Freiburg – Aufbruch

Freiburg - Aufbruch

Vom Schwarzwald in die Welt… oder so

Freiburg, die sich selbst, vom Entvokalisierungsvirus angesteckt, manchmal FRBRG nennen, könnten für eine astreine Coverband, ja gar für einen Klon gehalten werden. Allein stimmlich ist Sänger Jonas nicht von Turbostaats Jan Windmeier zu unterscheiden. Also man muss schon einige Male ganz genau hinhören, um überhaupt Unterschiede festzustellen – und diese wohlgemerkt nur in Nuancen zu merken, denn auch die abgehakte Intonation, die Sparsamkeit an Konjunktionen und Verben und der unvollständige Satzbau sind dem Turbostaat-Fundus verblüffend ähnlich. Im instrumentellen Teil ist die Ähnlichkeit nicht mehr ganz so offensichtlich, keinesfalls aber von der Hand zu weisen. Tja, eine schwere Bürde ist das zunächst einmal, vom ersten Ton an als Nachahmerband zu gelten – und gegen diesen Eindruck kann man sich anfangs gar nicht wehren. Hinzu kommt die Bennenung nach einer Stadt, wahlweise nach einem Tocotronic-Song, hauptsächlich aber nach einer Stadt, was – drücken wir es mal vorsichtig aus – einigermaßen seltsam anmutet. Warum nur? Wäre ich ein (schlechter) Interviewer, wäre das die erste Frage an Freiburg: Was fällt euch ein? Na ja, zum Glück bin ich kein Interviewer, sondern Reviewer (und unglaublicher Wortkünstler noch dazu). Also lassen wir das Geplänkel und gehen es anders an, nicht jedoch ohne das Gesagte im Hinterkopf zu behalten: die besten Startbedingungen haben Freiburg nun einmal nicht. Um genau zu sein: sie haben so ziemlich die schlechtesten.

Umso erstaunlicher ist es, dass sie mich nach einigen Songs doch rumkriegen. Und das aus einem einfachen Grund, zu dem es nicht einmal viel Wohlwollen braucht: Freiburg sind gut. Und das zeigt sich bereits beim Opener: Chapeau, Mein Freund weiß vor allem mit einer wohltuenden Mischung aus vertrackten Textbausteinen und einer düsteren Atmosphäre zu punkten. Letztere hat ganz viel ‚Post‘ im Punk und wabert durch das gesamte Album, ohne dass die eigentlich glasklare Songorientierung verloren ginge. Die Atmosphäre ist eigentlich die Grundsubstanz aus der sich Freiburgs Aufbruch speist. Und das durchaus in diesem Widerspruch. Ein Aufbruch, dessen entscheidende Ausgangsbasis Desillusionierung ist. Nicht nur textlich, auch musikalisch. Da wäre z.B. Der Tod, er stirbt, er liebt, das sich aus dissonanten Klavieranschlägen (!) und Versatzstücken von Gitarrenfiguren den Weg in einen letztlich doch ganz eingängigen Song ebnet. Oder Wie Du so lebst, das in jeder Hinsicht eine einzige Verzweiflungstat ist, dabei aber auch ob seiner Kürze erstaunlich präzise bleibt und, tja, ziemlich gut ist. Überhaupt scheint es so, als würden Freiburg aus Verzweiflung und Untergangsstimmung die größte Kraft schöpfen, um aus ihr wuchtige Songs zu zimmern. Bestes Beispiel ist vielleicht Das Verhör, das, wenngleich nie ins freudig-stimmungsvolle rutschend, aus der Bedrückung doch zumindest so etwas wie Entrückung oder Anzeichen von Befreiung schöpft. Und dann ist es eh soweit, dass die Post-Punk-Walze nicht lange fackelt, sondern alle Zweifel niederbügelt als würde man eben mit Zementschuhen auf dem Boulevard laufen.

Und so kommt es letztlich, dass wirklich alle zweifelnden Voreinstellungen weichen, die Turbostaat-Assoziation von einer wirklich authentischen Freiburg-Note niedergetrampelt wird und man Aufbruch als eigenständiges und dabei ziemlich gutes Werk begreift. Solche Bands brauchen nicht nur ’schwarzwäldlerische‘ Kleinstädte, solche Bands braucht die Welt.

8/10

(Martin Oswald)

Anspieltipps: Der Tod, er stirbt, er liebt, Das Verhör, Er und die Meute

Freiburg – Aufbruch | This Charming Man Records | VÖ: 12.04.13 | LP/CD/digital

POA2013: So war der Sonntag

von Martin Smeets
Dann ist, nach einer langen Mütze Schlaf (ihr wisst schon, zu alt und so) auch schon wieder Sonntag. Die Zeit also, zu der die ersten Wirr- und Suffköpfe anfangen, ihre Zelte – im wahrsten Sinne des Wortes – abzureißen. Was zu stellenweise absurden Bildern führt, die wir, eingemümmelt in unserem Pavillon, bewundern dürfen. Eine Gruppe furchterregender Kerle etwa, die alles, aber auch wirklich alles, was von anderen BesucherInnen zurück gelassen wurde auf die möglichst spektakulärste Art und Weise zerstören. Pavillons, Campingstühle, Zelte, ein Fahrrad(!) – alles mit dabei. Zur allgemeinen Belustigung torkelt währenddessen immer wieder ein Wurfzelt durch die Szenerie, das alsbald von irgendjemandem verfolgt wird. Die drängenden Fragen – Was treibt der da? Ist er Besitzer des Zeltes? Ist er Jäger des Zeltes? Ist das ein besonders subtiles Spiel? – bleiben dabei leider unbeantwortet.

Beantwortet wird dafür die Frage nach den Gegenständen, die von den Leuten so auf Festivals liegen gelassen werden. Von Hunger und Abenteuerlust getrieben schwärmen nämlich einige aus unserer Campingfamilie aus, gehen auf Jagd nach allem, was man zwischen all dem Müll noch gebrauchen könnte. Mit dabei: Ein Sack Grillkohle, ein Grill, drei Packungen Würstchen (von dem sich das von mir erhoffte Päckchen Tofuwürstchen leider als gar nicht so vegetarisch – ein Dank an meine Vorkosterin an dieser Stelle –  präsentierte), eine Packung Toast, Pappteller, eine ungeöffnete Packung Balisto, Chips und Cornflakes. Alles also, was man für einen nachmittäglichen Grillspaß brauchen kann. Das Ganze findet übrigens im Regen statt, der sich netterweise mal wieder zu uns gesellt hat.

