Boysetsfire – The Misery Index: Notes From The Plague Years

Boysetsfire - The Misery Index // Bild: de.7digital.com

Ein weites Feld

Es gibt Platten, die sind auf ihre ganz eigene Art hinterhältig. Alben die gehört und als ‚gut‘ abgenickt werden. Und doch aus nicht näher definierbaren Gründen im Laufe der Zeit ein klein wenig in Vergessenheit geraten. Nur um später, nach ein paar Monaten, oder, wie in diesem Falle, vielleicht Jahren, so ziemlich aus dem Nichts wieder um die Ecke zu kommen. Im konkreten Beispiel gar unterstützt von den äußeren Bedingungen – ein zugiger Morgen, ein Heimweg am Fluss entlang, ein paar verschüchterte Sonnenstrahlen, die sich den Weg durch die noch klammen Blätter bahnen und dann: Boysetsfire. Genauer gesagt (und ich verzichte an dieser Stelle mal auf den vollständigen Titel) The Misery Index. Keine gewöhnliche Platte, mehr ein Parforceritt durch alle möglichen, mehr oder weniger abstrusen Genres, die gerade so zur Hand waren. Und die Frage: Warum um alles in der Welt fällt es mir erst jetzt, sieben Jahre zu spät, wenn man so will, auf, welch Juwel sich da in meiner Sammlung befindet? Wie konnte ein Album so lange die Füße still halten? Wo es doch – Vorsicht, verflixt steile These – in gewisser Hinsicht das beste Album dieser an sich schon großartigen Band ist.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Das beste Album dieser Band. Das beginnt schon bei der Produktion, die, wie schon auf dem etwas lahmen Vorgänger Tomorrow Come Today, mehrere Meter dick ist. Allerdings dieses mal ohne die Dynamik der Songs zu (zer)stören. Wuchtig kommen die Songs daher, aber doch zugleich wieselflink und wendig. Das geht weiter beim Opener Walk Astray, der alles, aber auch wirklich alles, was Boysetsfire ausmacht, in knapp fünf Minuten auf den Punkt bringt: Das fast unfehlbare Gespür für eindringliche, fast empathische Melodien, die diebische Freude an halsbrecherischen Abfahrten in Richtung Krach und – man kann es einfach nicht oft genug erwähnen – dieses unverwechselbare Organ, das sich durch den Song singt, keift und leidet. Textlich natürlich in bekannter Boysetsfire-Manier garniert: „I don’t wanna sing about freedom anymore. I wanna see it, I wanna feel it, I wanna know that it still sits beyond the lies that we’ve been told, beyond the wars that keep our families from home..“ Gefühlvoller Ausdruck bei klarer Haltung. Ein Kunststück, dass nicht vielen so formvollendet gelingt.

Zu diesem Zeitpunkt sind aber gerade einmal fünf Minuten von The Misery Index verstrichen. Es folgt also noch eine ganze Menge. Requiem zum Beispiel, dass sich in der tiefen Verneigung vor At the Drive-In (man vergleiche den Beginn von Requiem und Pattern Against User, ich denke mir das hier nicht aus) übt und in graziöser Pose den Pop anschmachtet. Und zwar mehr als gelungen. Oder die lustvoll zelebrierte Brutalität von Final Communique, das in unter zwei Minuten so mir nichts, dir nichts alles nieder mäht, was sich ihm in den Weg stellt. Oder das atemberaubende (10) And Counting, das in all seiner Hymnenhaftigkeit bisweilen nicht nur mit My Life In The Knife Trade mithalten kann, sondern selbiges teilweise sogar überflügelt. Oder natürlich das unvermeidliche Empire. Kurz und gut: Ein Hit eben.

Und dann, nachdem man sich an der ersten Hälfte des Albums schon nur schwerlich satt hören konnte, öffnen Boysetsfire dem Wahnsinn Tür und Tor. In Form von So Long… And Thanks For All The Crutches nämlich. Es mag ja sein, dass die Herren Gray und Co. schon immer für die ein oder andere Überraschung gut waren. Aber im Ernst: Ein Freejazz-Intro? Ein Hip-Hop-Beat zum Ende? Und das alles in drei Minuten? Wo doch zwischen diesen völlig unterschiedlichen Welten ein traumhaft mitsamt Bläsern runter geholzter Brocken liegt, der selbst ein Release The Dogs in die Tasche steckt? Meine Güte, wer soll das denn noch verstehen? Und doch: Es funktioniert. Ganz und gar exzellent sogar. Verstehen muss man diese Ausbrüche ja auch gar nicht, so lange solche Highlights herausspringen, wenn man Boysetsfire einfach mal machen lässt.

Begleitet von dieser Einstellung wundert man sich auch gar nicht mehr so arg, wenn die Band in Deja Coup in etwas abbiegt, was man als die Boysetsfiresche Spielart von Ska (pah, als ob irgendjemand die Worte Boysetsfire und Ska vor dieser Platte in einen semantisch sinnvollen Zusammenhang hätte bringen können) bezeichnen könnte. Und selbst das nicht nur unfallfrei, sondern sogar grandios auf die Kette bekommt. So muss es wohl klingen, wenn man sich Narrenfreiheit erspielt. Schließlich könnte jetzt, nach so viel wilder Sprunghaftigkeit, wirklich alles kommen. Was aber kommt, sind zum Abschluss willkommen gewöhnliche Songs, ehe Boysetsfire ihre HörerInnen in A Far Cry mit Verve aus der Platte prügeln.

Jetzt mögen sicher viele einwenden, dass das hier ja alles schön und gut sei, aber die beste Platte dieser Band doch bitteschön ganz eindeutig After The Eulogy ist. Und ja, das stimmt auch. DAS Boysetsfire-Album bleibt natürlich, allein schon aufgrund von Songs wie After The Eulogy und Rookie in Sachen Abgeschlossenheit und Dringlichkeit unerreicht. Wenn es aber um Fragen nach Facettenreichtum und Abwechslung geht, wenn man den Mut honoriert, den es braucht um das ein oder andere Stück auf The Misery Index genau so unterzubringen, wenn man das unglaubliche Spannungsfeld bedenkt, an dem sich die Band hier abarbeitet, dann kann und muss man nur zu einem Schluss kommen: An The Misery Index führt kein Weg vorbei. Dieses Album ist essenziell.

