Bosse – Kraniche

Bosse Kraniche // Bild: cdstarts.de

Yeah!

Es gibt ja diese Abende, an denen man sich nichts Besseres vorstellen könnte, als sich – Klischee olé – mit einem guten Buch, einem schweren Rotwein und weltschmerztriefenden Singer-Songwriter Platten in der eigenen Wohnung zu verschanzen. Die Welt mal Welt sein lassen. Und es gibt diese Tage, an denen man ohne erkennbaren Grund diebisch grinsend ‚Ich hab bock!‘ in den Morgen grüßt, an denen man raus muss, rein ins Gedränge. Für Letztere legt Axel Bosse nun einen weiteren Soundtrack vor. Kraniche ist nämlich das Album geworden, das man dabei haben will, am See, beim Kaffee trinken, beim Sport, beim abendlichen Umtrunk im Freien.

‚Ey Moment mal,“ mögen da jetzt manche einwenden, ’soll ich jetzt den Sommer über schnöden Pop hören?‘ Und so gerechtfertigt dieser Einwand an der Oberfläche sein mag, muss die Antwort doch ‚ja‘ lauten. Denn diese auf Platte gebannte – Klischee olé, die Zweite – Leichtigkeit, die Axel Bosse mitsamt Band hier aufzaubert, findet man gemeinhin eher selten. In dieser Machart vielleicht sogar nie. Dabei schlendert der Opener und Titeltrack zunächst eher zurückgenommen daher, gibt aber nach einer Minute dann doch die weitere Richtung vor. Kräftiges Schlagzeugspiel, leichtfüßige Klavier- und Gitarrenmelodien und euphorietrunkene Bläser. In bisweilen furioser Kombination Darüber konstatiert Axel Bosse optimistisch: „Ich such‘ nicht mehr und finde nur.“ Kauft man ihm ab. Unbesehen. Dass zum Finale noch eine herrlich unterproduzierte Gitarre vorbeidengeln darf, ist dann quasi die Kirsche oben drauf. Ein Symbol für die Liebe zum Detail. Übrigens auch so eine Eigenart, die Kraniche auszeichnet. Eine Detailverliebtheit, die niemals zum Verkopften tendiert. So präsentiert die Single Schönste Zeit dann eben einen Text, der zwar mit popkulturellen Referenzen um sich wirft, aber beim genauen hinsehen erfrischend geradlinig gehalten ist: „Es war 1994 und wir wussten nicht wohin, also gingen wir in dein Bett.“ Kann man machen. Die Musik dazu: Purer Pop, Harmonien, die mit Gewalt ins Ohr dringen, in denen es aber gleichzeitig so viel zu entdecken gilt, dass keinesfalls Langeweile aufkommt. Dass Familienfest ein bitterböse Punchline nach der anderen ausgerechnet über beinahe ekelhaft fröhliche Streicher legt? Passt perfekt ins Bild. Überhaupt wird Axel Bosse gegen Ende des Album ein klein wenig gehässig, vor allem, wenn er in Sophie feststellt: „Denn da ist so ein Blick an dir, ich glaub‘ nicht mal deinen Namen.“ Ein Satz, der exemplarisch für Bosses Art zu texten steht. Nicht unbedingt poetisch, aber immer treffsicher. Um noch ein letztes mal ein Klischeewort zu gebrachen: Authentisch.

Und auch wenn nicht jeder Song bedingungslos mitzureissen vermag, wenn Alter Affe Angst und Vive la danse eher wie Fremdkörper wirken: Kraniche ist ein beachtliches Album geworden.

7/10

Anspieltipps: Kraniche, Schönste Zeit, Vier Leben, Familienfest

(Martin Smeets)

Bosse – Kraniche | Vertigo / Universal | VÖ: 08.03.2013 | CD/LP/Digital

News 23/03/13

+++ Am 20. April (also in ziemlich genau einem Monat) wird weltweit der Record Store Day begangen. Wie jedes Jahr gibt es dabei allerlei Raritäten, Reissues, B-Seiten, Special-EPs etc., die von vielen Bands und Labels dargeboten werden. Eine hilfreiche Übersicht über Veröffentlichungen hierzulande gibt es hier. Darunter u.a. Stoff von Boysetsfire, Jimmy Eat World, Frank Turner, Touché Amoré und Title Fight. Die beiden letzten haben sich zusammengetan und auf einer 7“ jeweils einen Song voneinander gecovert, was in Snippet-Form folgendermaßen klingt:

+++ Bei Sigur Rós geht es derzeit hoch her. Gerade auf einer arg ausgedehnten Tour unterwegs, haben sie gerade eine EP namens Brennisteinn veröffentlicht, der Mitte Juni das Album Kveikur nachfolgen wird. Die Drei-Song-EP gibt es hier für $3 digital zu kaufen und den Titeltrack samt Video hier zu bestaunen:

Das Cover von Kveikur wurde übrigens auch bereits enthüllt und sieht so aus:
Sigur Rós - Kveikur

+++ Ein Cover haben auch The National enthüllt. Dieses wird ab Ende Mai ihre neue Platte Trouble Will Find Me schmücken:

The National - Trouble Will Find Me

Die Tracklist liest sich übrigens folgendermaßen:
01. I Should Live in Salt
02. Demons
03. Don’t Swallow the Cap
04. Fireproof
05. Sea of Love
06. Heavenfaced
07. This is the Last Time
08. Graceless
09. Slipped
10. I Need My Girl
11. Humiliation
12. Pink Rabbits
13. Hard to Find

+++ NinaMarie, das sind Thomas Götz (Beatsteaks) und Marten Ebsen (Turbostaat), haben seit kurzem eine Platte namens Feuer in der Nachbarschaft draußen. Den Song Das Hochzeitsgeschenk haben sie nun mit einem amüstanten Video versehen, das es hier zu sehen gibt.

Marathonmann – Holzschwert

marathonmann - holzschwert // Bild: vampster.com

Stumpfe Waffen

Wir wollen uns an dieser Stelle jegliches Intro sparen und gleich in die Vollen gehen: Marathonmann haben ihren Karren vor die Wand gefahren, legen mit Holzschwert eine Platte vor, die ihre HörerInnen recht ratlos zurück lässt. Ob der Erwartungen, die man im Vorfeld an diese Band stellen hätte können, muss man gar von einer kleinen Enttäuschung sprechen. Warum? Weil Marathonmann im letzten Jahr fast erdrutschartig mit einer Single namens Die Stadt gehört den Besten daher kamen und im Metier des schnörkellosen, handgemachten Punk mal eben Vieles auf links zogen. Weil die Band in der Folge den nötigen Humor hatte, um Heinz-Rudolf Kunze zu covern und dabei sogar noch eine mehr als ordentliche Nummer auf die Kette brachten. Weil Marathonmann immer den Spagat schafften, zwischen durchdachten Songs und einer spontan anmutenden Darbietung.

Vor allem aber, weil Marathonmann sich mit Holzschwert irgendwo in der eigenen Ambition verrannt zu haben scheinen. Das fängt schon beim Sound an, der um einige Schichten zu dick geraten ist und den Songs so oftmals im Wege steht. Exemplarisch dafür steht das bereits erwähnte Die Stadt gehört den Besten, das in der neu aufgenommenen Albumversion dem Original in sachen Dynamik und Dringlichkeit atemlos hinter hechelt. Überhaupt, die Sache mit Dringlichkeit und Dynamik: Auch wenn die ersten beiden Songs durchaus schwungvoll ins Album geleiten, rauschen die ersten vier Songs letzten Endes doch überraschend gleichförmig daher, können kaum mit ihren jeweiligen Besonderheiten protzen. Dass Marathonmann dabei textlich jetzt auch nicht unbedingt die dicksten Bretter bohren, macht die ganze Chose nicht unbedingt besser.

Hat man sich dann aber erst mal durch den recht zähen Auftakt gehört, wird man von der Band mehr als ausreichend belohnt. Wie sich Marathonmann nämlich mit Räume selber aus dem Quark ziehen, verdient Beachtung. Wie die Band im Anschluss eine tolle Nummer um die andere aus dem Ärmel schüttelt, verdient sogar Respekt. Ganz groß raus kommt dabei Wir sind immer noch hier, ein Song, der alles hat, was man im Vorfeld der Platte von Marathonmann erwarten konnte. Eine unwiderstehliche Melodieführung, eine inhärente Dramatik, die zwangsläufig irgendwann jedeN überrennt und vor allem einen Refrain, der sich kaum größer vor seinen HörerInnen aufbauen könnte. Umwerfend, ehrlich. Zumal der Band diese Großtat kurze Zeit später mit In den Trümmern deiner Sätze gleich noch mal gelingt. Und wenn Schiffe versenken mit bedachter Brachialität die Vorhänge zuzieht, hat man schon fast vergessen, worüber man zu Beginn dieser Platte noch genau gemeckert hatte.

