Casper – Hinterland

Casper - Hinterland // Bild: amazon.de

Das unentdeckte Land

Zwei Jahre ist das erst her. Man erinnere sich: Casper wurde von der versammelten Presselandschaft als der Next-Level-Shit schlechthin auserkoren, die zugehörige Platte XOXO – in der Rückschau übrigens ein selten dämlicher Titel – ging durch so ziemlich alle Decken, die gerade zur Hand waren. Benjamin Griffey on top, wenn man so will. Das weckt Begehrlichkeiten. Vor allem an das Nachfolgealbum. Ganz konkret: An Hinterland, an die Platte also, die das Erbe antritt. Ein Erbe, das schwerer kaum zu verwalten sein könnte, tritt doch Hinterland in die Fußstapfen eines Albums, das Dieter Bohlen kommerziell sicherlich als ‚mega‘ einschätzen würde, das in den Augen und Ohren vieler etwas eingermaßen Neues geschaffen hat. Die Verbindung von Indie und Hip-Hop nämlich. Zwei bis dahin scheinbare Antagonisten vereint in trauter Zweisamkeit.

Doch Casper hat Glück. Warum? Nun, zunächst, weil im Falle von XOXO zu früh gejubelt wurde. Schließlich – Hand auf’s Herz – ist XOXO im Rückspiegel sehr viel kleiner, als man es seinerzeit bei der direkten Konfrontation vermutet hatte. Ein bisschen zerfahren, ein bisschen unentschlossen und vor allem beladen mit einer gewissen Portion an überflüssigem Kroppzeuch wie Das Grizzly Lied oder dem semipeinlichen (pardon) Barficksong 230409. Songs, die eigentlich niemand mehr braucht. Und auch oben genannte Vereinigung scheinbar konträrer Genres klingt anno 2013 nicht mehr so reibungslos, als man es vor zwei Jahren vermutet hätte.

Das eigentliche Glück des Herrn Griffey ist aber dennoch ein anderes. Es hört auf den Namen Hinterland. Diese komische Platte, die beim ersten musikalischen Date obskurerweise erst mal tierisch nervt. Ist doch der erste Gedanke, der den geneigten HörerInnen zuvörderst durch den Kopf schleicht: Der Typ ist verdammt noch mal 31. Und verhandelt fast die gesamten elf Songs lang die Tristesse seines Aufwachsens. Was nicht weiter schlimm wäre, wären da nicht – die unfassbar gelungene Abschiedshymne Ariel mal außen vor – diese fürchterlich abgedroschenen Allgemeinplätze, auf welchen Casper formelhaft herumspringt. Da hilft auch all das Namedropping nichts. Trotz Oasis, Wir sind Helden, Thees Uhlmann, Slime, Wizo und Konsorten: Lyrisch liegt Hinterland in etwa auf Höhe der Niederlande. Kurz vor’m Absaufen und vor allem unter Null. Dagegen ist selbst genannter Thees Uhlmann ein Poet im Zeichen der Subtitlität.

Und bevor jetzt gefragt wird, warum diese Platte bei all dem Gemecker als Glück bezeichnet wird: Hinterland wischt alles Genannte im Horst Seehofer-Style mit einem lausbübisch grinsenden Handstreich von sich. Capsers Drittwerk ist schließlich die Platte, die XOXO gerne sein hätte wollen. Die Pole, die 2009 bisweilen noch etwas hölzern zusammengekleistert wurden, finden nämlich 2013 geradezu spielerisch zueinander. Rap, Indie, Singer-Songwriter und ganz viel Pop. All das wird schlüssig in die Waagschale geworfen, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre. Beispiele gefällig? Man höre allein den überlebensgroßen Opener Im Ascheregen. Ein Stück, das sich eine gefühlte Ewigkeit Zeit nimmt, um vollständig zur Entfaltung zu kommen. Und dabei neben der treffsichersten Killerklavierhookline noch dringlichste Schlagzeugarbeit, euphorische Streicher und die Get Well Soonsche Vorliebe für nonchalantes Geklimper im Gepäck hat. Zwingender würde man nicht mal von Mike Tyson aus den Socken gehauen. Und man darf dabei sogar noch die Ohren behalten. Klasse. Und wo gerade das Wort klasse fällt: Selbiges Fazit lässt sich in der Folge noch einige male zücken. Zum Beispiel beim Titeltrack. Der mit seiner abgehangenen Akustischen und verhallten ‚uh-uhs‘ Benjamin Griffey im Refrain als völlig unfähigen und eben deshalb sympathischen Sänger outet. Schiefer hätte selbst ein junger Nagel diese Gesangslinie nicht hinrotzen können. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.

Wenn man glaubt, man wäre beim absoluten Highlight angelangt – der Schreiberling hat immerhin schon seinen Lieblingskünstler als Referenz in die Runde geworfen -, liegt man allerdings herbe fehl. Weil: Es sind erstens erst knapp neun Minuten aka zwei Songs vergangen und es findet sich zweitens noch allerhand Findenswertes auf dem Weg durch’s Hinterland. Das sensationelle Nach der Demo ging’s bergab! etwa. Ein Song, der Tomte und Arcade Fire zitiert und es dennoch vollbringt, nach Capser zu klingen. Oder Lux Lisbon. Da schneit dann von Beginn an plötzlich Tom Smith von den Editors rein und liefert seinen Part zum besten Editors-Song seit Munich. Oder eben das endgültige Prunkstück dieses Albums: Ariel. Der Song, der die logische Nachfolge von Michael X antritt. Und genannten Song nahezu erschreckend locker überflügelt. Wo vor zwei Jahren noch pathostriefende Marschdrums und leidlich kreative Anspielungen auf beispielsweise den Club 27 herhalten mussten, wird das Thema Abschied heute zurückgenommen und gerade deshalb anrührender denn je verhandelt. Ein Track, den man vermutlich nur ein mal im Künstlerleben so auf die Kette bekommt. Der dann logischerweise auch den Wendepunkt von Hinterland markiert. Im Schlussspurt geht Casper nämlich ein wenig die Luft aus. Wenn nämlich Ganz schön okay die einigermaßen – vorsicht, kein Kompliment – furchterregenden Kraftklub auspackt oder sich das eigentlich gelungene  Jambalaya mit Kinderchören selber zersägt. Ja dann ist man versucht, den Weg zur Skip-Taste zu suchen. Doch so lange Casper seine Platte mit einem ausladenden Stück wie Endlich angekommen zu beschließen weiß, fällt das nicht allzu schwer ins Gewicht.

