Rika – How To Draw A River, Step By Step

Rika - How To Draw A River, Step By Step // Bild: rikaband.bandcamp.com

Schritt für Schritt

Wir schreiben das Jahr 2009. An einem ziemlich langweiligen Abend stöbert man ziemlich ziellos durch eine ehemals bedeutsame Plattform namens ‚Myspace‘, betritt und verlässt umgehend zahllose überladene Bandprofile. Und findet schließlich: Rika. Findet Songs wie Harbor und Cardboard City und beschließt, hier ein kleines Juwel entdeckt zu haben. Ein Juwel, das innerhalb der letzten vier Jahre nicht in Vergessenheit geraten ist. Zurecht. Schließlich schreiben wir inzwischen das Jahr 2013 und Rika haben – endlich – ihre erste vollwertige Platte vorzuweisen. How To Draw A River, Step By Step ist das gute Stück etwas sperrig betitelt, macht seinem Namen aber in gewisser Weise alle Ehre.

Immerhin macht die geduldige Klaviermelodie, mit der Restless das Album auf leisen Sohlen eröffnet, gleich zu Beginn klar: Hastig wird es hier nicht zugehen. Viel mehr finden sich hier zehn Stücke, die behutsam – Schritt für Schritt, wenn man so will – entwickelt werden und ohne viel Brimborium eine Größe verliehen bekommen, die man auf den ersten Blick bestenfalls erahnen kann. Das liegt unter anderem daran, dass die Band ihr Songwriting inzwischen noch eine Spur pointierter und auch reduzierter gestaltet. So braucht ein Song wie Port Dover zunächst nicht recht viel mehr als ein fluffiges Gitarrenlick und ein paar Tastenkleckse, um das allgemeine Interesse auf sich zu ziehen. Und schraubt sich zum Finale mit beherzten Beckenschlägen und Streichern doch in ungeahnte Höhen. Das Besondere daran: Rika schaffen es, großflächige Songs aufzutürmen, ohne dabei jemals Krach zu schlagen oder sich gar bei altbekannten Laut-Leise-Schemata bedienen zu müssen. Das Wissen, immer eine gute Idee im Rücken zu haben, um einen Song langsam in die gewollte Richtung zu schubsen, reicht dieser Band völlig aus. So zu hören in Mute, wo Rika nach einiger Zeit eine unwiderstehliche Gitarrenfigur auspacken, ehe völlig aus dem Nichts eine euphorietrunkene Violine vorbeifidelt, die dem Song eine gänzlich neue Klangfarbe verleiht. Und den Song nach diesem kurzen Moment doch wieder in die Hände des melancholisch-lethargischen Vortrags von Sänger Stefan Fellner übergibt. Es sind dann auch genau diese kurzen Momente, die dieses Album so bewundernswert souverän wirken lassen. Und es ist die genussvoll zelebrierte Geruhsamkeit, die dieses Album auszeichnet, die es zu einem langsamen, aber stetig dahinfließenden Gesamtwerk werden lässt.

Dass die Band es schafft, auch die FreundInnen der etwas ruppigeren Herangehensweise ein wenig auf ihre Kosten kommen, macht die Sache nur noch runder. Man höre nur October, dass nach ausufernden Streicherparts mitsamt nachfolgender Ruhe plötzlich losbricht und ein herrlich kaputtes Solo an die Oberfläche trägt. Oder das abschließende Departure, dass den Kontrapunkt zum ruhigen Einstieg von Restless setzt, und in den letzten Zügen des Albums mit der Euphoriekelle noch mal so richtig aus dem Vollen schöpft. Das sind die Songs, die dann ein wenig aus dem Rahmen fallen, die Dissonanzen eines Albums, dass ansonsten so sehr in sich ruht, wie kaum ein anderes.

Man könnte noch ausufernd weiter palavern über dieses Album. Wie es geschickt Trompete und Flügelhorn in vereinzelte Songs einbringt, zum Beispiel. Man könnte es aber auch kurz, und vor allem ehrlich machen: How To Draw A River, Step By Step ist nicht nur ein verflixt gutes Album, es darüber hinaus eine gelungene Hommage an den Emo der 90er-Jahre. Und dabei so gut geworden, wie Jimmy Eat World es seit Clarity nicht mehr waren.

9/10

(Martin Smeets)

Rika – How To Draw A River, Step By Step | Goddamn Records/Count Your Lucky Stars | VÖ: 15.02.2013 | CD|LP|Digital

Pack Of Wolves | Crowns&Thieves | Reason To Care | 16.02.13 | L.E.D.E.R.E.R. Regensburg

Flyer extremelifewastingSamstagabend. Was könnte man mit so einem Abend nun so anstellen? Man könnte sich zum Beispiel in der angestammten Eckpinte volllaufen lassen. Oder zu Hause bleiben, ein paar Platten auflegen und ein gutes Buch lesen. Oder: Man könnte sich mal wieder ein Konzert ansehen. Schließlich haben Extreme Life Wasting mal wieder zu einem Abend voll krachlederner Musik geladen. Dieses mal ins L.E.D.E.R.E.R. Mit von der Partie: Pack Of WolvesCrowns&Thieves und Reason To Care. Drei Namen, drei gute Gründe, um von der Neugierde in Richtung L.E.D.E.R.E.R. getrieben zu werden. Schließlich verursachten alle drei genannten Bands in meinem Gesicht vor dem Konzert allenfalls einen ratlosen Gesichtsausdruck. Mein Kenntnisstand also: Bei null.

