KMPFSPRT – Jugend Mutiert

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Jaja, diese Namensdiskussion ist leidig und eigentlich auch ziemlich langweilig, aber irgendwie doch nötig. Immerhin hat die Band 2012 mit ihrer EP Das Ist Doch Kein Name Für ‚Ne Band das Thema selbst aufgegriffen. Und wie recht sie damit hatte. Und wie recht haben jene, die eben dieser Auffassung sind. Dieser Name ist wirklich kein Name, sondern eine Krankheit. Nicht nur, dass er für die meisten unaussprechbar ist (ich als tschechischer Muttersprachler kann das), er ist auch kaum zu schreiben. Immer wenn man selbiges versucht, vergisst man irgendeinen Buchstaben oder verdreht die Reihenfolge. KMPFSPRT – was für eine Dämlichkeit von einem Bandnamen. Copy and Paste oder „KAMPFSPORT“ schreiben und nachträglich die Vokale löschen. Anders hat man keine Chance.

Aber weil wir hier ja eigentlich nicht im Buchstabierkurs sind: Jugend Mutiert heißt die Platte, um die es eigentlich gehen soll. Dieser Name ist übrigens – um auch das vorab zu klären – vortrefflich. Das mit weißer Farbe auf die Kunstlederjacke gepinselt und man ist der King (oder Queen) auf jedem Campus. Garantiert. Passenderweise ist auch die Platte selbst ziemlich vortrefflich, um jetzt aber wirklich mal beim Thema anzukommen. KMPFSPRT ist mit Jugend Mutiert ein beachtliches Vorführbeispiel gelungen, wie erwachsener deutschsprachiger Punkrock klingen kann und sollte. Hat er „erwachsen“ gesagt? Ja, hat er. Witzig, nicht wahr? Und an dieser Stelle wirklich kein Blödsinn. Denn die Platte hat eigentlich überhaupt nichts jugendhaftes an sich. Es ist vielmehr eine nostalgische Referenz an die Jugend, die man besoffen im Punkschuppen oder mit dem Ghettoblaster an der Bushalte verbracht hat.

Es sind schwelgerische, aber doch kontrollierte Erinnerungen, die KMPFSPRT an die Jugend fesseln, sie nicht unmittelbar, sondern in Gedanken durchleben lassen. Davon zeugen nicht nur herrliche Songtitel wie All My Friends Are Dads oder Herzattack-ack-ack, davon zeugt auch die Musik selbst. Songstrukturen, die Sturm-und-Drang referieren und nachzeichnen, dem sie aber dann selbst nicht unbedingt entwachsen. So stellt Nachtsicht einen Riff ins Zentrum, den man als junger Punkrocker doppelt so schnell zocken würde und umarmt diesen mit einem derart groß gestikulierenden Gesang, für den man sich früher geschämt hätte. Aber: schämen muss sich hier wirklich niemand, weil sich diese vier Minuten Opener fast schon unverschämt einprägen. Einprägsam sind auch die anderen Songs. Fast durch die Bank. Dazwischen mischen sich mit Atheist (mit schnieker Bläsersektion am Schluss) und Unter Kannibalen sogar richtig mächtige Hymnen. Das ist fast perfekter Punkrock in der Post-Postadoleszenz: „Und so wie jedes Mal ist das Wort zum Sonntag schade / war das Wort zum Freitag Bier / und das Wort zum Samstag Kater“ (Atheist). Zu gut. Auch Theorie Der Guten Chance versucht sich im Refrain allzu hymnisch: „Denn hier unten brennt die Welt / dort oben Lachs und Scheine / Kapital und Affengeld / wenn die Welt es nicht versteht / dann muss die Welt halt lernen“. Und es gelingt. Das Plakative ist hier nicht fehl am Platz. Es passt.

Doch bevor man dieses wirklich gute Album einfach durchwinkt: ein paar Wermutstropfen gibt es doch. Keiner Von Millionen und Herzattack-ack-ack geraten vergleichsweise schwach. Vielleicht auch deshalb, weil das Störendste an dieser Platte hier besonders auffällig zutage tritt: der Sound. Nicht, dass er im Allgemeinen schlecht wäre. Er ist eigentlich sogar ziemlich gut, hätte man bloß über die weit aufgedrehten Höhen beim Gesang und den Gitarren (und auch Becken) nicht einen Kübel Brei ausgekippt. Unverständlich eigentlich, aber da rauscht und knarzt es doch zu penetrant. Schade, aber der Hype um KMPFSPRT wird sich davon nicht bremsen lassen. Im Gegenteil, er wird jetzt so richtig losgehen.
7/10

(Martin Oswald)

KMPFSPRT – Jugend Mutiert | Uncle M | VÖ: 31.01.14 | LP/CD/digital

Im Sampler Kurzverhör: City Light Thief

City Light Thief // Bild: prettyinnoise.de

30 Bands, 65 Seiten Booklet und ein guter Zweck: Auf dem DIY-Solisampler „Gleiches Unrecht für alle.“ veröffentlichen wir zusammen mit dem Musikmagazin Schallhafen auf dem Label My Favourite Chords Punkbands, die wir lieben, ganz unabhängig von ihrer Größe. Und wir sind davon überzeugt, dass auch ihr sie schnell ins Herz schließt. Um den Tag der Veröffentlichung angemessen entgegenzufiebern, enthüllen wir Stück für Stück eine Sampler-Band und lassen sie in unserem Kurzverhör gleich selbst zu Wort kommen. Wir fragen die Musiker, welches Unrecht sie am meisten umtreibt, warum sie genau diesen Song für den Sampler gewählt haben und was das Dasein als Band an Vor- und Nachteilen birgt.

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht skippen?

Moin. Wir sind City Light Thief aus Grevenbroich & Much. Wir sind hocherfreut Teil dieses Samplers zu sein. Ich glaub skippen sollte man auf dem Sampler einfach gar keinen Song – deshalb hört man sich ja Sampler an, damit man auch mal Bands hört, die sonst an einem vorbeigehen.

Worum geht es bei eurem Song genau?

Sagen wir es so: ums unterwegs sein, und das Für und Wieder dessen. „What haunts me is what I feel when I’m alone.“

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

Die Wahl hat uns Schallhafen-Redakteur Pascal abgenommen, der sich den Song quasi für den Sampler gewünscht hat. Da wir mit Pascal das bisher vielleicht schönste, weil interessierteste & an die Materie-gehendste Interview überhaupt geführt haben, wollten wir ihm diesen Wunsch sehr gern erfüllen.

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

Dass dies ein sehr richtiger Gedanke ist.

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

Wir haben jetzt keine bandinterne Umfrage gestartet, aber ich denke wir gehen alle mit dieser Antwort ziemlich konform: Es ist unglaublich, dass wir 2014 haben & es irgendwie immernoch keine Gleichstellung von Homosexuellen, bzw. homosexuellen Paaren bei uns gibt. Also, eigentlich gibt’s diese Gleichstellung noch nirgendwo. Das ist so fucking unglaublich, wenn man sich das mal durch den Kopf gehen lässt. Kann man richtig sauer drüber werden. „No freedom til we’re equal“, wie es so schön heißt.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in den Wahnsinn?

Unglaublich super ist es natürlich, in eine Stadt wie beispielsweise Strasbourg zu fahren, um dort ein Konzert spielen zu dürfen, gute Menschen kennenzulernen, den kulturellen Horizont zu erweitern & am Ende alle in Einkaufswagen durch den Konzertraum düsen. Stark. In den Wahnsinn treibt uns eigentlich nur, wenn die CD im Autoradio zerkratzt bzw. das AUX- Kabel im Tourbus nicht funktioniert und man musiktechnisch auf dem Trockenen liegt. Schlimm!

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

Wir hatten mal die absurde Möglichkeit, in Kroatien als Vorband von Limp Bizkit aufzutreten.

Das hat sich dann allerdings zerschlagen, als wir erfuhren dass wir nicht die ganze Ton-Produktion von Limp Bizkit mitnutzen dürften. Also, in blöd gesagt: wir hätten eine eigene PA mieten & aufstellen müssen. Was für ein Quatsch das gewesen wäre, hahaha…

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

Sowohl der Schallhafen als auch heartcooksbrain sind uns seit jeher sehr wohl gegenüber eingestellt – vielen Dank dafür! – und wir freuen uns jetzt etwas „zurückgeben“ zu dürfen.

