In (fast) eigener Sache – Konzert: Wish Upon A Star + Dead Koys

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Am Freitag, den 30.05.2014 gehen wir, nach mehr als 3 Jahren virtueller Existenz, erstmals unter die Leute. Wir veranstalten unser erstes Konzert. Hierzu kommen Wish Upon A Star (Athen, Griechenland) und Dead Koys (Dortmund) in die Alte Mälzerei zu Regensburg.

Wish Upon A Star aus Athen spielen melodischen Punkrock á la Hot Water Music oder Nothington. Ihre aktuelle Platte „Something To Hold Onto“ gibt es hier zum durchhören, downloaden und/oder zu kaufen:

Hier ist die Band auf Facebook.

Dead Koys aus Dortmund spielen Hardcore-inspirierten Punkrock, der ziemlich genau so klingt:

Und auch die Dead Koys sind bei Facebook.

Diese Veranstaltung hier ist natürlich auch bei Facebook.
Eintritt: VVK: 5€ | AK: 7 € – Tickets gibt es bei der Alten Mälzerei.

PS: Die Versorgung mit Punkrock in Regensburg ist also auch während des Deutschen Katholikentags sichergestellt.

(mo)

ClickClickDecker – Ich glaub Dir gar nichts und doch irgendwie alles

Clickclickdecker Ich glaube dir gar nichts und irgendwie doch alles // Bild: fastforward-magazine.de

Irgendwie

Kevin Hamann alias ClickClickDecker (und so viele weitere) macht’s dieses mal anders. Behauptet zumindest der Titel seines neuen Albums: Ich glaub Dir gar nichts und doch irgendwie alles. Wörter, die völlig frei von jedem Verdacht sind, auch nur geringste Sporen von Zynismus oder leidig cleverer Ironie mit sich zu bringen. Das ist neu. ClickClickDecker lässt die Schilde runter. Und schiebt behutsam den Vorhang zur Seite, um einer knappe Stunde ungefilterter Konfrontation mit dem Leben und all seinen kleinen und großen Verrücktheiten die Bühne zu überlassen.

Größer ist sie geworden, diese Bühne. Weil Kevin Hamann seine Arrangements neuerdings breiter gestaltet, weil die Songs ausproduzierter wirken, weil die Instrumentierung vielseitiger geworden ist. Nicht größer geworden sind demgegenüber die Gesten, mit denen Hamann seit jeher arbeitet. Auch das nunmehr vierte Album als ClickClickDecker nimmt sich nicht wichtiger, als unbedingt nötig. Dementsprechend kommt Ich glaub Dir gar nichts und doch irgendwie alles angenehm unaufgeregt daher. In bescheidenem Gestus durchkomponiert schlendert Hamann durch sein neuestes Werk und holt auch in seinen Worten nicht zur großen Geste aus. Muss er auch gar nicht. Schließlich verstand er es schon immer, hintersinnige Geschichten im wohlig geerdeten Sprachschatz zu erzählen. Auf den ersten Blick Belangloses wie „Ich würd‘ Dir ab und zu auf’s Maul hauen / Schlecht gelaunt und abgebrannt / Starr ich in den Spiegel“ kann auch 2014 nur Hamann singen und trotzdem bis ins Mark treffen. Passend zum schlecht gelaunten Texter geben sich die neuen Stücke. Leise und getragen geht es da zumeist zu, Songs wie das geradezu fröhlich losstampfende Tierpark Neumünster bleiben die Ausnahme. Ansonsten geben die ruhigen Töne die Richtung vor. Songs, wie das ebenso elegische, wie traumhafte Schaumburgen und Ellipsen bestimmen allenthalben das Bild. Vorsichtig gezupfte stehen neben allerlei netter Spielereien im Vordergrund.