… Einschub Martin Oswald:

Während Chef Smeets den Sonntag hauptsächlich damit verbrachte seinen Kater zu bekämpfen und Müll zu grillen, nahm ich meine journalistische Pflicht (Anmerkung von Martin Smeets: Ach, aus Pflichtbewusstsein kommt dein Teil zwei Tage zu spät?) gewissenhaft wahr (hust). Das heißt: nüchtern (!) bei Wind und Wetter das Festivaltreiben beobachten, scharfsinnig nachdenken, Notizen machen (zumindest im Geiste) und fotografieren. Gerade beim letzteren waren große Portionen Scharfsinn und schneller Auffassungsgabe gefragt, wollte man den Vorzug des Fotograf_innengrabens vor der Bühne genießen. Dieser nämlich war genau die ersten 3 Songs von jeder Band geöffnet. Diese Regelung haben sich wohl besonders kluge Leute aus Management und PR überlegt, die keine verschwitzten Bilder ihrer live sowieso albern dreinglotzenden Künstler_innen sehen wollen. Könnte ja die Verkaufszahlen ihrer Platten schmälern oder so. Naja, sei’s drum. Pünktlich wie die Feuerwehr stand ich zu Set-Beginn, bei fast jeder Band, auf der Matte, um mein zweifelhaftes Können an der Kamera zu prüfen.

So ein Festival-Sonntag ist schon ein eigenartiges Spaktakel. Überall wandelnde Leichen, kurioseste Sonnenbrände, Edding-Penisse an allen Körperregionen und – trotz Kater – überweigend glücklich dreinblickende Leute. Die größte Frage, die mich als Eintagesfestivalbesucher am meisten interessiert: regnet’s oder regnet’s nicht? schien die meisten nicht wirklich zu jucken. Immerhin waren die meisten schon vom Freitag schön eingeschlammt. Um es gleich zu beantworten: es hat natürlich geregnet. Nicht schlimm, aber doch ausreichend, um den Pullover ordentlich zu tränken und mir ein unangenehmes Frösteln in Bein und Mark zu treiben. Die Kuriositäten des POA entschädigen das allerdings prächtig. Fast überall und zu jeder Zeit gibt es diese zu bestaunen. Da wären z.B. die traditionelle ‚Feindschaft‘ von Bierstand und Bar, die schon mal kurzerhand einen Teil des Festivalgeländes zum Wasserbombenschlachtfeld umfunktionieren. Oder Leute, die aus welchen Gründen auch immer, irgendwelches Zeug an der Leine hinter sich her ziehen, als wäre es ihr Hund (darunter auch ein übrdimensionierter Plüschhund). Oder die beiden Freundinnen stilecht in Rise Aganist- und Frei.Wild-Pullover. Saublöd. Es gäbe noch so einiges und doch soll es ja hauptsächlich um Musik gehen.

Claire: eine vergleichsweise junge Band aus München, die ihr erstes Festival spielt, muss sich mit bescheidenen Zuschauer_innenzahlen begnügen, was der Güte ihres Mix aus Synthiepop, Indie und Elektropunk keinen Abbruch tut. Dass hier noch die Sonne schien, passte wunderbar. Wallis Bird war (zumindest teilweise) auch noch Sonnenschein und trockenes Wetter vergönnt, was ihr leider auch nicht die großen Massen vor die Bühne trieb. Es ist Sonntag. 15.30 Uhr. Also Mittag eigentlich. Ein wenig leidet daran der stimmungsvoll-flotte Folksound der Irin, der von einer singenden, wippenden und tanzenden Meute getragen werden müsste. Die Stimmung zündete mangels Publikum nicht ganz, trotzdem wusste Wallis zu begeistern und rackerte sich sichtlich ab.

Gerne würde man ähnliches über Iriepathie sagen. Die bleiben trotz reichlich Bühnenesprit eine eher fade Veranstaltung. Das mag daran liegen, dass man mich mit Reagae für gewöhnlich zur Weißglut bringt. Insofern hat Iriepathie vielleicht doch eher gepunktet, zumal ich sie immerhin einigermaßen erträglich fand. Und wenn man so will: verglichen mit Weekend waren sich herausagend. Denn der war, samt seinem Support (den ich nicht eigens recherchiert habe, aber bestimmt jemand mit einem obercoolen Namen) sterbenslangweilig. Ja, ich geb’s ja zu: da bin ich nicht open-minded genug, aber was soll ich machen, wenn mich dieses Gehampel und deutsche Gerappe null mitnimmt. Dank Weekend war immerhin der Rotfront-Auftritt angenehmer als er es ohne ihn gewesen wäre. Allein die Tatsache, dass es wieder ernstzunehmende Musik zu hören gab, lenkte alles in vernüftige Bahnen.

Mein letzter Act: Bosse (noch vor Caravan Palace zwang mich dann die Kälte endgültig nach Hause). Fazit: enttäuschend. Mögen die melancholischen Popsongs von Axel Bosse auf Platte noch funktionieren und live von einer hervorragenden Profi-Band vetont werden, zünden sie trotzdem nur selten. Das hyperaktive Gehopse Bosses kann zwar ein bisschen Power vortäuschen, die pubertären Lyrics voller alberner Metaphorik („Deine Tränen waren Kajal“ – auweh) ließen letztlich doch das Kopfschütteln das Mitwippen übertrumpfen.

Fazit: ein trotz blödem Wetter und teilweise seltsamen LineUp unterhaltsamer Festivaltag in Salching, der mit Biergenuss sicherlich noch etwas unterhaltsamer gestaltet hätte, aber mei, was opfert man nicht alles ob der journalistischen Pflicht. (Anmerkung von Martin Smeets: ‚Journalistische Pflicht‘ ist im Oswaldschen Duktus die Übersetzung von ‚Muss noch fahren.‘)

… und wieder Martin Smeets:

Dieser Regen ist es dann auch, der dafür sorgt, dass die Menge vor der Bühne zum abendlichen Auftritt von Bosse doch eher überschaubar bleibt. Was wiederum für reichlich Platz in überraschend weit vorne gelegenen Gefilden sorgt, um die Songs zu feiern, die von einer nahe an der Perfektion arbeitenden Band dargebotenen werden, während Bosse selbst alles gibt, auf den vordersten Boxen rumturnt, mit überdimensionierten Plüschhunden wirft, kurz gesagt: sich voll reinhängt. Und auch wenn das alles durchwegs Spaß macht und teilweise äußerst tanzbar rüber kommt, fehlt es den Songs doch meist an der letzten Durchschlagskraft, bleibt das letzte bisschen Power auf der Strecke, das fehlt, um die Menge vollends mit sich zu reißen. Daran können dann selbst überproportional viele eingestreute call-and-response-Spielchen (wer hat eigentlich mit diesem Unsinn angefangen?) nichts ändern.

Ein kleines Manko also, in einem unterm Strich aber einigermaßen gelungenen Auftritt. Und auch ein Manko, für das die bis spät gebliebenen mit Caravan Palace angemessen entschädigt werden. ‚Die machen so Swing-Electro‘ ist die einigermaßen vage Beschreibung, die ich auf Nachfrage erhalte und mit der ich so gar nichts anfangen kann. Allerdings war spätestens nach den ersten drei Songs auch mir klar, warum man sich diese Band auf keinen Fall entgehen lassen kann. Das ist nämlich im Prinzip ordentlich aufgemöbelter, teilweise gar erotisch aufgeladener Jazz, der mit einem clubtauglichen Drumherum aus Beats und allerlei Synthiegekasper (im positiven Sinne) bereichert direkt in die Beine geht. Zum Tanzen, wie komisch es auch aussehen mag, zwingt. Dass Sängerin Colotis Zoé die müde, nasse und halb erfrorene Menge nach kurzen Startschwierigkeiten fast spielend in den Griff bekommt, sagt vieles über die Performance dieser Band aus. Und auch wenn man sich das nicht unbedingt im heimischen Wohnzimmer geben muss: Live ist das jederzeit einen Blick wert.

