Silver Dolls + Bridges Left Burning + Mäkkelä | 23.02.14 | Bergkeller (Deggendorf)

Silver Dolls

Silver Dolls

Deggendorf hat man ja vor einigen Jahren der Möchte-Gern-Schickeria-Meute von Eid & Co. zum Fraß vorgeworfen. Szene-Disse reiht sich an Szene-Club, allerlei Bauerntölpel aus ganz Niederbayern fahren ihre getunten bumm-brumm-bumm-BMWs durch die Pfleggasse spazieren und lassen am Wochenende schon mal 200 Euro für irgendwelchen hippen Cocktailfusel und den feuchten Traum an die blonde Thekenschnecke springen. Ja, und auch sonst ist in Deggendorf nichts nennenswertes los. Zum Scheißeschreien ist das!

Zum Glück gibt es ein paar Lichtblicke, die, wenn es gut läuft, von etwas Lebensdauer sein könnten. Das kürzlich (wieder-)eröffnete Café Holler gehört sicherlich dazu, aber auch ein Laden, der schon diverse Auf und Abs erleben durfte: der Bergkeller. Dort rührt sich ja eigentlich auch nicht viel, ginge hier doch eigentlich wesentlich mehr, oder? Ein Vorteil liegt hier glatt auf der Hand: es ist die einzige mittelgroße Konzertlocation hier. So traurig auch immer das für eine Stadt wie Deggendorf eigentlich sein mag, die einst auch ein Tummelplatz alternativer Kultur war. Aber immerhin, wenigstens etwas. Aber reicht das wirklich für ein Städtchen, das sich gerne mal als Grosßstadt geriert und von seiner ach, so tollen Kultur schwärmt. Wohl kaum. Na ja, wie viele (Punk-)Bands sind hier im Laufe der Zeit eigentlich entstanden? Viele. An zwei Händen werden sie sich nicht abzählen lassen. Jedenfalls waren Obvious Secret eine von ihnen, die noch heute immerhin zu 3/4 die Band ausmachen, um die es an dieser Stelle hauptsächlich geht: Silver Dolls. Denn die Silver Dolls hatten zur LP-Release-Party geladen und Mäkkelä und Bridges Left Burning als Support mitgebracht. Umrahmt wurde das Ganze von einer Ausstellung zur Bandgeschichte.

Wir befinden uns also im Bergkeller zu Deggendorf. Samstagabend, die Leute scheinen durstig, was den Ein-Mann-Ausschank etwas zu überfodern scheint, zumal er auch noch jede Bierflasche einzeln in den Plastikbecher kippen muss. Allein wohlgemerkt – zumindest zeitweise. Warum man nicht einfach die Flaschen rausgibt und diese mit Pfand belegt? Ich weiß es nicht, vermutlich hat der Grund irgendwas mit Verletzungsgefahr zu tun.

Aber egal. Mäkkelä ist ein Singer/Songwriter der etwas rauheren Gangart, was insbesondere an seiner Stimme liegen mag. Denn die Songs sind fast schon unverschämt gefühlvoll. Auch der kauzige finnische Dialekt trägt hierzu bei. Zwecks verspäteter Anreise und – wie weiter oben angedeutet – längerem Warten an der Theke, kann ich an dieser Stelle gar nicht allzu viel berichten. Der letzte Songs jedenfalls, gespielt auf irgendeinem unbekannten Instrument (ich kenne aber auch nur Bass, Gitarre und Schlagzeug) war ein ziemliches Highlight.

Der Stilbruch ist natürlich merklich, als Bridges Left Burning an der Reihe sind. Und die sind, wie sollte es anders sein, souverän wie immer. Die offensichtliche Heiserkeit von Sänger Matthi fällt da kaum ins Gewicht. Druckvoller Melodic Hardcore wie eh und je, der zudem mit mehr Bühnenpräsenz und Bewegung gespielt wird als man es gewohnt ist. Das passt und dass auch Teile des Publikums die Lyrics zu begleiten wussten, gibt es in der Form wohl auch nur auf Konzerten „zuhause“.


Noch mehr als BLB sind in Deggendorf die Silver Dolls zuhause. Der Anlass gehört ja auch ganz ihnen. LP-Releaseshow. Allerdings: Ohne LPs. Ja, wie es das Pech so will, kamen sie nicht rechtzeitig aus dem Presswerk, so dass man sich an diesem Abend offiziell mit einer Tape-Releaseshow begnügen muss. Für die allergrößten Hipster wurden also eigens zwei Dutzend Kassetten aufgezogen. Die LP wird nachgereicht, die Songs stehen aber natürlich in den Startlöchern und sie sind zweifellos stärker als ihre Vorgänger. Silver Dolls setzen zunehmend weniger auf ranzigen Indierock, dafür umso mehr auf wavigen Postpunk, der sich auch mal im längeren Jammen verlieren kann, aber durch umsichtige Rhythmusarbeit wieder in klare Songstrukturen zurückfindet. Die nerdige Soundtüftelei fügt sich in den Wave auch besser ein als dies noch bei der Indierockband Silverdolls der Fall war. Ganz nebenbei war auch die TAM-TAM bzw. not yet-Projektion während der Show atmosphärisch ein großer Gewinn. Eine beachtliche und durchweg positive Wendung haben die vier genommen, wenngleich der schiefe Gesang von Kriss und Johannes natürlich schief bleibt. Das wird in diesem Leben nix mehr, aber wir sind ja auch nicht bei der Schlagerhitparade.


Das neue Album im Stream und als kostenlosen Download gibt es hier (physische Kopien gegen ein paar Kröten auch):

Ja, liebes Deggendorf, gänzlich verkommen bist Du eben doch noch nicht, aber ein bisschen Mühe könntest Du Dir schon geben, damit das auch so bleibt!