Den Anfang machen also Pack Of Wolves. Aus Graz. Und wie. Beeindruckend agiler Hardcore mit einer guten Punk-Schlagseite wird einem da von der Bühne aus um die Ohren gehauen. Und das, obwohl die Band – genauer gesagt der Kerl am Mikro – an diesem Abend eindeutig nicht auf der Höhe seiner Schaffenskraft zu sein scheint. Oder wie ließe sich das anfängliche Auftreten mitsamt Jacke, Thermoskanne und Schal – die übrigens im Laufe des Auftritts allesamt den Weg an den Bühnenrand finden – anderweitig erklären? Eben. Außerdem ist das auch nicht weiter wichtig, wenn die Songs doch trotzdem mit soviel Schwung und Bock in der Stimme präsentiert werden. Ebenfalls erwähnenswert: Das im besten Sinne flapsige Auftreten der Band. Wer als Ansage mal eben im breiten österreichischen Dialekt „Scheiß Preissn“ in den Raum wirft, nur um auf die folgende Frage, ob eben Solche hier wären aus der eigenen Band „De vo da andan Band, du Schlaumeier“ als Antwort kassiert (und sich daraufhin natürlich artig entschuldigt), hat an diesem Abend schon mal ein paar Lacher auf seiner Seite. Und wer seine Songs in Ermangelung von Titeln auf der notdürftig an die Wand gepinnten Setlist mal eben knapp „neu“ und „2x ganz neu“ nennt, sowieso. Aber wer solche Songs auf der Habenseite hat, kann ohnehin nicht so arg viel falsch machen. Zumal die Band auch eine gewisse kreative Ader beweist und eine Aufstellung probiert, die man wohl getrost als ungewöhnlich bezeichnen kann. Oder wie oft kommt es schon vor, dass Sänger und Gitarrist ihr Handwerk hintereinander positioniert zum Besten geben? Eben.

Nach einer gefühlt zu langen Umbaupause geht es dann weiter im Keller. Dieses mal auf der Bühne: Crowns&Thieves. Die machen dann in puncto Qualität ziemlich genau dort weiter, wo Pack Of Wolves aufgehört haben. Was den Sound betrifft, bewegt sich diese Band vielleicht sogar auf einem etwas höheren Niveau, als ihre Vorgänger. Und überhaupt, der Sound: So viel ich auch beim letzten Konzertbericht gemeckert haben mag, wie man in diesem Keller, der akustisch wohl alles andere als dankbar sein dürfte, einen derart köstlichen Sound hinzaubern kann, ist mir ein absolutes Rätsel. An dieser Stelle also ein großes Chapeau an alle Beteiligten. Ein solches ergeht übrigens auch an Louis, die Stimme von Crowns&Thieves. Wie dieser die ebenso geduldig wie unbarmherzig mäandernden Songs mit seinem Organ zusammenhält, hat Bewunderung verdient. Mindestens. Auch bewundernswert: Die ersten Dives des Abends. Die hätte man anhand der Räumlichkeit eigentlich gar nicht für möglich gehalten. Aber hey, das begeisterungsfähige Publikum ist eben kreativ. Und hangelt sich kurzerhand an der Decke des Gewölbes entlang. Einziger Kritikpunkt an dieser Stelle: Die unnachgiebig tickende Uhr, die das Set etwas kurz werden lässt.

Kurz wird im Anschluss auch der Auftritt von Reason To Care. Die haben nur noch knapp 30 Minuten, um die Anwesenden ein Drittes mal an diesem Abend umzuhauen. Das tun sie dann allerdings auch nachhaltig. Kurz und prägnant räubert die Band durch ihr Set, immer die Uhrzeit im Nacken und liefert treibenden Hardcore, der dafür sorgt, dass trotz der beengten Umgebung nicht nur jede Menge Menschen über einen hinweg segeln, sondern sogar ein kurzer Anflug von Pogo entsteht. Das muss man erst mal so hinbekommen. Zum Schluss kann die Band allerdings trotzdem nichts machen und muss die Rufe nach einer Zugabe mit dem Hinweis auf die lieben Nachbarn enttäuschen. Das ist aber nicht besonders tragisch. Im Gegenteil, mit Blick auf das, was hier innerhalb von zwei Stunden geboten wurde, ist das sogar leicht zu verschmerzen. Dann wird sich noch artig bei allen Anwesenden und den Verantwortlichen bedankt. Und dann ist es auch schon wieder vorbei für heute. Da bleibt nicht mehr viel zu erzählen. Außer vielleicht, dass – und an dieser Stelle ist die juvenile Wortwahl nun wirklich gerechtfertigt – dieser Abend von ersten bis zum letzten Takt super war. Vielleicht sogar der Beste, dem wir bislang beiwohnen konnten (auch wenn’s noch nicht so viele waren). Da freut man sich doch. Auf das nächste mal.

(Martin Smeets)

Tim Neuhaus & The Cabinet – Now

Tim Neuhaus&The Cabinet - Now // Bild: ghvc.de

Clever und smart

Das Täterprofil: Deutscher Musiker, studierter Schlagzeuger, den ruhigeren Tönen keineswegs abgeneigt. An was die geneigten HörerInnen angesichts dieser Beschreibung wohl denken mögen? Wohl an einen Singer/Songwriter-Barden, der eben diese HörerInnen mit sanft gezupften Akustikskizzen und einfühlsamen Texten genau dort abholt, wo sie gerade wahlweise stehen, liegen, sitzen, fluchen, frohlocken oder verzweifeln. Soweit zum Klischee. Die Realität sieht jedoch nicht unwesentlich anders aus. Erwähnter Täter hört in dieser Realität nämlich auf den Namen Tim Neuhaus und ist für ausgetretene Pfade dann doch mehr als eine Spur zu clever. Viel lieber packt Neuhaus mal eben seine Band The Cabinet ein und legt nun eine Platte vor, die sich nicht nur der Singer/Songwriter-Plakette spielend entzieht.

