Chuck Ragan – Till Midnight

Chuck Ragan - Till Midnight // Bild: thewaster.com

Geschichtenerzähler

Hach, der Chuck. Bestimmt hat er vor Jahren irgendwo in der Nähe von Gainesville fix und fertig mitsamt kariertem Flanellhemd und staubiger Jeans auf einer staubigen Landstraße das Licht der Welt erblickt. Und schon als kleiner Bub beschlossen: „Irgendwann besorg‘ ich mir eine Klampfe und erzähle den Leuten. Von der Welt, vom Unterwegssein, von der Liebe.“ Gesagt getan, in mehrfacher Ausführung gar. Und die Leute? Glauben diesem Kerl, der nicht nur klingt, als könnte er das Social Beer Game mit Whisky zocken und danach nur müde lächeln, sondern auch, als ob er längst alles gesehen und erfahren hätte. Und zwar wirklich alles. Ob als Hot Water Music oder als Chuck Ragan. Ein guter Grund also, um zwischen den Fixpunkten Folk, Americana und Rock in einiger Regelmäßigkeit neue kleine und große Geschichten in Liedform zu erzählen.

Und weil das alleine bisweilen ein wenig ermüdend ist, hat Ragan gleich mal eine ganze Wagenladung an Gastmusikern zu sich bestellt. Unter anderem von Social Distortion und Drag The River, um nur mal zwei Namen zu nennen. Klingt verdächtig nach einer genreimmanenten Supergroup? Möglich. Klingt verdächtig nach Bandalbum? Mit Sicherheit! Ja, auch Chuck Ragan hat jetzt das gemacht, was alle Singer/Songwriter irgendwann scheinbar einfach machen müssen: Er hat mit Till Midnight besagtes Bandalbum aufgenommen. Muss ja nichts Schlechtes bedeuten. Tut es auch nicht. Auf Till midnight verzichtet Ragan auf jegliche falsche Bescheidenheit, verabschiedet den Hang zur Unterproduktion gen Sonnenuntergang und marschiert selbstbewusst wie nie voran. Fast jeder Song wird von einem kräftigen Schlagzeug unterfüttert, überall fiedelt die Streichersektion und Ragan selbst traut sich mit seiner Stimme endlich endgültig vor die Tür. Das meint nicht nur, dass Ragans Organ ungewohnt weit vorne abgemischt anzutreffen ist, sondern dass selbiges virtuoser denn je klingt.

Alles wunderbar im Hause Ragan also?! Nun, nicht ganz. So richtig überspringen will der Funke zunächst nämlich nicht. Zu nahe liegen die Kerben beinander, in die geschlagen wird, zu selten wird mal das Tempo rausgenommen oder gar angezogen. Und so zieht Till Midnight zunächst relativ unbemerkt vorbei. Da wünscht man sich kurzzeitig gar die unvermittelte Dringlichkeit von, sagen wir mal, For Goodness Sake zurück. Kurzzeitig. Weil Ragan, dieser Fuchs, einfach die alten Stärken durch neue ersetzt hat. Und neuerdings Songs wie Gave My Heart Out aufnimmt, die durchdachter, größer und vielseitiger wirken als sein bisheriger Output. Und vor allem nach kurzer Kennenlernphase wie selbstverständlich in Hirn und Bauch gehen. Oder weil die traurig vor sich hin gezupfte Akustische im großartigen For All We Care anno 2014 doch tatsächlich in einem Songfinale endet, das so niemand vorhersehen konnte. Das im vollen Ernst die Tür zu den großen Bühnen aufstößt, mit dem größtmöglichen Pathos hantiert und am Schluss dennoch berührt. Und damit man nach diesem Stück nicht allzu sehr verwirrt ist, zeigt Ragan im Anschluss mit Wake With You und Something May Catch Fire, dass er weder sein Gespür für die leisen, intimen Momente, noch sein Talent für unwiderstehliche Melodien verloren hat.

So schafft Chuck Ragan das, was nicht wenigen Singer/Songwritern – man nehme nur Frank Turner und ja, auch den großen Conor Oberst – verwehrt geblieben ist: Er profitiert vom musikalischen Abschied der Intimität. Indem er seine Songs von der Leine und mit größeren, bunteren Bausteinen spielen lässt, während er sich die bisweilen unglaubliche Intensität seines Vortrags beibehält, gelangt er zu seinen bislang größten Momenten. Und, so ganz nebenbei bemerkt, zu seinem bislang besten Album.

7/10

(Martin Smeets)

Chuck Ragan – Till Midnight | Side One Dummy/Uncle M/Cargo | VÖ: 21.03.2014 | CD/LP/Digital

Laura Carbone

Laura Carbone

Was macht man denn nun eigentlich, wenn man den neueren Output der Yeah Yeah Yeahs eher so mittelmäßig, den bedrückenden Minimalismus von Daughter im Frühling unpassend, die Stimme von London Grammer zu nervig Courtney Love einfach zu Courtney Love findet? Nun, da gibt es einige Optionen. Einfach aufgeben und weiterhin das Frühlingsfest der Volksmusik hören wäre eine davon. Da das aber nun wirklich nicht sein muss, sei an dieser Stelle mal vorgeschlagen, bei Laura Carbone reinzuhören. Ja, die Laura Carbone, die auch Deine Jugend ihre Stimmte leiht, aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist: Es gibt die erste EP Stigmatized zu hören. Und sie klingt – das mag man nun finden, wie man will – weder nach Deine Jugend, noch nach Liquido. Sondern, wer hätte es gedacht, nach einer bunten Mischung aus all den eingangs genannten inklusive einer merklichen Pop-Schlagseite. Nicht unbedingt der Soundtrack für verregnete Abende zwischen dicken Büchern, dafür aber zwischen sonnigen Nachmittagen und verschwitzten Clubs flexibel einsetzbar. Und das in nur vier Songs. Erscheinen werden eben diese am Freitag. Einen ersten Eindruck kann man sich bereits hier machen: