News | Juli 13 #8

+++ Vor einiger Zeit haben wir ja schon orakelt, dass Touché Amorés kommendes Album Is Survived By ganz groß werden könnte. Noch lässt sich diese Weissagung schlecht beweisen oder widerlegen. Zumindest gibt es aber einen kleinen Vorgeschmack. Just Exist:

+++ Audiolith hat kürzlich aus Torsuns Domizil alte und verschollene Egotronic-Bänder geklaut und digital rausgebracht. Diese höchst illegale Aktion wurde übrigens mitgefilmt (siehe unten). Die Hintergründe zu den Songs lassen sich auf Torsuns Blog nachlesen.

+++ Thees Uhlmann veröffentlicht am 30. August sein zweites Album mit dem innovativen Titel #2 und spielt dazu einige Termine. Darunter übrigens am 02.09. in der Alten Mälzerei zu Regensburg. Die weiteren Termine lesen sich so:

20.07. Schweinfurt, Willy-Sachs-Stadion
26.07. Paaren im Glien, Greenville Festival
27.07. Großefehn, Omas Teich
16.08. A – St. Pölten, Frequency
17.08. CH – Gampel, Open Air Gampel
06.09. Bayreuth, Stadion
07.09. Braunschweig, Kultur im Zelt
30.10. Bremen, Schlachthof
31.10. Bielefeld, Ringlokschuppen
01.11. Dortmund, FZW
03.11. München, Muffathalle
04.11. Erlangen, E-Werk
06.11. Leipzig, Werk 2
07.11. Jena, Kassablanca
08.11. Dresden, Alter Schlachthof
10.11. Stuttgart, LKA
11.11. Würzburg, Posthalle
12.11. Saarbrücken, Garage
13.11. Köln, E-Werk
14.11. Osnabrück, Rosenhof
15.11. Wiesbaden, Schlachthof
18.11. Mannheim, Capitol
19.11. Hamburg, Große Freiheit 36
20.11. Hamburg, Große Freiheit 36
21.11. Hannover, Capitol
22.11. Berlin, Huxley’s neue Welt
23.11. Weissenhäuser Strand, Rolling Stone Weekender

Ach ja, und das Albumcover sieht so aus (ähnlich innovativ wie der Titel):
Thees Uhlmann - #2+++ Kevin Devine, seines Zeichens Singer/Songwriter aus Brooklyn, macht etwas, was es auch nicht alle Tage gibt. Er bringt zwei Alben auf einen Schlag raus. Am 18. Oktober, um genau zu sein. Bubblegum und Bulldozer heißen sie und wurden über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert. Über 114.000 Dollar hat die Crowd für Devine zusammengelegt. Einen Song aus Bubblegum gibt es übrigens auch schon:

(mo)

Festivalcheck: Jahninselfest 2013

Jahninselfest_2013

Das Jahninselfest. Seit vielen Jahren eine feste Institution, musste es schon so einiges mitmachen. Hitze, Stromausfälle, schmerzliche Konkurrenzveranstaltungen, Regen, Regen und Regen – das alles konnte dem Fest aber nichts anhaben. Umziehen musste es bisher von der namensgebenden Insel jedoch noch nie.* Die langwierige Bautätigkeit an der Steinernen Brücke zwang die Organisator_innen von Stadtjugendring, Scants of Grace und Extreme Life Wasting die Jahninsel in diesem Jahr aufzugeben. Würde das ebenso zu verschmerzen sein? Nun, zum Glück gibt es nur einige Meter donauabwärts mit dem Grieser Spitz ein hervorragendes Ausweichgelände, das sich schon bei allerlei Veranstaltungen bewährt und dabei den liebenswürdigen Spitznamen „Rockzipfel“ erworben hat. Zum ersten Mal also Jahninselfest at Rockzipfel. Passt doch.

Für die richtigen Jahninselliebhaber_innen passt es vielleicht doch nicht ganz, ich schätze die Vorzüge des Grieser Spitzes allerdings sehr. Geräumig, aber dennoch kompakt, insgesamt gut aufgeteilt und eingebettet in die Szenerie aus reichlich Grün, Donau und Frachtschiffahrt. Und – was ich, wohl entgegen zahlreichen gegenteiligen Ansichten wirklich von Vorteil finde – keine alte Brücke, die das Gelände teilt. Gut, vielleicht wäre die Steinerne Brücke heuer als Schattenspenderin sehr willkommen gewesen, brannte die Sonne doch ununterbrochen herunter wie verrückt. Kaum eine Wolke hat sich im Verlaufe des Freitags und Samstags über Regensburg verirrt und so gab es beide Tage ordentlich Gelegenheit Vitamin D nachzupumpen und gerade in den frühen Nachmittagsstunden Temperaturen deutlich über 30° Celsius. Schattenbereiche waren rar gesät und entsprechend heiß begehrt. Leider fanden sich diese relativ weit weg von der Bühne, was der Stimmung der „frühen“ Bands nicht besonders zuträglich war.

Für Cat Stash, die den Anfang machten, war der Umstand der prallen Sonne vor der Bühne nicht das größte Problem, eignet sich ihr Indie-Folk ohnehin auch gut dazu auf einem flauschigen Stück Rasen aus der Ferne belauscht zu werden. Wenn es eine Musik gibt, die nach zu Schneidersitz und nettem Plausch unterm Baumschatten klingt, dann klingt wohl Cat Stash so ziemlich genau danach. Wenn es davon das genaue Gegenteil gibt, dann hört dieses auf den Namen Blackstone. Die Regensburger Hardcore-Band durfte als nächste ran und musste gewissermaßen gegen den zurückgefahrenen Stoffwechsel der meisten Anwesenden spielen, die verständlicherweise ihren Kreislauf schonen wollten. Bewegt wurde sich nur am Rande und das sehr zurückhaltend. Blöd sicherlich auch für eine Hardcore-Band: das zeitgleich stattfindende Fluff-Fest in Rokycany, das dem Jahninselfest sicherlich einige Besucher_innen gekostet hat. Mit diesen widrigen Umständen gingen Blackstone einigermaßen souverän um und vermittelten zumindest den Eindruck, dass sie das nicht sonderlich stört. Etwas anders im Anschluss Polar Bird. Die Indie-Durchstarter aus Regensburg sind mittlerweile spürbar mehr Publikum gewohnt und waren ob des nicht gerade überbordenden Interesses an ihrem Auftritt sichtlich gelangweilt und spielten – wie man so sagt – ihren Stiefel runter. Verständlich, aber eben auch nicht gerade souverän.