9/10

Anspieltipps: Walk Astray, 10 (And Counting), So Long… And Thank For All The Crutches

(Martin Smeets)

Boysetsfire – The Misery Index: Notes From The Plague Years | Burning Heart (Indigo) | VÖ: 24.02.2006 | CD/LP/Digital

Listener – Time Is A Machine

Listener - Time Is A Machine // Bild: new-transcendence.com

Die Unfassbaren

Sollte jemals irgend jemand in die Verlegenheit kommen, das Wort ‚unberechenbar‘ definieren zu müssen: Es sei ihr oder ihm wärmstens Listener ans Herz gelegt. Mit denen verhält es sich nämlich so, dass man nicht nur kaum ausmachen kann, welche irrwitzigen Wege und Wendungen ihre Songs demnächst einschlagen, man kann sich sogar nicht ein mal wirklich sicher sein, in welchem Genre die (inzwischen) drei auf ihren jeweiligen Platten wildern. Kein Wunder, ist die Band doch als Solo-Hip-Hop-Projekt ins Leben gerufen worden und zuletzt auf Wooden Heart bei unlackierten, gebrechlichen und dennoch zumeist recht heftigen Akustik-Spoken-Word-Skizzen (die Anzahl von Bindestrichen macht deutlich: Genrezuschreibungen zwecklos) mitsamt Bläsern und Liebe zur Melodie angekommen. Der Genrerückwärtssalto begleitet von einem angetäuschten Rittberger also? Kein Problem für Listener. Die Spannung vor dem ersten Durchlauf der neuen Platte Time Is A Machine? Dementsprechend groß.

Doch siehe da: Der erste Eindruck evoziert etwas, was man so noch nie beim Genuss eines Albums dieser Band verspürte: Ein pikiertes Stutzen. Gerade mal acht Songs haben den Weg gefunden, auf Time Is Machine. Gerade mal 30 Minuten dauert es, bis man wieder beim Opener Eyes To The Ground For Change angelangt ist. Hinzu kommt – natürlich – das neue Klangbild, das einige Eingewöhnungszeit erfordert sowie eine etwas merkwürdige Anordnung der einzelnen Stücke. Da weiß man dann auch zunächst nicht so wirklich genau, wo man diese Platte nun einordnen soll, jenseits der Attribute kurz, zerfahren, ja fast hingeworfen.

Aber hey: Wir sind hier schließlich bei Listener. Wer würde da schon leicht zugängliche Magerkost erwarten? Richtig, niemand. Und so passiert es dann auch früher oder später unweigerlich: Hat man erst mal die obersten, sperrigen Schichten von Time Is A Machine verdaut, hat man aufgehört, der größtenteils eingemotteten Akustischen hinterher zu trauern, hat man sich erst mal mit der allenthalben vorherrschenden verhallten Distortion angefreundet, ist Time Is A Machine nämlich vor allem – ein brillantes Album. Plötzlich erweist sich das Doppel zum Einstieg aus dem erwähnten Eyes To The Ground For Change und Good News First, das man aufgrund der Ähnlichkeiten zwischen beiden Songs zunächst als unglücklich gewählt sah, als goldrichtiger und bislang so ziemlich aggressivster Einstieg in eine Listener-Platte. Plötzlich ist sie spürbar, die wuchtige Intensität, die den Refrain von Good News First umgibt. Plötzlich kapiert man, dass man es hier im weiteren Verlauf mit einem – für die Verhältnisse dieser Band – astreinen Rockalbum zu tun haben wird. Plötzlich macht hat sie Sinn, die inhärente Dramaturgie einer Platte, die wie entfesselt los legt, nur um sich – das fulminant nach vorne preschende I Think It’s Called Survival mal ein wenig ausgenommen – Song für Song ein Stück an sich selber zu beruhigen und paradoxerweise gleichzeitig zu berauschen. Dabei immer Dreh-und Angelpunkt: Dan Smiths stimmliche Präsenz, die den nötigen Klebstoff liefert, um nicht nur die Songs, sondern das gesamte Album zusammen zu halten. Und natürlich die ausufernden Lyrics, die, obschon von zumeist dunkler Couleur, von Zeit zu Zeit immer wieder Punchlines hergeben, die auch ein Marcus Wiebusch bedenkenlos mit Edding an die Wände hauen würde. Mitlesen lohnenswert.

Dass diese Melange dann trotz anfänglicher Irritationen ein – pardon – saustarkes Album ergibt, ist wenig überraschend. Dass Listener sich auf Time Is A Machine aber auf Wege begeben, die man so keineswegs erwarten konnte hingegen schon. ‚Episch‘ wäre das Attribut, das immer wieder vor den Augen auftaucht. Der Stempel, den man dieser Platte mit jedem Song mehr aufdrücken möchte. Gerade wenn eben I Think It’s Called Survival nach krachledernem Beginn in eine größtmöglich ausladende Strophe abbiegt zum Beispiel. Oder wenn sich Everything Sleeps an Spannungsbögen versucht, die ihren Ursprungsort irgendwo im weiten Feld des Postrock haben könnten. Vor allem aber, wenn Listener ihr neuestes Werk beschließen. Und zwar mit einem ihrer verschlepptesten, simpelsten und eben deswegen wirkungsvollsten Songs, mit It Will All Happen The Way It Should. Ein Stück, das zum Ende der Platte auf leisen Sohlen die nötige textliche Trostrunde ausgibt, dass zunächst nicht mehr braucht, als eine traurig-verwischte Gitarrenfigur. Und das am Ende ein Bratzgitarrengewitter aus dem Lehrbuch anschwellen lässt, um Time Is A Machine auf die großartigste Weise zu verabschieden. Laut, anmutig, würdevoll. Ein Song, der immer funktioniert. Der eigentlich nie fehlen darf. Für den man sich fest bedanken möchte.

Listener also? Auch auf ihrer neuen Platte kaum zu greifen. Und gerade deshalb wohl eine der aufregendsten aktiven Bands.

9/10

Anspieltipps: Good News First, I Think It’s Called Survival, Everything Sleeps, It Will All Happen The Way It Should

(Martin Smeets)

Listener – Time Is A Machine | DIY | VÖ: 18.06.2013 | Digital

Goodbye Fairground – I Started With The Best Intentions

album_2011_small Ein Sommernachtstraum

Endlich Sommer! Noch auf der Suche nach dem passenden Soundtrack? Goodbye Fairground wären hierfür ein heißer Kandidat und liefern mit ihrem neuen Album I Started With The Best Intentions elf verdammte gute Gründe, um lauwarme Sommernächte am See euphorisch ausklingen zu lassen.