(Martin Oswald)

CSU goes Rock’n Roll

Bildschirmfoto 2014-02-27 um 15.39.10(Screenshot: http://der-kanns.de/mayor)

Ein Kommentar von Martin Oswald

In Wahlkämpfen gibt es bekanntlich allerlei Merkwürdigkeiten. Parteien erinnern sich nicht mehr daran, was sie einst beschlossen haben und fordern mir nichts, dir nichts das Gegenteil davon (für Beispiele ist hier kein Platz, aber die Namen Seehofer und Steinbrück z. B. dürften allen ein Begriff sein), Regierungsparteien kritisieren ihre Regierungspolitik ohne sich selbst zu kritisieren und wollen eigentlich alles anders machen ohne begreifen zu wollen, dass sie einiges auch zu verantworten haben, womit sie nichts zu tun haben wollen. Ähm, ja…

Dann gibt es auch immer so etwas wie Prominentenaufrufe. Spätestens seit Günther Grass, der sich in den 70ern noch nicht ganz das Hirn rausgeraucht hat, gehören sie zum guten Ton bundesdeutscher Politik. Wer kriegt mehr Musiker_innen, Künstler_innen, Schauspieler_innen, Schriftsteller_innen und It-Girls unter einen Hut? Wer kriegt mehr lächelnde Promis in einer Broschüre unter? Es ist immer ein kleiner Nebenschauplatz der jeweiligen Wahlkampfmanagements.

Auch Regensburg ist davor nicht gefeit. Am 16. März werden hier Stadtrat und Oberbürgermeister_in neu gewählt und der Wahlkampf ist gerade in seiner heißen Phase. Auch allerlei Stadtprominenz unterstützt mit Testimonials und herzzereißenden Fürsprachen „ihre“ Kandidat_innen. Besonders zwei Kandidaten stechen dabei besonders hervor: Joachim Wolbergs (SPD) und Christian Schlegl (CSU). Man muss wissen: vieles spricht dafür, dass das OB-Rennen zwischen diesen beiden entschieden wird und es eine ziemlich enge Kiste werden könnte. Als hohe Vertreter der bisherigen Regierungskoalition aus CSU/SPD haben sie in den vergangenen sechs Jahren die Stadtpolitik entscheidend mitverantwortet und unterscheiden sich politisch höchstens in dem Maße wie Post-Hardcore von Modern Hardcore (nur in uncool, versteht sich). Das sollte man im Hinterkopf behalten.

Das Vorgeplänkel soll aber nicht abschrecken, sondern lediglich einleiten worum es mir eigentlich geht. Kürzlich haben Regensburger Gastronom_innen den Aufruf: SCHLEGL FOR MAYOR mit der klaren Botschaft „Wir wollen Christian Schlegl als Oberbürgermeister“ gestartet. Soweit, so unspektakulär. Promi-Aufruf eben. Na ja, nicht ganz. Man kann sich auf der schicken Seite ein bisschen durchscrollen und erlebt als enigermaßen Kneipen- und Cluberfahrener Regensburger doch ein paar Überraschungen. Dass sich einige Kommerztempel und Schickimickischuppen, die keinen Flyer ohne spärlich bekleidete und Cocktailgläser ableckende Frauen rausgeben können, einen CSU-Oberbürgermeister wünschen, ist geschenkt. Dass sich zu dem Aufruf aber auch vermeintlich alternative Szenekneipen, Studiclubs und Konzertlocations bekennen, überrascht dann doch etwas. Warum?

Blicken wir einmal zurück: Erinnert sich noch irgendjemand an die Einführung der Sperrstunde im Jahr 2005? War der (berechtigte) Aufschrei der Wirte nicht groß, als damals die CSU, ja die CSU, die Gastronomieöffnungszeiten in der Altstadt auf 2.00 Uhr beschränkte? Ist auch schon vergessen wie die CSU-geführte Verwaltung penibelst genau festsetzt, ob und wenn überhaupt, welche Tische und Stühle vor Lokalen aufgestellt werden dürfen? Macht das manchen nicht einen erheblichen Teil des Sommergeschäftes kaputt? Wie steht es eigentlich um die aufwändigen Genehmigungsverfahren für Konzerte und ähnliche Veranstaltungen, die jegliche Spontaneität und Experimentierfreude im Keim ersticken?

So lange ist das Jammern eines Andy Zorn (Besitzer der Heimat) nämlich noch gar nicht her, der sich beklagte, dass ihn die strikte Politik der Stadtverwaltung bei Konzerten ausbremse. Zorn hat damit übrigens nicht unrecht, ist gerade die Live-Kultur ständig von Gängelungen betroffen. Es ist auch kein Wunder, gibt der Leiter des städtischen Ordnungsamts Santfort die Strategie der Verwaltung preis: „Für uns sind öffentliche Veranstaltungen, die dazu bestimmt und geeignet sind, die Besucher zu unterhalten, zu belustigen, zu zerstreuen oder zu entspannen, ein Thema“ (Quelle: MZ). Oder anders gesagt: überall, wo Leute nicht nur fad herumsitzen (ach, wahrscheinlich selbst dort) pfuscht das Ordnungsamt mit Anträgen, Verordrungen, Genehmigungen, Gebühren, Prüfungen und Verboten hinein. Ja, ein wahrer Segen für Gigs und Live-Auftritte! Von kurzfristigen Veranstaltungen gar nicht zu reden. Und dann wünscht sich Herr Zorn nach 18 Jahren CSU-Oberbürgermeister (Schaidinger) und einer entsprechend aufgestellten Verwaltung ernsthaft erneut einen anderen CSU-Oberbürgermeister (Schlegl)? Als Heimat-Gänger, der ich gerne war, bin ich ziemlich verwirrt. Es ist geradezu lächerlich und absurd.