Heraus kommt am Ende ein Album, dessen Farbpallette vorwiegend in grauen und dunkleren Tönen gehalten ist. Ein Album, das Zeit einfordert, um vollauf erfasst zu werden. Weil es das Wort ‚irgendwie‘ im Titel verdient. Weil Hamann die Eingängigkeit während seine Gratwanderung am Rande des Selbstmitleids neben dem lupenreinen Songwriter-Hit Was kommt wenn nichts kommen will nur in dezenten Tupfern platziert. Nimmt man sich aber ein paar Stunden, so häutet sich diese Platte langsam, dafür aber umso eindrücklicher. Und man bemerkt immer mehr, wie viel es zu entdecken gilt. Bücher Deine Kissen etwa, das im Songwriting in Richtung Death Cab For Cutie grüßt und so neben her im Text schmerzhaft präzise den Abschied skizziert. Oder das wundervolle, widersprüchliche Die Nutzlosen (Unentbehrlich) – zu sanften Arrangements geht die Reise da von „Das mit uns / das liegt glaube ich an dir“ zu „Du bist der Inhalt / ich das Pfand“, nur um letztendlich doch festzustellen: „Kein Satz wird dadurch besser / Dass Du ihn ständig wiederholst.“ Worte fernab der Abgeschlossenheit, offen in alle Richtungen, aber nie besonders gut gelaunt.

So ist Hamanns vierte Platte die bislang schonungsloseste. Keine Netze, keine doppelte Böden. Die Dinge werden genommen, wie sie eben nun mal sind. Die logische Konsequenz ist, dass Ich glaub Dir gar nichts und doch irgendwie alles keine Lust hat, auf irgendwelche Schultern zu klopfen. Mutmacher klingen anders. Und doch lässt ClickClickDecker es sich nicht nehmen, kurz vor Toresschluss in „Im Wahljahr“ noch mal irgendwie Tröstendes zu spenden: „Ich mag Dich wiedersehen / Dich gehen lassen / Den erhöhten Pulsschlag / Und wie das in mir klingt.“ Wohl gesprochen. Irgendwie.

7/10

Anspieltipps: Die Nutzlosen (Unentbehrlich), Schaumburgen und Ellipsen, Was kommt wenn nichts kommen will

(Martin Smeets)

ClickClickDecker – Ich glaub‘ Dir gar nichts und doch irgendwie alles | Audiolith | VÖ: 17.01.2014 | CD/LP/Digital

News | April 14 #1

+++ Black Metal ist nicht gerade unsere Königsdisziplin, aber ab und an schnappen wir doch etwas auf, das uns berichtenswert erscheint. So z. B. die kommende Veröffentlichung von Black Monolith, Passenger. Black Monolith ist ein Soloprojekt des gelegentlichen Deafheaven-Tourgitarristen Gary Bettencourt und veröffentlicht auf dem neuen Label All Black Recordings des Deafheaven-Masterminds George Clarke. Alles klar? Das Album gibt es bei Stereogum im Stream.

Black Monolith - Passenger

+++ Gender Bombs. So nennt sich ein elektronisches Irgendwas-Projekt von Stella Lindner und René Arbeithuber (Tastenmann bei Slut). Zwei veröffentlichte Songs hat das Duo bereits geboren und die klingen so:

+++ In Bälde touren die Restorations zusammen mit The Smith Street Band durch die Gegend. Letztere haben dabei sogar ein brandneues Europa-Release ihrer EP Don’t Fuck With Our Dreams im Gepäck. Die gibt’s digital und auf Vinyl bei Uncle M. Der Titeltrack geht übrigens so:

Die Tordaten lesen sich folgendermaßen.

26.04. DE – Bausendorf – Riez Indoor Air
27.04. DE – Biefeld – AJZ
28.04. DE – Münster – Cafe Lorenz
29.04. DE – Frankfurt – 11er
02.05. BE – Meerhout – Groezrock Festival
05.05. DE – Hannover – Bei Chez Heinz
06.05. DE – Köln – MTC
08.05. DE – Hamburg – Hafenklang
09.05. DE – Dresden – Rosis
10.05. DE – Freiburg – White Rabbit
11.05. AT – Graz – Sub
12.05. AT – Wien – B72
14.05. DE – München – Sunny Red
15.05. DE – Karlsruhe – Jubez
16.05. CH – Solothurn – Kofmehl
17.05. CH – Lenzburg – Baronessa
18.05. DE – Nürnberg – Kulturkellerei / K4
19.05. DE – Düsseldorf – Tube
20.05. DE – Wiesbaden – Kulturpalast
21.05. LX – Luxemburg – SoulKitchen