Mit ihrem zweiten Longplayer liefern die Essener leidenschaftliche Hymnen, im Dunstbereich von intensiven Indie-Melodien und einer ordentlichen Ladung Punkrock, ab. Gepaart mit intelligenten Texten und eingängigen Melodien, die nicht nur ins Herz, sondern direkt ins Bein gehen.

Begrüßt wird man mit dem mitreißenden Breitwand-Intro des Openers Nails, welches so unverschämt gut klingt, dass man nicht umhin kommt die Anlage aufzudrehen. Dieses euphorische Gefühl verlässt einen auch bei den restlichen Songs nicht und spätestens bei Western Gold, setzt doch die Verwunderung über die dicke Produktion ein. Die Platte klingt nach feinstem New Jersey Adult Punkrock nur eben „Made in Essen“. Ab Crossing The Tan Line kommt die Punkrock Attitüde der Band vermehrt zum Vorschein und bei March of the Rats gibt es dann endgültig kein Halten mehr. Da werden die Ärmel hochgekrempelt und sich waghalsig ins Gemenge gestürzt. Der ordentliche Punkrock-Einschlag gibt den Songs die Möglichkeit aus dem stellenweisen etwas zu glatt produzierten Korsett auszubrechen. Das rastlose Schlagzeug, der druckvolle Bass und die melodischen Gitarrenriffs halten die dynamischen Songs, wie Elephant Graveyard, City Patriots oder Look Up Hannah! erfolgreich zusammen. Den Rest erledigt die raue und eingängige Stimme von Frontmann Benjamin. Auf der anderen Seite stehen dann noch Songs wie Mute, Blame It On The Latency oder  I`m On Six, die teilweise deutlich ruhiger daherkommen sich aber perfekt ins Gesamtbild einfügen. Die Fäuste bleiben hier zwar in der Tasche, dafür kann getrost beim Mitsingen die Bierflasche in den Himmel gestreckt werden.

Mit I Started With The Best Intentions ist Goodbye Fairground eine unglaublich homogene und nur so vor Leidenschaft strotzende Platte gelungen. Das Zusammenspiel aus hymnenhaften Punkrock mit dynamischen Indie-Anleihen funktioniert nahezu perfekt und auch wenn ich anfangs vom Waschzettel und den Werbeanzeigen genervt war; Goodbye Fairground schlagen wirklich erfolgreich in die Kerbe von Gaslight Anthem und Against Me!. Aber hey, man hätte sich auch schlechtere Vergleiche erspielen können.

9/10

Anspieltipps: Nails, Western Gold, Elephant Graveyard, March of the Rats, City Patriots, Mute

(Dominik Iwan)

Goodbye Fairground – I Started With The Best Intentions | Concrete Jungle Records | VÖ: 31.03.2013 | CD/LP/digital

City Light Thief – Vacilando

City Light Thief - Vacilando

Die Hymne

Man hört es ja täglich: Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Was heute noch als der heißeste Scheiß abgefeiert wird, ist morgen schon ranziges Zeug von vorgestern. Trend folgt auf Trend, Ereignisse und Entwicklungen liefern sich ein nicht enden wollendes, aufreibendes Rennen, Entschleunigung wird zum jederzeit gern gesehenen Stichwort. Mittendrin im Strudel der Umwälzungen: Die Musik. Genauer gesagt, der Post-Hardcore. Der schwemmte gerade in jüngerer Zeit eine Anzahl an atemberaubenden Bands – man nehme nur La DisputePianos Become The Teeth oder Touché Amoré – an, die man nur schwerlich überschauen konnte. Und die, man kann es kaum leugnen, doch einige dazu bewegt hat, den ollen Post-Hardcore als formelhaftes Genre mit wenig Überraschungspotential abzutun. Hier ein paar disharmonische Akkorde, da verschleppte Beats und ein bisschen vertracktes Drumming, dort ein paar kernige Shouts. Fertig. Könnte man meinen. Doch halt! Hier soll ja schließlich nach Punk, Emo, Hardcore oder Postrock nicht schon wieder ein Genre in die Existenzkrise geschrieben werden. Das wäre auch völlig vermessen. Und schlichtweg falsch.

Warum? Weil im zugegebenermaßen weiteren Spannungsfeld eben dieses ollen Post-Hardcore eben auch in regelmäßigen Abständen Bands des Weges vagabundieren, die etwaigen Krisenschreiberlingen jedes Wort kurzerhand voller Spielfreude um die Lauscher prügeln. Jüngstes Beispiel aus dieser erlesenen Riege: City Light Thief. Der Sechser, der seit 2009 unter diesem Namen durch die Landen tingelt, legt nämlich jetzt mit Vacilando sein jüngstes Werk vor. Und liefert elf Songs ab, die schon der leisesten Spur einer Möglichkeit genreimmanenter Eintönigkeit gehörig die Leviten liest. Schließlich bewegen sich City Light Thief mit Vacilando weit über etwaige Genregrenzen hinaus, schmiegen sich dann und wann an den guten, alten Stadionrock an, kokettieren zeitweise mit indieesquen Momenten und geben dort, wo es nötig ist, auch mal den Haudrauf. Dass die Spagate, die hier aufgeführt werden, bisweilen waghalsig ausfallen ist kein großes Wunder, im Gegenteil – die Dynamik, die dieser Platte inne wohnt, ist nur folgerichtig. Schließlich spielen hier nicht nur bloße Epigonen der oben erwähnten Trendsetter vor, nein, die musikalischen Vorbilder, die Songs wie Panica oder Makel erst möglich machen, sind schon in etwas älteren Jahrgängen zu suchen. Und sie sind groß.

