Propagandhi + Shai Hulud + War On Women | 23.04.13 | Backstage Halle (München)

Propagandhi_Tour2013

Etwas eigenartig war dieser 23.04.13 ja schon. Der FC Bayern München spielte im Hinspiel des Champions League Halbfinales gegen den FC Barcelona zuhause in der Allianz Arena. Gewonnen haben die Bayern ja auch noch recht deutlich. Eines der aufregendsten Ereignisse, das in diesem München seit dem letztjährigen ‚Finale Dahoam‘ vonstatten ging. Die halbe Stadt dürfte auf den Beinen gewesen sein: im Stadion, in unzähligen Sport- und anderen Kneipen, bei Public Viewings etc. Einige davon kamen auch ins Backstage. Dort hatte man auch vorgesorgt und Werk, Werkstatt, Biergarten und Club fußballtauglich mit Leinwänden, Tribüne und reichlich Bier vorbereitet. Nur die Halle blieb davon unberührt, denn dort fand ein ganz anderes Ereignis statt: eine Propagandhi-Show. Ob die Umstände also eher gut oder schlecht waren? Schwer zu sagen – erst einmal durch die zahleichen Bayernfans hindurchdrängeln und sich den Weg zur musikalischen Enklave durchschlagen.

Dort angekommen, legten dann auch schon vor noch überschaubarem Publikum War On Women mit ihrem Riot-Grrrl-HC/Punk los, der tatsächlich nicht bloßer Zeitvertreib bis Shai Hulud und Propagandhi war, sondern durchaus nach Aufmerksamkeit verlangte. Das lag nicht nur an der kauzig-aufgeregten, stimmlich allerdings recht desorientierten Sängerin, sondern auch am druckvollen Sound und der insgesamt überzeugenden Darbietung. Davon zeugte nicht zuletzt nicht das sich von Song zu Song steigernde Interesse des Publikums.

Shai Hulud, denen im Anschluss für knapp eine Stunde die Bühne gehörte, hatten dieses Interesse von Beginn an. In achtzehn Bandjahren haben sie es zwar erst auf vier Alben gebracht und unzählige Male die Besetzung gewechselt, ihrem Ansehen in Bereich des metallastigen HC/Punk hat ihnen das sicherlich nicht geschadet, zumal ihre brandneue Platte Reach Beyond the Sun in höchsten Tönen gelobt wird (z.b. hier). Doch sind Shai Hulud leider auch ein Deppenmagnet. Will heißen: wie magisch ziehen sie allerlei Wüstlinge an, die in München ohnehin ihre Hauptzentrale zu haben scheinen. Da wird gleich zu Beginn der Pit selektiert und die Vollidioten reißen das Heft des Handelns an sich. So dürfen dann die zuhause vorm Spiegel geübten Highkicks in alle Himmelsrichtungen verteilt werden, werden wahllos Leute außerhalb des Pit mit Speartackles zum Mitmachen animiert (oder welche Botschaft da auch dahinter stecken mag) und wird die Bühne durch protziges und maskulin-paranoides Auf- und Abgehen ‚bewacht‘ oder als eigenes Revier markiert (ich bin kein Verhaltensforscher und kann hier nur Mutmaßungen anstellen, was das für ein Sozialverhalten ist). Naja, locker bleiben: ist nur Vorgeplänkel bis Propagandhi.

Die ließen sich dann auch reichlich Zeit und bis es tatsächlich soweit war, gab es noch eine informative, aber leider unnötig lange Rede von Sea Sheppard, die seit vielen Jahren von der Band unterstützt werden. Propagandhi: das ist ein mittlerweile doch merklich gealterter Vierer aus Winnipeg, der sich im 28sten (!) Bandjahr live aber dermaßen ins Zeug legt, dass man ihn glatt für einen Bündel Mitzwanziger halten könnte. Das wurde spätestens schon zu Beginn klar, als Todd voller Impulsität die jubelnd-animierende Kowalski-Faust (Boris Becker muss sie bei ihm abgeschaut haben) zückte und dies viele, viele Male wiederholen sollte. In dieser Band steckt noch enorme Energie, vor allem Kowalski ist ein wahrhaftes Energiebündel.

Mit Dear Coach’s Corner und Fuck The Border ging es dann auch schwungvoll los. Hervorragender Sound, Chris Hannah stimmlich in Topform – perfekt. Der Schwerpunkt der Show lag selbstverständlich auf Failed States (mit u.a. Note To Self, Failed States, Cognitive Suicide und dem von Kowalski brüllend gesungenem Rattan Cane) ingesamt kam aber fast die komplette Bandchronik zur Geltung. Die Songs waren letztlich wunderbar zusammengürfelt, so dass man hätte glauben können, dass alle aus einen Guss sind und nicht teilweise über 20 Jahre zwischen ihnen liegen. Aber so ist es eben: Punkrocksongs werden nicht alt, Propagandhi schon zweimal nicht. Und ernsthaft: wen interessiert da schon der FC Bayern München?

(Martin Oswald)

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Verlosung:
Weil wir noch ein original Tourplakat (siehe Bild oben/in A2) übrig haben, verlosen wir es einfach. Die Verlosung läuft bis zum 03.05.13, 12.00 Uhr und wer das Plakat haben möchte, trägt sich hier ein und nimmt damit automatisch an der Verlosung teil:

Verlosung ‚Propagandhi-Tourplakat‘ ist beendet.

Rantanplan – Pauli

Rantanplan - Pauli // Bild: jpc.de

Fuck, ist das schön!

Meine Güte, Rantanplan. Die Band, die vor inzwischen viel zu vielen Jahren Alben wie Kein Schulterklopfen (Gegen den Trend) oder Köpfer unter die Leute geworfen hat, zwei Versprechen, die niemals gehalten wurden. Hymnen waren das, Großtaten im Spannungsfeld von Hardcore, Punk und Ska. Waren. Weil alles, was danach kam nur andeutungsweise zeigen konnte, dass Rantanplan auch ohne Wiebusch und Bustorff funktionieren. Beziehungsweise, weil der Karren Rantanplan von Platte zu Platte ein Stückchen mehr im Dreck hing. Hatte Samba mit Schweinesand und Flucht nach vorn noch zwei Songs für immer, war es schon auf Junger Mann zum Mitreisen gesucht nur noch die überraschende Pop-Liason, die die Band auszeichnen konnte. Danach? Erst mal nichts mehr: Ein maximal halbgares 20359 und eine bessere Compilation, die unter dem Unleashed-Banner zunächst als Album verkauft wurde (und die überhaupt verantwortlich dafür ist, dass dieses blöde Blog überhaupt existiert). Rantanplan, lange nicht mehr die Band, die schneller schießt, als ihr Schatten. Eher Schatten ihrer selbst. Ein Zombie, der nur noch auf der Bühne zeigen konnte, warum er einstmals als Speerspitze des deutschsprachigen (Ska-)Punks gefeiert wurde.

