Chet Faker – Built On Glass

Chet Faker - Built On Glass // Bild: ampya.com

Wunderkind

An alle, die den so genannten ‚Hipster‘ in einem moment gedankenloser Langeweile zu ihrem liebsten Feindbild erklärt haben: Ihr müsst jetzt ganz stark sein. Nicholas James Murphy aka Chet Faker ist optisch genau ein solcher. Er trägt Wuschelbart und witzige Hüte, was unter den BenennungsfanatikerInnen wohl ausreichen dürfte, um das stupide Etikett ‚Hipster‘ aus der Skinny-Jeans-Hosentasche zu zücken. Und er macht Musik, von der manche glauben, sie würde dem eben benannten Klientel zuzurechnen sein. ‚Future Beat‘ und ‚Modern Soul‘ spukt das Internet (aka Wikipedia) dazu aus. Future Beat also, aha. Da freut man sich doch, mal eben über 2000 Zeichen ein paar Stereotypen breit treten und am Schluss eine beliebige Zahl drunter zu setzen.

Wäre da nicht dieses kleine Detail am Rande, um das es eigentlich gehen sollte. Die Musik nämlich. Die nimmt mit Built On Glass die Gestalt eines Albums an und hat mit Klischeereiterei ungefähr so viel zu tun, wie H.P. Baxxter mit verstiegenen philosophischen Ideen. Ein paar Tupfer aus dem Rhodes-Piano, ein wenig Stille und schließlich die unverwechselbare Stimme des Protagonisten, und schon ist man mittendrin in einer Platte, die ihre HörerInnen in den Ohrensessel setzt und sie bittet, sich jetzt eben mal gute fünfzig Minuten Zeit zu nehmen. Nur rumsitzen und zuhören. Sonst nichts. Man darf schließlich nichts verpassen, was auf Built On Glass passiert. Die ungemein warme Atmosphäre, die Instrumentierung in all ihrer spärlichen Eleganz, die Intensität von Murphys Organ, die Masse an umwerfenden Stücken, das immer wieder vorbeischauende Rhodes. All das läuft unbemerkt vorbei, wenn man dieser Platte nicht mit der Aufmerksamkeit entgegentritt, die sie redlich verdient.

Vom ersten Takt bis zur letzten Nummer Dead Body passiert hier nichts Überflüssiges. Keine Note zu viel wird gespielt, kein Beat drängt sich unangemessen in den Vordergrund, keine Idee wird länger verfolgt, als es ihr gut tut. Murphy, so könnte man meinen, entwickelt sich hier zum Meister des Weglassens. Er hält seine Stücke herrlich unaufgeregt und schafft es doch, mit minimalem Instrumentaleinsatz weitläufige Soundscapes zu erschaffen. Songs in denen man versinken möchte, Songs die einen zwangsläufig in ihren Sog ziehen und Songs, die schlichtweg schön sind. Der Opener Release Your Problems gibt dabei die Richtung vor, die all seine Nachfolger konsequent mitgehen. Mal organisch, mal entfremdet, mal jazzig, aber immer mit Bravour. Das bezaubernd balladeske To Me ist ein eindeutiger Kandidat für’s Elektro-Songwriter-Handbuch, 1998 könnte sogar auf einer Tanzfläche funktionieren, Blush gerät zu einer fast psychedelisch anmutenden Achterbahnfahrt in finsterer Nacht und Cigarettes & Loneliness testet in knapp acht Minuten aus, wie viel Indietronic in Murphys Stilentwurf passt. Und wenn Talk Is Cheap mit seiner unwiderstehlichen Melodieführung sich aufmacht, ein Hit zu werden, kann man gar nicht genug Hüte finden, um sie zu ziehen.

Dass der Kerl, der hinter diesem kleinen Wunderwerk steht, gerade mal sein zweites Album veröffentlicht hat, will man anhand dieser Stücke beinahe ins Reich der Fabeln abtun. Bei all dem Soul, den der Rausschmeisser Dead Body atmet, bei all der traumwandlerischen Souveränität, mit der sich Murphy durch seine Platte bewegt, will man das einfach nicht glauben. Und dennoch, Hipster hin oder her: Der Zweitling von Nicholas James Murphy ist, genau wie sein – mit Verlaub – ultracooler Künstlername, über jeden Zweifel erhaben.