Möglicherweise zu groß, möchte man zwischenzeitlich meinen, geistern den geneigten HörerInnen während Vacilando doch solch namhafte Bands wie Thursday oder vor allem(!) Thrice durch die Synapsen. Gerade die beeindruckend – und ja, wir müssen an dieser Stelle auf dieses bescheuerte Wort zurück greifen – tight aufspielende Rhythmussektion, die eines Hasen auf der Flucht gleich, einen Haken nach dem anderen schlägt, lässt zwangsläufig Erinnerungen an späte Thrice aufkommen. Die immer wieder durch die Songs wabernden Gitarrenfiguren, die sich mit jeder Note vor dem Teppeischen Riffsport verneigen, machen diesen Eindruck schließlich komplett. Dass die Stücke dennoch nicht zur stumpfen Kopie geraten, ist nun vor allem der Art und Weise zu verdanken, mit der City Light Thief die verschiedenen Songbausteine kombinieren. Was dabei dann herum kommt, ist durchgehend aller Ehren wert. Schon der Opener Battue bohrt dicke Brette, macht ohne falsche Zurückhaltung und mit viel Bohei den Weg frei. Zum Beispiel für einen Refrain, der mitsamt seines unwiderstehlichen Gitarrenlaufs vor allem eines ist: Unverschämt eingängig. Oder für die Single Panica. Ein Stück, das vor den Bühnen der Welt mit beängstigender Zuverlässigkeit für fliegende Arme und blaue Flecken sorgen dürfte. Und das sich ganz nebenher mit jedem Hördurchlauf mehr zum verdammten Hit mausert. Oder für die Gitarrenarbeit in Portland, Maine, in die man sich in Mitten der auf Vacilando omnipräsenten Gangshouts glatt verlieben könnte. Ach ja, die Gangshouts: Wohl ein Merkmal dieser Platte, an dem sich so manche Geister scheiden dürften, ist doch der inflationäre Einsatz selbiger durchaus hinterfragbar. Andererseits bekommt die gesamte Platte, hat man sich erstmal an die überbordende Mehrstimmigkeit gewöhnt, eine gänzlich unvermutete Dynamik, wird Vacilando zu einer nicht enden wollenden Hymne. Dabei leuchten gerade die Songs, die zwischendurch ein wenig das Tempo heraus nehmen, am hellsten. Wird das Finale, auf das das – man schreie bitte jede Silbe lauthals in den Tag – unglaubliche Helicopter Youth langsam, aber zielstrebig, hinarbeitet, umso umwerfender. Wird das getragene Omori in seiner balladesken Art mal eben zu einem der beeindruckendsten Songs der Platte.

So braucht sich Vacilando dann auch gar nicht mal vor Bands wie Thursday oder Thrice verstecken. Klar, diese Platte kann Werken wie Vheissu oder Full Collapse kein halb volles Glas Wasser reichen. Klar ist aber auch, dass City Light Thief das auch zu keiner Sekunde vorhaben. Für bloßes Epigonentum ist Vacilando nämlich zu eigenständig. Und auch irgendwie zu gut.

8/10

Anspieltipps: Panica, Helicopter Youth, Makel, Omori

(Martin Smeets)

City Light Thief – Vacilando | Midsummer (Cargo Records) | VÖ: 31.05.2013 | CD/LP/Digital

Bosnian Rainbows – S/T

Bosnian Rainbows - s:tIm Heimathafen des Pop

Die Geschichte der Bosnian Rainbows ist zunächst einmal eine Geschichte von Omar Rodriguez Lopez. Es ist die Geschichte eines Mannes, der hin und her gerissen zwischen allen möglichen Stühlen endlich im Heimathafen des Pop einfährt. Omar Rodriguez Lopez im Heimathafen des Pop? Bitte was? Ja, alles der Reihe nach. In den vergangenen Monaten ging es Schlag auf Schlag. At The Drive-In– Reunion – wie groß waren da die Erwartungen? Mindestens so groß wie letztlich die Enttäuschungen. Ein paar eher lustlos gespielte Shows, das war’s. Eher peinlich sowas. Im März 2012 das letzte The Mars Volta-Album Noctourniquet, das nach dem schwachen Octahedron auch noch einmal Erwartungen entlocken konnte, letztlich aber eine indiskutable Katastrophe war. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass The Mars Volta jemals so ein schlechtes Album aufnehmen. Aber da ging es eben schon länger den Bach runter. Die Entzweiung von Rodriguez Lopez und Bixler Zavala war in der Zeit um das letzte Album schon längst mit Händen greifbar. Und so sollte man statt der letzten Jahre, in den so viele Möglichkeiten verschenkt wurden, doch eher die Großtaten De-Loused In The Comatorium und Amputecture in Erinnerung behalten.

Rodriguez Lopez, der mittlerweile eine unzählige Anzahl an Soloplatten rausgeschleudert hat, die bis auf einige Ausnahmen (Calibration, Se Dice Bisonte, No Bufalo, Old Money, Cryptomnesia, Xenophanes, Ciencia de los Inutiles + ein paar mehr) soundtüftlerische Irrwitzigkeiten und zum Anhören völlig ungeeignet sind, führt es tatsächlich in Richtung Pop. Vielleicht ist es gar nicht so überraschend, dass es irgendwann so kommen musste, nur hätte ihm schon weitaus früher jemand sagen können, dass er mit seinem kryptischen Gitarrengeklicker und haarsträubenden Synthiegemetzel auf einem eigenwillig-fragwürdigen Holzweg ist.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Teri Gender Bender. Die nämlich, so male ich es mir aus, hat Omar nicht nur wieder zu Verstand gebracht, sondern ihm auch nach und nach seine diktatorischen Anwandlungen ausgetrieben. Mit Nicci Kasper und dem letzten TMV-Drummer Deantoni Parks gesellten sich zwei weitere dazu, und zack, statt immer nur Omars Solosachen zu proben, wuchs eine Band heran: Bosnian Rainbows. Die quartierten sich schließlich in den Hamburger Clouds Hill Studios ein, um ihre Debütplatte aufzunehmen. Analog aufgenommen, nicht mit einem aberwitzigen Titel versehen und Pop. Für Rodriguez Lopez-Verhältnisse also absolut verrückt.

So kommen wir denn endlich zu der Platte und weisen die obigen Pauschalitäten gleich zurück. Also Pop ist das hier natürlich nur im entferntesten Sinne, für die Beteiligten aber wohl tatsächlich reinster Pop. Dabei beginnt der Opner Eli noch ganz traditionell mit psychadelischen Geräuschen, Geklapper und Geklimper und eine desillusionierte Stimme schleppt sich traumwandlerisch durch die ersten Silben. Gitarrengeschnatter, klar. Doch dann kommt doch ein eingängiger Refrain und formt diese Geräuschansammlung zu einem Song. Ein gewöhnungsbedürftiger Song mag das ja sein, aber die Fühler werden ganz klar in Richtung Song ausgestreckt. Melodie, Spannungsbögen, Groove und Strophe/Bridge/Refrain sind Trumpf. Klar, das Prog-Rock-Gewusel findet auch statt, ist dabei aber eher schmückendes Beiwerk. Die Musik ist im Großen und Ganzen doch klassisch getragen und strukturiert.

Die Vocals sind zumeist im Vordergrund – völlig zurecht übrigens, hat Terri Gender Bender ein ausgesprochen markantes und vielseitiges Organ (das manchmal Gwen Stefani verblüffend nahe kommt). Die Instrumentierung ist ingesamt zurückhaltend, nicht ohne sich hier und da im Omarschen Jam-Kosmos zu verfangen. Doch geschieht dies stets dezent und songunterstützend und verkommt nicht zum psychadelischen Slebstzweck. Worthless ist so ein Beispiel: ein dumpfer Nintendo-Beat wird umflackert von allerlei fahrigen Klängen, verliert sein Spur jedoch nicht, sondern kommt erstaunlich präzise auf den Punkt. Letzteres gilt z.B. auch für Dig Right In Me, The Eye Fell In Love oder Torn Maps. Alle sind so experimentell wie möglich und so klar wie nötig, um als gute Songs durchzugehen.

Doch reicht das alles für ein gutes Album? So halb zumindest. Aber es gibt da zum Glück so abgefahrene Hymnen wie I Cry For You und Red. Da ist sie zwar wieder, die mars-voltanisch jaulend-schwingende Gitarre des Masterminds, doch keine Angst: so einen leicht verdaulichen Brocken Garage-Indiepunk hätte man den Bosnian Rainbows wahrlich nicht zugetraut, werden da doch tatsächlich White-Stripes-Riffs geschrammelt (ersterer) und The-Cure-Sythies geschichtet (zweiteres). Das ist richtig gut. Und das nachfolgende Morning Sickness spielt in der Güte fast in der selben Liga. So ein zerfahren-verzogenes Biest wie Turtle Neck ist dabei eine willkommene Krautrock-Spielerei, die man gut gelaunt durchwinken muss.

Und bis man sich umsieht, geht auch schon eine Platte zu Ende, die nicht alle Ansprüche erfüllen kann, denn dazu ist sie insgesamt zu konturlos und stellenweise für eine launige Platte (die sie ohne Zweifel sein möchte) zu spröde, gewiss aber auch Überraschungen parat hält, die entzücken und einer spannenden Formation ein verlässliches Fundament ebnen. Wirklich popaffinen Leuten dürfte das Debüt der Bosnian Rainbows letztlich eine Ecke zu anstrengend sein, Omar Rodriguez-Lopez-Group Geplagte dürften bei so viel Einfachheit und Klarheit jedoch ordentlich mit der Zunge schnalzen und an der einen oder anderen Stelle leicht und locker das Tanzbein schwingen. Letzteres dürfte Omar mittlerweile ganz recht sein.

7/10

Anspieltipps: Eli, I Cry For You, Turtle Neck, Red

(Martin Oswald)

Bosnian Rainbows – S/T | Clouds Hill | VÖ: 28.06.13 | LP/CD/digital

Sigur Rós – Kveikur

Sigur Rós - KveikurAus der Deckung

Ich hatte ja schon ernsthafte Bedenken als ich Sigur Rós im Februar live hörte. Das unbekannte, neue Material konnte mich nicht so richtig mitziehen und es schien mir als könne es nicht wirklich mit den sonstigen Großtaten dieser Überband mithalten. Ein Jahr nach Valtari, das ich übrigens auch über weite Strecken (als einer der wenigen übrigens – immerhin Album des Jahres 2012) für eine Großtat halte, nun der neue Streich. Ich hatte eigentlich Sorgen, dass ich bei der Bewertung eine Punktzahl zücken muss, an die bisher im Sigur-Rós-Universum nicht zu denken war. Ich traue es mich kaum sagen, aber ich hatte da schon einige Ziffern unter der Bestmarke 10 im Kopf. So tobten die ersten Höreindrücke in Erwartung einer Enttäuschung in meinen Gedanken. Umso größer also die Anspannung vor dem ersten wirklichen Hören. Das würde sicherlich kein sicheres Start-Ziel-Rennen für die (nach dem Ausstieg von Mulitinstrumentalist Kjartan nur noch) drei Isländer werden. Was sich vorher schon angedeutet hatte: Kveikur würde beatlastiger, elektronischer, flotter und bedeutend düsterer werden. Das Gegenteil von Valtari, möchte man meinen, ein Anti-Valtari. Allein die Optik von Kveikur ist düsterer als alle bisherigen Veröffentlichungen zusammen (das Live-Album Inni vielleicht einmal ausgenommen). Das muss nicht viel bedeuten und doch ist es eine erste und beachtenswerte Wegweisung.

Und sie täuscht nicht: Der Beginn von Brennisteinn wummert ungewohnt beschwerlich und elektro-metallisch, ja eigentlich schon fast bedrohlich los. Ein ganz neuer Zug im sigur-rósschen Soundrepertoire, dem erst durch Jónsis filigranen Gesang etwas Schwere genommen wird. Doch selbst das nur mit Einschränkungen. Brennisteinn bleibt ein schaurig-bedrohlicher Song, um den sich zwar feine Melodieschlaufen spannen, den es aber in dieser Atmosphäre seit der zweiten Hälfte von ( ) nicht mehr gegebeben hat bei Sigur Rós. Hrafntinna setzt ebenfalls auf einen dumpfen und metallischen Beat, der sich durch den Song träge aber präsent hindurchschleppt. Das ist kein Negativurteil. Es ist vielmehr eine der zahlreichen, veränderten Auffälligkeiten dieser Platte, dass Schlagzeug und Percussion wesentlich mehr songprägende, soundtechnnische und -ästhetische Bedeutung haben, als auf allen anderen Alben. Eine weitere Auffälligkeit: Sigur Rós wirken auch in den wärmsten Momenten, wie zum Beispiel bei Ísjaki, das locker auch auf Jónsis Soloplatte Platz gefunden hätte, distanzierter als zuletzt. Und das obwohl Valtari ohnehin ein reduziertes, langsames und stark introvertiertes Album war.