Aber auch: Ein Zombie, der jüngst Spaß an seinem Dasein als Untoter gefunden zu haben scheint. Oder wie ließe sich jetzt, ganze 15 Jahre nach der letzten Großtat Köpfer, eine Platte wie Pauli erklären? Völlig ohne Vorwarnung kommt da die Hamburger Besetzungswechselmaschine daher und serviert genau das Album, auf das nicht wenige seit 1998 gewartet haben. Blitzsauber produziert, hungrig, dringlich und vor allem mit einer Anzahl an – pardon – sackstarken Songs, die den geneigten HörerInnen zwangsläufig das fiese Grinsen ins Gesicht treibt.

Glaubt ihr nicht? Dann hört doch mal in Natural Born Altona rein, dass mitsamt Spitzentext in seinen ersten Sekunden dermaßen auf Kante genäht nach vorne will, wie es zuletzt – und ja, auch mir geht diese Köpfer-Vergleicherei mittlerweile auf den Zeiger – Monsterschiss wollte. Oder hört doch mal Wir sind nicht die Onkelz, dass den schnörkellosen Punk in den Arm nimmt und selbigem die charmanteste Textidee seit einer gefühlten Ewigkeit mit auf den Weg in den Pit gibt. Pauli vs. Kritik? 2:0. Offene Fragen? Keine. Ab jetzt bleibt nur noch die gespannte Erwartung. Was hat diese Band, die zum ersten mal seit langer Zeit mal ihr Bandgefüge kaum verändert hat (bzw. musste), denn nun noch für uns zu bieten? Eine Frage, viele gleich lautende Antworten: Songs, die dich aus den Socken skanken, Songs voller Spielwitz und Energie, schwungvoll bratzende Powerchords, zwingende Bläsersätze. Und zwar wohin das Auge sieht. Oder das Ohr hört. Höroin, wenn man so will. Ganz vorn mit dabei: Das beinahe lächerlich gute Erde zuteer’n. Ein Stück, in dem Rantanplans aktuelle Stärken kulminieren – ein bissig-augenzwinkernder Text, ein sagenhaft prägnanter Bass, eine Melodie, die alle mit sich reißt, während sich Torben Möller-Meissner und Kay Petersen am Hauptgesang – und ja, endlich wird das Mikro wieder geteilt – die Punchlines vor den Latz knallen. Und nach 1998 – nach Köpfer – kräht kein Hahn mehr. Ehrlich. Weil ja schließlich auch in der Folge Songs, wie Die Chuck Norris Garantie auf ganzer Linie zu gefallen wissen, weil die Reggea gewordene Verschnaufpause Schwarzer Hund Davidstrasse 35 zum locker-cleveren Tänzchen lädt, weil Onkel Otto’s Hamburger Fenstersturz geradezu experimentiell geraten ist.

Damit wären wir bei ziemlich exakt der Hälfte von Pauli. Dieser Platte, die eine für tot gehaltene Band von der Leine lässt. Und die vor allem noch so einiges zu bieten hat. Deutschland du Opfer gib Handy zum Beispiel. Ein Stück, ein aberwitziger Titel, ein unwiderstehliches Refrainkonstrukt. Kurz: Ein verdammter Hit. Doch Rantanplan anno 2013 können auch völlig anders, beherrschen auch die Kategorie ‚Punk-Brecher unter zwei Minuten.‘ Zumindest beweisen sie genau das mit Luxusjammern, das in seiner kurzen Spielzeit die maximale Sozialkritik unter bringt und so ganz nebenbei die Tanzfläche auf Links zieht. Wir halten uns inzwischen längst mehr schlecht als recht auf den Beinen, angenockt von einer nicht für möglich gehaltenen Anzahl an zwingenden Nummern. Und was machen Rantanplan? Hauen uns einfach mal so Ponyhof Gnadenschuss um die Ohren, ausgestattet mit dem schnellsten Offbeat seit Lucky Luke, dem WIZO-igsten Text seit WIZO, Schirm, Charme und Melone. Und just, als man glaubt, man hätte alles gesehen, auf dieser nicht für möglich gehaltenen Platte, legen Rantanplan ihr Meisterstück vor: Fass die Uhr nicht an. Kein einfacher Song, eher der legitime melancholisch-hoffnungsvolle Nachfolger von Legenden, von Hamburg 8° Regen, von Ich erninner‘ mich an alles. Schönster Bläsersatz der Ska-Geschichte inklusive. Mal ehrlich: Dieses Stück ist zum Heulen gut.

Und ja, die 15 und mehr Jahre, seit Rantanplan als der heißeste Scheiß abgefeiert wurden: vergessen. Pauli macht’s möglich. Und auch wenn den Eunuchengesang im Refrain von Das beste Lied der Welt kommt aus St. Pauli und das vergleichsweise fade Instrumentalgedöns vom Closer Sankt Pauli Skapunk niemand braucht: Pauli ist ein später Meilenstein in der Diskographie von Rantanplan. Dass der Rest der GenreverterInnen sich bitte hinten anstellen möge – selbstverständlich. Den einzig richtigen Kommentar zu dieser Platte gibt die Band in Fass die Uhr nicht an ohnehin selbst: Fuck, war das schön!

8/10

Anspieltipps: Erde zuteer’n, Die Chuck Norris Garantie, Deutschland du Opfer gib Handy, Ponyhof Gnadenschuss, Fass die Uhr nicht an

(Martin Smeets)

Rantanplan – Pauli | Hamburg Allstyles/Membran/Sony | VÖ: 26.04.2013 | CD/Digital/LP(kommt verspätet)

The Fifth Alliance – Unrevealed Secrets Of Ruin

TFA - Unrevealed Secrets Of RuinUnfreudige Freude

Ich weiß eigentlich gar nicht mehr richtig wie ich an den Doom -und Drone-lastigen Hardcore gelangt bin. Zumindest komme ich alles andere aus dieser Ecke und habe lange Zeit einen einigermaßen großen Bogen um dieses Genre weder gescheut noch bereut. Irgendwie kam dann doch eine gewisse Affinität auf, die frühestens mit IsisThe Absence Of Truth begann und zuletzt durch Light Bearer entscheidend geprägt wurde. Mittlerweile bereue ich doch ein bisschen, nicht schon etwas früher einen Fuß hierin gesetzt zu haben, aber man kann ja nicht alles haben. Alles zu seiner Zeit (würde Gorbatschow jetzt sagen). So bin ich nun auch bei The Fifth Alliance angelangt, denen die obige Genrebeschreibung wie auf den Leib geschneidert ist. Auf ein großes Referenzenrepertoire kann ich mangels Ahnung nicht gerade zurückgreifen und verusche es deshalb einfach ohne. The Fifth AllianceUnrevealed Secrets Of Ruin also.