9/10

Anspieltipps: Talk Is Cheap, To Me, Cigarettes & Loneliness, Dead Body

(Martin Smeets)

Chet Faker – Built On Glass | Future Classic / [PIAS] Cooperative / Rough Trade | VÖ: 11.04.2014 | CD/LP/Digital

News | Juli 2014 #1

Weezer - Everything Will Be Alright In The End // Bild: visions.de

+++ Wir starten mit einer Band, von der man zwischenzeitlich fast vergessen hätte, dass es sie noch gibt. Gemeint ist – wie könnte es auch anders sein – Weezer. Die haben nämlich erstens schon lange nichts mehr von sich hören lassen, zweitens schon lange keine vernünftige Platte auf die Kette gebracht und drittens ein neues Album aufgenommen. Heißen soll das gute Stücke Everything Will Be Alright In The End, erscheinen wird es am 30. September. Ob der Albumtitel sein Versprechen einlösen wird, ist ungewiss, jedoch kann man sich anhand einiger Teaser ein paar flüchtige Eindrücke verschaffen. Und zwar hier, hier, hier und hier. Ein Cover gibt es auch bereits. Siehe da oben.

+++ Weg vom College-Rock, mitten rein in eine wüste Mischung aus Hardcore, Grindcore und Black-Metal. Ja richtig, die Rede ist von United Nations. Die Band um Geoff Rickly hat mit The Next Four Years ein neues Album zusammen geknüppelt. Wie sehr das ganze nun direkt auf die Zwölf geht, kann man auch schon beurteilen. Und zwar im Stream von Pitchfork Advance.

+++ Wir bleiben gleich beim Ex-Thursday-Kopf Rickly. Der hat nämlich den verbliebenen Mitgliedern der Lostprophets seine Stimme geliehen, um eine neue Band aus der Taufe zu heben. No Devotion heißt eben jene neue Band. Einen ersten Song gibt es mit Stay auch bereits zu hören:

 

+++ Zuletzt hatten wir die Platte noch bei den Reviews in der Mangel, inzwischen kann man sich das ganze Werk im Stream zu Gemüte führen. Gemeint ist The Black Market, das neueste Album von Rise Against, zu hören gibt es die Platte hier.

+++ Vor kurzem haben WIZO aus dem Nichts heraus ihre neue Platte Punk gibt’s nicht umsonst! (Teil III) rausgehauen und dazu gleich mal eine ausgedehnte Tour versprochen. Jetzt gibt es zu diesem Versprechen auch Termine. Und zwar diese hier:

Do. 23.10. Stuttgart, LKA/Longhorn
Fr. 24.10. Nürnberg, Löwensaal
Sa. 25.10. Lindau, Club Vaudeville
Mi. 29.10. Mannheim, Maimarktclub
Do. 30.10. Völklingen, Hermann-Neuberger-Halle
Fr. 31.10. Pirmasens, Quasimodo
Sa. 01.11. Wiesbaden, Schlachthof
Mi. 05.11. Düsseldorf, Zakk
Do. 06.11. Köln, Live Music Hall
Fr. 07.11. Oberhausen, Turbinenhalle
Sa. 08.11. Leer, Zollhaus
So. 09.11. Osnabrück, Hyde Park
Di. 11.11. Bremen, Aladin
Mi. 12.11. Hannover, Faust
Do. 13.11. Braunschweig, Meier Music Hall
Fr. 14.11. Rostock, MAU Club
Sa. 15.11. Hamburg, Große Freiheit
Mo. 17.11. Berlin, Astra
Di. 18.11. Dresden, Reithalle
Do. 20.11. Cottbus, Gladhouse
Fr. 21.11. Magdeburg, Factory
Sa. 22.11. Leipzig, Werk II
Mi. 26.11. Erfurt, Centrum
Do. 27.11. Fulda, Kreuz
Fr. 28.11. Würzburg, Posthalle
Sa. 29.11. München, Backstage
Mo. 01.12. AT-Wien, Arena
Mi. 03.12. AT-Weiz, Volxhaus
Fr. 05.12. I-Meran, KIMM
Sa. 06.12. AT-Saalbach-Hinterglemm, Bergfestival

+++ Keine Tour, dafür aber vielversprechende Neuigkeiten gibt es derweil aus dem Hause We Were Promised Jetpacks. Die Schotten haben für den Herbst eine neue Platte angekündigt und mit Unravelling auch gleich den Titel dazu verraten. Und weil die Band offensichtlich spendabel ist, gibt es mit Safety In Numbers gleich noch einen neuen Song obendrauf. Außerdem gibt es bereits seit einiger Zeit die Live-Version von Peace Sign zu hören:

 

+++Ebenfalls mit einem neuen Album sind Interpol dabei. Ihr neuestes Werk wird den Namen El Pintor tragen und am 5. September erscheinen. Und auch Interpol spendieren schon mal einen ersten Song:

 

