The Appleseed Cast – Illumination Ritual

The Appleseed Cast - Illumination Ritual // Bild: theaquarian.com

Blumen im Müll

Zum Einstieg ein kleiner Exkurs. In wirklich unwirtliche Gegenden, die ein Mensch, der sich auch nur halbwegs geistiger Gesundheit – sofern selbige definierbar ist – erfreut, niemals freiwillig betreten würde. Zumindest nicht nach dem ersten Besuch. Richtig geraten, es geht kurz um das Forum von plattentests.de. Ein tragisches Sammelsurium von Albernheiten, in dem es zumeist um alles mögliche geht, nur nicht um Musik. Und wenn doch, werden meist wüst flamende Abgrenzungsdebatten geführt. Zumeist. Machmal nämlich passiert es, dass in Mitten dieses streng riechenden Molochs, gut versteckt und nur auf den zweiten Blick sichtbar, plötzlich über Bands und Alben gefachsimpelt wird, von denen man so vermutlich nie Notiz genommen hätte. Jüngster Neuzugang in diesem Fall: The Appleseed Cast.

Dabei gibt es diese Kapelle bereits seit 1997 und einer stattlichen Anzahl von Alben. Jüngster Vertreter: Illumination Ritual. Die neuste Platte also, die gleichzeitig exemplarisch dafür steht, warum diese Band schon mal durch’s Radar rutschen kann. So wirklich direkt zu greifen ist die Genremixtur nämlich nicht, die The Appleseed Cast zu pflegen gewohnt sind. Indieesque Songentwürfe gibt es da zu hören, die immer wieder gerne in Richtung früherer Jimmy Eat World schielen, deren nervöse und spannungsvolle Instrumentierung aber zugleich mit mehr als einem Bein im Postrock verwurzelt ist. Es kommt also zusammen, was man so nicht zwingend als zusammengehörig vermuten würde. Die Gefahr, dass bei derlei Manövern zwischen den Genres am Ende ein unhörbarer Kauderwelsch steht? Nun, die ist nicht eben klein. Ein Glück, dass The Appleseed Cast nicht alles auf einmal versuchen, und in den jeweiligen Songs auf Illumination Ritual immer einen klaren Plan haben, wo sie mit ihren Songs denn nun eigentlich genau hin wollen. Das geht im Opener Adriatic To Black Sea mit recht zurückgelehnter Instrumentalarbeit, auf die die Kollegen von +/- vermutlich stolz wären, los und mündet im selben Song doch in einem krachenden Postrocker. In sich schlüssig wohlgemerkt. Ähnlich gelagert ist North Star Ordination. Ein Stück, dass sich volle sechs Minuten Zeit nimmt um die eigene Brust und mit ihr den Lautstärkepegel behutsam anschwellen zu lassen. Immer mit dabei: Nathan Wilders stets treibendes Schlagzeugspiel, das sich trotz seiner Omnipräsenz nie in den Vordergrund drängt, fortwährend pointiert bleibt.

Demgegenüber stehen dann Songs wie Cathedral Rings, die mit geradezu poppigen Schemata arbeiten, und dennoch zu gefallen wissen. Über allem thront dabei Great Lake Derelict, das in unter fünf Minuten einen gigantischen Postrock-Spannungsbogen, wundervolle Gesanglinien und eine überbordende Liebe zum Pop zusammen bringt. Und gerade deswegen in den schillerndsten Farben alles überstrahlt. In einem Wort: Toll. Eine Beschreibung, die man guten Gewissens auf das gesamte Album anbringen kann. Weil es zur Entspannung mit Simple Forms ein nettes Interlude gibt, weil 30 Degrees 3 AM die überraschend große Geste wagt, weil Barrier Islands (Do We Remain) ein großartiger Song ist. Und nicht zuletzt, weil die Band auf Ausreißer nach unten verzichtet. Danke, du fürchterliches Forum.

7/10

Anspieltipps: Great Lake Derelict, 30 Degrees 3 AM, Barrier Islands (Do We Remain), North Star Ordination

(Martin Smeets)

The Appleseed Cast – Illumination Ritual | Graveface/Cargo | VÖ: 09.08.2013 | CD/LP/Digital

Daughter + Broken Twin | 13.11.2013 | Freiheiz (München)

Daughter // Bild: http://www.thegirlsare.com/

Es soll Menschen geben, die steif und fest behaupten, die besten Dinge würden spontan von statten gehen. Das ist zwar eine steile These, von Zeit zu Zeit aber immer wieder zutreffend. Jüngstes Beispiel: Ein recht spontaner Besuch des Daughter-Konzerts in München. Basierend auf einmaligem Hören des LP-Debuts If You Leave werden da also Tickets geordert, am Abend zuvor noch irgendwann festgestellt, dass man von der Konzertlocation – einem gewissen ‚Freiheiz‘ – noch nie was gehört hat und doch einfach mal auf gut Glück hingefahren. Und das, obwohl meine liebenswürdige Konzertbegleitung mit den vielen Spitznamen während der Fahrt im gefühlten 17-Minuten-Takt erwähnen muss, dass ja eigentlich auch Bane in München kloppen würden.