Ähnlich auch: Luise Pop. Die erste überregionale Band des Jahninselfests 2013 aus Wien, trat nicht wie üblich zu viert, sondern zu zweit auf. Schlagzeug, E-Gitarre und Gesang. Das Ganze ging so unspektakulär, verschüchtert und lasch über die Bühne, dass es nicht allein mit den Temperaturen erklärt werden kann. Kaum ein verständliches Wort nuschelte Sängerin Vera bei den dürftigen Ansagen ins Mikro (und nein, das lag nicht am Dialekt). Und sonst: hipsterige Wohlfühlmusik, die auf Platte und zu viert im Club bedeutend aufregender ist.

Ganz andere Adjektive müssen beim Freitagsheadliner Rainer von Vielen gezückt werden. Alles was man bisher vermisst hatte, war hier im Übermaß vorhanden, vor allem aber: Stimmung. Der schier ausufernde Genremix, genannt Bastard Pop, wusste eindrucksvoll zu unterhalten. Ob Rap, Metal, Jazz, Funk, Rammstein, Balkan, Punkrock… bei Rainer von Vielen ist alles mit einer saftigen Portion Ironie drin, nichts kommt zu kurz oder wird sogar ausgespart. Das macht tatsächlich jede Menge Spaß und auch wenn es für den heimischen Plattenspieler insgesamt zu freaky sein sollte, als Abschluss eines Festivalabends ist es goldrichtig. Nur wenige konnten sich in der bequemeren Sitzposition halten. Und übrigens: eine geslappte und gepoppte Gitarre sieht man auch nicht alle Tage.

Der erste Tag war – zumindest musikalisch – rum. Auf alle Fälle auch noch erwähenswert: die Kleinkunstbühne, die Umbaupausen und Soundchecks auf der Hauptbühne mit einem Potpourri an Kunstformen überbrücken sollte, meist jedoch mehr als bloße Überbrückung war. Einige Highlights fanden sich auch hier, wie z.B. der textlich sowohl unterhaltsame als auch nachdenkliche Mundart-Singer/Songwriter Wolle oder die Akrobatik und Fackelshow von MEMEZA. Es sind nicht zuletzt diese sogenannten „Kunststoffe“, die zur einzigartigen Atmosphäre des Jahninselfestes beitragen.

Was ebnafalls dazu beiträgt: das ganze Drumherum. Seien es Sprinkleranlage und Planschbecken zur Abkühlung, seien es die bunt gemusterten Verpflegungszelte, seien es die Nudeln mit Mangold und einer ganzen Ernte Knoblauch, seien es die überaus fairen Preise (1 Euro für 0,5 Liter Wasser ist bei der Gluthitze wirklich top), sei es die Ausgabe von „normalem“ Geschirr, das übrigens einen ungemeinen Einfluss auf die wirklich geringen Müllhinterlassenschaften hatte, sei es die fehlende Bühnenabsperrung (auf Festivals mittlerweile so gut wie undenkbar) oder letztlich und überhaupt die unstressigen Leute. All das ist nicht selbstverständlich und macht dieses kleine Fest zu einem überaus liebenswürdigen Fest.

Tag 2. Es stand schon vorher einigermaßen fest, dass dies der aufregendere und bewegtere Tag werden würde. Mehr Bands, die zudem fast alle im Punkrock oder besser gesagt, irgendwo in seinen vielen Variationen, heimisch sind. Mit Lotus Weaver ging es zur frühen Stunde noch etwas gemächlicher zu Werke. Ein etwas angestonedter Postrock, mit langsilbigen und weitläufigen Vocals und hin und wieder eingestreuten Sax-Klängen. Musikalisch und technisch sicherlich ausbaubar, als Tageseinstieg aber alles andere als eine schlechte Wahl. Das Anheizen war ihre Sache nicht, dafür gab es schließlich aber Glorious Thieves, die nicht nur den Ansagen-Award (den ich hiermit vergebe) abstaubten, sondern mit ihrem melodischem Deutschpunk reichlich Stimmung erzeugen konnten (wohlgemerkt um 15 Uhr nachmittags in verfluchter Hitze). Gut, einen Award für den besten Gesang bekommt Tobi für die eigenwillig-bayerische Interpretation der Tonleiter nicht, aber wir sind hier schließlich nicht bei DSDS. Das Jahninselfest sucht keinen Superstar, sondern ehrlichen und leidenschaftlichen Punkrock. Und den gab es mit herrlicher Schaumkrone serviert. Bei den Irish Handcuffs verhielt es sich übrigens ähnlich. Die teilen sich mit den Glorious Thieves nicht nur ein Bandmitglied, sondern auch die Fähigkeit das sonnenmüdes Publikum einigermaßen auf Trab zu bringen (und zu halten). Denn die berühmten drei Akkorde zocken sie schließlich ziemlich ohrwürmerisch im angenehm flotten Kopfnick- und Tanzbeintempo.

Und weiter ging es im Punkrock-Genrepool. Jetzt allerdings nicht mehr aus Regensburg im Jahre 2013, sondern aus Berlin im Jahre… na ja, sagen wir mal spätestens 1977: Radio Dead Ones. Dreckig, rotzig, versoffen und nicht zu vergessen – Spaß machend. Statt auf der Bühne nahm Sänger Bev vorzugsweise auf den beiden wackligen Subwoofern vor der Bühne Platz. Ob stehend, sitzend, tanzend, den Arsch herausstreckend, Bier verschenkend – er fühlte sich dort sichtlich wohl. Das Publikum übrigens auch. Und wenn der Radio-Dead-Ones-Sound schon der Zeitreise verdächtg ist, wie ist das erst bei den Modern Pets? Ausgehend im Jahr 1977 geht es bei ihnen noch fast ein Jahrzehnt zurück. Der Punk ist hier noch nicht ganz „gegründet“, sondern beginnt sich langsam aus dem Rock ’n‘ Roll zu entpuppen. Die vier Berliner, die allein optisch auf einer Rockabilly-Party der 60er Jahre nicht aufgefallen wären, schrubbeln direkt aus der Garage, in der der rostige 62er Cadillac rumsteht, groovigste Rockmusik, die sich im Jahre 2013 ein bisschen fremd anfühlt, die Zeitlosigkeit des frühen Punkrock aber umso eindrucksvoller bekräftigt.