Verlosung: 1×2 Tickets für Ox25

ox25

Das Ox-Fanzine ist sage und schreibe 25 Jahre alt und damit seit einen Vierteljahrhundert eine feste Größe in so ziemlich allen Angelegenheiten des Punkrock und aus selbigem eigentlich nicht wegzudenken. Es wäre ja gelacht, würde zu diesem beachtlichen Anlass nicht eine Riesenfete steigen. Und so veranstaltet das Magazin am Freitag, den 07.02.2014 ein Geburtstagsfestival im Getaway in Solingen.

Mit dabei sind:

The Ruts D.C.

The Generators

Asta Kask

Vitamin X

Love A

Blank When Zero

Ärger Now

Church Of Cycology

Und weil das vermutlich ein Bombenfest wird und das Ox so freundlich war, verlosen wir 1×2 Tickets für das Festival. Was es dafür zu tun gibt? Eigentlich nicht viel – einfach in das untenstehende Formular eintragen und schon nehmt ihr an der Verlosung teil. Die Verlosung läuft bis Dienstag, den 04.02.14, 12.00 Uhr.

Die Verlosung ist beendet. Danke an alle Teilnehmenden!

Alle Einsendungen nehmen an der Verlosung teil. Eure Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt und nach Ablauf der Verlosung wieder gelöscht. Die/der Gewinner/in wird am 04.02.14 per E-Mail benachrichtigt. Die Tickets werden an der Abendkasse hinterlegt bzw. der/die Gewinner/in auf der Gästeliste gesetzt.

Weitere Infos zum Festival gibt es beim Ox und dem Getaway Solingen oder hier.

(mo)

Im Sampler-Kurzverhör: FJØRT

FJORT // Bild: thischarmingmanrecords.com

30 Bands, 65 Seiten Booklet und ein guter Zweck: Auf dem DIY-Solisampler „Gleiches Unrecht für alle.“ veröffentlichen wir zusammen mit dem Musikmagazin Schallhafen auf dem Label My Favourite Chords Punkbands, die wir lieben, ganz unabhängig von ihrer Größe. Und wir sind davon überzeugt, dass auch ihr sie schnell ins Herz schließt. Um den Tag der Veröffentlichung angemessen entgegenzufiebern, enthüllen wir Stück für Stück eine Sampler-Band und lassen sie in unserem Kurzverhör gleich selbst zu Wort kommen. Wir fragen die Musiker, welches Unrecht sie am meisten umtreibt, warum sie genau diesen Song für den Sampler gewählt haben und was das Dasein als Band an Vor- und Nachteilen birgt.

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht skippen?

Wir sind FJØRT aus Aachen. Wer etwas für lauten, emotionalen Hardcore übrig hat, sollte bei uns mal Halt machen. Zumindest fänden wir das super!

Worum geht es bei eurem Song genau?

‚Glasgesicht‘ handelt von Selbstwertgefühl. Manche Menschen gehen daran zugrunde, einer bestimmten Wertdefinition von anderen nicht zu entsprechen. Fehler sind menschlich, aber das ist eine Sache, die es erstmal zu lernen gilt.

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

Es ist einer unserer Lieblingssongs und besonders live ist es einer der Songs, die uns beim Spielen am meisten geben.

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

Als erstes kommt in den Sinn, dass wohl niemals alle gleiches Unrecht erfahren werden. Leider ist das äußerst ungleich verteilt. Im Endeffekt kommt es wohl nur darauf an, was man aus der Portion Unrecht macht, die man bekommt.

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

Unrecht, das von Leuten ausgeht, die sich bewusst über Andere hinwegsetzen und deren Machtlosigkeit zu ihrem Vorteil nutzen.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in den Wahnsinn?

Natürlich ist es erstmal wunderbar, wenn man seine eigene Kunst in vielen Städten zeigen kann, besonders wenn es dann noch ab und zu Leute gibt, denen die Musik genauso viel gibt wie einem selbst. Das ist ein riesiger Lohn. Mindestens genauso gut ist aber einfach das gemeinsame unterwegs sein mit guten Freunden, unglaublich nette neue Leute kennenzulernen und immer wieder lustige Stories zu erleben. Das einzige was man wohl als Erstes eintauschen würde ist das ständige Equipment-Schleppen und der Schlafmangel, aber selbst daran gewöhnt man sich dann doch ziemlich gut. Das nimmt man gerne in Kauf!

