Jahrespoll 2012 von: Martin Smeets

Da ist also schon wieder ein Jahr rum. Zeit also, um sich endlich wieder gepflegt den Kopf über gute und schlechte Alben zu zerbrechen, Zeit, um leidlich sinnvolle Ranglisten auszutüfteln. Kurz: Zeit für einen ordentlichen Jahrespoll. Das geht so:

Die 10 besten Alben des Jahres

Einar Stray - Chiaroscuro // Bild: thesirensound.com

10. Einar Stray – Chiaroscuro

Den Einstieg macht dieses Jahr eine Platte aus der Kategorie ‚aus dem Nichts.‘ Aus dem nichts kam dieses Album mit dem seltsamen Titel nämlich. Und machte selbigem alle Ehre. ‚Helldunkel‘ heißt die Platte übersetzt, und genau so klingt sie auch, mitsamt Schifferklavier, Piano, wundervoller Stimme und allerlei Hakenschlägen. Ein Album zum gern haben.

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Admiral Fallow - Tree Bursts In Snow // Bild: terrorverlag.de

9. Admiral Fallow – Tree Bursts In Snow

Wenn es im Jahr 2012 einen prägenden Hype gab, ging es meist darum, irgendwelche daher gekommenen Folkbands in den Himmel zu loben. Da konnte es dann schon mal passieren, dass beispielsweise die einigermaßen unsäglichen Of Monsters And Men durch die Bank hemmungslos gefeiert wurden. Oder dass Mumford&Sons mit einem (natürlich sehr guten) Abziehbild ihres Debuts im Formatradio auftauchten. Und während all dies geschah, schlichen sich Admiral Fallow ganz unbemerkt vorbei und ließen eine ganz und gar wundervoller Platte liegen. Wer sie aufhebt, wird es nicht bereuen.

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Japandroids - Celebration Rock // Bild: stereogum.com

8. Japandroids – Celebration Rock

Wenn gerade schon Abziehbilder erwähnt wurden: Genau ein solches ist das Zweitwerk der Japandroids. Wäre da nicht die druckvollere Produktion, könnte man glatt meinen, die Beiden hätten nicht mal die Regler verstellt und genau dort weiter gemacht, wo sie mit Post-Nothing aufgehört hatten: Hemmungslos herunter gepeitschte Lieder über Mädchen und Partys und noch mehr Mädchen, die am Kopf vorbei direkt in die Beine gehen und so viel Krach fabrizieren, wie man mit zwei Instrumenten eben kann. Ein einfaches Rezept. Aber: Es funktioniert. So ist auch der Zweitling mal wieder Musik gewordene Euphorie, bis oben hin voll gepackt mit Hymnen, die man gen Nachthimmel schmettern möchte. Schmettern!

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Hidden By The Grapes-If Radios Spoke With Their Hearts // Bild: hiddenbythegrapes.bandcamp.com

7. Hidden By The Grapes – If Radios Spoke With Their Hearts

Ein Album, dass nicht nur noch viel mehr ‚aus dem Nichts‘ als es bei Einar Stray der Fall war, sondern mindestens ebenso viel Beachtung verdient, wie Letzterer. Da wurden mal eben Post-Punk, Emo aus den Neunzigern und eine kräftige Brise Noise unter stetem Rühren zusammen geworfen. Heraus kam ein Album voller Überraschungen und grandioser Ideen. Ein Album voller guter Songs. Und nicht zuletzt: Ein Versprechen für die Zukunft.

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Ana Never - Small-Years

6. Ana Never – Small Years

Achtzig Minuten. Vier Songs. Das wortwörtlich größte Postrock-Album des Jahres. Umwerfend.

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the xx-coexist // Bild: thexx.info

5. The xx – Coexist

Das Spalteralbum. Von vielen gefeiert, von manchen als Mittel gegen Schlafstörungen verspottet. Und schon wieder so ein Abziehbild. Auch The xx machen auf Album Nr.2 nicht recht viel anders, als auf dem Erstling. So verfolgt Coexist den vorgegeben Weg konsequent weiter, schielt dabei höchstens ab und an betörend gen Clubsounds. Und machte seine Sache dabei sogar besser, als das Debut.

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4. Captain Planet – Treibeis

Kurz vorm Treppchen passiert es endlich: Eine gehypte Band kommt des Weges. Wohlgemerkt eine völlig zurecht gehypte Band. Treibeis schafft nicht nur das seltene Kunststück, mit jedem Umlauf ein kleines Stückchen besser zu werden, sonder holt im vorbeigehen auch noch den deutschsprachigen Punk aus der völligen Bedeutungslosigkeit hervor. Kein Wunder, schließlich ist das hier locker die beste Punkplatte seit, nun ja, seit ganz lang.

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Converge-All We Love We Leave Behind // Bild: dailydischord.com

3. Converge – All We Love We Leave Behind

Die diesjährige Bronzemedaille geht dieses Jahr an die Abteilung Attacke. Und nein, damit ist nicht das gestiegene Sendungsbedürfnis von Uli Hoeneß gemeint, sondern der jüngste Wutbrocken aus dem Hause Converge. Wie diese Ausnahmeband immer noch alles nieder mäht, es immer noch schafft, ein ganzes Genre mehr oder weniger zu überstrahlen, ist schlichtweg beeindruckend.

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Caroline Keating - Silver Heart // Bild: dingusonmusic.com

2. Caroline Keating – Silver Heart

Das genau Gegenteil der Abteilung Attacke. Caroline Keating brachte Jan Wigger zum hemmungslosen Schwärmen, staubte hier die Höchstwertung ab. Mit einem Album, das vor allem eines ist: Wunderschön.

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The Twilight Sad - No One Can Ever Know // Bild: oldwaver.com

1. The Twilight Sad – No One Can Ever Know

Es ist ja so, dass The Twilight Sad schon immer eine sehr gute Band waren. Es ist allerdings auch so, dass auf ihren bisherigen Platten Stimme und Musik nie so richtig zusammen finden wollten. Ein Umstand, den die Band mit ihrer jüngsten Platte fulminant beseitigt hat. Ein Album, wie ein guter Horrorfilm, dass voll von vor Kälte starrender Synthies eine Furcht verbreitet, der man sich nicht entziehen kann. So komisch es klingt: In die kratzbürstige Atmosphäre dieser Platte möchte man sich fast hinein legen.

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Die 10 besten Songs des Jahres

10. Olli Schulz – Old Dirty Man 

„Ich glaube ich bin mit der Zeit ganz schön komisch geworden.“ Ein Satz, so einfach, so wahr. Olli Schulz verabschiedet Erwartungen. Präzis. Bedrückend. Berührend.

9. Admiral Fallow – The Way You Were Raised

Um nicht zu sehr auf die Stimmung zu drücken, wenden wir uns an dieser Stelle mal wieder Admiral Fallow zu. Die haben mit diesem Song nämlich nichts weiter getan, als einen sommerlichen Sonnenaufgang zu vertonen. Hallo Endorphin.

8. The Ataris – 12/15/10

Es mag alles stimmen: Kris Roe ist ein Spinner, der es einfach nicht auf die Reihe kriegt, The Graveyard Of The Atlantic endlich zu veröffentlichen. Der mit Drumsets nach seinem Drummer wirft. Und doch: Der Kerl hat eine Ausnahmestimme und könnte – anhand der bekannten Songs – gerade dabei sein, dem Pop-Punk eine neue Referenzplatte zu basteln.