So geht Holzschwert unter’m Strich also doch als ordentliche Platte durch. Das Gefühl, dass hier so viel mehr möglich gewesen wäre, bleibt aber trotzdem. Mit einem Holzschwert gewinnt man eben doch nicht viel.

6/10

Anspieltipps: Räume, Wir sind immer noch hier, In den Trümmern deiner Sätze, Schiffe versenken

(Martin Smeets)

Marathonmann – Holzschwert | Century Media/EMI | VÖ:22.03.2013 | LP/CD/Digital

News 20/03/13

+++ Nach ihrem beachtenswerten Debüt Eigentlich veröffentlichen Love A am 12.04. den Nachfolger Irgendwie. Bis es soweit ist, gibt es – wie üblich – ein erstes Häppchen in Form eines Videos. Love A haben den Song Windmühlen explosiv visualisiert:

+++ Ebenfalls ein Video haben Rantanplan abgedreht, die Ende April ihr achtes Album namens PAULI veröffentlichen werden. Im Video und dem Song Wir sind nicht die Onkelz! (was hoffentlich niemand vermutet hätte) zeigen sich Besetzungswechselweltmeister als leidenschaftliche Plattensammler und Liebhaber des Deutschpunk vergangener Jahrzehnte. Eine größere Hommage ist kaum denkbar:

+++ Nicht mehr allzu lange muss man auf den Erstling von Marathonmann. Am 22.03. kommt Holzschwert in den Handel, kann aber bereits jetzt via Stream in voller Länge genossen werden – und zwar hier. Wer sich anhand eines Songs erst einmal herantasten möchte, kann z.B. Wir sind immer noch hier anhören:

+++ Und zum Schluss: Tomte. Gibt’s die noch? Gibt’s die wieder? Gibt’s die nicht mehr? Bei der Band ist man sich darüber selbst nicht so ganz einig, wahrscheinlich aber ist, dass sich Tomte still und heimlich aus der Existenz geschlichen hat. Wer mehr erfahren möchte, klickt sich einfach zu den Kolleg_innen vom Musikexpress.

And So I Watch You From Afar – All Hail Bright Futures

ASIWYFA - All Hail Bright FuturesGeradewegs in die Nervenheilanstalt

Sie haben es wieder getan: auf einen Haufen Wahnsinn noch einmal eine Schippe Wahnsinn draufgepackt. Zwei Jahre ist Gangs alt, das hinter einem pechschwarzen Cover mit einer Art Viereck-Dreieck-Hologramm verrückte Songs, wie Search:Party:Animal, 7 Billion People All Live At Once oder Lifeproof verbirgt. Was soll auf diese Verrücktheiten noch folgen? Genau: All Hail Bright Futures. Artworkmäßig hätte der Bruch kaum größer ausfallen können. Die Vorliebe für gleichschenklige Dreiecke ist geblieben, sonst aber: alles anders. Ein Fels ragt monolithisch in Dreiecksform ins Bild, an seiner Spitze entfaltet sich ein riesiges, sonnenähnliches Gebilde, das von Dreiecken gesäumt ist. Und Dreiecks-Bäume und -Zelte stehen da auch noch rum. Ein wahrer Dreiecks-Fetisch also, der in eine faszinierend farbenfrohe Landschaft eingebettet ist. Kitschbunte Berge und Augen von nicht weiter definierten Gestalten runden die Sache ab. Ein kunterbunter Streich an Artwork, das – und jetzt wäre endlich die Brücke zur Musik geschlagen -, sich in allen kunterbunten Facetten auch im Sound wiederfindet.

Das Intro namens Eunoia bringt die Platte dann auch schon als eine Art Abstract oder Kurzprogramm in Stellung. Im Schnelldurchlauf bahnt sich dort gewissermaßen an, was folgen wird: natürlich jede Menge Frickelmelodien, aber auch Percussion, elektronische Beat-Einlagen, Gesang (!) – nur um einmal die auffälligsten und vielleicht ungewöhnlichsten Elemente zu nennen. Big Things Do Remarkable trägt das Intro zunächst thematisch weiter, grätscht hier und da gerne mit einem wuchtigen Bass und wild gewordenen Gitarren in den Songaufbau und verpasst ihm dabei allerlei Stilbrüche, Zäsuren und Neuanfänge. Jetzt geht’s richtig los. Letztlich ist das ja geradezu die Eigentümlichkeit des ASIWYFAschen Songwritings. Die Songs hecheln rastlos von einem Höhepunkt zum nächsten, verlieren sich dazwischen auch Mal im Chaos allerlei Ideen und Einfälle (als wollten sie alles auf einmal spielen wollen und da noch hin wollen und dorthin und eigentlich überall hin), geraten aber nie unter die eigenen, sich rasant drehenden, Räder. Es ist schlichtweg unmöglich auf alle Einzelheiten einzugehen. Die Wendungen sind teilweise so unerwartet und halsbrecherisch, dass man mit dem Hören gar nicht mitkommt und sich stets an den gegenwärtigen Moment klammern muss, um überhaupt festen Boden unter den Füßen zu haben. Man höre nur mal Ambulance und lasse sich im Anschluss von derselben in die nächste Nervenheilanstalt fahren. Ein Song, der zehn Songs sein könnte und der im Sekundentakt Pointen kreiert.

