Adolar – Die Kälte der neuen Biederkeit

Adolar - Die Kälte der neuen Biederkeit // Bild: jpc.de

Los. Stop. Schade.

Adolar und die Zuschreibungen. Es könnte so leicht sein:  Würden Adolar nämlich zu jeder ihrer Platten einen kleinen Beipackzettel, gespickt mit allen mehr oder weniger abenteuerlich verkürzten Klischees und Worthülsen über ihr eigenes Schaffen beilegen, die so herumfliegen in verstiegenen Pseudofachgesprächen, verschwitzten Clubs, Freundeskreisen, WG-Küchen und nicht zuletzt im hiesigen Forum – die Arbeit sämtlicher Rezensenten wäre getan. Schließlich wäre im leidlich übersichtlichen Spannungsfeld der Be- und Zuschreibungen, irgendwo zwischen quer laufenden, aufeinander einprügelnden Takten, Musik für Mittzwanziger, Post, Punk, wahlweise cleveren, affektierten oder befindlichkeitsfixierten Texten und natürlich Captain Planet für alle etwas dabei. Das bedient dann zwar aber alle, verhindert aber jeglichen Ansatz von Trennschärfe bereits im Ansatz. Und außerdem – das zeigte der Vorgänger Zu den Takten des Programms eindrücklich – kann dieses Durcheinander bisweilen richtig enervierend sein.

Was machen Adolar ob derlei verfahrener Aussichten? Sie laufen voller Enthusiasmus dorthin, wo es niemand vermutet hätte, kleistern mit Die Kälte der Neuen Biederkeit einen ebenso affigen wie griffigen Titel auf ihr neues Album und räumen bei dieser Gelegenheit direkt mal das eigene Durcheinander kräftig auf. Die quietschbunte Ideenkiste voller Dinge, die eigentlich nicht zueinander passen wollen, die irgendwo im Adolarschen Proberaum für Inspiration gesorgt haben muss? Wenigstens teilweise eingemottet. Heute begnügt man sich für einen Song viel lieber mit einer überschaubaren Anzahl an Ideen, spielt diese dafür aber konsequent zu Ende. Hyperaktivität weicht durchdachten Strukturen, die Tobsuchtanfälle früherer Tage werden durch ein immer schon da gewesenes feinsinniges Gespür für Melodien eingetauscht. Schon wenn Rauchen gemächlich in den Raum wabert und sich alle Zeit, die es braucht, nimmt, um zu mehr Größe und Lautstärke zu gelangen (und die erwartete eingesprungene Blutgrätsche auf Hüfthöhe doch nur andeutet), wird offenbar: Nie klangen Adolar so geradlinig und nachvollziehbar wie heute. Und stellenweise auch nie spannender und wendiger. Da geht der Weg eben mal direkt von bislang ungewohnter Fröhlichkeit voller Streicher im formidablen Raketen über ein dröhnendes Synthiegewitter am Ende des folgenden Titeltracks zum direkten Vorwärtsdrang von Blumen. Und das alles frei von etwaigen musikalischen wie textlichen Untiefen. Da kann man schon mal anerkennend nicken.

Natürlich sind Adolar trotz alledem noch immer auch die Band, die sich auf ihre eigenen Trademarks versteht. Man erkennt zumeist ohne Schwierigkeiten, wer sich Songs, wie das konsequent leicht neben dem Ton eingesungene Diesig ausgedacht hat. Stücke wie Halleluja oder Inspektor Brötchen pflegen ferner die altbekannten, aufgekratzt neben den Takt gebürsteten Gitarrenfurien, die Beats, die sich nie entscheiden können, in welche Richtung es denn gehen soll. Zumal letzteres die Anfangs angedeutete Blutgrätsche dann tatsächlich auspackt. Das sind dann die Stücke, die man so von dieser Band erwarten durfte.

Neu ist allerdings der klare Plan, die Stringenz, mit der Adolar ihre Songs vortragen. Da ist bisweilen das letzte Bisschen gefunden, das bisher zu den großen Momenten gefehlt hat. Spielerisch greifen die Ideen ineinander und befördern ungeahnt strahlende Songs an die Oberfläche. Die Schönheit von Raketen, der Schwermut von Salmiak – selten kamen die Stücke mitsamt ihrer Stimmung besser zur Geltung, als auf diesem Album. Und wenn zukünftig noch auf die ein oder andere arg windschiefe Gesanglinie und etwas nichtssagende Songs wie Nach Schweden ziehen verzichtet wird, sind Adolar endgültig beim Meisterwerk angelangt. Für’s erste liegen sie aber auch mit Album Nr.3 knapp daneben. Schade.