7. I Like Trains – Beacons

Da wir gerade dabei sind, Preise zu vergeben: Der Preis für das bedrückendste Stück Musik geht dieses Jahr an I Like Trains. Da gibt es keine zwei Meinungen.

6. Touché Amoré – Unsatisfied

Jetzt schummeln wir mal wieder: Dieser Song ist eigentlich von den Replacements und vor allem schon ein paar Järchen älter. Das Cover allerdings ist fast brandneu. Und – pardon – saugut.

5. Kid Kopphausen – Das Leichteste Der Welt

Das bedeutungsschwangerste Lied des Jahres. Leider.

4. Caroline Keating – Ghosts

Caroline Keating hat nicht nur ein wundervolles Album geschrieben, sondern auch einen absoluten Ausnahmesong fabriziert. Der kann nicht mal von einer Ukulele zerstört werden.

3. The Tidal Sleep – Frozen Mouth

Vielleicht haben sich einige gewundert, warum der Hardcore bislang so unterrepräsentiert war. Nun, das liegt daran, dass sich die Vertreter aus den härteren Gefilden um die vordersten Plätze streiten. Platz 3 geht dabei an The Tidal Sleep, die im Vergleich zum noch jungen Debut einen beachtliche Entwicklung zu nehmen scheinen.

2. Converge – All We Leave Behind

Auch wenn ich diese Meinung wohl exklusive habe: Dieser Song ist das Beste, was Converge jemals auf Band gebracht haben.

1. Marathonmann – Die Stadt gehört den Besten

Und mal wieder ein Stück aus dem Nichts. Geht ohne Schnörkel nach vorne, hinein in einen ausladenden Refrain. Simpel, aber sensationell gut.

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Die größte Enttäuschung des Jahres

Als Kollege Iwan es mitbekommen hat, prügelte er sich wahrscheinlich aus lauter Unverständnis einmal quer durch Hamburg. Schließlich wird jetzt einer seiner erklärten Lieblingsbands ans Bein gepinkelt: Hot Water Music. Bei allem Respekt vor dem Werk dieser Band, Exister ist die uninspirierteste Ansammlung zweitverwerteter Ideen, die mir dieses Jahr zu Ohren gekommen ist. Glattgebürsteter Formatrock, der so alt klingt, wie man gar nicht erst werden möchte, der schon seit Caution nicht mehr wirklich spannend war. Hot Water Music im Jahre 2012? Braucht kein Mensch.

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Der Beste Newcomer des Jahres

Ich muss Kolle Oswald zustimmen: Auch wenn er selbst kein unbeschriebenes Blatt ist, führt hier kein Weg an NAGEL vorbei. Was diese neu formierte Band live präsentiert hat, lässt in der Tat auf ein großartiges Album für das nächste Jahr hoffen. Außerdem ist es einfach schön, dass Nagel wieder da bist.

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Die größten Überraschungen des Jahres

Da wollen wir uns zunächst mal an einen Sammelbegriff halten: Kleine bzw. neue Bands. So wurde dieses Jahr nicht von den ‚großen‘ Releases und großen Namen geprägt, sondern von Alben und Bands, die man bislang wenig oder gar nicht beachtete. Von Captain Planet, von Marathonmann, von Hidden By The Grapes, von Supermutant, von NAGEL, von Leitkegel und so weiter. Alles Bands, die mehr Versprechen, die hoffentlich die Grundlage für viele spannende neue Alben gelegt haben.

Und doch: Die größten Überraschungen dürften die Reunions gewesen sein. Mal ehrlich: Wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass sowohl Refused, als auch At The Drive-In noch mal die Bühne betreten? Genau, niemand.

Jahrespoll 2012 von: Martin Oswald

So, nun also endlich meine Bestenliste. Einfach war es in diesem Jahr wieder nicht, aber ich möchte nicht lange herum reden:

Die 10 besten Alben des Jahres

Deftones - Koi No Yokan // Bild: wikipedia.org

10. Deftones – Koi No Yokan

Ein Album – eine Wucht. Deftones haben hier (fast) alles richtig gemacht und ihren ganz eigenen Mix aus Schwerfälligkeit und Leichtigkeit wieder auf das Niveau ihres Ausnahmealbums White Pony gehoben.
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A Whisper In The Noise - To Forget // Bild: cargo-records.de

9. A Whisper In The Noise – To Forget
West Thordson schreibt keine Songs. Er skizziert sie, deutet sie an. Das macht er aber auf so gute Weise, dass man seine kleine Band in dieser Liste nicht übergehen kann. Stets bleiben die Songs irgendwie unvollständig, schemenhaft, sind aber beeindruckend und kraftvoll genug, um eine herzzerreißend traurig-schöne Platte zu füllen.
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Caspian - Waking Season

8. Caspian – Waking Season

Definitiv eine der besten Postrock-Platten des Jahres. Melodieverliebt, ausschweifend, dabei aber nicht berechenbar, sondern immer gut für überraschende Wendungen, derer es erstaunlicherweise recht viele gibt.
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Quelle: http://arktika.bandcamp.com/album/symmetry

7. Arktika – Symmetry
Eine Band, die auflösungsbedingt wahrscheinlich zum letzten Mal in einer Bestenliste auftaucht. Leider. Verdientermaßen tauchen Arktika hier mit Symmetry auf, zumal diese Platte wirklich überragend ist. Die Vereinigung von Hardcore und Postrock funktioniert hier wirklich vortrefflich und bleibt in aller Kompositionalität und Planbarkeit chaotisch genug, um an den richtigen Stellen loszustürmen und aufgetürmte Schemata niederzureißen.
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Gespenst - The Bloodline

6. Gespenst – The Bloodline
Bands aus Malaysia hat man nicht zwingend haufenweise auf dem Schirm. Gespenst sollte allerdings auf jeden Fall dabei sein. Postrock von der besten Sorte, behutsam instrumentiert und produziert, herrliche Melodienstränge und pointierte Ausbrüche.
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The Unwinding Hours-Afterlives // Bild: https://www.facebook.com/pages/The-Unwinding-Hours/238996592074

5. The Unwinding Hours – Afterlives
The Unwinding Hours machen nach wie vor alles richtig. Eine Band, die für die beiden Protagonisten Iain Cook und Craig Beaton kaum mehr als ein Nebenerwerb und Feierabendprojekt ist, ihnen dadurch aber die Freiheit bietet, die sie mit Aereogramme nicht hatten. Sie machen Songs, wenn sie Lust haben, sie nehmen sie auf, wenn sie Lust haben, sie spielen sie live, wenn sie Lust haben… und nur dann. The Unwinding Hours sind ein Hobby, ihre Musik aber, ist essentiell – ein Muss.
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The Tidal Sleep - s:t