Was bleibt, sind alte und neue Erkenntnisse. So ist Casper auch 2013 Konsens. Eine breit angelegte Angriffsfläche mitsamt treudoofer Textarbeit inklusive. Streitbarer denn je. Aber auch konsequenter denn je, wird doch der Rap so ziemlich endgültig verabschiedet, wird ausgehend von XOXO der nächste Schritt gewagt. Ins Ungewisse. Und allen mehr oder weniger berechtigten Kritikpunkten zum Trotz: Dass dieser gelingt, kann man Casper eigentlich kaum hoch genug anrechnen.

8/10

Anspieltipps: Im Ascheregen, Hinterland, Nach der Demo ging’s bergab!, Lux Lisbon, Ariel

(Martin Smeets)

Casper – Hinterland | Four Music | VÖ: 27.09.2013 | CD/LP/Digital

(Anm. des Verfassers: Zunächst wurde als Wertung eine 9/10 vergeben. Da diese Wertung jedoch keinesfalls ohne Zweifel vergeben wurde, wurde selbige inzwischen auf eine 8/10 heruntergestuft.)

Verlosung: Affenmesserkampf / Robinson Krause Split 7“

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Pünktlich zum Release ihrer gemeinsamen Split 7“ und der dazugehörigen Tour, verlosen wir ein Exemplar der Platte. Dabei handelt es sich um die, auf 100 Stück limitierte, blaue Variante. Zu Hören gibt es die Songs Stuhlkreispsychologie, Der Müllplanet, Baker-Miller Pink und Strukturidioten. Im Stream von Narshardaa Records schon jetzt oder dann in paar Tagen aus eurer Anlage.

Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, hat bis Sonntag, den 29.09.13 um 18.00 Uhr die Möglichkeit sich hier einzutragen:

DIE VERLOSUNG IST BEENDET.

Alle Einsendungen nehmen an der Verlosung teil. Eure Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt und nach Ablauf der Verlosung wieder gelöscht. Der/Die GewinnerIn wird am Montag per E-Mail benachrichtigt.

Und zur Einstimmung gibt es hier noch den Song Laufbahn im Laufrad von der aktuellen Affenmesserkampf Platte mit dem Titel Doch.

News | Oktober 13 #1

Reeperbahn Festival 2011 PR-Bild 7

+++ Seit Mittwoch findet in Hamburg das Reeperbahn Festival statt. Und wer kann, hat noch bis zum  28. September die Möglichkeit auf Entdeckungstour zu gehen. Neben etablierten KünstlerInnen, tummeln sich noch zahlreiche kleinere und unbekanntere Bands und MusikerInnen im Programm.  Bespielt wird alles was im Dunstkreis der Reeperbahn liegt und somit bietet sich der perfekte Anlass die Hamburger Clubs in ihrer ganzen Bandbreite für sich zu entdecken. Die Highlights für das Wochenende sind u.a CJ Ramone, Kettcar, Apologies I Have None, Feine Sahne Fischfilet, Slut, Friska Viljor, Findus, Messer und viele mehr.

Tagestickets gibt es für 35€, alle weiteren Informationen bekommt ihr hier.

+++ Wenn wir schon in Hamburg sind, müssen wir natürlich auch über ein aktuelles Thema reden. Beim Reeperbahn Festival zählt das Molotow noch zu den führenden Veranstaltungsorten, nächstes Jahr wird das wohl nicht mehr der Fall sein. Diese Woche gab es die schriftliche Kündigung für den Club. Falls sich das alles bewahrheitet, verliert der Kiez einen der wichtigsten Orte für alternative Musikkultur. Am 28. September findet die große Demo „Keine Profite mit der Miete“ um 14Uhr am Millerntorplatz statt. Alle Infos gibt es hier.

Wir finden: Das Molotow muss bleiben!

+++ The Bouncing Souls bringen zusammen mit The Menzingers eine Split 7′ via Chunksaah Records heraus. Erscheinen soll das ganze am 5. November in verschiedenen, limitierten Variationen und als Download. Die Bouncing Souls steuern die Tracks Blackout und Burn After Writing bei. Auf der B Seite gibt es dann The Shakes und Kate Is Great von den Menzingers zu hören. Bestellen kann man das ganze hier oder bei Finest Vinyl.

+++ Passend zur aktuellen Herbsttour bringen auch Robinson Krause und Affenmesserkampf eine Split 7´raus. Limitiert ist das ganze auf 500 Stück bzw. ist natürlich auch als normaler Download erhältlich. Reinhören und Bestellen kann man direkt bei Narschardaa Records.

+++ Am 8. Oktober kommt bekanntlich das neue Album von Dave Hause raus. Nach We Could Be Kings, gibt es nun die nächste Hörprobe in Form von Autism Vaccine Blues. Zu Hören gibt es den Song exklusiv bei Esquire.

+++ Mittlerweile ist Is Survived By bereits erschienen und Kollege Oswald hat seine Gedanken zur neuen Platte von Touché Amoré niedergeschrieben. Passend zum aktuellen Release gibt es nun das Video zum Song Harbor.