Zu den Hardfacts: The Fifth Alliance kommen aus den Niederlanden (aus Breda, um genau zu sein) und legen nach sechs Bandjahren, zwei EPs, musikalischen und personellen Umstruktirierungen ihr Debütalbum Unrevealed Secrets Of Ruin vor. Dieses bewegt sich – welch Überraschung – in düsteren, zerstörerischen und mystischen Sphären. Hollow zeigt sich dabei als fulminanter und vielschichtiger Opener, der in dieser Funktion ungewöhnlich, zugleich aber wunderbar konsequent ist. Mit über 10 Minuten Länge, macht er schon fast ein Drittel des gesamten Albums aus und ist damit, ob gewollt oder ungewollt der Fixpunkt der Platte. Opener und mit Abstand längster Track – das muss ja etwas besonderes sein. Ist es auch. In gewisser Weise, und das ist konsequente an Hollow, wird hier eine Art Zusammenfassung (oder Abstract) des gesamten Albums geliefert. Dem traurig-verlassenen Intro folgt unmittelbar und in einer beeindruckenden Direktheit die berstende Kehle von Sängerin Silvia, die damit das langsame Tempo und die reduziert-wummernde Melodieführung konterkariert. Letztere durchschreitet noch ein paar postrockige Schleifen und schleicht sich mittendrin fast zu einer astreinen Hardcore-Nummer heran, um letztlich doch in sanften, aber unruhig-zaudernden Gitarrenklängen zu enden. Hier werden eben in aller ‚Kürze‘ alle Facetten angespielt, die noch folgen sollen.

Die richtige Hardcore-Nummer kommt gleich hinterher. Der Titeltrack brettert los, ohne das Tempo allzu sehr anzuziehen und dabei die düstere Grundstimmung aufzugeben. Stattdessen gibt es hier und ebenso im nachfolgenden Reminiscing krachende Riffs und jede Menge Double-Bass, die jedoch nicht überstrapaziert wird, sondern behutsam der trägen Rhythmik entsprechend gesetzt wird. Überhaupt könnte sich das Schlagzeug kaum passender verhalten. Dezent, präzise, trotz Hall klanglich sehr direkt und relativ laut abgemischt, verleiht es den Songs viel Volumen und zusammen mit dem Bass eine dröhnend-atmosphärische Tiefe. Nach Intermezzo, das auch als eben solches dient und als kurze, wunderbar verträumte Instrumentalnummer eine wohlige Ausnahmeerscheinung bleibt, bahnt sich das letzte Albumdrittel seines Weges. Diese kann gerade den atmosphärischen Reiz des Anfangs nicht mehr ganz einfangen, präsentiert aber durchweg überzeugende Songs und mit Analgesia sogar einen überaus vortefflichen.

Insgesamt ist das alles eine runde Sache. Wohlwollen dem Doom gegenüber ist gar nicht nötig, um Gefallen an The Fifth Alliance zu finden. Wer Postrock und Hardcore gleichermaßen mag und sich mit dem vielleicht etwas ungewohntem Shouting anfreunden kann, sollte hier ihre/seine ‚Freude‘ haben. Freude steht natürlich in Anführungszeichen, zumal Unrevealed Secrets Of Ruin keine freudeige Stimmung versprüht, was der Freude an einem mehr als guten Album natürlich keinen Abbruch tut. Was übrigens die Kollegen von Borderline Fuckup geritten hat, das Album so übel zu verreißen, weiß ich übriegns nicht. Ich weiß lediglich, dass es völlig ungerechtfertigt ist:
8/10

Anspieltipps: Hollow, Unrevealed Secrets Of Ruin, Analgesia

(Martin Oswald) 

The Fifth Alliance – Unrevealed Secrets Of Ruin | Demons Run Amok | VÖ: 05.04.13 | LP/digital

ZSK – Herz für die Sache

http://coretexrecords.com/bilder/produkte/gross/35604_ZSK-herz-fuer-die-sache-PRE-ORDER.jpg

Comeback geglückt?

Zwei Jahre nach der offiziellen Reunion erscheint in den kommenden Tagen das  langerwartete Album Herz für die Sache. Comebacks sind ja eine schwierige Sache. Viele Bands scheitern an den eigenen Ansprüchen, verkommen zu bloßen Abziehbildchen vergangener Tage oder werden nur durch den schnöden Mammon hinter dem Ofen hervorgelockt. Bei den Jungs von ZSK bekommt man einen gänzlich anderen Eindruck. Das 2011er Reunionkonzert in Hamburg wusste zu begeistern. Die Band wirkte frisch und voller Spielfreude. Aus wenigen Auftritten wurde eine Tour. Aus einem neuen Song, nun eine ganze Platte. Und bis heute hält sich der Eindruck, dass die Band mindestens genau so über diese Entwicklung überrascht ist, wie deren Anhängerschaft.

Musikalisch geht es auf Herz für die Sache deutlich härter zu als auf dem Vorgänger Discontent Hearts and Gasoline. Dabei pendelt sich der typische ZSK-Sound immer noch zwischen klassischem Deutschpunk und dem großen amerikanischen Bruder ein.  So drängen sich beim Hören des neuen Albums, wie beim Titeltrack Herz für die Sache, oft Assoziationen zu Strike Anywhere oder den frühen Anti-Flag auf. Den eigenen Wurzeln aus den From Protest to Resistance Tagen bleibt man sich allerdings auch auf dem vierten Album treu. Es wirkt allerdings alles frischer und melodischer als sonst. Auch stimmlich verlässt man die eingetretenen Pfade. Im Vergleich zu den älteren Alben schreit sich Frontmann Joschi verstärkt seine Wut und Verzweiflung aus dem Leib. Stellenweise klingt das arg heiser ( Bis jetzt ging alles gut, Antifascista) weckt aber zugleich wohlige Erinnerungen an Jesse Michaels, seines Zeichens Sänger bei Operation Ivy und fügt sich gut in die kämpferische Atmosphäre des neuen Albums ein.