Doch wie dem auch sei, wir verzichten auf Banes ballernden Hardcore und sind umso mehr gespannt, wie Daughters postrockverliebtes Liedgut sich live schlagen würde. Die erste drängende Frage, die sich dabei nach Ankunft im Freiheiz aufdrängt: Warum besucht man diesen Laden nicht öfter? Schließlich strotzt diese scheinbar liebevoll restaurierte Ziegelhalle – alter Lastenkran inklusive – nur so vor Ambiente. Und lässt die vielen kalten, schwarzen Hallenwürfel ziemlich alt aussehen. Der Grundstein für ein schönes Konzert ist also zumindest von der Umgebung her schon mal gelegt. Da schenkt man sich dann auch gleich jeglichen Kommentar zum Tee- und Rotweinschlürfenden Publikum und lässt das böse Hipsterwort mal außen vor. Nun gut, die Festellung, dass die doch schwitzen müssen in ihren Sythetiksakkos musste sein, ansonsten aber ist das Credo: Wichtig ist auf der Bühne.

Die wird zunächst von Broken Twin betreten. Das meint von einem Duo, dass ein paar recht schlanke und enorm verhallte Stücke zwischen Klavier und Geigenfeedbacks vorträgt. Das ist einigermaßen nett, wenig abwechslungsreich und irgendwie ist wohl auch niemand so richtig böse, als das Set rum ist. Wirklich nachhaltig ist der Eindruck jedenfalls nicht, den Broken Twin hinterlassen. Die Konsequenz: Ein großer Teil des Publikums schenkt sich den Auftritt und verdrückt lieber im Foyer noch schnell einen Happen.

Bevor allerdings Daughter nach einem ausufernden Soundcheck auf die Bühne kommen wird die Halle ordentlich voll. Und somit auch immer wärmer. Die ersten Synthetiksakkos werden abgelegt. Die Nebelmaschine wird angeworfen. Das Licht wird gedimmt. Und Daughter eröffnen ihr Set mit Still. Die Wirkung dieses präzise wie organisch präsentierten Openers: Nach dem Song herrscht völlige Stille im Saal. Die dunkle Klangcouleur gepaart mit atmosphärisch wundervoll abgestimmter Arbeit an der Beleuchtung verfehlt ihre Wirkung keineswegs, sorgt für offene Münder. Dass Daughters lautere Momente im Verlauf des Abends ungemein kraftvoll, ja geradezu krachend von der Bühne kommen, macht die Sache nur noch besser. Und reißt das Publikum mehr und mehr mit. Das geht schon noch kurzer Zeitdauer so weit, dass die bezaubernde Sängerin Elena Tonra ein verschüchtertes „Stop it you guys. You’re too nice.“ von sich gibt. Was im Übrigen wenig nutzt. Immer länger werden die Pausen zwischen den Songs, immer frenetischer der Applaus zwischen den Songs. Gerade zum Ende des Auftritts wirkt das alles schon beinahe absurd, wenn sich manche nach den Trauer tragenden Songs zu einem Schrei- und Johlwettbewerb hinreissen lassen. Das zeigt zwar ehrliche Begeisterung, muss aber trotzdem irgendwie nicht so wirklich sein. Zumal die Frage nach der Angebrachtheit durchaus erlaubt sei.

Letzten Endes sind solche Fragen dann allerdings auch völlig egal. Schließlich erlebt man mit Daughter im Freiheiz einen rundum gelungenen, bisweilen gar furiosen Abend. Da dürften alle auf ihre Kosten gekommen sein. Nur das mit den gewohnt schlechten Fotos, das hat dieses mal nicht funktioniert. Nach Bane kräht trotzdem kein Hahn mehr.

(Martin Smeets)

News | November 13 #1

+++ Den Anfang machen dürfen heute die Meister der gediegenen Gepluckers. Sprich: The Notwist. Die haben nach einer ganzen Hand voll Jahren mal wieder eine neue Platte fertig. Close To The Glass wird das gute Stück heißen, erscheinen wird es auf keinem geringeren Label als Sub Pop. Ihr wisst schon, das sind die, die auch schon Nirvana und so veröffentlicht haben. Grunge gibt’s trotzdem nicht. Zumindest lässt das der Titeltrack vermuten, den ihr hier hören könnt. Ach ja: Die Platte kommt am 21. Februar 2014.