7/10

Anspieltipps: Rauchen, Raketen, Neue Biederkeit, Kanüle

(Martin Smeets)

Adolar – Die Kälte der neuen Biederkeit | Zeitstrafe/Indigo | VÖ: 06.09.2013 | CD/LP/Digital

News | August 13 #5

+++ ZSK sind dieser Tage als Support der Toten Hosen und im Herbst/Winter u.a. mit Antillectual und Rantanplan auf ihrer Herz für die Sache Tour 2013 unterwegs. Um die Live-Freude zu steigern, haben sie nachfolgendes Video gemacht:

Gelegenheiten sie 2013 noch zu sehen, gibt es hier:
29.08. Hamburg / Trabrennbahn / Toten Hosen-Tour+ Broilers
30.08. Düsseldorf / Zakk + Egotronic, Feine Sahne Fischfilet u.a.
31.08. Erlangen / E-Werk + Money Left to Burn + Special Guest
13.09. Hamburg / Markthalle + Heisskalt + Special Guest
14.09. Berlin / SO36 + Kmpfsprt + Special Guest
24.10. Wien / Arena + Bottrops + Antillectual
25.10. Salzburg / Rockhouse + Antillectual + Bottrops
26.10. München / Feierwerk + Abstürzende Brieftauben + Antillectual
08.11. Stuttgart / Club Zentral + Antillectual + Detectors
09.11. Dresden / Schlachthof + Rantanplan + Antillectual
22.11. Hannover / Chez Heinz + Abstürzende Brieftauben + Antillectual
23.11. Dortmund / FZW + Antillectual + Detectors
29.11. Frankfurt / Batschkapp + Rantanplan + Templeton Pek
30.11. Bremen / Lagerhaus + Rantanplan + Templeton Pek

+++ Bei Astpai steht eine neue Veröffentlichung ins Haus. Die EP hört auf den Namen Crohnicles und bietet drei Songs rund um die chronische Erkrankung von Sänger/Gitarrist Zock, Morbus Crohn. Bevor es die Platte ab Mitte Oktober auf 7“-Vinyl gibt, kann bereits jetzt vollständig reingehört werden. Und zwar genau hier.

+++ Eine 7“ gibt es demnächst auch von Messer. Die Münsteraner bringen Neonlicht erneut über This Charming Man raus und haben vor einigen Tagen den Haupttrack samt Video bei Spex veröffentlicht:

+++ Mine, ihres Zeichens eine (völlig zurecht) hoch gehandelte alternative Pop-Künstlerin, veröffentlicht am 01.09. ihre neue Single Hinterher. Wem selbst die wenigen Tage Wartezeit zu lange sind, kann sich bis dahin mit dem heute veröffentlichten Video über Wasser halten:

+++ Pentimento bringen über Coffebreath & Heartache demnächst eine 10“-EP Inside The Sea raus. Einen Song davon (Any Minute Now…) gibt es seit heute bei Absolute Punk im Stream. Wer sich mit ihrem bestechenden Punkrock anfreunden wird sich auch ein paar Blicke in die Studioaufnahmen genehmigen oder sich selbstverständlich die vorangegangene Selbstbetitelte anhören (beides unterhalb):

Slut – Alienation

Slut - AlienationImmerfort auf dem richtigen Weg

All We Need Is Silence war nicht meine erste , sicherlich aber meine bis dato eindrucksvollste Berührung mit dem Indierock. Um das Jahr 2005 muss das gewesen sein, als ich dieses Album in die Hände bekam und Slut schätzen lernte. Was habe ich diese Platte gefeiert und wie leuchten mir immer noch die Augen, wenn ich z.B. die beste Hymne dieses Genres höre. Staggered And Torn heißt die übrigens. Nun sind wir einige Jahre, eine Teilnahme am Bundesvision Songcontest, (lediglich) ein richtiges Album (StillNo1), die Interpretation der weillschen und brechtschen Songs der Dreigroschenoper und das Juli-Zeh-Pojekt Corpus Delicti weiter. Untätig war die Band gewiss nicht, dennoch ist es ein bisschen ruhiger um sie geworden, nicht zuletzt, wenn man ihren Output nach All We Need Is Silence mit ihrem Schaffen in den späten 90ern/frühen 2000ern vergleicht. Aber warum soll es denn stets nach Output gehen und überhaupt: Alienation ist endlich da, Studioalbum No. 7.

Das Augenscheinliche hat zunächst wenig mit dem Album selbst als vielmehr mit seiner Rezeption zu tun. Zuweilen liest man dieser Tage recht häufig Querverweise zu Radioheads Kid A. Das ist in Teilen sicherlich schmeichelhaft, in Teilen nachvollziehbar, hauptsächlich aber Blödsinn. Es muss doch nicht zu allem, was Gitarrenlast zugunsten von Elektronik eintauscht, der Kid-A-Vergleich herhalten, oder? Sonstige Parallelen scheinen mir dürftig belegt, zumal, wenn es denn ein slutsches Kid A geben würde, dieses auf den Namen Lookbook hören würde (und wenn schon, dann ist I Can Wait von Nothing Will Go Wrong Sluts Everything In Its Right Place). Lookbook liegt nun aber auch schon 12 Jahre zurück – aber lassen wir das. Nein, Alienation ist ganz und gar Slut, Querverweise sind da eigentlich nicht nötig, sind die Ingolstädter eigentlich Referenz genug. Wenn schon, dann lohnt sich der Blick in die eigene Banddiskografie.