Textlich beackert die Band gewohntes Terrain. Es geht gegen Nazis (Antifascista), bürgerliche Symbolpolitik (Lichterketten), autonome Freiräume (Viel Glück) und die bestehenden Verhältnisse (Was wollt ihr hören). Vertrackte, gar kryptische Texte wie bei den Kollegen von Turbostaat sucht man hier vergebens. Aber diesen Anspruch verfolgt die Band auch nicht. Die Texte zeichnen sich durch ihre Direktheit aus und sprechen die ZuhörerInnen konkret an. Probleme werden klar benannt, manchmal sogar die passende Lösung gleich mitgeliefert. Durch das langjährige Engagement der einzelnen Bandmitglieder in diversen antifaschistischen Projekten (u.a KeinBockAufNazis) werden zugleich immer wieder eigene Erfahrungen im Umgang mit Nazis und der Staatsmacht verarbeitet. Songs von der Straße, für die Straße. Ob man die Texte plakativ oder einfach nur ehrlich findet, bleibt der/dem HörerIn selbst überlassen. Von Stumpfsinn oder Belanglosigkeit ist die Platte jedoch weit entfernt. Allein Der richtige Weg mag sich nicht so ganz in das ansonsten grandiose Album einfügen.

Mit Herz für die Sache melden sich die Berliner erfolgreich zurück und beweisen auch im Jahr 2013, dass deutscher Punkrock seine Daseinsberechtigung nicht verloren hat. Dabei tritt das neue Album deutlich aus dem Schatten des Vorgängers hervor. Selten klang die Band so energiegeladen, kämpferisch und kompromisslos wie auf der neuen Platte. Die Band besinnt sich auf ihre alten Stärken und bietet mit Herz für die Sache druckvollen und melodischen Punkrock. Nicht mehr und nicht weniger. Frei von Schnörkeln, dafür mit direkten und ehrlichen Texten. Das bis dato beste Album der Bandgeschichte. Willkommen zurück!

8/10

Anspieltipps: Herz für die Sache, Lichterketten, Bis jetzt ging alles gut, Antifascista, Unser Schiff, Was  wollt ihr hören

(Dominik Iwan)

ZSK – Herz für die Sache | People Like You Records | VÖ: 10.05.13 | CD/Vinyl/Digital

News 25/04/13

+++ Der Modern-Hardcore-Vierer Banquets aus New Jersey veröffentlicht am 7.5. über Coffeebreath & Heartache ein neues, selbstbetiteltes Album. Bis es soweit ist, kann dieses schicke Video zum hymnischen Call It A Comeback bewundert werden:

+++ Und wenn wir schon bei Cofeebreath & Heartache sind: Die Labelkumpanen der Banquets Great Lakes USA kommen ebenfalls aus den USA (aus Boston, um genau zu sein) und sind ebenfalls in Begriff ein Album zu veröffentlichen. Live Fast, Die Whenever ist zwar in den Staaten bereits Ende 2012 erschienen, in Europa kommt es (mit neuem Artwork) am 7.5. raus. Wer es jetzt schon anhören möchte, hat hier in voller Länge die Gelegenheit:

Great Lakes USA kommen übrigens Mitte Juni auf Euro-Tour und bespielen dabei u.a. folgende Orte:

15.06.2013 – Bielefeld (GER) @ AJZ
16.06.2013 – Berlin (GER) – Ramones Museum (early acoustic show)
16.06.2013 – Berlin (GER) – Wild At Heart
17.06.2013 – Hamburg (GER) – Rote Flora
18.06.2013 – Heemskerk (NL) – Cafe Lokaal
20.06.2013 – Hannover (GER)
21.06.2013 – Hameln (GER) – Freiraum
22.06.2013 – Regensburg (GER) – L.E.D.E.R.E.R.
23.06.2013 – Wien (AT) @ tba
24.06.2013 – Graz (AT) @ Sub
25.06.2013 – Zwiesel (GER) @ Jugendcafé
27.06.2013 – München (GER) @ Backstage
29.06.2013 – Mechelen (BEL) @ Panique Do

+++ Clickclickdecker und Captain Planet bringen am 24.5. eine gemeinsame 7“ über Zeitstrafe raus, die schon bald zur Rarität werden könnte. Die kommt zunächst ausschließlich auf Vinyl (später auch als Download) und ist limitiert. Wer sich das nicht entgehen lassen möchte, kann hier vorbestellen. Aussehen wird sie übrigens so:
Captain Planet_Clickclickdecker-Split

Update: ein erstes Video von Clickclickdecker gibt es nun auch schon, bei dem man nebenbei lernt, wie eine Gesichtshaarrasur auszusehen hat:

+++ Wer möchte auf dem nächsten Light Bearer-Album Magisterium sein? Na? Denn genau das macht die Band nämlich möglich. In aller Kürze: den Satz „There is a war coming“ sprechen und aufnehmen, an Light Bearer (lightbearerband@hotmail.co.uk) schicken und dann eine unter tausenden Stimmen sein, die in einem riesigen Chor eben diesen Satz sprechen. Eine Hörprobe wie das ungefähr klingen soll, gibt es hier und das komplette Bandstatement hier:

We would like all of you to be on our next record!

Something that was a really important aspect of this whole musical project was to incorporate our thoughts on how music can be shared between those who create it and those who listen, so that one cannot exist without the other. We often ask our friends to contribute their voices to our recordings as a sign of friendship, but we wanted to somehow extend that beyond this, to everyone who has enjoyed our music, and would like to be part of it.

The next album that we will record will be Magisterium, which is the darkest chapter of our story, and although the majority of this details the perspective of the oppressor, the minds of those opposed to the false god eventually have a voice,

So. We would like you to be that voice and record the phrase –

„There is a war coming“

We have attached a downloadable file for you listen to –

http://www.mediafire.com/?9cu5d35761pa0rc

If you can record something similar to this, thats great! You can say it in any language you want, not just English, Your voice will be added to the voices we have already recorded!

At this point, around one thousand voices, thanks to the audiences of our last few shows! Although individual voices will not be heard, your voice will be part of this huge rapturous voice. The voice of those opposed to the hateful ideologies that have oppressed all who stand outside the constraints of religious doctrine.

In no way are we glorifying war. This is battle of will, a desperate cry of those who must struggle to be heard, but together we are the loudest voice of all.

Not everyone has a recording device on their computer, so if someone wants to be on the record and does not have a way to record on a computer, please comment, and maybe someone in your town or city can help you, we will also try to help if we can. We are also recording the entire audience at every show we play, so this is also a way to have your voice on the record.

Once you have your recording (mp3 is fine, or whatever file quality you can make) please email it to us, with your name, to lightbearerband@hotmail.co.uk, and your name will be added to the liner notes of the next record!

