Jahrespoll 2013 von: Martin Smeets

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Feiertagsvöllerei ist hoffentlich ohne größere Schäden für Körper und Geist überstanden. Zeit also, zurückzublicken. Nicht nostalgisch verklärend, sondern geradezu analytisch. Mit Zahlen, dafür aber ohne Fakten. Die sind ja bekanntlich der Feind der Musikkritik. Oder wie es die SZ auszudrücken pflegt: „Kritik ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“ Unterschreiben wir zwar nicht blind, tut aber dafür auch nichts zur Sache. A propos ‚zur Sache‘: 2013 war ein geradezu hervorragendes Musikjahr. Zumindest was die Breite betrifft. So schlittert mit Light Bearer, Defeater, London Grammar, Goldfrapp, Boysetsfire, Arcade Fire, Sigur Rós, And So I Watch You From Afar, Haim und Okkervil River gleich eine ganze Wagenladung großer Namen knapp an den Top-10 vorbei. Dafür wird die Luft in der Spitze dünn: Die ersten drei Plätze vergeben sich, ähnlich wie sich eine Fussballmannschaft in der Regensburger B-Klasse von selbst aufstellt, quasi von selbst. Aus dieser Masse an guten Alben und Songs eine halbwegs nachvollziehbare Liste zu zimmern? Nicht ganz einfach. Ein Versuch:

Die 10 besten Alben des Jahres

The Naked And Famous - In Rolling Waves // Bild: thelineofbestfit.com10. The Naked And Famous – In Rolling Waves

Ein lupenreines Pop-Album darf diese Bestenliste einleiten. Völlig zurecht, wohlverstanden. Schließlich bringt diese Platte unverschämt eingängige Melodien mit dem unverhohlenen Hang zu großen Geste zusammen, ohne im Schmonz zu versinken. Ganz im Gegenteil: Dieses Album gefällt immer und begeistert oft.

Messer - Die Unsichtbaren // Bild: http://tanteguerilla.com9. Messer – Die Unsichtbaren

Post-Punk trifft Joy Division. Und heraus kommt ein Ungetüm von Platte. Ausgemergelt, dissonant, klaustrophobisch, bisweilen geradezu hässlich. Ein Album, das klingt wie ein kategorisches Nein. Voll mit Songs, die, obschon sie wie aus der Zeit gefallen wirken, dem Punk auch im Jahre 2013 noch mal eine neue Seite abringen kann. Das schaffen nur ganz wenige.

I Am Kloot - Let All In // Bild: cdstarts.de8. Im Am Kloot – Let All In

Die unterschätzteste Band des Planeten. Wie es passieren kann, dass noch immer nur ein recht überschaubarer Kreis von Menschen die Singer/Songwriter-Perlen, die I Am Kloot in beängstigender Konstanz auf’s Parkett zaubern, goutiert, bleibt ein unlösbares Rätsel. So lang sich die Band allerdings davon nicht beirren lässt, und weiterhin solch wundervolle Platten aufnimmt, ist das aber auch fast egal. [Review]

Touche Amore - Is Survived By7. Touché Amoré – Is Survived By

Zugegeben, die Besonderheit des Vorgängers erreicht die Band mit ihrer aktuellen Platte nicht. Aber auch wenn hier manches etwas gewöhnlicher klingt, reicht es für Touché Amoré immer noch zur fast besten Hardcore-Platte des Jahres. Was ein mal mehr zeigt, mit welch außergewöhnlicher Band man es hier zu tun hat. [Review]

Modern Life Is War - Fever Hunting // Bild: rocksound.tv6. Modern Life Is War – Fever Hunting

Das Hardcore-Album des Jahres. Und das ohne jeglichen Reunion-Bonus (schließlich hat die Band am 01. April 2013 ihre Rückkehr mitsamt fertigem Album verkündet). Wie immer bewegen sich Modern Life Is War auf konstant hohem Niveau, formen einmal mehr ein monolithisches Album, aus dem man kaum ein Highlight benennen kann. Diese Reunion war wichtig. [Review]

The National - Trouble Will Find Me // Bild: www.digitalspy.co.uk5. The National – Trouble Will Find Me

An The National gibt es wohl in kaum einem Jahresrückblick ein Vorbeikommen. Zu gut ist die Band in dem, was sie tut. Auch 2013 erlauben sie sich keinen Ausrutscher und fabrizieren ein weiteres hervorragendes Album. Zurückgenommener als früher, bisweilen aber auch berührender als früher. Zu allem Überfluss auch noch in fast jeder Situation und Stimmungslage passend. [Review]

Radical Face - The Family Tree: The Branches // Bild: hasitleaked.com4. Radical Face – The Family Tree: The Branches

Wieder so eine Band, die bislang noch nie enttäuschen konnte. Zwar macht die Band um Ben Cooper im Vergleich zu den bisherigen Alben nur sehr wenig anders, jedoch vermag auch Teil Zwei der Albumtrilogie vollauf zu überzeugen. Ein Anzeichen dafür, dass Coopers scheinbar unerschöpflicher Ideenfundus bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Dass er sich inzwischen sogar Ausflüge in Richtung Shoegaze zutraut, lässt auf Großes in der Zukunft hoffen. [Review]

There Will Be Fireworks - The Dark, Dark Bright // Bild: whitetapes.com3. There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright

Gerade mal einen Monat alt und schon auf einem der vorderen Plätze. Warum? Weil dieses Album vom ersten bis zum letzten Song dermaßen hervorragend ist, dass man es kaum für möglich halten möchte. Ein Highlight jagt das nächste, fast jeden Tag findet sich ein neuer Lieblingssong. Zwölf große Momente auf einer Platte. Momente, die allesamt nachhaltig wirken. Auch wenn das Phrasenschwein sich jetzt freut: Diese Band ist etwas ganz Besonderes. [Review]

Daughter - If You Leave // Bild: whitetapes.com2. Daughter – If You Leave

Ein Satz, der nicht weniger auf Daughter zutrifft. Feingliedrige Singer/Songwriter-Ideen treffen auf Postrock-Grollen und eine zauberhafte Stimme. Heraus kommt eine Platte, die über den Dingen steht, deren Songs live ein Pflichterlebnis sind. All diejenigen, die The xx für langweilig halten, mögen zu diesem Album greifen. Und schwärmen.