Und wenn man den Blick wieder von einem einzelnen Lokal hebt und sich die Kulturentwicklung im Gesamten ansieht: die Verdrängungsprozesse in der Stadt sind augenscheinlich. Der Aus- und Umzug der Alten Filmbühne, der Aus-und Umzug der Heimat, das bevorstehende Ende des Art Club, die mögliche Beerdigung von Ostentorkino und Kinokneipe, der unvermeidbare Umzug des Plan 9, die unwiderbringliche Zerstörung der Banane, die Genehigungsspitzfindigkeiten, um den Betrieb der H5 zu verhindern etc. All das sind für sich genommen keine riesigen Ereignisse, kommen Schließungen und Umzüge immer wieder einmal vor. Richtig. Aber in der Häufung dieser Ereignisse liegt etwas symptomatisches. Es sind Einzelschauplätze einer großen Verdrängungs- und Gentrifizierungswelle, die von der regierenden Politik in den vergangenen Jahren nicht nur nicht aufgehalten, sondern durch Stadtplanungs- und Mietpreisentwicklung aktiv begünstigt und befördert wurde. Die Mieten und Pachten schießen in die Höhe, Genehmigungsverfahren werden immer strenger, die Stadt verscherbelt öffentliches Eigentum und weigert sich Immobilien zu kaufen und selbst ihr Vorkaufsrecht wahrzunehmen und/oder sich Leerstände zu sichern. Zumindest partiell könnte sie der Gentrifizierung entgegenwirken – aber sie will es nicht.

Eigentlich sollten ja diese Warnschüsse auch in den SCHLEGL-FOR-MAYOR-Gastronomie-Ohren erklingen, aber anscheinend warten diese lieber darauf irgendwie von der unrühmlichen Entwicklung in dieser Stadt zu profitieren. Manche tun dies jetzt bereits, andere hoffen darauf. Auf Kosten der kulturellen Vielfalt in Regensburg, versteht sich. SCHLEGL FOR MAYOR – Vielen Dank auch, Ihr Pfeifen!

PS.: Der Fairness wegen sollte ich erwähnen, dass ich selbst parteiloser Stadtratskandidat auf der Liste der Partei DIE LINKE bin. Wäre ich das nicht, hätte ich diesen Kommentar gewiss auch geschrieben, wenngleich vielleicht einige Nuancen schärfer.

Im Sampler-Kurzverhör: Irish Handcuffs

Irish Handcuffs // Bild: Michael Suess

30 Bands, 65 Seiten Booklet und ein guter Zweck: Auf dem DIY-Solisampler „Gleiches Unrecht für alle.“ veröffentlicht Schallhafen zusammen mit dem Musikmagazin heartcooksbrain auf dem Label My Favourite Chords Punkbands, die wir lieben, ganz unabhängig von ihrer Größe. Und wir sind davon überzeugt, dass auch ihr sie schnell ins Herz schließt. Um den Tag der Veröffentlichung angemessen entgegenzufiebern, enthüllen wir Stück für Stück eine Sampler-Band und lassen sie in unserem Kurzverhör gleich selbst zu Wort kommen. Wir fragen die Musiker, welches Unrecht sie am meisten umtreibt, warum sie genau diesen Song für den Sampler gewählt haben und was das Dasein als Band an Vor- und Nachteilen birgt.

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht einfach skippen?

Die Länge unserer Songs ist überschaubar, wir kommen schnell zum Punkt und dann ist’s auch schon wieder vorbei. Man könnte jetzt auch einen schlechten Sex-Witz machen, aber das lassen wir. Don’t bore us, get to the chorus!

Worum geht es bei eurem Song genau?

Im Endeffekt geht es um schlechte Angewohnheiten, die einen im Leben bremsen und im schlimmsten Fall aus der Bahn werfen. Dinge, die vielleicht Spaß machen oder bequem sind, einen aber eher auf der Stelle treten lassen, statt weiter zu kommen. Ich denke das kennt jeder, wobei es bei jedem sicher andere Dinge oder Ziele sind, um die es geht.

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

Den haben wir gar nicht ausgewählt, sondern unsere Freunde von heartcooksbrain. Ich denke aber, wir hätten ihn auch genommen, weil er am besten repräsentiert wofür wir stehen – textlich wie musikalisch. Catchy Punkrock-Songs über First World Problems, haha! Nichts was die Welt verändert, aber eben genau das, was wir auch an vielen unserer Lieblingsbands schätzen! Bei YouTube gibt’s übrigens auch ein Video zu „Derail“!

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

Boah, ihr macht Sachen…hm…jeder muss einmal sterben? Liebe kann man nicht kaufen? Ob das ungerecht ist weiß ich nicht, aber viel Recht – und damit auch Unrecht – hat mit Glück zu tun und ist eben nicht für jeden gleich zugänglich.

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

Sauer aufstoßen ist der falsche Ausdruck, aber es ist immer wieder erschreckend, wie viel davon abhängt wo man geboren wird – eben Glück bzw. Zufall. Das kann im Extremfall ein Land weit entfernt sein, in dem Freiheit und Unversehrtheit längst nicht so alltäglich sind wir hier, oder eben auch mitten unter uns, wenn Menschen einfach in die „falschen“ Verhältnisse geboren werden. Während unsereins sich das neueste iPhone oder Lp XY in der seltensten Farbe wünscht, haben eben z.B. Leute woanders nichts zu essen. Das klingt zwar jetzt wie das alte „…vergiss nicht, in Afrika haben die Kinder nichts zu essen“-Argument, aber für viel zu viele Menschen ist es eben die Realität.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in den Wahnsinn?

Love: Die endlose Klassenfahrt aka. Touren/Konzerte spielen. Man erlebt die Orte einfach anders und man lernt andere Menschen anders kennen, indem man etwas tut was riesen Spaß macht!
Hate: Dass es Ü30 immer schwieriger wird 4 Menschen am selben Termin unter ein Dach oder in einen Van zu kriegen.

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

Ja es ist wahr, unsere erste Ep „stubbs.“ ist nach Frankie Stubbs von LEATHERFACE benannt.

