejenigen, die Antworten können, geben bereitwillig Auskunft: Tagtraum, Senore Matze Rossi, Bad Drugs und und und.

Danach sind alle aufgewärmt, für das, was Boysetsfire denn nun so auf die Bühne bringen. Und das sollte so einiges sein. Nathan Gray und Chad Istvan sind noch keine Minute auf der Bühne, da werden auch schon die ersten scharfzüngigen Sprüche zwischen Band und Publikum ausgetauscht. So wird zunächst viel gelacht. Und dann mit Let It Bleed das Set eröffnet. Zumindest halbwegs. Schließlich wird der Song mit Verve in den Sand gesetzt, kurz unterbrochen und dann doch zu Ende gebracht. Jetzt versteht man, warum wohl ein Notenständer auf der Bühne steht. Ob das nun Show ist, oder nicht? Man weiß es nicht. Ist auch nicht weiter wichtig, bringen die Zwei auf der Bühne das Ganze doch einfach so rüber, dass man ihnen einfach glauben muss. Dann geht es mit The Misery Index weiter. Und Gray darf mit seiner Stimme zum ersten mal ganz nach vorne. Was der Typ am Mikro macht, ist schlichtweg unfassbar. Da sitzt jeder Ton. Auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Gänsehaut inklusive. Doch bevor der Abend allzu heimelig wird, kommen nach und nach die restlichen Bandmitglieder auf die Bühne. Robert Ehrenbrand unterstützt Still Waiting For The Punchline am Bass und zu 10 (And Counting) sind sie dann alle auf der Bühne und verwandeln die Show endgültig in eine krachende Angelegenheit. Nun gut, auch das gelingt erst im zweiten Versuch. Doch seht selbst:

Es soll übrigens der letzte Wackler an diesem Abend bleiben. Denn nun sind Boysetsfire sichtlich in ihrem Element und schleudern dem Publikum ein Highlight nach dem Anderen entgegen. My Life In The Knife Trade, Requiem, With Every Intention, Deja Coup, Handful Of Redemption, Empire… Die Liste ist lang. Und durchdacht. Von Song zu Song gewinnt das Material ein wenig an Härte hinzu. Steigert sich über Walk Astray hin zu Rookie (das dankenswerterweise kein einziges mal zuvor aus dem Publikum gefordert wird) und schließlich zum finalen Deathmatch aus Release The Dogs und Until Nothing Remains. Wer hier noch nicht genug hat, bekommt schließlich in der Zugabe den Rest. Twelve Step Hammer Program und Closure gibt es da zu hören. Und weil Boysetsfire eben mal Boysetsfire sind, lassen sie es sich nicht nehmen, ihrem Publikum ganz zum Schluss mit After The Eulogy noch einmal alles abzuverlangen. Dann sind zwei Stunden und ein in allen Belangen fulminanter Auftritt vorbei. Und wir sind ziemlich sicher: Recht viel besser kann man das nicht machen.

(Martin Smeets)

Lagwagon – Hang

Lagwagon - Hang // Bild: uncleM

Noch nicht fertig

Man staunt nicht schlecht, als man das hauseigene E-Mail-Postfach nach interessanten Bemusterungen durchstöbert. Plötzlich stehen da Worte, die man zunächst kaum in einen semantisch logischen Zusammenhang bringen kann. Lagwagon steht da. Und „neues Album.“ Moment mal, ganz langsam. Das letzte mal, als man eine neue Platte von Lagwagon in Händen halten durfte, ist inzwischen geschlagene neun Jahre her. Resolve hieß das gute Stück und beschallte so manche Autofahrt zwischen Schule und Baggersee im altersschwachen Golf-Diesel. Und jetzt ist es tatsächlich passiert: Die Typen um Joey Cape haben sich nach unzähligen Nebenprojekten zusammengefunden und eine neue Platte aufgenommen. Das Ergebnis heißt Hang und versetzt seine HörerInnen innerhalb kürzester Zeit wieder zurück in ihre Jugend.