Und hier noch eine schicke Live-Aufnahme von Restorations‘ Übersong New Old:

+++

Antemasque

Fast schon im Sekundentakt veröffentlichen seit ein paar Tagen Antemasque häppchenweise News, Songs und Clips. Wer? Noch nie gehört? Nun, ist auch kein Wunder, gibt es die Formation gerade einmal diese ein paar Tage. Dabei ist die Band aber eine ziemliche Sensation. Um es kurz zu machen: Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler-Zavala machen nach dem unsanften Ende von The Mars Volta wieder gemeinsam Musik. Unterstützung bekommen sie dabei vom letzten TMV-Drummer Dave Elitch sowie dem Red Hot Chili Peppers Basser Flea. Musikalisch ist das alles eine ganze Ecke zugänglicher als die Vorgänger-Band. Aber genug der Worte. Hier die ersten drei Songs und ein kleines Filmchen:

+++ Eine erwähnenswerte Split teilen sich Banquets und Nightmares for a Week. Die liebevoll gestaltete 12“ erscheint in zwei Varianten (rot und grau) Ende April bei Coffeebreath & Heartache. Darauf finden sich mitunter diese beiden Songs:

+++ Und wo wir schon bei Coffeebreath & Heartache sind. Dort veröffentlichen auch die fabelhaften Pentimento. Und die haben ein neues Video zum Song Just Friends am Start:

(mo)

Give And Take

Give And Take // Bild: emergingindiebands.com

Wir machen heute mal eine kleine Zeitreise. Hin zu den Tagen, an denen Melodycore noch ziemlich heißer Scheiß war. Als man auf diversen Festivals heillos damit überfordert war, die Leute mit Lagwagon-Shirts zu zählen. Als NoFX tatsächlich noch irgendwie relevant waren und man sich verregnete Nachmittage an der ersten Playstation-Generation mit Tony Hawks Pro Skater (und damit auch mit Millencollins No Cigar) vertrieb. Nicht wenige werden gerne zurückdenken und nostalgisch schwelgen. Einen passenden Soundtrack dazu gibt es glücklicherweise auch. Und der kommt zum Glück gänzlich ohne verklärte Patina aus. Schließlich kommt er von Give And Take. Der Vierer aus Indianapolis nimmt nämlich das, was genannte Bands einst liegen ließen, garniert es mit eigenen Ideen und Einflüssen und vermischt die Chose zu einer Melange, die dem alten Affen Punkrock in Form der EP Noteworthy eine gehörige Portion Vitalität einhaucht. Plötzlich ergibt das alles Sinn, die Uffda-Rhythmusarbeit, die mehrstimmigen Gesangsarrangements, die lustvoll geschrubbten Powerchords. Dabei machen Give And Take nichts wirklich anders oder gar neu. Das macht aber gar nichts, sind doch die sechs Stücke plus Interlude mit genügend Finten ausgestattet und vor allem bis zum Rand voll mit Spielwitz. Da fragt man sich doch fast, warum man dem Punkrock bisweilen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Und sucht sein zerschlissenes Lagwagon-Shirt.

Willy Fog – Harlekin Geisterpfeifenfisch

Willy Fog - Harlekin Geisterpfeifenfisch // Bild: underdogfanzine.de

Punkrock forscht

Zugegeben, es ist wirklich müßig, sich über Namen oder Albumtitel auszulassen. Zumeist tut ein Name nämlich wenig zur Sache, oder leitet – man sehe sich nur die systematische Verarsche à la Mogwai an – gnadenlos in die Irre. Aber hey: Harlekin Geisterpfeifenfisch? Was soll das denn für’n Ding sein? Ist es überhaupt ein Ding? Oder ein Lebewesen? Ist es extraterrestrisch? Aller Forschung zum Trotz – man weiß es nicht. Sicher ist nur: Willy Fog reist nicht nur in 80 Tagen um die Welt, ist eine Anime-Serie und zugleich eine Band aus Dortmund, die jetzt nach diversen Demos, Tapes, Splits und dergleichen mit eben jenem Harlekin Geisterpfeifenfisch (man kann den Namen einfach nicht genug unterbringen) ihr erstes ‚richtiges‘ Album aufgenommen hat.