Slut scheinen sich dort überall zu bedienen und spulen nahezu alle Facetten ihres Werks noch einmal ab, ohne sich – und das ist wahrlich große Kunst – zu wiederholen. So ist der Opener Anybody Have A Roadmap unmittelbar besagtem Lookbook entlehnt, irgendwie aber auch wieder nicht. Ein monotoner Elektrobeat stampft sich behutsam seines Weges, einfach, eingängig und doch flankiert von Percussion-Breaks und dazwischenzuckenden Beats, die geschickt diese vermeintliche Monotonie triezen, so dass sich letztlich ein rhythmisch breit gefächerter und höchst vielfältiger Song entfaltet. Freilich tragen dazu auch Chris Neuburgers leicht entrückter Gesang, die manchmal vorbei flirrende Gitarre und überhaupt alle (un)erwarteten Überraschungen, die sich hier so tummeln, bei. Ein überragendes Stück. Next Big Thing funktioniert als Indierock-Hit im Anschluss ebenso prächtig. In nur zwei Songs eröffnet sich da bereits die nahezu grenzenlose Vielseitigkeit dieser Band. Und da hat man mit Broke My Backbone noch gar nicht die Verrücktheit schlechthin gehört. Ein gehetztes Ticken leitet einen Song ein, der einen wie auch immer gearteten Spagat zwischen Super Mario, R ’n‘ B und Eurodance vollführt. Klingt komisch? Ist aber so. Und was noch komischer klingt: das geht glatt als Kompliment durch.

Slut gehen einige Wagnisse ein, soviel ist klar. Es scheint, als hätten sie einen unbedingten Drang alles aus jeder Richtung in ihren Songs unterzubringen. Sie machen das auch, geraten dabei aber zu keinem Zeitpunkt unter diese aus allerlei Material gezimmerten Räder, sondern schaffen es sie stets mit Sorgfalt heil über Berg und Tal, Asphalt und Wiese zu fahren. Wie das eigentlich gelingen kann, bleibt ihr großes Rätsel, zumal sie sich oftmals einfach treiben lassen. Die Songs entwickeln sich wie von selbst, nur manchmal müssen Slut ein paar Stellschrauben drehen, um den Song in eine andere Richtung zu stupsen. Sie fahren dorthin, wohin es sie eben führt. Mit All Show geht’s dabei mal einen Schlenker nach Interference oder Nothing Will Go Wrong, mit Silk Road Blues eine ganze Wagenlänge in den Orient und auf die indische Halbinsel, lächelnd vorbei an tanzenden Idioten (Idiot Dancers) zu einem Zwischenschläfchen: „get up early but always too late“ (Remote Controlled), um am Ende in Holy End erschöpft, aber glücklich sanft ins heimische Bett zu fallen.

Slut ist mit Alienation wieder einmal eine Großtat gelungen, mit der sie im Indierock auch weiterhin Maßstäbe setzen (dürften). Die Elektrifizierung von Gitarrenbands geht nicht immer gut. Meistens geht sie sogar schief. Nicht so bei Slut, denn sie sind und bleiben ein Kollektiv von bestechender Intelligenz, unermüdlicher Kreativität, ausgeprägter Selbstironie und feinem Gespür für die Entfaltung komplexer Songinhalte in einfache und zugängliche Strukturen (man höre mal exemplarisch, aber aufmerksam Never Say Nothing) – egal mit welcher Instrumentierung. Da sei mir zum Ende glatt noch ein ungehaltener Ausruf vergönnt: Fuck yeah, Bitches!

9/10

Anspieltipps: Anybody Have A Roadmap, Broke My Backbone, All Show, Never Say Nothing

(Martin Oswald)

Slut – Alienation | Cargo Records | VÖ: 16.08.13 | CD/LP/digital

Barren + Bridges Left Burning | 09.08.2013 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

BridgesLeftBurning10

„Drin rauchen, draußen leise!“ – Ein vergleichbares, selbstgemaltes Schild gibt es auch nicht oft zu bestaunen. Im L.E.D.E.R.E.R. sorgte es an diesem Abend für etwas ungewöhnliche Ordnung. Zumindest im Erdgeschoss, denn im Keller war das Rauchen wegen Asthma-Problemen des Bridges-Left-Burning-Drummers nicht erwünscht. Kurz zusammengefasst – draußen: nicht rauchen und leise; Erdgeschoss: rauchen und laut; Keller: nicht rauchen und ganz laut. Warum ich das erwähne? Weil das L.E.D.E.R.E.R. ein ganz kauzig-sympathischer Laden ist und als solcher – wie es in Regensburg mittlerweile gang und gäbe ist -, Ende des Jahres höchstwahrscheinlich der Gentrifizierung zum Opfer fallen wird. Das eingehüllte Baugerüst außerhalb des Hauses ist da nur ein sichtbares Symptom. Doch dazu an anderer Stelle und zu einem anderen Zeitpunkt mehr.
Mit dem Rauchen haben es Barren, die den Abend eröffneten, ohnehin nicht. Dafür umso mehr mit Lautstärke. Straight Edge ist nämlich das große Thema, um das der Bandkontext kreist. Das zeigt sich nicht bloß im Lifestyle, sondern insbesondere auch in klaren Botschaften ihrer Songs. Das wiederum betrifft das Verbale genauso wie das Non-Verbale. Songs wie Bad Bargain, der die Schlechtigkeit von Fleischkonsum in vielfacher Hinsicht thematisiert, sind durchdrungen von harten, prägnanten und dabei doch geradezu melodisch-eingängigen Riffs. Kombiniert mit dem unermüdlichen Vor-und-Zurück-Hüpfen des Sängers nötigte das vielen Anwesenden nicht nur Höflichkeitskopfnicken und pflichtschuldigen Applaus ab, sondern merklich mehr Anerkennung über dieses übliche Maß des Opening Acts hinaus.