So ist Now dann so ziemlich alles, außer leicht zu greifen. Dem Offensichtlichen abgeneigt, verzichtet Neuhaus darauf, seine HörerInnen allzu nah an sich und seine Songs heranzulassen, hält über allerlei Finessen im Songwriting und eine Vielzahl von Spielereien an den Instrumenten Distanz. Eine Distanz, die zunächst durchaus zu gefallen weiß. So könnte auf diesem Album ganz 13 mal das Ende der Welt besungen werden – es würde erst mal kaum jemand Notiz davon nehmen. Dafür sind diese Songs, die ihre Schattierungen schneller wechseln können, als ein Chamäleon seine Farbe und doch stets dem lupenreinen Pop fröhnen, schlichtweg zu durchdacht, zu doppelbödig. Zu clever eben. Die Bandbreite, die Neuhaus mit seinen Stücken abzudecken vermag, gerät dementsprechend beeindruckend. Da zeigt der Opener und Titeltrack mal eben mit links den Killers, wie deren Musik in gut klingen könnte, trumpft das folgende Wonderful Turn mit einer wundervollen Akustikgitarre auf, die auch Gisbert zu Knyphausen oder Ben Gibbard so abgenickt hätten und tanzt Crashing Trough Roofs mit seiner von der Leine gelassenen Elektronik lässig neben den üblichen Verdächtigen in der Indie-Disse. Wohlverstanden: All das passiert allein in den ersten drei Songs. Scheuklappen oder gar Berührungsängste sind wahrlich keine Kritikpunkte, die man an Tim Neuhaus & The Cabinet herantragen könnte. Zumal Ausnahmekönner Neuhaus im weiteren Verlauf noch einige Glanzlichter gelingen. Etwa Easy Or Not, das wundervoll verschleppte Duett mit Kat Frankie. Oder das etwas seltsame Can’t Take The Silence, das Autotune und windschiefe Instrumentalarbeit kunstvoll ineinander verstrickt. Vor allem aber ist es das abschließende Aerophobia, ein beklemmendes Stück über, nun ja, Flugangst, das nachhaltig zu beeindrucken vermag. Hier wird dann auch jegliche Distanz aufgegeben, zeigt sich der Song zutiefst verletzlich. Und schafft so eine Atmosphäre, anhand derer man sich kurzzeitig erwischt, möglichst leise zu atmen, um diesen eindrücklichen Song nicht zu stören, der da aus den Lautsprechern wabert.

Es ist auch der Moment, an dem man erkennt, dass all die Unnahbarkeit, die auf Now vorherrscht, gleichzeitig die größte Stärke und Schwäche dieser Platte ist. So ist Now eine unterhaltsame, in höchstem Maße abwechslungsreiche Platte geworden, die man gerne und oft hören kann, ohne auch nur ein mal die Skip-Taste zu Rate zu ziehen. Es ist allerdings auch ein Album geworden, dass es zu selten schafft, seine HörerInnen wirklich beherzt in seinen Bann zu ziehen. Dafür ist wirkt es zu durchdacht, ist die Dramatik zu genau durchkomponiert, wirkt die Platte zu perfekt. Und ruft so in seinen schwächsten Momenten nicht viel mehr als ein Schulterzucken hervor. Kurz gesagt: Manchmal ist Tim Neuhaus, so komisch das klingen mag, eben schlichtweg zu gut, um zu berühren.

7/10

Anspieltipps: Wonderful Turn, Crashing Through Roofs, Aerophobia

(Martin Smeets)

Tim Neuhaus & The Cabinet – Now | Grand Hotel Van Cleef/Indigo | VÖ: 15.02.2013 | CD/LP/Digital

Light Bearer – Silver Tongue

Light Bearer - Silver TongueGrößer als Gott

Silver Tongue ist kein Album. Es ist ein Mammutwerk, ein Monumentalkunstwerk in jeder Hinsicht. Wo soll man da also anfangen? Vielleicht erst einmal bei der Band selbst. Im Jahr 2010 gründeten sich Light Bearer in London und sind so eine Art von Band, die konsequenter gar nicht sein könnte. DIY ist für sie keinesfalls nur eine Floskel, es ist eine Lebenseinstellung. Politische Haltung ist ebenfalls nicht nur eine hohle Phrase, sondern die Existenzbedingung dieser Band. Sie selbst formulieren das so:

„Light Bearer seeks to deconstruct and attack religion from the ground up – religion is the bane of humanity, it is the crutch that must be broken, an ideology founded upon hatred, fear and superstition. Light Bearer is vehemently radical left wing,  our agenda to criticize constructions of gender, to discuss the evolution of sexuality and evolution in general, to contribute to the eradication of the demonization of women and those who do not adhere to heteronormative stereotypes by religion, to see the sexes as equal and part of a whole. We are against all forms of theism, racism, homophobia and speciesism. Our goal is to highlight ideologies that should have been abandoned before the dark ages.“

Tja, mehr Haltung geht eigentlich nicht. Wer da jetzt eine aufmüpfige Band voller musikalischer und nicht-musikalischer Parolen vor Augen hat, täuscht sich allerdings gewaltig. Light Bearer kleiden ihre Werke in eine aufwändig konzipierte Mythologie. Mythologie? – ja genau. Light Bearer, in ihrem Sinne Synonym für Lucifer, ist ein über alle Maße gewaltiges Bandprojekt, das wie kein zweites Musik, Narration und bildende Kunst in sich vereint. Die Mythologie des christlich-jüdischen Teufelglaubens, der Verdammung und Verbannung der Menschheit, der archetypischen Stigmatisierung des Weiblichen als das Verführerisch-Sündige, der Glorifizierung des Männlichen, der patriarchalen Gewalt des rachsüchtigen Gottes. Es ist eine Welt voller finsterer Mystik, kalter Dramatik, gnostischer Genesis-Auslegung, erbarmungslos eskalierender Entgegengesetztheit von Gut und Böse, die Light Bearer erschaffen.