Deafheaven - Sunbather // Bild: stereogum.com1. Deafheaven – Sunbather

Irgendwie ist es beinahe schade: Platz 1 lässt nicht den geringsten Spielraum für Überraschungen. Denn an diesem Album führt schlichtweg kein Weg vorbei. Da überrascht es auch nicht, dass sich FreundInnen verschiedenster Stilrichtungen auf die Speerspitze der ‚New Wave Of Hipster Black-Metal‘ (und das ist nicht böse gemeint) einigen können. Und dass Sunbather im Durchschnitt das am besten bewertete Album des Jahres ist. Ein kleines Wunder. [Review]

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Die 10 besten Songs des Jahres

10. Messer – Neonlicht

Messer verirren sich in Richtung Dur. Und brennen ein Feierwerk an Atmosphäre ab. Verhalltes Singschreien, ein knarzender Bass, eine zwingende Melodie. Widerstand? Zwecklos.

9. The Flatliners – Resuscitation Of The Year

Ein paar abgehangene Gitarrenfiguren, ein angetäuschter Offbeat und dann: Punkrock. Schnell, dringlich, wuchtig. Für ein Genre, aus dem man keine Neuheiten mehr vermutet nicht schleicht. Nein, sogar sehr gut.

[Song auf Youtube]

8. Defeater – Rabbit Foot

Wo Defeater mit ihrer dramatischen Familiensaga aufschlagen, wächst kein Gras mehr. Das beweist nicht zuletzt dieser Song. Atemlos, desillusioniert, mit hervorragendem Songwriting und einer Produktion, die so nur Defeater auf die Kette bekommen. Besonders wertvoll.

7. Herrenmagazin – Frösche

Wieder so eine Band, die einfach keine schlechten Songs schreiben kann. Dafür aber immer wieder sehr gute. Neuester Zugang in dieser Riege: Frösche.

[Song auf Youtube]

6. London Grammar – Nightcall

Ein Song, den man, hat man ihn einmal gehört, nicht mehr los wird. Ein Ohrwurm. Im besten Sinne, wohlgemerkt.

5. Daughter – Youth

Vielleicht das traurigste Stück des Jahres. Dabei immer wieder mit fast aufbrausenden Parts versehen. Besser kann man Niedergeschlagenheit kaum vertonen.

4. Radical Face – From The Mouth Of An Injured Head

Eigentlich sind die schnelleren Songs nicht die Kernkompetenz dieser Band. Bei diesem Kandidaten, von dem man zwangsläufig mitgerissen wird, verhält es sich zum Glück gänzlich anders.

3. Deafheaven – The Pecan Tree

Über elf Minuten. Erst rasender Black-Metal, dann eine geradezu balladeske Verschnaufpause und dann: Ein Riff, das Dave Grohl Freudentränen hätte weinen lassen. Ein würdiger Abschluss einer perfekten Platte.

2. Touché Amoré – Non-Fiction

Touché Amoré versuchen sich am langsamen Song. Mit atemberaubenden Erfolg. Nach gemächlichem Aufbau fließt hier alles in einem furiosen Finale zusammen. Umwerfend.

[Song auf Youtube]

1. There Will Be Fireworks – River

Kannste nicht lernen. Euphorie. Vertonte Euphorie. Ein unglaublicher Song.

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Die größte Enttäuschung des Jahres

Ein wirkliche Enttäuschung ist nun wirklich schwer auszumachen in diesem Jahr. Gut, The Ataris haben ihr lange versprochenes neues Album wieder nicht veröffentlicht, James Blunt hat seine Rückkehr verkündet und im Formatradio dudelt weiterhin nur Schrott. Aber das sind keine Enttäuschungen. Vielmehr lässt sich das alles nicht vermeiden. Eben weil die wirklichen Ausrutscher ausgeblieben sind, erwischt es eine Band, mit der man hier nicht gerechnet hätte: Four Tet. Zwar ist die aktuelle Platte des Projekts von Kieran Hebden gar nicht mal so wirklich schlecht, dem Vergleich mit den organischen, handgemachten Elektroskizzen von Rounds oder There Is Love In You hält es aber dennoch nicht im mindesten Stand. Jetzt wird man also schon wegen einer mittelmäßigen Platte zur Enttäuschung. 2013 war wirklich ein gutes Jahr.

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Der beste ‚Newcomer‘ des Jahres

Auch das ist nicht einfach, und zwar, weil hier die Qual der Wahl zuschlägt. Zur Wahl stehen unter anderem die Irish Handcuffs, die mit Derail mal eben ihren bisher besten Song aufgenommen haben und bei Circus Halligalli rumkaspern durften, Kazimir mit ihrem fulminanten ‚Debut‘ Messlattenblues, Matze Rossis Bad Drugs zeigen, dass 3 Akkorde verdammt viel Spaß machen können und die schon mehrmals erwähnten There Will Be Fireworks sind zwar keine echten Newcomer, kamen aber mit ihrer wundervollen Platte mehr oder weniger aus dem Nichts.

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Die größten Überraschungen des Jahres

Hier will ich mich zunächst Kollege Oswald anschließen und diverse Reunions nennen. Dass Modern Life Is War wiederkommen, hat wohl niemand vermutet, dass die neue Platte von Boysetsfire so gut wurde, war zumindest nicht garantiert und dass so manche Band souverän aus der Pause zurückkehrt, war auch nicht wirklich zu erwarten. Auch lange nicht mehr wirklich auf dem Schirm hatte man die Jungs von Rantanplan. Die haben schließlich mit Pauli eine geradezu beeindruckende Spätform bewiesen. Noch überraschender als Genanntes, war allerdings, was der schnöde Pop so hervorgebracht hat. Da wären The Naked And Famous, die man zu Beginn des Jahres kaum auf dem Schirm hatte. Oder auch Haim, deren aktuelle Platte an guten Tagen unweigerlich den inneren Zappelphillip zu Tage treten lässt. Und natürlich die umwerfenden London Grammar. Deren aktuelles Album ist zwar kurz vor knapp aus diesem Poll geflogen, bietet aber durchwegs mächtiges Songmaterial und ein paar veritable Hits. Aus den Fingern von einem, der sich sonst in ‚härteren‘ Gefilden verortet, will das etwas heißen. Achso, und ganz zum Schluss muss auch lobend erwähnt werden, dass Arcade Fire bei all ihrer Hinwendung zum ‚Arty-Pop‘ mit Normal Person tatsächlich einen ganz normalen Rocksong geschrieben haben.