 

Touché Amoré – Is Survived By

Touche Amore - Is Survived By

Intensive Pflichterfüllung

Man sollte es nicht verhehlen: die Erwartungen waren riesig, als die nimmermüden Touché Amoré für den Herbst 2013 ihr drittes Studioalbum Is Survived By ankündigten. Warum nur? Zunächst einmal: noch nie hatte es eine auch nur ansatzweise fragwürdige Veröffentlichung dieser „The-Wave“-Band aus Los Angeles gegeben. Im Gegenteil. Der Vorgänger Parting The Sea Between Brightness And Me (2011) gehört mit seinen zackigen 20 Minuten voller ungehaltener Leidenschaft und kontrolliert-verspieltem Songwriting zu den besten Veröffentlichungen des Post-Hardcore überhaupt. Die folgenden Split-EPs mit The Casket Lottery, Pianos Become The Teeth und Title Fight, beinhalten u.a. mit Songs wie Whale Belly und Gravity, Metaphorically – ganz bescheiden gesagt – brutale Kracher. Is Survived By reiht sich hier also mit wirklich hohen Erwartungen ein und zwar zu einer Zeit als Touché Amoré zudem auf einer wahren Hype-Wolke schweben und sich mit diesem Album sehr viel für sie entscheiden könnte. Die vielleicht wichtigste Frage – zumindest für die schreibende Zunft – ist: können sie dieses Niveau halten oder vielleicht sogar toppen?

Die Frage soll beantwortet werden, nicht jedoch ohne etwas genauer auf die Umstände dieser Platte zu blicken. Denn es ist schon gewissermaßen ein Rätsel, wie Touché Amoré überhaupt Zeit fanden dieses Album zu schreiben und aufzunehmen, da sie seit 2009(!) eigentlich ununterbrochen auf Tour sind. Nordamerika, Europa, Japan, Australien etc. mit u.a. Converge, Defeater, Circa Survive, Rise Against. Gerade supporten sie AFI auf einer umfangreichen US/Kanada-Tour, nur um im Winter diesen Jahres noch zu einer Headline-Tour nach Europa überzusetzen. In diesem unsteten Leben aus Koffern ist Is Survived By also irgendwie entstanden. Was zunächst auffällt: die Songs unter zwei Minuten sind nicht mehr die Regel, sondern eher die Ausnahme. D.h. rein formal wird den Einzelteilen des Albums mehr Zeit eingeräumt, werden die Geschichten ausführlicher und die Arrangements ausschweifender. Ob das gut geht, steht freilich in den Sternen, zumal gerade die unverwüstlich-schnörkellose Prägnanz eines gewöhnlichen TA-Songs ein wesentliches Element seiner Güte war. Nun ist also alles länger, ja bringt es Is Survived By sogar fast auf eine halbe Stunde Spielzeit. Wer hier allerdings mit einigen Längen rechnet, wird wohl bitter enttäuscht werden. Denn: die gibt es schlichtweg nicht.

Es gibt Verschnaufpausen, das sehr wohl. So zum Beispiel Praise/Love oder Non Fiction, die sich jedoch vorzüglich in die Gesamtdramaturgie fügen. Letztere versteht es ganz vortrefflich einen Spannungsbogen zu ziehen, der die übliche Hastigkeit und Dringlichkeit einbremst und hier und da alles in etwas ruhigere Bahnen lenkt und insgesamt für die Intensität ein wahrer Gewinn ist. Das gelingt vor allem auch dann, wenn die Songs mit solchen Zeilen versehen sind: „I’m amplified by a microscope. Every word I say becomes a joke. Sweat poured down and it blinded me, myself exposed for everyone to see. A glutton for praise / A glutton for love. Abuse my name for all of the above“ (Praise/Love). Die Ich-Erzählperspektive Jeremy Bolms und seine eindringliche Stimme steigern die Intensität dabei um ein Vielfaches. Man findet sich unversehens mitten in den Songs und vollzieht alle Wendungen hautnah mit. Bolm erzählt und erzählt (übrigens mit seiner bis dato stärksten „gesanglichen“ Leistung) und man nimmt gebannt Anteil an seinen teils allzu persönlichen Angelegenheiten.

Just Exist und To Write Content stürzen in die Platte hinein bleiben mit weichen Gitarren aber so behutsam, als würden sie geradezu alles daran setzen Bolms psychologische Trümmerlandschaften bloß nicht niederzutrampeln, sondern sie sorgfältig zu neuer Schönheit und (Lebens-)Kraft zusammenzusetzen. Ähnliches gilt übrigens für eine Vielzahl der insgesamt zwölf Songs. Is Survived By ist ein großes Album, das zumindest die meisten Erwartungen erfüllen dürfte. Doch, um dem Lob etwas Überschwang zu nehmen, in den man unweigerlich getrieben wird: Mit Harbor und Kerosene fabrizieren Touché Amoré doch so etwas wie Enttäuschungen, zumal beide Songs allenfalls genreüblicher Durchschnitt sind. Auf hohem Niveau, versteht sich, aber doch deutlich unter den Höhepunkten der Platte rauschen sie etwas belang- und konturlos vorbei. Ganz anders verhält es sich übrigens mit dem nachfolgenden Trio aus Blue Angels, Social Caterpillar und Non Fiction, die, da wir schon bei Höhepunkten sind, eben solche sind. Und zwar weil sie den Kosmos Touché Amorés von exzellentem lyrischem Können, songwriterischen Hakenschlägen, präzise-chaotischem Schlagzeugspiel (man achte einmal auf die High-Hat-Arbeit in Social Caterpillar), in Postrock abgleitende Punkgitarren, einem brillanten, aber eher zurückhaltend-unauffälligen Bassfundament und Bolm (aber das wurde ja schon mehrfach erwähnt) innerhalb weniger Minuten von oben nach unten, von links nach rechts komplett ablaufen. Beeindruckend.
Dass nach all dem der Schluss- und zugleich Titeltrack Is Survived By insbesondere mit seinem überwältigenden Finale den wirklichen Höhepunkt dann auch noch an der richtigen Stelle zu setzen weiß, ist umso beeindruckender. „This is survived by a love… this is survived by a cause… this is survived by a wish… this is survived by a fear… this is survived by a love“ – ja, von was denn wird das nun überlebt? Von Touché Amoré auf jeden Fall, denn das Niveau, ihr eigenes Niveau, halten sie trotz zweier lediglich durchschnittlicher Songs. Und das liegt bei
9/10

