Rock The Hill 2014 – So war’s

Sir Veja

Sir Veja

Am Ende war der Gießhübl Matsch. Dabei regnete es gar nicht allzu oft und lange, aber wenn, dann heftig. Kübelweise ergoss sich der Himmel am Freitag spätnachmittags und vor allem Samstagabend. Erstaunlicherweise hielt sich der Regen dabei ziemlich genau an die Spielzeiten der Bands und schränkte den musikalischen Betrieb des kleinen Festivals im niederbayerischen Nirwana nur bedingt ein.

Nach einem Jahr Pause hatten die RTH-Veranstalter am 15. und 16. August 2014 wieder nach Gotteszell geladen. Die insgesamt fünfte Ausgabe des Open Airs bot wie immer eine vogelwilde Mischung aller möglichen Genrespielarten, Alters-, Szene- und Peergroupgrenzen. Da tummelten sich Motorradfreunde und Dorfpunks, Hippies, Hopper und Hipster, Metaller und alle möglichen Leute diesseits und jenseits dieser Kategorien.

Vielleicht nicht wesentlich, aber doch bedeutend lag die Publikumszusammensetzung natürlich auch am vielfältigen und in dieser Vielfalt durchaus gewagten Line Up. Wer Mundwerk-Crew, Sir VejaMad Sin und NoRMAhl nacheinander auf eine Bühne stellt, muss mit allem rechnen. Wer dann als Samstagsheadliner auch noch J.B.O. aus den schlimmsten Saufpartyplaylists der 90er ausgräbt, legt’s wirklich darauf an. Die einzige Linie im musikalischen Programm schien zu sein, dass es keine Linie gab. Doch hatte dies gewissermaßen auch seinen Reiz, insbesondere dann, weil der Mix nicht nur stilistisch, sondern auch in der regionalen Zusammensetzung der Bands bestand.

So eröffneten mit Swallow’s Rose wahre locals das Festival und die bereits erwähnten J.B.O. aus Franken schlossen es. Größer könnte die kulturelle Spanne gar nicht sein. Die „Woid-Bands“, zu denen sich auch Sir Veja und Mr. Smash gesellten, ließen keinen Zweifel daran, dass man hier musikalisch schon weitaus schlechtere Tage gesehen hat. Gerade Swallow’s Rose und Mr. Smash reifen zunehmend zu festen Größen in der ostbayerischen Punkrock-Landschaft und sind auf dem beten Wege das Erbe z. B. einer Band wie Sir Veja anzutreten, die, wenn überhaupt, lediglich zweimal im Jahr auf die Bühne galoppiert. Dass sie bei diesen raren Gelegenheiten stets auch reichlich Leute mobilisieren können, dürfte sich rumgesprochen haben, zumal sie jedes Mal wahrlich ein ganzes Feuerwerk abbrennen. So auch an diesem Freitag.

Ein Feuerwerk brannten auch Mad Sin ab. Hier allerdings nicht bildlich, sondern buchstäblich gesprochen, waren die Funken am Kontrabass nämlich echt und dabei zugleich die spektakulärste Einlage der Berliner Psychobilly-Band. Ganz ohne extravagante Einlagen kommen NoRMAhl aus. Auch im 36sten (!) Bandjahr brauchten die Schwaben kein Brimborium und verließen sich deshalb auch bei ihrem zweiten Auftritt am Gießhübl auf ihre trockenen bis feucht-fröhlichen Punkrock-Gassenhauer, die mit ein bisschen nostalgischer Schwärmerei immer noch runtergehen wie literweise kühles Dosenbier. Mehr muss die erste Nacht eines kleinen Sommer-Open-Airs auch gar nicht bieten, außer vielleicht etwas wärmere Temperaturen. (Fortsetzung nach der Bilderstrecke)

Bilder vom Freitag:

Letztere gab es immerhin zu Beginn des zweiten Festivaltages als die Woid-Supergroup Stan abseits der Hauptbühne (in der Barscheune zusammengepfercht) akustisch Punkrock-Coversongs trällerte. Sie tat dies übrigens ganz vortrefflich. Ein Bulldog brachte währenddessen die Wellenbrecher für J.B.O., die sowieso schon weit vor ihrem Auftritt mit allerlei Krempel die Bühne in Beschlag nahmen. Wohin man blickte: alles stand schon im Zeichen der vier Erlanger. Vorher aber gab’s noch Mr. Smash und Dorianne mit überzeugend vorgetragenem und flottem Poppunk, dem der (über das ganze Wochenende) ausgesprochen gute Bühnensound besonders entgegen kam.