Doch genug der Zeitsprünge und zurück in die Gegenwart. Dort nämlich, also im Hier und Jetzt, gibt es eine Band, die so etwas wie eine lebende Legende ist. 1980 (also doch wieder weit in der Vergangenheit) gegründet, einige Male getrennt und seit 2001 wieder mit hohem Gitarristen-Verschleiß unterwegs: Adolescents. Zwar haben sie gerade einmal sechs Alben (das erst ein paar Tage alte Presumed Insolent schon mit eingerechnet) veröffentlicht, doch waren sie dabei – insbesondere mit ihrem Erstlingswerk – stilprägend für ganze (Hardcore-)Punk-Generationen. Ohne Frage waren sie also der Top-Headliner des diesjährigen Jahninselfests. Und das in durchaus würdiger Manier. Tony Reflex lässt sich am Mikro kaum anmerken, dass er nicht mehr der Jüngste ist und schmettert der begeisterten Menge ganz alte, alte und neue Songs entgegen. Dass es bei so viel Bühnenerfahrung bewundernswertes Können und astreinen Sound geben würde, war klar. Dass die Kalifornier aber auch mit fast spitzbübischer Spielfreude unterwegs sind, verdient zusätzliche Anerkennung.

Übrigens wusste die Kleinkunstbühne auch am Samstag zu überzeugen. Allen voran mit den jungen und hauptsächlich Tegan & Sara covernden Mermaids und dem überaus amüsanten Zauberkünstler Jakob Mathias. Das war’s dann also mit dem Jahninselfest 2013 auf dem Rockzipfel. Von mir aus müsste es vom Grieser Spitz gar nicht wieder umziehen (na ja, wer weiß wie viele Jahrzehnte an der Steinernen noch gebaut wird) und klar ein bisschen kühler (nicht zu viel) dürfte es das nächste Mal schon sein, ansonsten fallen mir jedoch glatt keine Verbesserungsvorschläge ein und habe ich (ausnahmsweise) gar nichts weiter zu meckern. Jahninselfest – schön, dass es Dich gibt!

(Martin Oswald)

* Anm. d. Autors: Das wäre eine schön dramatische Pointe gewesen, stimmt dank schlechter Recherche allerdings nicht. Wir wurden darauf hingewiesen, dass es vor fast 20 Jahren bereits ein Jahninselfest auf dem Rockzipfel gab. Der Fehler sei mir verziehen.

Bellstop – Karma

Bellstop - Karma // Bild: kanoon-music.com

Heiße Luft?

Etwas wichtiger machen, als es ist. Wohl eine ganz und gar menschliche Tugend. Zumindest eingedenk der bisweilen hintersinnigen, teils aber auch geradezu verzweifelt anmutenden Versuche, die man Tag für Tag in dieser Richtung beobachten kann. Wenn man denn hinsieht. Und will. Ein gewisser NAGEL wird dieses Phänomen auf seinem irgendwann mal erscheinenden Solodebut pointiert anschneiden, wenn er „der Wirt sagt zu mir, ich bin kein Wirt, ich bin Bartender und ich sage ‚alles klar‘, ich bin auch kein Poet, ich bin Erfinder“ dahertexten wird. Bis dahin allerdings halten wir uns an Bellstop. Die kommen aus Island, machen zu zweit Musik und bezeichnen selbige fast schon keck als – oha! – ‚Folk ’n‘ Roll‘. Und zwar ohne Schmäh. Da ist es schon ein großes Glück für alle Beteiligten, dass wir Cleverle uns hier nicht so leicht zum Dünnbrettbohren verleiten lassen und messerscharf kombinierend erkennen: Nur weil man unter die Akustische ein kräftiges Schlagzeug legt und sich an Spurenelemente von Distortion wagt, ist das noch lange kein Rock ’n‘ Roll. Noch nicht mal Folk ’n‘ Roll, um genau zu sein. Das weite Feld, auf dem sich Bellstop bewegen hört vielmehr auf den schlichten Namen ‚Pop‘.

Zum Glück ist das alles aber gar nicht weiter tragisch. Hat man nämlich die obskurste Genrebezeichnung seit dem ‚Lounge-Metal‘ erst mal hinter sich gelassen, wird offenbar, dass der – und wir wiederholen uns da gerne – ‚Pop‘, den Bellstop auf Karma, ihre neue Platte übrigens, vorspielen derlei Wichtigtuerei eigentlich gar nicht nötig hat. Runar und Elin – so heißen die zwei, die zufälligerweise auch noch ein Paar bilden, nämlich – machen ihre Sache zumeist ausgesprochen gut. Das meint, sie verweben gewitzte Gitarrenfiguren mit schnieken Gesangsharmonien, die hauptsächlich von einem Frauenorgan vorgetragen werden. Dessen Power von Zeit zu Zeit dann doch einen Hauch von Rock ’n‘ Roll verströmt. Dabei heraus kommen 13 Stücke, die – das nervige Landio Mitt mal ausgenommen – rundherum gelungen sind. Das ein oder andere Highlight natürlich inklusive. Wenn sich nämlich zum Beispiel Trouble, seines Zeichens Opener und erste Single, angetrieben von einer hyperaktiv gezupften Gitarre aufmacht, die (aktuell zwar nicht vorhandene, aber hey…) Wolkendecke mit einem ausladenden Refrain im Vorbeigehen aufzureissen, ist das schon ziemlich begeisternd. Oder wenn Moving On direkt im Anschluss genau der Song wird, den Jack Johnson seit Jahren schon immer mal schreiben wollte: Eine Gitarre, die sich so zurückgelehnt gibt, wie es kein Reggae-Langweiler (ja, wir mögen Reggae nicht. Überhaupt gar nicht) und schon gar kein Jack Johnson dieser Welt könnte, ein paar ‚heys‘ ein paar ‚ohs.‘ Mehr brauchen Bellstop nicht, um zu gefallen. Nichts für Ungut Jack, übrigens.