Der The Stay Golden-Dreiteiler, der folgt, ist zweifellos Kern der Platte und dreht sich vom Rabatz des Beginns etwas mehr in richtung Opulenz. Und das ist ganz im guten Sinne von Opulenz gemeint. Alle Pegel auf Anschlag, wenn es der Moment erfordert, ansonsten druckvoll und schwungvoll galoppierend bis zum geht nicht mehr. The Stay Golden Pt. 2 (Rats on a Rock) ist es dann ja nicht einmal zu verrückt eine Steel Pan auszupacken, dass man nicht weiß, ob man sich in der Karibik oder nur im falschen Film wähnen soll. Und weil es damit nicht genug ist, zaubert The Stay Golden Pt. 3 (Trails) ein halbes Orchester aus dem Hut, nur um es in Mend And Make Safe mit einer ordentlichen Bassdröhnung wieder zu zerstampfen.

Die Platte macht jedenfalls, sofern man es schafft sich irgendwie zurechtzufinden, unheimlich viel Spaß und hinterlässt nachhaltig Eindruck, auch weil es letztlich schier unmöglich ist, all die Facetten und Elemente zu durchsteigen. Wie machen die das alles? Vermutlich mit der ihnen eigentümlichen Leichtigkeit, mit der sie Ka Ba Ta Bo Da Ka einstimmen oder Things Amazing mit jubelnden Whooo-Rufen durchziehen. Als wären sie tatsächlich in der Karibik oder einem ganz eigenen karibischen Planeten und nicht in Nordirland heimisch. Da sei es gerne verziehen, dass sich die Platte in ihren Schlusszügen etwas zurücklehnt. Nach dem Feuerwerk zuvor ist das auch nur allzu verständlich, wenn diesen Verrückten von ASIWYFA gegen Ende ein bisschen (!) die Luft ausgeht. All Hail Bright Futures ist nichtsdestotrotz ein Meilenstein des Math-getriebenen Postrock.

9/10

(Martin Oswald)

And So I Watch You From Afar – All Hail Bright Futures | Sargent House | VÖ: 22.03.13 | CD/LP/digital

The Sidekicks – Awkward Breeds

The Sidekicks - Awkward BrredsPapier ist geduldig

Fakten sind ja gemeinhin nicht immer wirklich spannend. Nehmen wir doch zum Beispiel The Sidekicks. Das sind zwei Kerle, Steve Ciolek an Gitarre und Mikrophon sowie Matt Climer am Schlagzeug, die seit gefühlt immer gemeinsam Musik machen. Zwei Alben sind dabei heraus gekommen, die – man ahnt es ja bereits – vermutlich ein polterndes Drumset mit schrammeligen Gitarren kombinieren. So weit, so langweilig. Schließlich kennt man ein paar mehr Combos dieser Art und hat eine überraschend genaue Vorstellung von der Musik, die unter derlei Voraussetzungen entstehen mag. Eine Vorstellung, die nun vom Drittwerk Awkward Breeds auch bestätigt wird. Sowas aber auch.