Obwohl sich die Vorzeichen also gedreht haben und Kveikur viel offener, zugänglicher und extrovertierter ist, bleibt es auf Distanz. Es berührt, ja rührt seit Takk…Með blóðnasir vor Schönheit wieder zu Tränen (Yfirborð), doch gibt es dennoch eine Distanz. Man merkt auch woran das liegt: Sigur Rós, die wie Popstars von Promotermin zu Promotermin und von Medium zu Medium gereicht werden (die ausführliche Mitwirkung an einer Simpsons-Folge ist übrigens kein Zufall), sind trotzdem wieder geheimnisvoller, entrückter und mundfauler geworden. Der Vergleich mit ( ) war ja schon einmal da – er passt aber auch vortrefflich. Die Band dorthin zurück, wo sie sich am wohlsten fühlt: in Deckung. Sigur Rós verbergen sich hinter einer überragenden Instrumentierung eines großartigen Albums. Sie streifen das Persönliche ab und ziehen sich ein meterdickes Soundgewand aus unzähligen Instrumenten, Arrangements, Rhythmusstrukturen und überbordenden Lautmalereien über. Songs wie Stormur oder Rafstraumur trägt das meilenweit durch jeden einzelnen Hörnerv mitten in das im Takt pochende Herz. Das sind Momente, in denen die distanzierte Düsternis umarmt wird von purer Herrlichkeit, in denen man seine Liebe zur Musik neu entdeckt und verfestigt. Da kulminieren all die Gefühlswallungen, die in diesem unbegreiflichen Reich an Genialität, Schönheit und Klangästhetik geboren werden. Völlig problemlos kann da selbst der Titeltrack Kveikur seine experimentell-elektronischen Zacken schlagen oder Var zärtlich, fast unbemerkt die Platte nach Hause tragen. Es fügt sich. Alles fügt sich. Vom ersten bis zum letzten Ton. Ich verneige mich und ziehe alle meine Hüte vor diesem abermaligen Meisterwerk.

10/10

Anspieltipps: Brennisteinn, Yfirborð, Stormur, Rafstraumur

(Martin Oswald)

Sigur Rós – Kveikur | XL Recordings | VÖ: 14.06.13 | CD/LP/digital

The Front Bottoms – Talon Of The Hawk

The Front Bottoms - Talon Of The Hawk

Bruder Leichtfuß

Wir wollen an dieser Stelle mit einer kleinen Zeitreise beginnen: Es ist schon ziemlich lange, ja, meine Erinnerungen gestalten sich gar dunkel, als in der damals zeitweise furiosen Ali G-Show ein Beitrag gezeigt wurde, der dem Indie Hohn und Spott vor die Füße warf. Ein bleiches, ausgemergeltes, missmutig dreinschauendes Männchen wurde da gezeigt, (nach)lässig gekleidet in alten, zu engen Klamotten. Ansage Ali G.: Das passiert, wenn man den ganzen Tag Indie hört. Ein Klischee, besudelt mit Kakao. Es ist, wir sind also zurück in der Realität, nicht wirklich überliefert, ob The Front Bottoms diesen Beitrag gut heißen würden, oder ob sie ihn gar gesehen haben. Überliefert ist aber, in musikalischer Verpackung, dass sich Talon Of The Hawk aufmacht, um genau gegen dieses Klischee anzuschrammeln.

Schließlich kommen Frontsau Brian Sella und Drummer Mathew Uychich einfach so mir nichts, dir nichts des Weges und streichen dem guten, alten Indierock behände den Schwermut aus dem Programm. Seiner statt geben sich auf Talon Of The Hawk fröhlich die Melodien, begleitet von allerlei abseitiger Ideen, die Klinke in die Hand. Dabei brauchen The Front Bottoms gar nicht mal viel, um auf so ziemlich jeder Party für ausgelassene Stimmung zu sorgen. Umringt von einer angenehmen Unterproduktion, getragen von einer kraftvoll behandelten Akustischen, flankiert von betrunkenen Bläsern und lustigen Einsprengseln aus einem Allerlei von Instrumenten tanzen die zwölf Stücke beschwingt in und um sich. Ein Kessel Buntes also, um die Platte auf die einfachste Formel zu bringen.

Das Tolle an der Geschichte: Man tut der Band Unrecht, wenn man ihr Album in dermaßen simplen Worten beschreibt. Die beiden können sich nämlich neben der Verbreitung von bedenklich guter Laune noch einiges mehr als Kernkompetenzen ans Revers heften. Zum Beispiel einen der denkbar minimalsten und doch wirkungsvollsten Albumeinstiege, die man so zu hören bekommt. Ein bisschen Rasseln in eine bespielte Gitarrensaite – mehr braucht Au Revior, Adios zunächst nicht, um in Schwung zu kommen. Dass dazu noch pünktlich zum Stichwort ‚french‘ ein augenzwinkerndes Akkordeon vorbeischaut? Kann man durchwinken. Dass pünktlich zum Stichwort ‚Rock’n’Roll‘ auch noch eine breitbeinige E-Gitarre dazu kommt. Muss man zwangsläufig gut finden. Schließlich beherrschen The Front Bottoms die hohe Kunst, derlei Einfälle von zweifelhaftem Humor mit einem Spielwitz zu kombinieren, der die Songs immer vor dem Sturz ins Lächerliche bewahrt. Dass die Jungs neben Spaß im Glas auch in trotziger Melancholie können, zeigt dann ein paar Songs später Twin Size Mattress. Und zwar mit Leichtigkeit. Eine trübseelige Gitarrenidee, nöliger Gesang und eine unwiderstehliche Harmonie. Fertig ist eine Single, der man sich schwerlich entziehen kann. Zumal der Song mit zunehmender Spieldauer beginnt, über sich hinaus zu wachsen, leidenschaftliches Geschrei präsentiert und zuletzt gar in einem wüsten, lauten, krachenden Finale mündet. Das kann die Band nämlich auch: Krach. Bis hin zu einem Anflug von Punk, der seine HörerInnen zu Beginn von The Feud per eingesprungener Blutgrätsche auf Hüfthohe denkbar schmerzhaft von den Beinen holt. Sitzt. Und gerade, als man aufhört, sich von Schmerzen gepeinigt auf dem Boden zu wälzen, streckt der Song die Hand aus zum gemeinsamen Fäuste gen Abendhimmel recken. Mehrstimmiger Gesang, Stadiongitarren und majestätische Bläser inklusive. Wenn auch das Prädikat viel zu inflationär vergeben wird: Ein Hit. Auch fast wunderschön: Das etwas zurückgenommene Lone Stars, das sich auf seine unaufdringliche Melodie verlässt und so fast gänzlich darauf verzichten kann, laut zu werden.