Dann war es das auch schon fast wieder mit dem Pfingst-Open-Air. Was bleibt ist die Wanderung ans wärmende Lagerfeuer zu fremden Menschen in einen fremden Pavillon, um die Körper wieder auf Temperatur zu bekommen. Und um beim unvermeidlichen und nach wie vor spaßigen Stelldichein mit der Akustischen die letzten verbliebenen Dosenbiere zu verköstigen. Und schließlich am nächsten Tag abzureisen, weg von dem Gelände, das sich inzwischen in ein Post-apokalyptisches Szenario aus Müll verwandelt hat.

Und nun? Zu alt für – pardon, abermals – den Scheiß? Solange es sich nicht um übergroße Festivals wie das Southside handelt: Keinesfalls.

(Martin Smeets & Martin Oswald)

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Deafheaven – Sunbather

Deafheaven - Sunbather // Bild: stereogum.com

Ein Wunder

Vierundzwanzig Sekunden. Genau so lange dauert es, bis Deafheaven alle offenen Fragen, die man an ihre neue Platte Sunbather stellen könnte, beantworten. Vierundzwanzig Sekunden, in denen eine nervös geschrubbte Gitarrenfigur durchs Bild sprintet, alsbald den Weg ihrer Schwester im Geiste kreuzt und schließlich beide übergehen, in ein Einstiegscrescendo, das zwischen den Attributen wütend, majestätisch, fragil, erhaben und wundervoll nach Superlativen sucht. Und zwar für sich selbst. Erfolglos, selbstredend, schließlich gibt es für dieses Treiben aus lichtgeschwindigkeitsnah rangenommenen Gitarren, unter der tosenden Flut ächzenden Drums und einem Gekeife, das seinen Ursprung direkt im Schlund der Hölle haben dürfte, schlichtweg keine auch nur ansatzweise passenden Worte.

Dream House heißt der Song, der binnen unter einer Minute für die Kapitulation des Schreiberlings sorgt, Deafheaven, wie schon erwähnt, die Band, die dafür verantwortlich ist. Gefeiert wird diese Band für ihre neue Platte, jüngstes Kind aus dem Hause Deathwish, die da sieben mal Elemente von Postrock, Black Metal und einer unüberschaubaren Anzahl weiterer Subgenres ganz und gar virtuos ineinander verwebt. Man muss bereits jetzt nicht mehr erwähnen, dass dieses Feiern seine Berechtigung hat, im Gegenteil, mit jeder Minute von Dream House, die ins Land zieht, versteht man mehr von dieser Welle, die da über einem zusammenbricht. Wenn Deafheaven nach fünf Minuten plötzlich inne halten, Platz lassen, für ein zierlich herumtollendes Melodiekind, um den Song stolz erhobenen Hauptes weiter zu schicken, in einen Part, der in keinem Postrock-Lehrbuch fehlen sollte, hat man längst jede Gegenwehr eingestellt, gibt sich dieser musikalischen Wuchtbrumme willenlos hin.

Was eingedenk der sechs Stücke, die es da noch zu erkunden gilt, über alle Maßen lohnenswert ist. Die Pause, die von der Band mit dem in sich ruhenden Irresistible – welch passender Titel – gewährt wird, nimmt man dann dankbar an, beziehungsweise lässt man sich viel mehr mit Vergnügen davon tragen, von diesen sanften instrumentalen Wogen inklusive Klavieruntermalung, die dabei aber niemals einen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es sich hier nur um die Ruhe vor dem nächsten buchstäblichen Sturm handelt. Dass der kommen wird, daran zweifelt selbstverständlich niemand. Dass er sich so anmutig geriert, wie es der folgende Titeltrack zunächst tut, überrascht dann allerdings doch. Zum Teil, wenigstens. Zum anderen Teil erkennt man nämlich, dass dieses Neben- und vor allem Miteinander von Gewalt und Versöhnung, von Brutalität und Zärtlichkeit, ja – und wir bestehen an dieser Stelle auf den Pathos – von Krieg und Frieden, Methode hat, von der Band bis zur Perfektion auf die Spitze getrieben wird. Selbst in den wüstesten Passagen von Sunbather finden sich Einsprengsel von bezaubernder Schönheit, schleichen sich mitten in die Apokalypse Bilder von malerischen Landschaften und verträumten Sonnenuntergängen. Bilder, die es braucht, um nicht erschlagen zu werden von diesem infernalischen Gewitter, dass Deafheaven über ein Großteil der Laufzeit fast spielerisch auf ihre HörerInnen einprasseln lassen. Die einem in den Kopf schießen, wenn inmitten des Dauerfeuers im Titeltrack plötzlich ein traumtänzerisches Gitarrenlick des Weges grüßt, oder wenn selbiger Track nach knapp acht Minuten dann die weiße Fahne schwenkt, um sich schonungslos zu öffnen für ein auf einem Hochseil tänzelndes Songfinale, so voll von Melodie, dass die Spucke weg bleibt, bevor sie den Mund überhaupt erst erreichen kann.

Dabei ist man zu dieser Zeit noch nicht einmal bei der Hälfte von Sunbather angelangt, hat noch nicht die Ruhe des eingeschobenen Interludes Please Remember genossen, hat noch nicht andächtig den vielen ersten Takten des über vierzehn Minuten langen Vertigo gelauscht, die – inklusive eines traumhaft souligen Gitarrensolos – herzlich in Richtung Sed Non Satiata grüßen, um sich anschließend von einer Gruselballade über einen Klopper in einen Postrocker zu verwandeln. Und just, als man glaubt, man hätte alles gesehen auf Sunbather, hätte alle Winkel erkundet und jeden Stein umgedreht, unter den es sich zu schauen lohnt, kommt The Pecan Tree. Kommt das Beste. Kommt ein Song, der von der ersten Sekunde an von der Leine gelassen ist, der alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, kurz und klein drischt, der beseelt von einer unstillbar scheinenden Wut kratzt, spukt, schlägt und keift und schließlich doch zur Besinnung kommt. Zur Besinnung deshalb, weil dieser Song all die Trümmerteile, die er selbst erst produziert hat, in die Hand nimmt, in einem Mittelteil von einer atmosphärischen Intensität, die ihres Gleichen sucht, begutachtet, spekuliert, wie man selbige am besten wieder zusammen setzt und schließlich beginnt, die in Schutt und Asche liegende Welt neu aufzubauen. Ein Neuaufbau, der sich nach all der Dekonstruktion, die zuvor auf Sunbather stattgefunden hat, in einem Albumfinale ergießt, das jeder Beschreibung spottet. Eine solch endorphintreibende Gitarre, an solch folgerichtiger Position platziert, flankiert von dringlichstem Geschrei, ein Part, der einem verdammten Wunder gleich kommt, der eine kathartische Wirkung in sich trägt, die seine HörerInnen an den Rande des positiv Ertragbaren bringt. Trotz der Gefahr der Wiederholung: Ein Wunder.