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

Man hat heutzutage durch die aktuelle Vernetzung superviele Chancen als Band, aber man muss auch viel tun, um nicht unterzugehen, angesichts der Massen an Bands. Viele Sampler im Internet sind nichts anderes als willkürliche Mp3-Playlisten und so ist es schön zu merken, dass sich hier sympathische Musikbegeisterte zusammentun und neben der Musik auch versuchen einen ansprechenden Rahmen bieten! Danke, dass wir dabei sein dürfen!

Im Sampler Kurzverhör: Rowan Oak

Rowan Oak // Bild: rowanoakms.bandcamp.com

30 Bands, 65 Seiten Booklet und ein guter Zweck: Auf dem DIY-Solisampler „Gleiches Unrecht für alle.“ veröffentlichen wir zusammen mit dem Musikmagazin Schallhafen auf dem Label My Favourite Chords Punkbands, die wir lieben, ganz unabhängig von ihrer Größe. Und wir sind davon überzeugt, dass auch ihr sie schnell ins Herz schließt. Um den Tag der Veröffentlichung angemessen entgegenzufiebern, enthüllen wir Stück für Stück eine Sampler-Band und lassen sie in unserem Kurzverhör gleich selbst zu Wort kommen. Wir fragen die Musiker, welches Unrecht sie am meisten umtreibt, warum sie genau diesen Song für den Sampler gewählt haben und was das Dasein als Band an Vor- und Nachteilen birgt.

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht einfach skippen?

Wir sind Rowan Oak, hießen früher mal Western Grace und sind musikalisch irgendwie in den 90ern hängengeblieben – allerdings weniger im Eurodance, sondern mehr im Midwest Emo(-punk). Weil retro ja anerkanntermaßen saucool ist, sollte man auf jeden Fall bei uns reinhören.

Worum geht es bei eurem Song genau?

Eigentlich ist es recht simpel: alte (richtige!) Freundschaften, die man nicht aufgeben sollte. Nur weil man in anderen Städten wohnt sollte man die Bande, die man geknüpft hat, nicht direkt kappen, zumindest wenn man es ernst meint.

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

Habt ihr mal unsere Demo gehört? Falls ja, kennt ihr den Grund schon. Falls nicht: tut es euch nicht an. Wir waren jung und hatten kein Geld. Hate Grenade beschreibt das, wofür wir stehen und wie wir klingen, so viel besser.

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

Dass wir immer noch in der sozialen Wirklichkeit einer Mehrklassengesellschaft leben, obwohl ja angeblich jeder den gleichen Zugang zu Bildung, Kultur, Gesellschaft etc. hat. Irgendwas stimmt da doch nicht.

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

Aktuell ist natürlich das, was gerade in Hamburg passiert, extrem uncool und nicht gerechtfertig. Drei Stadtteile zum „Gefahrengebiet“ erklären, in dem Leute willkürlich kontrolliert und des Platzes verwiesen werden dürfen, weil im Endeffekt eine angemeldete Demonstration verhindert und damit das Recht auf Demonstrationsfreiheit ignoriert wurde und die Leute entsprechend die Schnauze voll haben? So darf das nicht funktionieren.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in den Wahnsinn?

So klischeemäßig und abgeschmackt das klingt: Es ist großartig, die Leute kennenzulernen, die mit dem Veranstalten, Unterstützen und Besuchen von Konzerten die Szene in ihrer Heimatstadt bereichern und festzustellen, dass eigentlich fast alle aus der Punk-/Hardcore-Ecke an einem Strang ziehen. Ein bisschen wahnsinnig werden wir manchmal bei der Terminkoordination, da wir vier in vier verschiedenen Städten wohnen und jede Woche 20-bis-40-Stunden-Jobs, Uni, Zugfahrten und dergleichen jonglieren müssen, um dann zwei Stunden in einem Proberaum zu sitzen, der die beklopptesten „Öffnungszeiten“ überhaupt hat.

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

Wir bringen unser Equipment regelmäßig in Gänze mit dem Zug zu Konzerten, weil wir uns kein Auto leisten können – abgebrannte Studipunks eben, furchtbar. 2014 wird aber alles besser, versprochen.

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

Als Schallhafen mal wieder neue Autoren gesucht hat und unser Sänger Flo mal wieder nicht an sich halten konnte und sich direkt beworben hat, kam der Kontakt zu Marc zustande. Flo schubste seinerseits Marc den Link zu unserer Demo zu, schrieb für Schallhafen.de das pulitzerpreisverdächtige Tourtagebuch der Goodbye-Fairground-(damals noch)Western-Grace-Tour und so kam eins zum anderen. Wenn man als Bonus dann noch wohltätige Zwecke unterstützen kann, umso besser.

Im Sampler Kurzverhör – Nora Yeux

Nora Yeux // Bild: norayeux.de

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht skippen?

Ganz schön gut, dass es hier so viele Bands gibt, die alle mit ungefähr gleichen Mitteln doch etwas eigenes kreieren. Daher gibt es beim ersten Hören gar kein Skippen, wenn man sich nicht verschließen will. Wir kommen auch Essen und sind irgendwie 4 Leute mit Bock auf das was aus den Lautsprechern kommt. Daher ist das skippen dann beim zweiten Hören auch egal.

Worum geht es bei eurem Song genau?

Der Song handelt vom nebeneinander größer werden und nicht zu polarisieren. Wir fahren heute ohne Anecken oder sich für etwas zu bekennen ziemlich gut. Veränderung stellen wir für Ruhe gerne hinten an. Das ist nicht ganz unser Weg.

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

Weil wir ihn nicht so oft weitergeskippt haben.

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

Das „Un“ zu streichen und sich fragen, wann man sich letzte mal zu einer Demo bequemte?

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

Uns geht es zu gut. Wir kennen zu wenig. Ich denke jegliche Form einen Menschen oder ein Tier zu erniedrigen, zu quälen oder psychisch zu brechen.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in den Wahnsinn?

Zusammen entwickelt man sich. Alleine fährt man fest. Es sollte Menschen geben, die einem sagen, dass ein Riff scheisse ist oder der Text Nicole beim GrandPrix schon verwendet hat. Auf einer Höhe stehen, akzeptiert und kritisiert werden fühlt sich nach all’ den Jahren immer noch fantastisch an.