Die lausigste Vorstellung bei Rock The Hill lieferte, wie erwartet, BBou, der nach kräftigem Regenguss seine etwas stonede Weißbierlaune auf der Bühne ausleben durfte. BBou also, der bayerische Rapper der Stunde. Der Hype von allen Seiten, vor allem aber vom Bayerischen Rundfunk und seinen hippen Jugendsendern, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der oberpfälzer Rapper eigentlich nur das weichgespülte Abziehbild eines auch nur im entferntesten relevanten HipHop ist. Die mit einer derart lästigen Penetranz vor sich hergetragene bayerische Mundart und das frotzelnde Mackertum sind zwar fralle fia an jedn Schuita- und Schenkelklopfa guad, letztlich aber auch nur die Schwanzverlängerung in Brezenform einer durch und durch langweiligen Musik. Da freut man sich selbst auf J.B.O. Und die überraschten dann sogar.

Nicht nur, weil sie als Band eine einzige Albernheit sind und in keiner Sekunde müde werden dies zu unterstreichen, sondern weil sie technisch durchaus zu beeindrucken wissen. Vordergründig sind J.B.O. aber doch Unterhaltung, die sich betrunken wesentlich genussvoller erleben lässt als nüchtern. Dann gehen selbst die katastrophalsten Songs (und davon gibt es eine ganze Menge) der Verteidiger des wahren Blödsinns als Witze durch. Leider geht wohl auch ein recht passender Seitenhieb J.B.O.s in Richtung Frei.Wild nur als Witz durch, lassen es sie sich immerhin nicht nehmen auf deren Karnevalsfestival namens Alpen Flair zu spielen. Letztlich bleiben J.B.O. aber in ihrem Blödsinn erträglich amüsant. Und wer hätte das vorher erwarten können?

Rock The Hill war insgesamt ein durchaus gelungenes kleines Festival, dessen musikalisches Aufgebot sicherlich noch Luft nach oben hat, aber wenigstens bleibt die nächsten Jahre noch etwas zu tun. Es wäre ja auch irgendwie schade, könnte man sich nur noch unterbieten.

Bilder vom Samstag:

(Martin Oswald)

Grand Griffon – Mattachine

Grand Griffon - Mattachine // Bild: ghvc-shop.de

Nicht zu fassen pt.II

Kleine Premiere: Wir sparen uns aus besonderem Anlass an dieser Stelle mal den übrigen Intro-Schmonz, mit dem wir sonst einigermaßen bemitleidenswert in unsere Reviews hineinirrlichtern. Stattdessen sagen wir es gleich zu Beginn rundheraus: Diese Platte reiht sich aus dem Stand in die Liste der Alben ein, von denen man mit Gewissheit behaupten kann, dass man sie in dieser Form nicht oft zu hören bekommt. Und zwar in allen Belangen. In ihrer Qualität, in ihrer Themenwahl, in ihrer Radikalität. Doch der Reihe nach. Die Band heißt Grand Griffon, die neue Platte Mattachine (zur Wortetymologie hat Kollege Eric Meyer ein paar zusammenfassende Zeilen verfasst), das Label Zeitstrafe.

Wohin die Reise musikalisch in etwa gehen wird, könnte man damit in etwa ahnen. Sehr viel Post-Punk, eine hörbare Affinität zum Hardcore und paar Anleihen beim Post-Rock. Kennt man doch, mögen jetzt manche sagen. Stimmt auch. Aber nicht in dieser Form. Mattachine scheut nämlich jedwede Form des Kompromisses. Das fängt bei der Produktion an, die einen drahtigen Minimalismus pflegt und den HörerInnen die Songs so mit einem kaum ertragbaren Nachdruck um die Ohren haut. Das geht weiter bei den Songs, die sich zumeist der Greifbarkeit verweigern und doch immer wieder Melodien an die Oberfläche lassen, an denen man sich durch die Platte hangeln kann. Dazu kommen Geschichten von Resignation, vom Aufgeben, vom Scheitern. Im Gesamtpaket entsteht so ein Album, das seine HörerInnen fordert, ja, ihnen bisweilen alles abverlangt. Mattachine ist – im positiven Sinne, wohlverstanden – ein Mistvieh. Eine homogene Einheit, die lebt, atmet, röchelt, keift, aneckt, schmerzt und ungemein in ihren Bann zieht. Mit Songs wie dem polternden Opener Tanzende Katze, dem fast eingängigen Technicolor oder dem ungemein wütenden Der Goldwagen kommt. Dreckige, depressive Brocken sind das, denen man sich nicht entziehen kann.