+++ Da wir schon mit einem großen Namen angefangen haben, machen wir gleich in dieser Richtung weiter. Und zwar mit Against Me!. Die haben diverse Besetzungswechsel hinter sich, was die Band um Laura Jane Grace Gabel jedoch nicht daran hindert, ihre neue Platte Transgender Dysphoria Blues anzukündigen, an der unter anderem Fat Mike mitgewerkelt hat. Erscheinen wird die Platte am 21. Januar 2014 über das bandeigene Label. Das Plattencover seht ihr als Artikelbild, die Tracklist hier:

01. „Transgender Dysphoria Blues“
02. „True Trans Soul Rebel“
03. „Unconditional Love“
04. „Drinking With The Jocks“
05. „Osama Bin Laden As The Crucified Christ“
06. „FUCKMYLIFE666“
07. „Dead Friend“
08. „Two Coffins“
09. „Paralytic States“
10. „Black Me Out“

+++ Neues gibt es auch von Title Fight. Die haben zu ihrem Song Be A Toy ein Video gedreht. Aussehen tut das Ganze in etwa so:

+++ Ebenso mit Neuigkeiten aufwarten können Evolution Circus. Und zwar mit einer neuen EP namens Sum Of Pieces. Wie die Band klingt, könnt ihr euch anhand dieses Videos in etwa vorstellen:

+++ Ihr wollt mal wieder abseits Indie und Singer/Songwriter-Kram richtig durchgeschüttelt werden? Nun, das sollte möglich sein. Zum Beispiel mit Atlases. Die bringen am 20. Januar 2014 ihr Debut Upbringing unter die Leute. Darauf gibt es eine musikalische Melange zu hören, die man als Metalcore bezeichnen könnte, wäre das Wort nicht so schrecklich negativ belegt. Deswegen sagen wir mal: Atlases verbinden Metal und Hardcore auf ganz und gar unlangweilige Art und Weise. Wer’s nicht glaubt? Watch this:

+++ Wem das zu heftig war, sei an dieser Stelle Benni Benson ans Herz gelegt. Der Augsburger Singer/Songwriter hat vor kurzem sein neues Video zu Einszwodrei veröffentlicht. Für FreundInnen relaxter Wortspielerei also folgendes Video:

+++ Ebenfalls aus dem Singer/Songwriter-Genre, ebenfalls mit neuem Video am Start: Mark McCabe. Der veröffentlicht am 20. Januar 2014 sein zweites Album A Good Way To Bury Bad News. Einen ersten Höreindruck gibt es an dieser Stelle mit Easy For Me To Stay. 

+++ Einen haben wir noch, und zwar von Mystical Communication Service. Die springen, darf man Promo-Waschzetteln glauben schenken, in den Fussstapfen der Doors herum. Ob das wahr ist und ob die am 31.Januar 2014 erscheinende, selbstbetitelte Platte ein Ohr wert ist, dürft ihr nun selber entscheiden. Und zwar anhand des Videos zur heute erscheinenden Single Gypsy Spirit. 

Beach Ghettö Unicörns

Beach Ghettö Unicörns

Manchmal verirren sich in unserem Postfach komische Sachen. Bands, die sich für die nächste große Nummer halten, das aber eigentlich nur als Scherz meinen können, Labels, die mit größter Hingabe versuchen die größten Rohrkrepierer als irgendetwas gutes, innovatives und überhaupt als die nächste große Nummer anzupreisen. Klar, Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sind subjektiv und gewiss nicht vorurteilsfrei – im negativen wie positiven Sinne. Vorurteile werden manchmal aber geradezu geschürt. Wie z.B. sollte man unvoreingenommen an folgenden Fall herantreten:
Ein nagelneues Label mit dem Namen Creaky Planks Records wird mit dem ersten Release vorstellig. Dieser heißt Friskier Benefits und ist von einer Band namens Beach Ghettö Unicörns. Man befürchtet das Schlimmste. Und so man denn reinhört, scheint sich die Befürchtung auch noch zu bestätigen: Schrille, schiefe Stimmen, eine unterirdische Produktion, Lars Ulrichs St.-Anger-Gedächtnis-Blechdose als Snaredrum… Oh je, das kann ja was werden. Aber ehe man sich versieht, wird die Angelegenheit doch interessant. Denn die ganze Schrägheit und Schrulligkeit sind kein Unfall, sie sind Programm. Vielleicht sogar aus der Not geboren, aber Beach Ghettö Unicörns wissen ganz genau was sie machen. Der Name, die Songtitel, das Artwork und nicht zuletzt die Songs selbst sind Ausdruck eines enormen dadaistischen Potentials, das sie in durchaus angriffslustige und eingängige Poppunk-Songs gießen. Höchste musikalische Kunst ist das freilich nicht, das Schmunzeln kann man sich aber an fast keine Stelle verkneifen. Und genau darauf haben es die zwei, ja nur zwei (Drums kommen aus dem Rechner), Unicörns abgesehen. Der Dilettantismus wird zum stilprägenden Mittel und es überrascht am Ende eigentlich gar nicht mehr so stark: auf ihre besondere Weise machen die Beach Ghetto Unicörns ihre Sache gut, ziemlich sogar.