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

Wir wären gerne alle leibliche Kinder von Paul Schuldt (Through Love Rec.).

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

‚My Favourite Chords‘-Menschen und FJØRT kennen sich durch gute Gespräche in vielen Konzertlocations, und wir freuen uns sehr hier dabei zu sein. Vielen Dank dafür!

Mogwai – Rave Tapes

Mogwai - Rave Tapes // Bild: pastemagazine.com

Über den Wolken

Ach, Mogwai schon wieder. Dieser Band über den Weg zu laufen, fühlt sich mehr und mehr an als würde man einen guten, alten Bekannten treffen. Von dem man zwar glaubt, längst alles zu wissen, sich aber dennoch bei jedem Wiedersehen diebisch freut. Schließlich wirkt es manchmal als wären Mogwai schon immer da gewesen, um dem Gros der auf dem Globus verstreuten Postrock-Kapellen von Zeit zu Zeit vorzuführen, wie dieses Genre funktioniert. Woran man sich aktuell die Zähne ausbeißen kann. Nun, genau genommen tun Mogwai dies seit 1995, sprich seit der unzerstörbaren Referenzplatte Mogwai Young Team. Mit Rave Tapes legen die Schotten nun den mittlerweile siebten Nachfolger zu ihrem Debut vor. Und – beiseite gesprochen – den nächsten seltsam anmutenden Albumtitel.

Geändert hat sich im Hause Mogwai auf den ersten Blick nicht viel. Nach wie vor bekommt man Postrock mogwaischer Couleur serviert, nach wie vor zeichnet sich die Band durch eine geradezu sensationelle Konstanz aus. Und nach wie vor machen Mogwai das, was sie machen ein kleines Stückchen besser als die versammelten Brüder und Schwestern im Geiste. Warum also es nicht dabei belassen, eine nette Zahl unter diese Zeilen schreiben? Es dürfte doch schon alles gesagt sein. Oder? Nun, gewisslich nicht. Warum nämlich Mogwai auch im neunzehnten Bandjahr noch immer spannend sind und es eine lohnende Angelegenheit ist, sich immer noch ein weiteres Album dieser Band zu Gemüte zu führen, genau das beweist Rave Tapes einmal öfter. Und zwar eindrücklich. Drunter machen es Mogwai ja nicht. Woran das liegen mag? Nun, da wäre zum einen schlichtweg die unnachahmliche Art und Weise, wie Mogwai ihre Stücke angehen. Altbewährte Schemata von laut und leise – die unter anderem von ihnen selbst mit geprägt wurden – hat der Fünfer aus Glasgow längst hinter sich gelassen. Stattdessen wird der Weg, der mit dem Vorgänger Hardcore Will Never Die, But You Will eingeschlagen wurde, konsequent fortgeführt.

Das meint: Der einzelne Song wird noch eine Ecke weiter in den Hintergrund gerückt, die großen Momente werden subtiler und hintersinniger gestreut und die tobenden Bratzgitarren haben endgültig ausgedient. An deren Stelle treten 2014 mit Vorliebe mantraartige Synthie- und Klavierkaskaden und weitläufige Soundscapes, die in ihrer Gesamtheit ein Album ergeben, das seine Highlights nur behutsam preis gibt. Und genau dadurch eine atmosphärische Intensität schafft, die man so nicht alle Tage hört. Eine Intensität, die Mogwai von Song zu Song zu steigern verstehen und ihrem jüngsten Werk so einen einzigen, stringenten Spannungsbogen geben. Der Weg vom in sich ruhenden Opener Heard About You Last Night bis zum verfremdeten, wie grandiosen The Lord Is Out Of Control, er könnte in gewisser Weise einen einzigen Song nachzeichnen. Einen Brocken von 49 Minuten, der wie im Flug vergeht. Weil unterwegs immer wieder Großtaten, wie die herrliche Synthie-Eskapade Remurdered warten. Oder weil Repelish plötzlich Spoken-Word-Fetzen auspackt und Master Card sanft daran erinnert, dass man es hier immer noch mit der lautesten Band der Welt zu tun hat. Die sich inzwischen allerdings auch hervorragend auf die ruhigen Momente versteht. Oder wie sonst wäre es zu erklären, dass Blues Hour nicht nur beinahe ein Popsong ist, sondern sich mitsamt elegischem Gesang und wundervoller Melodieführung zu einem der Highlights im Backkatalog der Band mausern dürfte?