Lagwagon sind nämlich viel zu clever (und überdies auch einfach zu gut), um sich eventuell veränderten Hörgewohnheiten anzupassen. Wo andere sich beim Sound diverser Genrekollegen bedienen, machen Lagwagon das, was sie eben schon immer besonders gut konnten. Wieselflinken Skate-Punk im weitesten Sinne, voller unerwarteter Wendungen und Ideen. Dieses mal allerdings pflegt die Band von der ersten Sekunde des Openers Burden Of Proof an ihre Songs in dunkleren Farben auszugestalten. Gut gelaunte Uptempo-Hymnen sucht man vergebens auf Hang. Dafür findet man aber Nummern, die man so auch nicht unbedingt von der Band erwarten konnte. Obsolete Absolute etwa, das sich über sechs Minuten Zeit nimmt, um seine todsichere Melodieführung auch noch in den verstecktesten Winkel der Gehörgänge zu prügeln. Und sich dort über einen langen Zeitraum einzunisten. Wo das Stück dann auch in bester Gesellschaft ist, gesellt es sich doch zu einigen weiteren starken Momenten von Hang. Das hörbar wütende Poison In The Well wäre da etwa zu nennen. Oder das beinahe unter Hitverdacht stehende Burning Out In Style. Fast anrührend wird Hang dann, wenn sich Cape in hoher Stimmlage (die ihm in diesem Leben übrigens wohl nicht mehr stehen wird) mit One More Song vor Tony Sly verneigt.

Doch auch abseits solcher Reminiszenzen, lassen Lagwagon anno 2014 keinen Zweifel daran, dass sie ihr Handwerk immer noch ein Stück weit besser verstehen, also ihre vielen Epigonen. Wer das nicht glauben will, höre nur den Closer Reign. Und schweige für immer. Und wenn in einigen Jahren die nächste Skatepunk-Sau durch’s Dorf getrieben wird, gibt es Lagwagon wahrscheinlich immer noch. Und sie werden wahrscheinlich wieder unvermittelt mit einer neuen Platte auf der Matte stehen und ihre HörerInnen daran erinnern, dass es doch immer besser ist, zum Original zu greifen. Denn eines jedenfalls vermittelt Hang unmissverständlich: Lagwagon sind noch lange nicht fertig. Und das ist verdammt gut so.

7/10

Anspieltipps: Poison In The Well, Absolute Obsolete, Burning Out In Style, One More Song

(Martin Smeets)

Lagwagon – Hang | Fat Wreck/Edel | VÖ: 31.10.2014 | CD/LP/Digital

Regensburg Popkulturfestival 2014

Bild: http://www.regensburg-popkulturfestival.de/

Am Wochenende vom 24.-26.10.14 ist in Regensburg definitiv etwas los. Dies in einem derart positiven Sinne zu formulieren, ist wahrlich nicht selbstverständlich in einer Stadt, die in den vergangenen Jahren und Monaten eher für negative Schlagzeilen im Kulturbereich gesorgt hat. Kneipensterben, drohende Kinoschließungen und Gentrifizierung wohin man schaut. Nun rührt sich aber endlich etwas.

Also freilich ist hier auch sonst etwas geboten, doch gerade an Öffentlichkeit, Geld, Räumen und Vernetzung scheint es (jungen) Kulturschaffenden zu mangeln. Vieles spielt sich in Nischen ab von denen andere Nischen wiederum nichts mitbekommen. Was sich die Alte Mälzerei, der Popmusikbeauftragte der Stadt Säm Wagner und viele andere ausgedacht haben, ist durchaus auch als Testballon zu verstehen. Was ist in dieser Stadt eigentlich möglich? Wie aktiv, sichtbar und begeisterungsfähig ist junge Kultur in der Stadt? Ja, wie lebendig ist die Donaustadt letztlich überhaupt? Die Fragen werden sich nicht an einem Wochenende beantworten lassen, trotzdem wird dieses einen wichtigen Einblick gewähren, wie sich das kulturelle Leben in Regensburg künftig platzieren, positionieren und entwickeln kann und wird.