Damit könnte man es an dieser Stelle dann eigentlich auch bewenden lassen. Vielleicht noch ein, zwei nette Worte verlieren und dann einen Strich drunter ziehen. Das Problem: Das bisher Gesagte wird der dritten Platte von The Sidekicks nicht wirklich gerecht. Nicht im Geringsten, um ehrlich zu sein. Ciolek und Climer haben mit diesem Album nämlich ein kleines Kunststück vollbracht: Sie nehmen sich aus dem unüberschaubaren Fundus altbekannter Ingredienzen das heraus, was ihnen gefällt, schmelzen die ganze Chose ein und schmeißen noch ihre ganze eigene Stilnote mit in den Tiegel. Und erschaffen gerade durch Letztere etwas Eigenes, Besonderes, ja Umwerfendes. Man nehme nur den Sound: Aus dem Wirken von Mix und dem Zusammenspiel beider Musiker ergibt sich eine Klangfarbe die so herrlich dynamisch zwischen verkrusteten, räudigen Röhrenverstärkern und einer beinahe rührseeligen Zutraulichkeit pendelt, wie es seit Weezer’s Großtat Pinkerton nicht mehr der Fall war. Man nehme ferner Sänger Steve Ciolek: Wie sich dieser in die elf Stücke von Awkward Breeds hineinwirft, wie er jede Zeile in den Äther röhrt, als wäre es seine Letzte, wie er es schafft, den Songs Leben einzuhauen. Man hört nicht täglich Platten und Musiker, die vergleichbar viel Bock haben. Und auch machen.

Denn schließlich muss man den Blick ja auch noch auf das Allentscheidende richten. Ja genau, die Songs. Die scheinen den erwähnten Rahmenbedingung nämlich in nichts nachstehen zu wollen. Das suggeriert zumindest das furiose Einstiegsdoppel aus Grace und DMT, das keine Gefangenen macht, beherzt drauf hauend den Weg zum Uptempo sucht und doch nie die Affinität zum Pop aus den Augen verliert. Da sitzt zwischen Kinderlachen, fiesen Gitarrenfeedbacks und ausladenden Refrains alles. Und damit das alles nicht zu hektisch wird, tanzt zuerst Peacock im Anschluss zurückgelehnt um seine eigene Basslinie, um anschließend die Bühne zu räumen, für das leise 1940’s Fighter Jet das sich allein ins Halbdunkel am Rand der selbigen stellt und all seine Verletzlichkeit preis gibt. Natürlich nicht ohne sich gen Ende doch noch ein mal in trotziger Pose aufzurichten. Da erwischt man sich schon mal dabei, einen dicken Kloß herunter schlucken zu müssen. Der allerdings spätestens dann Geschichte ist, wenn sich The Whale And Jonah nach zwei Runden im gefälligen Midtempo so großspurig und breitbeinig ankündigt, dass man beinahe einen arroganten Rocker fürchtet. Eine unbegründete Furcht, ist der Song zwar durchaus der Kandidat, der am beherztesten zulangt, aber eben auch genau das Stück, dass fast alles, was sonst noch auf Awkward Breeds passiert, zu überstrahlen vermag. Eine Nummer, die – so verwegen es auch anmutet – auch auf dem erwähnten Pinkerton unter den Highlights gelandet wäre. Und just in dem Moment, an dem man glaubt, alles gesehen zu haben, kommen The Sidekicks dann kurz vor Ladenschluss plötzlich mit Baby, Baby um die Ecke und präsentieren den tödlichen Sing-Along-Schlag. Ein Hit. Da gibt es keine zwei Meinungen.

Dass der Rausschmeisser Daisy noch mal alles gibt? Erscheint an dieser Stelle schon selbstverständlich. So langweilig sich The Sidekicks auf dem Papier vielleicht lesen mögen – Awkward Breeds ist eines der rundesten Alben, die man im Spannungsfeld von Punk, Pop und Folk finden kann.

9/10

(Martin Smeets)

The Sidekicks – Awkward Breeds | Side One Dummy / Red Scare | VÖ: 19.04.2013 | CD/LP/Digital

Polar Bird + Supermutant | 26.02.13 | Alte Mälzerei (Regensburg)

2012-12-12 21.30.14

Die Voraussetzungen hätten eigentlich kaum ungünstiger sein können: An einem rattenkalten Dienstag haben Polar Bird und Supermutant die zweifelhafte Ehre, in der Alten Mälzerei zu spielen. Ein Laden, dessen Fassungsvermögen zwar überschaubar, aber dennoch nicht wirklich gering ist. An einem Dienstag. In Regensburg. Während der Semesterferien. Mal im Ernst: Wer soll denn da kommen? Zumal die Band schon nach dem Auftritt in Frankfurt von sich behaupten konnte, dem Publikum zahlenmäßig überlegen gewesen zu sein.