Die Atmosphäre ist geradezu mit Händen zu greifen. Übermächtig-ausschweifend, gotisch-düster, teils gruselig und Angst einflößend, teils wiederum erleuchtend und Hoffnung schöpfend. Mit Silver Tongue wartet eine 80-minütige Geschichte, die als Teil einer Tetralogie an die Vorgängerplatte Lapsus anschließt und von Magisterium und Lattermost Sword fortgesetzt wird (dazwischen werden die Geschichte ergänzenden EPs eingestreut). Lucifer, der vom unterdrückerischen und lügnerischen falschen Gott verstoßen wurde, trachtet danach den ihm Nachfolgenden, den Gefallenen und Verbannten das Licht der Wahrheit, die Wahrheit über die Falschheit Gottes, ja, den freien Willen zu geben. Die allegorische Geschichte, die beeinflusst ist von John Miltons ‚Paradise Lost‘, Philip Pullmans ‚His Dark Materials‘ und dem ersten Buch Mose, Genesis, kehrt den Gottesglauben, die Heilslehre der abrahamitischen Religionen um und begreift den verbannten Lucifer als Helden, als Retter der Menschheit, als Rebell gegen das Patriarchat des zornigen Gottes, als Befreier und Wahrheitsverkünder.

Sechs Songs, respektive Abschnitte oder Einzelerzählungen hält Silver Tongue bereit. Beautiful Is This Burden beginnt mit einem herrlichen paukenunterlegten Streicher- und Trompetenintro inmitten einer windigen Szenerie. Fünf Minuten, bis der Sturm losbricht. Die Verzweiflung des kargen Lebens, hungernd und durstend, körperlich wie geistig, unterjocht und der Freiheit beraubt durch den falschen Gott. Die Hoffnung wächst, die Hoffnung auf Befreiung, auf Enttarnung des göttlichen Betrügers, die Idee erwächst letztlich einen Turm zu bauen. Zarte Gitarren türmen sich sich auf, verschnaufen, aber wollen doch mächtig enden, angetrieben vom markzersetzenden Gesang. Sie klingen jedoch aus, leiten über in die donnernde Stadt Dis: Hier hausen die Verstoßenen. Amalgam, wie der Song heißt, zeigt dissonante, harte Klänge. Die Gefallenen schuften, sie mobilisieren alle Kräfte, um die babylonische Anmaßung zu vollenden, um die irdische Versklavung zu überwinden, um hinaufzusteigen und den Betrüger hinabzustoßen.

In Matriarch dominiert der Post-Rock. Die Ruhe bündelt träge und lethargische Gesangparts, die müde sind vor zu viel Sehnsucht. Und doch schöpft sich Kraft aus der Lethargie, geht die Trägheit in ein Aufbäumen über, Hoffnung und Stärke gewinnen an Präsenz, die Vernunft, die Humanität, personifiziert von Eva, schickt sich an den falschen Gott zu stellen, ihn herauszufordern, im gefährlich zu werden. Sie ist die Hoffnung, die Lucifer handeln lässt.

Lucifer gelingt die Besteigung des Turmes von Dis. Endlich erschallen in Clarus seine Worte in voller Klarheit über die Welt: I seek eyes that see through worlds / I seek a mouth to voice my cause / I seek a tongue lined with silver / so that my words are clear and just / for my father has lied. Gott ist ein Lügner. Lucifer überreicht Eva, der Befreierin der Menschheit, die prometheische Flamme, das Feuer des freien Willens. Vier Minuten bringt sich die Hoffnung in Stellung, trägt dennoch Bitterkeit in sich und zerfließt in düsteren Klavierklängen und traurigen Streichern. Die Autorität kracht hinein, protzige Gitarrenknüpel zerschlagen die Hoffnung. Eva trifft der Bannstrahl der Verachtung, die Strafe der Befleckung, der ewigen Unreinheit, Sünde und Verführung. Lucifer ergibt sich nicht der Macht des falschen Gottes, möchte ihn trotzdem entthronisieren, er kämpft, muss sich geschlagen geben, diese Schlacht hat er verloren. Aggressor & Usurper endet aufgewühlt, gehetzt, unversöhnt. Wie eine blühende Traumsequenz, wie die Ruhe nach dem Sturm erklingt schließlich der Titeltrack Silver Tongue und kündet von neuer Hoffnung nach der Niederlage. Die Prophezeiung von Eva, obwohl sie solche Bürde auf sich nehmen musste, obwohl sie in alle Ewigkeit die Trägerin der Erbsünde ist, verheißt Gutes. Das Feuer der Vernunft, der Willensfreiheit ist nicht erloschen. In klarer, choraler Stimme verkündet  die Prophezeiung die Ankunft eines weisen Kindes, das die Menschheit die Freiheit ermöglichen und das falsche göttliche Wesen vertreiben wird. Die Opposition gegen den Unterdrücker zündet neu, hymnisch wächst sie empor, dreht alle Gitarren auf Anschlag, trägt die Wahrheit auf der silbernen Zunge, klingt wohlig aus… und doch: wie ein Donnerschlag kündigt das Unheil sich in der letzten Sekunden überraschend und inbrünstig an. Es wird verheerend sein. Fortsetzung folgt…