4. The Tidal Sleep – s/t
2012 war das Jahr von The Tidal Sleep. Zahlreiche Shows und zwei Veröffentlichungen haben sie im Eiltempo zu einer der gefragtesten und anerkanntesten deutschen Post-Hardcore-Band gemacht. Gitarrist Oliver ging das Ganze dabei leider zu schnell und er stieg aus. The Tidal Sleep werden ohne ihn weiter machen und gewiss versuchen die Messlatte, die sie sich selbst so dermaßen weit oben gesetzt haben, zu reißen. Das wird wahrlich schwer, zumal s/t ein wahrer Genuss ist. Als Serpent Hug von 0 auf 100 loskracht, dass sich die Balken biegen, weiß man bereits, dass die Platte groß werden wird. Danach gibt es sechs weitere Songs voller Emotion, Krach und Tempo, ohne jedoch auf fast postrockige Atempausen zu verzichten, die das Album erst so vielschichtig und wendungsreich machen. Großartig!
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XERXES - Our Home Is A Deathbed

3. XERXES – Our Home Is A Deathbed
2011 schwappte bekanntlich die The Wave über die Clubs, Plattenläden und Bestenlisten. Touché Amoré, La Dispute, Pianos Become The Teeth und wie sie alle heißen. Kamen diese jedoch bereits mit ihren Zweit-LPs um die Ecke, veröffentlichten XERXES 2012 ihr Debüt-Full-Length. Dabei ist der Begriff Full-Length schon weit gedehnt – in knapp 23 Minuten bringen andere einen einzigen Track unter, XERXES derer ganze elf. Fünf davon bleiben unter der 2-Minuten-Grenze, feuern dabei jedoch (vom Intro einmal abgesehen) ein ganzes Feuerwerk an Ideen ab, die in Sekundenbruchteilen irre und halsbrecherische Manöver vollziehen, dabei aber erstaunlicherweise nie in unkontrolliertes Chaos abgleiten. Am Crust oder Grindcore rutschen XERXES also zum Glück immer vorbei und haben mit Our Home Is A Deathbed eigentlich eine wunderbar eingängige Punkrock-Platte aufgenommen. Die ist natürlich nicht widerspruchsfrei und vom 3-Chords-Schema auch meilenweit entfernt. Durchaus komplex und widerborstig mit ordentlich Shouting tief aus der Kehle, spannenden Gitarrenfiguren, dabei aber kurzweilig und packend. Hardcore-Punk vom Feinsten!
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NekoNine - SummerIsYou // Bild: flutteryrecords.com

2. Neko Nine – Summer Is You
Zack! Gerade erst veröffentlicht und schon in der Jahresbestenliste. Das muss ich kurz erklären: Nun, es gibt so Alben, die packen einen gleich am Schopf, man lobt sie in den Himmel, kaum sind aber ein paar Wochen und Hördurchgänge verflogen, will man davon nichts mehr wissen. Nicht selten entpuppt sich eine Platte als Mogelpackung und lösen sich Begeisterungsstürme in Gleichgültigkeit auf. Was also sollte man mit Dezember-Veröffentlichungen machen, um diesem Dilemma zu entfliehen? Ignorieren z.B. – eine sehr einfache und bequeme Lösung. Ja, habe ich überlegt… Aber dann schleicht sich doch das schlechte Gewissen an: so eine Platte ignorieren? Statt ignorieren, also hören und hören.
So, da steht nun Summer Is You auf Platz 2 meiner Jahresbestenliste. Und ich müsste mich nach unzähligen Hördurchläufen schon grob irren, wenn es dieses Album nicht verdient hätte, beachtet und geliebt zu werden.
Summer Is You ist schlichtweg eine traumhafte Reise. Postrock wie er im Buche steht – nur besser. Melodien für die Ewigkeit mit unverkennbarem Hang zum Pop, dem Metal entlehnte Riffs, dezente Brachialität, eine teils sattelfeste, teils kauzig-originelle Rhythmik, eine elektronisch versierte, mutige und verspielte Produktion, ein wahnsinnig ausgefeilter Tiefgang in Komposition und unsagbar große Ausdrucksstärke. Neko Nine aus Jaroslavl in Russland haben hier einen Meilenstein des modernen Postrock hingelegt – eine Mogelpackung ist Summer Is You jedenfalls nicht, gewiss nicht.
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Sigur Ros - Valtari

1. Sigur Rós – Valtari
Tja, fast hätte Neko Nine Sigur Rós diesen Platz streitig gemacht. Aber eben nur fast. Den Titel „Bestes Album des Jahres 2012“ führt Valtari. Vielleicht mag das überraschen, ist Valtari in den Augen vieler Kritiker_innen hinter den Erwartungen zurückgeblieben und eher als mäßig einzustufen. Ich kann ehrlich gesagt nicht ganz verstehen, dass Valtari nun diejenigen kalt lässt, die einst Ágætis byrjun, () oder Takk… abgefeiert haben. Ja, wohl wahr: der Sigur-Rós-Sound ist nicht mehr neu, innovativ, etc. Valtari ist auch weit weniger opulent als Ágætis byrjun, weniger kontrastreich und ekstatisch als (), auch weniger melodieverleibt und poppig als Takk… und weniger experimentierfreudig als Með suð í eyrum við spilum endalaust. Mag schon sein. Dennoch ist Valtari auf ihre ganz eigene Weise eine verdammt großartige Platte und steht in der Sigur-Rós-Diskografie den anderen in punkto Qualität in nichts nach. Ja, Valtari ist im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen ruhiger, verschlossener und reduzierter. Doch ist es die überbordende Schönheit des Klangs, die fast eine Stunde lang Hörer_innen (zumindest mich) zu vereinnahmen weiß, wie es nur die wenigsten Platten schaffen. Die Instrumentierung, die Vokalisierung, die Harmonisierung und die schlichtweg überragende Produktion sind über alles erhaben, was in diesem Jahr veröffentlicht wurde. Vor einem halben Jahr habe ich Valtari eine 9/10 gegeben, würde mich nun aber nicht schämen die Wertung einen Punkt nach oben zu korrigieren. Tja, mehr gibt es eigentlich nicht mehr zu sagen, denn hier ist es – das beste Album des Jahres 2012!
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Die 10 besten Songs des Jahres:

10. Goodtime Boys – Callous

„This is a quiet house…“ Bam! Toller Gesang, tolle Riffs, fantatisches Drumming… Der Song sitzt einfach von vorne bis hinten.

9. The Twilight Sad – Another Bed

Jetzt schummeln wir mal: den Song gibt es Single schon seit 2011, aber auf Platte wurde er dann doch erst 2012 gepresst. Also das geht schon durch. Dumpfe, eintönige Drums, zerfahrene Synthies, ein flottes Bassstubsen und dieser schottische Dialekt – muss man mögen.

8. Deftones – Leathers

DER Kracher auf Deftones Koi No Yokan. 40 Sekunden fädelt das Intro ein und dann bricht der Song unvermittelt los, dass man sich glatt erschrickt und stürmt anschließend voran wie in besten White-Pony-Tagen. Herrlich.

7. Einar Stray – Arrows

Auch hier darf getrickst werden, denn den Song gibt es schon eine Weile. Im Januar 2012 aber hierzulande über Sinnbus auf Chiaroscuro erschienen, darf man ihn hier abfeiern. Wunderschöne Melodie und Streicherarrangements. Seit ein paar Wochen übrigens mein morgendlicher Weckersong.

6. Everyone Everywhere – Queen Mary II

So muss Indiepunk klingen. Wendig, frech, stimmungsvoll, abwechslungsreich und – mit Überraschungsbläsern am Schluss.