Jahrespoll 2013 von: Martin Oswald

Die 10 besten Alben des Jahres

Turbostaat - Stadt Der Angst10. Turbostaat – Stadt der Angst

Die beste deutschsprachige Punkplatte kommt in diesem Jahr von Turbostaat. Eine Überraschung ist das nicht, allerdings der endgültige Beweis, dass diese Band weiterhin Maßstäbe setzt. Rauh und dennoch melodiös wie eh und je zeigen Turbostaat, dass Punk immer noch etwas zu sagen hat. [Review]

Defeater - Letters Home9. Defeater – Letters Home

Die verzweifelte Familiengeschichte geht in ihre dritte Langfassung. Diesmal steht der Vater im Rampenlicht, dessen ambivalent-verstörte Psyche mit versiertem Songwriting, Storytelling und krachender Instrumentierung einer Achterbahnfahrt gleich, aufgebaut und zersägt wird. Allein der Sound ist wieder einmal beeindruckend. [Review]

ASIWYFA - All Hail Bright Futures8. And So I Watch You From Afar – All Hail Bright Futures

Der Hawaii-Urlaub unter den Postrock-Platten. Nicht nur das Cover ist bunt und fast schon irrsinnig ideenreich, sondern auch all das was unter dieser Haube steckt. Wildeste Gitarrenfahrten, Steel Pan, Streicher, Bläser und Gesang(!). ASIWYFA ist nichts, aber auch wirklich nichts zu verrückt. Das Ergebnis: Hammer Platte. [Review]

Slut - Alienation7. Slut – Alienation

Das Ingolstädter Kreativkollektiv hat sich endlich wieder an ein „normales“ Musikalbum gewagt. „Normal“ steht hier auch deswegen in Anführungszeichen, weil ihnen damit doch etwas besonderes gelungen ist. In zarte Unterkühltheit haben Slut ein vielschichtiges Album verpackt, das nur scheinbar vor sich hin plätschert, in Wirklichkeit aber auf allen Ebenen wahrhaft tiefgründig ist. [Review]

The World Is - Whenever, If Ever6. The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die – Whenever, If Ever

Ein Bandname, den man auswendig lernen muss. Was sich allerdings lohnt. Die kleinen und großen Songs auf Whenever, If Ever sind von solch amüsanter Leichtigkeit und Ironie getragen, dass man fast versucht ist, die Brillanz von Songwriting und Inszenierung zu übersehen. Der Versuchung sollte man aber nicht nachgeben, sondern die wirkliche Größe dieser Platte (an)erkennen. [Review]

Deafheaven - Sunbather // Bild: stereogum.com5. Deafheaven – Sunbather

Laut Metacritic ist Sunbather das am besten bewertete Album des Jahres 2013. Auch bei uns gab es dafür 10/10. Eigentlich erstaunlich, muss bei solchen Lobhudeleien wirklich viel zusammenkommen. Aber hier standen die Gratulant_innen vom Szene-Fanzine, über Hipsterblogs, bis zum Mainstream-Popkultur-Irgendwas-Kunstmäßigem-Hochglanzmagazin Schlange. Dass die Platte ein absoluter Kracher ist, muss wahrlich nicht mehr nachgewiesen werden. Dass sie anscheinend so viele Geschmäcker bedient, ohne auch nur ansatzweise nach (kommerziellen) Kompromissen zu schielen, ist beeindruckend, stilprägend und an dieser Stelle mit einem anerkennenden Schulterklopfen erwähnenswert. [Review]

Cloudkicker - Subsume4. Cloudkicker – Subsume

Ben Sharps 2007 gegründetem Ein-Mann-Projekt sind schon ein paar richtig gute Würfe gelungen. Sein Mix aus Progressive Metal und Postrock, bei dem er von Schreiben und Einspielen, bis zum Aufnehmen, Mastern und Vertreiben, jede einzelne Stellschraube selbst dreht, hat 2013 mit Subsume vorübergehend seinen Höhepunkt erreicht. Diese 4 Songs mit ewig langen und umständlichen Titeln, die über 40 Minuten Spielzeit auf den Zählerstand bringen, lassen keinen Zweifel daran, welch überragendes Können ihr Schöpfer in ihnen verarbeitet. In schönerer Atmosphäre kann man sich Metalriffs kaum denken. Und so wage ich eine Prophezeiung: in künftigen Bestenlisten ist nach oben hin alles möglich.

Touche Amore - Is Survived By3. Touché Amoré – Is Survived By

Ja, bis La Dispute 2014 ihr kommendes Album veröffentlichen, bleiben Touché Amoré die Post-Hardcore-Klassenlieblinge der schreibenden Zunft. Das allerdings wirklich nicht zu Unrecht. Ihre Songs bringen sie mittlerweile zumeist auf eine übliche Songlänge, ohne damit Dynamik und Prägnanz zu opfern. Die Tourweltmeister (bei dem Tourplan muss dieser Titel eigentlich an sie gehen) bauen auf Is Survived By jedoch spürbar das atmosphärische Moment aus, was auch in die Hose hätte gehen können. Tut es aber nicht, ganz im Gegenteil. Ihre dritte Platte hat sich Platz 3 in dieser Liste redlich verdient. [Review]

Light Bearer - Silver Tongue2. Light Bearer – Silver Tongue

Light Bearer. Ihres Zeichens eine Konzeptband, die sich vorgenommen hat in 4 allegorischen Zyklen eine von Philip Pullmans Romanen inspirierte Mythologie zu entfalten, in der eine tiefgründige feministische und atheistische Haltung entwickelt wird. Bisher ist dieser wahnsinnige Plan in jeglicher Hinsicht, sei es konzeptuell, lyrisch, musikalisch oder optisch, aufgegangen. Silver Tongue markiert den zweiten Teil dieses gewaltigen Projekts, das nach seinem Abschluss zu einem der gewaltigsten Musikprojekte überhaupt avancieren könnte. Bisher sind wir bei der Hälfte – also abwarten. Silver Tongue ist aber, um es mit einem Wort zu sagen: brillant. [Review]

Sigur Rós - Kveikur1. Sigur Rós – Kveikur

Ein Déjà-vu. Auch im vergangenen Jahr standen Sigur Rós auf diesem Platz. Damals hieß die Platte Valtari, die allseits maximal für verhaltene Reaktionen sorgte. Für mich allerdings ist sie nach wie vor ein essentielles Glanzstück des Ambient-Postrock. Ganz anders nun Kveikur. Der Bombast ist gewissermaßen zurück beim (jetzigen) Trio. Es scheppert wieder mehr, die Spannungsbögen jagen einen Höhepunkt nach dem anderen und der Sound ist vielfältiger, stimmungsvoller, wechselhafter geworden. Mit Ambient hat das nichts mehr zu tun. Viele legen das als düster aus, das ist es aber nur bedingt, zumal Kveikur darauf nicht zu reduzieren ist. Es ist stattdessen eine überwältigend große Geste, die einer Band, die vielen schon in ihren letzten Zügen schien, neue Facetten mitsamt einem schier überbordenden kreativen Potential entlockt. Platz 1 haben sie freilich nicht für alle Zeiten gepachtet und ich bin auch nicht der totale Sigur-Rós-Nerd, aber sie haben nun einmal in den letzten beiden Jahren die jeweils beste Platte auf diesem Planeten gemacht. Tja, ich kann da auch nichts dafür. [Review]

Die 10 besten Songs des Jahres

10. The Naked And Famous – I Kill Giants
Das hier ist Pop. Aus den 80ern. Oder so etwas ähnliches. So genau weiß man es nicht, aber es ist ein verdammter Hit. Ohne Wenn und Aber.