Wenn man so will. Mit acht Songs und einer Spielzeit von unter 25 Minuten kommt besagtes Harlekin Geisterpfeifenfisch nämlich eher schlank daher. Aber das macht ja nichts, schließlich hat man es hier mit Punk im weitesten Sinne zu tun. Da gehören kurze, aber gute Alben ja fast zum guten Ton. Und vorneweg: Harlekin Geisterpfeifenfisch reiht sich nahtlos in die Riege guter, kurzer Alben ein. Ein gelungenes Klangbild, ein durchwegs hohes Niveau und einige wohlige Ausreisser nach oben, ein paar Textzeilen, die sich prima – man verzeihe die durchsichtige Referenz – mit Edding an die Wände hauen lassen. Um diesen Harlekin Geisterpfeifenfisch etwas konkreter zu fassen: Das klingt ein bisschen, als ob die Eingängigkeit von Captain Planet auf den Sinn für’s Brachiale von Fjort treffen würde, ohne aber bloße Kopie zu sein. Und wenn Willy Fog sich in Lupus, das nicht nur auf unserem Sampler vertreten ist, sondern in seiner Klangästhetik irgendwie einen sensationellen Soundtrack für einen U-Boot-Film abgeben könnte, sich richtig von der Leine lassen, ist das richtig stark. Auch wenn man sich angesichts der Zeile „Der Schnaps kostet 4,30 / das Leben den Verstand“ unweigerlich fragen muss, wo die Jungs nen Lütten trinken gehen. Auch ein Fall für die Highlights: Das sich im Postrock suhlende Adieu Floyd.

Zwei Songs, die zeigen, wo es mit Harlekin Geisterpfeifenfisch hingehen hätte können. Können, weil dem Rest der Platte ein kleiner Makel anhaftet. Zu nett klingt das Gros von Harlekin Geisterpfeifenfisch, zu schnell verlieren sich die Songs in der Masse. Auch wenn sich das gelungene ruhige Intermezzo von U46, 5.36 Uhr noch einmal mit Macht dagegen stemmt: Die Spezies Harlekin Geisterpfeifenfisch – so es sich denn um eine Spezies handelt – ist zwar nebulös, unter’m Strich aber dennoch ’nur‘ ein gutes Album.

6/10

Anspieltipps: Lupus, Adieu Floyd

(Martin Smeets)

Willy Fog – Harlekin Geisterpfeifenfisch | My Favourite Chords | VÖ: 04.04.2014 | LP/Digital

More Than Life – What’s Left Of Me

More Than Life - What's Left Of Me // Bild: 24hourhate.com

Das unentdeckte Land

Einige werden sich nun vielleicht fragen, was das nun wieder soll? Warum ziert der Titel eines mittlerweile ziemlich angestaubten Star-Trek-Spielfilms den Text zum neuen Album von More Than Life? Was genau hat das Quartett aus England denn nun bitteschön mit den Haudegen um Captain Kirk und Konsorten am Hut? Naja. Eigentlich: Nichts. Wäre da nicht dieses Album. Dieses What’s Left Of Me. Genau dieses sorgt nämlich dafür, dass sich gewählte Überschrift geradezu aufdrängt, traut es sich doch raus aus den bekannten Genreversatzstücken. Gut, Dinge, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat, werden vermutlich nicht geboten, hochgezogene Augenbrauen sollte man allerdings beim Hören dieser Platte en masse entdecken.