5. The Tidal Sleep – Defeated Lips 

Post-Hardcore von der ganz feinen Sorte. Treibende Rhythmusfraktion, mitreißender Gesang und eine effektvoll-voluminöse, sehr weiche Gitarre. The Tidal Sleep können eigentlich nur noch schlechter werden…

4. Snap Decision – Loch im Bug 

Der einzige deutschsprachige Song in dieser Liste, der dazu noch aus dem Bayerwald kommt. Gut, niederbayerischen Slang sucht man hier vergebens, dafür aber einen erstklassigen Song samt irre guter Melodie, einem spannungsvollen Aufbau und hervorragendem Gesang.

 3. The Unwinding Hours – Promised Land 

Craig Beatons Bekenntnis – zum Atheismus. Wunderbar in Szene gesetzt im besten Song auf Afterlives. Der Beat treibt, die Stimme haucht, die Gitarre flackert eingehüllt in sanft-dumpfe Orgeltöne.

2. Neko Nine – Let Me Explode

Was soll man da sagen? Pure Schönheit. (Das muss als Beschreibung reichen)

1. Flea – Helen Burns

Wenn der RHCP-Basser und Patti Smith gemeinsam einen Song machen, würde man vermutlich etwas ganz anderes erwarten. Jedenfalls keine sanfte, endlos traurige Klaviernummer, die sie mit Helen Burns auf wahnsinnig schöne Weise darbieten. Eine Nummer, der man tiefste Bewunderung nicht versagen kann. Der beste Song des Jahres.


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Die größte Enttäuschung des Jahres

Eindeutig: The Mars Volta. Hier hatte ich nach der langweiligen Octahedron endlich wieder eine große Platte erwartet, gekommen ist letztlich Noctourniquet. Obwohl von vielen hochgelobt, ist es ein leidlich grausiges Album. Da geht langsam aber sicher eine der innovativsten und spannendsten Bands des vergangenen Jahrzehnts ein. Nach Krachern wie De-Loused In The Comatorium, Frances The Mute, Amputechture und in Teilen auch noch The Bedlam In Goliath, geht seit ein paar Jahren irgendwie nichts mehr. Nun gut, Omar Rodríguez-López hat unzählige Solo-Platten veröffentlicht (2012 waren es zwei), von denen zumindest einige wenige einigermaßen hörenswert sind, hat sonst bei vielen Projekten mitgewirkt (Le Butcherettes, Bosnian Rainbows u.a.), bei The Mars Volta scheint der Funke allerdings erloschen zu sein. Nicht zuletzt die vermutete Entzweiung der beiden Busenfreunde Rodríguez-López und Bixler-Zavala (der mittlerweile bei Scientology rumtingeln soll) mag dazu ihren wesentlichen Teil beigetragen haben und auch sonst scheint niemand der Beteiligten so richtig Bock auf die Band zu haben. Letztlich bleibt wohl nur eins: Bye, bye Mars Volta!
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Der beste ‚Newcomer‘ des Jahres

Bands mögen es wohl nicht allzu gerne als Newcomer bezeichnet zu werden. Schließlich lastet dieser Bezeichnung etwas Unvollendetes, Kükenhaftes und irgendwie Jugendlich-Dilletantisches an. Nicht wenige, als Newcomer ausgelobte Bands sind wieder in der Versenkung verschwunden und mussten sich mit der Krux von Debütalben rumschlagen, denen die Nachfolger nicht mehr annähernd das Wasser reichen konnten. Nun, zum Glück gibt es Bands, die man guten Gewissens als Newcomer bezeichnen kann, weil die Gefahr, dass sie tatsächlich etwas schlechtes veröffentlichen, ziemlich gering ist.

Tja, und da sind wir nun beim ‚Newcomer‘ des Jahres: den Goodtime Boys. Nach ein paar veröffentlichten Songs 2010, der beachtlichen EP Are We Now, Or Have We Ever Been 2011, kam in diesem Jahr nun endlich die erste Full-Length namens What´s Left To Let Go, der einige Wochen zuvor die kleine 3-Song-EP Every Landscape vorausgeschickt wurde. What´s Left To Let Go enthält fünf alte und fünf neue Songs, die allesamt beachtlich bis hervorragend sind. Der Vertrag mit Bridge 9 kam da gerade recht, wodurch nun auch gesichert sein sollte, dass der feine, moderne Post-Hardcore der Goodtime Boys sich über das Jahr 2012 hinaus vom Newcomer-Status freischwimmen könnte. Der Newcomer-Krux jedenfalls können sie damit eine Schippe schlagen und im kommenden Jahr neues eindrucksvolles Liedmaterial rausbringen.
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Die größten Überraschungen des Jahres

Das Jahr 2012 war auch das Jahr der großen Reunions: Refused, At The Drive-In, … – Bands, denen man es irgendwie nicht mehr zugetraut hätte, miteinander ein paar Takte zu schlagen. Nun, dabei ist es auch irgendwie geblieben, denn Songs und Instrumente wurden nur mal eben zur Festivalsaison aus dem Keller geholt und das war´s dann auch schon wieder. Neues Material? Fehlanzeige. Naja, immerhin dürfte die Kontostände ein bisschen nach oben ausgerissen sein. Überraschend waren die Reunions allemal, geblieben ist nicht wirklich viel.

Eine ganz andere und vielversprechende Reunion-Strategie verfolgte Nagel. Denn eigentlich ist das, was er macht, ja gar keine Reunion und das ist das gute an der Strategie. Eine Band, die stilecht seinen eigenen Namen trägt hat er sich aus 2/4 Muff Potter und 2/5 Trip Fontaine zusammengezimmert und ohne Veröffentlichung erst einmal zwei kleine Touren abgespielt mit – und das gehört zu der guten Strategie – neuem Songmaterial. Uninspirierte Leute könnten jetzt einfach sagen: mei, ist halt eine Bandneugründung, inspirierte Leute hingegen sagen: nein, das ist eine Reunion, die ganz anderen Regeln folgt. Eine Reunion von Nagel mit sich selbst als Bühnenmusiker. Wenn das mal nicht groß und im nächsten Jahr eine Hammerplatte wert ist, dann weiß ich auch nicht.

Zwei Tage : Ohne Schnupftabak

Zwei Tage:Ohne Schnupftabak

Extrablatt! Könnte man zumindest angesichts dieser heutigen Fundgrube durch das Netz brüllen. Immerhin wollen wir heute hauptsächlich von zwei Konzerten einer Band berichten, die sich zumindest im Raum Regensburg schon so etwas wie Kultstatus erspielt hat. Nicht zu unrecht, erinnern die cleveren Songs von Zwei Tage : Ohne Schnupftabak mit ihren zahlreichen Ecken, Kanten und unvorhersehbaren Hakenschlägen zwischendrin immer wieder mal wohlig an Bands wie zum Beispiel Turbostaat. Was sie in der Zwischenzeit bis ins Vorprogramm von Slime gebracht.