9. The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die – Heartbeat In The Brain
Dieser Songtitel kommt dem Namen dieses seltsamen Blogs hier verdächtig nahe. Für seine Güte ist das aber weder Grund noch Verhängnis. Schön, leicht, zärtlich und obendrein ziemlich verrückt.

8. Jungbluth – Crevasse
Dieser Song ist zwar eher so etwas wie ein Intro (in ein sehr gutes Album übrigens), kann aber eindeutig mehr. Eigentlich kann dieses instrumentale Stück sogar ziemlich viel.

7. Crash Of Rhinos – Mannheim
Ein vertrackter, 5-minütiger Punkrocksong gefällig? Der hier hat’s definitiv drauf.

6. Balance And Composure – Parachutes
Auch wenn das Album The Thing We Think We’re Missing nur knapp an der Albenbestenliste vorbei geschrammt ist, so hat der vortreffliche Opener hier seinen wohl verdienten Platz.

5. ◯ – Laura Palmer Theme (Twin Peaks Cover)
Die Interpretation von Laura Palmer’s Theme aus Twin Peaks ist ◯ wahrlich gelungen. Ziemlich hervorragend sogar.

4. Touché Amoré – Is Survived By
Ein sehr guter Touché Amoré Song – bis Minute 2:00. Dann wird er überragend.

[Song auf Youtube]

3. XERXES – Grinstead
XERXES haben in diesem Jahr eine 2-Song-EP namens Would You Unterstand? veröffentlicht. Darauf zu finden ist dieser grandiose Posthardcore-Song. Der beste in diesem Jahr – zumindest für meine Begriffe.

2. Sigur Rós – Ísjaki
Die vielleicht poppiste und offenherzigste Nummer auf Kveikur. Selten war ein Eisberg (dt. für Ísjaki) mit mehr Glücksgefühlen verbunden.

[Video auf Vimeo]

1. Caspian – Hymn For The Greatest Generation
Erschienen erst kürzlich auf der gleichnamigen EP, ist der Song fast 8 Minuten pure Schönheit. Mehr gibt es eigentlich gar nicht zu sagen, nur: passender könnte der Songtitel nicht sein.

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Die größte Enttäuschung des Jahres

Es gab sicherlich die eine oder andere kleine Enttäuschung, eine richtig bedeutende fällt mir allerdings nicht ein. Wobei zwei Ärgernisse doch etwas herausstechen. Diese hören auf die Namen Damage und Burials. Zwei Alben, zwei unterschiedliche Geschichten, zwei Bands, die sich sehr schätze, zwei satte Enttäuschungen. Jimmy Eat World haben sich mit diesem Fetzen Album musikalisch endgültig heruntergewirtschaftet. Damage – wie passend. Ähnliches gilt für AFI und deren Machwerk. Nur hat man bei ihnen wiederum das Gefühl, dass da noch nicht alles in den Sand gesetzt ist. Also verbuchen wir Burials mal als Tiefpunkt… denn dann kann es ja nur noch bergauf gehen.
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Der beste ‚Newcomer‘ des Jahres

Die mit Abstand dümmste Kategorie in unserem „Jahrespoll“. Aber der Chef will es so. Nun, so wirklich etwas fällt mir nicht ein, schon gar kein singulärer, sogenannter Newcomer. Aber auf ein Bündel Neulinge, deren Auftauchen mich gefreut, respektive beeindruckt hat, könnte ich schon schnüren. Da wären z.B. Idle Class, die mit The Drama’s Done aus dem Nichts eine tolle Punkplatte hingelegt haben. Die Irish Handcuffs aus Regensburg haben zwar noch keine ganze Platte vorgelegt, aber über diverse Split-Singles ein paar Pop-Punksongs gestreut, die der Hoffnung auf mehr so einige Berechtigung verleihen. Oder man nehme einfach mal Jungbluth, die sich gewissermaßen als Pausenfüller von Alpinist mit Part Ache als ein dermaßen gewichtigter Post-Hardcore-Brocken präsentieren, dass man nicht lange an ihnen wird vorbei hören können. Und zu guter Letzt: Bad Drugs. Das neue Gemisch um Senore Matze Rossi aus Schweinfurt trägt auf so vortreffliche Weise Ironie und Melancholie in den Pop-Punk, dass man glaubt die 90er hätten ihre besten Jahre nicht hinter, sondern vor sich. Die LP kommt im Januar 2014 und so viel darf an dieser Stelle schon einmal gespoilert werden: sie ist gut.

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Die größten Überraschungen des Jahres

Wirklich überraschend war 2013, dass sich Reunions bzw. Rückkehrer ziemlich gut behaupten konnten. Was oft als Verzweiflungstat sich selbst überschätzender alter Männer (gut, bei Black Flag, Flag oder wie die alle heißen, mag das der Fall sein) daher kommt, war in diesem Jahr weit weniger schmerzlich und enttäuschend. Im Gegenteil. Ich denke da insbesondere an Boysetsfire und Modern Life Is War, die beide nach langen Pausen mit famosen Alben auftrumpfen konnten. Ähnliches gilt auch für A Wilhelm Scream, die mit Partycrasher freilich keine überragende, aber immerhin eine wirklich passable Platte vorgelegt haben. Die Fratellis-Platte We Need Medicine kann sich auch sehen lassen. Oder die erste My Bloody Valentine Platte seit 1991, m b v – kann man ohne weiteres durchwinken. Das ZSK-Album Herz Für Die Sache ist ihr bisher bestes – und das nach einigen Jahren Auszeit. Oder man denke z.B. auch an Palms, zu drei Fünfteln Isis, die mit Chino Moreno am Mikrofon einen glänzenden Erstling veröffentlicht haben.
Letztlich überrascht es doch, zumindest mich, dass die Peinlichkeiten in punkto Rückkehrer-Platten kaum ins Gewicht fallen. Das können nicht alle Jahre von sich behaupten und kriegt 2013 deswegen ein dickes „Gefällt mir“.