Wie gesagt, Silver Tongue ist nicht einfach ein Album. Zumindest kein normales. Es ist eben mehr als das. Viel mehr. Light Bearer, eine Konzeptband mit eigener Mythologie, mit einem Meisterwerk, das eine allegorische Genese der Menschheit ins Auge fasst, begnügt sich eben nicht mit einem normalen Album. Alles in allem und das Urteil kann gar nicht anders ausfallen, haben wir es hier mit einem der größten DIY-multi-künstlerischen Projekte aller Zeiten zu tun. Zwei Jahre haben Light Bearer allein an Silver Tongue gearbeitet. Es ist ein Werk von einer unsagbaren mystischen Kraft und schöpferischen Größe, in dem bildende Kunst, Musik und Erzählung eine herausragende Einheit bilden, die nur eine Wertung erlaubt:
10/10

(Martin Oswald)

Light Bearer – Silver Tongue | Alerta Antifascista Records, Moment of Collapse Records |
VÖ: 08.02.12 | digital/CD/LP

P.S.: Es empfiehlt sich beim Hören von Silver Tongue den Text samt Erläuterungen zurate zu ziehen. Z.B. hier.

News 20/02/13

+++ This Charming Man, würde jüngst in einem Kommentar wie folgt charakterisiert:

Was mich etwas stört ist dieses Label ‚this charming man‘. Die hauen ständig Platten raus und das meiste davon ist wirklich nur Durchschnitt und wird gehyped und vermarktet als gäbe es kein Morgen mehr.“

Tja, das gefiel dem Label so gut, dass es nun in großen Lettern die Homepage ziert. Und weil sie ständig Platten raushauen, haben sie mittlerweile genügend Material, um eine Compilation zu füllen. Ob da wirklich fast nur Durchschnitt drauf ist, lässt sich hier ergründen. Und das beste: das Ganze gibt´s als Download für ganz umsonst.

+++ Besagtes Label hat auch ein neues Pferd, namens das eNde im Stall. Die spielen ranzigen Postpunk, der bald auf Platte erscheint. Wie das so klingt, lässt der vorab offengelegte Song Schirmköter erahnen. Und der klingt wie folgt:

+++ Einen Song bzw. vielmehr zwei gibt es auch von einer ungleich bekannteren Band zu bestaunen: The Strokes. Die veröffentlichen Ende März ihr fünftes Album Comedown Machine und lassen schon einmal reinfühlen:

+++ Und wo wir doch schon bei Songs sind: auch Omar Rodriguez-Lopez‘ neues Baby, Bosnian Rainbows, haben einen davon auf Lager. Turtle Neck heißt der und wird auf dem bald erscheinenden Erstling enthalten sein.

+++ Am 22.03.13 enthüllen auch Marathonmann ihre erste Full-Length names Holzschwert. Bis es soweit ist, kann man sich z.B. mit dem Cover von Dein Ist Mein Ganzes Herz die Zeit vertreiben:

Verlosung: 2×2 Tickets Supermutant – live | Alte Mälze


Supermutant haben ihr Debütalbum FRVR im Gepäck und starten heute ihre Wer Du Bist Ist Wen Du Küsst Tour 2013. Dabei machen sie am 26.02.13 auch Station in der Alten Mälzerei in Regensburg, wo sie von den Regensburgern Polar Bird supportet werden. Wer dort gerne hingehen, sich aber den Eintrittspreis sparen möchte, hat vielleicht ein bisschen Glück.

Mit freundlicher Unterstützung vom Grand Hotel Van Cleef verlosen wir für das Konzert in der Mälze, tadaaa: 2×2 Tickets. Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, hat bis Freitag, den 22.02.13 um 12.00 Uhr die Möglichkeit sich hier einzutragen:

Die Verlosung ist leider schon beendet und die Glücksfee bereits zu Werke.

Alle Einsendungen nehmen an der Verlosung teil. Eure Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt und nach Ablauf der Verlosung wieder gelöscht. Die beiden Gewinner_innen werden am 22.02.13 per E-Mail benachrichtigt.

Und zur Einstimmung gibt es hier noch das offizielle Video zu Supermutants Diamant:

Tegan and Sara – Heartthrob

Tegan and Sara - HeartthrobIm Synthie-Paradies

Jemand muss Tegan and Sara in das Jahr 1980 zurückgebeamt haben. In eine Zeit, in der Gitarren durch Synthesizer, Drums durch Synthesizer, Gesang durch Synthesizer und überhaupt alles durch Synthesizer ersetzt wurde. Doch sind wir tatsächlich nicht im Jahre 1980, sondern im Jahre 2013 und zwar mittendrin im Synthesizer-Paradies, in: Heartthob. Und das Herz schlägt vor lauter Staunen tatsächlich wie ein Drumcomputer einige bits per second. Die Pop- und Kitsch-Affinität der beiden Zwillingsschwestern ist gewiss keine Neuigkeit, dass sie sich aber auf einem ganzen Album ausnahmslos im Pop und Kitsch wälzen, ist dann doch etwas überraschend. Verfolgt man die Diskographie von Tegan and Sara, so fällt die schleichende Hinwendung von Indie-Folk/Rock in Richtung Pop augenscheinlich auf. Zwischen This Business Of Art (2000) (das Debüt Under Feet Like Ours kenne ich leider nicht) und Sainthood (2009) liegen zwar Welten, doch war der beschrittene Weg stets nachvollziehbar. Die Bühnen wurden nach und nach größer, das Publikum heterogener, die musikalischen Möglichkeiten breiter und das songwriterische und technische Können besser (dazu später mehr). Vom musikalischen Allerlei streckten sich die experimentellen Fühler also immer mehr in Richtung großer Melodien und Mainstream. Durch die Stil-Suche und viel Ausprobieren kamen tegan and Sara in den letzten Jahren dann letztlich dazu, was man ohne Einschränkung als genuinen Tegan and Sara-Sound bezeichnen könnte. In seiner Vollendung bei So Jealous, The Con und besagtem Sainthood. Alles folgerichtig. Mit Heartthrob kommt nun allerdings der erste richtige Stilbruch. Klar war bereits vor der Veröffentlichung: die Platte wird ein ganzes Stück poppiger, größer und – auch das musste man ahnen – kommerziell erfolgreicher, sind Tegan and Sara ja mittlerweile ein fester Bestandteil der nordamerikanischen Popkultur.