So ist Talon Of The Hawk dann eine im besten Sinne einfache Platte, die am Stück runter geht, wie Öl. Und die es dennoch schafft, niemals einfältig daher zu kommen und ihre zumeist fröhlichen Songs mit bisweilen gar nicht mal so optimistischen Texten zu kombinieren. Und auch wenn man sich dann und wann ein bisschen mehr Schwermut wünscht: Diese Platte ist – von Zeit zu Zeit – ein Vergnügen.

7/10

Anspieltipps: Au Revior, Adios, Twin Size Mattress, The Feud, Lone Stars

(Martin Smeets)

The Front Bottoms – Talon Of The Hawk | Bar None Records (Broken Silence) | VÖ: 07.06.2013 | CD/LP/Digital

O // Bild: http://otheband.tumblr.com/

Einen seltsameren Titel hatte die Fundgrube noch nie. Ein O? Ein Kreis? Wie spricht man das? Was ist das überhaupt?

„◯ isn´t just the letter. ◯ is the circle symbol and at the same time the name of this six piece band from the border region (Belgium/Netherlands/Germany) around Aachen (Germany).“

Ein Bandname also, der ungewöhnlich und schön zugleich, im Online-Zeitalter allerdings alles andere als leicht zu finden ist. Preisfrage: Was gibt man da bei Google ein? (Um es leichter zu machen, haben wir unten alle relevanten Links angeführt.) Fakt ist zunächst: man muss sich schon ein bisschen anstrengen bei der Suche nach dieser eigenartigen Band. Die Suche lohnt sich dafür umso mehr. Und um den Einstieg zu erleichtern, spielen ◯ genau das, was ob der Namensmystik eigentlich naheliegend ist: Postrock. Diesen spielen sie aber so außergewöhnlich gut, dass an ihnen in diesem Genre mittelfristig kein Weg vorbeiführen wird. Bisher sind ◯ wohl nur bewanderten und eingeweihten Fachkreisen und einigen durch Zufall gut Informierten bekannt, was auch nicht wirklich schlimm ist. Schlimm wäre allerdings, wenn das so bliebe. Zum Glück stehen die Zeichen anders. Im Sommer 2013 führt sie eine Tour durch in paar Länder Europas und kaum jemand mit ein bisschen Gespür für dieses ausschweifendste und zugleich trägste Genre der Rockmusik, wird sich ihnen verschließen können. Und die Musik?

Im April 2011 haben ◯ eine herrliche EP The Sea Of The Trees veröffentlicht, der im September 2012 die LP Black Sea Of Trees nachgeschickt wurde. Aktuell befindet sich eine 7“ Split mit Planks in den Startlöchern, zu der ◯ ein Twin-Peaks-Soundtrack-Cover beigesteuert haben. Diese kleine Diskographie ist ein wahrer Schatz. Geschult in Hardcore, Drone und Doom, also im Schwerfälligen höchstpersönlich, zaubern ◯ Zartheit und Leichtfüßigkeit in ihre weitläufig-ambienten Postrock-Songs, denen man sich aufgrund ihrer Schönheit kaum entziehen kann. Freilich, hier und da scheppert es auch gewaltig und werden zuweilen bedrohliche Klangwände aufgefahren. In der Gesamtheit kippt die Atmosphäre aber nie ins angstvoll Bedrohliche (auch wenn das Ende von Black Sea Of Trees, Waiting For The Sun, eine andere Interpretation nahelegt), sondern balanciert stets leicht entrückt auf dem über der Unterwelt gespannten, dünnen Seil aus reinster Seide. Nur ein falscher Tritt und das keifend-fauchende Flammenmeer würde ◯ in seinem Schlund begraben. Doch soweit kommt es nicht: die Schönheit obsiegt – und weil es des Pathos noch nicht genug ist – bis in alle Ewigkeit. Und wer jetzt noch nicht überzeugt ist, zieht schnell mal die Kopfhörer auf:

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(mo)

Jimmy Eat World – Damage

Jimmy Eat World - Damage // Bild: consequenceofsound.net

Kopfschütteln. Abwinken. Ruhe bitte.

Um gleich zu Beginn für klare Verhältnisse zu sorgen: Ich mag Jimmy Eat World nicht. Ich kann es auch seit längerer Zeit nicht mehr verstehen, warum nach diesem schnöden College-Rock überhaupt noch ein Hahn kräht. Selbstverständlich, Clarity war eine Großtat, ein diamantenes Werk, das noch jede Banddiskographie überstrahlen würde. Aber mal im Ernst: Was kam denn danach noch Nennenswertes? Bleed American und Futures? Klar, gute Alben mit vereinzelten Highlights. Aber eben auch gefüllt mit ziemlich gewöhnlichen Songs, die nicht wenigen unbekannten Garagencombos vermutlich auch so von der Hand gehen könnten. Und dann? Chase This Light und Invented? Musik gewordene Dreistigkeiten, unbedarfte Songbaustellen, auf halbem Wege von betrunkenen VorarbeiterInnen aufgegeben. Alben zum Ärgern, die schon lange offenbar haben werden lassen, dass Clarity nichts weiter als ein Glückstreffer war.

Jetzt also Damage. Ein Album, dass mitsamt seiner sparsamen Aufmachung, seiner nicht minder sparsamen, nur zehn Stücke umfassenden Tracklist und Songtiteln wie Book Of Love, I Will Steal You Back oder Byebyelove schon rein äußerlich die Angstschweißdrüsen in Habachtposition bringt. Schließlich könnte der ganze Spaß richtig schlimm werden. Doch zum Glück hält Damage an dieser Stelle nicht, was es befürchten lässt. Um ehrlich zu sein, verhält es sich mit Damage sogar genau anders herum. Angeführt von einer lässig angecrunchten Gitarre kommen die zehn neuen Stücke – lassen wir die Lyrics Tagebucheinträge mal raus – erstaunlich frei von Schmonz und sonstigen Tiefschlägen daher und ergeben im Großen und Ganzen ein Album, dem man zu Beginn fast mit Wohlwollen gegenüber steht. Und das vor allem eines ist: homogen. In jeglicher Hinsicht. Das sorgt nun dafür, dass man Damage ohne Weiteres am Stück durchhören kann. Sogar mehrmals.