Ihre Erstlings-EP in schicker Aufmachung gibt es in jeweils 50 Kopien auf CD und Kassette und digital. Bestellen lässt sie sich hier. Anhören und auf „name-your-price“-Basis ziehen kann man Friskier Benefits hier:

(mo)

Baby Lou – Stagediving Into Total Darkness

Baby Lou - Stagediving Into Total Darkness

Krawumms!

Was war das? Welches monolithische Irgendwas zwischen herrlich obskuren Ideen und der endgültigen Stufe des musikgewordenen Wahnsinns rollte, bebte, mäanderte denn da gerade über seine HörerInnen hinweg? Stagediving Into Total Darkness? Selten, vielleicht nie, wurde ein Album passender tituliert, als im hier vorliegenden Fall. Doch, auch wenn dieses Unterfangen mehr als schwierig werden dürfte, der Reihe nach: Die Rede ist von einem vogelwild gewordenen Haufen namens Baby Lou. Dieser Haufen setzt sich wiederum aus schlanken drei Personen zusammen. Die klassische Besetzung also. In selbiger wurde auch erwähntes Stagediving Into Total Darkness aufgenommen.

Ein Umstand den man selbst beim allerbesten Willen zu keiner Sekunde, die auf dieser unsagbar unübersichtlichen Platte verstreicht, hört. Dafür fahren Baby Lou zu viel, viel zu viel Irrsinniges auf. Halsbrecherische Gitarrenirrfahrten, grauenvoll malträtierte Stimmbänder, teils absurde Breaks, grober Synthieunfug allenthalben. Alles drin, alles dran. Wer soll das denn noch verstehen? Nun, niemand, offensichtlich. Muss auch gar nicht sein. Viel einfacher ist es schließlich diesen Wahnsinn einfach über sich ergehen zu lassen. Und vor allem: Diese kompromisslose Vollbedienung einfach zu genießen. Das geht nämlich. Ganz vorzüglich sogar. Baby Lou geben sich nämlich nicht die Blöße lediglich Versatzstücke wild durcheinander zu wirbeln. Nein, hinter diesen mehr oder weniger kompakten Monstern steckt eine ganze Menge listiger Ideen und ein Maß an Spielwitz, das man so nicht alle Tage antrifft. Man höre nur den anfänglichen Becken- und Synthieterror von K-Tower, der so ganz mir nichts, dir nichts in ein sagenhaft mitreissendes Stück melodischen Hardcores übergeht. Das geht runter wie Öl. Ähnliches gilt für den famosen Titeltrack, der bei aller angebrachten Härte – rüpelhaftes Anschreien zum Start inklusive – nicht mit Melodie spart. Bei all dem Aberwitz, den Baby Lou hier von der Leine lassen, wundern auch Grüße in Richtung King Of My Castle und – obacht! – RefusedNew Noise kaum mehr. Im Gegenteil: Man nickt solche Witzigkeiten mit einem wohlwollenden Lächeln ab. Wer mit so viel kindlicher Begeisterung an seine Stücke herangeht, darf schließlich fast alles.

Allerdings auch nur fast. Weil: Wer nach dem Hörgenuss dieser Platte nicht fix und durch ist, muss über die Nerven eines Seilbahnzugseils verfügen. Dann und wann wäre es schließlich wirklich im Sinne des Gesamteindrucks gewesen, auf das ein oder andere Feedback, so manche Schlagzeugattacke und sonstige Spinnereien zu verzichten. Kurzum: Fokussiert ist das nicht wirklich. Spaß macht diese Platte aber trotzdem. Und weil Never Tune Down The Electric Sword das Album geradezu eingängig beschließt, darf man sich auch gerne auf mehr von dieser Band freuen.