Folgerichtig machten wir uns mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis auf den Weg in die Alte Mälzerei. Wobei sich schon nach kurzer Zeit die Skepsis als unbegründet erwies. Schließlich war der Raum ganz annehmbar gefüllt, als Polar Bird die Bühne betraten. Und im Handumdrehen klar machten, dass hier nicht einfach nur schnell irgendeine regionale Band auf die Bühne komplementiert wurde. Nein, hier beherrscht eine Band ihr Handwerk. Eine Tatsache, die auch von Kollege Oswald Anfang des Jahres festgestellt wurde:

Polar Bird sind: zweistimmiger, teilweise recht schiefer Gesang, zwei bis hoch ans Kinn geschnallte, dabei aber recht gut bespielte Telecaster, ein gut treibender Bass und ein erstaunlich vielseitiges Schlagzeug. Das zusammengenommen gibt einen Indiesound, der nicht zu rotzig, aber auch nicht zu glatt ist – irgendwas dazwischen vermutlich.

Tja, was soll man sagen? Das kann man so stehen lassen. Kommen wir nun also zu Supermutant. Die haben ja seit einiger Zeit ihr Debut FRVR draußen und bereits im Dezember als Support von NAGEL überzeugen können. Die Frage ist natürlich: Können sie das als Headliner wieder? Wir wollen es nicht allzu spannend machen, und schicken gleich voraus, dass die Band, obwohl „nur“ mit einem Ersatzgitarristen unterwegs, das durchaus kann. Musikalisch noch ein bisschen mehr auf den Punkt gespielt, soundtechnisch noch eine Spur druckvoller und vor allem eine ganze Ecke lockerer bieten Supermutant ihre Songs dar. Dass es die Band in solch kurzer Zeit geschafft hat, so viel mehr an Bühenpräsenz dazu zu gewinnen, nötigt den geneigten ZuschauerInnen gar ein bisschen Respekt ab. Das hat Witz, das hat Charme. Und vor allem natürlich gute Songs. Nur über das wirklich – ähm – ästhetisch diskutable Shirt von Sänger Yann könnte man sich mokieren. Wenn man denn unbedingt will. Da machte es Kollege Oswald entschieden besser – Schließlich trug er das einzige Supermutant-Shirt des Abends spazieren. Auf dem Heimweg dann sogar mit breiter Brust.

(Martin Smeets)

Anm.: Einen kurzen Bericht der Band gibt es hier, einige Fotos sowie einen schönen Bericht gibt es hier und hier.

(Anm.2: Der Artikel zeigt aus Urheberrechtsgründen vorerst ein Bild vom Supermutant-Konzert in München. Wir bitten, dies zu entschuldigen)

Bad Drugs

Bad Drugs 2

Das ist uns dann schon so etwas wie eine Fundgruben-Sondermeldung wert: Bad Drugs, die neue Band von Senore Matze Rossi. Seit einigen Jahren als Solokünstler (siehe z.B. hier oder hier) unterwegs und nebenbei bei Signals To Aircraft Gitarre klimpernd, hat der Ex-Tagtraum-Frontmann nun eine neue Band zusammengestellt, die man so möglicherweise gar nicht erwartet hätte. Was das Personaltableau angeht vielleicht schon. Mit Sven Peks (ehem. Clockwise From Top, Patentblau 5, Boink) und Bastian Wegner (ehem. Clockwise From Top, Wilson Jr.) hat sich Matze alte Bekannte an Bass und Drums geholt. Was den Sound angeht, so darf man durchaus überrascht sein, zuallererst aufgrund des englischsprachigen Gesangs, dann aber auch des Stils wegen. Ein etwas verschleppter Pop-Punk, der nur so vor Spiel- und Zitationsfreude strotzt. Eine Hommage an liebgewordene Bands vergangener Jahrzehnte wie Guided By Voices oder Weezer. Soviel zumindest kann man den bisher wenigen Worten der Band entnehmen und hört man das erste Lebenszeichen von Bad Drugs, so ist das sicherlich nicht gelogen. Man darf also äußerst gespannt sein, was da noch kommen mag. Zunächst gibt es den hier:

(Dass sich der Song hinsichtlich der derzeitigen klimatischen Bedingungen als mehr als passend erweist, kann übrigens kein Zufall sein.)

(MO)

Momentum

Momentum

Momentum ist keine Band im eigentlichen Sinne, sondern ein Seitenprojekt aus Mitgliedern von u.a. Light Bearer und Fall Of Efrafa, das mittlerweile eigentlich gar nicht mehr existiert. Eine Band auf Zeit sozusagen, die sich nach ihren bisher zwei Veröffentlichungen selbst ein Ende gesetzt hat, weil ihr Werk nun vollendet hat, was mit dieser Band gesagt werden sollte. In gewisser Hinsicht ist Momentum also eine Konzeptband oder vielmehr eine Zweckband, die sich rund um die Thematik Atheismus und Veganismus formiert und positioniert. Und das auf eine beeindruckend konsequente und leidenschaftliche Weise.

