◯ + Kali + Amish Winehouse | 17.09.14 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

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Die Festival- und Open-Air-Saison ist nun definitiv zu Ende und es darf musikalisch nun wieder in den dunklen Kellern überwintert werden. Eigentlich eh viel besser. Gut, Luft und Temperatur im Mälze-Keller erinnern doch eher an Hochsommer, zumal es wirklich ekelhaft schwül ist an diesem Mittwoch Abend. Dafür sorgt nicht zuletzt ein reger Publikumsandrang, der für diese Art von Konzert doch eher ungewöhnlich ist. Zumindest mussten sich ◯ im vergangen Jahr noch mit deutlich weniger Leuten zufrieden geben. Der Publikumsmagnet sind sie aber auch an diesem Tag nicht, denn die meisten Leute durften doch eher wegen Kali gekommen sein. Wie es scheint, kommen einige sogar aus den entlegendsten Käffern der Oberpfalz und schütteln sonst ihr langes, krauses Haar in der Dorfdisko zu Highway To Hell.

Bei Amish Winehouse hingegen gibt es wenig zu schütteln. Allzu bedächtig, ruhig und reduziert spielen die drei Maastrichter mit grober Verspätung auf. Von einer Rhythmussektion ist keine Spur, zwei Gitarren und ein etwa aus der Zeit gefallenes, hölzernes Tasteninstrument. Die mit kleinen und zarten Instrumententupfern verzierten Songs werden nur durch den oftmals mehrstimmigen Gesang etwas voluminöser. Schlecht ist das trotz einiger stimmlicher Schieflagen nicht, so gut wie Kings of Convenience dann aber wiederum auch nicht und außerdem wären Kaminfeuer und ein Glas Rotwein als Umgebung hierfür passender als eine nicht funktionierende Lüftung und die Plörre von Thurn und Taxis im Plastikbecher.

Eine ewige Umbaupause später (warum machen die Helden den Drumsoundcheck nicht schon vorher?!): Kali. Stoner Rock, der sich über weite Strecken sehr zurücknimmt, um in ausgewählten Momenten hervorzubrechen und krachende, starke Riffs hervorzuzaubern. Technisch ist das sehr anspruchsvoll und beeindruckend, die Songs dennoch überwiegend und eigentlich unerklärlich schwach und vor allem gesanglich einige Schippen über der Erträglichkeitsgrenze („Eiieieieieiieieieiieiieieiieieieiei“, „Eiiii will reieieieieieieies“; „to unfold my wiiiiiehiiings“). Dank dieses Klagegejaules und den Meditationseinlagen dazwischen wähnt man ohnehin sich mehr auf einer Mutter-Erde-und-Geister-Beschwörungszermonie als auf einem Konzert. Da fehlen nur noch Räucherstäbchen und die Dame mittleren Alters im Publikum mit dem Tanzstil à la Epilepsie-Anfall wäre wohl komplett ins Nirwana entstiegen.

Anders ◯ – der unbestrittene Höhepunkt. Auch hier aber erst einmal ein unverschämt langes Change Over und ein, trotz allem Bemühen, nerviges Brummen und Knarzen auf alle Lautsprechern. Angesichts der Brillanz von ◯ ist das jedoch zu verkraften und man wagt sich fast schon gar nicht vorzustellen, wie das mit gutem Sound klingen würde. Die klanglichen Rahmenbedingungen also: ärgerlich. Umso beeindruckender was  ◯ daraus machen, wenn sie ihre gewaltige Instrumentalfraktion im Schneckentempo hochfahren. Die dramaturgische Zurückhaltung und die gleichsam opulente Klangwelt so unter einen Hut zu bekommen, ist wirklich große Kunst. Wo andere Bands Gas geben würden, schalten ◯ lieber einen oder zwei Gänge zurück und lassen sich bis zu den dezent gesetzten Augenblicken des Ausbruchs andächtig treiben. Nach dem kürzlich veröffentlichten zweiten Album When Plants Turn Into Stones war die Entschleunigung zwar auch live zu erwarten, dass sie aber auch auf der Bühne so gut funktioniert, war nicht unbedingt gesetzt. Doch da wissen ◯  trotz aller Vorhersehbarkeit jedes Mal auf’s Neue zu überraschen.

(Martin Oswald)