+++ Ein neues Album haben Only Crime schon seit 16. Mai draußen. Da wird es höchste Zeit für eine Tour. Die kommt nun in Bälde, und zwar kurz und knackig, wie sich das gehört. Zu sehen gibt es die Band hier:

Support: Astpai*
14.07. AT – Wien – Arena *
15.07 DE – Zwiesel – Jugendcafe *
16.07. LU – Soul Kitchen, Luxemburg *
17.07. DE – Bielefeld -­ AJZ, Bielefeld *
19.07. DE – Cuxhaven – Deichbrand Festival

+++ Wenig Erbauliches gibt es dagegen von Derek Archambault zu hören. Der Sänger von Defeater und Alcoa braucht eine neue Hüfte, sonst ist grob gesagt Essig mit weiteren Shows. Doch dazu fehlt bislang das nötige Kleingeld, weshalb man sich an der Finanzierung der Operation per Download von Alcoas EP Thank You beteiligen kann. Hier findet ihr eine ausführliche Erklärung Archambaults.

+++Weil wir gerade bei EPs waren. Eine solche gibt es nun von Catatonic State. Heißen tut das einigermaßen verrückte Teil A.C.A.B., was im Übrigen nicht für das steht, wofür man es hält. Hinter der Abkürzung versteckt sich: All Cats Are Beautiful. Hier der verstörende Geniestreich in voller Länge:

 

+++ Ein neues Album haben übrigens auch Marathonmann aufgenommen. Und inzwischen kann man sich von …und wir vergessen was vor uns liegt. mit NeumondnachtAlles auf Null und Diese Hände auch bereits stolze drei Songs anhören. Ob die Band im Vergleich zum Debut einen Schritt nach vorne machen kann, dürft ihr nun selber beurteilen:

 

+++ Eine kleine Meldung hat auch Frank Turner zu bieten. Der bespielt ja bekanntlich über den Sommer einige Festivals. Da er aber auch weiß, dass sein Liedgut auch kleineren Bühnen womöglich am besten zur Geltung kommt, gibt es als Zugabe zwei Clubkonzerte. Und zwar an folgenden Orten:

11.08. Nürnberg – Hirsch
12.08. Augsburg – Ostwerk

+++ So, eine letzte Meldung. The Tidal Sleep haben dem Song Thrive And Wither vom hervorragenden Album Vorstellungskraft ein Video verpasst. Das geht so:

Rise Against – The Black Market

Rise Against - The Black Market // Bild: universal-music.de

Anders als gedacht

Zugegeben, es gibt inzwischen wohl durchaus weit Spannenderes als eine neue Platte von Rise Against. Zu bekannt sind die Versatzstücke, aus denen die Truppe um Tim McIllrath ihre Songs seit den letzten drei Alben zusammenkleistert. Zu sehr ist man an die Dynamik gewöhnt, die einem Song dieser Band nun mal so innewohnt. Braucht man nicht mehr viel zu sagen, ist halt eine neue Platte von Rise Against und bietet Punk, der in keinem Jugendzimmer der Welt noch jemandem irgendwie weh tut, natürlich immer unterfüttert mit dem textlichen Anspruch, die Welt zu retten. Und überhaupt war nach den ersten drei Platten sowieso die Luft raus. Mindestens.

Somit wäre The Black Market auch schon abgefrühstückt. Ein okayes Album, das die Welt ‚South Of Mainstream‘ nicht groß weiter zu kümmern braucht. Da man hier aber weder von der Intro ist und sich auch sonst jedweden pseudoelitären Habitus verbieten will (jaja, klappt nicht immer), schaut man eben doch genauer rein in die neue Platte von Rise Against. Und siehe da: Es lohnt sich. Klar, an der Oberfläche tönt The Black Market tatsächlich so, wie ziemlich jedes jüngere Album der Band. Unter selbiger darf man aber doch ein paar subtile Veränderungen bestaunen. Da wäre zum einen McIllraths Stimme, die endlich mal wieder nicht penetrant in den Vordergrund gemischt wurde und – man höre und staune – neuerdings auch endlich wieder brechen darf. Schön, dass die Herren Stevenson und Lawrence bemerkt haben, dass McIllraths Organ genau dann am besten ist. Da wären zum anderen auch die Songs, die nicht mehr stets den Weg zur größtmöglichen Dramatik suchen, sondern auch mal den einfachen Weg gehen, wenn es ihnen denn gerade zuträglich ist. Und da wäre im übrigen auch die Qualität des Liedguts, die mindestens im Vergleich zu Appeal To Reason und Endgame gestiegen ist.