Momentum spielen rasend-rastlosen Hardcore Punk, der sich als Medium bedeutender Botschaften versteht und dabei doch mehr als nur Medium ist. Der Sound rollt krachend wie eine Dampfwalze daher und zückt hin und wieder beißende Gitarren, die durch Mark und Bein gehen. Ganz zu schweigen von Alex CFs boshaftem Gekeife. Und dabei sind die Botschaften, die Momentum in die Welt hinausplärren alles andere als boshaft. Die Songs sind engagierte Manifeste gegen Gewalt, Unterdrückung, Entrechtung, Speziesismus, religiöse Verblendung, Manifeste für die moralische Berücksichtigung von Tieren, für Tierbefreiung, für Empathie, Emanzipation von archaischem Gedankengut und unterdrückerischen Handlungsweisen. Deutlicher kann man sich gar nicht positionieren.

Das gerade veröffentlichte Album Herbivore macht sich thematisch insbesondere für eine vegane Lebensweise stark. Ja, die Songs sind weniger Songs als messerscharfe Argumentationen und Momentum wagen sich kopfsprungartig auf Gebiete der Evolution, Verhaltensforschung, Anatomie, Anthropologie, Ernährungswissenschaft, Ethik etc. Das Album kommt einer wissenschaftlichen Abhandlung gleich, das durch die musikalische Unmittelbarkeit und Leidenschaft nicht in Gefahr gerät zu verkopft-spröde zu wirken. Diese Abhandlung ist eine Anklage und ein Plädoyer zugleich. Und nicht zuletzt ist Herbivore ein gewichtiger Grund, sich ausführlich der nun nicht mehr wirklich bestehenden Band, vor allem aber ihrem unsagbar konsequenten und bewundernswerten Werk, zu widmen.

In diesem Sinne: „Meat is still murder, dairy is still rape / i’m still as stupid as anyone but i know my mistakes /i have recognised one form of oppression, now i recognise the rest /lifes too short to make other shorter! Animal Liberation now!“ (aus Nailing Descartes To The Wall von Propagandhi; zitiert in Punk Rock Saves Lives)
Die weiteren Lyrics gibt es hier zu lesen: Whetting Occam´s Razor, Herbivore und das neueste Werk hier zu hören:

Momentum – Herbivore | Alerta Antifascista Records | VÖ: 15.03.13 | LP/digital

Eine Vinyl-Version von Herbivore gibt es u.a. bei Green Hell. Die Platte gibt´s samt einem kleinen Heftchen von Gitarrist Gerfried zur Rechtfertigung der veganen Lebensweise.

(MO)

Turbostaat – Stadt Der Angst

Turbostaat - Stadt Der AngstDiese Stadt ist unzerstörbar

Turbostaat sind nicht leicht zu haben. Manche mögen es schon als ordentliche Zumutung empfinden, wenn sie von Jan Windmeier angebrüllt werden: „Guten Tag / Ich bin Lee Hoi Chuen / Mein Sohn macht Filme / inner USA“ (Harm Rochel) oder sich dieser unfähig zeigt vollständige Sätze zu formulieren: „Ein Schultag zu Ende – Nasenbluten / Eine Mutter schweigt – Vielleicht auch gut…“ (Pennen bei Glufke). Sicherlich winken da einige entnervt ab. Das aber ist ein großer Fehler. Das Abwinken war bei Vormann Leiss und Das Island Manöver schon ein Fehler und wäre es bei Stadt Der Angst ein noch viel größerer. Denn mit Stadt Der Angst veröffentlichen die fünf ihr bislang stärkstes Album – und das muss man bei dieser Diskografie erst einmal schaffen. Aber der Reihe nach.