News | Dezember 13 #3

+++Diese News stehen überwiegend im Zeichen von The Ataris. Denn die sind gerade scheinbar aus dem Winterschlaf oder überhaupt aus dem Schlaf erwacht. Seit einigen Tagen posten sie Neuigkeiten, was das Zeug hält.

The Ataris-Tour

Los geht es damit, dass sie im kommenden Jahr eine „So Long, Astoria“ Reunion-US-Tour samt allen Stücken dieses mächtigen Albums spielen werden. U.a. mit Gästen wie Versus The World und Gasoline Heart. Ferner haben sie 54(!) Demos zur besagten Platte zum ersten Mal überhaupt auf Bandcamp veröffentlicht. Das Gute dabei: man kann sie sich gratis ziehen:

Dazu haben die Mannen um Kris Roe, der schon einmal gerne Drummer mitten im Gig aus der Band wirft, vor ein paar Tagen begonnen ihren Vimeo-Account mit Material anzureichern. Darunter bisher drei Teile Reunion-Dokumentaion. Teil 1 geht so:

Nach ewigem Rumgeeiere bei The Ataris geht es offensichtlich wider richtig los.

+++ Zwei Tage : Ohne Schnupftabak spielen nicht nur heute (20.12.13) im Juz Königswiesen (Regensburg), sondern präsentieren kurz vor Weihnachten auch eine feine Wohltat. Und die geht so: Ihr letztes Album In Anbetracht der Dinge und die aktuelle EP Die Bresche werden für 5 Euro (oder mehr) auf Bandcamp feilgeboten. Der Erlös davon geht komplett an das Regensburger Onlinemedium regensburg-digital.de. Mit Punkrock unabhängigen und kritischen Journalismus unterstützen. hat was:

+++ In Weihnachtsstimmung sind auch Crash Of Rhinos. Bis Januar haben sie ihr aktuelles Album Knots für ganze 0 Euro zum Download bereitgestellt. Sollte man mitnehmen (Spendierfreudige können auch ein par Groschen dort lassen). Hier lang:

+++Und weil das hier schon so eine lustige Bandcamp-Runde ist (nein, wir werden wir diese viele Werbung nicht bezahlt), legen wir noch einen drauf: Das kleine Postrock/Experimental-Label Fluttery Records verschenkt einen Sampler, bei dem Postrock- und Ambientinteressierte nur so mit den Ohren schlackern dürften. Sogar die Katze auf dem Cover freut sich:

+++ Ach ja, Against Me! hat einen neuen Song draußen. Natürlich von der kommenden Platte Transgender Dysphoria Blues. Der Song geht so:

News | Dezember 13 #2

+++ Zur zweiten Runde News im Dezember lassen wir gleich zu Beginn Converge von der Leine. Die waren bei der BBC zu Gast und haben dort eine vermutlich schicke Live-EP eingespielt. Mit dabei sind die Songs Dark HorseAxe To Fall, Damages und – angeblich – Hanging Moon. Warum letzterer Song mit einem ‚angeblich‘ versehen ist? Nun, weil es sich laut Bandangaben um eine rare Version des im Original mit Akustikgitarren eingespielten Tracks handeln soll. Nun gut, entweder Kurt Ballou ist ein noch genialerer Produzent, als ohnehin schon angenommen, oder da ist was durcheinander geraten. Unser Vergleichs- und Lösungsvorschlag ist jedenfalls:

+++ Weniger besserwisserisch gerieren wir uns gegenüber der folgenden Band. Also gegenüber Sigur Rós. Die haben in den vergangenen zwei Jahren gleich mal zwei Alben aufgenommen. Und natürlich veröffentlicht. Jetzt nimmt sich die Band, passend zur Jahreszeit, eine kurze Verschnaufpause und legt einen kleinen, aber feinen Rückblick vor. Zu lesen gibt es das Ganze hier.

+++ All denjenigen, die ab und an hier vorbeisurfen, dürften Light Bearer ein Begriff sein. Schließlich haben die in den Ohren des Kollegen Oswald die Höchstwertung abgestaubt. Jetzt gibt es mit Carnist ein kleines Nebenprojekt. Und zwar eines, das mit Songlängen jenseits der zehn Minuten mal so gar nichts zu tun haben will und viel lieber in aller Kürze zum Punkt kommt. Das klingt dann so:

+++ Da wir gerade beim Hardcore sind, bleiben wir doch gleich dabei. Schließlich gibt es auch Neues um La Dispute zu vermelden. Die waren nämlich im Studio. Und haben, wer hätte es auch gedacht, neues Material aufgenommen. Neues Material, das Rooms Of The House heißen und am 18. März 2014 erscheinen wird. Ein Cover gibt es auch schon:

La Dispute - Rooms Of The House // Bild:  http://www.ladisputemusic.com/blog/

+++ Zum Schluss gibt’s noch mehr Hardcore. Dieses mal von Frank Turner. Moment, Hardcore von Frank Turner? Ja natürlich. Und zwar unter dem Namen Mogol Horde (wir verzichten hier mal aus ästhetischen Gründen auf die ‚ö‘-Schreibung). Schließlich nimmt Turners Hardcore-Spielwiese gerade ein Debutalbum auf. Bislang sind sieben Songs fertig.

There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright

There Will Be Fireworks - The Dark, Dark Bright // Bild: whitetapes.com

Die Welt im Arm

Es mag vielleicht am Klima liegen, vielleicht auch am eigenwilligen Dialekt, oder an der – verklärend aus der Ferne betrachtet – rauen Natur: Irgendwas passiert da, zwischen Schottland und der Musik. Anders lässt sich die Masse an wundervoller Musik aus diesem Land kaum erklären. Wo Mogwai mit jedem weiteren Album den Postrock spannend halten, wo Frightened Rabbit und We Were Promised Jetpacks den melancholischen beziehungsweise aufbrausenden Indie-Rock perfektionieren und sich nicht zuletzt The Twilight Sad an ihrer ganz eigenen Version des gitarren- und unheilsschwangeren Grusel-Shoegaze berauschen. Und das sind nur die bekanntesten Namen. Wie viele bezaubernde Kapellen sich sonst noch durch verschwitzte Clubs in Glasgow zocken, mag man gar nicht abzuschätzen.