So wird auch auf dem mittlerweile achten Studioalbum deutlich, was ohnehin schon alle wussten: Mogwai sind fast allen anderen immer eine Nasenlänge voraus. Weil sie sich nicht auf bekannte Zutaten verlassen. Weil sie ihre mittlerweile durchaus großen Erfahrungen mit Filmscores songdienlich zu nutzen wissen. Kurzum: Weil Mogwai auch dann noch spannend sind, wenn man glaubt, sich am Postrock abgehört zu haben. Eine Leistung, die man kaum hoch genug loben kann.

8/10

Anspieltipps: Remurdered, Master Card, Blues Hour, No Medicine For Regret

(Martin Smeets)

Mogwai – Rave Tapes | Rock Action/PIAS/Rough Trade | VÖ: 17.01.2014 | CD/LP/Digital/Endkrasses Boxset

Warpaint – Warpaint

Warpaint - Warpaint // Bild: ruprecht.de

Fassadenklettern

Warpaint. Was ein Name. Was kann man nur erwarten, von einer solchen Band? Martialischen Metal? Oder gar proletenhaften Battle-Rap? Nun, abgesehen davon, dass bereits ihr Debut The Fool dem gänzlich widersprach: Schon die Oberfläche besagt, dass man mit derlei Vermutungen falscher kaum liegen könnte. Posieren doch auf diversen Fotos vier Damen, die – man möchte ja die Klischeetour vorerst weiter ausreizen – aussehen, als würden sie ihre Klamotten beim Kleiderkreisel ordern, während sie mit dem anderen Auge VICE oder Amy&Pink studieren. Dass man dem Quartett auch damit mehr als Unrecht tut, dürfte klar sein. Doch nun genug der stupiden Oberflächlichkeiten.

Solche hat nämlich die Musik, die sich hinter der wunderschönen Coverästhetik verbirgt, wahrlich nicht verdient. Eine ganze Reihe von hochwohlgeschätzten Referenzen dürfte den geneigten HörerInnen beim Genuss von Warpaint durch den Kopf geistern. Referenzen, die letzten Endes aber alle am eigenwilligen Stil und Habitus dieser Band scheitern werden – Beschreibungen vom Schlage ‚als ob The xx zusammen mit den Yeah Yeah Yeahs versuchen würden, die atmosphärische Wirkung von Portishead zu erzeugen“ kann man sich schließlich sparen. Viel lieber bewegen sich Warpaint ohnehin weitab gängiger Stempel, Fassaden und sonstigen Eindeutigkeiten. Am liebsten tobt sich ihre bedrohliche Variante des Pop im weitesten Sinne nämlich dort aus, wo klare Aus-und Ansagen nicht zu treffen sind. Im Grauen und Widersprüchlichen. Am besten sind sie dort auch. Wenn sie etwa den Opener Intro zunächst mutwillig in den Sand setzen und auf selbigen mit Keep It Healthy dann doch eine Song folgen lassen, der zuallererst von einer gewaltigen Harmoniesucht getragen wird. Oder wenn sie im direkt folgenden Love Is To Die die ihnen innewohnenden Gegensätzlichkeiten in Sound und Text virtuos zuspitzen. Da kippt eine Strophe schon mal trotz aller Melodie in einen Refrain ab, der so nun nicht zu vermuten war und den Song komplett auf Links zieht. Dazu passend konstatieren Warpaint „Love is to die / Love is to not die / Love is to dance.“. 