Anspieltipps: Just Exist, Blue Angels, Social Caterpillar, Is Survived By

(Martin Oswald)

Touché Amoré – Is Survived By | Deathwish Inc. | VÖ: 27.09.13 | CD/LP/digital

Kazimir – Messlattenblues

Kazimir - Messlattenblues // Bild: myfavouritechords.bigcartel.com

So seltsam durch die Nacht

Es gib von Zeit zu Zeit Alben, die auf bisweilen seltsame Weise aus dem Gros der Musiklandschaft herausragen, sich als über Jahre unzerstörbare Leuchttürme entpuppen. Seltsam deswegen, weil genau diese Alben in musikalischer Hinsicht zumeist gar nicht besonders viel anders machen, als ihre Artverwandten im Genre. Ganz im Gegenteil. Kettcar haben das beispielsweise mal gemacht, brachten mit Du und wieviel von deinen Freunden eine Platte unter die Leute, die zwar nichts weiter als recht gewöhnlichen Indierock – Pur für Alkoholiker halt – zu bieten hatte, aber eben das Kunststück vollbracht hatte, ein Lebensgefühl zu vertonen. Tomte wären auch zu nennen, genau wie noch so einige weitere.

Was diese nostalgische Erinnerung an Kettcar, Tomte und wie sie alle heißen nun genau mit Kazimir zu tun hat? Nun, Kazimirs Messlattenblues – beiseite gesprochen: welch wundervoller Titel – reiht sich in die eben beschriebene Kategorie von Album ein. Nahtlos, wohlverstanden. Eine Platte, die elf mal einwandfrei gemachten, angepunkten Indie präsentiert, der irgendwo zwischen Turbostaat, muff potter und Captain Planet sein Zuhause haben sollte. Sachen also, die man zumindest schon mal irgendwo gehört hat, die nicht unbedingt Überraschungen vermuten lassen. Und doch schafft es diese Platte, ihre HörerInnen unvermittelt von den Beinen zu holen. Im positiven Sinne versteht sich. Messlattenblues ist nämlich – man ahnt es – mehr als lediglich eine Ansammlung von Musik. Viel mehr legen Kazimir ein stringentes, in sich geschlossenes Gesamtwerk vor, durchzogen von einer beinahe greifbaren Atmosphäre, dargeboten in einem wie die sprichwörtliche Faust auf’s Auge passenden Stil- und Klangbild, illustriert durch ein den Inhalt hervorragend wiedergebendes Layout. Kurz: Auf Messlattenblues kommt zusammen, was zusammen gehört.

So ist diese Platte der zu einem der Schuhpaare auf dem Cover gehörige Körper, der verspult die Nacht auf Bordsteinkanten verbringt und darauf wartet, dass irgendetwas passieren möge. Dass ihr oder ihm beispielsweise die nächsten zu treffenden Entscheidungen abgenommen werden, weil sich die letzten paar als nicht wirklich glücklich erwiesen haben. Wie kam man dorthin, wo man steht oder liegt, was ist jetzt eigentlich zu tun und vor allem wo soll das hingehen. Hadern mit sich selber und doch nichts anders machen, scheitern und wieder anlaufen. Alles Themen, die Messlattenblues umtreiben. Schon der Opener Sternenschießen wartet „kaputt und zerzaust“ am Ufer in der Nacht und stellt fest: „Irgendwann schmeißt die Zeit uns schon von selber raus.“ Das Musik gewordene Kleinod John Hume würde gerne „von Dächern, die die Welt bedeuten einmal die Wellen deuten, die man gerade schlägt.“ und konstatiert gar „den Anfang vom Ende der Wende zum Anfang hin.“ Das schrammt zwar haarschaf am Prädikat ‚verquast‘ vorbei, funktioniert aber in Kombination mit der musikalischen Begleitung ganz und gar prächtig. Irgendwie Indie, ziemlich viel aus dem Punk herübergerettete Ideen, passend zum Gestus der Platte verdammt schrammellig, zerbeult und vor allem immer auf der Suche nach dem direkten Weg. So gibt sich Messlattenblues. Größtenteils zutraulich und vor allem reich an Highlights. Die bereits erwähnten Sternenschießen und John Hume, der schmerzhaft dringliche Refrain von Levitenlesen, der Punk von Brokenlande, das enorm nach muff potter tönende Rückennummer 0815. Da sammelt sich einiges an, auf Kazimirs Habenseite. Dass die Band mit John Hume auch gleich noch ihr – wenn schon Kettcar als Vergleichsobjekt herhalten müssen – Balkon gegenüber geschrieben haben, macht die Sache nicht eben schlechter.

Und auch wenn die Band gegen Albummitte kurzzeitig Gefahr läuft, den Faden ein wenig zu verlieren, bleibt eigentlich nichts mehr zu wünschen, als dass diese irgendwie getriebene, angeschlagene, ratlose und dennoch enorm sympathische Platte ihren Weg finden möge. Wohin auch immer.