Aber ein astreines Dance-Pop-Album? Das ist überraschend. Und in der Tat: das ganze Album atmet lungentief 80er Jahre. Die Gitarren haben Tegan and Sara an den Nagel gehängt und stattdessen einen ganzen Haufen Elektronik und hoch dotiertes Studiopersonal um sich versammelt. Dabei ist eine, wie im Pop üblich, Songsammlung aus diveresen Produzentenhänden entstanden, die schwerlich als Album aus einem Guss durchgehen kann. Muss ja auch nicht sein. Wie macht sich das Werk also? Um es kurz zu machen: wie ein gewöhnliches Pop-Album, nur einen Tick besser. Was das heißt? Nun, es geht natürlich um Liebe – und zwar durchgehend, von vorne bis hinten. Dieser Liebes-Overkill nervt natürlich, ist bei Tegan and Sara aber eigentlich wiederum nicht neu. Die Kombination mit kitschigen Sounds und musikalischen Disko-Spielchen lässt diese Tatsache aber auffälliger hervortreten.

Das fängt bei Closer (der Single) schon an. Würde Brandon Flowers mit dem Gesang einsetzen, man würde es glatt als The Killers-Nummer abnicken (und das ist mittlerweile keine gute Referenz). Die Synthie-Keyboard-Klänge bringen sich riesig in Stellung und penetrieren den Song so dermaßen, dass man es glatt für Ironie halten könnte. Das Kuriose aber ist: Closer ist nicht schlecht. Das mag daran liegen, dass er, obwohl derart überzeichnet, sehr eingängig und schlichtweg hervorragend gesungen ist. Letzteres trifft dann tatsächlich auch auf die gesamte Platte zu. Tegan und Sara haben auf Heartthrob ihren schon immer ins Zentrum gerückten Gesang noch deutlich mehr in den Fokus genommen. Sie teilen sich die Gesangsparts wunderbar auf und ergänzen sich stimmlich vortrefflich. Und das ist es auch, was Heartthrob über ein gewöhnliches Pop-Album heraushebt. I´m Your Hero oder Drove Me Wild sind so Beispiele. Klar, auch Cyndi Lauper könnte das singen, aber eben nicht mit diesem musikalischem Verstand wie Tegan and Sara. Die Intonation ist fast immer nahezu perfekt, die Ausschöpfung aller stimmlichen Facetten ist sowohl rhythmisch als auch lautmalerisch beeindruckend. How Come You Don´t Want Me ist in dieser Hinsicht als Highlight zu nennen. Gesprochen-gesungene Strophen kulminieren in einigen Refrain-Wiederholungen in stimmlich rap-artigem Beatparts. Nicht schlecht.

Die Indie-Rock-Melodien, die Tegan and Sara nach wie vor in den Knochen stecken, sind nicht zu übersehen und hätten auch schon auf The Con oder Sainthood funktioniert. Denn man weiß auch: einer Gitarren-Instrumentierung würden die Songs ohne weiteres standhalten – und ja, das wäre z.B. bei I Couldn’t Be Your Friend tatsächlich besser gewesen. Überhaupt wäre es besser gewesen, hätten die beiden Schwestern neben ihren stimmlichen Qualitäten auch mehr auf ihr mittlerweile wirklich beachtliches Können an den Instrumenten zurückgegriffen. Na ja, letztlich entpuppen sich Love They Say und Now I’m All Messed Up nochmal als kleine Highlights, die eine ganze Ecke besser hätten sein können, hätten sich Tegan and Sara musikalisch ein ganz anderes Album vorgenommen. Denn insgesamt betrachtet nervt Pop halt einfach auf Dauer. Erklärung gefällig? – Basta!

4/10

(Martin Oswald)

Tegan and Sara – Heartthrob | Warner Bros. Records | VÖ: 01.02.13 | CD/digital/LP

Torpedo Holiday

Torpedo Holiday

Über einen Mangel an ernstzunehmenden deutschsprachigen Indie-Punkrock-Bands mit spürbarer Hardcore-Note kann man sich nicht beklagen. Es gibt ihn nämlich nicht. Zugegeben: das war nicht immer so, seit einigen Jahren aber, gibt es ihrer mittlerweile doch einen ganzen Haufen – Tendenz steigend. Dabei gibt es mindestens zwei Probleme. Erstens, den Überblick zu behalten und zweitens, relevante Unterschiede auszumachen. Beides ist nötig, nicht nur um zu merken, wer hier eigentlich von wem abschreibt, sondern auch, um sich überhaupt noch beeindrucken zu lassen. Die Gefahr besteht, dass sich das Genre festfährt. Nicht jedoch, wenn es weiterhin Bands wie Torpedo Holiday gibt. Ja, auch die sind 2011 auf den Zug aufgesprungen, der von u.a. Turbostaat, Adolar, Captain Planet von einer rostigen Schienenlaube zu einer schnaubenden Dampflok aufpoliert wurde. Damit es sich das Genre in all den Jubelstürmen jedoch nicht allzu bequem macht, muss es von Zeit zu Zeit aufgekratzt werden.