12 Songs verbergen sich hinter dem schlichten Cover, auf dem es nichts außer Buchstaben gibt. Leicht vergoldete Betonbuchstaben, die irgendwie von einer untergegangenen, heruntergekommen, verblichenen Zeit zeugen. Eine karge und trostlose Fassade. Was steckt dahinter? So konkret ist das gar nicht zu sagen, weil sich so ziemlich alles dahinter findet. Ziemlich alles was gut ist. Turbostaat packen gleich zu Beginn die großen auf Moll gestimmten Poltergitarren und einen klackernd-brummenden Bass aus und kicken mit eine Stadt Gibt Auf ein wahres Pfund an Desillusionierung aus den Lautsprechern: „Und es klappt nicht / von Außen zu sanieren / die Jungen merken das sofort / die ganze Stadt ist halber Schutt / komm‘ reiß‘ sie endlich ein“ – man spürt förmlich wie Windmeier den verbliebenen Putz der Attrappe einer Stadt von den Wänden schreit, wie das Pappmaché in sich zusammenkracht, wie betongewordene Verwahrlosung jede Hoffnung raubt. Destruktion, Zerstörung – das sind die Methoden, denn es bringt nichts die Stadt lediglich mit frischer Farbe zu betupfen.

Nach wenigen Xylophon-Klängen geht es kompromisslos weiter. Phobos Grunt flackert metallisch und unentschlossen, um sich in der Eingängigkeit des Refrains zu entladen. Ein Kracher. Turbostaat bleiben sich treu, indem sie in aller wüsten Verzweiflung und Entfremdung ganz zauberhafte Melodien zeichnen können. Dabei lehnen sie sich in der Stadt der Angst doch auch mal etwas weiter aus den kaputten Fenstern, indem sie dem Experiment eine weit größere Bedeutung einräumen als auf den Vorgängerplatten. Psychoreal – ein Song, der in Teilen auch von den Popperkloppern oder Dritte Wahl sein könnte, zieht sich zeitweise ein seltsam psychedelisches Gewand an. Oder das dahinwabernde Fresendelf, das hoffnungsvolle Töne und zügellose Gitarrenmelodien bis ganz zum Schluss unter der Decke hält. Oder eben Alles Bleibt Konfus, das wie die Karikatur eines Songs beginnt und sich insgesamt zu einer verspielten und fast schon fröhlichen Nummer emporhebt. Der Lichtblick liegt also in der Konfusion, in der Zerstreuung, im Rausch? Ist das die Botschaft? Na ja, nicht ganz. Leichte Antworten gibt es Turbostaat nicht. Es gibt allenfalls Andeutungen von Antworten. Turbostaat sind viel zu clever, um Widersprüche, Sorgen, Leid und Verzweiflung in sanfte Gewissensbotschaften und Durchhalteparolen zu packen. Sie entpacken vielmehr, zerreißen, demontieren und konterkarieren auch Mal die Gesamtsituation allzu plakativ: „das ist scheiße, so scheiße, so scheiße“ (Snervt).

In Pestperle packen sie dann einen ganz großen Text aus, der angesichts aktueller Entwicklungen im angeblich so „unpolitischen“ Deutschrock wie eine Verheißung, ja wie eine Prophezeiung klingt: „Hallo Echo, heiß sie willkommen / guter Reibach, gutes Gesicht / Freie Wilde in euren Hallen / Unterm Mantel die alte Idee / sucht man weiter die Erben der Scheiße / ich kann nur hoffen, ihr verendet dabei / In der Dämmerung fallen ihre Masken / und das Gewissen ist als erstes vom Schiff / sie kommen wieder und lächeln dabei freundlich / Patriot, Lügner und Scheiße-Gesicht“. Lyrisch gekonnt unkonkret ist die Botschaft konkret genug, um den Hut zu zücken vor den Worten dieser Band. Und selbst wenn ich übertreiben sollte, so ist dennoch nicht zu leugnen, dass das hier groß ist. Nicht weil sich Turbostaat in großen Gesten üben, auch nicht, weil sie die Fassade auf losem Stein aufpolieren. Stadt der Angst ist groß, weil hier eine Band am Werke ist, die Zerfahrenheit nicht fürchtet, die Experimente nicht scheut, die aber dennoch eine herausragende Solidität in Stimme, Sound und Lyrik zementiert, die unzerstörbar ist. Die Lethargie in Sohnemann Heinz z.B., die irgendwie nicht nur Lethargie, sondern zugleich auch Zuversicht ist. Das alles funktioniert und ja, diese Stadt ist vielleicht auf Angst gebaut, aber sie ist es in einer fruchtbaren Weise. Zaghaft, träge, aber doch aufgewühlt und dynamisch. Die Angst ist die zerstörerische Triebfeder des Fortkommens, des Aufbäumens, des Widerstands gegen die Entfremdung. Diese Stadt ist von Turbostaat erbaut und die haut so schnell niemand zu Staub und Asche.

9/10

(Martin Oswald)

Turbostaat – Stadt Der Angst | Clouds Hill | VÖ: 05.04.2013 | LP/CD/digital