Mit Bridges Left Burning stiegen dann (zumindest in Regensburg) wahrlich alte Hasen in den Ring. Hier sind sie ohnehin gut vernetzt und können – trotz Ferienzeit – eine beachtenswerte Schar in die Lederergasse locken. Klar, es war hier schon einmal voller, aber leerer war es auch schon etliche Male. Tourauftakt mit der frisch aus dem Ofen gezogenen, noch warmen Platte Bystanders unterm Arm – bessere Bedingungen konnte es kaum geben. Und in der Tat zeigten sich die Bridges in bester Laune und konnten ihr bereits auf dem Fluff Fest vor ein paar Wochen in glühender Hitze erprobtes Set zum Besten geben. Diese Hitzeprobe war sicherlich nicht schlecht, zumal es im L.E.D.E.R.E.R. auch nicht allzu lange dauerte bis auf dem Kellergestein der erste Aufguss gemacht hätte werden können. Tropfnass waren am Ende alle. Bis dahin gab es aber noch eine Stunde Spielzeit zu bewältigen, was Bridges Left Burning vortrefflich gelang. Verbeulte Mikros, gerissene Basssaiten, Kabelpannen, zusammensackende Mikroständer, Asthma – nichts konnte sie bremsen. Und so hielt sich Sänger Matthias mehr stagedivend oder auf dem Boden kriechend im Publikum als auf der nicht vorhandenen Bühne auf oder wollte Drummer Schwoazal keine Minute bis zum Zapfenstreich (wie immer pünktlich um 23.00 Uhr – Nachbarn und so) herschenken. Dass die Bridges musikalisch ihre Sache ausgesprochen gut machen, muss nicht mehr eigens erwähnt werden, dass ihr Set durch die Bystanders-Songs (nicht zuletzt die Residenzpflicht-Trilogie) ausgesprochen bereichert wird, sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben.

Ein gutes Hardcore-Konzert war das wieder einmal im L.E.D.E.R.E.R. und wer selbige bisher nur unzureichend oder noch gar nicht besucht hat, sollte dem künftigen Extreme-Life-Wasting-Programm aufmerksam folgen und sich die wenigen noch anstehenden Gelegenheiten nicht entgehen lassen.

(Martin Oswald)

News | August 13 #4

+++ Beginnen wir doch mal mit den Färöer Inseln. Dort wohnen nicht wirklich viele Leute, einer davon aber ist der Singer/Songwriter Marius Ziska, der mit seiner Band im März sein Debüt Recreation veröffentlicht hat. Am 13.09. erscheint daraus über Stargazer Records die Single While You Were Dreaming, die unten gestreamt werden kann. Auf Tour sind die Färöenser, Färönesen, Fä… die Leute um Marius Ziska auch:

16.09. Hamburg – Nachtasyl
17.09. Kiel – Prinz Willy
18.09. Husum – Living room concert
19.09. Düsseldorf – Kassette
20.09. Köln – Die Wohngemeinschaft
21.09. Stuttgart – Café Galao
23.09. Lindau – Zur alten Fähre
24.09. Karlsruhe – Living Room Concert
25.09. (CH) – Zürich – Kafi Für Dich
28.09. (CH) – St. Gallen – Keller der Rosen

+++ Und wo wir doch schon bei Singer/Songwriter und Stargazer Records sind: Grant Creon, ihres Zeichens akustische Rabauken aus Schweden, veröffentlichen am 27.09. ihr Album In Denial. Daraus gibt es den (ürigens überaus traurigen) Song Love in Decline im Stream zu bestaunen:

+++ Zur Akustischen greifen auch Arliss Nancy. Allerdings ziehen sie derselben rostige Saiten auf und tauchen sie ordentlich ins Whiskey-Fass. Über Gunner Records erscheint im Oktober ihr kommendes Album Wild American Runners. Da mit dem Albumtitel nur sie selbst gemeint sein können, kommen sie vor der Albumveröffentlichung wohl kaum zur Ruhe, sondern bereisen stattdessen Europa. Dabei übrigens an folgenden Orten:

30.08.2013 DE – Holzerath, Roeds-Rock Festival 2013 (akustisch!)
31.08.2013 DE – Holzerath, Roeds-Rock Festival 2013 (elektrisch!)
02.09.2013 CH – Zürich, Hafenkneipe
03.09.2013 AT – Innsbruck, P.M.K.
04.09.2013 DE – Landshut, tba
05.09.2013 AT – Wien, Arena
06.09.2013 AT – Linz, tba
07.09.2013 DE – Regensburg, L.E.D.E.R.E.R.
08.09.2013 DE – Nürnberg, Bela Lugosi
09.09.2013 DE – Berlin, Ramones Museum
12.09.2013 DE – Emden, Grusewsky
14.09.2013 DE – Warendorf, Ramasuri Rock
24.09.2013 DE – Köln – Tsunami Club
26.09.2013 DE – Hannover, Secret Show
27.09.2013 DE – Bremen, Friese
28.09.2013 DE – Heidelberg, Villa Nachttanz

Den Song Benjamin gibt es vorab schon einmal hier:

+++ Deafheaven, ja das sind die mit einem der überragendsten Alben diesen Jahres, kommen im Herbst auf eine kleine Euro-Tour. Weil uns das freut, gibt’s hier die Termine:
21.10. Berlin – Magnet Club
22.10. Dortmund – FZW
23.10. Tilburg – 013
24.10. Brüssel – AB
31.10. Utrecht – Rumor Festival
02.11. Dudingen – Bad Bonn
03.11. Zürich – Rote Fabrik
04.11. München – Feierwerk
05.11. Leipzig – UT Connewitz
06.11. Schorndorf – Club Manufaktur
07.11. Kortrijk – De Kreun

+++ Beach Community ist ein brandneues Label aus Oxford, das am 02.09. seine erste Veröffentlichung in Form eines Samplers (Tape und digital) feiert. Das wäre an sich nichts besonderes, würden sich darauf mit u.a. Balance And Composure, Crash of Rhinos, The Wonder Years und Defeater nicht einiges von Rang und Namen im Bereich Punk/Hardcore finden. Was sich außerdem hinter dem fragwürdigen Cover verbirgt, gibt es hier herauszufinden:

+++ Eindeutig ruhiger geht es bei Tomáš Dvorák alias Floex zu. In der alternativen Computerspielbranche dürfte der Tscheche manchen als Komponist des Spiele-Wunderwerks von Amanita Design Machinarium bekannt sein. In Kürze, genauer am 23.08., bringt er über Denovali Records seine neueste 10“ EP namens Gone heraus. Darauf verbirgt sich ein wirklich hörenswerter Mix aus behutsamen Elektro und klassisch-akustischer Komposition. Einen (vokalisierten) Vorgeschmack gibt es hier:

(mo)

Zebrahead – Call Your Friends

Zebrahead - Call Your Friends // Bild: hasitleaked.com

Never Out Of Style

Man versetze sich zurück in die Schule. Das Fach: Deutsch. Näherungsweise um die neunte Jahrgangsstufe. Der Auftrag: Schreibe eine dialektische Erörterung zu Thema XY. Natürlich weiß man – erschreckenderweise – noch immer, welche Automatismen jetzt zu greifen haben, wie man das Ganze denn anzugehen hat. Das Thema im konkreten Falle lautet Zebrahead. Genauer gesagt deren neue Platte Call Your Friends. Die hat überdies eine ganze Menge mit dem Verfassen einer dialektischen Erörterung zu tun. Aber der Reihe nach.

Pro:

Zebraheads neues Album Call Your Friends ist durchwegs blitzsauber produziert, die Band scheint überdies ihr technisches Handwerk zu beherrschen. Ferner versteht sich die Band auf die ein oder andere nette Melodie und zeigt sich durchgehend bemüht, ihre Songs so catchy wie nur irgendwie möglich darzubieten. Des Weiteren zeigen Farbtupfer aus Metal und Elektro, dass die Band offen gegenüber verschiedenen Genres ist. Außerdem dürfen sich Jungs im ’schwierigen Alter‘ und unverbesserliche Sexisten über Brüste auf dem Cover freuen. Last but not least bleibt auch festzuhalten, dass Call Your Friends auf der nächsten juvenilen Hausparty – die Eltern sind natürlich im Urlaub – für beste Unterhaltung sorgen wird und nach dem angemessenen Konsum der von der großen Schwester besorgten alkoholischen Kaltgetränke sogar für ein wenig Ringelpiez mit Anfassen gut sein dürfte.

Contra:

Wir schreiben hier das Jahr 2013. Das meint: Alles, was auf Call Your Friends zu hören ist, hat man wahlweise in ähnlicher oder deckungsgleicher, vor allem aber in besserer Ausführung bereits gehört. Zum Beispiel bei Green DayBlink 182Sum 41The OffspringYellowcardNew Found GloryFenix TX, (ja sogar) Busted ein bisschen bei Limp Bizkit und in den dunkelsten Momenten sogar bei Simple Plan. Es klingt gerade für all diejenigen, denen bereits bei den genannten Referenzen ein wenig flau in der Magengegend zumute ist, fast bedrohlich: Zebrahead fliegen zumeist sogar im Vergleich zu den Vorbildern noch unter dem Radar. Kein Wunder, kann doch eine Mischung aus Pop-Punk, Sum41scher ‚Härte‘ aus Does This Look Infected?-Zeiten, Refrains aus der Grabbelkiste von The Offspring und allerlei Zuckerguss nur schwer verträglich sein. Die Suche nach Erkennungs- oder gar Alleinstellungsmerkmalen? In etwa so erfolgversprechend wie die Suche nach der Bundeslade. Klare Kante braucht aber scheinbar auch kein Mensch, oder warum sonst sollte der Waschzettel stolz von einer Grammy-Nominierung für die „beste Metal-Performance“ erzählen?

Liegt man nach dieser Episode aus den Irrungen und Wirrungen ohnehin schon fassungslos am Boden, treten nun also 14 Songs, dargeboten mit dem Spielwitz einer Krabbelgruppe während Zeiten explosiver Diarrhoe, beherzt nach. Refrain folgt auf Strophe folgt auf Refrain, garniert mit vorhersehbaren Breaks und Zwischentönen. Und am Ende jedes Songs wird geflissentlich der möglichst ausladende Refrain bis zum Erbrechen breit getreten. Das alles geschieht mit dem Abwechslungsreichtum von Bob Ross‘ The Joy Of Painting: 47 Minuten im gleichen Gang, 14 mal der gleiche Uffda-Rhythmus. Herzlichen Glückwunsch, vielen Dank und die Letzten mögen doch bitte das Licht löschen. Wir sind hier raus.