Was allerdings viel wichtiger ist: Zwei Tage : Ohne Schnupftabak sind offensichtlich in der Stimmung, kurz vor Weihnachten noch für zwei ordentliche Abende voll guter musikalischer Unterhaltung zu sorgen. Und schenken so quasi zwei Weihnachtskonzerte zum Fest. Die erste Show wird es am 20. Dezember im Regensburg JUZ Königswiesen geben, die zweite Tags drauf im Passauer Zakk, wobei die Show in Passau voraussichtlich eines der letzten Konzerte im Zakk für eigentlich immer sein wird. Aber wenigstens gibt es vor der Zwangsräumung noch mal einige Abende voller Krach und Spaß. Mit von der Partie sind im Übrigen Tapete, Crying Wolf (Regensburg), A Great Volcano und Noise And Resistance (Passau). Fragen anfahrtstechnischer, musikalischer oder sonstiger Natur beantwortet die Band übrigens selbst, auf ihrer Homepage.

(Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes behaupteten wir fälschlicherweise, dass diese Show die letzte im Zakk Passau wäre. Wir wurden vom Zakk darauf hingewiesen, dass das so nicht stimmt. Danke und sorry.)

NAGEL + Supermutant | 12.12.12 | Hansa 39 München

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Freigespielt

Es ist Mittwoch Abend samt magischem Datum, das Wetter ist von derjenigen Sorte, die trotz aller Kleidung noch durch die kleinsten Lücken dringt und Kälte und Feuchtigkeit mit sich bringt. Ein guter Grund also, um sich im heimischen Zimmer auf gute Platten und ein klischeehaftes Glas Rotwein zu verkrümeln? Von wegen. Schließlich war an besagtem Mittwoch eine der spannendsten Konstellationen auf einer Bühne zu sehen, die aktuell durch die Musiklandschaft geistert. Gemeint sind zunächst Supermutant, die erst am Freitag ihr Debut FRVR veröffentlichten und dafür von fast allen Seiten mit Lob überschüttet wurden. Und doch: Im Zentrum des Abends dürfte zweifelsohne NAGEL stehen, die neue Band des einstmaligen Sängers und Gitarristen von Muff Potter, in der zugleich auch Muff Potters Shredder und Teile der leider ebenfalls (vorerst) aufgelösten Trip Fontaine eine neue Heimat gefunden haben. Doch der Reihe nach.

Vor gefühlten achtzig ZuschauerInnen im nicht wirklich vollen und nicht wirklich warmen Hansa 39 ist es erst einmal Supermutant vorbehalten gegen die lähmende Kälte anzuspielen und die Leute aufzuwärmen. Und auch wenn der Sänger seinen Parka nur widerwillig ablegt und zwischen den ersten Songs immer wieder schniefend und einen halben Liter heißen Tee schlürfend über das Wetter herzieht: Es gelingt. Nicht nur, weil die noch junge Band ihre Songs erstaunlich präzise und druckvoll auf die Bühne bringt, sondern vor allem auch, weil sich Supermutant auf Bühne wie Platte potentiellen Genreschubladen und Referenzen geschickt entziehen, weil sie ihre HörerInnen mit ihrer ganz eigenen Interpretation von gefühligem Indie und räudigem Punk schlichtweg dazu zwingen, sich mit ihnen und ihren Songs auseinanderzusetzen. Und nicht zuletzt auch, weil ihre dargebotenen Songs, angetrieben von hervorragender Schlagzeugarbeit blitzsauber auf Kante genäht sind, mit Leben und Dringlichkeit gefüllt den Raum erwärmen und das Publikum durchaus ein Stück weit mitnehmen. Auch angenehm: Das Publikum, ein Thema, das in München durchaus nicht immer einfach ist, honoriert den gelungenen Auftritt. Nach dem der Band selber auch nicht mehr kalt gewesen sein dürfte.

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Dann, nach einer vernachlässigbar kurzen Umbaupause, betritt eine Band die Bühne, die in dieser Zusammenstellung bisher stolze elf mal aufgetreten ist, noch nichts veröffentlicht hat und jetzt trotzdem am besten auf unterhaltsame Weise durch den weiteren Abend führen soll. Und die aufgrund ihrer diversen Vergangenheiten mit einigen Erwartungshaltungen vorbelastet ist. Das meint natürlich allen voran Sänger, Texter, Gitarrist und Namensgeber Nagel, der bis auf den Tag genau vor drei Jahren über 16 Jahre hinweg Stimme von Muff Potter war und den man sich trotz diverser Soloausflüge bislang nur schwerlich außerhalb dieses Kontextes vorstellen konnte. Umso schöner, dass die Band keine Minute braucht um irgendwelche Schatten der Vergangenheit genau dort hin zu schicken, wo sie hin gehören: In die Vergangenheit. Nagel wirkt mitsamt der ganzen Band durch und durch gelöst, verschmitzte Seitenblicke fliegen reihenweise über die Bühne, der Dialog mit dem Publikum wird immer wieder gesucht, oder ergibt sich viel mehr von selber. Schließlich ist dies der falsche Abend für bemühte Schmeicheleien an die Menschen vor der Bühne. Dafür kauft man Nagel sein Verhalten auf der Bühne, seine Plauder-und Frotzeleien mit den ZuschauerInnen viel zu sehr ab. Erwähnenswert ist zudem, dass NAGEL ohne eine einzige Veröffentlichung es scheinbar mühelos schaffen eine Headline-Show zu füllen.

Und, bevor wir es vergessen, wie steht es nun um den musikalischen Gehalt von NAGEL? Nun, durchaus bestens. Den Punk hat er, abgesehen von ein paar halsbrecherischeren Parts, weitgehend abgestreift und Platz geschaffen, für neue Ideen. Diese neuen Ideen bestehen dabei beileibe nicht lediglich aus fluffigem Gitarrenpop mit Tastenunterstützung: Nagels neue Songs sind in viele Richtungen offen, probieren sich in Trip Fontainschen Synthieeskapaden, sind sich nicht für kratzbürstige Spoken-Word-Passagen oder gar Romanvertonungen zu schade, hauen bei Bedarf ohne falsche Zurückhaltung auf den Putz und legen sich doch immer wieder gerne in ausladende Melodien. So variabel und letzten Endes auch unberechenbar hat man Nagel bislang nicht gehört. Textlich brilliert er wie eh und je, was zum Nachdenken wie Schmunzeln gleichermaßen einlädt. Denn stets zeigt er sich als aufmerksamer Beobachter seiner Zeit – und wenn man so will: Kneipenphilosoph-, der um die eine und andere Schippe Nonsens nicht verlegen ist. Seine aufgekratzte Stimme weiß das vortrefflich in Gesangslinien zu packen. Dass im Hintergrund eine fast komplett neue Mannschaft werkelt, tut dem allen keinen Abbruch. Im Gegenteil, der neue Mann an den Tasten und die Fraktion für die genialen Momente und scharfkantigen Ecken aus dem Hause Trip Fontaine schaffen es, die Stücke noch zu veredeln.

Auch wenn es weh tut: Nach Muff Potter kräht an diesem Abend kaum noch ein Hahn. Höchstens für einen Moment, als Nagel erwähnt, dass seine alte Band vor exakt drei Jahren ihr letztes Konzert gespielt hat. „Aber das ist Vergangenheit.“ Und die ist abgestreift, abgelöst von etwas Neuem und vor allem Spannendem. Was auch immer da noch kommen mag: Her damit!