An insgesamt 15 Orten finden 60 Veranstaltungen statt. Von Film über Kunst, Konzerte und Partys ist bis hin zu Workshops alles dabei. Ein überaus reichhaltiges Angebot also, das mit einmalig 5 Euro (= Festivalbändchen) auch noch wirklich spottbillig ist. Gemäß unserem „Spezialgebiet“, der Musik, listen wir nachfolgend alle im Rahmen des Popkulturfestivals stattfindenden Konzerte auf.

Das komplette Programm findet sich hier, weitere Informationen zu allen Veranstaltungen sind auf der Homepage und/oder der Facebook-Seite des Festivals einsehbar.

FREITAG – 24/10

20.30 Uhr | Heimat | RC Gäng + Aber Hallo! | Hip Hop + Alternative

21.00 Uhr | Büro | Dress + Johnny Firebird | Indie + Rock’n’Roll

21.30 Uhr | W1 | Ibrahim Lässing + Littarist & Baendit | Pop + HipHop

21.30 Uhr | Tiki Beat Bar | Diamond Dogs + The Loverangers | Country-Noir + Rockabilly

22.00 Uhr | Alte Mälzerei | MARIEMARIE  + DJ Lotu & MR B | Pop + ElectroFunk

SAMSTAG – 25/10

16.00 Uhr | Couch | Desmond Myers | Singer/Songwriter

20.30 Uhr | Wechselwelt | Cato Janko | Akustik-Elektric-Poetry-Pop

21.00 Uhr | Büro | Point Baker + Irish Handcuffs | Folkrock + Punkrock

21.30 Uhr | Tiki Beat Bar | The Walrus + Fuadadeimuada | Rock + Surf-Rock

22.00 Uhr | Alte Mälzerei | Ami + Mortal Kombat Sound & Big Family | Reggae-Soul

23.00 Uhr | Ostentor-Kino | Containerhead | Postrock

SONNTAG – 26/10

16.00 Uhr | Couch | Colours of Water  + Lucca | Indie-Folk

20.00 Uhr | Leerer Beutel | Dombert’s Urban Jazz | Jazz

20.30 Uhr | Alte Mälzerei | SickSickSick + Kali | Rock + Stoner Rock

21.30 Uhr | W1 | Cat Stash | Folk

(mo)

Warm Graves – Ships Will Come

Warm Graves - Ships Will ComeBadewannenmusik

Sci-Fi-delic nennt sich das. Darauf muss man erst einmal kommen. Irgendwie also Science Fiction und Psychodelic. Das ist aber auch, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit, da diese „Genrebezeichnung“ eher auf die falsche Fährte lockt. Der Bandname ist eigentlich auskunftsfreudiger: Warm Graves. Ja, Ships Will Come spielt tatsächlich mehr in der Gruft als im LSD-Trip, ist Nosferatu näher als Fear and Loathing in Las Vegas, ist eher schläfrig als hyperaktiv und sogar mehr tot als lebendig. Die Platte ist ein Grab. Eines aber, in das man sich gerne legt. Zur Entspannung. Irgendwie paradox, oder?

Warm Graves gelingen mit ihrem Debütalbum allerdings gleich mehrere Kunststücke, die dieses vermeintliche Paradoxon spielend auflösen. Da wäre eben diese morbide Atmosphäre, die sich durch alle sieben Songs zieht, ohne jemals verzweifelnd oder hoffnungslos zu sein. Da wären die entrückten Chöre, die irgendwo aus dem Jenseits zu ertönen scheinen. Da wären auch der wabernde Bass, die dröhnenden Keyboards und die flackernd metallischen Gitarrenklänge, die trotz Düsternis eine wohlige Stimmung entfalten. Von Beginn an ist Ships Will Come ein eigenartig hymnisches Album, das trotzdem völlig unaufgeregt daherkommt und sich ausschweifend viel Zeit für alles lässt. Jede Geste vollzieht sich in Zeitlupe. Für den trägen Rhythmus gilt das genauso wie für die voluminösen Orgelteppiche. Letztere werden fast durchgehend ohne viel Veränderung  ausgebreitet und verleihen allen Songs eine sakrale Erhabenheit und Unangreifbarkeit. Ravachol funktioniert so, Penumbra auch und Cold Women sowieso. Die Songs sind ineiander verflochten, grenzen sich nur minimal ab. Die Grundstimmung bleibt gleich, Nuancen sind es lediglich, die leichte Variationen zulassen und die Songs unterscheidbar machen. Diese Nuancen zu entdecken und gedanklich den kleinen Schwankungen zu folgen ist ein Hauptvergnügen beim Hören dieser Platte.