6/10

Anspieltipps: K-Tower, Harpoons And Daggers, Never Tune Down The Electric Swort

(Martin Smeets)

Baby Lou – Stagediving Into Total Darkness | 141 Records | VÖ:18.10.13 | Vinyl only

Arcade Fire – Reflektor

Arcade Fire - Reflektor // Bild: fastforward-magazine.de

Viel hilft viel

Wenn ein Journalist – im konkreten Fall handelt es sich um Joachim Hentschel von der SZ – ein Etikett aus der Schubladen ziehen muss, das seltsamer nicht wirken könnte, um eine Platte zu beschreiben, darf man schon mal skeptisch sein. ‚Künstlerisch nachhaltig‘ soll es also sein, das neue Machwerk von Arcade Fire. Künstlerisch nachhaltig? Au Backe, welch verquasten Schmonz muss diese Band nur aufgenommen haben, um derlei Attribuierungen zu provozieren? Latschen Arcade Fire inzwischen auf Museschen Pfaden? Nun, in jedem Falle haben Arcade Fire ein Doppelalbum zusammengezimmert. Weil das nämlich in jüngerer Vergangenheit zum Beispiel bei den Kollegen von den Red Hot Chili Peppers oder den Ärzten schon so hervorragend funktioniert hat. Nicht. Aber hey: Die geneigten HörerInnen können sich die Sorgenfalten ob der Oberfläche sparen.

Arcade Fire waren nämlich clever genug, um ein Doppelalbum zu fabrizieren, das eigentlich gar keines sein müsste. Würde man sich ein paar der Omnipräsenten Interlude-Spinnereien oder einfach das fünfminütige Nichts am Ende von Supersymmetry sparen. Womit schon das grundlegende Problem skizziert ist, das Reflektor über seine gut 115 Minuten mit sich herumtragen muss: Irgendwer muss den Damen und Herren rund um Win Butler irgendwann so (künstlerisch) nachhaltig davon überzeugt haben, dass ‚mehr‘ immer und in absolut jedem Fall auch ‚mehr‘ ist. Für Reflektor bedeutet das: Mehr Spielzeit, mehr Pomp, mehr Synthies, mehr Tonspuren, mehr Instrumente, mehr Pathos, mehr alles. Dass die ganze Chose von einem gewissen James Murphy produziert wird und sich die Songs immer wieder gerne in die Nähe von Discobeats trauen: Eine Randnotiz. Dass der Titeltrack ein tolles Stück Musik wäre, wenn man es nicht über sieben Minuten breitgetreten hätte? Schade. Dass selbiges nahezu für jede Sekunde, die auf Reflektor verstreicht, gilt? Tragisch. Sehr tragisch. Man kann dieses Album unter der Belastung, die ihm von Seiten der Band auferlegt wird, geradezu ächzen hören. Schmerzverzerrtes Gesicht inklusive. Ohne den Ewiggestrigen markieren zu wollen: Dann und wann erwischt man sich beim Hören dieses Albums, sich Songs aus Funeral-Zeiten zurückzuwünschen. Die waren zwar auch schon vollgestopft mit Pathos, hatten aber immer noch genügend Raum, um so etwas ähnliches wie Leben in sich selbst zu entfachen. Anno 2013 gilt dies mitnichten. Heute muss nämlich scheinbar in jedem einzelnen Moment etwas Besonderes passieren. Eine Platte jagt die eigene Genialität. Das kann kaum klappen.

Umso höher ist es dieser Band anzurechnen, dass am Ende trotz alledem ein sehr gutes Album übrig bleibt. Denn obschon Reflektor meist in angestrengter Pose verharren muss: Wirklich nichtssagend oder gar schwach ist auf dieser Platte nichts. Jeder Song besitzt seine kleinen Eigenheiten, die dafür sorgen, dass man sich das alles gerne noch ein weiteres mal anhört. Schicht um Schicht will man abziehen von diesem Album, um zu sehen, was sich wohl darunter verbergen mag. Zumeist ist das nicht gerade wenig. Im Falle von Songs, wie Here Comes The Night Time oder We Exist sogar ziemlich viel. Und wenn Arcade Fire dann plötzlich die ganz unprätentiöse Rockband rauskehren, wenn sie mit Normal Person ein herrlich simples Stück – unwiderstehliches Gitarrenlick inklusive – ins Rennen schicken, ja dann sind sie einmal öfter vor alles eines: Brillant. Und hey: Ein Album, das einen Song namens Porno beinhaltet kann eigentlich nur gut sein, oder?