Da ist es dann schon richtig schade, dass Bellstop im Fortgang der Platte immer mehr den Jack Johnson machen und zuweilen allzu Nettes präsentieren. Böse Zungen wurden nichtssagend schreiben, aber wir wollen mal nicht so sein. Dennoch: Stücke wie Run oder Daylight sind zwar nett anzuhören, erinnern wird man sich dennoch nicht wirklich lange an sie. Was angesichts des Doppelpacks aus Mister und Serenity zum Abschluss der Platte fast ein wenig unverständlich anmutet. Immerhin zeigen Bellstop zum Ende via angedeutetem Rocker (Mister) und Leisetreter (Serenity) gleich zwei mal überzeugend, was eigentlich in ihren Songs steckt.

So wird Karma dann unter dem berühmten Strich ’nur‘ eine gute Platte. Die fernab von heißer Luft zugleich auf mehr hoffen lässt. Und mal im Ernst: Das ist doch auch schon mal was.

6/10

Anspieltipps: Trouble, Moving On, Mister, Serenity

(Martin Smeets)

Bellstop – Karma | Kanoon Records | VÖ: 31.07.2013 | Digital

(Anm. des Verfassers: Kanoon Records ist ein, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, ziemlich interessantes Labelprojekt. Warum das so ist, schreibe ich hier aber nicht rein, weil hier der falsche Platz für Werbung ist. Für alle Interessierten: Klick.)

Strike Anywhere | 22.07.2013 | Molotow (Hamburg)

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Ein Abend in der Sauna

Montag Abend. Einer der heißesten Tage des Jahres. Okay, für Hamburger_innen wahrscheinlich auch der erste in diesem Jahr. Die Grünanlagen und der Elbstrand sind brechend voll. Denkbar schlechte Voraussetzungen für ein Konzert im unterirdischen Gewölbe des Molotow. Ein Blick auf die Uhr und der anschließende Blick vor den Club lassen wirklich nichts Gutes erahnen. Halb Neun und von einem Ansturm kann nicht die Rede sein. Überhaupt: Sollte nicht gerade bei so einem Schmankerl wie Strike Anywhere der Zulauf weitaus größer ausfallen?

Schnell ausgetrunken, Ticket gezückt und den Eingang angepeilt. Da kommt Thomas Barnett gut gelaunt um die Ecke und reiht sich mit ein. An der hanseatischen Zurückhaltung liegt es also schon mal nicht, sondern wirklich nur am Wetter. Und wenn sich der Sänger schon Zeit lässt um zur eigenen Show zu kommen, wird der Rest der Leute wahrscheinlich auch noch irgendwann eintrudeln. Beruhigt begebe ich mich vom Tresen zur Bühne.

Los ging es ziemlich zeitig und den Anfang machten…hmm…gute Frage. Nein ernsthaft ich hab es leider überhaupt nicht mitbekommen und meine Nachforschungen waren auch erfolglos. Wer kann, möge mir im Kommentarbereich weiterhelfen.

Mea culpa!

Obwohl der Vierer gegen den halb leeren Saal und die steigenden Temperaturen ankämpfen musste, machten sie einen ordentlichen Eindruck. Zu Hören gab es die klassische Mischung aus Punkrock mit Melodic Hardcore Versatzstücken der Marke Lagwagon und NOFX. Gerade die Songs, die stellenweise aus dem typischen Punkrock-Korsett ausbrachen wussten zu gefallen.

Fazit:  Sympathischer Eindruck und eine solide Leistung.

Kurzer Soundcheck. Dann erklimmt Thomas Barnett die Bühne und Strike Anywhere legten los. Der Sound lockte selbst die letzten Sonnenanbeter_innen ins Gewölbe und der Club verwandelte sich binnen weniger Minuten in eine brechend volle Sauna. Der Band gelang es das Publikum innerhalb des ersten Songs vollkommen für sich einzunehmen. Egal ob vorne im Pit oder in den hinteren Reihen. So vergingen erstmal paar Lieder, bis es zur Begrüßung kam. Geredet wurde ansonsten generell wenig. Hier und da gab es mal eine kurze Ansage zur Flüchtlingsproblematik oder Trayvon Martin. Vielmehr standen aber die Songs im Vordergrund.

Bei diesen wurde das ganze Spektrum von Change is a Sound, über Exit English bis zum aktuellen Album Iron Front geboten. Permanent konnte man die Energie im Raum förmlich spüren. Egal ob bei den alten oder den neuen Songs; das Publikum sang, ja gröhlte jede Textzeile mit. Die ersten Reihen waren, genau wie Barnett selbst, in ständiger Bewegung. Die Interaktionen verliefen perfekt, ja fast einstudiert. Alles schien zu einer harmonischen Masse zu verschmelzen. Niemand musste einen Pit herbei bitten, es passierte einfach. Die Leute passten auf sich auf und auch ohne ausschweifende Erklärungen hatte man den Eindruck, dass die Aussagen in den Köpfen ankamen beziehungsweise längst angekommen sind.

Hardcore is more than music. Bands wie Strike Anywhere gelingt es dies durch ihre Einstellung, ihr Schaffen und ihre Auftritte erfolgreich zu vermitteln. Nach einer kurzen Zugabe war es dann endgültig vorbei. Bei den Temperaturen und dieser sensationellen Show aber wirklich verschmerzbar.