8/10

Anspieltipps: Sternenschießen, John Hume, Levitenlesen, Brokenlande

(Martin Smeets)

Kazimir – Messlattenblues | My Favourite Chords | VÖ: 13.09.2013 | CD/LP/Digital

Listener + Cat Stash | 01.09.13 | Kinos im Andreasstadel (Regensburg)

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„Listener… wahnsinn! Ihr seid die Besten!!!“

Genau so klang die Reaktion eines Konzertbesuchers, als klar wurde, dass Extreme Life Wasting keine geringere Band als Listener ins allgemein beschauliche und (sub)kulturell eher als Wasteland einzustufende Regensburg bringen würden. Gerade für erklärte Fans der Band eine kleine Sensation. Dass die Show zu allem Überfluss auch noch im Andreasstadel, das ansonsten eigentlich als Herberge für Arthouse-Kino, allerlei Ausstellungen, Feiern und den coolsten weil selbstironischten Tresenspruch im weiteren Umkreis bekannt ist – machte die Angelegenheit nun nicht eben schlechter.

Und ließ vor allem die Erwartungshaltung in ungesunde Höhen klettern. So machten wir uns also hilflos nach Luft ringend auf den kurzen, idyllischen, ebenen und gerade deswegen beschwerlichen Weg zum Andreasstadel. Und stellten fest, dass wir doch tatsächlich einem Kinokonzert beiwohnen durften. Indiefolk und ‚Talkactive-Music‘ – wenn man denn dem Listenerschen Output unbedingt einen Namen geben möchte – im Sitzen begutachten also. Das kann man schon mal machen. Allerdings nur dann, wenn man nicht etwas arg viel Zeit rauchenderweise vor der Location verbringt, sondern sich rechtzeitig um einen der 75 gemütlichen Kinosessel bemüht. Die waren nämlich , abgesehen von ein paar kleinen Lücken in den letzte Reihen fast vollständig belegt, als das Regensburger Duo Cat Stash schließlich die Bühne betrat. Und eine Handvoll Songs zum Besten gab, denen das schnöde Attribut Indie-Folk nicht im Mindesten gerecht wird. Zu eigensinnig arrangiert waren dafür die Songs, zu pointiert und auch ungewöhnlich trieb das Schlagzeug die Stücke nach vorne, als dass man nur einen Moment an schnöden Einheitsbrei der Marke Mumford & Sons usw. denken wollen würde. Wenn Cat Stash für ihre zukünftigen Songs dann noch diese wirklich wunderschöne Elektrische, die leider nur ein mal zum Einsatz kam, öfter integrieren, sprich ein wenig mehr Abwechslung in ihr Schaffen bringen, hat Regensburg übrigens nicht nur die nächste sehr gute Band, sondern selbige die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums sicher.

Dieses Publikum zeigte sich allerdings insgesamt nicht zwingend von seiner allerbesten Seite. Bevor das jemand in den falschen Hals bekommt: Ja klar, niemand geht auf ein Konzert, um über Stunden hinweg andächtig den Mund zu halten und möglichst still zu sitzen. Während eines Sets allerdings so lautstark die Storys vom Wochenende darzulegen, dass die Nebenstehenden sich nur noch schwerlich auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren können, oder sich so aufreizend breitbeinig hinzufläzen, dass gleich mal 1,5 Sessel besetzt sind? Echt jetzt?

Zum Glück lassen im Anschluss Listener keinen Raum für Gemecker jeglicher Art. Schließlich geht es direkt nach einem ausufernden Soundcheck los, mitten rein ins aktuelle Album Time Is A Machine. Eyes To The Ground For Change und Good News First dürfen den fulminanten Auftakt bilden, für ein intensives, aber auch etwas arg kurzes Konzert, das natürlich den Stempel von Dan Smiths atemlosen Vortrag trägt. Der presst jede Zeile mit einer Dringlichkeit aus sich heraus, windet und biegt sich, als ob die Gefahr bestünde, es könnte die letzte Textzeile gewesen sein. Und wechselt dann zwischen den Songs fast die Identität, gibt den freundlichen Entertainer, erklärt innerhalb von zwei Minuten den Sinn des Lebens und macht – obwohl ohne Schuhe auf der Bühne stehend – auch sonst eine gute Figur. Dass das Trio (übrigens zu 2/3 mit Nietzsche-Gedächtnisschnauzer entstellt) dann noch Songs wie I Don’t Want To Live Forever oder eine prächtig aufgemotzte Version von My Five Year Plan, dessen Schlusssolo sich direkt unter der Haut einnistet, dabei hat – wundervoll. Dass die Setlist nach knapp 60 Minuten nichts mehr hergibt – weniger wundervoll. Zufrieden ist man allerdings dennoch, wenn man das Andreasstadel verlässt, hat man doch ein wahrlich emotionales Konzert erleben dürfen. Im Sitzen.

(Martin Oswald, Martin Smeets)