Sicher ist nur: There Will Be Fireworks sind dabei. Die haben, von der öffentlichen Aufmerksamkeit sträflich missachtet, bislang ein Album und eine EP aufgenommen. Und legen nun ihren Zweitling The Dark, Dark Bright vor. Eine Platte, die ihren Titel zum Programm macht, die keinen Hehl aus ihrem raumgreifenden Schwermut macht. Und ihn geradezu trotzig in den schillerndsten Farben erstrahlen lässt. Mit euphorietrunkenen Streichinstrumenten, mit trostspendenden Bläsern, mit bezaubernden Gitarrenfiguren und wenn nötig auch mit einer großzügig verteilten Messerspitze Krach. Selten waberten Arrangements zielsicherer zwischen den Polen Moll und Dur umher, selten wurden beide formschöner in Einklang gebracht. Kurzum: Selten klang ein Album kompletter, als dieses hier. Dass There Will Be Fireworks dabei mit Versatzstücken zwischen Postrock, Folk und Singer-Songwriter-Entwürfen operieren, während sie doch knietief im Pop stehen? Macht die ganze Chose nur noch opulenter. Den schmalen Grat zwischen Schönheit und Kitsch meistert diese Band wahrhaft traumwandlerisch.

Und das, ohne auch nur einen Millimeter zu wanken. Vom Opener And Our Hearts Did Beat bis zum abschließenden The Good Days findet sich nicht ein einziger Ausrutscher. Im Gegenteil: Konfrontiert mit einer derartigen Vielzahl großartiger Songs, gerät die Aufgabe, einzelne Highlights zu benennen geradezu zur Unmöglichkeit. Wenn man dennoch auf solche besteht, würde sich beispielsweise das lächerlich kraftvolle River hervortun, das sich auf einem Fundament purer Euphorie aufbäumt, um möglichst laut, effektvoll und fast schon schmerzhaft mitreissend gen Firmament zu flirren. Und Europe stehen weinend daneben, müssen zusehen, wie man eine weltumspannende Geste ohne Pomp zelebriert. Unter Highlightverdacht steht auch das direkt im Anschluss folgende Roots. Da ergeben schüchterne Akustikgitarren, gepaart mit behutsamen Gesang und akzentuierten Streichern spielend eine Edelballade. Vor der man sprachlos stehen bleibt und volle drei Minuten nichts tun mag, außer zuzuhören und die Klappe zu halten. Dabei ist es nach drei Songs nun wirklich noch nicht an der Zeit, um sprachlos zu sein. Schließlich zeigt Youngblood (direkt im Anschluss, wer hätte es gedacht) noch eben pseudotiefschürfenden Schmachtkapellen wie Snow Patrol oder gar The Script, wie ein anrührender Song klingt, ohne dass sich sämtliche Nackenhaare angeekelt von schmalzigen Arrangements aufstellen müssen.

Um hier nicht auf Länge einer Diplomarbeit zu landen: Ja, das geht genau so weiter. Song für Song, das gesamte Album hindurch. Trotzdem muss noch erwähnt werden, dass South Street quasi Schönheit atmet. Und das Elder And Oak ein atemberaubendes und anmutiges Songfinale aus der Postrock-Wunderkiste auffährt. Sonst würde man diesen Songs nämlich Unrecht tun. Und weil gerade das Wort Unrecht gefallen ist: Dass diese Platte bislang keinen physischen Europa-Release bekommen hat, ist eine Schande.

9/10

Anspieltipps: River, Roots, Youngblood, South Street

(Martin Smeets)

There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright | Comets & Cartwheels/The Imaginary Kind | VÖ: 22.11.2013 | Digital

A Wilhelm Scream – Partycrasher

A Wilhelm Scream - Partycrasher // Bild: flight13.com

Same Procedure As Every Year

Es ist einfach schön, wenn man sich auf gewisse Dinge verlassen kann. Dass Pakete zum Beispiel immer genau dann zugestellt werden, wenn man gerade nicht zu Hause oder wahlweise die Klingel defekt ist. Oder dass sich reißerische Meldungen im Stile von ‚In Kreuzberg wird Weihnachten abgeschafft‘ stets als katastrophal recherchierte Krüppelenten (nein, das ist kein Ressentiment gegen Enten) entpuppen. Oder, um endlich mal auf den Punkt zu kommen, dass A Wilhelm Scream alle paar Jahre ein Album veröffentlicht, dass ähnlich klingt wie sein Vorgänger und sich überdies auf einem ähnlichen Niveau bewegt.

Dieses Jahr heißt selbiges Partycrasher und ist damit – nicht zum ersten mal in der Geschichte dieser Band – enorm missverständlich betitelt. Schließlich ist diese Platte spielend dazu in der Lage, die Stimmungsfieberkurve eine Party in gefährliche Höhen zu treiben. Vorausgesetzt, die BesucherInnen können mit einer Melange aus Punkrock, Hardcore und einem ungemeinen Hang zur Melodie etwas anfangen. Eine Melange, die im Übrigen nur von dieser Band in dieser Form gespielt wird. Auch im Jahr 2013 verpacken A Wilhelm Scream ihren Punk in ein geradezu metallisch-technisches Gewand, das bisweilen gar Assoziationen zu den großen Propagandhi hervorruft. Freilich, deren Brillanz hinken A Wilhelm Scream wenn’s hart auf hart kommt ein ganzes Stück hinterher. Das ändert allerdings nichts daran, dass Partycrasher dennoch einiges an Laune macht. Das ungemein eingängige Number One, das Lichtgeschwindigkeitsgegniedel von Ice Man Left A Trail, das im Vergleich zum Rest zunächst geradezu langsam gehaltene, vertrackte Sassaquin – alles Punkte auf der Habenseite von Partycrasher.

Auf der gegenüberliegenden ist jedoch ebenso nicht unbedingt Leere zu konstatieren. Zieht man zum Vergleich mal etwas wahllos Ruiner aus dem Jahre 2005 heran, fragt man sich schon, ob hier eigentlich jemals irgendjemand an den Reglern gedreht hat. So wenig unterscheidet diese Alben, trotz acht Jahren Altersunterschied. Warum man zwingend eine komplette Platte im fast gleichen Tempo durchhetzen muss, lässt sich außerdem auch nur schwerlich erklären. Am Ende bleibt eine weitere Platte dieser Band auf gehobenem Niveau. Bleibt zu hoffen, dass man hier nicht die nächsten Pennywise vor sich hat.