Und doch schaffen es vereinzelte Stücke gar, aus der ohnehin sehr guten Masse auszubrechen. Das überragende Minitrue etwa, das mit drängendem Schlagzeug und einem unglaublich dringlichen Gitarrenarrangement über die Beendigung des Lebens sinniert. In einer Intensität, die einem unweigerlich den Boden unter Füßen weg zieht. Ein Stück, so präzise, so einnehmend. Das muss man erst verkraften können. Ähnlich grandios gestalten sich Siste Linjer, das mit Unterstützung des Sängers von Captain Planet die soziale Verödung erzählt, oder Wir haben aufgehört, das von seinem geradezu zurückhaltenden Beginn in einem krachledernen Finale endet.

Und ganz zum Ende leiten Grand Griffon dann doch die musikalische Trostrunde ein. Wenn nämlich der Closer Puzzle das zusammen nach einer guten Minute seine formschöne Hardcore-Attacke beendet, darf sich ein lupenreines Post-Rock-Finale breit machen. Natürlich flankiert von der mit letzter Energie herausgebrüllten Erkenntnis „Tausend Türen stehen offen / wie tausend Fragen / ungestellt.“ Die letzten Takte aber, sie dürfen in Schönheit glänzen und die Platte hell erleuchtet verabschieden. Man nimmt sie dankbar an. Mattachine geht unbarmherzig und treffsicher dort hin, wo es weh tut. Ein schmerzhaftes Vergnügen. Was für ein Album.

10/10

Anspieltipps: Tanzende Katze, Minitrue, Siste Linjer, Wir haben aufgehört, Puzzle das zusammen

(Martin Smeets)

Grand Griffon – Mattachine | Zeitstrafe | VÖ: 15.08.2014 | LP/Digital

Haze – Clouds Surround And Breathe

Haze - Clouds Surround And BreatheTosender Applaus

Cover und Artwork verraten bestenfalls schon wohin die musikalische Reise einer Platte geht. Auch können sie bereits reichlich Information über die Qualität der Musik offenbaren. Ein optisch geleiteter, sicherer Griff im Plattenladen, bedeutet nur selten völlige Überraschung und/oder Enttäuschung. Digital verhält es sich nicht viel anders. Ein Cover entscheidet häufig über den Klick auf den Abspielbutton.

So auch bei Haze. Das Cover von Clouds Surround And Breathe ist vielleicht nicht übermäßig schön, aber es verrät ohne jeden Zweifel: hey, hier gibt es Postrock; einen von der guten Sorte. Die banale Einsicht, dass ein Postrock-Plattencover nun einmal so aussieht wie ein Postrock-Plattencover, gepaart mit einer zunächst noch unbegründeten Ahnung „ja, das hier könnte groß werden“, nehmen schon viel vorweg. So ist man auch gar nicht überrascht, was das einführende Colure vorausschickt. Anfänglich sparsam-behutsames, fortlaufenend voluminöser werdendes Drumming, flackernde Feedback-Gitarren, sich auftürmende Sounddramaturgie… Ja, was denn auch sonst? Eben. Die Überraschung kommt erst hinterher, als I Can’t Help But Get Lost lossägt. Denn siehe da: es ist Gesang. Geschrei vielmehr. Da schleicht sich doch etwas unvermittelt aufgewühlter Hardcore in diesen immer noch zarten Klang. Mit dieser Mischung nun machen Haze letztlich alles richtig und sind weit davon entfernt unter „Enttäuschung“ verbucht zu werden.

Die Band aus Wolverhampton (UK), die vor einiger Zeit noch Fallacies hieß, legt in knapp 50 Minuten ein Werk höchster Qualität vor und liefert abermals den Beweis, dass Postrock und Hardcore eigentlich auf’s Engste miteinander verwoben sind. In Upheaval zeigt sich das in aller unzweifelhaften Deutlichkeit. Schroff und sanft, wild und geordnet, roh und gleichsam fein komponiert. Das alles geht zusammen, wenn Postrock-Soundscapes für Melodie und Atmosphäre sorgen, Stimme und Rhythmusgruppe für Wüstheit und Dynamik. Am intensivsten ist dies vielleicht in der zweiten Hälfte des neunminütigen Upheaval zu bestaunen, wenn sich unermüdlich eine kleine, zerbrechliche Gitarrenfigur über wildem Geschepper zeichnet. Wunderschön.

Haze haben hier freilich ihr Pulver noch lange nicht verschossen. Das sich im Anschluss (anfänglich) zurücklehnende und ebenfalls zu lobpreisende Morriña wirkt phasenweise derart zusammengewürfelt und ungestüm, dass es geradezu verwunderlich erscheint, wie es zum Ende hin doch noch zu einem Stück aus einem Guss zusammengeflickt wird. Das ungewöhnlich starke „Nachvornemischen“ der recht trockenen Drums, macht wiederum Forma fast allein durch die rhythmische Präsenz zu einem eigentümlich bedrohlichen Song, bevor dieser in letzter Sekunde doch noch versöhnlich ausklingen darf.