Was die HörerInnen in den Genuss bringt, Stücke, wie den fabelhaften Titeltrack oder das vorab veröffentlichte I Don’t Want To Be Here Anymore goutieren zu können. Und zwischendurch auch mal ein bisschen zu staunen. Wenn zum Beispiel Tragedy+Time mal eben den Entschluss fasst, den Karren für gute vier Minuten in Richtung Pop zu ziehen. Und zwar unfallfrei. Eine fies eingängige Melodie, ein rundum gelungener Chorus und eine ungewohnte Losung: „We’re holding on / to laugh again someday.“ Das war so nicht zu erwarten. Ebensowenig, wie das fulminante The Eco-Terrorist In Me, das nicht nur endlich wieder eine größere Packung Geschrei dabei hat, sondern auch mal so mir nichts, dir nichts alle Stärken und Trademarks der Band in unter drei Minuten packt. Kann man mal machen. Dass zur zumeist gelungen musikalischen Komponente auch auf Seiten der Lyrics an einigen Stellschrauben gedreht wurde, tut den Stücken zusätzlich gut. Natürlich wird hier stets ein politischer Anspruch vermittelt, jedoch verbirgt sich selbiger hinter eher in sich gekehrter Textarbeit. Die überbordende Theatralik, die zuletzt noch moniert wurde? Passé.

Da ist es dann beinahe ein wenig ärgerlich, dass Rise Against doch wieder ein paar Streichkandidaten auf’s Album geschmuggelt haben. Stücke wie Sudden Life oder Awake Too Long mögen zwar bestimmt nicht schlecht sein, fallen aber im Vergleich zum restlichen Material doch ein wenig ab. Dafür aber implementiert die Band dem fast obligatorischen Akustiktrack eine wohltuende Unaufgeregtheit, die zeigt, wie weit man es mit den Streichern treiben kann, ohne unterkiefertief im Kitsch zu versanden. Und ganz zum Ende hauen Rise Against mit Bridges noch einen sicheren Kandidaten für ein hoffentlich nie erscheinendes Best-Of-Album raus. Und Captain Ahab? Dem winkt die Band nunmehr milde lächelnd hinterher. Schließlich präsentiert sie sich hier so stark, wie es seit Siren Song Of The Counter Culture nicht mehr getan hat.

7/10

Anspieltipps: Tragedy+Time, The Eco-Terrorist In Me, Methadone, Bridges

(Martin Smeets)

Rise Against – The Black Market | Interscope/Universal | VÖ: 11.07.2014| CD/LP/Digtial

Matze Rossi – Und jetzt Licht, bitte!!!

Matze Rossi - Und jetzt Licht bitteEin Album ist keine Yogamatte

Senore Matze Rossi hat endlich wieder ein Album aufgenommen. Nachdem der Plan mit drei Online-EPs nur zu 2/3 vervollständigt werden konnte (siehe hier und hier), ist es um den Schweinfurter Solokünstler etwas leiser geworden. Er wolle das Rossi-Projekt mit Begleitband wieder zu einer reinen, akustischen Soloangelegenheit machen und dafür das Stromgitarrenkabel in einer „richtigen“ Band einstecken. Da sind wir also: die Band heißt Bad Drugs und hat Anfang des Jahres ihre Debütplatte veröffentlicht und Matze heißt Matze Rossi und bringt mit Und jetzt Licht, bitte!!! sein viertes Album raus.

Er vollzieht damit einen gewaltigen Bruch mit den vorangegangen Veröffentlichungen und ist seiner ersten Soloveröffentlichung solo(w) boy, so-low so nahe wie seit zehn Jahren nicht mehr. Und jetzt Licht, bitte!!! geht im wahrsten Sinne back to the roots. Akustikgitarre, Stimme, fertig. Gut, eine handvoll Gaststimmen, hier und da Mundharmonika, spärliche E-Gitarreneinsätze oder dezente Streicher/Piano/Keyboard- und Glockenspieluntermalungen sind auch zu hören. Matze hat das Album in seinem Keller und Wohnzimmer eingespielt und bringt es über sein Label Dancing In The Dark Records heraus. Das hier sind 100% Matze Rossi. Mehr DIY geht eigentlich nicht.