6/10

Anspieltipps: Number One, Sassaquin

(Martin Smeets)

A Wilhelm Scream – Partycrasher | No Idea/Cargo | VÖ: 13.12.2013 | CD/LP/Digital

News | Dezember 13 #1

+++ Den Anfang machen heute die auf schon bei der letzten Runde vertretenen Against Me!. Die geben nämlich jetzt den ersten Song von Transgender Dysphoria Blues (das übrigens mit dem 24. Januar 2014 jetzt auch einen Deutschland-VÖ-Termin hat) zum hören frei. Hören könnt ihr Fuckmylife666 hier:

+++ Die Band Lostprophets hat inzwischen eine Stellungnahme zu den mittlerweile zugegebenen Anschuldigen gegen ihren ehemaligen Sänger Ian Watkins veröffentlicht. Das liest sich so:

„Earlier this week, we learned that the allegations of child sexual abuse against Ian were true, and that he would not be contesting them in court. Until then, we found them extremely difficult to believe and had hoped it was all a mistake. Sadly, the true extent of his appalling behaviour is now impossible to deny.

Many of you understandably want to know if we knew what Ian was doing. To be clear: We did not. We knew that Ian was a difficult character. Our personal relationships with him had deteriorated in recent years to a point that working together was a constant, miserable challenge. But despite his battles with drugs, his egotistic behaviour, and the resulting fractures and frustrations within our band, we never imagined him capable of behaviour of the type he has now admitted.

We are heartbroken, angry, and disgusted at what has been revealed. This is something that will haunt us for the rest of our lives. Being in a band has always been a labour of love and a platform to inspire people, not to take advantage of them. It’s still hard to believe this is happening and that someone we were once so close to has destroyed so many lives, lying every step of the way.
Our hearts go out to Ian’s family, the fans and friends he betrayed, and most importantly, the victims of his crimes and others like them. We hope for justice, but also that Ian will truly take responsibility for what he’s done. We would urge any other victims to contact the authorities.

Jamie, Lee, Luke, Mike and Stu“

+++ Neuigkeiten gibt es aus dem Hause Mogwai. Und zwar eine ganze Menge. Erstens erscheint am 20. Januar 2014 ihre neue Platte Rave Tapes, zweitens kann man bereits seit einiger Zeit in Remurdered reinhören und drittens gibt es seit heute ein erstes Video zum Song The Lord Is Out Of Control zu bewundern. Und ab dafür:

+++ „Wenn dieses furiose Debütalbum also einen gravierenden Makel hat dann den, dass „Das Entzünden einer Kerze ist das Ende eines Wals“ bisher eine Veröffentlichung auf Vinyl verwehrt wurde.“ So ward gesprochen bei heavypop.at. Und zwar über das Debut von Wind und Farben. Und um genau diesen Umstand zu ändern hat die Band nun hier begonnen, für eine Vinylveröffentlichung zu sammeln. Wer als Das Entzünden einer Kerze ist das Ende eines Wals im schnieken Vinylschuber haben will – hin da!

+++ Schau an: Geoff Rickley hat eine neue Band. Das ist der schmächtige Sänger von Thursday. Ob das nun ein Grund zum Feiern ist, könnt ihr selber beurtielen. Hier geht’s nämlich zum Stream der ersten EP von Strangelight.

Jungbluth – Part Ache

Jungbluth - Part AcheSo muss das

Es gibt ja eine ganze Menge beknackter und sinnfreier Bandnamen. Wieso also eigentlich nicht mal eine Band nach einem Antifaschisten und Kommunisten benennen? Tja, eben. Ähnliches dürften sich Jungbluth gedacht haben, als sie diesen, ihren Alpinist-Ableger benannt haben. Karl Jungbluth, der Namensgeber, war u.a. Mitglied der Leipziger Widerstandsgruppe um Entert, Schumann und Kresse. Im November 1944 mit anderen Widerständlern leider verhaftet und wenige Monate vor Kriegsende und der Befreiung, am 12. Januar 1945, von den Nazis hingerichtet. Eine respektvollere Namenswahl ist kaum möglich. Eine klare politische Haltung ist durch dieses Bekenntnis bereits eindrucksvoll mitgeliefert. Fabelhaft.

Doch eigentlich geht es hier ja um Musik. Von der wiederum kann man so manches erwarten, versammeln sich bei Jungbluth immerhin 3/4 Alpinist, die seit Sommer letzten Jahres vorerst auf Eis liegen. Und Part Ache startet sogar besser als man es sich hätte vorstellen können. Crevasse ist ein Prachtstück von einem Opener. Es kann sich nicht wirklich entscheiden, ob es schon Song oder noch Intro ist und lässt Text lieber außen vor. Dafür zelebriert es wahrlich beeindruckende Instrumentalparts, die insbesondere durch die herrlich effektvolle Gitarre und das breakhungrige, aber doch hinreichend hölzernes Schlagzeug getragen werden. Es wäre geradezu aberwitzig, könnte da das nachfolgende Wakefield mithalten. Tut es auch nicht, weil es ganz anderen Ansprüchen folgt. Härte wird hier großgeschrieben und das wechselnd deutsch-englische Textmaterial wird schreihälsig durchgeknüppelt. Was anfangs noch eindeutig nach Post-Hardcore klang, wird hier seines Präfixes beraubt. Es wird geprügelt was das Zeug hält. Die nachfolgenden Looks Like Freedom und These Rare Moments zeigen freilich wieder mehr „Post“ in der Genreeinordnung.

Es ist Jungbluth hoch anzurechnen, dass ihnen einer der interessantesten Soundmixes dieses Jahres gelingt – zumindest im weiten Feld der hardcore-beseelten Platten. Gitarrensound, -figuren und -spielereien schielen oftmals gen Postrock (ein Dutzend Effekte, die zwischen Tonabnehmer und der fertigen Tonausgabe stecken, dürften kaum reichen), der verzerrte Bass hat einige Metal-Schulstunden hinter sich und all das fügt sich in einer behutsamen, aber hochgradig dynamischen Produktion zusammen. Wirklich gelungen. Zwang Abwärts ist ein sehr gutes Anschauungsbeispiel – insbesondere die zweite Hälfte desselben. Allein dadurch wäre schon für reichlich Abwechslung gesorgt, doch ergibt sich letztere besonders auch durch die stimmlich wechselnden Shouting- (oder Growling-)Parts, die dem eigentlich Verständnis nach als zusätzliche – und manchmal dominierende – Instrumente eingesetzt werden.