Crash Of Rhinos – Knots

Crash Of Rhinos - KnotsEmo-Punk mal anders

Crash Of Rhinos ist so ein Bandname, der gar nicht nach der Musik klingen will, die Crash Of Rhinos machen. Oder täuscht das? Eher nicht. Postrock – ja. Metalcore – auch. Elektro-akustischer Samba-Eurodance – warum nicht? Aber Emo-Punk? Ganz ehrlich – nein, das nun irgendwie wirklich nicht. Der Blick auf’s Cover macht die Sache übrigens nicht leichter. Ein auf vermutlich sehr langen Stelzen irgendwo in den Wolken seltsam gezimmertes Häuschen wird da fein säuberlich mit Bleistift auf einen abgenutzten Zettel gekritzelt. Also wenn das keinen Postrock ankündigt. Wie gesagt: tut es nicht. Wenn man Crash Of Rhinos nicht kennt, wird man beim Hören der ersten Töne sogleich überrascht. Ein Drumtanz poltert los, begleitet von schnell getakteten und sanft verzerrten Gitarren, die einen unruhig-wechselhaften, aber doch nachdenklichen Punkrock-Song einleiten, der sich weit über sechs Minuten zieht. Das allein ist schon merkwürdig. Noch merkwürdiger ist der im Song fortwährend leicht schwankende Lautstärkepegel, der Luck Has A Name noch zappeliger macht als er ohnehin schon wäre. Noch viel merkwürdiger ist aber, dass das hier ein verdammt guter Song ist, der sich seiner Grenzen nie sicher ist und der deswegen nie bemüht ist vor den punk-untypischen sechs Minuten die Segel zu streichen. Braucht er auch nicht, bei all den Einfällen die er bereithält. Letztere sind insbesondere beim Schlagzeug auffällig, das übrigens auf der ganzen Platte ausgesprochen vortrefflich bespielt wird. Aber auch das gesamte Songwriting folgt einer eigentümlichen Struktur, die schwer zu fassen ist. Der Opener (also der erste Song, nicht der gleichermaßen betitelte zweite) fällt förmlich mit der Tür ins Haus der Verrücktheiten, in dem sich in allen verwinkelten Ecken noch zehn weitere finden.

Ungewöhnlich ist an Crash Of Rhinos überdies, dass sich hier fünf (merklich und angenehm unterschiedliche) Stimmen die Gesangparts teilen und für das rhythmische Vorankommen neben dem überragenden Schlagzeug zwei Bässe sorgen. Es zeugt daher fast schon von einer bedenkenswerten musikalischen Unkenntnis Knots als Punkrock zu bezeichnen. Tja, aber was soll es denn sonst sein? Das Präfix ‚Emo‘ kann hier allenfalls korrigierend (wahrscheinlich begleitet vom heftigem Kopfschütteln der Leser_innen) eingeschoben werden, nicht um die ganze Stimmung gen Absacker zu ziehen, sondern um der tief sitzenden innerlichen Schwere dieser Platte Ausdruck zu verleihen. Man sollte sich nämlich nicht von der äußeren Hülle täuschen lassen, die Knots manchmal doch in allzu wohlschmeckende Leichtigkeit kleidet und charmant-eingängige Melodien aus dem Pop-Punk-Fundus hervorkramt. Interiors kommt in etwa so daher. Es geht auf Anhieb ins Ohr (was ja nun eigentlich genügen würde), kann jedoch noch weitaus mehr, weil es eine Spannung zu erzeugen weiß, die eine kompliziert-verspielte Instrumentierung mit verzweifelt langgezogenen Vocals und einer freudigen Grundtendenz kombiniert. Es mag widersprüchlich klingen, aber so ist es nun einmal.

Crash Of Rhinos legen mit Knots ein Album vor, dem ein besonderes Kunststück gelingt: es taugt einerseits, (zumindest in großen Teilen) um auf einer örtlichen Jugendheimparty zwischen Green Day, Blink 182 und Bad Religion aufgelegt zu werden, andererseits aber auch, um einem anstrengenden Tag gediegene und anspruchsvolle Zerstreuung durch ein Paar Kopfhörer entgegenzustellen. Das schaffen in ähnlicher Weise nicht sehr viele, u.a. vielleicht die musikalischen Verwandten ersten Grades Into It. Over It. und Everyone Everywhere. Auch wenn die Songs manchmal wie im Nu verfliegen, sind die meisten von ihnen doch arg lang geraten. Die meisten spielen sich zwischen fünf und sieben Minuten ab, was das Album insgesamt nah an eine Stunde Spielzeit bringt. Dafür, dass es dabei keinesfalls langweilig zugeht, sorgen mitunter erstklassige Songs wie Impasses, Mannheim oder Standards & Practice, die als Dreiergespann in der zweiten Albumhälfte übrigens nicht besser platziert sein könnten. Dass das wendige und – Verzeihung – brutalst abwechslungsreiche Speeds Of Ocean Greyhounds fast noch einen drauflegt, überrascht gegen Ende dann auch wirklich nicht mehr. Man wird kaum umhin kommen nach dem letzten „…speeds of ocean greyhounds“ und dem Ausklingen der letzten Snare-Schläge (und der finalen Bassdrum) sich noch eine Stunde Zeit zu nehmen und den nächsten Durchgang einzulegen.  Nicht nur Drummer und Bassist_innen sollten daran ihre Freude haben.
8/10

Anspieltipps: Luck Has A Name, The Reason I Took So Long, Impasses, Mannheim

(Martin Oswald)

Crash Of Rhinos – Knots | Big Scary Monsters / Alive / Topshelf Records | VÖ: 16.08.13 | CD/2xLP/digtal

Thees Uhlmann – #2

Thees Uhlmann - #2 // Bild: spex.de

Der Hesse-Effekt

Aus geschmackssicherer Perspektive ist es inzwischen gar nicht mehr so einfach, einen Typen wie Thees Uhlmann zu mögen. Alles, was dieser Mann anpackt, wirkt so sehr auf Kante genäht, droht immerfort zu explodieren. Von allem ein bisschen zu viel, möchte man sagen. Pathos, Kitsch, Leidenschaft, Größe – Attribute, die in keiner Schilderung des Uhlmannschen Schaffens fehlen dürfen. Bis zuletzt ging das einigermaßen gut, konnte man Songs und Melodien des Solodebuts mindestens im Guilty-Pleasure-Rahmen feiern. Und live erkennen, dass die sich mit kindlicher Begeisterung in die eigenen Stücke hängende Sabbelbacke Uhlmann einfach unwiderstehlich sympathisch ist.