This is a lovely way to include everyone on this record, and it would mean so much to us have you all included. So please, if you can, get involved!

DIY or DIT (do it together) Death is not an option!

Festivalcheck: Pfingst-Open-Air 2013

POA 2013 // Bild: facebook.com/pfingstopenair

Die letzten Tage ließen es erahnen, der Blick auf den Kalender gibt Gewissheit: Der Sommer, wie immer er schlussendlich auch aussehen mag, rollt unaufhaltsam an. Und mit ihm – ihr kennt ja alle das Spiel – die Lieblingszeit aller Teilzeitverrückten und LiebhaberInnen großer Menschenmassen: Die Festivalsaison. Die Auswahl ist dabei wie immer schier unendlich. Man kann auf dem Melt! endlich mal ohne jede Hemmung den Hipster raus kehren, man kann versuchen, in Wacken das Ortsschild zu klauen, man kann wahlweise auf dem Southside oder dem Hurricane Green-CamperInnen beschimpfen (und so nebenher gesprochen ein beachtliches Potpourri an Bands bestaunen), man.. ach, lassen wir das. Kurz gesagt: Alles kann, nichts muss. Oder so.

Um nun nicht ins völlig Nebulöse abzugleiten: Es haben ja wahrlich nicht alle Lust, sich bei den ‚großen Namen‘ die Bands aus der gefühlt 870. Reihe anzusehen. Und es haben auch nicht alle wirklich Bock auf stilistisch fest gefahrene Nischenfestivals. Und weil nun wirklich niemand Lust auf so Späßchen, wie das Farbgefühle-Festival hat, kann man immer wieder froh sein, dass es seit inzwischen tatsächlich mehr als dreißig Jahren so ein Festival gibt, dass einerseits Acts wie BoysetsfireFrittenbudeBosse oder Gisbert zu Knyphausen an Land zieht und sich andererseits immer einen charmant zurück gelehnten Charme erhalten hat: Ja genau, die Rede ist vom Pfingst-Open-Air.

Das findet dieses Jahr zum zweiten mal im beschaulichen Salching (dessen genau Lage in Anbetracht superber Wegbeschreibungen inklusive Sonderzug fast zur Nebensache wird) statt – überraschenderweise übrigens am Pfingstwochenende, also von 17. bis 19. Mai – und hat neben allerhand verschiedenartiger Bands einiges zu bieten. Da wäre zunächst die Auswahl aus der Mainstage, dem K-Zelt für all diejenigen, die unter anderem auf Lokalkolorit stehen und dem Elektrogelände. Was auf Letzterem gespielt wird, dürft ihr euch übrigens selber zusammen kombinieren. Und für all diejenigen, die eher so auf ständige Bewegung stehen, gibt es ja immer noch die bewährte Guerilla-Stage. Das meint einen Trecker (zu bayerisch: Bulldog), der so ziemlich den ganzen Tag so ziemlich unbekannte Bands auf einer so ziemlich kleinen Bühne über das Festivalgelände zieht. Eingedenk der Anzahl an verschiedenen Stages kommt bei der ganzen Chose dann auch eine beachtliche Reihe an Acts zusammen, die sich dort die Klinke in die Hand geben werden. Das sieht dann grob skizziert (akribischeren Geistern sei die Running-Order ans Herz gelegt) in etwa so aus:

POA Programm // Bild: http://www.pfingstopenair.de/

Jetzt fragen sich bestimmt manche schon seit geraumer Zeit: Wozu eigentlich jetzt dieses ganze Festivalbohei? Ja nun, das ist im Grunde genommen ganz einfach: Wir, also zwei Drittel von heartcooksbrain, fahren da hin. Und erzählen in Bild und Wort, was dort so vor sich geht, vor den Bühnen, auf den Zeltplätzen. Und weil auch wir ob einer solch freigeistigen Kombination verschiedenster Bands und Stilrichtungen stellenweise keine Ahnung haben, was sich hinter den gelisteten Namen nun eigentlich so verbergen mag – ein Problem, das wir sicherlich nicht exklusiv haben -, sind wir so frei, uns aus allen drei Tagen (natürlich geordnet) einzelne Acts herauszugreifen und sie genau hier ein klein wenig eingehender vorzustellen. Unerwartete Entdeckungen hoffentlich inklusive.

(ms)

Smoke Or Fire + ASTPAI + Irish Handcuffs | 14.04.2013 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

ELW-Smoke-or-fire

Da war es wieder soweit: Extreme Life Wasting hat ins L.E.D.E.R.E.R. geladen. Diesmal auf dem Progamm: Irish Handcuffs (als lokale Anheizer), ASTPAI (als überregionale Vollstrecker) und Smoke Or Fire (als transatlantische Rausschmeißer). Ein Line-Up also wie es sich gehört. Dazu hat man sich mit diesem Sonntag inmitten des verrückten Monats April den ersten wirklichen Sonnen- und Frühlingstag des Jahres ausgesucht. Konnte vorher natürlich niemand ahnen, aber auf der Skala der attraktivsten abendlichen Beschäftigungsmöglichen dürfte der L.E.D.E.R.E.R.-Keller nicht gerade einen Spitzenplatz einnehmen. Doch wieso eigentlich auch nicht bei Einbruch der Dunkelheit die Jahninsel, den Bismarckplatz oder Biergarten gegen das L.E.D.E.R.E.R. eintauschen? Eben. So dachten es sich wohl einige und trudelten nach und nach in zuletzt durchaus stattlicher Zahl ein.

Die Irish Handcuffs mussten sich zu Beginn mit noch etwas locker besetzten Publikumsreihen begnügen, doch tat dies weder ihrer Spielfreude noch ihrer Qualität einen Abbruch. Nun gut, der Sound hätte zweifellos etwas besser (aber für den Fall, dass ich es noch nicht erwähnt habe: L.E.D.E.R.E.R.-Keller) und die ohnehin spärlich gesäten Ansagen, na ja, kreativer(?!) sein können, aber wenn das die einzige Kritik ist, dann ist ja alles gut. Um mich vorher ein bisschen anzufixen, habe ich mir auf dem Hinweg noch einmal die sechs bisher veröffentlichten Songs reingezogen und Show des mittlerweile zum Quartett angewachsenen ehemaligen Trios sehr genossen. Ein amerikanisch inspierierter Pop-Punk, der genüsslich runtergeht und dabei nicht von allzu kurzer Dauer ist, sondern auch danach im Kopf ohrwürmerisch nachhallt. Eine Band, die sich noch so manch einen Fan erspielen wird.