Der Titeltrack bereitet ebenso Vergnügen, ist er vielleicht so etwas wie der eigenständigste Song, der sich etwas temporeicher auch durch hellere, leuchtendere und fröhlichere Klangwelten manövriert. Freilich bleibt auch dieser emotionale Höhepunkt dezent, ja ist anfangs gar nicht als solcher auszumachen. Den auffälligsten Song wiederum haben Warm Graves ans Ende platziert. Rouleaux heißt er und reißt doch tatsächlich die zweistellige Minutengrenze. Ein schaukelndes Klimpern bestimmt den Rhythmus, etwas diesseitigere Chöre dominieren die Melodie. Der Song ist klarer und aufgeweckter als das restliche Album und damit ein klug gewählter Abschluss, der sich zudem beim Ausklingen unverschämt viel Zeit lässt. Vielleicht ist Rouleaux der Höhepunkt und nicht Ships Will Come. Oder ist es doch eher Headlines? Man kann es so genau eigentlich nicht sagen, da die Platte wahrlich ein Gesamtkunstwerk ist, das sich nur schwer in Stücke reißen lässt.

Ships Will Come ist sicherlich kein Album für alle Gelegenheiten. Vielleicht kommt es sogar in den meisten davon sogar ungelegen. In anderen wiederum ist es der passendste Sountrack, den man sich vorstellen kann. In der Badewanne zum Beispiel. Ja, es ist im besten Sinne Badewannenmusik für Melancholiker_innen. Nach einer Stunde sollte man allerdings nach diesen sehen, nicht dass ihnen die Badewanne tatsächlich zum warmen Grab geworden ist.
8/10

Anspieltipps: Ravachol, Ships Will Come, Rouleaux

(Martin Oswald)

Warm Graves | This Charming Man Records | VÖ: 17.10.14 | LP/CD/digital

 

Moose Blood – I’ll Keep You In Mind, From Time To Time

Moose Blood - Ill Keep You...Bukowski’s growing old

Wie klängen eigentlich Jimmy Eat World, hätten sie sich nicht im Verlauf des vergangen Jahrzehnts in einem Netz von grauenhaftem Kitsch und Belanglosigkeiten verfranzt? Schwer zu sagen, aber vielleicht recht ähnlich wie Moose Blood. Denn die retten den zerschundenen und so oft gepeinigten Emo-Rock gewissermaßen in ein neues Jahrzehnt. Und das ist tatsächlich gar nicht hochgegriffen, gelingt ihnen mit dem ersten Langspieler I’ll Keep You In Mind, From Time To Time ein überaus beachtliches Werk.

Dort wo sich andere, allen voran die referenziell bereits erwähnten Jimmy Eat World, hoffnungslos verrennen, nämlich der adoleszenten Melancholie und über jedes erträgliche Maß ausgelutschten Poppunkakkorden (in Moll) einen neuen Anstrich zu verpassen, punkten Moose Blood geradezu meisterlich. Könnte der herrlich zurückhaltende Anfangsriff von Cherry tatsächlich das Ende der 90er einläuten, gibt Anyway dem Emo den Arschtritt, den es braucht, um die Dauerrotation von Clarity endlich zu unterbrechen. Auch I Hope You’re Missing Me setz dort an. Eine anfangs (geahnt) enge Verwandtheit mit For Me This Is Heaven  (von eben jenen Jimmy Eat World) wird zu einem eigenständig-eingängigen Punkrocksong gedreht.