Es war wieder einmal ein gelungener Abend im Molotow. Die anfängliche Irritation hat sich in Wohlwollen aufgelöst und sollte die Band mal wieder in der Gegend sein, werde ich mir auch beim nächsten Mal mein Ticket lösen. Das Gros der Leute genoss noch die Stimmung vor dem Club, bis sich dann auch die letzten rund um die Reeperbahn verteilten. Wäre doch nur nicht Montag…

PS: Danke an Let’s Keep Hardcore Positive für die Bereitstellung des Fotos!

( Dominik Iwan )

News | Juli 13 #7

+++ Neues aus Hamburg! Letzte Woche wurde eine gemeinsame Split 7“ von Yachten und Eklat veröffentlicht . Zwar sind beide Bands noch relativ jung, können aber schon mit einiger Erfahrung aufwarten (Bei Eklat tummeln sich zum Beispiel zwei ehemalige Escapado-Mitglieder). Zu hören gibt es deutschsprachigen (Post-)Punk mit typisch norddeutschem Einschlag, Captain Planet trifft auf Frau Potz, Oma Hans und Turbostaat. Besorgen kann man sich das ganze bei My Favourite Chords. Wie das so klingt, kann man hier erleben:


+++ Einen Schritt weiter sind da schon Messer. Diese veröffentlichen im Herbst ihr zweites Album mit dem Namen Die Unsichtbaren bei This Charming Man Records. Ende August wird es dann die erste Single (Neonlicht) geben. Hier gibt es auf jeden Fall schon einmal die Tracklist:

1. Angeschossen / 2. Die kapieren nicht / 3. Tollwut (Mit Schaum vor dem Mund) / 4. Staub / 5. Neonlicht  / 6. Das Versteck der Muräne / 7. Tiefenrausch / 8. Es gibt etwas/ 9. Platzpatronen / 10. Süßer Tee

+++ Evan Weiss ist ein unermüdlicher Kerl, nimmt er mit seinen drei Bands (Pet Symmetry, Their/They’re/There und Into It. Over It.) ständig Songs auf oder tourt in der Gegend herum. Wie er das macht? Keine Ahnung, ist eigentlich aber auch egal, solange es immer Neues anzuküdigen gibt, woraus man sich freuen kann. Diesmal: Into It. Over It. werden im Herbst, genauer gesagt am 24. September ihr neues Album Intersections veröffentlichen. Das Ganze wurde von Brian Deck produziert (Modest Mouse, Iron and Wine) und wird zwölf Songs enthalten.

Into It. Over It. - Intersections

01. New North-Side Air / 02. Spinning Thread / 03. A Curse Worth Believing / 04. Spatial Exploration / 05. Favor & Fiction / 06. The Shaking Of Leaves / 07. Upstate Blues / 08. No Amount Of Sound / 09. A Pair Of Matching Taxi Rides / 10. Obsessive Compulsive Distraction / 11. Your Antique Organ / 12. Contractual Obligation

Bridges Left Burning – Bystanders

Bridges Left Burning - BystandersEin Manifest

Auf den Zuschauerrängen machen es sich Bridges Left Burning also bequem: ‚bystanders‘ wollen sie sein. Beobachtend blicken sie in die Welt, nehmen allerlei Vorgänge um sich herum distanziert zur Kenntnis, greifen nicht ins Geschehen ein, sondern halten und lehnen sich zurück. Leidenschaftslos, nüchtern, unparteiisch. Da sitzen sie auf ihren gepolsterten Sesseln… Ja, spätestens hier ist Skepsis angebracht, denn – die Vermutung liegt vielleicht nahe – in Wirklichkeit verhält es sich ganz anders. Es braucht eigentlich auch gar nicht lange, um diese Einleitung als Farce zu entlarven. 20 Sekunden, um genau zu sein. „We still believe that this could be a place to live in freedom and peace / there’s still fire in our hearts, let’s get this done! It’s time to start!“ In Gangshouts verkündet A New Day’s Dawn die ersten Worte dieser Platte und macht zugleich klar, dass das hier keine Platte im eigentlichen Sinne ist, sondern ein Manifest. Bystanders ist kein Album, es ist ein politisches Pamphlet, ein zorniger Essay, eine vertonte Streitschrift, die in Form und Ausdruck keine Kompromisse eingeht, weil sie stets nur eines im Sinn hat: Haltung.

Doch blicken wir zunächst ein bisschen zurück. Seit einigen Jahren tummeln sich Bridges Left Burning in der Wildnis des bayerischen Waldes, haben vor zwei Jahren eine EP namens Disappointment, Disapproval, Disbelief veröffentlicht und sich getreu dem Motto: „Du kriegst an Waidler ausm Woid, oba an Woid ned ausm Waidler“ auch schon einige Male jenseits der Baumgrenze gewagt. Was vielleicht despektierlich klingt, ist nicht so gemeint. Denn gerade dort, wo der eigene Name öffentlich ans Rathaustor geschlagen wird, wenn man aus der katholischen Kirche austritt, dort wo im Wirtshaus die Bachforelle als veganes Essen gilt, dort wo der Pit-Bull-Germany-Zipper und das FreiWild-Shirt zum normalen Disko-Umgangston gehören, dort wo jede mit jedem verwandt und alle mit dem CSU-Landtagsabgeorndeten verschwägert sind, ist eine Band wie Bridges Left Burning am nötigsten. Melodic hardcore right out of the bavärian forest.