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

David ist ein Kerl.

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

Es gibt Menschen, die unfassbar viel Bock auf Musik haben, sie aber selber nicht schreiben möchten. DIY Fanzines, Labels und IZines sind so wichtig für das ganze Zahnrad in dem wir uns bewegen. Denn ohne tausende von Euro auszugeben, kommt ein Song an eine Vielzahl von Leuten. Wir wissen, dass Ihr (Schallhafen und MyFavouriteChords) dies alles mit Passion machen. Darum sind wir nicht nur gerne dabei, sondern dankbar gefragt worden zu sein.

Pascow – Diene Der Party

Pascow_DieneDerParty_300dpi„Ich hasse Nickelback!“

Es war natürlich damit zu rechnen, dass Pascows Nachfolger zu Alles Muss Kaputt Sein ein gutes Album werden würde. Wer hätte das wirklich in Zweifel ziehen können? Vielleicht sogar ein sehr gutes. Ja, auch da wäre niemand aus den Wolken gefallen. Ist ja fast Standard. Aber das hier? Ernsthaft? Ist das tatsächlich Euer Ernst? Also nein, das hier konnte man schwerlich auf dem Schirm haben. Holla die Waldfee! – Diene Der Party ist das beste deutschprachige Punkrockalbum seit einigen Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten. Ohne Übertreibung. Und weil wir keinen Unsinn erzählen wollen, versuchen wir es doch einmal mit Fassung und der Reihe nach.

Pascow, der Vierer aus rheinland-pfälzischen und saarländischen Pampa, dessen Name irgendein Kaff in Ostbrandenburg oder Meck-Pomm sein könnte, zählt gewiss schon länger zu den ersten Adressen im deutschsprachigen Punk. Allerspätestens mit besagtem Alles Muss Kaputt Sein. Nun also, ein bisschen mehr als drei Jahre später, Album Nummer fünf.
Die Terrorgruppe-Anspielung in Die Realität Ist Schuld, Dass Ich So Bin beschränkt sich nur auf den Titel und nach einem Anlaufpart, in dessen Melodie man fast versucht ist Bläser hinzuzudenken (ja, fast schon Skacore-trächtig geht’s da zu), poltert Alex’ gereizte Stimme hinein und gibt dem Song eine ganz andere Wendung. Die Strophe spuckt Gift und Galle und wird von messerscharfen Gitarren flankiert, dass einem ganz anders wird. Wütend, aber dennoch auf fast schon komische Weise erbaulich. Wir sind beim Opener wohlgemerkt, der in zwei Minuten auch schon wieder rum ist, aber der ganzen Platte einen geradezu magischen Erweckungs-Arschtritt gibt. Ja, so lässt es sich starten und lässt sich auch Im Raumanzug nicht lange bitten. Ähnliches Schema, ähnliche Struktur. Eine Wucht.

Es ist freilich wieder Alex’ Gesang, der auf Diene Der Party Dreh- und Angelpunkt ist und das nicht nur ob seiner Garstigkeit und schlichtweg herausragenden und unwahrscheinlich wandelbaren und anpassungsfähigen Sprech- und Skandiermetrik (von dem herrlichen, aber seltsam halb-gerrrollten „R“ ganz zu schweigen), sondern natürlich auch in seiner Funktion als Transportorgan dieser brillanten Textfabrikate. Doch dazu später mehr. Der Titeltrack wird trotz Off-Beat wohl kein großer Partykracher, ist er textlich zwar als Überwindungsstrategie der Alltagsscheiße angelegt, doch höchstens zu einem Tanze im Hamsterrad einladend. Freilich, der Trunkenheitspogo wird sich daran nicht stören, wird er vom schmissigen Refrain doch geradezu aufgefordert sich zu zeigen. Auch ein riesiger Song.

Tja, wir sind erst beim dritten Song und es wäre eigentlich auch zu mühsam alle Highlights einzeln aufzuzählen. Aber es ist schon allzu schön, wie der Gitarrenriff in Lettre Noir einfährt und das Feld bestellt für diesen fabelhaften Song, in dem Alex mit sich selbst spricht und ja eigentlich nichts über „den Ekel/Blödsinn aus Tirol“ singen möchte. Er tut es trotzdem und das klingt mitunter so: „Die Hölle näht fast alle Fahnen / auch die, die sie zum Echo tragen / Es bleibt ein Tölpel, wie er hetzt / wenn man den Pathos übersetzt / Versprechen, Absicht, Reden, Sagen / was du am Ende schmeckst, sind Taten […] Wald und Wiesen, Berg und Tal / allen Vier seid ihr egal /Weil Dummheit dann gefährlich ist / wenn sie für dich von Heimat spricht.“ Da sollte man nicht nur den Tirolerhut, sondern alle Hüte ziehen. Perfekter geht der Abgesang auf die „ach, so unpolitische“ Heimatmeute nicht.

Diene Der Party ist textlich überhaupt ein derart gekonnter Rundumschlag, dass an dieser Stelle jede andere Bandreferenz Understatement wäre. Abrechnung, Anklage, Wut, Witz, Zerstreuung, „die Beschissenheit der Dinge“ (Unten am Fluss), Belanglosigkeiten und Unabdingbarkeiten; mal direkt und präzise, mal zerfahren und vage – man findet glatt alles in zeitgenössischer Formvollendung. Keine falsche Punknostalgie, stattdessen der Blick für das Einzelne im Allgemeinen und umgekehrt. Modern, ja postmodern gewissermaßen – alle Widersprüche inbegriffen. Oder mit einem anderen, wertenden Wort: großartig. Man muss nicht eigens anmerken, dass die musikalische Aufwartung ebenfalls ihresgleichen sucht. Technisch freilich nicht überragend (ist ja Punkrock) sind die messerscharfen Riffs und das dezent-schroffe Rhythmusfundament doch ein wahrer Hörgenuss. Durch die Bank übrigens. Ausrutscher: keine. Es mutet übrigens einigermaßen seltsam an, dass die besten Songs noch gar nicht Erwähnung fanden. Fliegen („In Luftschlössern wohnt man nicht / man kann nur Miete zahl’n“) und – wie könnte es bei dem Namen anders sein – Merkel-Jugend. Das alles ist schon so spektakulär, dass man, vor lauter Erschöpfung dazu neigend, Smells Like Twen Spirit („Ich hasse Nickelback!“) und Zwickau Sehen Und Sterben keinesfalls verpassen sollte. Aber bevor noch mehr gespoilert wird, belassen wir es dabei:

Mit Diene Der Party ist Pascow wahrlich ein Meisterwerk gelungen. Sie selbst werden das vermutlich gar nicht wissen und viele andere mehr werden sich darüber wundern, aber solche Punkrock-Platten, zumal in deutscher Sprache, kann man, wenn überhaupt, an zwei Händen abzählen. Im aktuellen Jahrzehnt gibt es nichts vergleichbares und eigentlich reibt man sich fortwährend Augen und Ohren, dass es im Punkrock überhaupt noch so viel Genie gibt und es noch so viel relevantes zu sagen hat. Pascow, das ist Euer Verdienst!
10/10

(Martin Oswald)

Pascow – Diene Der Party | Rookie Records | VÖ: 28.02.14 | CD/LP/digital

Im Sampler-Kurzverhör: Wind und Farben

Wind und Farben // Bild: prettyinnoise.de

30 Bands, 65 Seiten Booklet und ein guter Zweck: Auf dem DIY-Solisampler „Gleiches Unrecht für alle.“ veröffentlichen wir zusammen mit dem Musikmagazin Schallhafen auf dem Label My Favourite Chords Punkbands, die wir lieben, ganz unabhängig von ihrer Größe. Und wir sind davon überzeugt, dass auch ihr sie schnell ins Herz schließt. Um den Tag der Veröffentlichung angemessen entgegenzufiebern, enthüllen wir Stück für Stück eine Sampler-Band und lassen sie in unserem Kurzverhör gleich selbst zu Wort kommen. Wir fragen die Musiker, welches Unrecht sie am meisten umtreibt, warum sie genau diesen Song für den Sampler gewählt haben und was das Dasein als Band an Vor- und Nachteilen birgt.

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht skippen?

JOE, Bassgitarre: Wir sind WIND UND FARBEN aus dem kleinen Örtchen Neumünster zwischen Kiel und Hamburg, sprich: drei Freunde, die ganz gerne hin und wieder zusammen Musik machen. Und wir finden, dass das doch ein ganz guter Grund zumindest kurz mal bei uns reinzuhören, oder nicht?

Worum geht es bei eurem Song genau?

MATS, Gesang und Gitarre: Der Song den wir für den Sampler ausgewählt haben ist „999544″, der erste Teil eines Märchens über Vertrauen und Beständigkeit.

JOE: Jedwede weiterführende Interpretation überlassen wir aber lieber der/dem geneigten Hörer_in. Wir wollen ja niemandem den Spass verderben!

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

JOE: Ich glaube, es ist der Song, der uns selbst von Anfang an und immer noch am meisten Spaß bereitet, sowohl live als auch im Proberaum – und wir hoffen dementsprechend, dass es den Hörerinnen und Hörern dieses Samplers auch so gehen wird.

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

MATS, Gesang und Gitarre: Dass gleiches Unrecht für alle wahrscheinlich immer noch besser wäre als das, was überall abgeht.

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

JOE: Das ist wohl eine der schwersten Fragen, die man gestellt bekommen kann. Wie soll man sich da entscheiden? Es reicht ja fünf Minuten Nachrichten zu schauen und man hat schon wieder einen neuen Top-Kandidaten gefunden.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in denWahnsinn?

JOE: Es ist immer wieder schön zu sehen, wie herzlich man als Band aufgenommen wird. Sei es von den Veranstalterinnen und Veranstaltern oder natürlich auch von all den lieben Menschen, die immer wieder zu unseren Konzerten kommen und immer noch nicht von uns genervt zu sein scheinen. In den Wahnsinn treibt uns nichts so schnell, dafür sind wir drei einfach alle zu gelassen und zu verliebt in das, was wir machen.

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

JOE: „Keiner“ ist ja immer so eine Sache, aber die wenigstens wissen wohl, dass wir ziemlich auf billig Kräuterschnaps stehen und eigentlich gar nicht wissen, was wir eigentlich tun.

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

JOE: Ich glaube aus den selben Gründen wie alle anderen Bands hier. Der eine kennt wen, der wen kennt und so weiter. Dieses „Vitamin B“ hält ja dann doch irgendwie die ganze Musikszene zusammen. Wir hatten das Glück vor einiger Zeit zuerst den lieben Christian von MFC kennenzulernen und, dass der Schallhafen Marc unsere Platte ganz nett fand. So kam dann das eine zum anderen.

Matula – Auf allen Festen

Matula - Auf allen Festen // Bild:  prettyinnoise.de

Grenzgänger

Schon clever: Matula machen den Namen zum Programm. Nennen die ihr Album einfach Auf allen Festen und toben darauf im Nachhall eben jener Feste, die in letzter Zeit mehr oder weniger heftig gefeiert wurden. Von Captain Planet etwa, oder von Adolar, Supermutant und vor kurzem erst von KMPFSPRT. Epigonentum galore also? Nicht im Geringsten. Dafür ist der Vierer aus dem Norden nämlich schlichtweg zu gut. Dass hier die – Vorsicht, folgender Satz enthält neudeutschen Werbungs/Topmodel/Wasauchimmer-Jargon – ‚Trademarks‘ der genannten Kapellen vereint werden und das Ergebnis trotzdem ‚unique‘ klingt, nimmt da nicht Wunder. Immerhin machen Matula den Kram ja inzwischen auch schon seit zehn Jahren.