Und zwar: Im Fahrstuhl. Genau, denn diese Homogenität produziert beim Hören vor allem: Langeweile. Eine ganze Platte in der selben Geschwindigkeit runter zu daddeln – Please Say No mal ausgenommen: Das muss man erst mal schaffen! Das Ganze dann auch noch so fürchterlich handzahm, gleichförmig und beliebig zu gestalten, auf Ausbrüche jedweder Art zu verzichten? Beinahe eine bewundernswerte Leistung! Zehn Songs im gleichen larmoyanten Tonfall zu besingen? Na, lassen wir das. Jimmy Eat World haben nämlich mit Damage wirklich etwas Großartiges vollbracht: Sie haben ein rosarotes, in Watte verpacktes, einlullendes Paralleluniversum geschaffen, so frei von Ecken und Kanten, dass How’d You Have Me, ein Stück, für das sich selbst Bon Jovi zu schade wären, beinahe als harter Prügelknabe durchgeht. Dass diese Band mal Songs komponiert hat, die dazu in der Lage waren, ihre HörerInnen zu Tränen zu rühren? Unglaublich. Diese Band, die Jimmy Eat World aus der Vergangenheit – sie sind nicht mehr vorhanden. Nicht mal in Spurenelementen. Jimmy Eat World 2013? Provozieren schon beinahe den ausgetretenen Mc-Donald’s-Vergleich. Macht schnell zu satt, hält aber auch nicht lange vor. Zehn Songs, die zwar nicht schlecht, aber so erschreckend egal sind, dass sogar der geschätzte Kollege von der ZEIT beim Versuch eines Lobs erfolglos um Worte ringt.

Und jetzt, angesichts von derart profilloser Musik, sei den Jungs alles gegönnt: Radio-Airplay, hohe Chart-Platzierungen weltweit, ZDF-Fernsehgarten, Frühlingsfest der Volksmusik, Bayern3-Frühaufdreher, schlichtweg alles. Rockstartum und – Vorsicht, nur so dahin gesagt! – Kokain auf Silbertabletts. Sollen Jimmy Eat World gerne haben. Wäre auch nur logisch. Schließlich sind sie jetzt endgültig die Xavier Naidoos des College-Rock. Aber ist mir völlig egal. Ich bin raus aus der Nummer.

2/10

Anspieltipps: –

(Martin Smeets)

Jimmy Eat World – Damages | RCA/Sony | VÖ: 7.6.2013 | CD/LP/digital

Paper Arms – The Smoke Will Clear

Paper Arms - The Smoke Will Clear

Gut oder richtig gut?

Muss man bei heartcooksbrain jetzt schon Platten vom anderen Ende der Welt besprechen? Australien? Aber klar doch. Jetzt verrate ich vielleicht schon zuviel, aber wieso nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen: The Smoke Will Clear ist gut. Aber ist sie richtig gut? Nun, zumindest das nehme ich mal nicht vorweg. 13 recht straffe Songs umfasst die Platte, die ‚down under‘ schon ein paar Monate auf den Plattentellern kreist, hierzulande allerdings erst seit Kurzem. 13 Songs, die schöne, einfache und knackige Titel tragen und die allein schon ausreichen, um einen konkreten Einblick zu bekommen, worum es so geht bei Paper Arms: Gefühle. Oh Gott, nicht doch… Ja ja, ist nicht schlimm, viel besser, es ist sogar gut. Worum sonst sollte es auch gehen? Wir sind hier schließlich – das wurde noch gar nicht erwähnt – im rege bespielten Grenzgebiet von Punk und Hardcore und da wird gefühlsmäßig schon kräftig zugelangt. An Referenzen könnte man sich hier die Finger wund schreiben, lassen wir das also lieber gleich sein. ‚Ich‘ und ‚Wir‘ sind hier die führenden Protagonisten. Manchmal auch ‚Du‘. Es geht um seelische Befindlichkeiten, erinnern, schwanken, zögern, oder doch einfach mal losziehen und die Welt erkunden. Untentwegt unterwegs sein, aber hin und wieder doch auch mal ankommen. Zuhause? Irgendwo.

Und so kämpfen sich Paper Arms bepackt mit Welt- und Herzschmerz durch den Rauch und Nebel, der vor und über ihnen liegt und zücken mit Tanks of Dust gleich eine Riesennummer. Zaghafter Anstieg aus einem zappelnden Gitarrenklirren, der in einer Minute feinstem Punkrocksong mündet. So muss das. Es ist hier ohnehin das Gespür für den guten Punkrocksong, das die Platte trägt. Der richtig gute Song will selten gelingen und mancher zieht sich auch etwas zu lange hin (In Silence, Colfax Road) oder geht manchmal sogar recht belanglos über die Bühne (Bright Lights), aber im Grunde sitzt alles genau dort, wo es sitzen muss: das Schlagzeug taktet mit ausgesprochen schönem Snare-Klang, der Bass schnurrt prächtig, die Gitarren haben stets eine zarte Melodie auf den Saiten und der vortrefflich-kratzige Gesang atmet mit jeder Silbe Leidenschaft. Es fügt sich alles wunderbar, nur scheint es gerade im Mittelteil doch einen Tick zu glattgebügelt, zu balladesk daherzukommen. Bright Lights eben, Lock Me In oder 14 Days sind nicht schleicht, sicherlich aber nicht die stärksten Songs auf The Smoke Will Clear. Die besten werden – vom Anfang abgesehen – tatsächlich erst am Ende darbegoten. Choke mit seinem verwegenen Krach-Beginn und einem zackigen Soundgewand, das nahezu allein von Drums und Bass geschmissen wird oder die Emo-Hardcore-Stiefkinder Slipping und The Heart Within, die sich auf der Platte nicht etwa verirrt haben, sondern sich, mit Melodien bestrichen, doch ganz heimisch fühlen dürfen.

The Smoke Will Clear ist ein grundsolides Album mit guter Instrumentalarbeit, das sich, obwohl es seine Längen hat, auf Kurzweiligkeit versteht und – ja, man muss es fast so sagen, ’nur‘ – zufriedenzustellen weiß. Nicht mehr, ganz gewiss aber auch nicht weniger. Richtig gut ist die Platte vielleicht nicht, aber gut.

7/10

Anspieltipps: Tanks of Dust, In Silence, Choke, The Heart Within

(Martin Oswald)

Paper Arms – The Smoke Will Clear | Uncle M/Cargo Records | VÖ: 31.05.2013 | LP/digital