Dass im Postrock auch gerne Mal die Gitarre mit Cellobogen gestrichen wird, ist nun auch keine Neuigkeit, aber wenn es so herrlich klingt wie in Loomer, dann ist es zumindest eine nachdrückliche Erwähnung wert. Welche Worte soll man dann überhaupt noch über die Abschlusstrilogie aus Like Glass, Skies Fluctuate & Fall und Clouds Surround & Breathe verlieren? Eigentlich ist ja alles gesagt, doch kommen hier nochmals alle Aspekte kompakt zur Geltung, die Haze zu einer solche vortrefflichen Band machen. Wer einen Kurzeindruck braucht, hört diese letzten drei Songs in einem Durchzug und findet jede Menge Grund zum Staunen. Wer so stilsicher kleine Gitarrenfigürchen mit Prog-Riffs (man höre nur den Mittelteil in Skies Fluctuate & Fall) kombiniert, Geschrei in sanfte Melodiebögen kleidet und dabei Postrock rhythmisch so interessant gestalten kann (auch dort), hat sich tosenden Applaus verdient. Coverart hin oder her.
9/10

Anspieltipps: Upheaval, Loomer, Skies Fluctuate & Fall

(Martin Oswald)

Haze – Clouds Surround And Breathe | Beyond Hope Records | VÖ: 10.08.14 |LP/digital

Rock The Hill 2014

RTH-2014

Rock The Hill  2014 steht nach einem Jahr Pause unmittelbar vor der Tür. Vom 15.-16.08.14 wird die menschenleere Gegend um „The Hill“ Gießhübl in Gotteszell zum Tummelplatz von allerlei Musik-, Event- und Bierbegeisterten. An Festivitäten mangelt es dem Bayerischen Wald ja eigentlich nicht, an Musikveranstaltungen deren Horizont weiter reicht als bis zum Gartenzaun des Schützenvereinsheims und deren musikalische Relevanz über die einer AC/DC-Coverband hinausgeht, umso mehr.

Dem Veranstalterteam von Rock The Hill ist es deshalb hoch anzurechnen sich vor einigen Jahren kopfüber in das durchaus waghalsige Projekt gestürzt zu haben, ein kleines Sommerfestival mitten im Nirgendwo zu veranstalten. Nach einem auch überregional relevanten Festival dürstet der Woid schon länger. Der „Festivalmarkt“ ist hart umkämpft und gerade die kleinen und mittleren Festivals ziehen terminlich und dank aberwitziger Gebietsschutzregelungen der „Großen“ regelmäßig den Kürzeren. Die wichtigste Festivalregel der Big Player lautet nämlich: Business.

Eine Nische jenseits dessen zu finden und dabei ein ansprechendes Programm zu bieten, ist  gar nicht so einfach. Bei Rock The Hill ging das bisher einigermaßen auf, auch weil das Umfeld (mit zahlreichen Ehrenamtlichen, dem Gasthof Kilger etc.) und die (immer gewagte) musikalische Mischung sich eine gewisse Einzigartigkeit in der Region erspielt haben. So bleibt zu hoffen, dass sich Rock The Hill mit seiner Strahlkraft weit über den „Gießhiebe“ hinaus , als fester Bestandteil der ostbayerischen Musikkultur weiterhin etabliert.

Auch dieses Jahr gibt es ein Line-Up, das gar nicht wilder durcheinander gewürfelt sein könnte. NoRMAhl treffen auf Mundwerk-Crew und Mad Sin, BBou auf J.B.O. Genre- und Generationengrenzen gibt es keine. Was sich ganz abenteuerlich anhört, hat bisher aber eben gut geklappt und könnte auch in diesem Jahr, trotz wahrscheinlich durchwachsenen Wetters, ein vielseitiges und zumindest phasenweise hochwertiges kleines Festival bescheren.

Die Running Order liest sich folgerndermaßen:

Freitag, 15.08.

18.00 – 18:45  // Swallow’s Rose
19:15 – 20:15  // Mundwerk-Crew
20:45 – 21:45  // Sir Veja
22:15 – 23:30  // Mad Sin
00:00 – 01:00  // NoRMAhl

Samstag, 16.08.

14:00 – 16:00  // Stan
18:30 – 19.30  // Mr. Smash
20:00 – 21:00  // Dorianne
21:30 – 22:30  // BBou
23:00 – 01:00  // J.B.O.