Alles in allem hat Part Ache überhaupt keine schlechten Songs, allenfalls leichte Durchhänger, wie das etwas sich umherschleppende Au Revoir Tristesse oder auch das schon erwähnte, etwas schwächere Wakefield. Ein Angebot / Nachsage weiß dafür zu entschädigen. Oder, um zum letzten Song zu kommen, Crevasse II, das das Motiv vom Opener auf ruhige, ja fast schon demütige Weise, samt Glockenspiel weiterträgt und einen stimmungsvollen Rahmen, um diese starke Platte zieht. Part Ache gehört zweifellos zu den besten (teil-)deutschsprachigen Hardcore-Veröffentlichungen im Jahr 2013. So muss das.

8/10

(Martin Oswald)

Jungbluth – Part Ache | Vendetta Records | VÖ: 22.07.2013 | LP/digital

Radical Face + Rickolus | 25.11.2013 | Backstage (München)

Wir wollen diesen Beitrag mit nicht ganz grundlosem Meckern beginnen. Liebe Booking-Agenturen: Also, dieses Backstage mit seiner abschreckenden Bauwagenplatzromantik, muss das denn sein? Diese abstoßende Konzertlokalität, die auch kein Problem damit hat, die Bühne für Frei.Wild freizugeben? Das es bislang noch bei jeder erlebten Gelegenheit geschafft hat, einen auffällig hohen Prollfaktor zu generieren? Und dann auch noch die Halle, ein schwarzen und nicht eben übersichtlichen Metallwürfel mit ein bisschen Bühne drin? In der der Verfasser dieses Artikels passenderweise seine einzige Konzertverletzung davontragen durfte? Und dann dort Radical Face zocken lassen? Das Gute in den Schlund der Hölle (ja, ich habe vehement etwas gegen das Backstage) schicken? Das kann nicht gut gehen.

Denkt man so, wenn man durch Kälte und Schneeregen die letzten Meter vom Bahnhof zum Backstage wandert. Das Setting dürfte also bekannt sein: Radical Face spielen im Backstage (okay, das war jetzt keine Überraschung). Und sorgen für einen Abend voller Überraschungen. Die erste: Es bildet sich eine Schlange vor der Halle. Für Radical Face? Denkste, für die Garderobe. Hat man die Jackenabgeberei mal hinter sich gebracht und sich gefreut, dass man dank einer großen Tasche ein echtes Garderobenschnäppchen (das man zwei Jacken auf einen Bügel hängt, scheint im Backstage zwecks Garderobennutzenmaximierung strengstens verboten) gemacht hat, folgt auch schon die nächste Überraschung: Irgendwann muss es hier mal eine Schlange gegeben haben. Das Backstage ist nämlich voll. Und zwar wider Erwarten nicht voller exaltiert gestylter Menschen in Röhrenjeans. Was so eine Nikon-Werbung nicht alles anrichten kann.

Aber bevor die zumeist bärtigen Herren um Ben Cooper auf die Bühne schlurfen, tut selbiges erst mal Rickolus. Ein Singer/Songwritender Alleinunterhalter, dessen abgeranzte Sprechstimme durchaus aus oben erwähntem Schlund der Hölle stammen könnte. Der in seinen ungemein humorvollen Ansagen irgendwelche Sachen von Tieren, Songs die nach Tieren benannt sind, aber nicht von Tieren handeln und harten Drogen erzählt. Und dabei eine Bommelmütze auf dem Kopf trägt. Kann man sich ansehen, den Kerl, der er irgendwie schafft, Drums, Mundharmonika, Gitarre und Stimme zu bedienen. Ein Alleinunterhalter im klassischen Sinne, wenn man so will. Zumal auch die präsentieren Songs nicht eben schlecht waren. Gut, wirklich umwerfend auch nicht, aber hey: Für das Prädikat ‚grundsolide und sympathisch‘ reicht es allemal.

Da ist man dann auch gleich gut eingestimmt für den folgenden Auftritt. Bei dem sich eine kleine Horde von Musikern angeführt von einem Weirdo mit komischem T-Shirt auf der Bühne versammelt und einfach mal mit Reminders loslegt. Neben mir: Jubel bei Erwähnung des Songtitels. So kann man ein Konzert schon mal beginnen. Dritte Überraschung übrigens: Radical Face, also die Band, die auf ihren Studioalben dermaßen akustisch unterwegs ist, dass man sich von Zeit zu Zeit mal eine Salve Speed-Metal wünscht, spielen auf der Bühne die Elektrische. Und Ben Coopers generische Uh-Uhs, die er in der Studioversion so locker zu beherrschen scheint, sind live nicht ganz frei von Wacklern. Wobei diese genau so minimal ausfallen, dass bemühte Schreiberlinge vermutlich das Unwort ‚authentisch‘ bemühen würden. Stichwort authentisch: Hier steht bzw. vielmehr sitzt eine Band auf der Bühne, die dankenswerterweise gar nicht erst versucht, eine möglichst exakte Kopie der Albumversion vorzutragen. Ganz im Gegenteil, so manchen Song erkennt man nach den ersten Takten gar nicht erst wieder. Allen voran: Der eigentliche Leistreter Along The Road. Ein Song, der live im Verlauf zu einer wahren Wuchtbrumme aus der Postrock-Schatzkiste mutiert. Überhaupt wird die Band ganz gerne mal laut. Im Falle von The Gilded Hand gar so laut, wie man es ihnen absolut nicht zugetraut hätte. Wir so: Begeistert. Und das alles trotz Backstage. Trotz einiger unverbesserlichen Laberbacken in unmittelbarer Nähe (Tipp von uns: Wenn ihr saufen wollt, geht saufen. Wenn ihr labern wollt, stellt euch an die Bar.). Trotz Ansagen aus dem – ihr ahnt es – Schlund der Hölle. Schließlich hat man eigentlich den ganzen Abend Songs gehört, welche locker zur Verarbeitung einer der schlimmeren Depressionen seit Menschengedenken taugen würden. Aber das fällt nicht weiter auf. Vielleicht weil so viele gute Stücke präsentiert werden, dass ein allüberstrahlendes Always Gold einfach mal in der Zugabe verbraten wird. Oder weil man als Schlussakt Lana Del Rey (ja, genau die) covert. Mitsamt vom I-Pad abgelesener Lyrics. Kann man machen. Ist an diesem Abend sogar zwingend logisch. Und dann geht man, in die inzwischen verschneite Münchner Nacht. Nach Hause. Oder auf ein Bierchen zur Nachbesprechung. Wie auch immer: Man erlebte ein Konzert, an dem es nichts auszusetzen gab. Daran konnte selbst das Backstage nicht rütteln.

(Martin Smeets)