Ähnlich schwer zu greifen präsentiert sich dabei das Soundgewand dieser zwölf Stücke. Angetrieben vom stets akzentuierten Bassspiel pendeln die Songs zwischen den Attributen beklemmend, wie etwa zu Beginn von Hi, verschwurbelt (Disco/Very) und schlichtweg schön. Gerade für letztere Kategorie finden sich gleich mehrere Beispiel. Drive etwa, das zu Beginn orientierungslos in luftleeren Raum umherzuwabern scheint, nur um nach knapp drei Minuten plötzlich mit hellsten Farben zu malen. Und zwar ohne schweres Geschütz nötig zu haben. Vielmehr beherrschen Warpaint die Kunst, mit simpelsten Mitteln große Gefühle zu evozieren. Man nehme nur das abschließende Son, das trotz nur spärlich vorhandener Instrumentierung in Mark und Bein geht, seine HörerInnen berührt zurück lässt. Und gleichzeitig zu einer Wiederholung des gesamten Albums einlädt.

Kurzum: Mit dieser Platte kann das noch junge Jahr bereits sein erstes größeres Highlight auf der Habenseite verbuchen. Warpaint ist der nächste Schritt gelungen. Indem sie sich selber im Vergleich zum Vorgänger The Fool zurück genommen haben, indem sie ihre Songs reduzierter gestalten. Und selbige genau so noch mehr wirken lassen, als dies bereits vor drei Jahren ohnehin schon der Fall war.

8/10

Anspieltipps: Keep It Healthy, Love Is To Die, Biggy, Drive, Son

(Martin Smeets)

Warpaint – Warpaint | Rough Trade/Beggars/Indigo | VÖ: 17.01.2014 | CD/LP/Digital

Carrion Mother + Wassermanns Fiebertraum + Kali | 11.01.14 | Gloria (Regensburg)

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Regensburg hat eine Konzertreihe hinzugewonnen. Das lässt sich nicht nur aus dem Namen „Celestial Tales Volume 1“ schließen, sondern auch aus dem Verlauf des Abends, der gewiss so manche Erwartung übertroffen hat. Zunächst einmal: der Andrang. Sich kurz nach 20 Uhr durch eine regelrechte Menschenmasse an den Eingängen zum Saal hindurchdrängen zu müssen, ist wirklich erstaunlich für ein Alternative/Stoner/Postrock-Konzert in Regensburg. Immerhin reden wir nicht von einer ranzigen Eckkneipe, sondern vom Gloria. Oder vielmehr dem SportsPig, wie sich diese ehemals herrliche Lokalität seit ca. einem Jahr schimpft. Früher Kino und Konzertsaal par excellence, ist dieses „Kulturtheater“ zu einer Sportsbar verkommen. Vollgestopft mit HD-Flachbildschirmen erinnert es eher an eine Spielothek als an einen Konzertschuppen. SportsPig mit Sky-Abo – na, toll. Der Sport bleibt zumindest an diesem Tag draußen. Selbst der Trinksport leidet ein wenig, zeigt man sich hinter der Theke einigermaßen überfordert. Aber wer kann schon damit rechnen, dass so ein Konzert mehr Leute als die Champions League (die hier bei exklusiven Sky-Spielen sogar noch Eintritt kostet) lockt.

Dabei sind die Bedingungen für ein kleines DIY-Konzert nicht die besten. Eine gewöhnliche, mobile PA mit der man einen zweistöckigen Kinosaal beschallen möchte? Schwierig. Eine große Bühne ohne festes Beleuchtungsset? Auch schwierig. Doch man verstand sich darauf das beste daraus zu machen. Die Bühne wurde mit allen verfügbaren Lava- und Wohnzimmerlampen ausgerüstet und beim Sound vertraute man vermutlich einfach den Bands.

Carrion Mother kamen der verhallende Schall und die Mittenlastigkeit gar nicht ungelegen, ist ihre Postrock-Sludge-Mischung ohnehin auf Dröhnen ausgerichtet, was mit dem Raumklang gut harmoniert. Die Songs, die zumeist deutlich über der 10-Minuten-Marke liegen, werden teils behutsam, teils rabiater vorgetragen und sind, vom etwas ausdruckslosen Gesang einmal abgesehen, vortrefflich. Eine Stunde wissen Carrion Mother mit diesem umfasenden Songmaterial natürlich zu füllen.