Das ist Musik, die ihre HörerInnen beinahe körperlich fordert, die für aufgestellte Nackenhaare garantiert, die Tränen der Begeisterung und Schweißperlen auf der Stirn nicht ausschließen kann. Sieben Songs fernab von der geringsten Spur eines Durchhängers, geeignet für Kopf, für Bauch und im Zweifelsfall auch für wildes Gezappel von Armen und Beinen. Sunbather ist die Platte, die alles verlangt. Und dafür aber auch wirklich alles bietet. Alles!

10/10

(Martin Smeets)

DeafheavenSunbather | Deathwish (Indigo) | VÖ: 21.06.2013 | CD/LP/Digital

POA 2013: So war der Samstag

Die Nacht war kurz…

…sang Thees Uhlmann. Und stand früh auf. Wir tun es ihm gleich und blicken, wie erwähnt gen Zeltplatz, gen Sonne. Vertont klingt das in etwa so:

So ist die Laune schon beim Frühstück – und trotz Brot mit inzwischen doch recht labbrigem Käse – auf hohem Niveau angesiedelt. Was sich selbstredend auf die Gestaltung des weiteren Tages auswirkt. Immerhin gilt es, sich die Stunden vor den Konzerten mit lustigen Menschen, überraschend kühlem Dosenbier und dem Bewundern des ersten Flunkyballmatches in nächster Nähe um die Ohren zu schlagen. Was dann so vergnüglich ist, dass erst der Hunger dafür sorgt, dass man sich unters inzwischen zu einem beträchtlichen Teil mit Edding bemalte Festivalvolk mischt. Währenddessen auf der Bühne: Grossstadtgeflüster. Die Band also, die hier bereits in der Vorberichterstattung mit mäßiger Wertschätzung bedacht wurde. Nun, auch wenn es vielleicht daran liegt, dass der Verzehr von Falafel einen Teil der Konzentrationsreserven in Anspruch nimmt:  Das Rrrriot-Girl-Gehabe von der Bühne inklusive des unvermeidlichen ‚Hits‘ Ich muss gar nix fällt nicht nur nicht weiter negativ auf, sondern ist über weite Strecken sogar ganz okay. Eine kleine Überraschung also. Dann ist nach kurzer Pause mit Fuadadeimuada die Band an der Reihe, die im Laufe des Festivals mit Abstand am lustigsten ausgesprochen wird. Zumindest von all jenen, die der Mundart nicht mächtig sind. Womit wir schon beim Knachpunkt dieses Acts wären: Man muss das alles halt nicht zwangsläufig lustig finden. Vor allem, wenn man zu alt… ach, lassen wir das. Aber wir wollen an dieser Stelle auch fair sein und konstatieren: Kann man machen. Muss man aber nicht.

Was man aber muss, ist, den nächsten Act ganz bedingungslos zu feiern. Fiva & Das Phantom Orchester legen nämlich einen Auftritt auf die Bretter, der an überbordender Sympathie schwerlich zu übertreffen ist. Das liegt zum Teil am herrlich ungezwungenen Auftreten der Hauptprotagonistin, zum Teil an den unzähligen Danksagungen an all die Menschen, die sich vor der Bühne versammelt haben und zum Teil eben auch an den dargebotenen Songs. Die sind nämlich so herrlich unkomplex aus dem Bauch heraus zusammen gebastelt, dass man sich dem zwingenden Wippen im Takt gar nicht erst erwehren kann. Oben drauf: ‚Aus dem Bauch heraus-Texte‘, die zwar simpel gehalten, aber genau deshalb entwaffnend ehrlich sind. Das sorgt in der Menge durchgehend für beseelt lächelnde Gesichter, für erhobene Hände, für tanzende Körper. Und in besonderen Momenten auch für ehrliche Rührung. Man munkelt, dass sich manche BesucherInnen zanken, wer sich nun unsterblicher in diese Künstlerin verliebt, die hier gerade das Publikum in ihren Bann zieht. Wobei man nicht umhin kommt, zuzugeben, dass ein Teil dieses Charmes erst durch Fivas Bühnenpräsenz fühlbar wird. Wir sind trotzdem so begeistert und berührt, dass wir kurzerhand beschließen, es könne für heute nicht mehr besser werden. Und uns – auch wegen unangenehm kalter Böhen – wieder auf den Weg zu unserer temporären Wohnung machen.

Ein Weg, auf dem auffällt, wie sonderbar organisiert dieses Festival trotz einem minimalen Maß an Regulation abläuft. Wege, die trotz eines verregneten Vortags nicht im Schlamm versunken sind, für Festivalverhältnisse zumindest tagsüber teils überraschend saubere sanitäre Anlagen, Workshops zum ‚Upcyclen‘ von alten Shirts und eine gar nicht mal so üble Idee: Statt des üblichen monetären Pfandsystems wird am Pfingst-Open-Air für die Abgabe von Müllbeuteln Essen verteilt. Im Idealfall stopft das Saubermachen des Geländes also die ausgemergelten Festivalmünder. Kann man machen.

Eher in die Kategorie ‚müsste man immer so machen‘ fällt im Übrigen – und das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit – der Sound. Wo es auf vielen Festivals gerne mal matscht und hallt und fiept, perlen die Songs auf dem Pfingst-Open-Air glasklar von der Bühne. Ein großes Kompliment also an all die Menschen, die für den Sound verantwortlich sind. In diesem Sinne verabschieden wir uns dann auch wieder für heute und vertrösten euch für den Bericht von Sonntag auf morgen…

(Martin Smeets)

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News 25/05/13

Portugal.The Man // Bild: visions.de

+++ Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Heute ist Champions-League-Finale. Grund genug also, um mal wieder eine große Runde News unter die Leute zu bringen. Und nein, wir tickern hier jetzt nicht eventuelle Aufstellungen. Die haben wir auch nicht. Dafür haben wir Deafheaven. Die sind nämlich gerade dabei, mit ihrer neuen Platte Sunbather die Musikwelt rundherum zu begeistern. Black Metal trifft auf Postrock trifft auf vereinzelte sonnige Momente. Ob das so aberwitzig klingt, wie die Beschreibung vermuten lässt, dürft ihr nun selbst entscheiden, haben doch die KollegInnen von Pitchfork das Album als Stream bereitgestellt.