Abseits dieser Schlüpfrigkeiten bleibt festzuhalten: Künstlerisch nachhaltig ist das hier vermutlich nicht. Dafür aber anstrengend. Und doch gut. So sehr sich Band und Album nämlich auch anstrengen, es zu verbergen: Reflektor ist ein ganz normales Album einer ganz normalen Band. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

7/10

Anspieltipps: Reflektor, We Exist, Normal Person

(Martin Smeets)

Arcade Fire – Reflektor | Vertigo/Universal | VÖ: 25.10.2013 | CD/LP/Digital

Zwei Jahre : Ohne Schnupftabak + Freiburg + Kackschlacht | 02.11.13 | Alte Mälzerei – Club (Regensburg)

Zehn Jahre: Ohne Schnupftabak: So das Motto des Abends, der für die „Schnupftabaks“ ein ganz besonderer gewesen sein dürfte. Nicht nur, dass ihre Konzerte ohnehin rar gesät sind, nein, so ein zehnjähriges Geburtstagskonzert in der heimischen Mälze spielt man eben auch nicht alle Tage. Um genauer zu sein: so eins spielt man nur ein einziges Mal. Entsprechend festlich haben die Jubilare die Bühne hergerichtet: roter Teppich für die feinen Herren. Und auch sonst haben die vier, die gewiss nicht zehn Jahre auf Schnupftabak verzichten mussten, etwas einfallen lassen zur Feier des Tages. Im Vorverkauf konnte eine limitierte Version der Jubiläums-7“ Die Bresche samt Konzertticket für insgesamt 12 Euro erstanden werden. Eine gute Idee mit dem Ergebnis: ausverkauft – also die Platte, das Konzert leider nicht; nicht ganz.

Zwei Tage : Ohne Schnupftabak wollten den Abend natürlich nicht allein verbringen, sondern haben mit Kackschlacht und Freiburg reizenden Support geladen. ‚Kackschlacht‘ klingt übrigens genau danach, was die beiden Protagonisten (lustigerweise aus Braunschweig) an Gitarre, Drums und Mikro veranstalten. Die Kernbeschäftigung der beiden besteht darin sich allerlei lustige (oder manchmal, aber nur manchmal, weniger lustige) Wortduelle zu liefern, die zwar als Ansagen getarnt, eigentlich aber doch nahezu Hauptprogramm sind. Allein diese Feststellung wäre allerdings ziemlich unfair, zumal Kackschlacht zwischen der Laberei ordentlich angerotzte Punkrocksongs darbieten können, denen freilich der Bass fehlt, die aber gerade durch diese Unvollständigkeit eine wunderbare, intelligente, politische und amüsant-aufrechte Haltung irgendwo zwischen „Kein’ Bock Auf Nichts“ und „No Future“ auf den Teppichboden zimmern. Wenn dabei auch der Bierkonsum nicht zu kurz kommt, dann ist wirklich alles gut.

Der Anschluss mit Freiburg ist da nur konsequent. Die sind so etwas wie die jüngere (fast bartlose) Ausgabe von ZT:OS, nur ein bisschen kantiger, wesentlich mundfauler und vielleicht ein Stück weit abgebrühter. Allzu schüchtern und fast teilnahmslos stehen sie auf der Bühne rum, knüppeln dafür aber umso wirkungsvoller ihr raues und zielgerichtet destruktives Liedgut durch die Lautsprecher. Aufbauend ist das nicht, aber gut ist es. Ein Konzertbesucher meint sogar zu mir: „Die sind wie Turbostaat, nur besser.“ Dem hinteren Teilsatz widerpreche ich, der erste Teil ist aber natürlich wahr. Der Band mag dieser Vergleich mittlerweile gehörig auf den Senkel gehen, aber das hätten sie sich früher überlegen sollen. Also bevor sie sich so einen Sound und so einen Sänger zugelegt haben. Aber sei’s drum: die Version von Tocotronics Freiburg, die diese gleichnamige Band aus NRW ans Ende ihres Sets gestellt hat, ist vielleicht die beste, die es jemals zu hören gab. Ohne Witz.

Der ausgerollte Teppich ist nun genügend angeschwitzt für die Jubilare. Zehn Jahre also. Zehn Jahre Platten, Konzerte, Barthaare, Bier und vermutlich tonnenweise Schnupftabak. Das passt natürlich nicht alles auf diese eine Bühne an diesem einen Abend, aber die Regensburger versuchen – u.a. mit einem Kurzauftritt des Gründungsdrummers – einen Umriss der vergangenen zehn Jahre zu liefern. Dazu gehören übrigens auch die neuen Songs wie Leichtfußwalzer und Lumpenresidenz, die übrigens nicht zu den schlechtesten der band gehören. ZT:OS sind wie gewohnt ein bisschen lakonisch und etwas hölzern auf den Beinen, doch haben sie sichtlich Freude an diesem besonderen Gig. Ohnehin sind sie die bandgewordene Mischung aus Angepisstheit und Amüsement. Und das nun schon seit zehn Jahren. Die gewollten und gespielten Zugaben werden dann noch mit einer Runde Schnaps begossen und schon kann es weiter gehen: hurtigen Schrittes gen 20.