Und hier kommen Torpedo Holiday ins Spiel. Denn die rühren die Chose nicht einfach weiter, sondern haben auf ihrer ersten 7“ ordentlich shoegazige Zerfahrenheit und jugendliche Rotzigkeit im Gepäck, die dem Glattbügeln des Genres entgegenarbeitet. Die im Dezember (u.a. über 100 Kilo Herz, Tief in Marcellos Schuld und Moment of Collapse Records) veröffentlichte EP ist einfach zu aufgewühlt, um es sich bequem zu machen. Die fünf Hamburger bürsten darauf ganz schön gegen den Strich, zersetzen wohlige Punk-Melodien, nicht mit Brachialität, allerdings durchaus mit Wut und Verzweiflung, mit berstender Stimme und Schrammelgitarre. Haut Euch Selber markiert in dieser Beziehung gleich den Höhepunkt. Ein Song, der zwischen Mid- und Hightempo, zwischen Geschrei und Sprechgesang hin- und herpendelt und irgendwo dazwischen das Ende sucht. Daneben nimmt er noch so allerlei Wendungen mit. In seiner zweiten Hälfte bringt er sich dabei fast hymnisch in Stellung, nicht ohne sich kurz vor Ende nochmals aufzukratzen. Die Marschroute ist vorgegeben – und auch die anderen Songs enttäuschen hier nicht. Dem Punkrock sind sie etwas zu schlecht gelaunt, dem Emo vielleicht sogar zu fröhlich. Innerlich und äußerlich zerrissen, trotzen sie einer positiven Perspektive und gefallen sich in misanthropischen Tönen, ohne dabei eine ironische und humorvolle Grundstimmung verleugnen zu können. Aus dieser Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit ziehen die Songs ihre lethargische Energie und ihr kreatives Moment. So als könnte man zwischen Prokrastination, ‚liegen bleiben‘ und ‚wieder hinlegen‘ doch noch geschwind die Gitarre zertrümmern.

Ein bisschen krankt die EP aber auch an dieser Zerrissenheit, was aber eher technischen Natur ist. Der Sound ist insgesamt zu rauschend, zu unprägnant und aufgekratzt und büßt durch diese Verschwommenheit viel an Ausdrucksstärke ein. Für einen vielleicht bald anstehenden Longplayer wäre sicherlich eine wesentlich druckvollere Aufnahme und Produktion wünschenswert. Druckvoll und zerfahren zugleich – das wäre das zu erbringende Kunststück und würden Torpedo Holiday garantiert auch weiterhin beeindrucken.

Lorraine | Brushes Held Like Hammers | No Weather Talks | 12.01.13 | Büro Regensburg

Flyer extremelifewasting // Bild: www.facebook.com/extremelifewasting

Winterzeit ist Konzertzeit. Sollte man meinen. Doch ist das nicht so einfach, wenn man in Regensburg wohnt, denn so schön es hier auch sein mag, muss man für die Mehrzahl an guten Konzerten dennoch ziemlich weite Strecken auf sich nehmen. Aber zum Glück gibt es das Regensburger Büro und zum Glück gibt es extremelifewasting. Schließlich sorgt diese Verbindung in etwa ein mal im Monat für verlässlich gute Live-Unterhaltung. In der ersten Ausgabe 2013 mit von der Partie: Lorraine aus Wien, Brushes Held Like Hammers als lokaler Act und vor allem die schon etwas bekannteren und ganz und gar formidablen HamburgerInnen von No Weather Talks. Doch der Reihe nach.

Schließlich geleiten zunächst mal die erwähnten Lorraine in den Abend. Und die scheinen richtig ‚Bock‘ zu haben. Aufgekratzter Post-Hardcore, der seinen Fokus wahrlich auf die Vorsilbe legt, poltert da sympathisch ungestüm aus den Boxen. Das Gefällt. Nicht zuletzt deshalb, weil Post-Hardcore dieser Couleur inzwischen von gar nicht mehr so vielen Bands gepflegt wird. Da fühlt man sich doch gleich angenehm daran erinnert, wie gut doch Musik von solch sperriger Machart sein kann. Und man nimmt sich bei der Gelegenheit auch noch vor, demnächst mal wieder Kenzari’s Middle Kata, ihres Zeichens musikalische Brüder im Geiste, zu hören. Einziger Kritikpunkt bleibt das viel zu laute Schlagzeug. So pedantisch es klingen mag: Da können die Songs noch so kompakt auf den Punkt gespielt sein, wenn immer wieder eine penetrante Snare dazwischenhaut, zerfasert zwangsläufig auch der gesamte Sound.

Ein zu lautes Schlagzeug ist dann ein Problem, über das die folgenden Brushes Held Like Hammers nicht klagen können. Leider. Schließlich ist beim Sound des zweiten Acts irgend etwas mal ganz grundsätzlich schief gelaufen. Dabei wäre es noch zu verschmerzen, dass der Gesang mit ein bisschen gutem Willen noch als ‚potentiell vorhanden‘ bezeichnet werden könnte. Wenn dazu aber auch noch nicht recht viel mehr, als ziemlich vermatschtes Zeug von der Bühne schwappt, macht das Ganze wirklich nicht mehr allzu viel Spaß. Dass die Band dabei ein neues Album vorzustellen hat, macht die Sache nur noch eine Ecke bitterer. Doch zum Glück gibt es auf jedem Konzert auch Menschen, die dem ‚Diveaufengstemraum‘-Wettbewerb trotzen und sich bis ganz nach vorne wagen. Und dabei Videos von dem blitzsauberem Post-Hardcore machen, den man aus soundtechnischen Gründen größtenteils verpasst hat. Den wir uns aber nun ganz gemütlich von zu Hause aus ansehen können.