+++ Wir bleiben auch gleich in den ruppigeren Gefilden. Schließlich ist der erste April und damit der Tag, an dem Modern Life Is War von hier auf gleich ihre Rückkehr vermeldeten noch gar nicht so lange her. Was von einigen für einen Aprilscherz gehalten wurde – ein Idee, die seitens der Band für einige Irritationen sorgte – darf nun getrost als Realität bezeichnet werden: Die Band hat die Aufnahmen zur neuen Platte abgeschlossen. Wie sie heißt, weiß man noch nicht, dass sie noch dieses Jahr erscheinen wird, hingegen schon. Ein Grund zur Freude.

+++ Als nicht gerade zimperlich bezüglich ihres Sounds dürften auch Converge gelten. Die haben es sich kürzlich nicht nehmen lassen, Entombed, genauer gesagt, deren Song Wolverine Blues zu covern. Und weil Converge nicht irgendeine dahergelaufene Hardcoreband sind, haben sie das auch gleich gründlich gemacht. Sprich: Fünf mal. Das Ergebnis hört ihr hier:

+++ Leider ist auch noch nicht lange her, als Red Tape Parade den Tod ihres Sängers Wauz zu betrauern hatten. Man steckte in der Arbeit zur dritten Platte, als die Diagnose Krebs das Unterfangen stoppte. Jetzt gibt die Band eines der wenigen Demos zum hören frei. To Wauz! To Life!

+++ Eine neue Platte am Start haben auch Placebo. Hören wird sie auf den Namen Loud Like Love, erscheinen wird sie am 16. September 2013. Ob man den krachledernen Weg der Vorgängerplatte weitergeht, bleibt nach der zwischenzeitlich veröffentlichten B3-EP mit Spannung abzuwarten.

+++ Und zum Schluss noch eine neue Platte. Dieses mal von Portugal.The Man. Die beglücken uns am 31. Mai mit ihrem jüngsten Werk Evil Friends. Wer die Zeit bis dahin gar nicht abwarten kann, kann sich schon mal das Video zum Song Atomic Man zu Gemüte führen. Und zwar hier:

POA 2013: So war der Freitag

Die Nacht von Freitag auf Montag

Jaja, einen Festivalbericht mit einer Zeile aus einem Feiersong zu betiteln zeugt nicht eben von kreativen Höhenflügen, aber hey: Hier geht es schließlich um ein Festival. Genauer gesagt um das Pfingst-Open-Air 2013. Das ging nämlich am letzten Wochenende mehr oder weniger übersichtlich über die Bühne. Doch der Reihe nach.

Beginnen wollen wir lieber einen Tag vor den eigentlichen Feierlichkeiten, am Donnerstag. Dann nämlich erreichte mich ein Anruf voll elterlicher Besorgtheit mit der Punchline, ich wäre zu alt für solche Späße. Hm, nun gut, man könnte einwenden, dass ich nicht lediglich hier bin, um den Vorzügen von lauter Musik und Dosenbier zu frönen. Oder dass der werte Kollege Oswald gleich noch ein paar Lenze mehr mit sich herumschleppt. Man könnte aber auch sagen, dass selbiger wegen Verpflichtungen als Künstler und Lohnarbeiter erst am Sonntag an- und abgereist ist. Und man könnte auch zugeben, dass haarsträubende Flunkyballschlachten im strömenden Regen, von trunkener Zerstörungswut schwer geschädigtes Festivalequipment, in fremden Klappstühlen verbrachte Vormittage und das angstvolle Ausweichen im Angesicht fliegender Bierdosen wahrhaft nicht zeitlos ist. Alles Dinge, die man diskutieren könnte. Oder: Man fährt da hin und schaut sich die ganze Chose einfach mal an. Für die Feststellung, man sei zu alt für diesen – pardon, aber es passt an dieser Stelle so gut – Scheiß, bleibt immer noch Zeit.

Mit dieser Erkenntnis im Rücken kommen wir dann auch zu fortgeschrittener freitäglicher Mittagsstunde (und nach einigen Orientierungsschwierigkeiten im eigentlich beschaulichen Salching) am Centro Benedetto an und werden von bereits leicht ‚inspiriert‘ wirkenden OrdnerInnen in unsere endgültige Parkposition eingewiesen. Erste Feststellung bei der Erkundung des zu becampenden Geländes: Keine Ordner, keine Wege (mehr), keine Ordnung. Der Zeltplatz macht in etwa den Eindruck, als wären die einzelnen Plätze per Campingstuhl-Zielwerfen ausklamüsert worden. Das mag vielleicht gerade des Nachts einige Schwierigkeiten mit sich bringen, ist aber unterm Strich ziemlich sympathisch. Ein etwas wirres Telefonat und eine Lasteneseltour später ist unser Zelt in Position geworfen, sind die Stühle bezogen, werden Pläne geschmiedet, welche Bands es denn nun unbedingt zu sehen gilt. Die ersten heißen Favoriten stellen sich schnell heraus: Hurricane Love und Vierkanttretlager sollen begutachtet werden. Soweit zumindest der Plan. Schließlich kommt es aber nach einer kurzen Erkundungstour über das eigentliche Gelände – übrigens übersichtlich aufgebaut, wie immer – zum Unvermeidlichen: Es regnet. Und zwar, um es mal ganz dialektal gefärbt zu formulieren: geschliffene Hackl. Die Antwort darauf ist genau die, die man von FestivalbesucherInnen, die als zu alt für sowas eingestuft werden könnten: Rückzug in den trockenen, windgeschützten Pavillon.

Doch immerhin: Pünktlich zum Beginn des Slots von Prinz Peng & die Tentakel von Delphi findet man mutig den Weg vor die Bühne. Und wird Zeuge eines Spektakels, das man so schon seit einiger Zeit nicht mehr begutachten konnte. Berserkerhaft – man verzeihe den martialischen Ausdruck – werden da die Punchlines über die Bühne und ins Publikum geschleudert, wird mit irrwitzig schnellem Sprechgesang um sich geworfen. Das mag zunächst auf manche irritierend wirken, hat man sich aber erst einmal auf den musikalischen Wahnsinn eingestellt, ist man dann auch ziemlich begeistert. Und vielleicht ein wenig ratlos. Ist das jetzt genial, verrückt oder schlichtweg völliger Nonsense? Ist das Kunst oder kann das weg? Ich entscheide mich im Brustton der Überzeugung für erstere Variante. Doch hört selbst:

Nach derlei unübersichtlichem Getöse nimmt das Gedränge zum nächsten Act noch einmal zu. Grund: SDP betreten die Bühne. Also die Band, von der wir uns mal ganz dreist die Überschrift ausgeliehen haben und die vor allem den Song geschrieben hat, den man im Laufe des Wochenendes immer wieder von irgendwo her schallmeien hörte. Klar, das zieht, das bringt die Menge auch ordentlich in Wallung. Aber: Ansonsten ist da nicht viel los mit SDP. Das plätschert so vor sich hin, in guten Momenten sehr gefällig, in den schwachen dafür ziemlich langweilig. Im Endeffekt also nichts, was man wirklich in Erinnerung behalten muss. Ein Urteil, dass nicht wenige wohl auch über Marteria fällen. Vor allem diejenigen, denen der werte Herr nur durch die Lila Wolken ein Begriff ist und die dementsprechend – und zwar nicht nur wegen des nach wie vor nicht berauschenden Wetters – etwas bedröppelt aus der Wäsche gucken. Schließlich steht da jemand auf der Bühne, der sich auf weit mehr versteht als fluffigen Pop mit Hang zur Befindlichkeitslyrik. Indes gibt es schlussendlich dennoch nur ein wirklich treffendes Wort für den Auftritt Marterias: Routiniert. Bis in die Fingerspitzen. Das kommt dann auch ganz gut, wirklich berührt ist man dennoch nicht. Dafür aber inzwischen ziemlich durchgefroren. Was den abermaligen Gang in Richtung Pavillon und somit das Verpassen von Supershirt nach sich zieht. Aber hey, immerhin werden auf dem Campingplatz eigene Konzerte intoniert. Immer mit dabei: Die neuesten, hochwertigsten Nylonsaiten, die gerade zu finden waren. Das klingt dann schmerzhaft schief, wird dafür aber auch viel zu laut vorgetragen. Und doch haben alle ihren Spaß.

Letzten Endes haben alle sogar so viel Spaß, dass der Faktor Schlaf eher vernachlässigt wird. Da wiegen die Glieder am nächsten Morgen dann doch noch etwas schwer, als man schüchtern aus dem Zelt blinzelt. Doch ein Blick über den tatsächlich sonnendurchfluteten Zeltplatz wischt das alles weg. Doch damit soll es für heute erst mal genug sein. Wie der Samstag so war und was das alles eigentlich mit  Thees Uhlmann zu tun hat?… Lest ihr morgen.

(Martin Smeets)

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The National – Trouble Will Find Me

The National - Trouble Will Find Me // Bild: www.digitalspy.co.uk

Mehr als die Summe seiner Teile

Matt Berninger wirkte wohl noch nie wie einer, den man gemeinhin als einen lustigen Zeitgenossen bezeichnen würde. Zu dunkel angestrichen waren und sind dafür seine Songs, zu deutlich tritt das latent depressive Charisma in seiner Stimme zu Tage. Das ganze Schaffen einer Band als großer, vertonter Brocken Melancholie, musikalische Nebelschleier vor den Augen, wenn man so will ein Soundtrack für genau die Tage, an denen man lieber zu Hause bleibt und am liebsten erst gar nicht wirklich aufstehen würde. Musik, die  scheinbar nur geschrieben wurde, um Abende mit schweren Büchern und noch schwereren Rotweinen zu veredeln. Und jetzt obendrauf so etwas: Trouble Will Find Me. Ein Titel, der endgültig das letzte bisschen Optimismus von der Planke springen zu lassen scheint und sich selber gleich hinterher versenkt in die kalte Flut der Düsternis. Da muss man sich doch mal Sorgen machen.

So zumindest die Befürchtungen, die ersten Assoziationen, die einhergehen mit dieser neuen Platte von The National. Die sich im Übrigen auch nach mehrmaligen Hörgenuss – wenngleich nur in Teilen – bestätigen. Im Vergleich zu Trouble Will Find Me wirkte der Vorgänger High Violet, wirkten Stücke wie Bloodbuzz Ohio oder Runaway geradezu spielerisch und ausgelassen, ja beinahe euphorisch. Davon übrig bleibt heute: So gut wie nichts. Gemächlich, an der Grenze zur erlahmenden Langsamkeit bahnen sich die dreizehn neuen Stücke ihre Wege und geben sich dabei so unauffällig, wie nur irgendwie möglich, ja, sie schleichen geradezu an ihren HörerInnen vorbei. Große dramaturgische Ausbrüche, unerwartete Wendungen oder bis zum Bersten geladene Spannungsbögen sind nicht die Sache dieser Platte. Was wiederum dazu führt, dass man diesen Songs bei der ersten Begegnung gar nicht erst wirklich gewahr wird. Dass man sie nicht wirklich greifen kann und sich jedes Körnchen, das man glaubt in Händen zu halten umgehend wieder verflüchtigt. Und dass man schließlich vieles von dem, was auf Trouble Will Find Me so passiert, zunächst gar nicht erst richtig mit bekommt.

Was nämlich zu Beginn Langeweile vermuten lässt, stellt sich überraschend schnell als die entscheidende Eigenschaft von Trouble Will Find Me heraus: Sie zieht ihre HörerInnen sachte, aber doch fast erbarmungslos zu sich, geriert sich als Ungetüm an Subtilität, das gemächlich, aber schließlich umso entschlossener zupackt. Und ehe man sich versieht, hat man sich vollends verloren in diesem Machwerk, taumelt begeisterungstrunken von Song zu Song, bis man selbige kaum mehr voneinander zu trennen vermag, bis Trouble Will Find Me zu einem depressiven, anmutigen, mäandernden Koloss mutiert, aus dem es, angesichts eines schier unglaublichen Detailreichtums kein Entrinnen zu geben scheint. Aus dem man dann auch kaum einzelne Songs herausheben kann – zu dicht ist die Atmosphäre, zu geschickt sind die vielen, kleinen Überraschungen in die Arrangements verwoben, zu stimmig ist das Gesamtbild, das Berninger und Co. aus den einzelnen Stücken formen. Und doch verstehen sich The National auch auf ihrer jüngsten Platte wieder darauf, unter ein beeindruckendes Ganzes einige alles überstrahlende Momente zu verteilen. Ja, sie grüßen sogar gleich zu Beginn mit einem solchen. Mit I Should Live In Salt nämlich, das die neue Platte mit verschleppter Akustikgitarre, fabelhafter Produktion und einer Melodieführung, wie sie – nicht zuletzt dank des beeindruckend akzentuierten Schlagzeugspiels von Bryan Devendorf – eigentlich nur The National kreieren können. Ähnlich großartig: This Is The Last Time, das sich mit fast Post-Rockiger Ruhe aufbaut und schließlich beinahe schon euphorisch wird, oder Heavenfaced, ein betörender Leisetreter, der nebenbei zeigt, dass Berninger tatsächlich auch ganz einwandfrei singen(!) kann. Und wenn sich The National zum Ende mit Hard To Find am musikalischen Äquivalent von purer Schönheit versuchen, ist ohnehin längst alles gut.

Überhaupt, die Schönheit – ein Thema, das diese Platte ständig anzutreiben scheint. Zwischen all der dunklen Couleur, die dieses wahrlich nicht eben gut gelaunte Album zu bieten hat schleichen sich immer und immer wieder Momente von glänzender Opulenz, Momente, an denen Trouble Will Find Me kurz inne zu halten scheint, um sich gemeinsam mit seinen HörerInnen an sich selbst ergötzen zu können. Die dringliche, furiose Instrumentierung, die Sea Of Love nach vorne trägt etwa, oder die schlichte Schönheit der kleinen Gitarrenfigur zur Eröffnung von This Is The Last Time. Oder allen voran das im Vergleich zum Rest der Platte fast versöhnlich tönende Klavier, das Pink Rabbits stützt. Das sind sie dann, die Augenblicke, in denen The National zwischen all dem grau plötzlich mit satten Farben arbeiten und so eine transzendentale Magie schaffen. Dann sind die Münder offen. Und die Herzen pochen.