Leider sticht zunächst das wirklich scheußliche Artwork ins Auge (auch von Matze). Verpixelter blauer Himmel mit Kondensstreifen (oder sind das Wolken oder gar Chemtrails?!?), im Booklet ist dieser Himmel dann auch noch eingefärbt. Puh, da kann die Musik nur noch besser werden. Und so ist es natürlich auch. Alles was du willst gibt die Marschroute vor, die bis zum letzten Song ein- und durchgehalten wird. Insgesamt sind es dreizehn reduzierte, direkte, authentische, über alle Maße positive, schöne kleine Songs. Diese intime Nähe zeichnet dieses Album ohne Frage aus. Die Unmittelbarkeit und Rohheit der Kelleraufnahmen überträgt sich eins zu eins auf den Höreindruck. Es passt kein Blatt zwischen Künstler und Hörer_in. Als hätten sie mich nie besiegt (mit E-Gitarre), Wir wollen doch gut aussehen oder der Titeltrack kommen in ihrer Ungeschliffenheit und Einfachheit wunderbar ehrlich und ursprünglich daher, so dass von ihnen weit mehr übrig bleibt als Text und Melodie. Die Produktionswalze hat hier eben nicht gewütet und so ist jede (vermeintliche) klangliche Imperfektion als Moment für die Ewigkeit festgehalten. Persönlicher und authentischer geht es eigentlich nicht.

Das aber ist auch gerade das Problem von Und jetzt Licht, bitte!!!. Die Platte ist ein kleines Klammeräffchen und mit allzu viel Herz, Liebe, Kitsch und mantraartiger Positivität aufgeladen und kann in ihrer Gesamtspielzeit von fünfzig Minuten auch auf die Nerven gehen: „Oh ich bin und ich glaube an die Liebe, die Natur und an das Gute in uns allen und wem ist das jetzt zu hippiesque? Ich bitte euch, ist doch besser als Angst, Hass und Tristesse“. Naja, besser vielleicht schon, aber (mit einem Schmunzeln unter uns gesagt) „hippiesque“ ist es trotzdem. Hinzu kommt, dass Matze auf dieser Platte zwar eben seine persönlichsten Songs festhält, leider aber nicht seine besten. Sein eigentlich überragendes Songwriting hat stets auch von einem ordentlichen Schuss Melancholie und Weltschmerz profitiert. Auch die Bandversionen der Matze-Songs sind und waren für sie stets eher ein Gewinn. Und so kommt es auch, dass die hier erneut aufgenommenen Best Friends, Geist und Warum aus mir und meinen Freunden nichts mehr werden kann, in ihren jeweiligen Bandversionen stimmiger, kompletter, ja schlichtweg besser sind.

Freilich bietet Und jetzt Licht, bitte!!! auch wunderbare Momente, die diesen Künstler so besonders machen. Das entschlossene und liebenswürdige Komm wir bauen uns was auf: „und dann stecken wir’s in Brand, damit es jeder sehen kann… und wärmen uns daran“. Oder das formvollendete Und jetzt Licht, bitte!!!. Ein einfacher und fragiler Song, der nur Lagerfeuergitarre und harmonische Stimmen (mit Nicole Carter Cash) braucht, um am Ende mit ein bisschen Pauke zu explodieren.

Zusammenfassend lässt sich aber nicht leugnen, dass obwohl Und jetzt Licht, bitte!!! an sich eine gute Platte ist, sie zugleich die bis dato schwächste Veröffentlichung des wunderbaren Matze Rossi ist.
6/10

Anspieltipps: Komm wir bauen uns was auf, Und jetzt Licht, bitte!!!, Geist, Warum aus mit und meinen Freunden nichts mehr werden kann

(Martin Oswald)

Matze Rossi – Und jetzt Licht, bitte!!! | Dancing In The Dark Records | VÖ: 25.07.14 | LP/CD/digital

The Tidal Sleep – Vorstellungskraft

The Tidal Sleep - VorstellungskraftWas soll da eigentlich noch kommen?

Es war ein regelrechter Paukenschlag als The Tidal Sleep im Jahre 2012 ihr selbstbetiteltes 7-Song-Debüt veröffentlichten. Die passende Antwort auf die vielzitierten „The Wave“-Bands diesseits des Atlantik? Vielleicht. Jedenfalls war es eine deutliche Marke in der Post-Hardcore-Welt – auf allen Seiten des Atlantik. Serpent Hug, Ghost Poetry oder Tiburon sollten jedenfalls auf keinem guten Post-Hardcore-Mixtape fehlen. Diese s/t war eigentlich auch eine Steilvorlage für fast alles, was danach hätte passieren können mit dieser Band. The Tidal Sleep hätten sich in jede beliebige Richtung entwickeln können, irgendwie hätte alles gepasst. Insofern ist die nachfolgende Four Song EP nicht verwunderlich, erstaunlich ist aber, dass The Tidal Sleep darauf mit Defeated Lips und FailuresOff einfach mal ihre bis dato zwei besten Songs raushauten. Was soll da noch kommen?