Bystanders gliedert sich in zwölf Kapitel, die – jedes für sich wie auch im Gesamtkontext – die Zuschauerrolle anklagen, die den Zynismus des Im-Sessel-Sitzenbleibens zerreißen und den sorglos Zusehenden das Fernsehbild unter die Nase reiben, das diese so gerne verdrängen und leugnen würden. Freilich ist die Zuschauerrolle eine, in die wir uns mit geschlossenen Augen und verschlossenen Ohren hineinbegeben und ist die Anklage auch eine Selbstanklage (This Is Not What It Said In The Brochure mit Gaststimme von Greg Bennick). Bridges Left Burning nehmen Haltung ein und dabei kein Blatt vor den Mund. Sie thematisieren schonungslos die Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt (The Way Of The World), religiösen Fanatismus (Holy Shit, The Atheist Suicide Bombers Are Coming To Fly Planes Into Jesus Camp!!! – der amüsanteste Songtitel übrigens, den ich seit langem gesehen habe) oder die Ursachen ökonomischer Krisen, die laut Band (richtigerweise) nicht in der Gier einer Weniger, sondern in systemischen Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft zu suchen sind (One Slice Of The Occupie, Please). All das ist eingebettet in einen Sound, der bissiger und härter ist, als die Vorgänger-EP hätte vermuten lassen. Das (fast) durchgehend hohe Tempo, das sich und den Hörer_innen kaum Verschnaufpausen gönnt, wird von einem zumeist metallisch-knarzendem Bass und einer wuchtigen Bass-Drum auf Trab gehalten. Die Gitarren grätschen in der Gegend herum, so dass nicht immer vorbehaltlos das Label ‚melodic‘ angebracht ist. Bystanders ist in Inhalt und Form eine höchst wütende Platte, die jedoch dann ihre besten Momente hat, wenn sie wiederholt melodische Gitarrenfiguren und -muster gegen die steinharte Rhythmuswand fährt, wie z.B. in Taken By Storm-Even The Mona Lisas Decays.

Das große Highlight kommt allerdings gegen Ende mit der Trilogie Residenzpflicht Im Lagerland. In drei Kapiteln und verschiedenen Perspektiven werden Zustände, Nöte und Sorgen von Flüchtlingen erzählt, die zu Gestrandeten, Geflüchteten, Verachteten und Ausgegrenzten werden. Es ist geradezu verstörend, dass der eindrucksvollste Refrain auf einem sonst refrainarmen Album mit den Zeilen: „we imprison them and alienate them from society„, im dritten Teil dieser mitreißenden Geschichte begangen wird. Es ist eigentlich brutal, dass dies in seiner Prägnanz, Kürze und Verzweiflung („they’re free now – free – free to leave for home“) der beste Song der Platte ist.

Mit Bystanders ist Bridges Left Burning ein beeindruckendes Full-Length-Debüt gelungen, das man sich vielleicht ein Stück weit zugänglicher und lockerer gewünscht hätte. Stellenweise – insbesondere im Mittelteil – überfordert es, weil es textlich zu ertragreich und musikalisch zu getrieben wirkt. Würde es ein wenig mehr erzählen, anstatt anzuklagen, aufzurufen und einzufordern und würde es sich ein paar mehr repetitive Elemente gönnen, man könnte es besser greifen und abspeichern. Auch strengt es manchmal an, dass Musik und Stimme verschiedenen Taktungen folgen, wobei letztere stellenweise druck- und kraftvoller sein könnte (ein paar zümpftige Seitansteaks für Sänger Matthias dürften für etwas mehr Power ausreichen). Aber genug der Belehrungen: Bystanders ist das Resultat von viel Leidenschaft, Arbeit und Idealismus (wovon nicht zuletzt auch das umfangreiche Booklet ein Zeugnis ist) und es ist zweifellos ein bärenstarkes Album Manifest einer Band, die man zwangsläufig auch jenseits des Bayerischen Waldes auf dem Schirm wird haben müssen.

8/10

Anspieltipps: A New Day’s Dawn, Gratitude Shouldn’t Be The Reaction To Someone Else Being Slaughtered First, Taken By Storm-Even The Mona Lisas Decays, Residenzpflicht Im Lagerland – Part III

(Martin Oswald)

Bridges Left Burning – Bystanders | Assault Records/Down The Drain Records | VÖ: 26.07.13 | LP/CD/digital

News | Juli 13 #6

+++ Dass muss einfach in jede Newssammlung: FIDLAR haben dem letzten Track ihres Debütalbums ein Video verpasst, das schon jetzt – ohne Übertreibung – als eines der irrwitzigsten aller Zeiten gelten könnte. Herrlich. Hier ist Cocaine:

(die Einbettungsfunktion will nicht wie wir wollen, also einfach oben klicken)

+++ Und da wir schon in Kalifornien sind: Adolescents. Die sind zwar gerade nicht in Kalifornien, sondern in Europa, aber immerhin sind sie so etwas wie die Vorreiter des kalifornischen Punkrock. Passenderweise bringen sie am 26.07.13 (einen Tag vor ihrem Jahninselfest-Gig) ihr neues Album Presumed Insolent raus.

Adolescents - Presumed Insolent

Ihre Tourroute sieht in den kommenden Tagen übrigens so aus:

23.07.2013 GER-Freiburg, Walfisch
24.07.2013 GER-München, Feierwerk
25.07.2013 GER-Nürnberg, K4
26.07.2013 ESP-Badalona, Estraperlo Club
27.07.2013 GER-Regensburg, Jahninselfest

Freiburg, München, Nürnberg, SPANIEN, Regensburg… also wer da beim Planen am Werke war?!

+++ Pet Symmetry, die Chicagoer Band um Evan Weiss (Into It. OverIt.) haben bevor sie auf Tour gehen, ihre Hipsterbrillen zusammengeworfen und zwei Songs ihres kommenden Debütalbums im „name-your-price“-Modus ins Internet gestellt:

+++ Die Moving Mountains bringen am 10.09. ihr nächstes, diesmal selbstbetiteltes Album heraus und haben nun Cover und Tracklist enthüllt:

Moving Mountains

1. Swing Set
2. Burn Pile
3. Hands
4. Seasonal
5. Eastern Leaves
6. Hudson
7. Under A Falling Sky
8. Chords
9. Apsides

(mo)

Heroes’n Ghosts + The Holy Kings + Swingin‘ Utters | 10.07.13 | Alte Mälze Underground (Regensburg)

Swingin' Utters Mälze 2013

14 Euro für ein Extreme-Life-Wasting-Konzert ist eine ungewohnte Dimension. Aber klar, eine Band wie die Swingin‘ Utters lässt sich auch nicht mit einem lauwarmen Zuckerbrot locken und die Mälze wirft einem die Einmietung in die Location auch nicht gerade hinterher. Und: für Reisende aus San Francisco und dem exotischen Graz (Heroes’n Ghosts), die verpflegt und gewaschen werden wollen, kann man den Betrag schon abnicken. Selbiges tun dann auch zahlreiche andere Besucher_innen, so dass es mir scheint, als müsste ELW glücklicherweise keine roten Zahlen befürchten. Dass doch so viele (ganz ganz unverlässliche Schätzung: 100) hergefunden haben, überrascht angesichts des Sommerwetters, das ja so lange vermisst wurde, doch ein bisschen. Aber warum denn eigentlich nicht? Wenn die Dämmerung einsetzt, ist es ja fast egal, ob man die Hitze draußen oder drinnen genießt. Also zumindest fast.