Fazit:

Call Your Friends ist für die geneigten MusikhörerInnen in etwa so nützlich wie Hämorrhoiden. Und so erfreulich, wie das Verfassen einer dialektischen Erörterung. Innerhalb bestimmter Altersgruppen wird sich das Teil dennoch verkaufen wie geschnitten Brot (oder Biermischgetränke). Das sei der Band vergönnt, denn sie hat verstanden: Zielgruppenorientierung never goes out of style.

2/10

Anspieltipps: –

(Martin Smeets)

Zebrahead – Call Your Friends | Granted Records (Soulfood) | VÖ: 16.08.2013 | CD/Digital

News | August 13 #3

+++ Explosions In The Sky, ihres Zeichens mitunter Lieblingspostrocker mancher Teile von uns, lassen einmal mehr von sich hören. Zwar nicht in Form eines ‚wirklichen‘ neuen Albums, aber hey: Ein Soundtrack von dieser Band kann so übel nicht sein. Den haben sie zum Film „Prince Avalanche“ mit u.a. Emile Hirsch beigesteuert. Für neugierig Gewordene geht es hier lang zum (nicht eben benutzerInnenfreundlichen) Stream.

+++ Zurück in textlastigere (sowohl in und vor allem um die Songs) Gefilde. Das meint: Genau, zurück zu Thees Uhlmann. Der hat ja bekanntlich eine neue Platte aufgenommen und sie in einem Anfall überbordender Kreativität #2 genannt. Da man sich bis zur Veröffentlichung noch ein bisschen gedulden muss und Thees Uhlmann ein überaus netter Kerl zu sein scheint, gibt es zur Überbrückung einen ersten Höreindruck. Und zwar Die Bomben meiner Stadt. Das klingt dann in etwa so, wie man es nicht erwartet hätte:

+++ Neues zu berichten gibt es überdies von The Flatliners. Auch die haben nämlich eine neue Platte, die bereits ungeduldig mit den Hufen scharrt. Heißen wird das gute Stück Dead Language und am 13. September von der Leine gelassen. Und weil auch The Flatliners nett sind, gibt es mit Drown In Blood schon jetzt was auf die Ohren:

+++ Tja, es hört nicht auf mit den neuen Platten. Dieses mal: Russian Circles. Deren jüngstes Kind heißt Memorial und erscheint am 01. November. Und bevor das hier in Wiederholung ausartet, könnt man sich hier gleich ohne Umwege Deficit anhören:

+++ Erfreuliche Neuigkeiten gibt es überdies von den Lieblingen manch anderen Teils von uns. Nämlich von Hidden By The Grapes. Auch die haben – in dieser Runde News keine große Überraschung – eine neue Platte geschaffen -, die ab 27. August zu erwerben ist. Sie trägt außerdem den etwas mysteriösen Titel I’m Sorry Tschem.  Da wir an dieser Stelle leider keinen ersten Höreindruck liefern können, müsst ihr euch zunächst mit der Tracklist begnügen. Die sieht dann so aus:

1. She Courtney Loves You
2. Give Pierce Brosnan a Chance
3. Cher Blues
4. Don’t Let Me Robert Downey Jr.
5. The Fool on the Terence Hill
6. Ticket to Winona Ryder
7. Sean Penny Lane
8. Halleberry Fields Forever
9. I Am the Kurt Walrussell
10. Hey Jude Law
11. The Continuing Story of Bungalow Bill Murray

(mo, ms)

The World Is a Beautiful Place & I Am No Longer Afraid to Die – Whenever, If Ever

The World Is - Whenever, If Ever

Organisiertes Durcheinander

Es ist nicht sehr originell eine Review zu dieser Band mit ihrem Bandnamen zu beginnen. Deswegen belasse ich es bei: Puh… Nun, ich werde ihn auch nicht vollständig ausschreiben, das wäre ja noch bunter. The World Is… muss reichen. Whenever, If Ever heißt die Platte, die sich in ein mit Hipsterfiltern bearbeitetes, unscharfes Coverfoto kleidet, das ausgerechnet jetzt, im Hochsommer, förmlich zum Reinhören einlädt. Ein junger Mann ist darauf dem warmen Sonnenschein entfliehend via Klippensprung geradewegs auf dem Weg in den kühlen Bach. Wunderbar. Hat man sich hier also Sommermusik vorzustellen? Ja, durchaus. Doch dazu später mehr.

The World Is… sind irgendetwas zwischen acht und zehn Leuten (so genau konnte ich das nicht recherchieren – aktuell wohl acht) und spielen, wie man es von so einer Horde auch erwarten würde, alle gängigen Instrumente, singen vielstimmig und machen überhaupt recht viel. Letzteres allerdings nicht zu aufdringlich, zu überladen oder zu chaotisch. Vielmehr wählen sie ihre vielen Ausdrucksmittel mit Bedacht aus, sodass die Songs mitunter sogar recht reduziert wirken. Ein gut organisiertes Durcheinander.