(Martin Oswald)

Continental + Le Yikes Country Club | 30.10.13 | Plan 9 (Regensburg)

Sonderbar war dieses Konzert schon irgendwie. Ziemlich sogar. Da hält man einige Zeit nach dem anberaumten Konzertbeginn immer noch vergeblich Ausschau nach einer Bühne. Oder zumindest einer freigeräumten Spielfläche. Oder zumindest einem Hocker. Nichts dergleichen. Stattdessen dinierende und trinkende Leute im doch recht vollbesetzten Plan 9. Hm, etwa doch ein normaler Barabend mit Veggieburger und Bier? Immerhin wurden am Eingang sechs Euro abgezwackt und klimpern im Nebenraum ein paar wenige Akustikgitarren. Im Nebenraum ist das Konzert also…? – wird gefragt, sogleich aber wieder verworfen. Dort ist ja noch weniger Platz. Na ja, irgendetwas werden sie sich schon dabei gedacht haben.

Und tatsächlich: mit einiger Verspätung betritt ein halstätowierter, langhaariger Typ mit einer Klampfe den Raum. Kurzerhand wird ein kleines Tischchen an der Stirnseite des Raums zur Seite geschoben und ihm ein Hocker unter den Arsch geschoben. Der Herr aus Philadelphia ist unter dem Namen Le Yikes Country Club (die akutsische Version seiner Band Le Yikes Surf Club) als Solo-Support für Continental unterwegs. So weit so gut. Le Yikes Country Club legt also los, nur kriegen das irgendwie so ca. zehn Leute mit. Die anderen sind natürlich noch ausgiebig mit Speis‘ und Trank’ beschäftigt und lassen sich in der Ausgelassenheit, in der sie das zelebrieren davon auch nicht abbringen. Die Mission lautet für den Solokünstler von Beginn an: gegen den Kneipenlärm anspielen. Ohne Verstärker, ohne Mikro – versteht sich. Mit heiserer, von Hause aus nicht sehr lauten Stimme ist das etwas schwierig. Immerhin beschließen doch einige etwas genauer hinzuhören und treten näher. Bis etwa zur Hälfte des Raums lässt sich der Musik folgen, dahinter regiert die leibliche Verköstigung samt lautem Gelaber und Gelächter. Le Yikes Country Club zockt ein paar angepunkte Countrysongs, die sich auch gut am Lagerfeuer machen würden und verdient sich damit anerkennenden Applaus, der sicherlich auch ein Stück weit Trotz gegen die Uninteressierten ist.

Nach kurzer Pause, Umbau und Soundcheck sind ja nicht nötig, kommen dann auch schon Rick Barton und seine zwei Mannen. Barton, seines Zeichens Gründungsmitglied der Dropkick Murphys, verschmäht zunächst als einziger den Barhocker und versucht seine Akustische auf Lautstärke zu bringen. Dies gelingt auch nicht gerade vortrefflich, zumal der Bass (als einziger verstärkt) viel zu laut aufspielt. Doch das auch nur eine Weile, bis der Wirt – wohl auf Anraten der Nachbarn – interveniert und dem wenig erfreuten Basser (übrigens: Ricks Sohn Stephen) den Pegel ordentlich runterdrehen lässt. Den Bass kann man jetzt nur erahnen, was allerdings überhaupt nichts macht, zumal Barton sen. immer mehr auftrumpft. Der anfängliche Versuch um etwas mehr Aufmerksamkeit beim immer noch geteilten Publikum (Hörer_innen vs. Esser_innen) zu buhlen, geht selbst dann schief, als er eindringlich darum bittet wenigstens einen Song aus der Murphys-Zeit in ruhiger Atmosphäre spielen zu können. Man versagt es ihm und so wandelt sich der Anspruch nicht mehr gegen, sondern mit dem Lärm zu spielen. Pub-Atmosphäre: die Krüge schaukeln hin und her, es wird geprostet und gelacht, geklatscht und auf Tischen gehämmert. Eigentlich auch nicht schlecht, liefern Continental ja geradezu den perfekten Soundtrack für augelassene Kneipenstimmung. Und als sie nach und nach merken wie hier der Hase läuft, machen sie wirklich das beste aus dieser sonderbaren Situation und es fühlt sich an wie auf einer Open Stage im Irish Pub. Und weil Continental eben eine Bostoner Band sind, wissen sie dabei ganz genau was zu tun ist und spielen letztlich so, dass man es sich authentischer gar nicht wünschen könnte.