Heroes'n Ghosts

Heroes’n Ghosts

So wirklich alle konnten Heroes’n Ghosts noch nicht aus dem Biergarten locken, dennoch spielten sie beachtenswert gegen den wirklich miesen Sound an und unterhielten mit ihrem folkinspirierten Punkrock, der mit Leichtigkeit ohrwurmverdächtige Melodieschleifen („whoahohoho / whoa ho ho ho hohoho“) zu drehen weiß. Nur wie gesagt, die Mälze-Underground-Krankheit nervt gewaltig: das Soundspektrum, das sich auf dröhnend-ranzige Mitten beschränkt. Null Bass. Null Höhen. Aber was soll’s: man gewöhnt sich daran und wider Erwarten sollte sich das hernach sogar spürbar bessern.

The Holy Kings

The Holy Kings

Schon The Holy Kings sollte es diesbezüglich besser ergehen. Von ein paar Bass-Problemen vielleicht abgesehen, die mit gekonnten Schlägen auf das Topteil nachhaltig behoben werden konnten. Ihre letzte Show in diesem Jahr im schwitzigen Ambiente: was gibt es schöneres? Sänger und Entertainer Schtifn ließ es sich nicht nehmen, die anfänglich übliche Distanz von Band und Publikum gleich beim ersten Takt durch einen Sprung von der Bühne zu zerschmettern. Auch sonst ist er natürlich Mittelpunkt einer jeden Holy-Kings-Show, hopst, räkelt, kullert, kriecht, sprintet und tänzelt er ja ununterbrochen durch die Gegend. Das ist hochgradig amüsant und überzeugend zugleich. Gerade letzteres ist allerdings eine Kunst für sich, ist ein allzu exzentrisches Auftreten schnell auch mal am Rande der Lächerlichkeit beheimatet. Nicht so bei den Holy Kings, denn wenn sie etwas verstehen, dann ist das eine rundum stimmige, leidenschaftliche und mitreißende Live-Show zu spielen.

Swingin' Utters

Swingin‘ Utters

Von den Swingin‘ Utters in Sachen Performance eine Steigerung zu erwarten, ist denkbar, aber fast nicht möglich. Musikalisch setzten sie natürlich aber noch einen rauf. Ihr ausgefuchster Punkrock genießt nicht umsonst seit zwei Jahrzehnten den Ritterschlag bei Fat Wrack Chords zu erscheinen. Das Punkrock-Veteranentum, das sie nicht nur altersmäßig verkörpern, ist allenthalben bemerkbar und nicht zuletzt in der Souveränität ihres Vortrags sicht- und hörbar. Sogar der Sound passt. Irritierend sind freilich Johnny Peebucks‘ roboterähnliche Bewegungen, die er immer wieder einstreut, so als würde es besonders interessant aussehen. Tut es nicht. Irritierend ist auch, dass Zweitsänger Darius Koski das Gesangsfach um einige Klassenstufen besser als Peebucks beherrscht. Aber mei, wir sind ja hier auf einem Punkrock-Konzert und auch wenn der Frontmann der Swingin‘ Utters keine musikalische Segnung erfahren hat, so ist er in Auftritt und Erscheinung doch ein liebenswürdiger Kauz, den man ins Herz schließen muss. Auch erwähnenswert: Jack Dalrymples Shirt, das sich anfänglich in einem hellen Grauton präsentierte, sich im Laufe der Zeit aber komplett (ungelogen komplett) in dunkles Grau verwandelte. So muss man erst einmal schwitzen können. Und nicht nur sein T-Shirt war der Beweis: der Abend war heiß – in jedem möglichen Wortsinn.

(Martin Oswald)

P.S.: Die Bilder sind nicht schwarz-weiß, um besonders „künstlerisch“ zu wirken, sondern um die fotografische Untauglichkeit des hiesigen Autors zu kaschieren.

Palms – S/T

Palms - stVersöhnlich entrückt

Wenn das mal keine spannende Besetzung ist, die da zusammengefunden hat. Die Ex-Isis-Mitglieder Jeff Caxide, Aaron Harris und Bryant Clifford Meyer haben sich in Los Angeles ab und an zu ein paar instrumentellen Jamsessions getroffen. Zwanglos, ohne Plan. Im Jahre 2011 war das, im Nachgang der Isis-Auflösung. Dabei sind im Laufe der Zeit auch Songs entstanden, die aber irgendwie das Bedürfnis nach einem passenden Gesang hatten. Es traf sich also vorzüglich, dass Harris als Drum Tech für die Deftones unterwegs ist und Chino Moreno auf Tour das neue Projekt schmackhaft machen konnte. Der Sänger (und Texter) ward gefunden – und was für einer. Die Aufnahmen zur ersten Selbstbetitelten dieser vielversprechenden Band zogen sich ein bisschen hin. Immerhin ist gerade Morenos Zeit dünn gesät. Schließlich hat Mike Pattons Label Ipecac (auch Isis-Stammlabel) die Platte in diesem Sommer raugebracht.

Sommer ist auch die erste Assoziation, die man bei Palms hat. Nicht nur der Name trägt dazu bei, auch das Cover, auf dem sich die Morgendsonne den Weg durch Felsklippen und dichte Wolken bricht. Oder ist es die Abendsonne, die sich nach einem langen heißen Tag langsam zur Ruhe setzt? US-Westküste? Patagonien? Man weiß nicht so genau, wo man sich befindet, außer eben mittendrin in Palms.