More Than Life haben nämlich offensichtlich genug von andauernder Höchstgeschwindigkeit und ausuferndem Geschrei. Und präsentieren acht neue Stücke plus Intro, die dem Hardcore bisweilen wieselflink durch die Fingern gleiten und sich unter den Schlagworten ‚Alternative‘  und – man höre und staune – ‚Rock‘ neue Spielwiesen suchen. Und finden. Das meint natürlich nicht, dass nun plötzlich Stadionmomente mit Chad Kroeger als Sidekick dargeboten werden, nein, More Than Life machen primär immer noch Hardcore. Nur eben anders. Einen halben Meter dicker produziert, eine ganze Ecke dynamischer und vor allem wesentlicher subtiler, als bisher. Exemplarisch für all dies steht die Single Do You Remember, die als Albumvorbote nicht passender gewählt hätte werden könnte. Vorsichtige Gitarren, eine Mischung aus Geschrei und Spoken-Word, dezente Klaviertupfer, Backgroundchöre und eine Schippe wundervoller Gitarrenfiguren. In einem einzigen Song. Ohne überfrachtet zu wirken. Das läuft dann wohl unter dem Etikett ‚Songwriting von besonderer Qualität.‘ Und verbleibt dabei keineswegs ein Einzelfall. Im Gegenteil, What’s Left Of Me zeigt sich als stringentes, in sich geschlossenes und dennoch beachtlich abwechslungsreiches Werk. Von der dringlichen und zwingenden Melodieführung in Wheight Of The World über die prototypische Hardcore-Attacke You’re Not Alone bis zum atmosphärischen Outro von Love Is Not Enough reicht die Spannweite, die More Than Life neuerdings abdecken.

Das Beste daran ist aber, dass die vielen neuen Facetten geradezu furios umgesetzt werden. Einen wirklichen Schwachpunkt sucht man vergebens auf dieser Platte. Vielmehr ergeben sich Probleme angesichts der Aufgabe, einzelne Highlights zu benennen. Wer will, könnte die erbarmungslos durchdeklinierte Dringlichkeit von Seasons Change ins Feld führen. Oder die unbedingte Eingängigkeit des Titeltracks, der vom melodischen Hardcore zur großen Geste zum perfekten Breakdown und wieder zurück gespielt wird. Oder Treshold, das mit Streichern durch die Tür platzt und trotzdem nicht fehl am Platz wirkt. Sondern den geradezu folgerichtigen Ruhepunkt des Albums bildet.

Ob das alles dann noch unter dem Etikett Hardcore laufen muss, verkommt innerhalb einer guten halben Stunde Spielzeit geradezu zur Nebensächlichkeit. Ein Verdienst einer Band, die sich alle Selbstbeschränkungen abgestreift hat, die sich nunmehr mit ihren Songs ganz weit raus wagt. Und gerade dadurch dem Genre ein Album beschert hat, das am Ende des Jahres mit ziemlicher Sicherheit zu den Highlights gezählt werden wird. More Than Life auf neuem Terrain? Besonders wertvoll.

9/10

Anspieltipps: What’s Left Of Me, Treshold, Seasons Change, Do You Remember

(Martin Smeets)

More Than Life – What’s Left Of Me | Holy Roar | VÖ: 16.04.2014 | CD/LP/Digital

Pretty Mery K + Silver Dolls | 03.04.14 | Alte Mälzerei (Regensburg)

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Uff, was war das denn? Die Mälze-Reihe Notes From the Underground mit zwei Bands für 12 Euro? Ganz schön happig und bei minimalster Werbung ist es dann auch kein Wunder, dass sich nur knapp 20 zahlende Gäste einfinden. Die meisten davon sichern sich einen Sitzplatz an den Holzstufen der Längswand und haben übrigens in den nächsten 2 Stunden nicht vor diese zu verlassen. Es kommt eigentlich nie vor, dass der Mälze-Keller den ganzen Abend lang überproportioniert wirkt, diesmal war es aber der Fall. Willkommen bei einem sonderbaren Konzert.
Die Silver Dolls hatten das Vergnügen dieses zu eröffnen. Der Song-Fokus lag eindeutig am kürzlich erschienen Album und der weiterentwickelte Sound (das Gesangliche mal außen vor gelassen) der Band macht sich, wie zuletzt in Deggendorf, auch hier ziemlich gut. Nur ging man letztlich gar zu lahmarschig zu Werke im Vergleich zur eigenen Releaseshow. Bei dem anwesenden Publikum wahrlich auch kein Wunder, aber zur etwas stimmungsvolleren Darbietung fehlten auf der Bühne wohl doch einige Biere.