Wir waren ja bei Sommermusik, die als solche vielleicht nicht zu wörtlich genommen werden sollte, denkt man hier etwa den ZDF Fernsehgarten oder andere Folterformate. Wir meinen schon so etwas wie Sommermusik im besten Sinne: ein bisschen sonnen- und biertrunken, spaßig, schusselig, kurzweilig, ohrwurmgeschult und einfach liebenswürdig. Wer sich fragt, was ich damit meine, braucht nur ein bisschen in Flightboat reinzuhören. Hier wird man an die besseren Los Campesinos!-Tage erinnert und freut sich darüber. Da sehnt man sich an den kühlen Gebirgsbach, der sanft die Flora der Felsvorsprünge umspült. Whenever, If Ever ist genau der Soundtrack, der bei 30 Grad Außentemperatur dorthin mitzunehmen ist. Rein ins Wasser und wenn man wieder rauskommt, rauf auf den Felsen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen – mit Kopfhörern auf den Ohren versteht sich. Ist hier aber wirklich alles so Holla, Trallala, Sonnenschein? Klingt ja irgendwie auch nicht ganz ehrlich.

Nein, ist es eigentlich nicht, denn Whenever, If Ever lässt sich nicht auf eine Sommerplatte reduzieren, sondern kann deutlich mehr. Zwar ist sie beim ersten Hören catchy ohne Ende, für eine Strandparty dann doch eher ungeeignet, weil sie in ihrer Eingängigkeit, Leichtigkeit und Albernheit doch auch eine ganze Ladung Melancholie und Zerfahrenheit herumschleppt. Das fällt nicht unmittelbar auf, gehen hier doch erst einmal, wie z.B. bei Heartbeat in The Brain, die tollen Riffs und Basslines ins Ohr – nebst dem sich kauzig-schief überschlagenden und irgendwie gleichzeitigen Brust- und Kopfstimmgesang. Und doch ist das nicht alles. Denn The World Is… geben sich mit einem Strophe-Refrain-Schema nicht zufrieden, sondern inszenieren ihre Songs regelrecht in labyrinthischen Strukturen und abseits des zu Erwartenden. Freilich machen sie das nicht auf überfordernde Weise, sondern zelebrieren gewissermaßen Popsongs, die überhaupt nicht den üblichen Standards eines Popsongs folgen wollen. Verstanden? Na ja, da werden schon mal nach ruhig-zarten Melodienbögen regelrechte Postrock-Zieleinfahrten samt orchestral-ausschweifender Instrumentierung genommen, so bei Picture Of a Tree That Doesn’t Look Okay, das im Postrock-Part sogar noch reichlich unentschlossene Lyrics unterbringt: So where did you live and what did you learn there? / We watch the fallen leaves turn to frozen trees, it’s been another year / Where do the echoes from the echoes go? / Where does the water flow when it leaves our homes / I’ve been searching for this, something that I can run away with / It’s a life changing decision / Should I leave or try to beat this? Da wird mit Ultimate Steve und Gig Life die ganze Kunst des alternativen Pop aufgefahren, den man wirklich nur selten besser gehört hat. Ein zauderndes Aufbäumen und Festzurren der Kompositionslinien, Drum- und Percussion dominierte Ausbrüche, die der Bass elegant die Spannungskurve entlang jagt. Immer wieder halten die Songs kleine Überraschungen bereit, flitzen hier und da Cello- oder Trompetentöne durch die Szenerie, vervollständigen Keyboards die Melodie oder jaulen drei, vier, fünf, sechs Stimmen in der Gegend herum. Das ist ausgesprochen gut. Gut ist übrigens auch der 7-minütige Schlusspunkt Getting Sodas, der neben sanften (!) Shouts (!) sehnsuchtsvolle Arrangements empor zaubert und gegen Ende entfernten, immer näher rückenden Chören die Art von Zerrissenheit und Ungewisseheit in die Münder legt, die dieser fabelhaften Platte die Leichtigkeit einer bloßen Sommerplatte raubt: The world is a beautiful place but we have to make it that way / Whenever you find home we’ll make it more than just a shelter / And if everyone belongs there it will hold us all together / If you’re afraid to die, then so am I.

Mehr gibt’s eigentlich nicht zu sagen.

9/10

Anspieltipps: Heartbeat In The Brain, Ultimate Steve, Getting Sodas

(Martin Oswald)

The World Is a Beautiful Place & I Am No Longer Afraid to Die – Whenever, If Ever | Topshelf Records | VÖ: 18.06.13 | LP/CD/digital

Modern Life Is War – Fever Hunting

Modern Life Is War - Fever Hunting // Bild: rocksound.tv

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Wie aufregend das alles doch war: Am 01. April dieses Jahres verkündeten Modern Life Is War, von nun an wieder eine aktive Band zu sein. Und ein neues Album zu veröffentlichen. Völlig aus dem Nichts kam diese fast unglaubliche Nachricht, weshalb schnell über den Wahrheitsgehalt dieser Meldung spekuliert wurde. Immerhin wurde das Ganze am 01. April bekannt. Aber mal im Ernst: Eigentlich hätte es allen bewusst sein müssen, dass Modern Life Is War wohl zu den wirklich Allerletzten gehören, die ihre Fans mit leidlich witzigen Aprilscherzen verprellen. Doch inzwischen sind derlei Spekulationen ja ohnehin obsolet. Denn: Fever Hunting ist da.