Ticket-, Band- und weitere Informationen gibt es hier. Zum Facebook-Event geht es hier.

(Martin Oswald)

PS: Ob der militärische Drill im Trainingslager der alten Knackern von Sir Veja  ihrer Fitness etwas gebracht hat, wird sich spätestens Freitagabend zeigen:

Silver Dolls – S/T

Silver Dolls - STUrbanität auf niederbayerisch

Deggendorf, Niederbayern. Nicht gerade der Ort an dem man Urbanität vermutet. Um ehrlich zu sein, es gibt sie dort nicht. Nichts, aber auch wirklich nichts, deutet in diesem Nest auf eine Platte hin wie Silver Dolls‘ zweite Selbstbetitelte. Denn die geriert sich durch und durch urban, was durchaus überraschend ist, aber daran liegen könnte, dass musikalische Entwicklungen, die sich New York oder London abspielen in Niederbayern erst ca. 30 Jahre später ankommen. Das  wäre eine Erklärung. Eine andere wäre, dass sich mangels Szenebildung DIY-Musik an der freifließenden Donau vor allem auf die Vinlyscheiben aus den Underground-Zentren dieser Welt verlassen muss. Wir sind wohlgemerkt im Jahr 2014, aber auf den Plattentellern rotieren Sonic Youth, Dinosaur Jr.,  Joy Division oder vielleicht auch (die frühen) Devo. Hier stöpseln die Silver Dolls ihre Gitarren in zahlreiche Effektpedale ein.

Sie sind aus der Verwurzelung im Punk mit ihren ersten Album in Richtung Rock’n’Roll abgebogen und nehmen nun die Kurve zunehmend gen Post-Punk, New Wave, Indie und/oder Noise. Irgendwo auf diesem Feld bewegen sich die vier Deggendorfer, ohne dabei  Ausflüge in andere, wenngleich stets artverwandte, Gebiete zu scheuen. Was Genre und Genregrenzen anbelangt, zeigen sich die Silver Dolls vielseitig und informiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und steckt den etwas garstigen Vorgänger locker in Tasche. Die Songs sind im Schnitt länger und insgesamt durchdachter, verkopfter und kompletter. Der Sound gründlicher und dynamischer. In all dem zeigt sich auch die eingangs angesprochene Urbanität. Diese ist nicht nur klangliches Grundmotiv. Der beste Song, This Town und der zehnminütige Abschlussbrocken, Town By The River, tragen sie gar allzu offensichtlich im Namen. Es ist niederbayerische Provinz, aber die Klänge sind aus den siffigen Kellerclubs der Metropolen der 70er und 80er. Dass die eigene Kellervergangenheit  in der Deggenauer Azetti-Kartoffelfabrik nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst.

Es sind die Wechselspiele aus Schroffheit, prägnanter Rhythmik und nicht bloß zum Selbstzweck ausufernder Soundtüftelei, die zur Güte dieser Platte entscheidend beitragen. Kein Song bringt das besser zur Geltung wie erwähntes This Town. Mit stockend-treibender Taktung bringt die Rhythmusfraktion eine fies monoton-dissonante Riffstruktur in Stellung, in der sich allerlei Auf- und Abfahrten, kalkulierter Krach und Geräuschfetzen tummeln. Dieses Rezept funktioniert überall ziemlich gut, hier aber besonders. Anti-Action, das überdies einen catchigen Refrain bereithält und Retrospective wären an dieser Stelle ebenfalls hervorzuheben. Town By The River lässt zu guter Letzt minutenlange Distortion-Spielereien und übersteuerndes Krachgewusel vom Stapel. Kann man machen, solange Kriss und Johannes aus dem Gedudel nicht ganze Platten schustern. Übrigens versteckt sich ganz am Ende noch eine kleine, zarte Melodie, die fast an die Märchenkompositionen eines Karel Svoboda erinnert.

Dass sich auf der Platte der Gesang krass neben der Spur bewegt, könnte man den Silver Dolls aus wohlwollend-experimentellen Gründen nicht übel nehmen, aus Gründen der Ästhetik sollte man es dennoch. Das hat selbst die dissonanteste Experimantalplatte nicht verdient. Das ist der Wermutstropfen, den man über die gesamte Spielzeit dieses wirklich guten Albums in Kauf nehmen muss. Aber seien wir doch mal ehrlich: Keine Stadt ist perfekt, selbst Deggendorf nicht.
7/10

Anspieltipps: This Town, Anti-Action, Town By The River

(Martin Oswald)

Silver Dolls – S/T | Azetti Records | VÖ: 20.02.14 |LP/CD/digital