Eine Umbaupause, einen ordentlichen Stilbruch und noch etwas weniger Publikum später: Pretty Mery K. Eine undankbare Aufgabe, die kleinen, intimen, aber stimmungsvollen Indie-Pop-Songs in Richtung des von ein paar Leuten hufeisenförmig umrahmten, blanken Fließenbodens zu spielen. Pretty Mery K mühten sich etwas ratlos ab, mussten sie immer wieder gegen laute Zwiegespräche aus den lichten Reihen des, noch dazu in einigen Teilen völlig desinteressierten, Publikums anspielen. Kein leichtes Los und eigentlich geradezu verwunderlich, dass es ihnen auf die Dauer nicht zu blöd wurde. Der Applaus war stellenweise durchaus üppig, was Pretty Mery K zumindest ein bisschen die merkliche Enttäuschung zu nehmen schien. Als sich dann auch noch zwei junge Zuschauerinnen unter lautem Kichern zu schamanenhaften Schlangentänzen hinreißen ließen, war der Gipfel des Fremdschämens über ein derart albernes Publikum erreicht. Peinlich ohne Ende. Und wenn einem unter Zugabe-Rufen mitsamt „Franz-Josef-Strauß“-Skandierungen (was wohl witzig sein sollte) die Thurn-Taxis-Plörre als das normalste Bier der Welt vorkommt, dann will das ordentlich was heißen.
Letztlich war das alles ein vollkommen eigenartiges Konzert, wofür die Bands eigentlich – und das ist ja fast das Schlimme – nichts konnten, im Gegenteil. Letztlich können einem am Schluss eigentlich alle Beteiligten leid tun: die Mälze, die Bands, ich und sogar die Schlangentänzerinnen. Vielleicht hätte ich einfach noch mehr Thurn-und-Taxis kippen sollen, um mich nicht nur nicht mehr beschämt zu fühlen, sondern das Ganze einfach zu vergessen. Prost Regensburg!

(Martin Oswald)

Red Tape Parade – Red Tape Parade

Red Tape Parade - s/t // Bild: http://coretexrecords.com

I know some magic works

Eigentlich besprechen wir keine Kurzformate. In diesem Falle sind wir allerdings verpflichtet, eine Ausnahme zu machen. Aus einem Anlass, der beschissener wohl kaum sein könnte. Red Tape Parade veröffentlichen die letzten beiden Songs ihrer Bandgeschichte. Am 01. April, dem Geburtstag des 2013 verstorbenen Sängers Wauz. Mitsamt einer gut gefüllten DVD. Videos von Olli Schulz, Joey Cape oder Matze Rossi und eine Aufzeichnung des WDR Rockpalastes gibt es da etwa zu sehen. Zu hören gibt es zudem das grandiose Leap Year OF Faith und Song 21. Dass beide Songs ganz locker mit den ‚Großen‘ mitspielen können ist dabei geschenkt. Weil irgendwie nicht entscheidend. Das sagt zumindest der Blick ins Booklet. Mit dieser EP soll schlichtweg Wauz rausgefeiert werden. Und das gelingt. Anrührend ist das bisweilen. Wenn die Band, Robert Ehrenbrand, Olli Schulz, Matze Nürnberger, Kelly Aiken (Shook Ones), Joey Cape (Lagwagon), Jack Fusco (The Casting Out), der geschätzte Andi Krinner vom Ox Fanzine, Scott Freeman (Shook Ones) und schließlich Nathan Gray (Boysetsfire) sich von Wauz verabschieden. Obendrein gibt es noch Liner-Notes zu den beiden Songs. Und um doch noch ein Wort zur Musik zu verlieren: Leap Year Of Faith, das sich behutsam aufschaukelt und im Finale mantraartig „I know some magic works“ skandiert, ist wohl der ungewöhnlichste dieser Band. Und einer der stärksten.