(Martin Oswald)

Radical Face – The Family Tree: The Branches

Radical Face - The Family Tree: The Branches // Bild: hasitleaked.com

Ach Ben

Man stelle sich vor: Eine Welt ohne Leute wie Ben Cooper. Heraus käme ein Ort, in etwa so einladend, wie die Straßen, durch die der Blade Runner sich letztendlich selber jagt. Wo nicht mal in den tiefsten Kellern gelacht wird, alle täglich mit dem Gefühl aufstehen, das Geschwür am Arsch des Bodensatzes der Gesellschaft zu sein und Internetpornographie nicht nur kostenpflichtig, sondern sogar verboten ist. Und in der, um auf dem Gedanken wenigstens ein bisschen aufzuhübschen, die Albumtitel vielleicht etwas übersichtlicher wären. Kurzum: Eine Welt, die man sich in etwa so sehr wünscht, wie Hämorrhoiden. Aber hier leben, nein danke. Gleichzeitig aber auch ein Szenario, mit dem man nicht unmittelbar konfrontiert ist. Und auch auf absehbare Zeit nicht sein wird. Weil es nämlich Leute wie Ben Cooper gibt. Und bevor man beginnt, diese kleine, aber wichtige Tatsache zu vergessen, ruft sich Ben Cooper unter den wehenden Radical Face-Fahnen sicherheitshalber selber zurück ins Gedächtnis seiner HörerInnen.

Und zwar mit The Family Tree: The Branches, dem zweiten Teil seiner geplanten Family Tree-Trilogie. Auf dem Cooper, dieser wandelnde Trostspender, wieder zwölf Songs versammelt hat, die auf den ersten Blick gar nicht mal so viel anders wirken, als all das, was bisher unter dem Namen Radical Face das Licht der Welt erblicken durfte. Die wissenden Akustikgitarren, die sich in ungeahnte Höhen aufschaukelnden Uuuuh-Chöre, die Klavierkaskaden, sie sind alle wieder versammelt und grüßen recht freundlich und anschmiegsam gen HörerIn. Und – was angesichts der inzwischen wirklich altbekannten Zutaten langsam fast bewundernswert anmutet – wieder flechtet Cooper seine kleinen und großen Einfälle zu einem Ganzen zusammen, das in einer gerechten Welt an Niemandem spurlos vorbeigehen kann. Mehr noch als bisher sucht The Branches den Weg ins Extreme, gräbt sich tief ins wie auch immer gerade angelegte Emotionskorsett und scheint für jede Situation die passende Antwort parat zu haben. Wo andere ein aufmunterndes Schulterklopfen parat haben, begraben einen Coopers Songs in einer nicht enden wollenden Umarmung. Wenn anderswo milde gegrinst wird, haut dieses Album schallendes Gelächter raus. Schonungslos berührend ist das. Bis an die Schmerzgrenze.

Dabei nimmt sich The Family Tree: The Branches zunächst sogar noch etwas Zeit, um anzukommen, sind die ersten Songs ’nur‘ bewährter Standard. Wenn aber Cooper mit „I wish had more nice things to say / but I was raised not to lie“ entwaffnend ehrlich seinen Vortrag zu Reminders beginnt, beginnt man zu ahnen, das es jetzt vorbei ist mit der Zurückhaltung. Und wenn im gleichen Song noch eine schillernde musikalische Trostrunde eingeläutet wird, steckt man schon mittendrin. Und will nicht mehr raus. Warum auch? Schließlich würde man allerhand verpassen. Den seltsamen Beginn von Chains zum Beispiel, das mittendrin plötzlich tatsächlich einen Beat auspackt. Oder das Finale von Letters Home, das in seiner Anmut vielleicht sogar dem unvermeidlichen Chuck Norris eine Träne ins Knopfloch treiben könnte. Vor allem aber einen fulminanten Dreierpack aus From The Mouth Of An Injured HeadSouthern Snow und The Gilded Hand. Ersteres die alleinige Uptempo-Nummer, die inmitten all der Schwelgerei einen wohligen Kontrapunkt der Euphorie setzt, Zweiteres die Coopersche Version von Shoegaze. Und Letzteres nicht nur die Erinnerung daran, das in Coopers Instrumentenfundus auch E-Gitarren herumstehen, sondern wahrscheinlich Coopers definitiver Song und Meisterstück. Chancen, dem zu entkommen? Keine.

Doch selbst der leiseste Gedanke an’s Entkommen ist ohnehin keine Option. Vielmehr gibt man sich diesem musikalischen Kleinod fast schon willenlos hin. Denn auch wenn The Family Tree: The Branches das Kunststück vollbringt, ziemlich genau das zu präsentieren, was man erwarten konnte, vergisst man sich über diese Songs im positiven Sinne selber, streift jeglichen Alltagszynismus ab. Man ist ernstlich und tief berührt. Schon wieder. Zum Glück.

– Ohne Bewertung –

Anspieltipps: Reminders, Letters Home, From The Mouth Of An Injured Head, The Gilded Hand

(Martin Smeets)

Radical Face – The Family Tree: The Branches | Nettwerk/Soulfood | VÖ: 01.11.2013 | CD/LP/Digital