Woran es gelegen haben mag, dass dies bislang weitestgehend unbemerkt geschah, mutet zwar ein wenig rätselhaft an, aber hey: Auf allen Festen dürfte die Band mit ziemlicher Sicherheit weiter nach oben spülen. Schließlich hat man es hier mit einem Paradefall hartnäckiger Eingängigkeit zu tun. Eingängig, weil das hier nach vorne drängt, zum Punkt kommt und vollgepackt ist mit listigen Melodien. Hartnäckig, weil Matula es auf die Kette bekommen, die ganze Chose dennoch nicht stumpf klingen zu lassen. Vielmehr kommen die Stücke angenehm unprätentiös daher und lassen stets einen gepflegten Hang zum melancholischen Blick gen Landungsbrücken erkennen. Entsprechend sachte geleitet dann zunächst auch Tapete ins Album. Und lässt seine HörerInnen ein wenig im Trüben fischen. Was mag auf diesen Opener, der ein bisschen das Etikett ‚Kettcar für Alkoholiker‘ mit sich rumträgt, denn nun folgen? Eine Menge. Matula spielen sich im selbst abgesteckten Spannungsfeld schwungvoll frei, haben Spass an ihren Songs, hantieren in Schwarzweißfotos mit unwiderstehlichen Melodiebögen und lassen in Monstrum ein – nun ja – Monstrum von Refrain von der Kette. Kann man problemlos durchwinken.

Und sich freuen, dass die Band in der zweiten Hälfte noch ein paar Überraschungen zu bieten hat. Offensichtlichster Kandidat für diese Kategorie: Kolumbus. Nicht ganz umsonst als Single auserkoren, schließlich kommen hier alle Attribute zusammen, die man gemeinhin so bemüht, um schlussendlich den ‚Hit‘-Stempel zu zücken. Allerdings einer von der Sorte, der sich mitsamt dem cleveren Satz „Kolumbus / weil wir nicht deine Freunde sind / geh raus / entdecken“ nachhaltig in Hirn und Ohr einnistet. Überhaupt, die Texte: Eine Spielwiese, auf der sich Matula trotz aller Eingängigkeit angenehm kratzbürstig zeigen. „Dein Handtuch könn‘ sie kriegen / Du bleibst ein Mensch / Und die verlieren / Du hast ein Leben / Ohne falschen Stolz / Und was hier falsch läuft / Wissen die doch nicht!“.  So pointiert haben zuletzt die noch immer vermissten Muff Potter ihre Feststellungen zu Papier gebracht. Auch im Programm: Der elegante Leisetreter. Hier heißt der In einem Krieg, nimmt sich fast fünf Minuten Zeit und weiß diese auch hervorragend auszunutzen. Das Beste aber, das heben sich Matula bis zum Schluss auf. Drei Minuten nämlich, ein – pardon – hinterlistiges Stück Musik das man, hat man es einmal gehört, ständig mit sich herum trägt. Die Trostrunde, deren anrührender Text letztlich konstatiert: „Ich will nicht mehr alleine schlafen / weil ich immer an den Beinen frier.“ Ein Satz, so simpel und genau deshalb bis zur Schmerzgrenze entwaffnend.

Eine Ambivalente Sache wird so zum Schluss aus Auf allen Festen. Musikalisch zwischen fröhlichem Zutrauen und bockiger Abwehrhaltung, textlich zumeist an der Schwelle zwischen erhobener Faust und Resignation. Eine Platte, die klingt wie die Streber aus der ersten Reihe und die Jungs, mit denen man als Kind nie spielen durfte. Und zwar gleichzeitig. Das mag wenig trennscharf klingen, ist aber geradezu spektakulär.

8/10

Anspieltipps: Schwarzweißfotos, Monstrum, Kolumbus, Drei Minuten

(Martin Smeets)

Matula – Auf allen Festen | Zeitstrafe/Indigo | VÖ: 21.02.2014 | CD/LP/Digital

+/- – Jumping The Tracks

+/- - Jumping The Tracks // Bild: stereogum.com

Die Guten

Kaum zu glauben: Über fünf Jahre ist es nun schon her, dass +/-, diese Band mit dem unmöglichen Namen die Welt mit einer neuen Platte beglückt hat. Dabei fühlt es sich eher so an, als sei Xs On Your Eyes erst vor wenigen Wochen erschienen. Was möglicherweise damit zusammenhängt, dass besagtes Album sich mit einer beachtlichen Hartnäckigkeit immer wieder zwischen all die neuen Releases in den heimischen CD-Player mogelte. Weil es Indierock der virtuoseren Sorte zu bieten hatte und hat. Songs, die auch nach fünf Jahren kaum Alterserscheinungen zu beklagen haben.

Was noch lange kein Grund ist, um nicht noch ein paar Stücke dieses Formats draufzulegen. Das meint: Es ist trotz allem an der Zeit, ein neues Album vorzulegen. Selbiges hört nun auf den Namen Jumping The Tracks und macht ziemlich genau dort weiter, wo Xs On Your Eyes aufgehört hat. Fluffige Gitarren legen sich über ein verspieltes wie versiertes Schlagzeugspiel, garniert mit grazilem Gesang. Das Dauerhakenschlagen von früher haben +/- also auch anno 2014 nicht wieder im Programm. Dennoch sind spürbare Veränderungen zu vernehmen. So hat Produzent Steve Choo, der unter anderem schon für The Pains Of Being Pure At The Heart an den Reglern saß, der Band im Vergleich zum stellenweise etwas sterilen Vorgänger wieder einen etwas organischeren Sound verpasst. Was gerade dem Schlagzeugsound sehr gut zu Gesicht steht. Doch auch die Band selber wagt sich in nicht allzu bekannte Gefilde. Schon der Opener Young Once grüßt in ungewohntem Gewand: verwischte Gitarrenfeedbacks und ein atemloser Beat erzeugen eine unruhig lodernde Atmosphäre, die man von den zuletzt so sehr in sich ruhenden +/- nicht unbedingt erwartet hätte. Das klingt alles verdächtig nach gar postrockigen Ausbrüchen. Die allerdings nur angedeutet werden. Für das Offensichtliche war sich diese Band schließlich schon immer zu schade. Dennoch steht fest: +/- können es auch in dunkleren Farben. Ganz vorzüglich sogar. Auch neu im Repertoire: Der Hit. Der wird mit There Goes My Love geliefert. Mitsamt verschlepptem Schlagzeug und wundervoller Gitarrenmelodie lassen +/- ihren bislang geradlinigsten Song entstehen, schaffen einen knapp fünf Minuten langen, zum schwelgen einladenden Traumtänzer.