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(Martin Smeets, Martin Oswald)

Leitkegel

Leitkegel - Raketenwissenschaft // Bild: prettyinnoise.de

Heute ist mal wieder Rätseltag: Also, wer weiß, was ein Leitkegel eigentlich sein soll? Richtig, Leitkegel, das sind die lustigen rot-weißen Dinger, die mit Vorliebe auf Baustellen verwendet werden. Landläufig übrigens auch als Baustellenpoller bezeichnet. Leitkegel, das ist hier in der fett geschriebenen Variante allerdings auch eine Band, verwurzelt im Ruhrgebiet. Außerdem ist das hier auch eine der Bands, die man – sofern man denn nur an der Oberfläche kratzt – unbesehen links liegen lassen könnte. Die erste EP trägt den unsäglichen Namen LTKGL (und jetzt mal im Ernst: Wenn wir den Menschen, der für diesen höchst lächerlichen Entvokalisierungswahnsinn verantwortlich ist, in die Finger bekommen…), die Band selber trägt – und in diesem Punkt hat der Waschzettel durchaus recht – den wohl schlimmsten Namen aller Gezeiten, die Songs kommen mit ungelenken Titeln wie Und ich esse auch morgens keinen Apfel daher und lassen so ein fürchterliches Ausmaß an Verkopftheit vermuten. Aber hey, an der Oberfläche ist ja zunächst vieles nicht eben einladend.

Und außerdem man hat ja gerade in diesem Jahr gelernt, dass gerade unbekanntere hiesige Bands einen etwas komischen Gestus nach außen zu pflegen wissen. Und hört also doch gespannt rein, in Raketenwissenschaft, das erste kleine Album der Band. Fünf Stücke gibt es da, eingeleitet und verabschiedet von grob verzerrten Kirchenglocken zu hören. Fünf Stücke, die dann doch durchaus überraschen. Schließlich bietet der eigentliche Opener Und ich esse auch morgens keinen Apfel statt krampfigem Gehabe erstmal eine nervöse Gitarre, die sich, flankiert von ein paar mächtigen Drumanschlägen den Weg hinein sucht, in über sieben Minuten treibenden Post-Hardcore, der seinen Ursprung eindeutig im Bauch hat, aber trotzdem clever strukturiert wirkt. Das geht wild durcheinander, bricht ab, nimmt wieder Fahrt auf. Und auch wenn dieses Niveau im Folgenden nicht durchgehend gehalten wird, wenn bis zum kompromisslosen Bauwagenplatzromantik  Manches stellenweise eher nach – nun ja – Baustelle klingt, macht dieses Minialbum durchaus Spaß. Zumal das abschließende  wahrhaft großartig ist. Und das Beste daran: Wer seine HörerInnen mit einer solchen Ansage von Song aus einer Platte verabschiedet, ist noch lange nicht fertig mit den tollkühnen Manövern im Spannungsfeld zwischen Punk, Indie und ganz viel Post-Alles. Das lässt doch mal hoffen.

Leitkegel – Raketenwissenschaft | Digital: Pinmusik | Physisch: Eigenvertrieb

Baton Rouge

Baton Rouge // Bild: batonrougeband.bandcamp.com

Das Jahr 2012 war ja nicht lediglich ein Musikjahr, das sich nicht unbedingt verstecken muss, nein, dieses Jahr markiert in gewisser Weise auch den Zeitpunkt, zu welchem sich der gute, alte, zerschundene Emo aus seinem von unzähligen schwachbrüstigen Epigonen großer Bands geschaufelten Grabe erhebt. Zu neuen Kräften findet. Denn plötzlich standen sie da, die guten bis grandiosen Bands, die dem Emo wahlweise direkt fröhnten, oder zumindest eine deutliche Schlagseite in seinem Sinne in ihren Songs erkennen ließen. Rika zum Beispiel, oder Hidden By The Grapes, die den Spirit direkt in den 90ern aufgesammelt haben und in direkt ins Jetzt übertragen haben. Oder Sed Non Satiata, die in ihren kleinen Epen stets den emotionalen Ausbruch zu pflegen wissen. Oder eben Baton Rouge, die nicht erst seit gestern besagtes Genre nehmen, um es ein mal kreuz und quer durch den hauseigenen Stilmixer zu jagen, aufzukratzen und mit einer ordentlichen Portion Dreck und Spucke wiederzugeben.

Dabei rum kommt ein durchwegs beachtlicher Emo-Punk von einer Band, die sich recht wenig darum schert, was nun von ihr zu erwarten sein könnte, oder in welche Schubladen sie passt. So passiert es eben auch ein mal, dass ein 14 Minuten langes Stück einfach größtenteils voll von hinterlistigen Feedbackschleifen, schwer verdaulich ist. Haltung nennt man das. Hut ab. Zumal die leichter zugänglichen Stücke mit derart viel Witz, Verve und Charme dargeboten werden, dass man sich unweigerlich dabei erwischt, im Takt auf der Tischplatte herumzutrommeln.

Ana Never – Small Years

Ana Never - Small-Years
Die Methode Widerspruch

Das Schöne und das Abstoßende, Widersacher, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im fortlaufenden Konflikt, seit jeher. Und doch vermögen es von Zeit zu Zeit so manche, diese scheinbare Agonie aufzulösen, abzuwandeln in ihre Spielarten, ins Fragile und Grobschlächtige, ins Leise und Laute, ins Sanfte und Brutale. Kunstvoll miteinander verwoben zu einem Ganzen, in dem das Eine ohne das Andere verloren wäre, ziellos zerfranst und vergessen werden würde. So viele haben es schon versucht, haben monolithische Gitarrenwände und zerbrechlichen Melodieseufzer sich umgarnen lassen. Nicht wenige sind daran gescheitert, sind untergegangen in der großen Masse, die sich Postrock schimpft, wohingegen andere brillieren konnten. Ana Never, so viel sei jetzt schon gerne verraten, werden Letzteres tun. Wie schon die erst kürzlich vorgestellten Neko Nine hat der Fünfer aus Serbien seine ganz eigene Vorstellung vom Postrock, hat sich aus der schier uferlosen Bandbreite seine ganze eigene Interpretation und Spielart herausgearbeitet.

Das meint konkret: Ana Never suchen ihr Glück im Epischen. Und finden es. Kaum weniger als achtzig Minuten Spielzeit braucht Small Years, um sich in all seinem Facettenreichtum zu entfalten. Achtzig Minuten, die in lediglich vier Songs unterteilt werden. Songs, denen ihre Bezeichnung kaum gerecht zu werden vermag, handelt es sich bei den kleinen und großen Werkstücken von Ana Never doch viel mehr um teils unüberschaubare Spiel- und Projektionsflächen voll ungeahnter Bild- und Suggestionskraft. So wabert dann auch das 26-minütige Eröffnungsstück Future Wife sanft und zurückhaltend heran, schmiegt gefühlvolle Ambient-Soundscapes und Streicher aneinander, malt erst nach knapp fünf Minuten die ersten Gitarrentupfer in die Klanglandschaft. Die wiederum entsprechend tönt – friedlich, zerbrechlich, beinahe unberührt. Und doch untermalt von einer latenten Spannung, ob der (bangen) Erwartung des Moments, in dem das Stück kippen könnte. Eine Spannung, die noch verstärkt wird, von einer verzerrten Drohkulisse am Horizont und die am Ende doch ins Leere läuft. Zwar bauen Ana Never ihren Opener im Mittelteil ganz behutsam schichtenweise auf, lassen ihn größer und kräftiger erscheinen, vermeiden es aber tunlichst, die friedvolle Atmosphäre zu stören oder gar zu zerstören. Und sie tun gut daran.