Ohne Bewertung

(Martin Smeets)

Red Tape Parade – Red Tape Parade | End Hits | VÖ: 01.04.2014 | LP/Digital

La Dispute – Rooms Of The House

La Dispute - Rooms Of The House // Bild: in-your-face.de

Kein Schulterklopfen

Es gibt Alben, die können – völlig egal von welcher Qualität sie auch sein mögen – im Prinzip eigentlich nur verlieren. Rooms Of The House ist wohl einer der prototypischen Vertreter dieser Kategorie. Warum genau? Nun, weil La Dispute vor gut zwei Jahren mit Wildlife durch alle Decken gegangen sind, die gerade zur Hand waren. Weil so manche mit dieser Platte schon die Zukunft des Hardcore am Firmament flimmern sahen. Kurzum, weil Wildlife zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und vielerorts flugs zu den Referenzplatten des Genres gepackt wurde. Was tun also, angesichts der gefühlten Unmöglichkeit, einen adäquaten Nachfolger aus dem Studio zu zaubern?

Nicht wenige wären wohl der Versuchung erlegen, das bewährte Konzept einfach neu aufzubrühen und ein wenig zu erweitern. La Dispute sind dafür glücklicherweise zu clever. Vielmehr versucht die Truppe um Jordan Dreyer gar nicht erst irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Keine überbordende Tracklist, keine dramatischen Krebsgeschichten, kein King Park. Dafür aber eine Platte, die es schafft, ein komplettes Genre infrage zu stellen. Schließlich hat Rooms Of The House bei der ersten flüchtigen Begegnung nur sehr wenig mit Hardcore zu tun. Und das nicht nur im Vergleich zu einschlägig bekannten Haudrauf-Kapellen, sondern auch im Vergleich zum eigenen Werk. Die Band hat die Anzahl an Tonspuren auf ein Minimum zusammengekürzt und verordnet den eigenen Songs eine in sich gekehrte Unaufgeregtheit, die nur noch in Spurenelementen an die altbekannten, rasanten Abfahrten erinnert. Wodurch Songs entstehen, die man von dieser Band nun wahrlich nicht erwartet hätte. Der Closer Objects In Space etwa, der über seine gesamte Spielzeit ohne das geringste Anzeichen von Distortion auskommt. Viel lieber wird lakonisch anmutender Sprechgesang mit einer gerade im Refrain unnachahmlichen, weil – kein Witz – bluesigen Gitarrenfigur verwoben. So befremdlich das zunächst klingt, es funktioniert. Wer es nicht glauben mag, höre Woman (In Mirror), das in eine ähnliche Kerbe schlägt und kaum Instrumentierung braucht, um sich irreversibel im Kopf festzusetzen.

Doch es soll nicht der Eindruck entstehen, die Band habe sich allein auf die leisen Töne konzentriert. Im Großen und Ganzen sind La Dispute nämlich immer noch La Dispute. Wenn sie im Opener Hudsonville, MI 1956 das ihnen eigene Verständnis für die Antimelodie ausbreiten, fühlt man sich auf Anhieb zuhause in diesem Album. Dass der Song im Verlauf zunehmend in seine Bestandteile aufgetrennt wird und sich so ein immer differenzierter werdendes Gesamtbild ergibt, ist dann wohl der Entwicklung zu danken, die La Dispute offensichtlich durchgemacht haben. Eine Entwicklung, die zwar das große Feuerwerk verhindert, dafür aber Songs wie For Mayor In Splitsville erst möglich macht. In selbigem wagt sich die Band tatsächlich ohne jegliche Scheu an eine einwandfreie Melodie, verzichtet darauf, die ganze Chose mutwillig zu zersägen. Und Jordan Dreyer gibt – zumindest in der Strophe – seine Premiere als Sänger(!). Ob er das nun öfter machen sollte, soll jedeR selber beurteilen, dass man es hier mit einem der besten Stücke der Band zu tun hat, kann man aber nur schwerlich in Abrede stellen.

So schaffen La Dispute mit Rooms Of The House schlussendlich das nicht für möglich gehaltene: Sie haben den einzig logischen Nachfolger zum scheinbar überlebensgroßen Wildlife aufgenommen. Indem sie ihre Songs kleiner gehalten haben, als sie eigentlich sind. Indem sie etwaige Erwartungen mit der notwendigen Indifferenz behandelt haben. Indem sie die brillanten Momente tiefer in den Songstrukturen vergraben haben. Indem sie sich jedwedem Schulterklopfen verweigern und konsequent die eigenen Mittel und Ziele hinterfragen, schaffen La Dispute die etwas andere Genreplatte. Eine wichtige Platte.