Das Auffälligste, neben dem Cover, vorneweg: die Platte überrascht mit einem versöhnlichen Sound, der von der Isis-Fraktion nicht unbedingt zu erwarten war. Zumindest nicht in dieser Konsequenz. Aggressivität, Metal-Ausbrüche, (Aaron Turners Gekeife) und brachiale Soundgewalt sucht sich hier tatsächlich vergeblich. Dennoch ist die Handschrift der Isis-Rhythmussektion (Harris und Caxide) unverkennbar und überall präsent. Sie ist es aber auf eine warme und zutrauliche Weise. Nehmen wir z.B. den Opener Future Warrior. Ein effektgeladenes Keys- und Drumintro bereitet mit ausgebreiteten Armen einen herzlichen Empfang, der freilich auch irgendwie unentschlossen und rätselhaft ist. Die zaudernde Gitarre trägt dazu ebenso ihren Teil bei wie Morenos Gesang, der wie gewohnt stark verzerrt und klanglich verfremdet ist und dabei noch eine ganze Schippe entrückter daherkommt als bei den Deftones. Entrückung ist überhaupt allenthalben Inhalt und Mittel dieser Platte. Der kürzeste der insgesamt sechs Songs bringt es auf fast sechs Minuten. Die anderen spielen sich zum Teil deutlich darüber ab. Das heißt zunächst: Palms haben keine Eile, behutsam bauen sie die Songschichten übereinander und gönnen sich immer wieder lange Atempausen, in denen sie Melodie und Rhythmus auf das Nötigste reduzieren und in die Moreno manchmal hinein haucht, manchmal auch nicht. Patagonia ist so ein Paradebeispiel. Der Song wird nach und nach aufgetürmt, in refrainähnliche Schleifen gelockt, um dann wieder abgetragen zu werden und bevor er überhaupt richtig greifbar wird, zu entschweben. Zur Entrückung tragen nicht zuletzt auch die kryptischen Lyrics bei, die sich meist aus abstrakten Satzfragmenten zusammensetzen und ihren Sinn nicht im Offensichtlich-Konkreten suchen.

Der beste Song gelingt Palms wohl mit dem Zehnminüter Mission Sunset (der vielleicht auch die Frage des Plattencovers beantwortet). Ein Glanzstück des Postrock, das sich tatsächlich nicht scheut auch mal eine härtere Gangart einzulegen und das sich zudem in einem tollen Finale ergießt: Hovering the throes of time / Hard to resist / We know it’s our time / Rest your eyes. Auch Shortwave Radio setzt herrliche Akzente. Sei es der Goodbye-Refrain, sei es das ausführliche Bass-Intermezzo oder das kratzig-erhabene Ende. Die völlige Entrückung zelebriert übrigens Antarctic Handshake, das nur beim Lesen des Titels ein Frösteln verursacht, dann aber zunächst voller Wärme in die schönsten Träume entlässt, nur um ein sich langsam anschleichendes Erwachen mit gleichmäßig-überbetonter Rhythmik  vorzubereiten. Sie Sonne geht unter, aber sie geht auch wieder auf. Im gleichen Tempo, immerfort. Schön.

Was vielleicht verwunderlich ist: trotz der Abstraktheit und Transzendenz des Sounds ist Palms ein recht zugängliches Album, eben weil es so versöhnlich und warmherzig klingt und damit den beiden Teilen der Band sehr friedvolle Facetten abgewinnt. Selbst Harris‘ Schlagzeug setzt auf wohlige Klangfülle und ist nicht annähernd so staubtrocken wie zu Isis‘ Zeiten. Wer übrigens Isis vermisst, wird mit Palms nur bedingt entschädigt, wer sich allerdings nach einem experimentierenden Postrock-Album mit einer hochkarätigen Besetzung sehnt, dürfte hier eindeutig fündig werden.

8/10

Anspieltipps: Patagonia, Mission Sunset, Antarctic Handshake

(Martin Oswald)

Palms – S/T | Ipecac Records | VÖ: 28.06.13 | LP, CD, digital

News | Juli 13 #5

+++ Der Quasi-Alpinist-Pausenfüller Jungbluth, bringt nach einer EP im vergangenen Winter am 22. Juli seine erste LP namens Part Ache raus. Der Verdacht, den man seit November haben konnte, dass der Dreier nicht nur ein Pausenfüller ist, bestätigt sich darauf. Jungbluth sind weit mehr. Ihre Platte gibt es in verschiedenen Vinylauflagen und als gratis Download. Wer letzteren nicht gratis möchte, kann auch etwas zahlen, was die dann an „Anarchist Black Cross Belarus“ spendet. Infos und Download gibt es hier, Part Ache zum Streamen hier:

+++ Nach fast 15 Jahren Bandgeschichte wird es mal Zeit für eine B-Seiten-Sammlung. Das müssen sich Rise Against gedacht haben, als sie beschlossen, Long Forgotten Songs zu veröffentlichen. Diese bringt 26 B-Seiten und Cover zusammen, die im Verlauf der Jahre entstanden sind, bisher aber auf keine Platte gefunden haben. Am 6. September wird diese Compilation erscheinen und folgendes Outfit tragen:

Rise Against - Long Forgotten Songs

+++ Deutlich mehr Jahre auf dem Buckel haben Die Goldenen Zitronen. Und die kommen im Jahr 2013, ebenfalls im September, mit einem neuen Album um die Ecke. Who’s Bad? wird es heißen und 15 Songs beinhalten. Das Cover ist schon einmal… na ja, sagen wir mal, mystisch:

Die Goldenen Zitronen - Who's Bad?

+++ Ein neues Album ist auch bei AFI überfällig. Mutmaßungen, dass es bald soweit sein könnte, befeuert vor allem die Tatsache, dass in wenigen Tagen eine Single veröffentlicht wird, die auf den Namen I Hope You Suffer hört und bereits jetzt zu hören ist:

+++ Irish Handcuffs haben eine 7“-Split mit 7 Years Bad Luck fertiggestellt, die nun in Vinylfassung hier vorbestellt werden kann. Release ist pünktlich zum Jahninselfest und der Song Neurotic klingt übrigens so:

(mo)