ASTPAI haben dann die beste Spielzeit erwischt und daraus so ziemlich das Beste gemacht was man machen kann. Das Anwärmen des Opening Acts hinter sich und die Eile des Hauptacts noch nicht im Nacken (um 23.00 Uhr ist im L.E.D.E.R.E.R. Sense), lässt es sich vergleichsweise entspannt drauf losspielen, was ASTPAI auch fast schon spielerisch leicht gelingen will. Die Crowd ist heiß, das Bier noch nicht zu betüdelnd und ASTPAI in beeindruckender Form. Die knapp 40 Shows umfassende Tour mit Smoke Or Fire ist zu einem Viertel abgespielt und so kommen das Feuer des Touranfangs und die Gewohnheit des Touraltags zu einem guten Mischverhältnis, dem es offenbar sogar gelingt den Sound des ehrwürdigen Kellergewölbes zur Höchstform zu treiben. Flotter Punkrock mit kratziger Stimme, der um dezent-vertrackte Prog-Parts nicht verlegen ist und dabei sowohl etwas für’s Tanzbein als auch zum Staunen bietet. Die in 2 Metern Höhe aufgestellten Becken erinnern an eine Metalschießbude und bieten zusammen mit dem breiten Dauergrinsen des Leadgitarristen auch Humoriges für’s Auge. Ganz groß.

Für Smoke Or Fire blieb letztlich nicht mehr allzu viel Zeit. Etwas um eine 3/4 Stunde gestattete die Nachbarschaft des L.E.D.E.R.E.R. noch. Wenig, aber immerhin aureichend, um sich auszutoben. Ohnehin scheinen sich Smoke Or Fire (die ich nur aus der Ferne begutachtete) zu beeilen und veruschen so viele Songs wie möglich unterzubringen. Da wurde ordentlich auf’s Gas getreten und so ging das Ganze schnell, gut, aber unspektakulär zu Ende.
Ein feines Konzert war das wieder einmal – immer wieder gerne.

(Martin Oswald)

Shine Bright – S/T

Shine Bright - S/TZum Fürchten

Es ist nicht üblich, dass wir über Skandale schreiben. Aber jetzt ist soweit. Involviert darin sind Shine Bright, eine seit Anfang 2011 bestehende vierköpfige Hardcore-Band aus Oldenburg, die seit Anfang diesen Jahres mit ihrer zweiten Veröffentlichung vor der Tür steht. Diese hört auf den Bandnamen und liegt derzeit digital in Eigenregie vor. Und genau hier liegt auch schon der Skandal: Shine Bright sind ungesignt. Really!?

Ja, das ist eigentlich kein Zustand, denn diese Platte ist schlichtweg ziemlich groß. Mit 7 Songs in knapp 20 Minuten ist sie vom Umfang irgendetwas zwischen EP und LP und präsentiert verspielten Modern Hardcore, der einiges zu bieten hat. Auffällig ist da zunächst schon einmal die Tracklist, die nach einem sehr spannenden und spannungsvollen Schema verläuft. Gesetzt sind jeweils: ein Verb und eine antithetische Disjunktion. Soll heißen: To Breathe, Water Or Air; To Love, Monologue Or Dialogue; To Consume, Greed Or Need u.a. Damit wären wir bereits bei den ersten drei Songs, des Albums, die alle Register zücken, die Shine Bright auf Lager haben – und das sind einige. To Breathe, Water Or Air lässt eingangs einen rauhen und harten Song vermuten und lockt damit auf die falsche Fährte. Denn dazwischen weiß er auch mit einem straighten Punk-Teil und gegen Ende hin mit weichen Gitarren und Tempodrosselung aufzuwarten. Und das sehr überzeugend. Dabei ist es eigentlich schwer zu sagen auf welchem Gebiet sich Shine Bright am wohlsten fühlen. Der Hardcore ist natürlich der Kern um den sich ein ganze Genrepotpourri schichtet. Und gerade letzeres macht die Platte so interessant, anspruchsvoll und beeindruckend. Wenn z.B. To Love, Monologue Or Dialogue ein Intro ansetzt, auf das sogar die (frühen) Dredg neidisch wären. Oder wenn sich To Consume, Greed Or Need nicht wirklich zwischen Verschleppt-Werden und Aufbäumen entscheiden kann und die prägendsten Zeilen der Platte voller Leidenschaft intoniert: This is the fall of humanity / We are taking too much of everything / It shall awake the majority / To unite for better times. 

Die Wechsel von laut-leise und langsam-schnell halten den Spannungsbogen stets aufrecht und als man dann eben fast geneigt ist, die ruhigen Parts für die stärksten zu halten, wie z.B. das herrliche Intermezzo To Listen oder den Beginn von To Solve, Circle or Line, so kommen einem doch wieder die überragenden Punk-Parts bei der Beurteilung in die Quere (ebenfalls To Solve…), die niemals in die Eintönigkeit abrutschen, weil sie stets lediglich eine Art Bridge-Funktion erfüllen und sich manchmal wie ein kurzer Zwischensong im Song darbieten.

Dabei beweisen Shine Bright neben Können auch noch Mut, weil sie sich ungern festlegen wohin sich ihre Stücke entwickeln sollen und diese Unentschlossenheit Hardcore-Hörgewohnheiten durchaus herausfordert. Vielleicht sind hier die Brüche, Sprünge und Wechsel manchmal zu unglatt, unvorbereitet und erzwungen, doch wäre das wirklich Jammern auf hohem Niveau, zumal sich Shine Bright das Glanzstück bis ganz zum Schluss aufgespart haben. So unüblich es ist den stärksten Song am Ende zu bringen, so exzellent fügt es sich in das Schema dieser Platte. Denn wo sonst sollen die gesponnen Fäden von Hardcore, Prog, Punk, Alternative (und was weiß ich was noch alles) zusammenlaufen, wenn nicht am Höhepunkt? Eben. Und To Be, Fall Or Rise ist ein absoluter Kracher und nicht nur textlich existenziell. Die unglaubliche Wucht des Beginns (allein die ersten 25 Sekunden sind schon ein Grund Shine Bright zu feiern), den Touché Amoré nicht besser spielen könnten, weicht einer atmosphärischen Ruhe, die von einem beklemmeden Bassspiel und leichten Gitarrenanschlägen getragen wird und dabei nicht nur vage an Tool erinnert. Der Song kulminiert, türmt sich noch einmal auf und zack – kommt abrupt zum Ende. Fertig.