Eine Stunde hatten auch Wassermanns Fiebertraum, die dem insgesamt eher düsterem Abend einige Farbtupfer verleihen konnten. Das ist natürlich kein Zufall, heißt ihre aktuelle Platte etwas ungestüm, aber konzeptgebend Tauche Die Welt In Farben und beschreibt eine Geschichte um einen kleinen Jungen namens Joschka, der sich ausschweifend durch den Alltag träumt. An sich liebreizend und schön, wären da nicht die Einspieler des Erzählers eben dieser Geschichte um Joschka. Die nerven. Auf dem Album übrigens genauso wie live. Vom zum Glück spärlichen Gesang einmal abgesehen, sind Wassermanns Fiebertraum jedoch nahezu über jede Kritik erhaben, interpretieren sie ihren Postrock auf angenehm zugängliche, poppige und songorientierte Weise. Sie werden dabei übrigens auch immer besser.

Von Songorientierung sind Kali wiederum ziemlich entfernt. Klobige Ungetümer werfen sie da in den Gloria-Saal, weit unzugänglicher und zerfahrener als die Vorband. Dabei erzeugen sie eine reizvolle Atmosphäre irgendwo zwischen Beklemmung und Bewunderung. Letzteres vor allem ob der wirklich brillanten technischen Fertigkeiten dieser Band, weniger der Songs wegen. Neben den Songs selbst ist es auch der überkandidelte und große Gesten schwingende Gesang, der nicht unbedingt auf der Habenseite zu verbuchen ist. Ich will bei dieser Einschätzung allerdings nicht verhehlen, dass ich mit Stoner Rock eigentlich überhaupt nichts anfangen kann. Meiner Erwartungen wurden deshalb spürbar übertroffen.

Insofern konnte man letztlich sehr von der Darbietung angetan sein und das Resümee kann kaum anders ausfallen: Die „Celestial Tales“ sind ohne Frage eine Bereicherung für Regensburg und die etwas düster orientierte Musik in der Region und man kann nur hoffen, dass es möglichst bald weiter geht. Bis zum nächsten Mal im SportsPig.

(Martin Oswald) 

Die Entstehungsgeschichte eines Samplers (Teil1)

Gleiches Unrecht für alle!

„Wisst ihr was? Wir reden grundsätzlich nur von Dingen, von denen wir keine Ahnung haben.“ (gehört ca. 2002 an einem Stammtisch im beschaulichen Steinach, Niederbayern)

Es begab sich an einem 20. Juli: Wie so oft treffen sich Teile von Schallhafen und heartcooksbrain im Chat einer nicht eben unbekannten Social-Media-Plattform. Natürlich um gegenseitig für die Arbeit des jeweils anderen in den höchsten Tönen zu loben. Egostreicheln par excellence. So funktioniert Musikjournalismus. Und dann, die verstiegene Idee: Wir machen einen Sampler! Die Fragen: Unüberschaubar viele. Die Antworten: Spärlich. Die Ahnung: Reden wir lieber nicht darüber.

Doch obwohl der Weg des Samplers uns voraussichtlich in unwirtliche Gegenden führen sollte, (was er dann auch tat), sattelten wir bewaffnet mit wenig Zeit, gediegenem Unwissen und vor allem hohen Mutes die Pferde und ritten gen Sonnenuntergang. In der Hoffnung, dass selbiger nicht gleichzeitig unser Untergang werden würde. Einige fürchterlich zusammenkopierte Word-Dokumente, Hilfestellungen und Beratungsgespräche war klar: Einen Sampler zusammenstellen, ist in Sachen Aufwand in etwa, als würde man seiner damaligen Jugendliebe ein Mixtape (ein richtiges Tape wohlgemerkt) basteln. Also so richtig mit Kassette, Beschriftung und dem zugehörigen Gespür für Übergänge und Songlängen. Mindestens. Hm, wo ich das so schreibe: Warum haben wir eigentlich „Lieblingstape“ nie gefragt, ob sie mitmachen wollen? Sorry dafür. Aber weiter im Text. Wir brauchten also: Einen Titel, ein Cover, ein Booklet (das ihr gerade lest, oder auch nicht lest), eine Ahnung von bürokratischen Hürden, einen Menschen, der ein Cover gestalten kann (und ja, wir dachten kurzzeitig an Paint, haben die Nummer aber nicht durchgezogen – schade eigentlich) eine Ahnung von Pressearbeit, einen losen Überblick zum Thema GEMA, ein bisschen Geld und nicht zu vergessen: Bands. Wir hatten: Nichts Handfestes. Von hochtrabenden Ideen abgesehen.