Es kommt Vorstellungskraft. Ein konsequentes Weiterschreiten des unbekannten Weges mit so viel möglichen Abzweigungen, der doch wiederum nur so Sinn macht, wie er beschritten wird. Die Platte liefert nicht die offensichtlichen Kracher wie der Vorgänger, dafür funktioniert sie von vorne bis hinten als Album. Als Gesamtwerk, das fein, überlegt und zielgerichtet durchkomponiert ist. Es ist geradezu der Inbegriff eines Albums. Einzelne Songs herauszulösen, ist möglich, für einen angemessen Eindruck von Vorstellungskraft aber auch ein bisschen unangebracht. Denn alles hier gestaltet sich im Kontext, jeder Song lebt von den anderen, von der Atmosphäre, vom Tempo, von der Soundgewalt des Albums als Einheit und Gesamtheit.

The Tidal Sleep haben übrigens die Gitarrenfraktion gewechselt und aufgedoppelt (von eins auf zwei) und können ihrem wichtigsten Instrument dadurch noch einige Facetten mehr abtrotzen. Der in diesem Zusammenhang oft erwähnte Delay-Sound, der schon auf der Four Song EP fast aberwitzig und übertrieben, aber höchst eindrucksvoll die Songs zusammengehalten hat, legt sich erneut wie ein hauchdünnes Tuch über das gesamte Album. So leicht und zärtlich der Klang eigentlich ist, so gewaltig sind die Riffs, die ihn regelmäßig zerbürsten. Gewaltig ist auch Rons Stimme, die sich aber im ganzen Gebrülle und Gekeife eine fast schon mystische Aura geschaffen hat, die den Songs die Unmittelbarkeit und physische Nähe nimmt und – philosophisch gesprochen – in Transzendenz kleidet. Das soll nicht albern klingen, aber das Shouting hat etwas Entrücktes, etwas das über dem handelsüblichen Punch von Hardcorevocals steht.

The Tidal Sleep haben das Rohe, Ungestüme und Chaotische der Selbstbetitelten gegen Ordnung, Struktur und Vollkommenheit eingetauscht. Die Songs sind ingesamt viel kompletter und – auch wenn es sich blöd anhört – reifer. Ein Thrive And Wither ist eine regelrechte Demonstration eines klugen und kreativen Songwritings und einer sorgfältigen und punktgenauen Darbietung. Irgendwo zwischen Schönheit und Zerstörung, Mut und Verzweiflung. Hierzu tragen auch die deutlich ausgebauten und ohne Ausnahme raffinierten Postrock-Parts bei, die sich nicht nur in Intro (Angst), Outro (Smoke And Mirrors, Twentyone) oder Mittelteil (Fathomed) schleichen, sondern ganze Songs übernehmen können. Namentlich If You Build It… und Lined Skin, Rotten Hull, die überhaupt mit zu den wunderbarsten Momenten gehören, die jemals auf eine The-Tidal-Sleep-Platte gepresst wurden. Zu letzterer Kategorie zu zählen ist jedenfalls auch Twentyone, das in allen seinen Teilen ganz fabelhafte Gitarrenfiguren zeichnet, die sich und den knorrigen Bass elegant umspielen.

Wenn schlussendlich die letzten Töne von Lined Skin, Rotten Hull verstummen, so reicht die eigene Vorstellungskraft höchstens noch zu der in voller Ergriffenheit gestammelten Frage: was soll da eigentlich noch kommen?

9/10
Anspieltipps: Thrive And Wither, Angst, Twentyone, Lined Skin, Rotten Hull

(Martin Oswald)

The Tidal Sleep – Vorstellungskraft | This Charming Man Records | VÖ: 25.07.14 | LP/CD/digital

 

Jahninselfest 2014

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Face The Threat

Die Regensburger Jahninsel ist immer noch eine Baustelle und so fand das diesjährige Jahninselfest zum zweiten Mal in Folge auf dem Grieser Spitz statt. Der „Rockzipfel“ ist ohnehin reichlich konzert- und festivalerprobt und geländetechnisch eigentlich das beste, was Regensburg zu bieten hat. Gerade auch nach dem letztjährigen, wahrlich gelungenen Jahninselfest, gab es diesmal die begründete Hoffnung, dass es sich 2014 ebenso verhalten würde. Und tatsächlich: man wurde nicht enttäuscht, wenngleich die Bedingungen vielleicht etwas schwieriger waren als im Vorjahr. Fußball-Weltmeisterschaft mit relativ späten Anpfiffzeiten und deshalb schwierigeren Booking-Umständen, kurzfristige Bandabsage (Colours of Water), Gewitterwarnung für Samstag… Letztlich sollte alles gar nicht so tragisch sein. Doch der Reihe nach.