Die Aufgabe, erste Risse ins die bis hier hin gezeichnete, unschuldig wirkende Atmosphäre zu reißen bleibt schließlich Half Way überlassen, das in seiner auffallenden Kompaktheit auch als – und das ist keinesfalls despektierlich gemeint – Wurmfortsatz des Openers angesehen werden könnte. Dann werden die Farben düsterer, wird das Raunen im Hintergrund und mit ihm die gesamte, von Verfremdung überlagerte Geräuschkulisse schwerer, bedrohlicher, ja richtiggehend bedrückend. Ganz ohne mit der geschliffenen Gitarrenaxt zu arbeiten wiegen sich hier die alarmierten Nackenhaare im Wind, kippt die Stimmung ins Besorgte. Und doch: Auch an dieser Stelle machen Ana Never nicht den Fehler, das Offensichtliche zu tun, die Stellschrauben der Beklemmung weiter anzuziehen und sich so in eine Gasse zu manövrieren, aus der sie schwerlich wieder heraus kommen würden. Stattdessen setzen sie mit Gorgeous One – das seinen Titel mehr als verdient hat – den nächsten Kontrapunkt. Wie weg gewischt erscheint nun die noch eben allgegenwärtige Klaustrophobie, mit Leichtigkeit durchbrochen von warmherzigen Streichern und verspielten Gitarren, ersetzt ein Klanggebilde, das nicht weniger, als einfach nur Schönheit und die Freude an selbiger darbietet. Das sich an sich selbst ergözt und aufschaukelt, durch sich selbst zu ungeahnter Größe findet und sich zum Ende langsam, auf leisen Sohlen nach Hause bringt. Um den Raum frei zu geben, für das, was in den verbleibenden 28 Minuten noch folgen mag.

Nämlich für To Live For und damit, nachdem der Gegensatz im Mittelteil von Small Years bereits angekündigt wurde, für das große Finale, für den Showdown zwischen Anfang und Ende der Platte. Und so letztlich für den exakten Gegenentwurf zum Opener. Keine zwei Minuten braucht das Schlussstück, um die Sense anzusetzen, am vormals dargebotenen Hang zum Schönen, um ein ganzes Album mit sich selbst überrumpelndem Schlagzeug, unvermittelten Gitarrenattacken und fiesen Feedbacks auseinander zu nehmen, in all seine Einzelteile. Die neu zusammen gesetzt werden, zu einem unbarmherzigen, rabiaten Stück gekonnten Krachs, das selbst in den Minuten, in denen es sich zurück nimmt, sich sammelt weiterhin ein Gefühl der Furcht evoziert. Furcht vor dem neuerlichen Ausbruch. Der dann auch unweigerlich kommt. Und der zu allem Überfluss das Tempo zum Ende hin gnadenlos anzieht, alles gibt und in die Waagschale wirft, im ewigen Widerstreit, irgendwo zwischen den schon skizzierten Polen.

Dann ist es vorbei, haben vier Songs ihre HörerInnen in die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Gegenden mitgenommen, hin- und her geworfen zwischen den Extremen. Und schlussendlich ist man auch geschafft von dem, was Ana Never in den voraus gegangenen 80 Minuten zelebriert haben. Small Years. Ein Album mit Konzept, ein Album, dass es vermag, das Grundprinzip eines kompletten Genres zu spiegeln, das ausschweift, übertreibt, sich selbst methodisch widerspricht. Und gerade deshalb ein seltenes Etikett verdient: Essentiell.

9/10

Anspieltipps: Future Wife, To Live For

(Martin Smeets)

Ana Never – Small Years | Fluttery Records | VÖ: 02.11.2012 | CD/Digital

Green Day – ¡Tré!

Green-Day - ¡Tré! // Bild: loudwire.comKlappe zu!

Wir wollen uns nicht lange mit Vorgeplänkel aufhalten: Also ja, Green Day haben es getan, haben 37 Songs auf drei Alben verteilt und diese innerhalb von schlappen 78 Tagen unter die Leute gebracht. Haben dabei mit Teil 1 gar beachtlich angefangen, im zweiten Teil etwas die Spur verloren. Jetzt also der dritte Streich. Und der ist, bei allem Respekt, einfach nur redundant.

Der Spielwitz, die augenzwinkernde Haltung von ¡Uno! sind irgendwie auf dem Weg dieser Trilogie verschütt gegangen, wurden eingetauscht, gegen harmloseste Akkordfölgchen aus dem Billie-Joe-Armstrong-Songbaukasten, gegen Ideen, die der Mann anno 1990 eigentlich auch schon hatte – nur in besser. Dabei fängt die ganze Chose mit Brutal Love noch ganz ordentlich an. Eine angecrunchte Strat schunkelt sich des Weges, gefolgt von ein paar dezenten Uh-uhs im Hintergrund und – hört, hört! – windschiefen Bläsern. Könnte sich als Aufwärmübung sehen lassen. Nur geht das dann leider knapp drei Minuten so, ehe den Drei schon zum Start die Ideen ausgehen und sie das Stück mit handelsüblichen Powerchords zu einer – mit Verlaub – strunzlangweiligen Powerballade mit Überlänge verhunzen. Vielen Dank auch. Da scheint es beinahe tröstlich, dass die folgenden drei Songs sich darauf beschränken, unbemerkt in aller Belanglosigkeit vorbeizuziehen. Ohne zu verärgern. Im Gegenteil, Drama Queen kann – trotz Melodie von der Stange – mit seiner völlig unproduzierten Akustischen sogar Punkte sammeln. Und rollt den Teppich aus, für X-Kid, das unbestrittene Highlight dieser Platte. Leider auch das Einzige. Plötzlich hat das Schaffen der drei Herren wieder Verve, zieht Armstrong wieder eine dieser simplen, aber unwiderstehlichen Melodien aus dem Hut. Da kommt ein mal das zusammen, was zusammen gehört, was diese Band seit so langer Zeit immer irgendwie oben mit schwimmen lässt. Ein Song, der ungemein Spaß macht. Und gleichzeitig schmerzlich aufzeigt, was möglich gewesen wäre, hätte sich die Band nicht mit dem hehren Unterfangen eines Dreifachalbums verhoben. Der Rest von ¡Tré! nämlich pendelt zwischen gepflegter Langeweile (Sex,Drugs&Violence, Little Boy Named Train), kurzem Aufhorchen (Dirty Rotten Bastards) und maßloser Peinlichkeit – oder möchte wirklich irgendjemand, wie in The Forgotten geschehen, Armstrong über weinerliche Klavierakkorde und völlig verkitschte Streicher greinen hören? Nein? Eben.

Was bleibt nun übrig, von diesem letztendlich mit Schmackes in den Sand gesetzten Dreierpack? Nun, erstmal der Respekt davor, es überhaupt versucht zu haben. Und direkt danach der Ärger über selbige Tatsache. Hätte doch irgendjemand den drei Spinnern Einhalt geboten, dafür gesorgt, dass diese 37 Songs zu einem einzelnen Album zusammengestaucht werden, was hätte man jubilieren können. So aber bleibt jetzt, da der Vorhang fällt, nur eins zu sagen: Es hätte so schön sein können.