Genau dann kommt man allerdings auch zu dem Moment, an dem das Kind in den Brunnen fällt: Umrahmt von einer humorigen oder sonstwie berührenden Story nickt man Songs wie Am 7. März oder Kaffee & Wein ohne großes Zögern ab. In der Studioversion aber kommen selbige auf fast tragische Art und Weise einfach nicht aus dem Quark. Jeder Funke von Begeisterung und Dringlichkeit verglimmt gerdezu jämmerlich. Weil eine grotesk zahnlose Produktion alles in fluffige Watte packt. Weil das Tempo tatsächlich innerhalb der ersten sechs Stücke nur marginale Veränderungen erfährt und die erste Albumhälfte so zu einer zähen Angelegenheit verkommt. Und – sorry Thees – weil #2 auch schlichtweg die wirklich guten Songs fehlen. So ist die Habenseite schnell erzählt: Im Sommer nach dem Krieg und Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht). Punkt. Der breite Rest dieser Platte rutscht unbemerkt durch.

Eine Feststellung, die im Zusammenhang mit diesem Künstler erschreckend anmutet: Thees Uhlmann berührt nicht mehr. Er polarisiert noch nicht einmal mehr. War es bislang immer wenigstens möglich, sein Werk aufrichtig und abgrundtief scheiße zu finden, bleibt diese Platte völlig befreit von Angriffsfläche. Klar, man könnte noch erwähnen, dass Die Bomben meiner Stadt nun in Gänze misslungen ist. Man könnte sich auch über Textzeilen wie ‚Ich wär so gern ein Schaf, ein Schaf in deiner Herde‘ aufregen. Aber man kommt gar nicht so weit. Weil #2 in seiner fulminanten Durchschnittlichkeit eine einlullend-resignative Stimmung evoziert, die Emotionen wie Freude oder Ärger zumeist gar nicht erst zulässt. So schwer diese Worte auch fallen, so überzeugend der Bühnenuhlmann auch ist: Es verhält sich mit ihm, wie mit Hermann Hesse. Man wächst irgendwann raus.

5/10

Anspieltipps: Im Sommer nach dem Krieg, Zerschmettert in Sücke (im Frieden der Nacht)

(Martin Smeets)

Thees Uhlmann – #2 | Grand Hotel van Cleef | VÖ: 30.08.13 | LP/CD/digital

Rise Against – Long Forgotten Songs

Rise-Against-Long-Forgotten-Songs // Bild: loudwire.comUnd Tschüss

Es begab sich vor ungefähr 2 Jahren. Ein tiefergelegtes, möglichst proletig getuntes Auto dröhnte durch die Straße, ich blickte auf, hörte in infernalischer Lautstärke Give It All von den meinerseits zumeist hochwohlgeschätzten Rise Against durch die Obermünsterstraße dröhnen und sah: Einen Heckscheibenaufkleber. Aufschrift war nicht etwa ‚Kenwood‘ oder ‚Pioneer‘ – was fatal genug gewesen wäre -, nein, meine einstmalige Lieblingsband war inzwischen in den Ohren der ‚Opel-Freunde‘ angekommen. Und ja, das darf verdammt nochmal genau so verstanden werden, wie es klingt. Wenn eine geschätzte Band in Kreisen aufschlägt, die Autos tunen und während der Fahrt die ganze Welt wissen lassen, was denn nun genau in ihrer IdiotInnenkarre läuft, finde ich das abgrundtief scheiße. So viel elitäres Gehabe muss sein.

Da ich gerade beim wenig subtilen Meckern bin: Inzwischen, also spätestens mit dem heutigen Tag finde ich Neuveröffentlichungen von Rise Against – oder wahlweise hoffentlich ihrem Label – vermutlich auch abgrundtief scheiße. In möglichst trotziger Pose, versteht sich. Warum das so ist? Nun, weil beispielsweise die letzte Platte Endgame schon von fragwürdiger Qualitätscouleur war. Und vor allem, weil die aktuelle Sammlung von B-Seiten und sonstigem Kroppzeuch mindestens ein ‚Geschmäckle‘ hat. Wenn es nämlich stolze sieben Songs dauert, bis man auf den ersten wirklich unbekannten Song stößt, tja, dann fragen sich die geneigten HörerInnen wohl schon, was das denn nun soll. Schließlich gibt es zum Auftakt sieben mal Samplerbeiträge, Songs aus diversen EPs und Singles. Sprich: Nur Material, das bereits käuflich zu erwerben war. Um es kurz zu machen: Auf Long Forgotten Songs finden sich exakt sechs Songs, die man bislang nicht irgendwo zu hören bekommen hat. Jo, ganze sechs Stück. Unter stolzen 26 Songs. Vielleicht waren die vielen Songs gut gemeint. Aber man weiß ja: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Wenn man allerdings unter den großspurig angekündigten ‚Raritäten‘ aus 13 Jahren Songs findet, die Titel wie Give It All (veröffentlicht auf Fat Wrecks ‚Rock against Bush‘-Sampler und Siren Song Of The Counter Culture) oder Gethsemane (veröffentlicht auf dem neu abgemischten Debutalbum The Unraveling), darf man durchaus mal kurz nachfragen, ob die Jungs ihre HörerInnen jetzt irgendwie verarschen wollen.

Ohne Schmäh: Mal abgesehen davon, dass die wirklich unbekannten Songs (das wirklich großartig gecoverte The Ghost Of Tom Joad vom Boss himself mal ausgenommen) nicht wirklich was taugen und auch abgesehen von der Frage, warum diese Band jetzt eigentlich genau die Veröffentlichung einer so-called ‚B-Seiten-Compilation‘ nötig hat – man kann nur hoffen, dass es sich hierbei um den – pardon – Hirnfurz eines profitüberengagierten Labelmenschen handelt. Wenn die Band inzwischen tatsächlich derlei Schandtaten abnickt, bleibt jedoch nur zu resümieren: Macht euren Scheiß nicht unbedingt allein, aber auf jeden Fall ohne mich.