Freitag
Dem optischen Eindruck folgend glaubt man von den Opiliones, die übrigens in persönlicher Verwandtschaft mit Kenzari’s Middle Kata stehen, irgendeinen Trucker-Country hingerotzt zu bekommen, täuscht sich dabei aber doch ziemlich. Hingerotzt ist das, was die Opiliones liefern, zwar trotzdem, doch hat das alles Sinn und Methode. Noisige Postpunk-Brocken, die mehr nach ranzigem mit Bierkisten zugestellten Proberaum im Heizungskeller klingen als nach Nachmittagssonne auf einer Festivalbühne. Das macht aber auch gar nichts, handelt es sich schließlich überwiegend um starke Songs. Die Kondenswasser tropfende Kellerdecke kann man sich ja auch dazu denken und Bier muss man sowieso nicht missen.

Letzteres gibt es beim Jahninselfest übrigens wie immer zum fairsten Festivalpreis, den man weit und breit findet. Überhaupt ist die Preispolitik (von vielleicht etwas zu hochgegriffenen 5€ für einen Teller Chili) vorbildlich. 18€ für insgesamt elf Bands an zwei Tagen ist auch angesichts des Aufwands, den so eine Organisation mit sich bringt, mehr als moderat. Aber so ist es eben: bereichern will und wird sich hier niemand, stattdessen helfen viele ehrenamtlich mit, um diese, für Regensburgs (alternative) Kulturszene(n) so bedeutende, Veranstaltung zu stemmen. Der geradezu familiäre Charakter des Festivals ist allseits beobachtbar und jederzeit fast mit Händen zu greifen. Hunde tummeln sich über das Gelände (die Leinenpflicht scheint auch nicht wirklich allzu viele zu kümmern – warum auch!?), Kinder vergnügen sich mit den Farbstaubresten des Holi-Festivals, das eine Woche zuvor auf dem Grieser Spitz stattfand und gar nicht kontrastreicher zum Jahninselfest stehen könnte. Is dieses über Jahre hinweg aus der Mitte der hiesigen Kultur-und Musikinteressierten entstanden und nur denkbar durch gemeinschaftliches, generationen- und genreübergreifendes Engagement, ist jenes als Mega-Event eine Kommerzschleuder für schmalspurigen Fließbandspaß aus der Konserve.

Und weil das hier auf dem Jahninselfest alles eh so schön harmonisch und familiär ist, kommen auch noch Johnny Firebird daher. Mit ihnen stehen (auch nach eigenem – halb scherzhaften – Bekunden) drei Generationen Rock’n’Roll auf der Bühne. Johnny Firebird sind quasi Use To Abuse + Sänger Schtifn + Papa von Schtifn an der Hammond-Orgel. Gute Laune ist da vorprogrammiert, solide Musik sowieso. Der Rock’n’Roll hat insgesamt zwar bessere Tage gesehen, doch covern Johnny Firebird Hanging On The Telephone geradezu meisterlich. An Performance und Liveshow gibt es – zumal zur nicht sonderlich attraktiven Nachmittagszeit – auch keinerlei Grund zur Klage. Dass jemand sein Bier aus dem Fuße des umgedrehten Mirkoständers konsumiert, gibt es eben auch nicht alle Tage zu sehen. Etwas angekratzten, aber wenig spektakulären College-Punk gibt es von The Yoohoos, die aber, obwohl das Publikum bei noch kräftiger Abendsonne etwas lahmt, sichtlich Freude an ihrem Auftritt und das trotz einiger Handverletzungen. Am Ende sei es der fast gebrochene Daumen aber wert gewesen. Na dann.

Für Rantanplan, den Headliner am Freitag, war das Jahninselfest nach eigenem Bekunden ja selbst die stundenlange Busfahrt aus Hamburg wert. Von der anderen Seite der Bühne kann man diese Einschätzung nur zurückschicken. Ja, das war’s wirklich wert. Die wahrscheinlich beste deutschsprachige Skaband lässt sich live schließlich nicht lumpen und legt sich bei jedem Anlass eindrucksvoll ins Zeug. Die Umbesetzungweltmeister um Torben Meißner galoppieren genüsslich durch die Banddiskografie und legen dabei den Schwerpunkt freilich auf die aktuelle Platte Pauli. So mausern sich neben zeitlosen Klassikern wie Commandante oder Hamburg 8 Grad Regen langsam auch die Pauli-Perlen zu Live-Klassikern: Natural Born Altona, Die Chuck Norris Garantie, Deutschland Du Opfer Gib’ Handy. Feine Sache.