Und wie. Es dauert genau eine Minute und vierzehn Sekunden, um allen HörerInnen wieder ins Gedächtnis zu rufen, warum man diese Band vermisst hat, warum es so gut ist, dass Modern Life Is War wieder mitspielen. Weil es nämlich kaum eine weitere Band gibt, die eine ähnliche Interpretation von Hardcore zelebriert, so voll von Einsprengseln aus Punk und Rock ’n‘ Roll, so organisch ineinander greifend, so – und man verzeihe den platten Ausdruck – lebendig. Songs, die ihre HörerInnen beinahe körperlich fordern – noch immer Markenzeichen dieser Band. Das mag zum Teil an der – wer würde bei diesem Namen auch etwas anderes erwarten – wahrhaft hervorragenden Produktion von Kurt Ballou, hauptsächlich ist diese Tatsache aber wohl dem Weg zu verdanken, auf dem sich Modern Life Is War ihren Stücken nähern. Nämlich auf dem denkbar einfachsten. Das mag etwas seltsam klingen, wird aber spätestens offensichtlich und nachvollziehbar, wenn Health, Wealth and Peace geradewegs drauf los stampft: Dann nämlich offenbart sich stellvertretend für die gesamte Platte ein Song, der so kompakt und clever geschrieben ist, dass er fast völlig genreunabhängig funktionieren würde. Und zwar ganz und gar fulminant.

Was dann übrigens neben gutem Sound und nicht minder gutem Songwriting ebenfalls zu finden ist auf Fever Hunting, ist das letztendlich Wichtigste: Gute Songs. Und davon nicht wenige. Mögen beim 2007er Midnight In America noch so manche moniert haben, dass die herausragenden Momente fehlen würden, finden sich auf Fever Hunting zahlreiche von selbigen. Wenn das verschleppt-getragene Chasing My Tail plötzlich das Tempo anzieht und sich in einen beeindruckend straighten Punkrocker verwandelt, wenn der Titeltrack in intensiver Wut immer wieder „The fever hunt rages on inside my head“ skandiert und so ganz nebenbei ein modernes fintenreiches Stück Hardcore, wie es Defeater oder Touché Amoré nicht besser hätten schreiben können, ist, dann bleibt sie durchaus mal weg, die Sprache. Oder wenn Brothers In Arms Forever in einem Finale endet, das seine HörerInnen mit seinem beinahe optimistischen Gestus in die Arme nimmt. Oder wenn Cracked Sidewalk Surfer sich unvermittelt als derbe Hardcoreabfahrt vorstellt. Oder wenn…ach, lassen wir das.

Es dürfte ohnehin längst klar geworden sein: Modern Life Is War haben mit dem üblichen Reunion-Kram inklusive überzogenen Erwartungshaltungen, Sellout-Geschrei und enttäuschten Fans der ersten Stunde nichts am Hut. Weil diese Band nach wie vor in gewisser Form über den Dingen steht. Und wahrscheinlich auch, weil sie clever genug war, die Platte schon fertig geschrieben zu haben, bevor sie ihrer Rückkehr ankündigte. Wie dem auch immer sei: Fever Hunting ist eine Platte, die Zeit braucht, die sich bisweilen ziemlich widerspenstig geriert. Die man aber früher oder später lieben lernt. Lernen muss.

8/10

Anspieltipps: Health, Wealth And Peace, Chasing My Tail, Fever Hunting, Brothers In Arms Forever

(Martin Smeets)

Modern Life Is War – Fever Hunting | Deathwish Records | VÖ: 06.09.2013 | CD/LP/Digital

News | August 13 #2

+++ Jupiter Jones haben sich ja einige Male auf mit FreiWild „angelegt“ und waren daraufhin einem heftigen Shitstorm ausgesetzt. Jennifer Rostock ging es ähnlich. Nun haben Jupiter Jones zusammen mit Jennifer Weist und Ferris einen für klanglich sehr ungewöhnlichen Song aufgenommen, bei dem man nicht herum kommt ihn vor dem Hintergrund dieser FreiWild-Ereignisse zu interpretieren. Der Song Denn Sie Wissen Was Sie Tun hat übrigens ein sehr schickes und aufwändiges Video im wilden Westen verpasst bekommen. Zu sehen gibt es das Ganze bei Tape.tv.

+++ Und wo wir gerade bei Western-Videos sind: Mumford & Sons haben Hopeless Wanderer ebenfalls so eins verpasst, bei dem sie allerdings nicht selbst zu den Instrumenten greifen, sondern dies vier Männern aus der führenden US-Komiker-Riege überlassen, die das auch mehr oder weniger gut meistern.

+++ Conor Obersts Desaparecidos haben zwei neue Songs namens Te Amo Camila Vallejo und The Underground Man veröffentlicht, die es digital oder als 7“ zu kaufen gibt oder gleich hier im Stream zum Anhören.

Desaparecidos 7''

+++ Modern Life Is War bringen im September ihr erstes Album seit 2007 und damit auch seit ihrer Reunion im April diesen Jahres heraus. Fever Hunting wird über Deathwish erscheinen, wurde von Converges Kurt Ballou produziert und – das ist das beste an dieser Meldung – kann hier in seiner Gänze im Stream via Pitchfork belauscht werden.

+++ Flogging Molly veröffentlichen im Jahr 2013 genau ein Platte. Diese ist eine weltweit auf 500 (!) Stück limitierte Live-7“ stilecht auf grünem Vinyl gepresst. Sie erscheint im September, kann aber bereits jetzt bei Uncle M vorbestellt werden. Und zwar hier.

Flogging Molly - The Kilburn High Road

(mo)