Und was will man eigentlich mehr? Die Melodien sitzen, die Coming-of-Age- und Teen-/Twen-Texte atmen verträumte Liebschaft und Leidenschaft. Diese Mélange ist nun wahrlich nichts Besonderes, aber sie ist gut, weil sie zu jeder Sekunde stimmig ist. Ein Song reicht, um zu wissen wohin die Reise geht. Wer einen Song gut findet, findet auch die ganze Platte gut. Überraschungen gibt es nicht, I’ll Keep You In Mind, From Time To Time wird von vorne bis hinten pathetisch, aber schnörkellos durchgespielt. Ohne Aussetzer. Und das, um es noch einmal zu betonen, im Emo.

Highlights sind sicherlich das verdammt ohrwurmige Gum, Boston und Bukowski. Mit den beiden letzteren haben Moose Blood zwei bereits veröffentlichte Songs nochmals aufgenommen, die deutlich in Richtung Poppunk schielen, durch die sehr präsente Produktion aber etwas mehr Ernst, Reife und vielleicht sogar amerikanische Vorstadt-Dramatik bekommen. Überhaupt haben Moose Blood einen allzu amerikanischen Klang, was umso erwähnenswerter ist, als sie eben gar nicht von dort, sondern aus Canterbury, UK, stammen.

I’ll Keep You In Mind, From Time To Time ist keine Neuerfindung von irgendetwas und gewiss auch eine Jahrhundertplatte wie etwa die schon viel zu oft bemühte Clarity besagter Band aus Arizona. Aber diese Platte ist stark. Ziemlich stark. Und auch wenn Moose Blood natürlich nicht die einzigen sind, die das schwere Erbe des Emo weiterführen, so gehören sie dabei sicherlich zu eindrucksvolleren. Wenn es weiterhin so gut für sie läuft, sind sie sogar eine der größten Zukunftshoffnungen.
8/10

Anspieltipps: Cherry, Boston, Gum, Bukowski

(Martin Oswald)

Moose Blood – I’ll Keep You In Mind, From Time To Time | No Sleep Records | VÖ: 07.10.14 | LP/CD/digital

 

 

Weezer – Everything Will Be Alright In The End

Weezer - Everything Will Be Alright In The End // Bild: en.wikipedia.org

Geht doch

Die Geschichte ist an und für sich schnell erzählt. Junge Collegerock-Band kommt aus dem Nichts des Weges, veröffentlicht ein fluffig-luftiges Album voller unwiderstehlicher Melodien und Songs. Dann legt sie einen ambitionierten, aber zunächst kaum gewürdigten Zweitling vor und tingelt seither zwischen den Polen ’nett‘ und ‚beliebig‘ hin und her. Eine Geschichte, die sich auf eine schier unüberschaubare Anzahl an Bands anwenden lässt. Auf keine aber trifft sie so exakt zu wie eben auf Weezer. Die haben mit dem blauen Album eine Poprock-Platte für die Ewigkeit geschaffen und wissen seit der erst Jahre später gewürdigten Pinkerton nicht mehr so recht, wohin die Reise denn nun gehen soll.

Inzwischen hat man von Coumo und Co. denn auch schon so ziemlich alles gehört. Die bemühte Leichtigkeit des grünen Albums, die käsigen Soli von Maladroit, das letzte Aufbäumen des roten Albums und zuletzt die Album gewordenen Peinlichkeiten Raditude und Hurley. Und auch wenn man fairerweise zugeben muss, dass auf Hurley zwei der besten Weezer-Songs als Blumen im Müll getarnt waren: So richtig gewartet dürfte niemand haben, auf Everything Will Be Alright In The End. Dabei gab die Band im Vorfeld so ziemlich alles, um die Platte ihren HörerInnen schmackhaft zu machen. Da würde die Rückkehr zu Produzent Ric Ocasek verkündet, da wurden unzählige kryptische Youtube-Schnipsel verteilt und schlussendlich gar der Veröffentlichungstermin kurzerhand nach hinten verlegt.