Shine Bright sind zweifellos jetzt schon eine überaus beachtenswerte Band, deren Potenzial jedoch bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Und letztere Feststellung ist, vergegenwärtigt man sich die Qualität der Selbstbetitelten, tatsächlich zum Fürchten, mit Blick auf was da eigentlich noch kommen mag. Ja, es wäre ein Skandal, würde Shine Bright kein Deal gelingen, um diese und nachfolgende Platte(n) auch auf physischem Wege veröffentlichen zu können.

8/10

Anspieltipps: To Consume, Greed Or Need / To Be, Fall Or Rise

(Martin Oswald)

Shine Bright – S/T | VÖ: 03.01.13 | digital

News 12/04/13

+++ The National stehen am 17.05.13 mit ihrem neuen Album Trouble Will Find Me auf der Matte. Den Song Demons gibt es vorab mit einem Video, in dem fast beiläufig das Albumcover gemalt wird.

+++ Eine neue Platte haben auch Rantanplan am Start. PAULI erscheint am 26.04.13 und enthält u.a. den Song Natural Born Altona, der sich halb ernst und halb albern dem Thema Gentrifizierung in Hamburg nähert:

+++ Pünktlich zum Record Store Day am 20.04.13 veröffentlichen Boysetsfire eine 7“, der im Juni das Album While A Nation Sleeps… nachfolgen wird. Dem rüpelhaften Song Bled Dry haben sie ein verstörendes weltpolitisches Video verpasst:

+++ Nachdem das halbe Hotel Van Cleef auch (bzw. ausschließlich) solo unterwegs ist, gesellt sich nun noch einer dazu: Marcus Wiebusch. Der kettcar-Frontmann nutzt eine kreative Pause seiner Band dazu, zunächst eine Single (Record Store Day) und schließlich ein ganzes Album zu veröffentlichen. Als allerersten Vorboten hat er Nur einmal rächen ins Netz gestellt. Und der geht so:

+++ Love A haben nach Windmühlen nun auch dem Song Kommen und Gehen ein Video verpasst. Und übrigens, ihr 2. Album Irgendwie erscheint, tadaaaa: heute.

Im Interview mit: Schallhafen – Das Magazin für Musik und Popkultur

Schallhafen Logo

Nachdem wir ja vor nicht allzu langer Zeit selber bei Schallhafen – Das Magazin für Musik & Popkultur im Interview vorstellig wurden (siehe hier), ist es nun an der Zeit, den Spieß umzudrehen. Dieses Mal also: Eine Hand voll Fragen an Betreiber Marc Braun und Autor Pascal Ziemen.

Zunächst mal ganz allgemein: Was ist Schallhafen?

Marc: Schallhafen ist das unabhängige Magazin für Musik und Popkultur aus Düsseldorf (, dessen Skyline auch im Webbanner auftaucht). Seit der Gründung im Jahre 2010 bieten wir regelmäßig Reviews, Interviews, Teaser und Nachberichte. Ehrlich, kritisch und mit Herz. Wir wollen mit unseren Artikeln gezielt kleinere Künstler fördern, die es ohne großes Label im Rücken schwer haben, dass über sie berichtet wird. Wir glauben, dass die Musik für sich steht und darüber entscheidet, ob eine Band Presseecho verdient. Und dafür braucht es keine detaillierten Vermarktungspläne.

Bis vor wenigen Monaten hörte euer Magazin ja noch auf den Namen „Lineofsight“ Warum habt ihr euch für einen neuen Namen entschieden?

Marc: Fassen wir es unter den Begriff Entstaubung 2.0. Der Name Lineofsight entstand bei der Gründung 2010, als noch gar nicht abzusehen war, dass es in erster Linie ein Musikmagazin wird. Davon kündet unsere Kategorie VISUAL  für Filme, Games und Bücher noch heute. Nach einem Design-Relaunch 2011 und einer klaren Ausrichtung auf (Herz-)musik waren da ein griffigerer Name und ein neues Logo für uns nur der nächste logische Schritt, dem wir den nötigen Reifungsprozess unterzogen haben. Nach dem Namenswechsel präsentieren wir nun auch Touren und Konzerte, veröffentlichten mit Supermutant und Western Grace zwei spannende Tourtagebücher und haben uns unseren Platz im Musikgeschehen so langsam „ertippt“.

Screenshot Schallhafen

Hübsch: Die Webpräsenz von Schallhafen

Ihr habt ja den Begriff „Popkultur“ bereits im Namen festgeschrieben. Was versteht ihr eigentlich darunter und inwiefern findet die Popkultur bei euch statt?

Pascal: Der Begriff (,wenn man es wertfrei zu betrachten versucht) beschreibt ja in erster Linie gesamtgesellschaftliche Phänomene, die in sehr vielen unterschiedlichen Kulturbereichen anzutreffen sind und von einer großen Masse konsumiert werden – wir schreiben über diese Phänomene. Unser thematischer Schwerpunkt ist Musik, doch darüber hinaus beschäftigen wir uns mit Film, TV-Serien und Videospielen.

Marc: Popkultur findet immer statt – man kann sich ihr einfach nicht entziehen. Sie ist, egal wie alternativ man sich sein Leben vorstellt, trotzdem oft Bestandteil unseres Lebens. Sei es die beliebte US-Serie oder ein zurzeit beliebtes Album der Band, die man schon lange schätzt.  Wenn eine Truppe wie Disco Ensemble vor Jahren noch der einschlägigen Szene vorbehalten war und jetzt als Titelsong von Til Schweiger-Filmen herhält, vollzieht sich automatisch ein Wandel in der Bandwahrnehmung. Solche Querbezüge stellen wir in den Reviews natürlich auch dar.

Erzählt doch mal von eurer Entstehung!

Marc: Nachdem ich jahrelang vor den vorzugsweise kleineren Bühnen NRW‘s herumturnte und viele Künstler im Laufe des Coming Of Age-Prozesses kennen und schätzen gelernt habe, war mir klar: Das ist nicht nur eine Momentaufnahme meines Lebens, das hier hinterlässt Kerben. Kerben, über die ich schreiben muss. Ein Umstand fiel mir dabei auf: In meinem persönlichen Umfeld gab es kaum jemanden, der diese Bands sonst kennt. Und diesen Umstand galt es zu ändern. Die Mission: Guten Leuten von guter Musik berichten. Darüber hinaus war ich richtig genervt, in den etablierten Formaten von den immer selben Bands in den immer selben Phrasen zu lesen. Es gab auch damals schon genug kleine Formate und Blogs, die sich detailliert mit unbekannteren Platten auseinander setzten, aber gerade diesen Faktor schätze ich so am Journalismus: Die Vielfalt. Und wir tragen unseren Teil dazu bei. Ich liebe es zum Beispiel, zu ein und derselben Platte verschiedenste Reviews zu lesen, um zu sehen, welche Bedeutung jeder für sich im Werk entdeckt.