Dann geht sie weiter, die wilde Reise. Und zwar mit einem nicht zu knappem Stilbruch in Richtung Punk mit einer großen Vorliebe für Melodie. Das meint: No Weather Talks betreten die Bühne. Und wieder ein mal fragt man sich, wo das ohnehin schon gut gefüllte Büro bislang nun eigentlich diese 20 Leute mehr gestapelt hatte, die plötzlich da zu sein scheinen. Faszinierend. Auch faszinierend: Der Sound. Der ist nämlich – endlich – inzwischen astrein. Da lassen sich die Fünf auf der Bühne dann auch nicht lange bitten und legen sich mit Nachdruck in ihre wahrhaft schmissigen Nummern. Da wir übrigens eben bei ‚faszinierend‘ waren: Wie es diese Band schafft, melodiösen Punkrock – immerhin ein Genre, dass es (wohltuende Ausnahmen natürlich außen vor gelassen) außerhalb zahlloser zombieesquer Collegerock-Kapellen von der Stange zwischenzeitlich gar nicht zu geben schien – so pointiert und exakt auf Kante genäht zu präsentieren, ist schlicht und ergreifend faszinierend. Dass Days Of War, Nights Of Not Enough auch live ein waschechter kleiner Hit ist: Umso besser. Lauter Songs, die vor Spielfreude zu explodieren drohen. Was vom Publikum im Büro entsprechend honoriert wird. Da lässt man sich doch gerne mitreißen. Und geht zum Schluss zufrieden nach Hause.

Anmerkung: Inzwischen gibt es auch Photos vom Konzert. Und zwar auf www.suessmichael.de

(Martin Smeets)

Lambda – Im Falschen

Lamba - Im Falschen // Bild: http://lambda.bandcamp.com/

Schizophren

Manchen unter euch wird es vielleicht bereits aufgefallen sein: Mindestens ein Drittel von uns hier hat eine ausgeprägte Affinität zu kleinen Bands aus Österreich. Das fing an mit der Entdeckung von Rika, die übrigens am 15. Februar ihre erste vollwertige – und hoffentlich wundervolle – Platte veröffentlichen, setzt sich fort über Hidden By The Grapes, die hier bereits ausführlich gewürdigt wurden und geht jetzt weiter. Und zwar mit Lambda. Die haben nämlich 2012 ihre erste Full-Length – namentlich Im Falschen – in die Welt gesetzt. Und die hat es, da muss man der Labelbeschreibung ausnahmsweise recht geben, in sich.

Im Falschen fühlt man sich da zunächst einmal wirklich. Im falschen Film nämlich. Schließlich beginnt das Album mit dem Opener und Titeltrack voller unharmonischer Klänge und furchterregendem Gebell erst mal einigermaßen grausig. Zumindest knapp zwei Minuten lang. Dann lassen Lambda den Song dank cleveren Harmonien in Richtung spannenden Noise kippen. Und geben so die Richtung für den weiteren Verlauf der Platte vor. Der Noise ist schließlich das, was diese Band umzutreiben scheint, was diese Band zu lieben scheint. Kaum ein Moment vergeht auf Im Falschen in dem nicht hintersinnige Gitarrenkonstrukte um die Wette rödeln und sich im Dienste der Songs nicht doch irgendwann die Klinke in die Hand geben. Beispiel gefällig? Man höre nur Schlundrock, ein Stück, dass gänzlich ohne Text auskommt und dennoch niemals im Verdacht steht, irgend etwas mit Postrock am Hut zu haben. Zu wendig ist dieser Song für Postrock, zu fiebrig hastet er von einer guten Idee zur nächsten. Und gibt so auch nach dem zehnten Hördurchlauf immer noch weitere kleine Entdeckungen preis. Die letzte – wohlgemerkt bekanntere – Band, die so viel Komplexität in unter vier Minuten packen konnte hieß Trip Fontaine. Und das will schon verdammt viel heißen. Dabei wartet die eigentliche Sensation erst zwei Songs später in der ziemlich exakten Mitte des Albums und hört auf den Namen Sold My Heart To Noise. Was Lambda hier in exakt fünf Minuten und neun Sekunden zelebrieren, spottet eigentlich jeglicher Beschreibung. Das ist doppelbödig, mehr als interessant, durchdacht und trotz alledem tatsächlich auch noch tanzbar. Und weit vom Prädikat ‚verkopft‘ entfernt. Da kann sich das folgende Alu-Mann dann auch noch so sehr reinhängen, gegen den Vorgänger fällt es zwangsläufig ab. Spätestens hier wird dann auch ein kleiner Knachpunkt an dieser Platte offenbar: Lambda sind immer dann am besten, wenn sie auf Gesang verzichten und den Laden allein per Instrumentalarbeit zusammen halten. Auch wenn die ’normalen‘ Stücke dieser Platte keinesfalls schwach sind, kommen sie gegen die enorme Dichte der Instrumentaltracks dennoch nicht an.

Was letzten Endes dafür sorgt, dass Im Falschen schlussendlich einen leicht schizophrenen Eindruck hinterlässt, pendelt es doch ständig zwischen ‚ganz gut‘ und ‚ziemlich brillant‘ hin und her. Aber hey: Wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um ein Debut handelt, ist das doch mehr als in Ordnung.

7/10

Anspieltipps: Schlundrock, Sold My Heart To Noise, Rewinki

(Martin Smeets)

Lambda – Im Falschen | Sooder Records | VÖ: 19.04.2012 | CD/Digital