Geholfen hat es – behaupten wir mal – alles nichts: Man erwartet nichts Gutes mehr. Und freut sich, mal wieder einen ordentlich Verriss von der Leine zu lassen. Doch Weezer sind immer noch Weezer und gönnen einem nicht einmal dieses Vergnügen, sondern präsentieren erstmals seit sage und schreibe 13 (in Worten: dreizehn!) Jahren wieder ein Album, das man von vorne bis hinten gut finden kann, ohne sich peinlich berührt zu fühlen. Das auch gleichzeitig die Frage aufwirft, warum diese Band teilweise den größten Rotz unter der Sonne veröffentlichen musste, obwohl sie es doch immer noch zu können scheint. Aber wenn das nötig war, um mal wieder ordentliches Material auf die Kette zu bekommen, bitte. Und bevor das hier irgendjemand in den falschen Hals bekommt: An die Klasse der ersten beiden Alben kommt natürlich auch das jüngste Werk nicht heran. Aber das wäre auch wirklich arg viel verlangt.

Doch der Reihe nach: Schon die vorab bekannte Single Back To the Shack zeigt die Richtung in die es mit der neunten Platte gehen soll. Zurück zu simplen, aber doch wirkungsvollen Collegerock-Nummern, die unweigerlich ins Ohr gehen, aber doch nicht einfältig wirken. Das gelingt. Überraschend gut sogar. Eulogy For A Rock Band hat eine Melodieführung wie man sie Weezer längst nicht mehr zugetraut hätte, I’ve Had It Up To Here präsentiert die Band mitsamt leichtfüßiger Strophe und urtypischem Refrain in guter Spätform. Und man höre und staune: Da Vinci gerät tatsächlich zu einem kleinen Hit. Mitsamt Hintergrundgepfeife und allerhand spinnerter Einfälle. Und einem Refrain, den jüngere ZeitgenossInnen wohl mit dem Prädikat ‚Killer‘ versehen würden. Oder so. Wie dem auch sei: Ein Hit. Von Weezer. Anno 2014. Und als wäre das nicht schon Überraschung genug, bringen Weezer zum Ende von Foolish Father gar einen „Everything will be alright in the end“-skandierenden Chor unter. Und zwar unfallfrei.

Und doch bleibt ein Rest von Angst beim Blick auf die Tracklist. Zum Finale der Platte hat sich Rivers Coumo nämlich einen Dreiteiler aufgehoben. Das klingt verdächtig, als ob man einem Künstler genüsslich beim Verheben zusehen kann. Doch sogar der letzte Streich wird nicht in den Graben gesetzt. Im Gegenteil. The Waste Land,  Anonymous und Return To Ithaka bilden die abschließende Portion Wahnsinn, voll von käsigen Gitarrensoli, die dem Kitsch mit einem Augenzwinkern die lange Nase zeigen und gerade wegen ihrer plakativen Pose ungemein zu gefallen wissen.

Und ehe man sich versieht, steht zu einer Platte, auf die man so gar nicht gewartet hat, ein Text in Überlänge zu Buche. Mit der Erkenntnis, dass Weezer es doch noch drauf haben. Und schon ist man versöhnt, mit dieser wankelmütigen Band. Jetzt nun nicht wieder jeden Mist veröffentlichen. Dann könnte es doch noch was werden, mit der Hassliebe zu Weezer.