Trotz aller Neuigkeiten versteht sich die Band natürlich nach wie vor bestens auf ihr eigentlich Metier. Nämlich auf luftige Songentwürfe zwischen Pop und verschrobenen Indierock. The Bitterest Pill pflegt spielerisch die eigenen Trademarks, The Space Between Us gibt den formidabel abgehangen Akustiktrack und No One Can Touch You Now zeigt mitsamt Schwurbelsolo und Bläsertupfern, wie wenig +/- brauchen um einen Pop-Song auf die Kette zu bekommen, der fernab aller Beliebigkeit um ein vielfaches gediegener klingt, als der ganze Rest. Ebenfalls großartig: Der Bonustrack I’m A Little Teapot, der die Verspieltheit der Band mal ganz hemmungslos von der Leine lässt und so irgendwo zwischen Kinderlied und einem Hauch von Klamauk einen Song zu Tage treten lässt, der nicht nur das Prädikat ‚herzallerliebst‘ verdient hat, sondern gerade wenn die Bläser anschwellen auch viel mehr als ein Bonustrack ist.

Kurzum: +/- haben es auch 2014 nicht verlernt, tolle Songs aufzunehmen. Auf den ersten Blick vielleicht ein wenig unscheinbar, beim genaueren Hinhören dafür aber umso beeindruckender. Songs für Abende fernab der Tanzfläche. Für die guten Stunden.

8/10

Anspieltipps: Young Once, There Goes My Love, I’m A Little Teapot

(Martin Smeets)

+/- – Jumping The Tracks | Teenbeat Records | VÖ: 04.02.2014 | Digital

Die Entstehungsgeschichte eines Samplers (Teil 3)

Gleiches Unrecht für alle!

Weniger theoretisch übrigens, sondern stets praktisch zu beobachten: Ein unfehlbarer Sinn für Wortspiele aus der untersten Schublade. Da war „Salt Lake City Light Thief“ noch harmlos. „heartcooksaufbackbrötchen“ (Zitat Marc B. – Knallcharge erster Güte) illustriert das dann wohl besser.

Schließlich gingen einige Tage und Wochen ins Land. Wir ritten weiter, furchtlos bahnten wir uns unseren Weg durch die Wüste GEMA, grüßten später auf unserem selbstgebauten Floß die Leute auf der Lost-Insel, beschlossen am nächtlichen Lagerfeuer sowohl Zombies als auch sexistische Motive als Designvorlage zu verwerfen und meißelten offizielle Freigabeanfragen für Bands und Labels in Steintafeln. Allerdings nicht, ohne Nahrung zu uns zu nehmen. Irgendwann versuchten wir auch mal kurz, das Meer zu teilen. Hat aber nicht funktioniert.

Was allerdings funktionierte: Die Suche nach einem Coverdesigner. Also einem, der mehr kann, als schiefe Striche in Paint zu zaubern. Ach ja, einen Namen hat der werte Herr auch: Daniel Möring. Das ist der Kerl, der dieses wunderhübsche Coverdesign zu verantworten hat. Wenn es euch gefällt, macht es wie wir und sagt an dieser Stelle gleich schon mal „Danke.“ Wenn es euch nicht gefällt: Stalken, Adresse rausfinden und als wütender Mob vor der Tür auftauchen.

Ebenso auf der Habenseite zu verbuchen: Ein dickes Paket an Unterstützung, kreativem Input und unnachahmlichen Bock seitens der geilen Typen von „My Favourite Chords“, seines Zeichens Plattenlabel mit Sitz und Sofa in Hamburg. Und Pferd an unserer Seite. An dieser Stelle also mal eine große Kelle an Danksagungen in diese Richtung. Und zwar Danksagungen in Form von: „Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.“ (Stellt euch tränenüberströmte Kerle vor, die an irgendeinem Rednerpult irgendeinen Preis in die Luft stemmen.)

Was wir übrigens auch noch beschlossen haben, als wir am Wegrand lagerten, um uns von den bisherigen Strapazen zu erholen: Es braucht ein Booklet. Vielen Dank an dieser Stelle an all unsere lieben, hier versammelten Bands. Die hatten eine Engelsgeduld im Umgang mit salopp formulierten, teils (zumindest bei mir) widersprüchlichen Mails, unserem Gespür für gezielte Desinformation (, das uns übrigens in jeder Diktatur einen leitenden Posten in der Öffentlichkeitsarbeit einbringen würde, aber lassen wir derlei zynische Überlegungen) und unserer teilweise nicht vorhanden Pünktlichkeit. Also: Danke, ihr fulminanten Leute!

Danke müssen wir auch zu all denjenigen sagen, die sich diesen Sampler etwas kosten haben lassen. Und mal ohne jegliche Ironie: Wie es sich gehört, füllt sich niemand der an diesem Projekt beteiligten Personen die Taschen. Vielmehr geht der Erlös an Oxfam.

Somit ersteht ihr mit dieser Scheibe nicht nur eine Hand voll Songs, die wir ziemlich gut finden, ihr helft sogar noch ein bisschen.

Und jetzt:

„Viele haben es befürchtet, manche haben es geahnt: Der Sampler von Schallhafen und heartcooksbrain rollt unaufhaltsam an.“

Viel Spaß mit dem gleichen Unrecht für alle.