8/10

Anspieltipps: Woman (In Mirror), For Mayor In Splitsville, Extraordinary Dinner Party, Objects In Space

(Martin Smeets)

La Dispute – Rooms Of The House | Big Scary Monsters/Alive | VÖ: 21.03.2014 | CD/LP/Digital

Old Man Markley + The Holy Kings | 13.03.14 | Tiki Beat (Regensburg)

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Die Tiki Beat Bar ist noch nicht lange allzu am Arnulfsplatz, aber schon jetzt eine wahre Bereicherung in Regensburgs Nachtleben. Freilich muss man sich hier der Unsinns-Regel des Regensburger Ordnungsamts „1 Monat = 1 Veranstaltung“ beugen, aber ein neuer Ort für Live-Musik tut der Stadt gut. Besonders dann, wenn er auch noch so schön zentral liegt. Sicherlich ist das Tiki Beat nicht die klassische Konzertlocation, doch hat man für den unspektakulär rechteckigen Raum die beste Lösung gewählt: Am Kopfende eine integrierte, aber zuziehbare Bühne. An diesem Donnerstag blieb der Vorhang offen.
Old Man Markley aus Kalifornien waren nach Regensburg gekommen, um das viertletzte Konzert ihrer Euro-Tour (31 Shows in 31 Tagen) zu spielen. Begleitet wurden sie von den Regensburgern The Holy Kings, die nach einer mehrmonatigen Pause wieder auf der Bühne standen. Die musikalische Mischung ist dabei etwas eigenwillig, allerdings nicht unpassend: nimmermüder Bluegrass-Punk einerseits und ranziger Punkrock mit Glam-Fantasien andererseits.
Letzterer wird wie eh und je vortrefflich durch den bierspuckenden Schtifn verkörpert, der nur mit Müh‘ und Not zumindest die Hälfte seiner Klamotten anbehält. Trotz merklicher Heiserkeit singt er – wie amüsiert aus dem Publikum bemerkt wird – besser als sonst. Und das hat auch seine Richtigkeit irgendwie. Die Holy Kings sind gut über den Winter gekommen, spielfreudig und scheinen für 2014 gerüstet zu sein. Ihr neues Album kommt noch in diesem Jahr. Man darf gespannt sein.


Auch Old Man Markley, bei Fat Wreck Chords zuhause und öfter mal als Support für Me First and the Gimme Gimmes unterwegs, scheinen sich im beschaulichen Regensburg recht wohl zu fühlen. Dass merkt man allein schon daran, dass Annie DeTemple, ohnehin die Stimmungskanone bei OMM, es sich nicht nehmen lässt, ein paar Takte bei den Holy Kings mitzuträllern. Ja, man spürte förmlich, wie viel Freude die Kalifornier_innen an ihrer Band, ihren Songs und überhaupt an Liveauftritten haben. Ihre Instrumente, die man sonst nur aus dem Antiquitätenladen für Waschutensilien kennt, bringen sie dabei regelrecht zum Schwitzen. Da sind also Autoharph, Banjo, Fiddle, ein aus einer Blechwanne gebastelter Kontrabass und der eigentliche Star der Band, Mr. Markley am Waschbrett. All das klingt dann übrigens genauso wie man es sich vorstellt: kurios und irgendwie konfus, aber ungeheuer spaßig. Bluegrass und Punkrock sind bei Old Man Markley mehr als nur heimliche Verwandte, sondern geradezu eineiige Zwillinge. Tatsächlich passen Country-Gedudel und die Wucht und Stimmung eines Punkrock-Songs besser zusammen, als man gemeinhin annehmen könnte. Im vollen Tiki Beat, bei einem erstaunlich gemischten Publikum, das man anderswo sicherlich nicht antreffen würde, schien man sich diesbezüglich einig zu sein. Und am Ende des Abends gibt es genau eine Lektion: In jedem Punk steckt ein Hillbilly.

(Martin Oswald)