Bald erfahrt ihr im zweiten Teil, mit was für Rückschlägen das Ensemble zu kämpfen hatte, welche Bands aus Mitleid dann doch zusagten und wie wir überhaupt zu diesem verquer-ungemütlichen Titel kamen.

The Bear’s Lair

The Bear's LairWas passiert wohl, wenn sich bekanntermaßen gute Musiker (die unter anderem bei Fire Walk With Me! zocken) zusammenrotten, gemeinsam beschließen, doch mal die Zerre auszudrehen und sich mit der Akustischen zurücklehnen. Richtig: Es entsteht wundervoll entspannter Pop, der seine Songwriting-Wurzeln im Post-Punk hat und eine nicht zu überhörende Vorliebe für Jazz zu haben scheint. Um es weniger kryptisch zu formulieren: Mal klingen The Bear’s Lair wie Fink, mal klingen sie wie Scott Matthews und zeitweise klingen sie Radiohead abzüglich verschwurbeltem Kunstanspruch. Eine Mischung, die sogar die Teilzeitinstrumentalwahnsinnigen von The Hirsch Effekt neugierig gemacht hat, weshalb deren Sänger gleich mal für einen Gastbeitrag vorbeigeschaut hat. Das Tolle daran: Was dabei rumgekommen ist, kann man sich jetzt anhören. Schließlich hat die Band bereits eine sechs Songs starke, selbstbetitelte EP aufgenommen. Die macht Lust auf mehr und kann hier angehört werden:

News | Januar 14 #1

+++ Weil wir ja nicht gerade die schnellsten sind und manchmal alte Hüte gerne als Neuigkeiten verkaufen, wollen wir an dieser Tradition festhalten. Wer zu Weihnachten nicht ohnehin schon reichlich beschenkt wurde, kann sich noch ein kleines Geschenk machen. Uncle M hat nämlich im Dezember einen fetzigen Label-Sampler zusammen- und kostenlos zur Verfügung gestellt. Hier lang:

+++ Am 28. Februar veröffentlichen Pascow ihr neues Album. Ein kleines Video zum Anfixen gibt es unten. Weitere Infos werden folgen und ohne zu viel verraten zu wollen: Diene Der Party ist ein wahres Fest.

+++ Eine Woche vor Pascow bringen Matula ihre Platte Auf Allen Festen raus. Was das mit den Partytiteln soll? Keine Ahnung, aber bei solchen Songs und Videos eigentlich auch völlig wurscht.

+++ Auf Against Me! muss man nicht mehr bis Februar warten. Transgender Dysphoria Blues kommt nämlich morgen in den Handel. Wer nicht warten kann, vergnügt sich bis dahin mit diesem Stream.

+++ Für alle, die auch hier nicht bis morgen warten können. Mogwai haben auch einen Stream parat. Passenderweise gibt es Rave Tapes auf tape.tv zum Vorabhören.

+++ La Dispute, die (nicht nur) bei uns im Jahr 2011 ziemlich abgeräumt haben, kommen auch bald mit einem neuen Album um die Ecke. Vorbestellen kann man Rooms Of The House hier. Einen Song hat die Post-Hardcore-Größe auch schon enthüllt. Dazu geht’s hier lang.

+++ Die Pflichtlektüre aller guten Punker_innen wird 25 Jahre alt jung. Das Ox-Fanzine lässt sich natürlich ordentlich befeiern. Am 07.02.14 steigt in Solingen mit u.a. Love A, The Ruts DC und Asta Kask ein kleines Festival. Alle weiteren Infos gibt es hier.

ox25

+++ Hier noch ein kurzes und zackiges Video der Bad Drugs, die mit ihrem ersten Album Old Men Young Blood auch gerade auf der Türschwelle stehen.

(mo)