9/10

Anspieltipps: Keine Angabe

(Martin Smeets)

The National – Trouble Will Find Me | 4AD / Beggars / Indigo | VÖ: 17.05.2013 | CD/LP/Digital

Idle Class – The Drama’s Done

Idle Class - The Drama's DoneNachts um Vier – beim Bier

Münster 2013. Was ist da? Was war da? Noch muss man achselzuckend nach Antworten und Assoziationen suchen, schon bald könnte sich eine sehr offensichtliche Antwort aufdrängen: das Debütalbum von Idle Class. Idle was? Ja, hier bedarf es durchaus einiger einführender Bemerkungen: Seit der Gründung 2011 ging es doch recht rasant her für die fünf Herren. Eine veröffentlichte EP, mittlerweile zahlreiche Konzerte mit u.a. Samiam, Nothington, Captain Planet und Polar Bear Club und jetzt die erste Full Length. Letztere erscheint mit Black Star Foundation im Rücken in ordentlichen Stückzahlen auf allen möglichen Formaten, verpackt in einem wirklich bezaubernden Artwork. Puh, ob da die Messlatte nicht schon viel zu hoch gesetzt ist? Bei dieser Aufzählung können die Erwartungen ja fast nur enttäuscht werden, oder? Und tatsächlich ist die spannende Frage, ob die Musik mit dem stimmigen Drumherum mithalten kann oder alles doch nur Blendwerk ist.

Wollen wir die Antwort aber noch einen kleinen Moment zurückhalten und kommen kurz auf die bereits erwähnten Polar Bear Club. Denn The Drama’s Done klingt glatt so, als hätten sie Pate gestanden. Hymnisch-melodischer Punkrock, der sich der Hymne nicht schämt, sie sich aber auch nicht voller Stolz in bunten Lettern auf die Brust tätowiert. Klingt nach Polar Bear Club? Ja eben, klingt aber auch nach Idle Class. Und das – und nun sei das Geheimnis gelüftet – im besten Sinne.

The Drama’s Done hält alles bereit, was zu einem guten Melodic-Punkrock-Album gehört. Bereits die ersten Worte könnten passender nicht sein: ‚Last night I broke every rule I´ve ever made up for myself…‘ – natürlich, es geht um Suffgeschichten, Barabende, trinken bis in alle Herrgottsfrühe, keineswegs aber in der Plumpheit, die thematisch nahegelegt ist. Es geht um Scheitern, Sinnfindung, um die Erschöpfung, die diese mit sich bringen und die geheimnisvolle und ungewisse Spannung zwischen Kämpfen und Zurücklehnen. Alltäglichkeiten werden als Lebensentscheidungen begriffen: Aufstehen oder Liegenbleiben? Noch ein Bier trinken oder nicht?… Banale Entscheidungen, die jedoch als tiefe Zerrissenheit zwischen Handeln und Unterlassen begriffen werden und gewiss keine einfache Lösung parat haben. Essence of Every Fight markiert einen beschwingt melodramatischen (das ist kein böses Adjektiv) Einstieg in ein Album, das genau diese Stimmung aus allen Poren schwitzt. Die Kunst die Härten und Widersprüche des Lebens nicht einfach zu verdrängen, sie aber auch nicht alles vereinnahmen zu lassen, gelingt hier fast immer – fast immer ziemlich gut. Zynismus ist ein möglicher Ausdruck dieser Kunst (Chances are for Poets), Optimismus ein anderer (Han Shot First). Getrieben werden diese Haltungen, Zustände und Gedanken von einem astrein produzierten Sound, der solide Bassfundamente legt, um den Gitarren Ausbrüche in die hohen Tonlagen zu ermöglichen und sie immer einfängt, wenn sie zu sich zu zügellos machen wollen. Hinzu kommt ein durchweg vorzügliches Schlagzeugspiel, das alle Wendungen, Tempi- und Stimmungswechsel brillant vorbereitet und vollzieht. Niemals durch haltloses Breakspiel zu aufdringlich, aber auch nicht zu zurückhaltend, um bloßer Taktgeber zu sein. In einem Wort (und das zücke ich selten): perfekt.

Und bevor das Lob zu überschwänglich wird: im vorletzten Albumfünftel (namentlich bei Songs 7 und 8) lässt die Platte ein bisschen Federn, lehnt sie sich zu stark zurück und zehrt eher noch von der hervorragenden ersten Albumhälfte. Last Night I Got Drunk With Mark Twain (ein reizender Songtitel übrigens) und Bridges Blues gehen etwas unspektakulär über die Bühne. Wohlwollend könnte man sagen, dass die Band kurz durchatmet, um am Ende noch einmal alles aufzufahren. Und tatsächlich gelingt genau dies mit dem sich marschierend anschleppenden Angus One‚All my friends are deaf and silent /All my friends they will be there in the end.‘ Kitschig? Nicht die Spur. Mit Sometimes You Eat the Bear hätte der Abschluss letztlich nicht besser sein können. Idle Class zelebrieren hier förmlich was die gesamte Platte so stark macht: Feine Melodien auf rhythmisch einwandfreiem Boden, hymnisch und verwegen zugleich, stimmlich eindringlich, zielstrebig und dennoch unentschlossen und zerrissen. Das Motiv von Angus One dabei andeutungsweise wiederholend, können die letzten Silben keine Antworten, sondern nur Fragen sein, die sich eigentlich nur nachts um Vier beim Bier klären lassen: ‚Are we too old to stay? To stay this young day by day?‚.

8/10

Anspieltipps: Essence of Every Fight, Han Shot First, Sometimes You Eat the Bear

(Martin Oswald)

Idle Class – The Drama’s Done | Black Star Foundation | VÖ: 31.05.13 | LP/CD/digital

Great Lakes USA – Live Fast, Die Whenever

Great Lakes USA - Live Fast, Die WheneverMecklenburgische Seenplatte BRD

Jetzt bin ja alles andere als ein englischer Mutterspachler. Deswegen stelle ich mir schon die Frage: wie klingt so ein Bandname für Muttersprachler_innen? Etwa so dämlich wie Bandnamen klängen, die Ammersee, Chiemgau oder Mecklenburgische Seenplatte BRD hießen? Vermutlich kommt so ein Name nicht nur mir recht eigenartig vor. Great Lakes USA aus Boston haben also noch bevor sie einen Ton anschlagen das Staunen und Kopfschütteln auf ihrer Seite. Ob das eher Fluch oder Segen ist? Das wird sich zeigen…