Marc Braun

Schallhafen-Betreiber Marc Braun

Ihr habt ja vor Kurzem an der ersten Printausgabe eures Magazins gearbeitet. Wie ist es eigentlich dazu gekommen? Könnt ihr ein paar Worte zu Arbeitsweise und Aufwand einer Printausgabe verlieren?


Marc: Als wir vor Monaten auf die Musikmesse New Düsseldorf Pop aufmerksam wurden, war schnell klar, dass wir als unabhängiges Magazin aus Düsseldorf dort selber mit einem Stand vertreten sein wollen. Da sich unser Magazin aber bislang ausschließlich online abspielt, lag der lang gehegte Traum einer Printausgabe nahe und war schnell beschlossene Sache. Wir wollten den Messebesuchern mehr bieten als nur einen schnöden Flyer zum Onlinemagazin. Unsere besten Artikel sollten nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in einem Heft erfahrbar werden. Durch den glücklichen Umstand, die sehr talentierte Kommunikationsdesignerin Christiane zum Freundeskreis zu zählen, war der Grundstein für das schicke Layout und die ganzen Illustrationen der Artikel gelegt. Vom Coverdesign über das Redigieren und Setzen eines Artikels bis hin zum Illustrieren der verschiedenen Texte, diversen Abstimmungsprozessen und dem Finden einer passenden Druckerei ist es ein weiter, beschwerlicher Weg, für den eine übergroße Portion Ausdauer absolute Grundvoraussetzung ist. Vor allem für Christiane, die sich für uns Nacht um Nacht um die Ohren schlug und insgesamt ca. 60 Stunden Arbeit investierte. An dieser Stelle nochmal ein riesiges Dankeschön! Das Ergebnis kann sich dafür mehr als sehen lassen! Aber am Ende des langwierigen Prozesses ist es einfach ungemein erfüllend, das erste, eigene Magazin in den Händen zu halten. Hoch lebe die D.I.Y.-Kultur! Hier kann man sich das Magazin ansehen.

Als die Messe-Besucher dann tatsächlich interessiert und lächelnd in den Seiten blätterten und sogar eine ältere Dame unser Magazin mitnahm, war ich doch sehr glücklich, dass wir die Mühe auf uns genommen haben. Ich bin schon gespannt, ob sie schon bald zu Bratze, Supermutant und Idle Class tanzt.

Weil wir gerade bei der Printausgabe waren: Plant ihr das in Zukunft öfter zu machen? Und was habt ihr in mittelfristig allgemein mit eurem Magazin vor?

Marc: Es wäre schön, wenn wir eine zweite Ausgabe realisieren würden, dann aber auch wieder zu einem besonderen Anlass. Der Kosten- und Zeitfaktor ist einfach zu enorm. Ich persönlich schätze die Haptik und Optik eines gedruckten Magazins sehr, doch in der Generation Touchpads hat die ganze Printbranche zu kämpfen. Mein Eindruck: Die Menschen berühren lieber den kalten Bildschirm als das druckfrische, liebevolle gestaltete Heft. Deshalb bleibt ein Printmagazin für uns die Ausnahme.

Wir sind sehr zufrieden, wie es gerade läuft. Wir bieten mit unserem Team aus aktuell acht Autoren fast täglich neue Artikel und haben eine gute, feste Leserschaft. Mittelfristig wollen wir die Tourpräsentationen in Zukunft ausbauen und natürlich daran arbeiten, mehr Leser zu gewinnen.

Pascal Ziemen

Und sein Mitstreiter Pascal Ziemen

Ihr betreibt euer Magazin ja nicht hauptberuflich. Warum steckt ihr trotzdem so viel Aufwand und vor allem Freizeit in euer Magazin?
Marc: In einem Wort: Leidenschaft. Die Liebe zur Schrift und Musik. Die muss man mitbringen, denn das Betreiben eines solchen Magazins ist im Hintergrund viel aufwändiger, als der Leser auf der Seite mitkriegt. Aber sollte sich auch nur ein Leser näher mit einer Platte oder einem Künstler aufgrund unserer Artikel beschäftigen, ist es das größte Lob, das man kriegen kann. Rein finanziell betrachtet, ist das Magazin ein Traumtanz in einer Welt, die sich nur durch Geld drehen kann. Aber wir bleiben unabhängig und wollen mit der Seite kein Geld verdienen.
Pascal: Ich denke, dass das jeder unterschiedlich beantworten könnte, wir trotz allem aber einen Konsens haben: Weil es uns Spaß macht. Sei es nun kreativer Output, berufliches Interesse im Bereich des Journalismus o.ä.. Wenn man keinen Spaß an der Sache hat, ist sowas schwer vorstellbar.

Erzählt doch zum Abschluss ein bisschen was über eure liebsten Platten!

Marc: ClickClickDecker – Nichts Für Ungut

Kevin Hamann, der Poet im traurigen Alltagstrott. Mit Abstand die Platte, die die größten Spuren in meinem Herzen hinterlassen hat. Jeder Song ist für sich genommen schon packende Poesie, die erschreckend nah am eigenen Gefühl pocht, auf Albumlänge ist diese Akustikperle von Kevin Hamann mit all ihren Dissonanzen und elektronischen Spielereien ein ständiger Wegbegleiter, den ich nicht mehr missen möchte. Der Kampf und das Ende einer großen Liebesbeziehung, nahbar, verletzlich und gleichzeitig ebenso aufbauend.

Herr Hamanns Platte nenne ich als erstes, aber es gibt natürlich noch weitere Platten, die mir viel bedeuten:

Editors – The Back Room
Matula – Blinker
Fanfarlo – Reservoir
Disco Ensemble – First Aid Kit

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Pascal: Captain Planet – Wasser kommt, Wasser geht

Puh, das ist nicht ganz so einfach zu erklären. Ich war 17,  als ich die CD von meinem Bruder bekommen habe, also in so einer Phase, wo man sich mit ziemlich vielen Dingen auf einmal auseinandersetzen muss. Damals angefangen, gibt es heute Lieder auf dem Album, die ich mit speziellen Dingen und Menschen verbinde und ebenso jene, die ich mit zunehmendem Alter immer wieder neuen Deutungsmustern unterzogen habe. Letztlich haben die Jungs da ganz unfreiwillig viel Therapiearbeit für mich geleistet. Deswegen hat die Platte immer einen Ehrenplatz bei mir.

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 (Das Interview führte Martin Smeets)