– Ohne Bewertung –

Anspieltipps: The Ghost Of Tom Joad

(Martin Smeets)

Rise Against – Long Forgotten Songs | Interscope | VÖ: 06.09.2013 | CD/LP/Digital

Thees Uhlmann + Young Chinese Dogs | 02.09.13 | Alte Mälzerei – Club (Regensburg)

Thees Uhlmann

Thees Uhlmann

Ein großes, selbstgeschriebenes Plakat ward an die Tür geschlagen: Ausverkauft! Damit war zu rechnen, besonders zufrieden stimmt uns das nicht, verspricht es doch wieder eine Ellbogenschubserei und Auf-die-Zehen-Steigerei zu werden. Aber was soll’s. Thees Uhlmann und die Mälze dürften sich gefreut haben, also freuen wir uns heimlich mit, als wir uns in die Zick-Zack-Theken-Schlange einreihen, um ans erste Getränk zu gelangen. Derweil auf der Bühne: Young Chinese Dogs, über die nicht allzu viele Worte zu verlieren sind. Dem Publikum schien zu gefallen, was da von der Bühne kam, uns bereitete das eher Stirnfalten. ‚Ganz ok‘ ist schon das positivste Urteil, das uns in einigen wenigen Momenten über die Lippen huscht, ‚Mumford And Sons für Arme‘ und ‚Wheatus auf Countrytrip‘ sind da eher die Standardurteile. Vielen scheint’s Spaß gemacht zu haben, wir haken das mal eben ab und kommen zu: Thees Uhlmann.
Der war in Regensburg in Begriff seine erste Show zum neuen Album #2 zu spielen. Premiere sozusagen und das im intimen und beengten Rahmen der Mälze. Hat was, definitiv. Uhlmann, der sich wie immer in Blue Jeans, weißem Shirt und scheußlicher Lederjacke zeigte, hat für seine anstehende Tour eine hochkarätige Band (u.a. Sir Simon Battles und Tomtes Simon Frontzek und Instruments Hubert Steiner) zusammengestellt, die ihm erlaubt die Gitarre die meiste Zeit aus der Hand zu legen und sich auf den ‚Gesang‘ zu konzentrieren. Überaus erfreut zeigte sich Uhlmann, dass er nun endlich Musik machen könne, nachdem er in den vergangenen Wochen so viel über sein neues Album ‚gesabbelt‘ habe. Und was soll man sagen: man merkte es ihm an. Die Songs wollten raus und wurden standardgemäß samt laaaaaangdeeeeehnter säuselnder Vokalintonation durch die PA getrieben. Ein Getriebener ist auch Uhlmann selbst. Stets auf der Suche nach einer guten Story und einprägsamen Bildern, nach intensiven Begegnungen und Erlebnissen, nach Übetreibung und Überzeichnung alltäglicher Vorkommnisse. Davon zeugen schließlich seine Songs, die aus Banalitäten ganz große Gesten zaubern können. Oft übersetzt er aber auch komplizierte Sachverhalte in einfache, amüsante und zuweilen liebenswürdige Metaphern. Was bei Tomte schon das Zentrum war, wird bei einem Uhlmann-Konzert noch viel mehr in den Fokus gerückt. Die Musik wird fast nebensächlich, wichtig ist das Wort. Ab und an rückt die Musik ganz und gar in den Hintergrund, dann nämlich, wenn Uhlmann zu seinen berühmt-berüchtigten Ansagen ausholt – weit ausholt. Da bekennt es sich schon einmal als – was angesichts eines seit langem existierenden, nicht eben erfolglosen Fussballclubs wohl nicht wirklich stimmt – erster Undorf-Ultra (Undorf ist eine kleine Ortschaft in der Nähe Regensburgs) oder breitet aus wie er über einen HSV-Fan (Uhlmann ist natürlich St. Pauli-Fan) zur Textzeile „Wir haben einen exzellenten Ruf zu verlieren in schlechten Kreisen“ (Kaffee & Wein) gekommen ist. Man hört ihm gerne zu und gesteht gerne zu: Uhlmann war in Bestform.
Die Songs wurden allesamt vorzüglich dargeboten. Naturgemäß erftreuten sich Zum Laichen Und Sterben Ziehen Die Lachse Den Fluss Hinauf, Das Mädchen Von Kasse 2, & Jay-Z Singt Uns Ein Lied und XOXO großer Beliebtheit. Überhaupt bestand die Setlist in ihrem ersten Block fast ausschließlich aus alten Songs. Herr Uhlmann weiß schließlich, wie man ein Publikum auf Betriebstemperatur bringt. Doch auch neue Songs wie Am 07. März wurden überaus wohlwollend angenommen. Ohnehin hatte Uhlmann ein sehr gutes Gespür für die Setlist, die z.B. auch ein durch Mundharmonika angetriebenes und akustisches Toten-Hosen-Cover (Liebeslied) bereit hielt und die Gnade hatte auf das grausige Die Bomben Meiner Stadt zu verzichten.
Übrigens: um ein bisschen Kopfschütteln kommt man – was an dieser Stelle die exklusive Meinung des Kollegen Oswald meint – auch an diesem Abend nicht herum. Dann nämlich wenn zwei Zuschauerinnen in der ersten Reihe der proppevollen Mälze das Konzert auf dem Boden sitzend verfolgen, manche Leute Tanzen nicht von einem Touretteanfall unterscheiden können oder Thees Uhlmann seit Beginn der Show mehrmals über die Hitze in der Mälze klagt, ohne dabei freilich seine Flohmarktjacke abzulegen. Den Rest nickt man allerdings vorbehaltlos und völlig zufrieden ab.

(Martin Oswald, Martin Smeets)