3/10

Anspieltipps: X-Kid

(Martin Smeets)

Green Day – ¡Tré! | Reprise Records | VÖ: 07.12.2012 | LP/CD/Digital etc.

No Weather Talks

No Weather Talks // Bild: http://noweathertalks.blogspot.de/Preisfrage: Was passiert eigentlich, wenn sich fünf Leute, die bislang in durchaus renommierten Bands wie Just Went BlackMatula  oder Tackleberry spielen oder spielten plötzlich aus ebenso unerfindlichen wie unerheblichen Gründen zusammenfinden und beschließen, sich am schwungvollen Punkrock zu versuchen? Nun, zunächst einmal einfach nur eine Band, die auf den Namen No Weather Talks hört und bislang eine Demo und eine 7″-Vinyl-EP auf Band gebannt hat. So weit, so simpel. Möchte man zumindest vermuten.

Wären da nicht ein paar Feinheiten, die den Fünfer aus Hamburg auf das Angenehmste vom Gros der vergleichbaren Kapellen abheben. Das fängt an bei der eigentlich vernachlässigbaren Tatsache, dass hier endlich mal wieder eine Frau am Mikro vorne weg röhrt, geht über ein cleveres Gespür für das nötige Maß an (Selbst)Ironie und hört auf bei der längst überflüssigen Einsicht, dass letzten Endes alles Pop ist. So geriert sich dann auch die angesprochene EP More Passion, Less Paycheck sympathisch unaufdringlich: Vier Stücke, ganz im Geiste des Punkrock, die ohne Umwege den Weg nach draußen suchen und dabei vor allem eine beachtliche Menge an kleinen und großen Melodien – ihre musikalische Brotzeitbox, wenn man so will – mit auf den Weg bekommen haben. Garniert wird die EP zudem von einer kraftvoll- kratzigen Produktion. Und hey: Dass sich unter all dem mit Days Of War, Nights Of Not Enough dann tatsächlich noch ein kleiner Hit findet – bei nur vier Songs – muss man erst mal gebacken kriegen. Zu hören gibt es die ganze Chose im Übrigen beim Bandcamp. Und auf Tour kommen die Fünf auch:

fri 14.12.12 Bielefeld@Plan B w/The Langoliers
sat 15.12.12 Leipzig@LaLa Studios *early show ca. 16:30*
sat 15.12.12 Leipzig@Spinnerei
sun 16.12.12 Münster@Baracke w/Port Rois *matinee show*
fri 11.01.13 Köln@Aetherblissement w/Orbit The Earth
sat 12.01.13 Regensburg@Büro w/Lorraine, Brushes Held Like Hammers

Neko Nine – Summer Is You

NekoNine - SummerIsYou // Bild: flutteryrecords.com

Ohne Übertreibung

Dezember. Saure Gurken Zeit. Draußen ist es arschkalt, die Straßen sind von einem zumeist ekelhaft anzusehenden Gemisch aus altem Schnee, Ruß und Streusalz bedeckt und vor allem: Es gibt, abgesehen von ein paar leidlich wichtigen Best-Of-Sammlungen schlichtweg nichts zu hören. Ganz und gar nichts? Nun ja, fast. Schließlich gibt es ja noch Fluttery Records und mit ihnen Neko Nine aus Russland, genauer gesagt aus Yaroslavl. Ein Ort, an dem man offensichtlich viel Zeit haben muss, um sich ins heimische Studio zu verkriechen und an Songs und Soundscapes zwischen Postrock, Metal und einer latenten Prise Emo zu schrauben, die man bedenkenlos, ohne jede Übertreibung als betörend schön, verstörend hart und wundervoll berührend bezeichnen kann.

Schließlich ist  Summer Is You die Platte, die der alten Dame Postrock ganz unvermittelt die schon so oft, von so vielen Seiten geforderte Frischzellenkur verpasst. Erstaunlicherweise ohne dabei etwas großartig neu oder anders zu machen: Auch auf Summer Is You wird auf Gesang größtenteils verzichtet, gibt es fein ziselierte Gitarrenläufe im fliegenden Wechsel mit unverhohlener Brachialität. Und doch ist es der Gesamteindruck, der grundsätzliche Habitus dieser Platte, der es schafft, ein ganzes Genre mal eben locker auf links zu ziehen. Der nichts gibt, auf die erwartbaren Schemata und Konventionen und so das wunderschöne Intro Breathe In kurz vor seinem Ausbruch konsequenterweise einfach absaufen lässt. Nach gerade einmal 54 Sekunden. Nur um direkt im Anschluss Some People Are Not Like Me ohne Umschweife zur Sache kommen zu lassen. Der über Supernovas dezenten Elektrobeat genau dann die feisten Bratzgitarren herfallen lässt, als der Song genauso gut in Richtung Dubstep abgleiten hätte können. Der schließlich auch schlicht und ergreifend keine Lust zu haben scheint, die Spannungsbögen ganz Genretypisch über ellenlange Songs in aller Behutsamkeit aufzubauen, sondern bei Bedarf auch einfach mal mit einer angemessenen Portion Wucht drauf los sägt. Stücke, die mehr als fünf Minuten für sich beanspruchen? Sucht man auf Summer is You vergebens. Überflüssigen Schmuck am Nachthemd? Gibt es nicht. Was es allerdings gibt, sind prägnante Songs, die über und über mit Ideen beladen sind, dargeboten in einem bärbeißigen Soundgewand, das dem gesamten Album eine ganze Ecke mehr an Durchschlagskraft verleiht. Und so beiseite gesprochen dem Postrock im Allgemeinen meist besser zu Gesicht stünde, als der allenthalben zelebrierte Hang zum Schönklang, zur Perfektion. So kann man sich dann auch einem Song wie What Can You Feel When The Day Dies nicht verweigern, der zunächst eine düster-verschwurbelte Drohkulisse an den Horizont malt, diese in fortwährend finsteren Farben auf seine HörerInnen zukommen lässt und im Moment der hörbaren Apokalypse schließlich so beherzt und schonungslos kracht, dröhnt, scheppert, ja auseinander bricht. Nur um sich letztlich von einer Kirchenorgel betrauern zu lassen. Ein Song, geradezu stellvertretend für das gesamte Machwerk, das so sympathisch drahtig und unperfekt daherkommt, das fiept und rückkoppelt, überzogen ist von Kratzern und Narben. Und dabei so organisch und atmosphärisch daher kommt, wie es lange kein vergleichbares Stück Musik mehr vermochte. Das hat Plan, hat Substanz.

Und vor allem: Es überzeugt. Auf voller Länge. Summer Is You ist eine Platte, der man anhört, dass sich mehrere Jahre an Arbeit hinter ihr verbergen. Eine Platte, die zwischen gefühlsduseligen Streichern und unbarmherziger Distortion, zwischen düsterem Nihilismus und – Achtung, der Vergleich hat es in sich – Tom DeLonge-esquem Instrumentalfrohsinn so ziemlich jeden Spagat meistert, der von ihr gefordert wird. Ohne Übertreibung:

9/10

Anspieltipps: Some People Are Not Like Me, Summer Is You, What Can You Feel When The Day Dies, Birds Come Home

(Martin Smeets)

Neko Nine – Summer Is You | Fluttery Records | VÖ: 14.12.2012 | CD/digital