Die Platte heißt Live Fast, Die Whenever und wurde in Nordamerika (wo auch die Great Lakes liegen, hö hö) bereits 2012 veröffentlicht und hat es mit leichter Verzögerung und unter anderem Cover auch über den großen Teich (man verzeihe mit die gewässerlastigen Anspielungen) geschafft. Zu hören gibt es darauf räudigen und zackigen Punkrock, der in dieser Weise eigentlich nur an der amerikanischen Ostküste so richtig heimisch sein kann. Ein einziger Song sprengt die 3-Minuten Grenze und in nicht einmal einer halben Stunde ist alles abgefrühstückt. Langweilig kann die Platte fast nicht sein – ist sie auch nicht. Drei Instrumente, eine Stimme und jede Menge Leidenschaft. Mehr braucht es bekanntlich nicht für ein Punkrockalbum und ein Mehr wäre hier auch irgendwie fehl am Platz. Fast jeder Song stürmt drauf los, fackelt nicht lange, hält sich nicht mit Soundtüftelei und anderen technischen oder songwriterschen Sperenzchen auf. Der Song steht stets im Vordergrund und ein jeder davon ist ein kleines Biest, das aufgescheucht und ohne viel Zappeln nach vorne gepeitscht wird.

Es fällt dadurch allerdings schwer jeden Song einzeln festzunageln und einige besonders herauszustellen. Zu ähnlich sind sie sich in Klang, Struktur und Rhythmus. So richtig tanzt da keiner aus der Reihe, weder im positiven noch im negativen Sinne. Live Fast, Die Whenver ist einfach zu straight, zu direkt, um sich Aussetzer oder Aureißer zu leisten. So wie No Girlfriends losschrammelt und -brüllt, geht es geradewegs weiter. Ab und an schielen die Great Lakes etwas in Richtung Poppunk (Grown Up Stuff, Drink & Stagger), Hardcore (Let’s Face It, This Sucks) oder The Gaslight Anthem (No Boyfriends), aber den Trampelpfad, der irgendwo zwischen Hot Water Music, Bad Religion und Strike Anywhere liegt, verlassen sie dabei nie.

Live Fast, Die Whenever geht wunderbar den Gehörgang runter, ohne jedoch völlig mitzureißen. Denn letztlich ist die Platte trotz guter Songs eine ganze Spur zu eingängig (ja, das ist nicht immer ein positiver Begriff) und zu konturlos geraten. Ein paar Spurwechsel und ein waghalsigeres Songrwiting hätten sicherlich nicht geschadet. Wer allerdings nach einer schnörkellosen, kurzweiligen und rotzigen Punkplatte sucht, dürfte bei Live Fast, Die Whenever fündig werden.

6/10

(Martin Oswald)

Great Lakes USA – Live Fast, Die Whenever | Coffeebreath and Heartache | VÖ: Mai | LP/digital

pADDELNoHNEkANU – Endlich Wieder Deutschpunk

pADDELNoHNEkANU - Endlich Wieder DeutschpunkHearts Fear Punkrock

Tja, bei so einem Albumtitel muss man natürlich zunächst auf denselben eingehen. Das ist nicht gerade der originellste Einstieg einer Review, aber besser als nichts, oder? Man könnte eigentlich aber auch beim Cover anfangen. Dann eben so: Das Cover nämlich ist so etwas wie ein Relikt aus den ausgehenden 80ern und beginnenden 90ern und zudem eine ästhetische Zumutung. Ein Punk wirft eine Tonne durch das Schaufenster eines Ladens namens ‚Media Moloch‘, dessen Name mit ‚paddelnohnekanu‘ besprüht ist. Der bekannteste Schlachtruf der Ton Steine Scherben darf auch nicht fehlen: Macht kaputt was euch kaputt macht. Schlechter geht’s nicht und man hat wahrlich Angst da jetzt reinzuhören. Allen Befürchtungen zum Trotz: Endlich Wieder Deutschpunk!

Die Überraschung kommt prompt – handelt es sich eben doch nicht Deutschpunk im eigentlichen Sinne, sondern eher um Post- und Indie-Punk oder dergleichen. Will heißen: das Tempo beeilt sich nicht sonderlich, der Akkordzähler bleibt nicht bei drei stehen und überhaupt zeigen sich pADDELNoHNEkANU vielseitiger als man es zunächst vermuten würde. Besonders zeigt sich dies beim Songwriting und den durchweg interessanten Texten. Letztere machen die Platte gar zu einem Konzeptalbum, das sich bis in die Haarpsitzen des Iro dem Punk verschrieben hat. Und das auf eine erfrischend ehrliche, witzige und kluge Art und Weise. So entpuppen sich Cover und Titel nach und nach als Karikatur eines Albums, das Hand und Fuß hat, allerdings nicht ohne einige Makel auskommt.

Aber zunächst zum Guten: Da wären allen voran die ersten vier Songs zu nennen, die alle als kleine Hymnen mit einprägsamen und zeitdiagnostisch charmanten Textzeilen, Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen bewirken: „Am Abend schrei ich Dir dann meine Lyrics ins Besoffenheitsgesicht / Das hilft beim Älterwerden“ (Kein Kommentar), „die Welt steht voller Häuser und die Raucher vor der Tür“ (Turmbau Zu Dubuy), „Antikapitalist, Wutbürger / Früher hieß das PUNK“ (Immer Kurz Vorm Burnout) oder „Schon gehört? / Heute wird die Welt abgestellt / Schon gehört? / Heute wird die Welt bei Amazon abbestellt“ (Schon Gehört? Heute Wird Die Welt Abgestellt). Die Mélange aus schicken Melodien, Gesellschaftskritik, Besoffenheit, Ernst und Albernheit geht ungetrübt weiter und produziert dabei schön-kauzige Slogans wie „Hearts fear Punkrock„. Wenngleich und das sollte nicht mehr unerwähnt bleiben, Endlich Wieder Deutschpunk einiges fehlt, um ein richtig starkes Album zu sein. Das Augen- bzw. Ohrenfälligste ist hier der auf Albumlänge wirklich anstrengende Gesang, der die Lyrics teils auf abenteuerlichste Weise über alle Taktgrenzen und Rhythmusstrukturen hindurchprügelt. Ein Stück weit ist auch das natürlich Kalkül und ein Ausdruck dessen, dass sich pADDELNoHNEkANU selbst nicht übermäßig ernstnehmen, nervig ist es trotzdem. Gleiches gilt allgemein für die Umsetzung der – wie gesagt – eigentlich durchweg guten Songs. Die Produkion ist blass und konturlos, die Drums minimal druckvoll, die Gitarrenfiguren manchmal kaum von Brei zu unterscheiden und rhythmische Prägnanz nur selten vorhanden.

So bleibt Endlich Wieder Deutschpunk im Gesamtfazit eine sicherlich wertvolle Entdeckung einer sympathisch agierenden Band, der es damit aber leider nicht gelingt eine überdurchschnittliche Platte zu veröffentlichen:

5/10

 pADDELNoHNEkANU – Endlich Wieder Deutschpunk | VÖ: 23.04.2013 | LP/digital

(Martin Oswald)