7/10

Anspieltipps: Eulogy For A Rock Band, I’ve Had It Up To Here, Da Vinci

(Martin Smeets)

Weezer – Everything Will Be Alright In The End | Republic/Universal | VÖ: 03.10.2014 | CD/LP/Digital

The Smith Street Band – Throw Me In The River

The Smith Street Band - Throw Me In The River // Bild: dyingscene.com

We were promised everything

Bandnamen verraten ja nicht unbedingt selten, mit welcher Art von Musik es die geneigten HörerInnen zu tun bekommen werden. Legt man etwa Todeskommando Atomsturm (nur um mal ein Extrembeispiel zu bemühen) in das heimische Abspielgerät, wird wohl niemand ernsthaft sanften Indiepop oder gar introvertierte Singer/Songwriter-Liedchen erwarten. Anders verhält sich die Sachlage im Falle der The Smith Street Band. Was soll das nun sein? The Smiths? Die E-Street Band? Schaut gar der Boss persönlich vorbei? Wohin man auch sieht: Ratlosigkeit allenthalben. Da hilft nur eins: Vorbehalte und Erwartungen von der Planke stoßen und einfach mal ins Blaue reinhören.

Was sich im Übrigen schnell als lohnenswerte Angelegenheit entpuppt. Die Schubladen, die der Bandname an der Oberfläche vermuten lässt, passen dabei nicht wirklich. Obschon sich Throw Me In The River als Grenzgänger zwischen drahtigem Indierock, garagesquen Krach und großen Rock-Gesten präsentiert, schafft die Band es, von Anfang an einen weitestgehend eigentümlichen Sound zu generieren. Dieser Anfang hat es dann auch gleich mächtig in. Schließlich versteckt sich hinter dem Opener Something I Can Hold In My Hands der beste holprige Indierocker seit We Were Promised Jetpacks‘ Überhit It’s Thunder And It’s Lightning. Das beginnt herrlich zurückgelehnt, poltert dann mit unvermittelter Dringlichkeit drauf los, nimmt sich nochmals zurück und schaukelt sich zur euphorietrunkenen Losung im Finale auf: „All I ever wanted / was something I can hold in my hands / And here it is!“. Ein Einstieg nach Maß. So frisch hat es aus der Armada hemdsärmeligen Indierocks schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr geklungen.

Da ist man dann auch gar nicht mal böse, wenn das folgende Songmaterial dem brillanten Opener kein halb volles Glas Wasser reichen kann. Das ist auch nicht weiter tragischen, machen doch Songs, wie Surrender oder East London Summer auch so genug Laune. Und außerdem dauert es auch nicht lang, bis man wieder andächtig Schweigen und der nächsten Großtat lauschen kann. Die hört auf den Namen The Arrogance Of The Drunk Pedestrian und gerät zur besten Polterballade seit – manche ahnen es vielleicht bereits – We Were Promised Jetpacks‘ This Is My House, This Is My Home.

Und um mal etwas Klarheit in diesen ständigen Vergleich mit We Were Promised Jetpacks zu bringen: Throw Me In The River ist dem Jetpacks-Debut These Four Walls schlichtweg in mancherlei Hinsicht sehr ähnlich. Beide Alben sind vollgestopft mit treibenden Indierock-Nummern, die vor lauter Energie immer wieder über ihre eigenen Beine zu stolpern drohen. Beide Alben bieten durchwegs sehr gutes Songmaterial und beide Alben haben eben ziemlich genau drei absolute, unangefochtene Highlights. Nummer drei ist im vorliegendem Falle der Titeltrack, der in der Strophe den miesepetrigen Leisetreter gibt und doch einen brutal ausladenden Mitgrölrefrain parat hält. Ohne daneben zu wirken, versteht sich.

Die Beschäftigung mit Bandnamen oder etwaigen Vorbildern gerät anhand dieser elf Songs dann schlussendlich auch zur völligen Nebensache. Und das ist verdammt gut so. Diese Platte braucht keine Vergleiche, spricht für sich selbst. Und gibt auch in gewisser Hinsicht ein Versprechen für die Zukunft ab. Auf dass da noch viel kommen möge.

8/10

Anspieltipps: Something I Can Hold In My Hands, East London Summer, The Arrogance Of The Drunk Pedestrian, Throw Me In The River

(Martin Smeets)

The Smith Street Band – Throw Me In The River | Uncle M/Poison City | VÖ: 31.10.2014 | CD/LP/Digital