 

Samstag
Weil Colours of Water kurzfristig nicht spielen konnten, sprangen kurzerhand Auf Bewährung aus Meck-Pomm ein, die nachher noch einen regulären Gig in Nürnberg haben. Unkompliziert, könnte man sagen. Die nachfolgenden The Wulffs, gewissermaßen die Hausband gescheiterter Bundespräsidenten, zückten stonigen Shoegaze-Postpunk, der von klarer Stampfrhythmik, über vertrackte Riffstrukturen bis zu verspielten Instrumentalklötzen (Fuck The Wulffs) so ziemlich alles aufbietet, was das Genre so hergibt. Wer die noch nicht auf dem Schirm hat, hat jetzt eine Hausaufgabe.

Mit Face The Threat zeigte sich Anschluss ein weiterer Beweis wie vielfältig Regensburgs Musikszene eigentlich ist. Vielfältiger und reichhaltiger jedenfalls, als man für gewöhnlich annehmen möchte. Flotter Hardcore-Punk mit deutlichem Crusteinschlag, der sich fortwährend zwischen Harmonie und Disharmonie windet und politische Haltung nicht bloß als schmückendes Beiwerk, sondern als integralen Bestandteil des Banddaseins versteht. Deutlich wird dies nicht zuletzt bei der klarstellenden Ansage von Gitarrist Tom, dass Leute mit Nazi-Shirts und einer entsprechenden Haltung nicht erwünscht seien. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt und billiger Applaus-Catcher sein könnte, hat in diesem Fall einen unmittelbaren Anlass. Kurz zuvor wurde ein Festivalbesucher mit Thor-Steinar-Shirt (Verzeihung: T-Hemd) dezent, aber bestimmt und völlig zurecht von Helfer_innen des Geländes verwiesen. Warum er zunächst allerdings hineingelassen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, aber vielleicht sollten sich die Securities künftig nicht bloß mit der Taschenkontrolle auf der Suche nach Waffen und Fremdgetränken befassen.

Special Gue$t aus Amberg wollen nach eigenen Angaben „100% Punk Rock, kompromisslos, geradlinig, energiegeladen und ehrlich wie ein Tritt in den Arsch!“ sein, sind aber allerhöchstens ein Abziehbild eines Streetpunk imitierenden Poserpunk. Das war noch nie cool: „We’re the riot crew and we bring the noise to you / we’re the riot squad and noise is all we got“. Naja, lassen wir das lieber. Und immerhin war Special Gue$t noch ein schönes Wetter vergönnt. Der Auftritt von Wassermanns Fiebertaum fiel im Anschluss nämlich größtenteils ins Wasser (haha). Das allerdings ist freilich nur in Bezugnahme auf die Wetterlage so gemeint. Pünktlich um 19.00 Uhr ließ es einen ordentlichen Regenguss vom Himmel, der viele zur Flucht unter die umliegenden Bäume, Pavillons und andere Unterstandmöglichkeiten nötigte. Eingeleitet wurde Wassermanns Fiebertraums Gig vom Soloprojekt ihres Gitarristen Michael, der (wenn ich nicht irre, zwei) elektronisch getragene Ambient-Songs zum Besten gab, die einiges Potential in sich bergen, jedoch völlig unter dem, mit Verlaub, unzumutbaren Gesang leiden. Dann doch lieber die Hauptband, die zum Glück nur äußerst sporadisch Gesang zulässt. Gut so, können sich Wassermanns Fiebertraum blind auf ihren instrumentalen Postrock verlassen. Egal bei welchem Wetter.

Der Wolkenbruch verzog sich und wer sich auf die Antilopen Gang gefreut hatte, wurde nicht enttäuscht, wer nicht, vermutlich auch nicht. Der Samstagsheadliner aus Düsseldorf musste sich den Regensburg DJ lucutz ausleihen, um nicht ohne Beat auskommen zu müssen. Danger Dan, Panik Panzer und Koljah taten dann, was man erwarten konnte: jammern, beleidigen, mobben, posen und all das harte Rapper-Zeug eben. Herrlich. Die drei Ulknudeln sparten keinen geschmacklosen Witz aus, um im Übermaß zu zelebrieren, woran es dem allgemein wahrgenommen deutschprachigen (Mainstream-)Hiphop im Überfluss mangelt: Humor und Haltung. Gelegentliche Piano-Ausflüge von Danger Dan lassen zudem auch noch gute Musiker vermuten. Letztlich geht das runter wie Öl und wenn sich bei der letzten Band Lachen und Staunen gleichermaßen als Abschlussreaktionen einstellen, so kann ja das ganze Fest nicht schlecht gewesen sein. Schlechte Logik, ist aber trotzdem so. Na dann, bis zum nächsten Jahr!

(Martin Oswald)

P.S. Weitere Fotos vom Jahninselfest 2014 gibt es hier.